SEELENHEILUNG

Wie kann die Seele geheilt werden? Wie die Angst für neuerlicher Verletzung überwunden und zurück ins Urvertrauen gefunden werden?

Darauf gibt es keine Antwort im Sinne von „ein bisschen hiervon, ein Hauch davon, ganz viel von was auch immer“. Es gibt kein Universalrezept, auch wenn manche Stimmen genau das versprechen. Jede Seele ist einzigartig, jede Lebensgeschichte eine Sammlung individueller Erfahrungen, jede Heilung eine Reise zu sich selbst. Manchmal sind es kleine Schritte, ein anderes Mal große Sprünge ins Unbekannte, die es zu meistern gilt.

Das Ziel gleicht einer fernen Erinnerung, wer wir einst waren, vor den Verletzungen – und wer wir immer noch sind, unter all den Narben, hinter den Mauern, zurückgezogen in den Schutz der Unnahbarkeit, der Unberührbarkeit. Für den Weg gibt es keine Karte, nur einen Kompass: unser Herz.

Auch wenn niemand anders für uns die Schritte gehen kann, sind wir doch niemals allein auf dieser Reise. Jede Seele sucht und findet ihre Begleiter. Manchmal läuft es g’schmeidig, ein anderes Mal stoßen wir uns wieder und wieder den Kopf, drehen uns im Kreis, fallen und stehen wieder auf. Nichts davon ist „umsonst“, alles hat seinen Sinn.

Heilung braucht ihre Zeit und hat ihren Preis: Loslassen … Schmerz, Anklage, Schuldgefühle, Scham, Zweifel … was auch immer es ist, an dem wir festhalten in dem Irrglauben, wir wären unzureichend.

Heil zu werden bedeutet, Meisterschaft zu erlangen, sein Leben zu meistern, mit allem, was da kommen mag. Zurückzublicken auf all das, was hinter uns liegt, frei von Schmerz, und es als das anzuerkennen, was es war, wissend, dass es uns an diesen Punkt im Leben geführt hat, der den Samen in sich trägt, aus dem das Morgen erwächst.

Heilung ist etwas Sanftes, wie ein Tautropfen, der sich frühmorgens auf unserer Seele einfindet und das Licht der aufgehenden Sonne in uns und in die Welt hinauslenkt. Eine liebevolle Berührung der Vergänglichkeit, ein Verharren in der Unendlichkeit eines Augenblicks. Leise, vibrierend, lebendig.

Dort, in den stillen Momenten, kann Wundervolles geschehen, können Narben verblassen, kann eine Seele heil werden.


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WANN BEGINNT ZUVIEL?

Eine verdammt gute Frage. Eine berechtigte Frage. Eine Frage, die ich mir wieder einmal stelle. Wenn der Anblick eines auszuräumenden Geschirrspülers Tränen und das Gefühl von „ich kann nicht mehr“ auslöst, wurde der Zeitpunkt bei mir definitiv bereits überschritten. Was nun hilft, sind weder Drama noch Selbstverwürfe oder dergleichen, sondern mich selbst in den Arm zu nehmen – und eine nüchterne (Selbst)Analyse auf der Couch inklusive Kursänderung.

Wochenlang auf 200% unterwegs – wer kann das, wenn nicht ich? Ach ja, Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Aber handelt es sich um Hochmut? Phasenweise am Limit – sprich 100% – unterwegs zu sein, ist nicht das Problem, wenn es denn auch Phasen unter 100% gibt, in denen die Batterien aufgeladen und die Spannung abgebaut werden kann. Wenn nicht … dann kommt irgendwann der Moment, in dem ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Der Schritt über den Rand der Klippe hinaus in den Abgrund. Ein klein wenig bildhafte Theatralik, um die Ernsthaftigkeit hervorzuheben.

Der Weg auf die Klippe ist lang, besteht aus sehr vielen Schritten, aber letztendlich ist es ein einziger Schritt, der von der sicheren Seite in den alles verschlingenden Abgrund führt. Selbstredend wäre es gesünder, frühzeitig den Kurs zu ändern und nicht erst am Rand der Klippe stehend, aber – um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen – wann ist dieser Moment? Falls dieser Moment sich mittels eines Zeichens bemerkt zu machen versucht hat, habe ich es (bewusst oder unbewusst) ignoriert. Weshalb ich nun auf meiner Analyse-Couch sitze, mir zwei Tage Rückzug verordnet habe und reflektierend zurück und nach innen blicke, eine Antwort suchend.

Über Erfolge zu schreiben, ist motivierend – über ein (Beinahe) Scheitern ernüchternd … aber auch eine wichtige Phase des Lernens, der (Selbst)Erkenntnis.

Der ungeschönte Blick in den Spiegel.

Ein Teil von mir WILL sich am oberen Rand der Klippe bewegen. Dort fühle ICH mich enorm lebendig, wenn ich Höchstleistungen erbringe, von denen andere vielleicht nicht mal zu träumen wagen. Wenn ICH unmögliches möglich mache. Wenn ICH es hinbekomme. Durchschnittlichkeit fühlt sich für mich un-lebendig an, dumpf, farblos, schal, mitunter erstickend. Als würde all das, was mich umgibt, sich wie ein Nebel über und um mich legen, ich Teil des Nebels werden. Mich von meinem Umfeld abzuheben, eröffnet die Chance, als ICH zu überleben. Klingt nach einem Minderwertigkeitskomplex? Ist es aber nicht. Mangelnder Selbstwert? Fehlanzeige. Es geht nicht darum, irgendetwas irgendwem zu beweisen, sondern schlichtweg darum, mich selbst zu spüren, ICH zu sein.

Paradoxerweise – oder vielleicht auch logischerweise – braucht es all das nicht, wenn ich allein bin, irgendwo da draußen in der Natur. Dann spüre ich MICH, spüre die feinsten Nuancen auf dem Weg zur Klippe, halte mich in einem gesunden, sicheren Bereich.

Woraus sich eine simple Schlussfolgerung ergibt: Halt dich von Menschen fern, und es geht dir gut.

Wie war das noch gleich? Das Umfeld stellt einen wesentlichen Faktor dar, wenn es um die (emotionale) Stabilität von Borderlinern geht. Definitiv! Aber Achtung: Damit ist NICHT gemeint, die Schuld bzw. Verantwortung ins Umfeld zu delegieren und sich selbst als Opfer der Umstände bzw. des Umfeldes zu sehen. Mitnichten! Vielmehr mahnt die Erkenntnis, wieder verstärkt auf die Balance zu achten. In Phasen mit – zugegeben: erforderlichen – hohen Belastungen entsprechende Auszeiten rechtzeitig einzubauen, nach Möglichkeit zu priorisieren, zu delegieren und auch mal NEIN zu sagen … kurz gesagt: aktive Selbstfürsorge!

Warum ich (wieder einmal) an diesen Punkt gekommen bin? Weil es offenbar noch etwas zu lernen gibt für mich und das Leben in seiner unendlichen, mir nicht vollständig erkennbaren Weisheit beschlossen hat, diese Lektion JETZT auf meinen Prüfungsplan zu schreiben. Gilt es etwas loszulassen? Oder etwas anzunehmen? Oder Beides? Die Antwort ist längst da. Sie findet sich in mir, davon bin ich überzeugt, und sie wird sich offenbaren, sobald ich bereit dafür bin – in die Ruhe und Gelassenheit zurückgekehrt. Auf jeden Fall kann ich daraus einige Impulse für mein aktuelles Buchprojekt mitnehmen, das derzeit ruht, weil ich ohnehin bereits auf 200% unterwegs bin … unterwegs war … jetzt ist erstmal Teetrinken auf der Couch angesagt 😉

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GEDANKENKARUSSELL

Wenn die Gedanken kreuz und quer laufen – oder sich im Kreis drehen – so wie in diesem Augenblick, ist es gar nicht so einfach, einen Anfang zu finden. Da hilft nur eines: aufs Karussell aufspringen und schauen, wohin es fährt.

Vor ein paar Tagen wurde ich mit einem Engel verglichen, der zum richtigen Zeitpunkt da war, um einen jungen Menschen aufzufangen und neue Blickwinkel zu eröffnen. Nicht zum ersten Mal, doch neuerlich brachte es mich zum Schmunzeln, denn ich sehe mich selbst als vieles, aber definitiv nicht als Engel – eher als (B)Engelchen 😉

Arbeiten bis ans Limit der Belastungsgrenze? Nichts neues, notwendig, vorübergehend.

Am Berg oben stehen, den Moment teilen, über den Wolken zu sein und doch mit beiden Beinen fest am Boden stehend. Neue Perspektiven, Weite, Freiheit, Leichtigkeit.

Eine (von meinen zahllosen Ideen) manifestiert sich in der Realität, bringt Menschen zusammen, die einander sonst nicht begegnen, lässt sie ihre Erfahrungen teilen, ihre Sorgen ebenso wie ihre Hoffnungen. Freude, Motivation, Inspiration, Kraft.

Dazwischen erzähle ich meine Geschichte – gefühlt 100x während einer Buchmesse – immer und immer wieder, erreiche Menschen, Betroffene, erstaunte Blicke, in denen sich die Frage widerspiegelt: Kann es auch mir gelingen?

Offenheit lautet der Schlüssel, der das Tor zu den Herzen der Menschen und ihren Seelen öffnet. Meine Offenheit, über mein Leben und meine Erfahrungen ohne Scham, Reue oder Schuld zu sprechen, frei von Vorwürfen, Anklagen und Schuldzuweisungen. Wenn meine Geschichte zu einem Impuls der Veränderung für andere wird, empfinde ich Dankbarkeit, dann bekommt all das, was geschehen ist, einen tiefen, lebensbejahenden Sinn. Deshalb erzähle ich meine Geschichte immer und immer wieder, aber ich erzähle sie nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst – um mich selbst daran zu erinnern, wer ich bin, denn im Alltag kann genau das allzu leicht verloren gehen inmitten der (oft auch gut gemeinten) Zuschreibungen. Was auch immer andere in mir sehen, es ist ihr Bild von mir – nicht das meine. Manchmal mag es Übereinstimmungen geben, doch häufig bin ich nur ein Spiegel, in dem sie sich selbst suchen.

Alles dreht sich im Kreis. Planeten, Galaxien, Protonen, unser Blut im Körper, Jahreszeiten … auch mein Gedankenkarussell.

Vor einigen Jahren traf ich für mich die Entscheidung, die zweite Hälfte meines Lebens dafür zu verwenden, etwas zu bewirken. In der ersten folgte ich dem Weg, der mir vorgegeben worden war: ausgerichtet auf materielle Ziele. Ich definierte mich über den Satz „ich habe, also bin ich“. Heute sage ich: „Ich bin, wer ich sein will.“ Materielles? Manches erleichtert das Leben, anderes sorgt für Komfort, doch das meiste ist schlichtweg Ballast, der früher oder später auf dem Sperrmüll landet – so wie das, was meine Mutter über Jahrzehnte angesammelt hatte. Leichtigkeit im Leben geht für mich mit dem Loslassen von Ballast einher – in allen Bereichen des Lebens: geistig, emotional, materiell. Letztendlich besitzen wir nichts wirklich, nicht mal unser Leben, denn auch das ist nur von der Ewigkeit geliehen. Wir sind alle auf der Durchreise, können weder die in die Vergangenheit zurück noch in die Zukunft springen. Nur in diesem Augenblick, im Hier und Jetzt, existieren wir.

Ab und zu hüllt sich dieser Augenblick in Dunkelheit, trage ich schwarz, weil jede andere Farbe sich falsch anfühlt. Dann braucht der feurige Funken Lebensfreude den Schutz der Dunkelheit, jener Dunkelheit, die ein Teil von mir ist, immer war und immer sein wird. Jene Dunkelheit, die mir hilft, das Strahlen meines Lichtes zu erkennen. Die Gegensätze zu vereinen, die Widersprüche aufzulösen, alles anzunehmen, wie es ist – das ist mein Weg, die Herausforderung Borderline zu meistern. Manchmal helfen dabei ein paar Runden auf dem Gedankenkarussell, um wieder jene Klarheit zu finden, die im Trubel des Alltags kurzfristig getrübt wurde.

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DEEP MINDED STUFF

„Manchmal braucht es keine geschriebenen Worte. Manchmal sind es gesprochene in zufälligen Begegnungen des Lebens. Selbstheilung kann auf vielfältige Weise geschehen. Alles kann Therapie sein, wenn wir uns bewusst darin reflektieren.

Sehne dich nicht nach dem, was es nicht ist, sondern freue dich an dem, was es ist. Erlaube dem Leben Regie zu führen in dem Vertrauen, dass dir genau das begegnen wird, was dich jetzt weiterbringen kann.“

Vor einigen Tagen tauchten diese Gedanken unvermittelt in meinem Bewusstsein auf, als ich den Facebook den Beitrag einer Freundin las. Im ersten Ansatz dachte ich, diese Worte wären für sie bestimmt. Bei nachträglicher Betrachtung – auch der Ereignisse, die seither geschehen sind – entdecke ich darin ganz viel für mich selbst. Allein der gestrige Tag …

Buchmesse. Lesley und ihre Bücher. Lesley und ihre Geschichte. Lesley und ihr Weg, aus dem Problem Borderline das Potenzial Borderline zu machen. Wie oft ich das gestern erzählt habe? Keine Ahnung. Ich habe Ideen weitergegeben, Samen gesät, innere Bilder ein wenig retuschiert … beobachtet, wie Menschen auf das reagieren, was ich sage – und auf das, was ich bin.

Spät abends noch eine Runde Reflexion. Bei manchen Menschen hatte ich das Gefühl, sie würden mich ablehnen, aber war es wirklich Ablehnung? Oder vielleicht Unverständnis? Überforderung? Ein Spiegel, den ich ihnen vor Augen halte und in den sie (noch) nicht blicken wollen? Alle (inneren) Anklagen gegen das Leben, Menschen, Geschehnisse der Vergangenheit fallen zu lassen um im Hier und Jetzt frei zu werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei von den Verstrickungen des längst nicht mehr Veränderbaren? Wer will das schon? Wer will auf seinen (gerechten) Zorn verzichten? Es geht nicht um verzeihen, nicht um das Erhöhen der eigenen Position, die damit einhergeht, die Schuld und damit die Last von den Schultern anderer zu nehmen, sondern es anzunehmen, als das, was es war: ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, die Gegenwart zu erschaffen. Hadere ich mit meiner Vergangenheit, hadere ich mit dem, was aus ihr hervorging: ICH.

Innerer Frieden beginnt damit, es sein zu lassen, was es war, daraus zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Zukunft anders zu gestalten. Wie viele kennen diese Theorien? Wie wenig leben danach?

Gewiss, nicht alle Menschen streben danach unter die Oberfläche zu blicken oder die uns bestimmenden Dynamiken und Systeme zu erforschen. Viele leben ein gutes, zufriedenes Leben ohne alle dem „deep minded stuff“. Aber um ein Thema wie Borderline zu lösen, braucht es – meiner Erfahrung nach – einiges an deep minded stuff, weil die Wurzel genau dort verborgen liegt, ganz tief drin. Oberflächenkosmetik kann kurzzeitig kaschieren, doch nachhaltige Veränderung erfordert mehr. In meinem Fall: Achtsamkeit und bewusste Reflexion.

Alles kann Therapie sein, wenn wir uns darin reflektieren.

Jede zwischenmenschliche Begegnung, jedes einzelne Wort, jeder Moment des Lebens, wenn wir bereit sind, anzunehmen, was es ist: Ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, mich in dieser Gegenwart zu erschaffen.

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IRGENDWO ZWISCHEN MORAL, REUE UND SELBST(FÜR)SORGE

Mein aktueller Status lässt sich gar nicht so leicht festlegen. Irgendwo … sind da die Momente, in denen ich zutiefst bereue, mich in den vergangenen Monaten nicht mehr und vor allem fürsorglicher um meine Mutter gekümmert zu haben. Gleich darauf ertappe ich mich in der Zerrissenheit zwischen meinem moralischen Gewissen und den ungeschönten Erinnerungen, mich niemals bei meiner Mutter geborgen oder von ihr auch nur angenommen gefühlt zu haben. Dazu noch all die schmerzhaften Erinnerungen, die mit manchen Stücken der Hinterlassenschaft unvermittelt aufpoppen.

Wie weit geht moralische Verpflichtung? Wo beginnt Selbst(für)sorge? Wann wird daraus Selbstaufopferung?

Vermutlich gibt es eine Menge Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen konfrontiert sehen. Seit dem Tod meiner Mutter sind zwei Monate vergangen. Ich habe ihr Ableben akzeptiert, auch wenn es sich ab und zu noch immer befremdlich anfühlt.

Wohin geht meine Reise?

Ich war ein Kind, das sich nach Liebe sehnte. Aus diesem Kind wurde eine erwachsene Frau, die unerschütterlich an die (Heil)Kraft der Liebe glaubt. Wahrer (innerer) Frieden kann nur Hand in Hand mit bedingungsloser Liebe entstehen.

Meine Prioritäten im Leben verschieben sich. Was ist wirklich wichtig? Was erstrebenswert? Geld? Macht? Oder Seelenfrieden? Letztere mag wie Luxus anmuten. Oder auch nicht. Wie viele faule Kompromisse braucht es im Leben?

Es gibt Zeiten, da geht es nicht darum, die Antworten zu kennen, sondern Fragen zu stellen. An so einem Punkt bin ich gerade, irgendwo zwischen Moral, Reue und Selbst(für)sorge, die Weichen für meine Zukunft stellend, unklar darüber, wohin es gehen soll/wird. Stillstand? Selbstreflexion? Nichts in diesem Universum steht jemals tatsächlich still. Jeder Atemzug, jeder Herzschlag bringt eine Veränderung mit sich.

Auf Pixabay.com fand ich das Bild zu diesem Beitrag. Es hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Das Werk eines Weltenbauers. Ich fühle mich derzeit ebenfalls wie eine Weltenbauerin. Ich erbaue meine Welt neu aus vielem, das mich bereits seit längerem begleitet, und aus dem, was gerade erst Teil meines Lebens wurde. Ein lebendiges Werk, das sich mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag verändert. Vieles wird bleiben, manches wird gehen, neues wird kommen… so wie das nun einmal ist im Leben. Wir alle sind stets irgendwo auf der Durchreise.

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DAS GEHEIMNIS DES SCHEITERNS

Es beginnt damit, dass man (wieder einmal) eine Entscheidung trifft, das eigene Leben zu verändern. Raus aus den störenden (häufig zerstörerischen) Verhaltensmustern und Beziehungen! Ob ein Gespräch, ein Vortrag, ein Buch … etwas setzt den Impuls und die Motivation springt begeistert darauf an. Ab Morgen soll alles anders werden. Soll. Tatsächlich ändert sich jedoch kaum etwas. Warum? Weil Scheitern ein Teil des (eigenen) Programms ist. Wenn die innere Wirklichkeit aus einem mangelndem Selbstwert und Selbstvertrauen besteht, wird der eigenen Erfolg meist (unbewusst) sabotiert.

Eine Erfahrung, die ich mit vielen Betroffenen teile: Das wiederkehrende Scheitern, allen Versuchen zum Trotz. An guten Vorsätzen mangelt es selten, ebenso wenig an erstrebenswerten Zielen. Dennoch will es nicht gelingen, sich von den alten Mustern zu befreien. Mit jedem Zurückfallen steigt die Gewissheit, unfähig zu sein, zu schwach, ein hoffnungsloser Fall, zurück auf der Achterbahn, im düstersten Selbstbild, im Drama …

Schluss mit der Selbstdemontage! Warum wir Scheitern, ist (kein) großes Geheimnis, eher etwas, das häufig schlichtweg ignoriert wird. Dabei geht es nicht so sehr um die ultimativen Entscheidungen (Ausstieg aus der destruktiven Borderline Dynamik). Die sind zwar wichtig, aber worauf es wirklich ankommt, sind die alltäglichen Kleinigkeiten. Banalitäten, die alles andere als banale Auswirkungen auf uns und unser Leben haben.

Als ich meine Diagnose mit Mitte 40 erhielt, hatte ich Jahrzehnte auf der emotionalen Achterbahn inklusive zwei Burnouts hinter mir – und viele Jahre, in denen ich aktiv auf der Suche nach „Alternativen“ war. Dank diverser Ausbildungen hatte ich ein Gespür für das Erkennen und Auflösen von Glaubenssätzen entwickelt, beherrschte Reframings und Ankertechniken, konnte meine Blickwinkel auf ein Thema bewusst wechseln … Coaching anderer fiel mir leicht, nur meinem eigenen (ziemlich ausgedehnten) blinden Fleck konnte ich (noch) nicht entkommen. Das gelang erst viel später. ABER ich hatte Fähigkeiten (oder neumodisch formuliert: Skills) trainiert, die essenziell sind, um Scheitern in Veränderungsprozessen zu verhindern.

Am Anfang des Ausstiegs aus der destruktiven Borderline-Dynamik steht eine Entscheidung, doch ohne dem dazugehörigen Veränderungsprozess geschieht … NICHTS.

Dieser Veränderungsprozess ist ein (lebenslanger) Weg der kleinen, konsequenten Schritte.

Mein inneres Bild wurde in meiner Kindheit aufgrund unzähliger Erlebnisse geprägt, viel zu viele davon belastend und mit negativen Emotionen wie Angst, Schmerz, Scham und dergleichen verbunden. Was nahezu völlig fehlte, waren Selbstliebe, Vertrauen, Geborgenheit, Lebensfreude … In einem Seminar begegnete mir einmal die Aussage, dass es für jeden Negativ-Impact im Leben zehn positive braucht, um die Wirkung auf uns auszugleichen. Meteoriteneinschläge (Impacts) in unsere Seele nenne ich seither traumatische Erlebnisse, denn sie hinterlassen regelrechte Kraterlandschaften. Dank der Skills, die ich im Laufe der Zeit erworben habe, begann ich bereits Jahre vor meiner Diagnose, einen Teil der Kraterlandschaft meiner Seele wieder zu revitalisieren. Zu Beginn waren es die klassischen Affirmationen, die ich seitenweise in bunte Hefte mit wunderschönen Bildern schrieb. Ich umgab mich mit lebensbejahenden Botschaften in vielfältiger Form, solange, bis ihre Anzahl jene der belastenden Erinnerungen um ein Vielfaches überwog.

Gleichzeitig arbeitete ich konsequent an meinen Sprachmustern, an den Worten, die ich verwendete. Problemrahmen versus Lösungsrahmen. Halbleer versus Halbvoll. Weg vom Problem oder hin zu Lösung? Wo liegt der Fokus? Der Fokus bestimmt was kommt. Mit diesem gut bestückten Werkzeugkoffer setzte ich nach meiner Diagnose meinen Veränderungsprozess fort und tue das bis heute. Mittlerweile kann ich all meine Fähigkeiten auch sehr gut für mich selbst einsetzen. Mein blinder Fleck ist drastisch geschrumpft, auch Dank etlichen Therapie- und Coachingeinheiten, die dabei halfen, mein Eigenbild mit einem oftmals gänzlich anderem Fremdbild abzugleichen.

Dennoch, es war nicht DIE eine Entscheidung, die mein Leben verändert hat, sondern die Unzahl an kleinen alltäglichen Entscheidungen, meinen Fokus auf jenes zu lenken, das einen positiven Impact erzielt. Im Job habe ich oft genug nicht diese Entscheidungsfreiheit, aber dafür umso mehr in meinem Privatleben. Deshalb ziehe ich mich häufig zurück in die Natur. Kaum etwas anderes ist derart lebensbejahend wie das Leben in seiner (unzivilisierten) natürlich Form. Inspiration pur. Auch was die oftmals schwierige Thematik des Loslassens betrifft. Meiner Beobachtung nach halten Borderliner (aber auch andere Menschen) mitunter ausdauernd an toxischen Beziehungen fest, weil es eine ihrer Stärken ist, in belastenden Umfeldern überdurchschnittlich lange zu überleben. Eine Erfahrung, die ich ebenfalls selbst machen durfte.

Bei all dem geht es nicht um Stärke oder Schwäche, sondern um Konsequenz. Von all den Borderlinern, die ich persönlich kenne, erlebe ich keinen einzigen als schwach, sondern vielmehr konsequent darin, die eigene Kraft dafür einzusetzen, sich selbst im Weg zu stehen oder im Problemrahmen festzuhalten. Alles, was lebendig ist, hat eine natürlich Tendenz zur Selbstheilung – ausgenommen, man stellt sich dieser (bewusst oder unbewusst) entgegen. Festhalten am Problem, an der Idee, ein Problem zu sein, kaputt, krank … Das Herausfordernde an Ideen ist, dass sie – wenn sie mal im Kopf angekommen sind – nicht einfach so verschwinden. Es braucht dann eine neue Idee, die gehegt, gepflegt, gestärkt wird, damit sie gedeiht, bis eine neue lebensbejahende innere Wirklichkeit daraus entstanden ist.

Wähle ich für mich den Weg des gedeihenden Lebens – oder den Weg der (Selbst)Zerstörung? Eine Grundsatzentscheidung, die sich in jeder noch so scheinbar „unwichtigen“ Entscheidung meines Lebens dupliziert. Von dem, was ich denke, sage, mit meinem Körper tue bis hin zu den Menschen, mit denen ich mich umgebe.

Selbst wenn ich diesen Weg eingeschlagen habe, kann immer noch etwas schiefgehen, nicht so gelingen, wie ich es mir vorgenommen habe. Bin ich dann gescheitert? Nein! Wer Jahre oder gar Jahrzehnte auf eingefahrenen Gleisen unterwegs war, darf nicht erwarten, dass von Heute auf Morgen alles anders wird, nur wegen einer Entscheidung, ganz gleich, wie weltbewegend sie auch sein mag. Eine Entscheidung ist wie eine Weiche, über die wir in eine andere Richtung steuern. Heftige Erschütterungen, Gegenwind, Störfaktoren, Menschen, die uns dort halten wollen, wo wir nach ihrer Ansicht nach hingehören … all das kann dazu führen, dass wir ins alte Gleis zurückspringen. Das geschieht und ist ein Teil des Veränderungsprozess. Leben geschieht. Jedes Ereignis auf unserem Lebensweg – auch Rückfälle – sind eine Gelegenheit, sich neu auszurichten, zu entscheiden, eine weitere Weiche zu setzen, neuerlich dem selbstgewählten (!) Weg zu folgen. Ganz gleich, wie verlockend es auch sein mag, sich ins (gewohnte) Drama fallen zu lassen und das „Scheitern in vier Akten“ auf den Spielplan zu setzen. Dem gilt es liebevoll zu widerstehen. Scheitern trägt auch die Facette mangelnder Selbstliebe in sich, denn wenn ich einen respektvollen, würdevollen und wertschätzenden Umgang mit mir selbst pflege (die Konsequenz meiner Grundsatzentscheidung eines gedeihenden Lebens), komme ich gar nicht auf die Idee, mich als gescheitert zu betrachten. Stattdessen erkenne ich eine weitere Prüfung auf meinem Weg, eine Gelegenheit des Reflektierens, Lernens und mich Weiterentwickelns. Vielleicht auch des Loslassens.

Das Geheimnis des Scheiterns ist ebenso wenig geheimnisvoll wie das Geheimnis des Erfolges. Beide beruhen auf Konsequenz im Tun – pro oder contra. Die gute Nachricht: DU kannst in jedem Augenblick deines Lebens selbst entscheiden.

Gestern entschied ich mich, auf einen Berg zu steigen, um in diesem wunderschönen Bergsee zu Baden. Ich akzeptierte einen Weg, der aus 850 Höhenmetern Anstieg bestand, was 2,5 Stunden schweißtreibendes Steigen bedeutete und einer Begegnung mit mir selbst, mit Gedanken und Gefühlen, die im Alltag so tief unter der Oberfläche verborgen liegen, dass ich kaum an sie rankomme. Alte Krater in meiner Seele sprachen zu mir, zeichneten Bildern einer Person, die ich nicht (mehr) bin, vielleicht nie war. Sie erzählten mir ihre Sicht der Dinge, und ich ihnen meine. Auf den Felsen neben mich setze sich ein wunderschöner Schmetterling, blieb nahezu eine Stunde lang bei mir, brachte mich zum Lächeln – ein weiteres Bild, das sich über das des Kraters legt.

STILLSTAND?

In den vergangenen Wochen habe ich mich bewusst von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit dem Tod meiner Mutter und auch bereits davor, kehrten eine Menge vergessene und/oder verdrängte Erinnerungen zurück. Es brauchte Zeit, diese zuzulassen, sich ihnen zu stellen, sie neu zu bewerten und ihren Einfluss auf mein heutiges Leben zu hinterfragen. Gleichzeitig stoppte ich fast abrupt einige meiner kreativen Hobbies, ließ quasi von jetzt auf gleich ruhen, was mich in der ersten Jahreshälfte intensiv beschäftigt hatte. Stricknadeln, Nähnadeln & Co im Stillstand. Ich auch? Ganz und gar nicht.

Seit sehr langer Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gönne ich mir eine Phase des „Nicht-ständig-beschäftigt-seins“. Anders gesagt: ich gewöhne mich an den Zustand von Ruhe und Gelassenheit (abseits vom Job). Der Tod meiner Mutter ließ mich einiges erkennen, dass ich von ihr (als Kind und somit absolut unbewusst) übernommen und bis vor kurzem gelebt hatte. Übernommene Gefühle und Stimmungen können wie ein Stein im Schuh drücken – bis man sprichwörtlich den Schuh auszieht und den Stein entfernt. Das habe ich getan. Das hat einiges an Veränderungen in meinem Leben bewirkt und tut es noch immer, weshalb ich mir die Zeit nehme, all die Impulse, die kommen, all die Erinnerungen, all die Gedanken und Gefühle, in Ruhe und Gelassenheit auf mich wirken zu lassen. Was gehört (noch) zu mir? Was darf gehen? Verschüttete Anteile meiner Persönlichkeit sind aufgetaucht und es gilt herauszufinden, wie sie in mein heutiges Leben passen.

Vielleicht ist das meine Form zu trauern. Da ich nie zuvor getrauert habe, fällt mir die Zuordnung schwer. Was wie Stillstand anmutet, gleicht einem mächtigen Fluss, dessen Wasser ruhig zwischen den Ufern ihrem Weg folgen, gleichmäßig, unaufgeregt, und doch unaufhaltsam, verändern sie die umgebende Landschaft, Tropfen für Tropfen. Ruhe und Gelassenheit, Lesley, Ruhe und Gelassenheit. Stillstand ist nur eine Illusion. Leben bedeutet Veränderung, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag.

Inmitten einer Welt, die ständig versucht, sich selbst zu überholen und dabei das Wesentlich allzuoft übersieht: Leben findet genau hier und jetzt statt, nicht gestern, nicht morgen, nicht irgendwo da draußen, sondern in dem einen Augenblick, den das Bewusstsein zu erfassen vermag. Wer in den Augenblick eintaucht, fällt aus der Zeit.

Stillstand?

Oder gelebte Achtsamkeit?

Wohin auch die Reise führen wird … der Weg ist das Ziel. Nie zuvor spürte ich die enorme Multidimensionalität dieser Worte. Der Weg kann so vieles sein, letztendlich wird er stets zu mir selbst führen.

Stillstand?

Ich lächle, schweigend, in Ruhe und Gelassenheit verweilend …

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MENSCHLICHE LOGIK

Zwei Wochen Auszeit – nach all dem, was seit Jahresanfang in meinem Leben geschehen ist, bis hin zum Tod meiner Mutter – eine wirklich notwendige Auszeit. Auf einer Partymeile oder einem überfüllten Strand wird man mich in diesen zwei Wochen nicht finden, aber auf langgezogenen Wanderungen durch die Natur, in den Bergen, allein, weil ich dieses Alleinsein brauche.

Es soll tatsächlich Menschen geben, die es nicht aushalten, allein zu sein. Ich finde es erholsam, kann mich voll und ganz auf mich selbst fokussieren, auf das, was mich beschäftigt – und das ist eine Menge.

Wenn ich allein unterwegs bin, begegne ich mir selbst… das ist etwas, vor dem (in meiner Wahrnehmung) viele Menschen davonlaufen. Sich mit all dem Ungelösten und Unterdrücktem in sich selbst auseinandersetzen, wer macht das schon freiwillig? Ich!

Nehmen wir mal all das Unterdrückte. Ich bin keine, die gerne pauschaliert, aber wenn ich mir Borderliner anschaue, erkenne ich (mindestens) einen gemeinsamen Nenner: Sie stehen alle massiv unter Druck, den sie selbst aufbauen. Druck erzeugt stets Gegendruck. Kann dieser Druck nicht konstruktiv abgebaut werden, entlädt er sich früher oder später destruktiv. Das vorherzusagen ist keine Hellseherei, sondern simple Logik.  

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben vieles in mir aufgewühlt, beinahe Vergessenes an die Oberfläche gespült, neue Perspektiven geschaffen, Erkenntnisse generiert … all das muss erst mal verarbeitet werden. Dazu nutze ich meine zwei Wochen Auszeit. Ich gehe bewusst Wege, die ich nie zuvor gegangen bin. Mein Gehirn schaltet dadurch auf Lernmodus, was auch den Prozess des Verarbeitens unterstützt. Reflektieren gehört zum erfolgreichen Lernen dazu, ganz gleich, worum es geht. Ob neue Wanderwege erkunden oder neue Gedankenmuster entwickeln – oder inneren Druck, der sich mitunter subtil tarnt, auf die Schliche zu kommen und ihn aufzulösen bevor unerwünschtes passiert.

Meine persönliche Theorie, warum Borderliner so viel Druck in sich aufbauen, ist recht simpel und erschreckend logisch: Borderliner sind in der Lage, es lange in einem für sie schädlichen Umfeld auszuhalten. Sie passen sich an, sind Meister der Anpassung. Vordergründig lässt sich darin eine Stärke erkennen, die aber eine Schattenseite hat. Aus Anpassung kann Überanpassung werden und – so ging’s mir lange Zeit – Selbstaufgabe. Dabei wird das eigene (meist unbewusst) verdrängt, unterdrückt, um angepasst zu sein… und da wären wir wieder beim Druck.

Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück aus meinem Alltag, manchmal nur für Stunden, diesmal für zwei Wochen, um achtsam auf all das zu blicken, was sich zeigt, wenn ich mir da draußen in der Natur selbst begegne. Vermisse ich etwas? Fehlt etwas? Oder bin ich mir selbst genügt? Bin ich die Quelle meiner Zufriedenheit, meiner Lebensfreude? Unabhängig von anderen? Selbstbestimmt? Frei?

In den vergangenen Wochen durfte ich einige sehr interessante, tiefgehende Gespräche führen, die um das Thema zwischenmenschliche Beziehungen kreisten. Diese können – so die Conclusio der diversen Diskussionen – nur dann wirklich gelingen, wenn zwei zusammentreffen, die sich jeweils selbst genug sind. Die nicht durch Bedürftigkeiten und Erwartungshaltungen verbunden sind, sondern durch Interesse am anderen, durch den Wunsch zu teilen und zu geben.  

Wer mit einem anderen Menschen eins werden möchte, muss zuerst lernen, mit sich selbst eins zu sein. Frei von Selbstanklage, Selbstablehnung oder -unterdrückung, weder Verdrängung noch Flucht lebend. Sich selbst voll und ganz annehmen, in sich all das zu finden, was es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer das erreicht, hat Wundervolles zu teilen und zu geben.

Wir können nur geben, was wir in uns haben. Eigentlich logisch 😉

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ALTE ERINNERUNGEN, NEUE PERSPEKTIVEN

Hinter mir liegen Tage der Trauer. Zum allerersten Mal in meinem Leben kann ich dieses urmenschliche Gefühl empfinden. Am Sterbebett meiner Mutter fiel meine (übernommene) Trauerblockade von mir ab. Danach überrollten mich die Emotionen.

Nie zuvor hatte ich beim Tod eines mir nahestehenden Menschen etwas gefühlt, ob es sich um meinen Großvater, meine Großmutter oder meinen Vater gehandelt hat. 2015 dachte ich, Trauer zu verspüren, als ich meine geliebte Katze Cleopatra nach 20 gemeinsamen Jahren über die Regenbogenbrücke entsenden musste. Aber verglichen mit dem, was ich in den vergangenen Tagen gefühlt habe, war es zwar ein Hauch von Trauer, der jedoch vom Gefühl einer existenziellen Angst überlagert wurde. Wovor ich Angst hatte? Nun, ich kam eines Abends von der Arbeit nach Hause, im Wohnzimmer standen zwei Koffer und mein damaliger Partner stellte unmissverständlich klar: entweder gehst du oder die Katze! Cleopatra hatte Krebs im Endstadium. Ich brachte es einfach (noch) nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Doch ich bekam weder seelische noch anderweitige Unterstützung von meinem Ex-Partner. Vor die Wahl gestellt, brachte ich Cleopatra damals ins Haus meiner Mutter, wo sie noch rund zwei Wochen lebte – und ich verkroch mich aus Furcht im Arbeitszimmer, versuchte unsichtbar zu werden um die Situation zu deeskalieren. Nahm all die Schuld auf mich. Für Trauer blieb kein Platz. Es herrschte wieder jener Zustand, den ich aus meiner Kindheit kannte: eingeschüchtert, machtlos, wehrlos, ausgeliefert, schuldig.

Zu jener Zeit war ich bereits in meiner heutigen Position, also bereits Führungskraft, trug Verantwortung, stand mit beiden Beinen im (Job)Leben, hatte den Ruf einer taffen, starken Problemlöserin … aber privat bestimmte mich noch meine Vergangenheit. Psychoterror, seelische Grausamkeit, Liebesentzug … all das war ein wiederkehrender Bestandteil meines Lebens. All das warf ich meiner Mutter lange Zeit vor. Während meiner Trauer veränderte sich mein Blickwinkel, kamen neue Perspektiven dazu, erweiterte sich mein Verständnis der Zusammenhänge. Vieles von dem, was ich erdulden musste, hatte auch sie ertragen. Vieles übernahm ich wohl von ihr, ungefragt, unreflektiert, unschuldig… vieles, aber nicht in der Lage, „erwachsen“ zu reagieren. Ich konnte leiden, aber nicht lösen.

Die Trauer um den tot geborenen Sohn, den sie nie im Arm halten durfte. Der unmittelbar nach der Geburt „entsorgt“ wurde, wie das damals so üblich war. Der Schock, der zum Erstarren der Gefühle führte, sowohl der Trauer als auch der Liebe für die Tochter, die später folgen sollte.

Jahrzehnte führte ich ein Doppelleben, stellte mich als Projektionsfläche (oder Zielscheibe) für andere zur Verfügung, die ihre unterdrückenden Aggressionen oder sonstige negative Gefühle an mir auslebten, mich benutzen, missbrauchten. Keinerlei Selbstschutz. Oder anders gesagt: Selbstverletzung pur, zugefügt durch andere. Ich ertrug, was auch immer von mir verlangt wurde – so wie meine Mutter all das Schlimme ertrug, all die Verluste, all den Schmerz. Ich wurde ihr ähnlicher als ich bislang vermutet hatte, übernahm das Muster des „sich von anderen für deren Zwecke benutzen lassen“ sowie die Gewissheit, eine niemals zu tilgende Schuld zu tragen. Fühlte sich meine Mutter schuldig an frühen Tod meines Bruders? Die wenige Male, die sie darüber sprach, lassen es mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten.  

Mit der Trauer um meine Mutter kam auch das Erkennen dessen, was ich so lange höchst effizient verdrängt hatte. Die übernommenen Schuldgefühle, das omnipräsente schlechte Gewissen. All das werde ich morgen begraben werde – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Grab jener Frau lege, von der ich diese Gefühle einst übernommen habe, aus Liebe, wie unschuldige Kinder das nun einmal tun, in ihrem naiven Wunsch, helfen zu wollen, mitzutragen … was nicht für ihre Schultern bestimmt ist.

Es ist an der Zeit, mein Leben von einer Last zu befreien, die niemals die meine war.

WENIGER IST MEHR

Vor einigen Tagen wurde ich wieder einmal „kontaktiert“. Was mit einem Lob begann, wurde mit einem Feedback (mir ist da was aufgefallen) weitergeführt. Neugierig, wie ich manchmal bin, reagierte ich mit einer Interessensbekundung, was denn da wohl aufgefallen sei. Als Antwort kamen Fragen im Sinne von „Was sind deine Ziele? Was möchtest du erreichen? Reichweite …? Nachdem ich diese Fragen offen und ehrlich beantwortet hatte, kam nie wieder was.

Hier meine Antwort in gekürzter Form:

„Mein Profil ist, was es ist: einfach ein Platz, an dem ich meine Gedanken teile. Keine großen Ziele oder Visionen. Ein Ausgleich zu meinem Job, in dem ich eine Menge bewirken kann. Wovon ich träume? Ich lebe mein Leben genauso wie ich es leben möchte. Keine Wunschträume, ich genieße, was es hier und jetzt ist.“

Zugegeben, ich ging davon aus, die von der anderen Seite initiierte Kommunikation damit beendet zu haben, dennoch war es für mich auch eine willkommene Gelegenheit zu reflektieren. Seit fast genau 4 Jahren arbeite ich daran, mein Leben zu vereinfachen, zu erleichtern, alles Unnötige loszulassen. „Mehr“ darf es gerne sein, aber dann bitte an Klarheit, an Leichtigkeit, an Lebensfreude … Mehr an den (für mich) wirklich wichtigen Dingen. Reichweite?

Spielen wir es mal gedanklich durch. Mehr an Reichweite bedeutet auch sehr viel mehr an Interaktion. Irgendwann wird ein Punkt erreicht, an dem diese Interaktion aus zeitlichen und sonstigen Gründen ausgelagert werden muss, an andere oder auch an eine KI. Nichts für mich. Ich beantworte gerne persönlich jeden Kommentar, den ich erhalte. Meine Zeit ist limitiert, ein Großteil meinem Job gewidmet, der mich ernährt und darüber hinaus noch einige positive Aspekte hat… u.a. das ich die Vielfalt meiner Talente ausleben kann. Warum sollte ich mir also mehr Reichweite wünsche, für die ich dann keine Zeit habe? Meine Prämisse lautet: Qualität vor Quantität, insbesondere bei zwischenmenschlichen Themen. Weniger ist mehr. Punkt.

Sich von Bedürftigkeiten zu befreien, bringt eine Menge positiver Effekte, u.a. eine Art von Lotus-Effekt in Bezug auf „jemand will mir was verkaufen“. Marketing triggert häufig die menschliche Gier, mehr haben zu wollen, doch mehr bedeutet nicht zwangsläufig besser. Ob 2, 200, 20000 oder 2000000 Menschen meinen Blog lesen, hat keinen Einfluss auf meine Beiträge. Ich teile meine Gedanken. Punkt.

Apropos Bedürftigkeiten: das sind jene „Bedürfnisse“, die darauf abzielen, den Mangel an Selbstwert, Selbstliebe und Selbstvertrauen auszugleichen. Anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen, geht’s um Symptomkosmetik an der Oberfläche… das nutzen gewiefte Marketingprofis ebenso wie Menschen von nebenan, um ihre Ziele zu erreichen, die eindeutig „mehr“ im Wortlaut führen, selten jedoch in Kombination mit dem, worauf es im Leben ankommt: über die eigene Vergangenheit hinauszuwachsen und seine Potenziale in der Gegenwart zu entfalten um die beste (Charakter)Version von sich selbst zu werden. Wenn’s um Charakter und Humor geht, bin ich wieder voll dabei bei „mehr“ 😉

Heute passend zum Text ein humorvolles Bild aus pixabay.com