WELCHEN UNTERSCHIED MACHT EIN MENSCH?

Ob ich meine Gedanken teile oder nicht – was ändert das schon? Wenn interessiert’s? Das frage ich mich seit Wochen, seit Monaten. Meine Antworten darauf sind wenig aufbauend.

Wozu, frage ich mich, wozu arbeite ich seit Jahren an mir, mit dieser Welt besser zurecht zu kommen, wenn die Welt – oder präzise: die Menschen – sich nicht verändern. Was bringt es, zu lernen, Ignoranz besser auszuhalten? Die Feinfühligkeit bleibt. Es frisst eine Menge Energie, all das auszugleichen, was andere als „normal“ definieren, was sich für mich aber extrem schmerzhaft anfühlt. Je mehr ich mich der Welt – und den Menschen – öffne, desto mehr habe ich den Eindruck, die denken sich, „die hat für alles Verständnis, da müssen wir keine Rücksicht nehmen, die kann damit“. Und wenn ich dann was sage, heißt es „naja, das ist halt deine Krankheit“ oder „sei nicht so empfindlich“. Ehrlich, ich bin von den Menschen da draußen echt angepisst.

… ungefähr diese Worte sprudelten vor einigen Tagen aus mir heraus, als ich auf einen Bekannten traf, von dem ich weiß, dass er auch einiges hinter sich hat. Ein Mensch, der an sich gearbeitet hat, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ein Mensch, der versteht. Das tat dieser Mensch auch – und setzte aus dem Nichts heraus eine Intervention (absichtlich oder nicht), die meine Stimmung an diesem Tag um 180 Grad gedreht hat. An die genauen Worte kann ich mich nicht erinnern, aber an die Botschaft: „Übernimm die Verantwortung (für dich), du weißt, wie’s geht“. Eine kleine Kopfwäsche (innen drin). Normalerweise bin ich es, die solche Interventionen setzt, aber an diesem Tag war es mal andersrum. Ein Beweis dafür, dass Wissen und Kompetenz nicht vor Irrwegen geschützt. Mehr noch, ein Beweis dafür, dass EIN MENSCH einen Unterschied machen kann … zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit wenigen Worten. Und es sollte noch mehr folgen.

Am Abend des selben Tages, in einer ganz anderen Umgebung, andere Menschen, Musik war mit dabei. Ein Song erklang, ein anderer Mensch erwähnte, dass dieser Song eine Abweichung der üblichen Playlists war – extra für mich. Bereits die ersten Takte sprengten in mir die massive Kette, die ich um eine schwere Kiste gelegt hatte – unmittelbar und unvorbereitet wurde ich mit dem konfrontiert, was ich weggesperrt hatte: Schmerz, Enttäuschung, Wut, Trauer … zwei gescheiterte Kurzzeitbeziehungen. Zweimal öffnete ich mein Herz. Zweimal wurde ich verletzt. Einmal wurde ich zu einer Mischung aus „die löst für mich die Probleme, denen ich mich nicht stellen will“ und einer Zielscheibe im Sinne von „da kann ich meine unterdrückten Aggressionen ausleben, die versteht das und hält das aus“. Das andere Mal füllte ich wohl die Lücke der Einsamkeit nach einer Trennung, wurde aber von jetzt auf gleich zur zweiten Wahl, als sich die Gelegenheit bot, Vergangenes (war es das tatsächlich) wieder zu reaktivieren, und abserviert. Im Kopf hatte ich beides längst analysiert und verarbeitet, aber den damit verbundenen Gefühlen wollte (und konnte) ich mich (noch) nicht stellen. Deshalb ab damit in eine massive Kiste, versenkt in den Untiefen meines Unterbewusstseins. Verdrängung pur. Fokus auf anderes. Fokus auf Job. Ablenkung.

Der Haken an unterdrückten Emotionen: sie tauchen irgendwann wieder auf – meistens dann, wenn man nicht damit rechnet. In meinem Fall holte ein Song sie ans Tageslicht. Nachdem ich an diesem Tag bereits einen Schubs vom Leben bekommen hatte in Richtung „übernimm die Verantwortung“, saß ich nun da, erzählte einem anderen Menschen, was gerade in mir abging, und erhielt einen interessanten Rat: „Schreib ein Buch, um das zu verarbeiten.“ Nun ja, Schreiben hilft mir beim Verarbeiten, aber gleich ein Buch? Nein, ich denke, fürs Erste, genügen diese Zeilen. Vielleicht braucht es irgendwann einmal mehr, um jenem Wunsch Ausdruck zu verleihen, der Welt meine Wut entgegenzuschleudern über die des „Benutzt-werdens“.

Ja, ich bin wütend. Ich bin so wütend, dass ich mich am liebsten mit einem Flammenkranz umhüllen möchte, der all jene das Weite suchen lässt, die glauben, mich für ihre Zwecke oder Bedürfnisse benutzen zu können. Ich brauche diese Wut. Mein liebendes Herz sucht Schutz hinter dieser Wut. Ich habe eine Menge Gründe, um wütend zu sein. Wut ist in Ordnung. Sie gehört zum Leben dazu. Mein Denken kann alles analysieren, reframen, Sinn darin finden … doch am Ende des Tages bin auch ich nur ein fühlendes Wesen – und meine Gefühle folgen ihrer eigenen Dynamik. Dem Schmerz der Enttäuschung auszuweichen, verzögert nur die Heilung. Die Wunden wurden gerissen. Wut kann die Wunde ausbrennen, sie quasi desinfizieren, reinigen, damit sie abheilen kann. Unterdrückte Wut wird zur eitrigen Verbitterung, die jegliche Heilung verhindert.

Verständnis hin oder her – mein Herz wurde verletzt, mein Vertrauen enttäuscht und ich bin wütend.

Es war nicht meine erste gescheiterte Beziehung, aber zum ersten Mal erlaube ich mir selbst, die damit verbundenen Emotionen zu fühlen. Bildlich gesprochen ziehe ich mich in die Welt meines beschützenden Drachen zurück, aber wer mich kennt, weiß, dass in mir auch ein Phönix schlummert, der stets einen Weg findet, die Wut des Drachen in etwas anderes, meist liebevolles zu verwandeln. Alles eine Frage des Timings.

Welchen Unterschied macht ein Mensch?

Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, können es wenigen Worte oder ein Song sein, können Prozesse in Bewegung gesetzt werden, kann der Kurs eines Lebens sich verändern.

Ein Mensch kann den Unterschied ausmachen – deshalb teile ich hier meine Gedanken. Vielleicht machen sie irgendwann für einen anderen Menschen den Unterschied.

Bild: pixabay.com

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