In einem Raum sitzt eine Gruppe Menschen. Beruflicher Kontext. Es wird über ein Video-Meeting gesprochen, dass wenige Tage zuvor eskaliert ist. Aus dieser Runde ist nur ein Teil anwesend. Jemand sagt, Person X sei dennoch erstaunlich ruhig geblieben. Antwort von anderer Seite: „So weit wir es am Bildschirm gesehen haben. Unterhalb hat X sich wahrscheinlich blutig gekratzt.“ Die anderen lachen. In diesem Moment denke ich nur eines:
STOPP
Als Eine, die Selbstverletzung in dieser Form praktiziert hat, bin ich entsetzt. Wie kann man darüber Witze machen? Daran ist absolut NICHTS lustig!
Nicht Wut ist der Auslöser, sondern unendlicher Seelenschmerz, Verzweiflung, Überlastung, Überforderung, negative Gefühle – ins unerträgliche gesteigert, bis nur noch ein Ventil bleibt … und der Druck unmittelbar nachlässt, die Regulation der Emotionen einsetzt. Vorübergehend. Mit dem Nebeneffekt: Der Körper gewöhnt sich rasch daran. Sehr rasch. Beim nächsten Anlass stellt sich das Verlangen nach neuerlicher Selbstverletzung ein. Ein Teufelskreislauf. Eine Sucht.
Es gibt Auswege. Dennoch … die Erinnerungen bleiben im Gedächtnis. Lange. Sehr lange. Ein makaberer Scherz wie jener eingangs erwähnte, holt die Erinnerungen aus den Tiefen zurück ins Tagesbewusstsein. Tief durchatmen. Fokussieren – aufs hier und jetzt.
Tage sind seither vergangen. Es beschäftigt mich noch immer. Warum? Weil ich es nicht lustig finde. Weil ich nicht verstehe, wie jemand darüber lachen kann. Weil es mich betroffen macht. Weil ich einen Appell an „unwissende Menschen“ richte möchte, achtsamer ihre Worte zu wählen, respektvoll zu bleiben. Weil emotionale Selbstregulation und Balance manchmal fragil sein kann wie ein Wassertropfen, der an einem seidenen Faden hängt.
Weil Selbstverletzung niemals lustig ist.
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