Vor vielen Jahren las ich eine Geschichte über einen Mönch, der sich in eine Höhle auf einen Berg zurückzog, um so lange zu meditieren, bis die Erleuchtung über ihn käme. Jahre vergingen. Eines Tages hatte er es geschafft: er hatte den Zustand der Erleuchtung erreicht. Voller Tatendrang kehrte er zurück in die Stadt, aus der er einst gekommen war. Inmitten zahlreicher Menschen und des alltäglichen Trubels auf dem Marktplatz, fiel er rasch aus wieder aus seinem erleuchteten Zustand. Erst gab er den Menschen rundum die Schuld für sein Scheitern, danach suchte er den Fehler bei sich, fand jedoch keine zufriedenstellende Antwort. Verwirrt wandte er sich an seinen ehemaligen Lehrer. Dieser meinte, dass der Rückzug in die Stille der Höhle am Berg zwar dabei hilfreich wäre, sich zu fokussieren und ruhig zu werden, doch tatsächliche Erleuchtung ist ein Teil des Lebens – nicht die Flucht davor.
Manchmal geht es mir ähnlich wie diesem Mönch. In der Stille der Berge tanke ich Kraft, finde in meine Mitte, sehe vieles klarer und umfassender als inmitten des täglichen Trubels. Sprichwörtlich schwebend verlasse ich den Berg, kehre zurück und ZACK … bin ich wieder da, wo ich zuvor war. Kein bisschen mehr erleuchtet als zuvor … oder vielleicht doch? Immerhin ist mir inzwischen bewusst, dass die Herausforderung (oder Aufgabe) nicht darin liegt, oben auf dem Berg Ruhe und Gelassenheit zu finden, sondern diese im Alltag zu bewahren.
Vielleicht falle ich aber auch (un)absichtlich nach meiner Rückkehr in alte Muster zurück, um wieder einen Grund zu haben, auf den Berg zu steigen. Wer weiß? Vielleicht ist das Bewusstsein der Nicht-Erleuchtung auch ein klein wenig Beinahe-Erleuchtung. Auf jeden Fall verschafft es mir Pausen zum Durchatmen in luftiger Höhe.
