MULTIDIMENSIONAL    

 … diesen Begriff verwende ich häufig, um mich selbst zu beschreiben. Aber welche Bedeutung verbirgt sich dahinter? Vermutlich gibt’s dazu unterschiedliche Interpretationen. Deshalb hier nun mein Verständnis von Multidimensionalität.

Das beste Beispiel für mich ist meine autofiktionale Romantrilogie JAN/A. Auf den ersten Blick eine feurig-sinnlich-chaotische Liebesgeschichte. Weitere Blicke offenbaren tiefenpsychologische Facetten, lebensphilosophische Gedankengänge, Sinnsuche … tatsächlich habe ich in dieser Geschichte meine frühkindlichen (und einige spätere) Traumatisierungen in Form einer intrapersonellen Teilearbeit aufgelöst (Gewalt, Übergriffe, Missbrauch …). Ebenso wie jene Lücken geschlossen, die in meiner Kindheit vorhanden waren (Geborgenheit, Wertschätzung, Zuwendung …). Alles in einer einzigen Geschichte, in jeder einzelnen Szene enthalten.

Multidimensionale Wahrnehmung bedeutet für mich eine Kombination aus analytischer Beobachtung und emotionaler Stimmgabel. Ich vermeide bewusst den Begriff „Empathie“. Für mich ist Empathie ein „sich in den anderen einfühlen“, sich aktiv mit anderen zu befassen. Eine emotionale Stimmgabel funktioniert hingegen auch passiv. Ich nehme die Stimmung (oder Schwingung) anderer auf, ob ich will oder nicht – ob ich mich damit befasse oder nicht (z.B. in Öffis). Das, was in den anderen ist, rollt einfach wie eine Welle über mich und durch mich hindurch. Ein Teil bleibt hängen – ob ich will oder nicht. Früher war ich dem hilflos ausgeliefert. Mittlerweile habe ich Strategien entwickelt, diesen „unerwünschten Teil“ wieder loszuwerden, aber es erfordert Zeit, Energie und bewusstes Handeln meinerseits. Völlige Abgrenzung gelang mir bis dato nicht – und ich zweifle, ob ich das möchte. Es wurde das, was ich bin, unterdrücken – etwas, dass ich viel zu lange tat.

Mit JAN/A erlaubte ich mir, ICH zu sein, meine komplexe Multidimensionalität sichtbar in diese Welt zu holen. Seither integriere ich „mein wahres ICH“ Schritt für Schritt in weitere Bereiche meines Lebens. Oder anders gesagt: mehr und mehr Authentizität. Dieser Prozess dauert nun bereits 8 Jahre an – 8 Jahre, in denen ich meine Multidimensionalität zunehmend anderen offenbare. Das führt zu unterschiedlichen Reaktionen.

Manche schätzen mich, weil ich bin, wer ich bin.

Manche lehnen mich ab, weil ich bin, wer ich bin.

Manche fürchten mich, weil ich bin, wer ich bin.

Ich bin immer noch, wer ich bin.

Eine emotionale Stimmgabel mit analytischem Verstand, die instinktiv und intuitiv das tief in Menschen verborgene spürt – unabhängig von dem, was sie sagen oder tun, mit einem eingebauten Detektor für Inkongruenzen, kombiniert mit einer Alarmanlage und (mittlerweile) ziemlich effektiven Selbstschutzmechanismen. Anders gesagt: ich kann in Ruhe und Gelassenheit inmitten einer Welt leben, die ich zunehmend als „unbewusst und unreflektiert“ wahrnehme. Keine Wertung, kein Urteil, einfach eine Wahrnehmung.

Womit ich jedoch nach wie vor ein massives Thema habe, sind Menschen, die in sich Leid und Drama vereinen. „Sterbender Schwan“ nenne ich diese Kombination. Menschen leiden (seelisch) und ziehen aufgrund ihrer unstillbaren Bedürftigkeit ihr Umfeld in dieses Leid hinein. Ich kenne das nur allzu gut. Ich wuchs in dieser „Hölle des Leidens“ auf. Meine Eltern lebten beide bis zu ihrem Tod in dieser Hölle – nicht grundlos. In ihren Leben war eine Menge geschehen, was als Ursache für seelischen Schmerz und Leid mehr als legitim ist – doch keiner von beiden löste es je auf. Als Kind und bis weit ins Erwachsenenalter teilte ich diese Hölle, weil es für mich normal war, weil ich nichts anderes kannte, weil ich so geprägt worden war. Doch ein Teil von mir suchte einen Ausweg – und fand ihn schließlich. Damit hielten Ruhe und Gelassenheit in meinem Leben Einzug. Treffe ich heute auf „sterbende Schwäne“, triggert ihre „Hölle des Leidens“ meine Erinnerungen – auch emotional – doch damit kann ich umgehe, kann wieder aussteigen, nicht jedoch mit den im Körpergedächtnis gespeicherten Erinnerungen. Kinder (und auch Erwachsene) die im permanenten inneren Alarmzustand leben, weil sie die nächste Attacke fürchten und darauf vorbereitet sein wollen, stehen auch körperlich ständig unter Anspannung – Fluchtmodus, Stresshormone, Schmerzen. Viele Jahre litt ich 24/7 unter körperlichen Schmerzen, ohne das eine Ursache dafür gefunden werden konnte. Erst als ich aus der „Hölle des seelischen Leidens“ ausstieg, endete die Schmerzen ebenso unerklärlich wie sie begonnen hatten.

Mein Körper hat bis heute nichts vergessen. Jede Begegnung mit „sterbenden Schwänen“ führt mit der Präzision eines Uhrwerks zu innerer Anspannung, Veränderungen von Puls und Blutdruck, Hormonhaushalt, Nerven- und Immunsystem … mein Körper reagiert, versetzt sich in einen Alarmzustand, fährt Abwehrsysteme hoch und nicht überlebenswichtige Funktionen runter. Der passendste Vergleich für mich ist der mit einer Allergie, auch wenn es sich hierbei nicht um eine klassische Allergie handelt, so ist es doch eine physische Überreaktion, die sich nur schwer oder gar nicht steuern lässt. „Sterbende Schwäne“ sind für mich toxisch, sie machen mich krank – auf körperlicher Ebene – selbst wenn mir die Person dahinter per se gleichgültig ist, ihre Schwingung ist es nicht. Da ich sie nicht blockieren kann, bleibt nur ausgleichen und loswerden, was mich eine Menge meiner Energie kostet, weshalb ich Menschen, die in der „Hölle des Leidens“ feststecken – so weit mir das möglich ist, vermeide. Aber das führt mitunter dazu, dass ich missverstanden werde. Ein fataler Kreislauf …

… oder Schicksal. Bestimmung.

Vielleicht ist es meine Bestimmung, anderen Einblick (und damit ein wenig Nachvollziehbarkeit oder Verständnis) in eine (Wahrnehmungs)Welt zu geben, die anders ist – multidimensional. In der alles mit allem in Verbindung steht und (bewusstes) Denken/Fühlen/Agieren/Reagieren in komplexen Zusammenhängen so alltäglich ist wie Zähneputzen. Weder angestrengtes „ich will besonders schlau rüberkommen“ noch überhebliches „hey, ich bin was Besseres“. Es ist einfach – meine Art, diese Welt und Menschen wahrzunehmen. Weder kann ich noch will ich das abstellen. Ich könnte mir die Augen verbinden und geräuschunterdrückende Kopfhörer aufsetzen, es würde nichts daran an, fühlend wahrzunehmen, was rund um mich ist – die Schwingung anderer Menschen, von Freude über Trauer, Scham, Leid, Schmerz, Wut, Ablehnung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit … die gesamte Bandbreite menschlichen Fühlens. Das, was gelebt und gezeigt wird, ebenso wie das, das verdrängt und unterdrückt wird. Letzteres ist meistens noch viel intensiver spürbar als die Oberfläche, weil es im Dunkel des Unbewussten liegt, in einer Ebenen, in der wir – so meine Wahrnehmung – alle verbunden sind.

Good Vibes sind und waren nie ein Problem – aber echte, in die Tiefe reichende Good Vibes sind selten. All zu oft kaschieren sie an der Oberfläche, was noch da ist …

Meine selbstkritische Ader hinterfragt natürlich, ob ich mir das alles nicht nur einbilde, auf andere projiziere was in mir ist. Früher war das sicherlich öfters der Fall. Inzwischen habe ich gelernt, recht gut zu unterscheiden zwischen dem, was „meins“ ist und dem anderen. Das gelang vor allem dadurch, dass ich mit dem beschäftigt habe, was in mir ist. Mit ziemlicher Sicherheit habe ich noch nicht alles gefunden und aufgelöst, aber ich habe Routinen entwickelt, zwischen „meinem“ und dem anderen zu unterscheiden. Eine weitere Facette von gelebter Multidimensionalität.

Vielleicht vermitteln diese Zeilen einen Einblick in etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt, aber wichtig ist, um zu verstehen und zu akzeptieren, das „Anderssein“ weder richtig noch falsch, sondern einfach nur eine weitere Facette der Vielfalt ist, die das Leben bereichert. Leben ist stets multidimensional.

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RUHE UND GELASSENHEIT

Mein letzter Blog liegt beinahe einen Monat zurück. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist. Unbeschreiblich, was alles in dieser Zeit geschehen ist. Meine Versuche, all das irgendwie zusammenzufassen, scheitern. Die Ereignisse gleichen einer Achterbahn, die permanent rauf und runter fährt, ohne zu stoppen, doch ich sitze nicht drin. Nicht so wie früher, als ich das Gefühl hatte, fremdgesteuert über die Achterbahn zu rasen. Diesmal stehe ich davor, in ziemlich umfassender Ruhe und Gelassenheit, und beobachte, was geschieht. Handle, wenn es nötig ist. Die Welt rund um mich fährt auf der Achterbahn. Es fühlt sich gut an, aber auch irritierend.

In den vergangenen Wochen habe ich enorm viel verarbeitet, in Abgründe geblickt, mich selbst wieder und wieder hinterfragt, habe Klarheit gewonnen und verworfen.

Heute sitze ich – wieder einmal – auf einem Berg und frage mich, ob ich jemals einen Menschen treffen werde, der eine derart komplexe Persönlichkeit wie mich vollständig erfassen kann. Oder ob ich mich damit begnügen soll, bruchstückhaft gesehen zu werden. Ob diese Gedanken ein Zeichen von Überheblichkeit meinerseits sind – oder einfach nur die durch Worte verzerrte Wiedergabe dessen, was ich in mir fühle.

Die aktuelle Diskussion der Fachwelt, ob BPS nun zu Neurodivergenz zählt oder nicht, habe ich – als Betroffene – für mich klar entschieden: JA, tut es. Ich erlebe es tagtäglich, wie „anders“ ich ticke. Spreche ich offen über das, was ich wahrnehme, ernte ich Staunen – und die Gewissheit, für die Mehrheit in einer „anderen, erweiterten Welt“ zu leben. Je mehr ich mich darauf einlasse und diese „andere Welt“ in meinen Alltag integriere, desto komplexer wird mein Bild, desto klarer wird aber auch, wo die es hakt, wo es Brücken braucht, um „normal“ und „anders“ in einem harmonischen Ganzen zu verbinden.

Apropos Harmonie: die derzeit wohl größte Herausforderung für mich ist jene, im Job mit einer für mich absolut toxischen Person zusammenzuarbeiten. Ich könnte aussteigen, davonlaufen, doch was würde ich mitnehmen? Auf der anderen Seite: zu bleiben bietet die Chance zu lernen, mich weiterzuentwickeln. Ja, ich werde getriggert, aber ich habe meine (emotionalen und sonstigen) Reaktionen unter Kontrolle. Geht’s nicht genau darum? Nicht durch Trigger fremdbestimmt zu sein, sondern resilient gegenüber dem „Unvermeidbaren“? Der aktuellen Herausforderung könnte ich ausweichen und aussteigen, doch bereits morgen könnte die nächste toxische Person meinen Weg kreuzen. Durch diese Zusammenarbeit (wenn man es denn so nennen mag) habe ich die Gelegenheit, meine Fertigkeiten im Umgang mit toxischen Personen zu trainieren und zu optimieren. Das Leben bietet mir eine Chance, denn ich der aktuellen Herausforderung bin ich nicht allein. Es gibt andere, die mir im Bedarfsfall zur Seite stehen, Raum für Psychohygiene, Wertschätzung. Ein Umfeld, das erkennt, dass in mir noch ungeahnte Potenziale schlummern. Ein Umfeld, das die Borderline-Stärken zu schätzen weiß. Ein Umfeld, in dem ich sein kann, wer ich bin.

All das und mehr dreht Runden auf der Achterbahn um mich, während ich in Ruhe verharre. Alles ist in Bewegung, ich bleibe gelassen; die Achse, der Nabel meiner Welt; die Sonne, um die alles kreist. Ich bestimme mein Denken und Fühlen – darauf kommt es an. Mehr braucht es nicht, um aus der Achterbahn auszusteigen.

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