RUHE UND GELASSENHEIT

Mein letzter Blog liegt beinahe einen Monat zurück. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist. Unbeschreiblich, was alles in dieser Zeit geschehen ist. Meine Versuche, all das irgendwie zusammenzufassen, scheitern. Die Ereignisse gleichen einer Achterbahn, die permanent rauf und runter fährt, ohne zu stoppen, doch ich sitze nicht drin. Nicht so wie früher, als ich das Gefühl hatte, fremdgesteuert über die Achterbahn zu rasen. Diesmal stehe ich davor, in ziemlich umfassender Ruhe und Gelassenheit, und beobachte, was geschieht. Handle, wenn es nötig ist. Die Welt rund um mich fährt auf der Achterbahn. Es fühlt sich gut an, aber auch irritierend.

In den vergangenen Wochen habe ich enorm viel verarbeitet, in Abgründe geblickt, mich selbst wieder und wieder hinterfragt, habe Klarheit gewonnen und verworfen.

Heute sitze ich – wieder einmal – auf einem Berg und frage mich, ob ich jemals einen Menschen treffen werde, der eine derart komplexe Persönlichkeit wie mich vollständig erfassen kann. Oder ob ich mich damit begnügen soll, bruchstückhaft gesehen zu werden. Ob diese Gedanken ein Zeichen von Überheblichkeit meinerseits sind – oder einfach nur die durch Worte verzerrte Wiedergabe dessen, was ich in mir fühle.

Die aktuelle Diskussion der Fachwelt, ob BPS nun zu Neurodivergenz zählt oder nicht, habe ich – als Betroffene – für mich klar entschieden: JA, tut es. Ich erlebe es tagtäglich, wie „anders“ ich ticke. Spreche ich offen über das, was ich wahrnehme, ernte ich Staunen – und die Gewissheit, für die Mehrheit in einer „anderen, erweiterten Welt“ zu leben. Je mehr ich mich darauf einlasse und diese „andere Welt“ in meinen Alltag integriere, desto komplexer wird mein Bild, desto klarer wird aber auch, wo die es hakt, wo es Brücken braucht, um „normal“ und „anders“ in einem harmonischen Ganzen zu verbinden.

Apropos Harmonie: die derzeit wohl größte Herausforderung für mich ist jene, im Job mit einer für mich absolut toxischen Person zusammenzuarbeiten. Ich könnte aussteigen, davonlaufen, doch was würde ich mitnehmen? Auf der anderen Seite: zu bleiben bietet die Chance zu lernen, mich weiterzuentwickeln. Ja, ich werde getriggert, aber ich habe meine (emotionalen und sonstigen) Reaktionen unter Kontrolle. Geht’s nicht genau darum? Nicht durch Trigger fremdbestimmt zu sein, sondern resilient gegenüber dem „Unvermeidbaren“? Der aktuellen Herausforderung könnte ich ausweichen und aussteigen, doch bereits morgen könnte die nächste toxische Person meinen Weg kreuzen. Durch diese Zusammenarbeit (wenn man es denn so nennen mag) habe ich die Gelegenheit, meine Fertigkeiten im Umgang mit toxischen Personen zu trainieren und zu optimieren. Das Leben bietet mir eine Chance, denn ich der aktuellen Herausforderung bin ich nicht allein. Es gibt andere, die mir im Bedarfsfall zur Seite stehen, Raum für Psychohygiene, Wertschätzung. Ein Umfeld, das erkennt, dass in mir noch ungeahnte Potenziale schlummern. Ein Umfeld, das die Borderline-Stärken zu schätzen weiß. Ein Umfeld, in dem ich sein kann, wer ich bin.

All das und mehr dreht Runden auf der Achterbahn um mich, während ich in Ruhe verharre. Alles ist in Bewegung, ich bleibe gelassen; die Achse, der Nabel meiner Welt; die Sonne, um die alles kreist. Ich bestimme mein Denken und Fühlen – darauf kommt es an. Mehr braucht es nicht, um aus der Achterbahn auszusteigen.

Bild: pixabay.com

DIE STÄRKEN DER BORDERLINER

Vor einigen Tagen saß ich in einer Weiterbildung zum Thema „Basiswissen zu psychischen Erkrankungen“. Dass ich hier davon berichte, hat mit ein paar Erkenntnissen zu tun, die sich für mich dabei offenbarten, und ganz viel damit, dass ich erstmals einen wertschätzenden, potenzialorientierten Fokus in Bezug auf Borderline erleben durfte.

Es begann mit der Headline „Die Stärken von Menschen mit BPS“.

STÄRKEN!!!

Jedem einzelnen Punkt der Aufzählung konnte ich voll und ganz aus meiner eigenen Lebenserfahrung zustimmen. Die Liste handelte von ausgeprägten Fähigkeiten in Bezug auf:

  • Zurechtkommen in einem feindlichen Umfeld
  • Sympathie bei anderen erwecken
  • Sensitivität für Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten
  • Spontanität, Kreativität, Individualität
  • Neugierde
  • Keine Angst vor Risiken
  • Durch die Welt zu gehen als Lebenskünstler

Auch bei den Herausforderungen fand ich mich wieder, für die ich hier allerdings meine eigenen Begrifflichkeiten verwenden:

  • Eine sechsköpfige Quadriga auf Kurs zu halten (meine Metapher für mein mitunter galoppierendes Gefühlsleben).
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ein für beide Seiten gut lebbares Maß an Nähe/Distanz/Freiraum zu finden, die andere Seite nicht zu überfordern mit der eigenen Intensität.
  • Mit überdurchschnittlicher Feinfühligkeit in einer von Ellbogen-Mentalität, Narzissmus und Oberflächlichkeit geprägten Gesellschaft zu überleben.

Auch einige der allgemein üblichen Vorurteile und Zuschreibungen betreffend BPS wurden revidiert:

  • Manipulativ? Ja, aber nicht bewusst, nicht absichtlich.
  • Medikamente? Helfen lediglich bei Begleiterkrankungen.
  • Unheilbar? Nein, mit stabilen Beziehungen kann von einer 75% Prognose ausgegangen werden, nach nur sechs Jahren die Kriterien nicht mehr zu erfüllen. BPS kann sich „auswachsen“.

Genau an diesem Punkt „Auswachsen“ blieb ich hängen – wie bereits in der Vergangenheit öfters. Bei mir hatte sich nämlich nichts „ausgewachsen“. Meine BPS-Reise begann in der Pubertät und hielt bis Mitte 40 an, daher auch meine Skepsis in Bezug auf „Auswachsen in sechs Jahren“. Aber diesmal erhielt ich eine wichtige Zusatzinformation, um zu verstehen, was damit gemeint war:

In einem haltenden Umfeld mit stabilen Beziehungen kann man lernen, die Herausforderungen zu meistern und ein „normales“ Leben zu führen.

Dieses Umfeld hatte ich nicht, eher das Gegenteil. Ich steckte über 20 Jahre in einer toxischen Beziehungsdynamik, die meine Traumata wieder und wieder triggerte. Da war nix mit „auswachsen“. Erst als ich damit begann, mir mein Umfeld selbst zu erschaffen, anfangs noch ausschließlich in der Parallelwelt von JAN/A, wurden Veränderung  und Auswachsen möglich. Nach dem Ende der Beziehung veränderte ich mich nochmals und das auch noch vergleichsweise schnell und leicht. Quasi „beschleunigtes (Aus)Wachstum“. 😉 Seither entstehen auch in der realen Welt um mich Beziehungen, die zu meiner Stabilität beitragen. In diesem Workshop wuchs auch mein Verständnis für das, was ich bereits vollzogen hatte. Vertiefende Einsichten nennt man das wohl.

Für mich schlummert in jedem BPS-Betroffenen das Potenzial eines in allen Farben des Spektrums leuchtenden Sterns, vielfältig, empfindsam, tiefsinnig, mit einer facettenreichen Wahrnehmung. Ein Stern, der selbst in dunkelster Nacht zu leuchten vermag, weil das Licht aus seinem Herzen entspring, unabhängig davon, was rundum ist – und der anderen die Augen zu öffnen vermag für das, was allzu leicht übersehen wird: das Einzigartige im Alltäglichen, die kleinen Wunder und so manche Wege, die sich im Dschungel der Ablenkungen verbergen, die Nuancen des Fühlens.

Welch Bereicherung wäre es für diese Welt, wenn mehr und mehr BPS ihre noch schlummernden Potenziale entfalten. Wenn Menschen ihnen nicht mit Vorurteilen und Ablehnung, sondern Interesse und Wertschätzung begegnen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Genau das habe ich getan – mein ureigenes Potenzial entfaltet. Im Rahmen dieses Workshops zu erfahren, dass ich kein Einzelfall bin, keine spontane Mutation des Lebens, keine Laune der Natur, keine Ausnahme von der Regel, sondern dass dieser Weg auch anderen offensteht, war berührend und motivierend zugleich.  

Gleich einem Sonnenstrahl, der sich über den Horizont der scheinbaren Unveränderbarkeit hinweg erhob. Ein Sonnenstrahl, den ich hier weitergebe an alle, die diesen Blog auf ihrer Suche nach Antworten, Lösungen oder Schlüssel finden.

Danke an Mag. (FH) Markus Mitteramskogler MSc für die Informationen und damit verbunden für die Inspiration zu diesen Zeilen.

Noch ein paar Anmerkungen zum heutigen Beitragsbild: Fraktale Spiralen begeistern mich, seit ich sie erstmals erblickt habe. Ein Muster, das sich in sich immer und immer wiederholt. Müsste ich meine Gedanken- und Gefühlswelt bildlich darstellen, wäre es eine fraktale Spirale. Wenn ich nach innen blicke, sieht das, was ich fühle, genauso aus: Ein Gefühl, dass sich immer und immer wiederholt, in unendlichen vielen Facetten, bis es alles ausfüllt – unendliche Lebensfreude in Form und Farbe gegossen.

Bild: pixabay.com