GOOD VIBES, BAD VIBES

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Søren Kierkegaard (1813–1855)

In genau so einer „Rückwärts-verstehenden“-Phase befinde ich mich gerade. Man könnte auch Selbstreflexion dazu sagen.

Am Anfang stand eine Selbstbeobachtung. Kaum in den Zug eingestiegen, begann ich damit, Menschen zu „taxieren“, sie Problemkategorien zuzuordnen, sie als potenzielle Störfaktoren einzustufen. Echt jetzt? Das hatte ich doch vor unendlich langer Zeit abgelegt. Menschen sind wie sie sind. Punkt. Ich schwinge in meiner eigenen Frequenz.

Tu ich das wirklich?

Offenbar nicht (mehr). Mein Fokus richtete sich zunehmend auf Unangenehmes, Nerviges, Störendes.

Warum?

Energie folgt der Aufmerksamkeit. Warum hole ich in mein Leben, was ich dort gar nicht haben will?

Nebeneffekt meiner mentalen Fokussierung auf Belastendes: mein gesamter Körper „schreit“. Die Muskeln sind verspannt, Nervenbahnen stehen sprichwörtlich unter Strom oder sind eingeklemmt. Alles schmerzt. Ein vertrauter Zustand, den ich hinter mir gelassen zu haben glaubte. Was warf mich zurück? Oder besser: ab wann warf es mich auf das alte Gleis zurück?

Es begann, als ich mich in ein Umfeld begab, das ich von Beginn an als unangenehm und schwierig wahrnahm. Alte Erinnerungen wurden getriggert. Genau so hatte es sich in meine Kindheit angefühlt: schwer, belastet, leidend, angstvoll, unterdrückend, wütend … Eine Schwingung, die sich wie ein bleierner Mantel um mich gelegt und mich ins Alte zurückgezogen hat. Very bad vibes.

Apropos Vibes: verschiedene Modelle wie z.B. die „Vibrational Frequency Chart“ oder „Skala des Bewusstseins“ nach David Hawkins veranschaulichen die unterschiedlichen Schwingungsfrequenzen, die Emotionen in uns auslösen können. Vereinfacht gesagt: Liebe, Freude & Co = good vibes (eh klar), verleiht Flügel. Angst, Schuld, Wut, Schmerz, Opferrolle & Co = belastend (no ned nana), zieht runter. Alles nicht wirklich neu, ABER was mich überrascht hat, ist die Erkenntnis, wie stark das Umfeld auf mich noch immer Einfluss ausübt. Nicht auf mein Denken, das bleibt (zumindest in bewussten Phasen) auf Kurs, aber auf mein Fühlen, das sich nicht so leicht kontrollieren lässt wie mein Denken. Emotionen (und deren Schwingung) durchdringen mich, bringen in mir zum Klingen, was da ist – dazu gehört auch das, was vor langer Zeit aktiver Teil meines Lebens war, nunmehr verblassende Erinnerung ist, dennoch nie vollständig gelöscht werden kann. Genau deshalb wurde es wohl auch reaktiviert.

Fluch und Segen der Empathischen: ich spüre, was vielleicht nicht gesagt oder gezeigt wird. Nicht ohne Grund bezeichne ich mich des Öfteren als „emotionale Stimmgabel“. Einzelne „Störsender“ kann ich ausgleichen, doch irgendwann kippt meine Schwingung. Eine Erkenntnis. Ein Lernfeld, künftig mehr darauf zu achten, in welchem Ausmaß ich mich Umwelten aussetze, ich für mich ein hohes „Rückfallrisiko“ bergen. Bislang hatte ich dem nicht besonders viel Beachtung geschenkt. Mir ging’s gut – was auch mit dem Umfeld zu tun hat, das ich für mich kreiert hatte, mit ganz vielen good vibes für mich. Nun offenbart sich die andere Seite der Medaille: ich bin keine Insel, ich existiere in Austausch (auch in Bezug auf Schwingungen) mit meinem Umfeld.

Für mich beweist diese Erfahrung die „Theorie“, dass ein unterstützendes Umfeld viel zur emotionalen Stabilität von Borderlinern beitragen kann. Bad vibes werfen dich auf die emotionale Achterbahn, good vibes halten dich in der Umarmung des Lebens. Eigentlich logisch und simpel, aber eben nicht ganz einfach im Alltag – oder in einem Universum, in dem alles schwingt.

Bild: pixabay.com

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