BEZIEHUNG EINMAL ANDERS

So lange ich zurückdenken kann, waren die Beziehungen in meinem engsten Umfeld von Spannungen, Konflikten, Verlustangst und fehlender Wertschätzung geprägt. Selbiges setzte sich später in meinen intimen Beziehungen fort. Beziehungsstress war normal – so normal, dass ich es nicht mehr hinterfragte. Auch wenn es enorm anstrengend und nervenaufreibend war, es war normal.

Bis ich eines Tages – vor gar nicht allzu langer Zeit – etwas losließ und auf einem Berg ablegte. Einen Stein (physisch), in den ich (metaphysisch) all die alten Denkmuster und Energien übertragen hatte. Plötzlich wurde alles anders. Klingt nach einem Märchen in der Art von Aschenputtel, ist aber real geschehen, jenseits von „heile Welt-Klischees“. Und es bringt einiges an Arbeit mit sich.

Wenn die gewohnte Normalität nicht mehr der Realität entspricht, gibt’s was zu tun.

Umdenken. Umlernen. Neu ausrichten.

Wenn ein halbes Jahrhundert lang (An)Spannung dominiert hat, fühlt sich Harmonie ziemlich fremdartig an, um nicht zu sagen irritierend. Da kommen schon mal Zweifel im Sinne von „ist das wirklich Zuneigung?“ – so ganz ohne … ohne was eigentlich? Ohne Stress, ohne Konflikt, ohne Manipulation, ohne Angst.

Ja, es ist Zuneigung – wie sie tatsächlich sein sollte. Liebevoll, ohne all dem schmerzhaften.

Eine neue Erfahrung. Eine, in der es darum geht, den Ausstieg von der emotionalen Achterbahn nun auf die nächste Ebene – sprich: in die Zweisamkeit – zu bringen. Gelassen zu bleiben, wenn der andere mit seinen eigenen Themen beschäftigt ist. Unterstützen, aber nicht übernehmen. Begleiten, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Nähe neu zu definieren, als einen Hafen der Geborgenheit.

Vieles auf meinem Weg konnte ich allein lösen und verändern, aber für eine Neuausrichtung in Bezug auf Nähe braucht es andere Menschen – mindestens einen 😉 um Beziehung anders zu leben als in der Vergangenheit. Ich komme mit mir selbst wunderbar klar, auch mit anderen (solange eine gewisse Distanz besteht). Und wenn mir jemand ganz nahekommt? Nach einigen anfänglichen Irritationen gelingt es überraschend gut. Unaufgeregt aufregend. Vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich zuvor meine Angst vor dem Alleinsein überwunden, (Ur)Vertrauen aufgebaut und gelernt habe, gut mit mir selbst auszukommen.

Meine rationale Seite sucht (wie könnte es anders sein) nach Erklärungen. Eine Online-Recherche mit der Frage „sind Borderliner beziehungsfähig“ später erkenne ich so manches aus meiner Vergangenheit in den Beschreibungen. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam „fremd“ an, als wäre ich damals eine andere gewesen (was ja in gewisser Weise auch stimmt). Einmal mehr wird mir bewusst, was Menschen, die eine Borderline-Diagnose erhalten und daraufhin online recherchieren, finden und wie das möglicherweise auf ihre Selbstwahrnehmung wirkt – und wie wichtig es ist, andere Geschichten ergänzend dazuzustellen.

Ja, es ist möglich, sich über traumatische Erfahrungen und toxische Beziehungen hinaus weiterzuentwickeln, intime Beziehungen zu führen, die von Wertschätzung und Geborgenheit geprägt sind. Es geschieht nicht von allein, nicht über Nacht, aber es ist möglich.

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UNENDLICH SCHADE

Ab und zu kommt es vor, dass Menschen mich regelrecht meiden. Ihre Handlungen signalisieren Ablehnung, in ihren ausweichenden Blicken entdecke ich Furcht. Sie fürchten mich? Warum? Vielleicht weil sie intuitiv spüren, dass ihre Fassade mich nicht zu täuschen vermag. Vielleicht weil ich eine Botschaft in mir trage, die sie nicht hören wollen.

Diese Menschen leben ihre jeweilige Form der Selbstverletzung und Selbstzerstörung, manchmal inmitten eines Umfeldes, das dies zu ignorieren scheint. Oder einfach überfordert ist, hilflos, handlungsunfähig angesichts eines Verhaltens, dass sie weder verstehen noch ändern können.

Da ist ein Opfer, das sichtlich leidet und keine Erlösung findet, keine Heilung, nur endlosen (Seelen)Schmerz. Ein Opfer, das vehement nach Anerkennung seines Opfers und Schmerzes verlangt. So sehr, dass es beginnt sein Umfeld ins eigene Leiden hineinzuziehen. Schmerz durchdringt das System. Letztendlich leidet jeder Teil dieses Systems, zumeist verborgen hinter einer gesellschaftstauglichen Fassade.

Vielleicht erkennen diese Menschen in mir, dass ich einst so war wie sie es heute sind. Vielleicht sind sie noch nicht bereit, aus der Opferrolle auszusteigen und wollen durch mich nicht daran erinnert werden, dass Veränderung möglich ist. Vielleicht erschüttere ich die Grundfeste ihres Glaubenssystems.

Wie kann man sich für den Weg der Liebe entscheiden, wenn doch so viel Schreckliches in der Welt geschieht? Vielleicht genau deshalb: weil so viel Schreckliches in der Welt geschieht – und sich das nur verändern wird, wenn die Zahl jener wächst, die dem Weg der Liebe folgen.

Häufig wird mir gesagt, ich wäre ein Spiegel. Zumeist entdecken Menschen in diesem Spiegel etwas Positives über und/oder für sich selbst. Wer jedoch vom Schmerz dominiert wird, fürchtet die heilende Kraft der Liebe. Der Schmerz selbst fürchtet um seine Existenz und hält die Menschen in seinem Würgegriff gefangen. Liebe könnte dies auflösen, doch der Preis dafür ist hoch. Es gilt, den vertrauten Schmerz loszulassen und sich der noch unbekannten Liebe zu öffnen. Urvertrauen nennt man jene magische Pforte, durch die ein Mensch schreiten muss, um frei vom (Seelen)Schmerz zu werden. Wie kann man vertrauen, wenn so viel Schreckliches geschieht? Der Kreislauf beginnt von Neuem, ein Labyrinth des Leidens … unendlich schade, doch ändern kann es jeder nur für sich selbst.

Das ist die gute Nachricht: Veränderung ist möglich – Botschaft eines liebevollen Herzens.

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IN DER MITTE DES LEBENS

Unter all den wertvollen Gedanken, die weise Menschen im Laufe meiner bisherigen Reise durch dieses Leben mit mir teilten, ist auch jener, der vom Werden und Loslassen selbigen Lebens berichtet. In der ersten Lebenshälfte, so heißt es, geht es darum, etwas zu aufzubauen, zu erschaffen, für den Fortbestand zu sorgen. Wachstum lautet das Motto – Quantität. Körperlich, materiell, Status, Ego. Bis hin zu jenem Punkt in der Mitte des Lebens, an dem alles anders wird – werden sollte.

Jeder von uns hat nur eine begrenzte Zeit in diesem Leben. Auch wenn viele so handeln, als würde sie ewig leben – sie werden sterben, früher oder später. Die zweite Hälfte des Lebens sollte als Vorbereitung auf dieses Ende dienen, die Basis für einen würdevollen Übergang schaffen, in Zufriedenheit und voller Dankbarkeit. Wo zuvor Quantität dominierte, geht es nun um Qualität, um Reife, und ja – aus Erfahrung und Reflexion geformte Lebensweisheit. Loslassen tritt in den Vordergrund. Loslassen von allem, was im jugendlichen Überschwang mitgenommen wurde und keinen Sinn mehr ergibt, keinen Zweck mehr erfüllt, keine Freude mehr bringt, keine Liebe in sich trägt – was zum vertrauten, dennoch hinderlichen Ballast wurde.

Wer in der Mitte des Lebens angekommen ist, erlebt mitunter, dass nichts mehr so läuft, wie früher. Stattdessen wiederholen sich manche Problemstellungen in kürzer werdenden Abständen. Ausweichen wird schwieriger, die Bearbeitung dringlicher. Prüfungen des Lebens? Wer seine erste Lebenshälfte auf die Welt im Außen fokussiert war, darf nun die Aufmerksamkeit nach innen richten und sich verdrängten Themen widmen. Der Wachstumsprozess wandelt seine Qualität, wird zum Reifungsprozess. Vielleicht wird die Melodie ein weniger langsamer, vielleicht die Töne leiser, harmonischer, vielfältiger.

Die zweite Lebenshälfte sollte und kann eine Phase der emotionalen Reife und Fülle, unerschütterlicher Ruhe und Gelassenheit, intensiver Lebensfreude und Lebenslust sein, eben weil das Ende näher rückt und die Unwiederbringlichkeit jedes einzelnen Momentes bewusst wird, der umso wertvoller wird. Wir können Zeit nicht auf einem Bankkonto horten, aber wir können jenen Ballast abwerfen, der es uns erschwert, das Wunderbare im Alltäglichen mit allen Sinnen wahrzunehmen, uns in die Umarmung des Lebens fallen zu lassen und den Weg der Liebe zu beschreiten.

ALLES NICHT SO EINFACH

Wer kennt das nicht? Irgendwann in der Vergangenheit geschah etwas extrem Schmerzhaftes, eine Verletzung durch einen Menschen, dem man bis dahin vertraut hat. Verrat, Betrug, Gewalt … was auch immer es war, es verursachte eine tiefe seelische Wunde, die lange nicht heilen wollte und konnte – manchmal bis zum heutigen Tag. Der rationale Verstand fand einen Weg, damit umzugehen, aber wir sind mehr als „nur“ unser Intellekt. Da gibt es noch eine andere, eine fühlende Seite – und für die ist es nicht so einfach…

Jahre, Jahrzehnte klammerte ich mich an den ungelösten Schmerz der Vergangenheit, kettete eben jene Vergangenheit an mich – in der Gegenwart. Mein Verstand hatte längst für alles volles Verständnis und Erklärungen entwickelt, aber eben nicht jene fühlende Seite. Auch wenn die Wunde nicht mehr blutete, sie war alles andere als verheilt. Ich erinnere mich an so manches Gespräch, in dem mir nahegelegt wurde, mich meinem seelischen Heilungsprozess zu widmen – und an meine abwehrende Reaktion. Es gäbe nichts zu heilen, das läge alles hinter mir und sei längst abgeschlossen … ich war gut darin, mir selbst etwas vorzumachen, mich selbst zu täuschen. Allzu vertraut war der Schmerz, als das ich mich davon trennen wollte – unbewusst. Paradox, genau deshalb menschlich.

Eben alles nicht so einfach.

Manche sagen, man muss verzeihen – aber manches kann man nicht verzeihen. Andere sagen, man muss versuchen zu verstehen – aber manchmal fehlt es an Informationen, die nicht mehr zu bekommen sind. Man kann das Geschehene als Schicksal oder Bestimmung sehen in dem Bestreben, den darin verborgenen Sinn zu erkennen und es zu transzendieren – ein nobler Weg, aber nicht ganz einfach.

Gibt es denn einen einfachen Weg?

Gute Frage. Meiner Erfahrung nach kann der Weg relativ „einfach“ sein, aber alles andere als leicht. Jene seelische Wunde zu heilen, die andere gerissen haben, Jahre oder Jahrzehnte in der Vergangenheit, in die vielleicht immer und immer wieder Salz gestreut wurde, die so vertraut wurde, dass ein Leben ohne diese Wunde schlichtweg unvorstellbar erscheint, die Teil des eigenen Selbstverständnisses wurde, dafür braucht es eine klare Entscheidung – Disziplin und Konsequenz.

Nachdem ich meine eigene Wunde jahrzehntelang wie ein Mahnmal vor mir hergetragen hatte im Sinne von „Seht, was mir geschehen ist und was ich überlebt habe“ kam ich eines Tages zur Erkenntnis, dass jedes Mahnmal die Vergangenheit in der Gegenwart am Leben erhält. Was nicht endet, kann nicht heilen. Um frei von dem Schmerz zu werden, musste die Vergangenheit vorbei sein dürfen. Vergessen? Nein, aber den Geschehnissen den ihnen gebührenden Stellenwert geben:

Ereignisse auf meinem Lebensweg. Punkt. Keinerlei Wertung.

Jede Wertung – egal ob positiv oder negativ – hat stets ein Gefühl im Schlepptau. Wer sich nicht grenzenlos selbst belügen und die Ereignisse in ihr Gegenteil verdrehen will, kann sich auf eine „neutrale Position“ zurückziehen und die Ereignisse als das belassen, was sie sind: Ein Teil des Weges.  Mit entsprechender Disziplin und Konsequenz nimmt das dem Schmerz den Nährboden, die Wunde kann heilen.

Eigentlich ist es einfach, aber tatsächlich ist es alles andere als leicht – so meine Erfahrung.

Seelischem Schmerz haftet eine Art von Magnetismus an, der ihn immer und immer wieder zurückholt, zumeist getriggert vom Ego, das wahrgenommen werden will, das sich ungerecht behandelt fühlt, auf Gerechtigkeit und Ausgleich pocht, mitunter auch auf Revanche oder Rache. Wo das Ego wirkt, hat Liebe wenig Chancen – doch ohne Liebe gibt es keine seelische Heilung. Weder Pillen noch Worte oder Taten können die Wunde in einer Seele heilen, wenn es an Liebe fehlt. Liebevoller Umgang mich sich selbst oder Festhalten am Schmerz? Eigentlich eine klare Entscheidung, aber tatsächlich nicht so einfach. Es braucht Disziplin und Konsequenz, den Verführungen des Egos und dem Magnetismus des Schmerzes zu widerstehen.

Aber – und dies ist nun mein letztes Aber für heute – es wird von Tag zu Tag leichter, und irgendwann sogar einfach.

Angelehnt an das altägyptische Totengericht, beim dem das Herz der Verstorbenen gegen eine Feder gewogen wurde. Nur wenn das Herz leichter war als die Feder, wurde ihm Einlass ins Totenreich gewährt … Wer sich vom Schmerz befreit, dessen Herz wird frei und leicht – vielleicht sogar leicht wie eine Feder.

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TAGEBUCH MEINES NEUEN LEBENS – 5 JAHRE SPÄTER

Vor ziemlich genau 5 Jahren veröffentlichte ich folgendes:

Der Morgen von Tag 3 in meinem neuen Leben

Kurz nach Mitternacht mit einem Spaltgips und Krücken wieder auf dem Übergangssofa einzuziehen … eine sehr ambivalente Erfahrung, die mir hoffentlich ein weiteres Mal erspart bleibt.

Immerhin, erstmals seit letzter Woche mehr als 2 h Schlaf. Ganze 6 h. Luxus pur

Mein Sohn hat auch Recht behalten: ich lerne gerade Alexa zu schätzen, da meine Bewegungsfreiheit doch drastisch eingeschränkt ist. Alexa bringt mir zwar kein Frühstück, aber Licht und Musik.

Meine Gedanken werden auch allmählich ruhiger. 24 gemeinsame Jahre einfach so vorbei. Macht unglaublich traurig, dennoch – es gibt mir auch die Freiheit, über mich selbst nachzudenken und was ich mir von einer Partnerschaft erwarte. Wie ich feststellen musste, ließ meine (positive) Veränderung und Stabilisierung meines Borderline seit 2017 uns auseinanderdriften. Ich bin nun einmal nicht mehr die, die ich vor 24 Jahren war. Das ist eine Tatsache. Wie es aussieht, bin ich auch nicht die Richtige für meinen (Ex?)-Partner (irgendwie komisch, das zum ersten Mal zu schreiben). Das muss ich akzeptieren.

Wie geht’s weiter? Im Moment langsam und auf Krücken, aber es geht weiter. Aufgeben und im Jammertal der Tränen versinken? Nein, danke. Was würde es ändern? Ich habe ausgiebig reflektiert und meine Erkenntnisse daraus gewonnen. Die Traurigkeit wird noch eine Zeit bleiben, aber das ist in Ordnung. Schließlich hat sich die Liebe auf meiner Seite nicht einfach so in Luft aufgelöst. Sie ist noch immer da, aber auch das Bewusstsein, einen Partner an meiner Seite haben zu wollen, der mich als die schätzt, die ich bin, und nicht etwas in mir sieht, was ich einst war oder was in mich reininterpretiert wird.

In diesem Sinne geht’s weiter, Schritt für Schritt auf 2 Krücken …

Wenn ich diese Zeilen heute lese, fühlt es sich an, als längen sie unendlich weit in der Vergangenheit zurück. Ja, es ging weiter, Schritt für Schritt in ein neues, mein heutiges Leben. Reflektiert habe ich jede Menge, Alexa bis heute keine eigene – auch wenn sie damals hilfreich war.

Mein altes Leben liegt hinter mir.

Ich nahm mir 5 Jahre Zeit, mich selbst zu finden, ganz bei mir selbst anzukommen, zu erforschen, wer ich bin und wie ich leben will. So weit lief alles bestens, bis …

… ein banales Ereignis mich eine bittere Wahrheit erkennen ließ, ich auf einen Berg stieg, dort etwas ablegte und mit einer diffusen inneren Leere zurückkehrte. Aus Intuition heraus startete ich ein Experiment, um herauszufinden, was sich in mir verändert hatte. Erfahrungsgemäß eignet sich dafür der Spiegel des Gegenübers bestens. Also begab ich mich auf eine zwischenmenschliche Entdeckungsreise. Wenige Tage später kreuzte mein Weg einen anderen und seither bestimmt eine nie gekannte Leichtigkeit zwischen zwei Menschen mein Leben. Nähe, die sich gut anfühlt. Unkompliziert, achtsam, wertschätzend.

Ein neues Leben zu zweit – ziemlich genau 5 Jahre später?

Wenn dem so ist, beweist das Leben eine gewisse Ironie beim Timing 😉

Und weil es die kleinen, alltäglichen Momente sind, auf die es im Leben ankommt, auf einen gemeinsamen Spaziergang bei Sonnenuntergang, einen Sonnenstrahl, der zwei Seelen berührt, gibt’s heute ein Bild, das einen flüchtigen Augenblick jenes Spaziergangs einfing.

VON HELDEN UND ENGELN

Vor einigen Tagen hatte ich die Gelegenheit zu einem längeren, äußerst interessanten Gespräch mit einem jener Bergretter, die ich mit meinem Charity-Projekt Berggeflüster finanziell unterstütze. Zwischen all den humorvollen Anekdoten und haarsträubenden (Wie dumm können Menschen noch sein?) Begebenheiten blieb mir vor allem eine Aussage im Gedächtnis:

„Wir sind keine Helden …“

… die sich unter Verachtung ihres eigenen Lebens allen Widrigkeiten zum Trotz für das Leben eines anderen aufopfern.

„Wir sind Profis …“

… die das ganze Jahr trainieren, um das am Berg tun zu können, was für andere „heldenhaft“ wirkt. Aber wir wissen, was wir tun. Kein unnötiges Risiko. Jeder Handgriff sitzt, jeder Schritt ist überlegt.

Pragmatische Aussagen von einem, der der Realität ins Auge blickt – ohne Übertreibung oder Drama – und jede Überhöhung zurückweist. Das erinnert mich an jene Situationen, in denen Menschen mir zuschreiben, ich wäre ein „Engel“, der ihnen Hoffnung schenkt.

Ich bin kein Engel.

Das ich in jeder Krise auch Chancen zu erkennen vermag, jedes Problem mit Lösungsorientierung angehe, von Optimismus und Möglichkeiten sprechen kann, ist das Ergebnis von jahrelanger Arbeit an mir selbst, täglichem Training, Selbstreflexion, die sich fortsetzt.

Ich bin ein Profi …

… wenn es darum geht, aus den Ereignissen der Vergangenheit zu lernen, über sie hinauszuwachsen, diese zu transzendieren und die eigenen Potenziale zu entfalten. Ich bin vieles, aber sicherlich kein Engel. Manchmal möchte ich Menschen einen kräftigen Tritt in ihren Allerwertesten verpassen, wenn sie konsequent verweigern, sich von ihrem Schmerz zu trennen. Überhaupt nicht Engel-like. Geduld wird häufig zur Herausforderung, obwohl mir nur allzu bewusst ist, dass jeder von uns den eigenen Entwicklungsweg im eigenen Tempo beschreitet und es bei manchen einfach länger dauert.

Mir wurde nichts geschenkt. Es war harte Arbeit, hat viel Zeit und Ressourcen (auch Geld) gekostet, mein Drama zu transzendieren, die Aura aus Schmerz und Leid in eine Aura aus Liebe und Licht zu verwandeln. Ich habe mich mit meinem „Dämon“ verbündet, nutze diese Kraft konstruktiv für mich. Alles, was dafür nötig war und ist, zu lieben, was alle anderen abgelehnt haben: die unkontrollierbare Emotionalität in mir. Tatsächlich ist diese weniger unkontrollierbar als manche Experten meinen. Nachdem ich die Dynamik dahinter verstanden hatte, wurde aus einem jahrelangen Kampf ein spielerisches Miteinander.  

Vielleicht sollten wir öfters die Mythen beiseite schieben und auf das blicken, was es ist. Vieles, was unerreichbar scheint, wird möglich, wenn man lang genug daran arbeitet. Meistens braucht es dafür keine besondere Begabung, sondern schlichtweg Konsequenz. Die Stürme auf dem inneren Ozean der Emotionen zu zähmen, erfordert viel Übung, aber mit Ausdauer ist es möglich, Meisterschaft zu erlangen. Profis fallen nicht vom Himmel 😉

Bild: pixabay.com

WAS IST DAS – LIEBE?

„What’s love got to do with it?“ fragte einst Tina Turner. Gefühlt 1000x habe ich mich das auch bereits gefragt: „Was ist das – Liebe?“

Mir begegnete Liebe, die kompromisslos forderte: „Ich liebe dich, solange du tust, was ich für gut befinde.“ Erwiderte Liebe, in dem ich alles tat, was verlangt wurde, mich bedingungslos anpasste, bis ich nicht mehr ich selbst war. In meiner Kindheit traf ich auf Liebe, die so tief unter Leid verschüttet war, das nichts mehr davon an die Oberfläche drang.

Kaum etwas wird derart inflationär kommuniziert und missinterpretiert wie Liebe.

Was ist das – Liebe?

Lausche ich meiner inneren Stimme, ist ihre Antwort diese:

„Zu lieben, bedeutet dich zu sehen, wie du bist. Dich anzunehmen, wie du bist, voll und ganz, bedingungslos, mit allem, was dazu gehört, dem strahlenden Licht ebenso wie den dunklen Schatten. Meine Liebe vermag weder deine seelischen Wunden zu heilen noch die Lücken in deinem Sein zu schließen oder als Krücke zu tragen, was das deine ist. Doch meine Liebe vermag jener Hafen der Geborgenheit zu sein, in dem du Zuflucht finden und deine Segel flicken kannst. Zu lieben bedeutet zu halten ohne zu binden, in Freiheit und voller Vertrauen. Zu lieben bedeutet, deine Grenzen ebenso zu achten wie meine – sie nicht als Zurückweisung zu verstehen, sondern als den Punkt, an dem zwei Welten einander respektvoll begegnen.“

Es gibt Stimmen die sagen, im Laufe der Menschheitsgeschichte hätte sich die Art zu lieben verändert. Ich glaube, was sich verändert hat, sind die Gründe, warum wir Beziehungen eingehen. Wahre Liebe ist und bleibt, was sie ist und war: Ein rares Geschenk, das nicht jedem zu finden vergönnt ist – wie ein vierblättriges Kleeblatt in einer Sommerwiese. Manchmal scheint eins dieser Kleeblätter aus vier Herzen zu bestehen, ganz so, als ob es uns auf seine Weise daran erinnern möchte, was Liebe ist:

„Dein Herz, mein Herz, unser gemeinsames Herz und ein Herz für das, was uns verbindet.“

Bild: pixabay ai-generiert

UNERREICHBAR?

Vor einigen Tagen wurde ich im Rahmen eines Empowerment-Workshops, den ich als Trainerin geleitet habe, von einer jungen Frau (Mitte 20) sinngemäß folgendes gefragt: „Wenn ich mein Bewusstsein auf eine höhere Ebene entwickle, werde ich für andere Menschen unerreichbar. Wie kann ich damit umgehen?“

Für einen kurzen Augenblick war ich überrascht von der Tiefgründigkeit der Frage. Aus der Gruppe von über 30 Frauen in ähnlichem Alter war sie die Einzige, die diesen kausalen Schluss mit Weitblick zog. Als Antwort teilte ich meine persönliche Erfahrung mit ihr und der gesamten Gruppe: „Auf meinem Weg ließ ich so einige Menschen ziehen, die nicht mitkonnten oder wollten. Das ist Teil des Prozesses. Doch es kamen auch andere hinzu. Wenn ich mich verändere, verändert sich auch mein Umfeld.“

Später erzählte mir diese junge Frau von ihrer Borderline-Diagnose, die sie jedoch nicht als Schicksalsschlag wahrnahm, sondern als eine Art von Bestandsaufnahme, von der ausgehend sie ihren Weg sucht, ein gutes Leben zu führen. Viele unterschiedliche Interesse und Kompetenzen, Lern- und Wissbegierde, trotz ihrer Jugend einiges an Erfahrung, multidimensionale Wahrnehmung … es war, als würde ich in einen (Zeit)Spiegel blicken auf eine Frau, die ich hätte sein können. Wechselseitiges Verstehen auf einer Ebene, die wir teilen. Borderliner in ihrer Kraft angekommen. Nicht im Problem verharrend, stattdessen die Stärken lösungsorientiert nutzend.

An diesem Tag durfte ich jener Spiegel sein, in dem diese junge Frau einiges über sich selbst erkennen durften – so meldete sie es mir am Ende des Workshops rück.

Heute, auf einer Bank dem Himmel nahe sitzend, erinnerte ich mich an jenen Tag – und daran, dass diese junge Frau auch für mich ein Spiegel war, der mich aus anderer Position auf eine Frage blicken ließ, die mich seit längerem beschäftigt: „Führt mein Weg dahin, für andere unerreichbar zu werden?“

Meine Antwort für sie ist gleichzeitig auch die Antwort für mich selbst – eine Antwort, meinem Denken entsprungen, kopflastig, rational, korrekt. Doch mein Fühlen kennt noch eine andere Antwort – eine vom Zweifel geprägte. Denken und Fühlen befinden sich oft nicht im Gleichklang. Im Kopf weiß ich, dass ich alles andere als einsam bin. Aber ab und an fühlt es sich dennoch so an, wenn äußere Einflüsse lange zurückliegende Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen triggern. Echos aus der Vergangenheit? Prüfungen auf dem Weg in die Zukunft?

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, schützt vor Verletzungen.

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, verhindert Berührungen.

Emotionale Widersprüchlichkeit harmonisch aufzulösen, den goldenen Mittelweg zu beschreiten, ist und bleibt Teil meines Weges. Manchmal scheint es, diese Lektion gilt es wieder und wieder zu meistern, in unterschiedlichsten Facetten. Die Balance zwischen zwei Welten zu finden – der allgemeinen da draußen und meiner eigenen. Seit meiner Kindheit begleitet mich das Gefühl, Mittlerin zwischen zwei Welten zu sein. Damals war ich unerreichbar für andere – bin ich es immer noch?

BRIEF AN MEIN ZUKÜNFTIGES ICH

Liebe Lesley, ich schreibe dir heute diesen Brief, weil etwas besonderes geschehen ist, erstmalig, ich diesen Moment mit dir teilen möchte – und hoffe, es werden noch viele dieser Art folgen.

Vor einigen Tagen offenbarte mir eine Person im beruflichen Kontext, dass ich sie an eine Bekannte erinnere, die ebenfalls Borderlinerin ist. Aber es waren nicht emotionale Instabilität oder die allgemein bekannten Symptome, welche diese Assoziation hervorriefen, sondern mein Streben, Struktur ins Chaos zu bringen, mein „deep dive“ beim Analysieren von Situationen und Problemen sowie meine umfassenden Lösungsansätze, mein hoher Grad an Selbstreflexion, mein „Aushalten“ schwieriger und schwierigster Situationen und dennoch handlungsfähig zu bleiben… kurz gesagt: ich wurde erstmals anhand der Stärken einer Borderline-Persönlichkeit als solche erkannt.

Ein erinnerungswürdiger Moment! Ein Beweis, dass es da draußen auch jene gibt, die sehr wohl auf die Stärken blicken. Ein Beweis, dass ich keine Laune des Schicksals bin, kein Zufall, der Weg von der destruktiven, instabilen Borderline Störung zur konstruktiven, stabilen Borderline Persönlichkeit möglich ist. Ein beruhigender Beweis.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, auf deinem Weg unzählige solcher Momente zu erleben.

Wie jedoch alles im Leben, stellt sich neben dieses strahlende Licht ein dunkler Schatten. Was ich nahezu zeitgleich erlebt habe, wirkt auf mich wie das vollkommene Gegenteil. Meine offene, herzliche, wertschätzende, respektvolle und an Menschen, deren Geschichten, Gedanken und Gefühlen interessierte Art, wurde und wird oftmals missverstanden – insbesondere von Männern, die damit gleichsetzen, ich würde „etwas von ihnen wollen.“ Nicht wirklich neu, dass ist mir auch in der Vergangenheit begegnet, doch es schmerzt mich noch immer, auf DAS reduziert zu werden. Für mich wirft es (neuerlich) die Frage auf, ob ein Rückzug hinter eine dem Zeitgeist entsprechende (oberflächliche, hohle) Maske der bessere Weg wäre? Ob ich nicht wieder die Mauern hochfahren sollte, mich hinter Fassaden verstecken – wie ich es jahrzehntelang getan habe? Wir wissen beide, dass dieser Weg Schutz bietet – und gleichzeitig schmerzhaft ist auf eine Weise, die sich niemand vorstellen kann. Nicht zu sein, wer ich bin – wer du bist – wer wir sind.

Selbstverleugnung, um nicht missverstanden zu werden. Überanpassung. Das kann doch nicht die Lösung sein!

Ich hoffe, in deiner Zukunft gibt es mehr von jenen Menschen, die uns zu schätzen wissen – und weniger von jenen, die das Licht, das wir ausstrahlen, missinterpretieren als Einladung, einfach mal so über jegliche Grenze zu gehen.

Vielleicht wirst du eines Tages an mich zurückdenken und dich fragen, warum ich dies oder jenes getan habe. Warum ich mich punktuell von Menschen zurückgezogen haben, freiwillig an einsame Orte ging, soziale Aktivitäten massiv reduziert habe. Erinnere dich, dass ich all diese Pfade beschritt und was ich dabei erleben durfte. Erinnere dich, dass ich alles andere als einfach war, jene Wunden zu heilen, die entstanden, wenn Menschen mich mieden in der Annahme, ich würde mehr wollen als nur den Austausch von Gedanken, ein wertvolles Gespräch oder einen anderen Blickwinkel auf das Leben zu entdecken. Oder sie schlichtweg Angst vor mir hatten, weil sie intuitiv spürten, dass ich anders war – bin.

Erinnere dich daran, dass es eine Zeit gab, in der die Menschen noch nicht bereit waren für das, was Borderline Persönlichkeiten zu bieten haben, und sie keinen anderen Weg wussten, als uns als krank abzustempeln und zu versuchen, uns so zu machen, wie sie sind – und unzählige von uns daran zerbrachen. Unsere fantastische, multidimensionale Welt voller Emotionen war ihnen fremd, und so lehnten sie diese ab – und uns. Diese Ablehnung hallte in Selbstverletzung und Selbstzerstörung wider.

Erinnere dich auch daran, dass mit der Zeit einzelne umzudenken begannen. Nicht von heute auf morgen, doch allmählich – und es wurden mehr und mehr. Bis zu jenem Tag in der Zukunft, an dem du diesen Brief lesen wirst, lächelnd, denn an diesem Tag wird unsere Welt eine andere sein. Genau deshalb ist es wichtig, dich zu erinnern, wie es war, einst, welchen Weg wir gingen, was daraus entstand.

Starke Wurzeln, liebe Lesley, geben Halt, mag der Boden auch noch so karg sein. Ich wünsche dir, dass du gelernt hast, mit Missinterpretationen und Ablehnung umzugehen OHNE dein Herz und deine Seele zu opfern, ohne Masken oder Mauern. Möge Liebe dein Schutzschild sein. Blicke mit Gelassenheit auf jene, die nicht verstehen können oder wollen, und erkenne sie als Prüfung, auf deinem Weg zu bleiben. So vertraut und verlockend alte Muster auch sind, sie führen nie voran, nur zurück. In meinem Herzen bist du eine Vision, doch für dich bin ich, was hinter dir liegt. Ein kurzer Moment in einer langen Geschichte, an den du dich hoffentlich lächelnd erinnerst, denn es ist auch jener Moment, aus dem du entstanden bist.

Geh deinen Weg, Lesley … B. Strong 😉

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KEIN EINZELFALL

Eigentlich wollte ich über ganz etwas anderes schreiben, bin aber gestern nicht dazu gekommen. Heute ist dann etwas geschehen, dass mich tief berührt hat und das ich hier mit dir teilen möchte.

In einem beruflichen Meeting ergab sich die Situation, dass ich „meinen“ Hintergrund zur Sprache brachte: hochfunktionale Borderlinerin. Für die meisten der Anwesenden keine Neuigkeit, für eine Person jedoch schon. Am Ende des Meetings sprach mich diese Person darauf an, erzählte mir, dass sie auf dem Weg zum Meeting (es fanden bereits mehrere in dieser Zusammensetzung statt) auch an mich gedacht hat. Ich würde sie an eine Freundin erinnern. Sehr strukturiert und Strukturen schaffend, schnell in der Lösungsfindung, hoch kreativ und kommunikativ … und Borderlinerin. Trotz individueller Komplexität ähnliche Ausprägungen in der Persönlichkeit. Welch ein Aha-Moment…

ICH BIN KEIN EINZELFALL!

Dieser Moment, diese Schilderung, bestätigt, was ich seit langem hoffe … ich bin kein Einzelfall, keine Laune des Schicksals, keine Mutation oder glückliche Fügung. Den Weg von der Borderline Störung zur Borderline Persönlichkeit können auch andere schaffen und haben es bereits. Keine graue Theorie, kein Wunschtraum, sondern Fakt.

Auch wenn mein rationaler Verstand das eigentlich weiß, es tut unbeschreiblich gut, es zu erleben – und es bestärkt die Hoffnung in mir, dass dadurch auch andere sich auf den Weg machen. Nicht, weil ICH es geschafft habe, sondern weil es UNS gelungen ist.

Kein Einzelfall zu sein, sondern eine von vielen – beruhigend und motivierend, weiterzumachen, zu erzählen, dass ein Happy End möglich ist.

Das Herz aus Stein im Beitragsbild untermauert für mich die „ewige Gültigkeit“ der Aussage: Du kannst es schaffen!

Danke für diesen wunderbaren Moment.

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