Wer meine Beiträge in den letzten Wochen verfolgt hat weiß, dass die aktuelle Situation erforderlich macht, mehr Zeit als bisher mit meiner Mutter zu verbringen und mich um einige ihrer Belange zu kümmern. Wie ich gerade feststelle, zeigen sich erste „unerwünschte Nebenwirkungen“. Um diese besser nachvollziehen zu können, werde ich ein Bild skizzieren, was ich derzeit sehr intensiv erlebe.
Unabhängig von den tatsächlichen Ereignissen, es ist alles negativ, mühsam, schwer … in den Worten meiner Mutter. Kein einziger Satz von ihr befasst sich mit positiven Aspekten, guten Nachrichten, hoffnungsvollen Aussichten. Entweder ich bekomme ihre Leidensgeschichte zu hören, oder die Katastrophen, Krankheiten und dergleichen meiner Familie, oder – wenn ich die ersten beiden Themen abgestoppt habe – die nicht hinterfragten schrecklichen Nachrichten aus dem Nachmittagsfernsehen und wenig anspruchsvollen Printmedien.
In einen Satz gebracht: Alles ist schlecht.
Entsprechend belastet ist auch die Stimmung, die ich (leider) mehr aufnehme als ich möchte. Das bemerke ich daran, dass ich plötzlich anfange, „Anzeichen“ von Lüge, Betrug und dergleichen verstärkt zu interpretieren, anstatt auf das zu achten, was es ist. Es ist, als würde ich durch eine Brille blicken, die alles in negativem Licht erscheinen lässt. Wie könnte auch etwas gut sein in dieser Welt?
Offenbar übernehme ich die negative Grundhaltung meiner Mutter – eine absolut unerwünschte Nebenwirkung. Es hat mich Jahre und viel Arbeit an mir gekostet, diese Grundhaltung abzulegen, denn ich hatte sie früher auch drauf. Und wie! Ich wuchs in einem von negativem Weltbild geprägten Familiensystem auf. Wir waren stets die Opfer. Das Erbe einer Generation, die im Krieg aufwuchs und deren innere Bilder konditioniert wurde in einer Zeit von Gewalt, Not und Überlebensangst. Meine Mutter blieb in diesem Zustand stecken, ich wollte raus und habe es auch geschafft. Aber nun zieht es mich offenbar zumindest punktuell wieder zurück.
Warum fällt es mir so schwer, mich gegen meine Mutter abzugrenzen?
Normalerweise prallt die Negativität von Menschen an mir ab. Ich nehme sie wahr, aber übernehme sie nicht. Meine Firewall hält – nur nicht bei meiner Mutter. Es gelingt mir nicht, ihre Negativität vollständig auszusperren. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich, da ich als Kind eine Überdosis davon abbekommen habe und nun die mit diesen Erinnerungen verbundenen Emotionen getriggert werden.
Es gab keine Freude, die nicht durch irgendetwas anderes getrübt wurde. Es gab keine Anerkennung, die nicht dadurch geschmälert wurde, das zuvor nicht geglaubt wurde, es könnte gelingen (mangelndes Vertrauen). Es war nicht möglich, die Blumen im Garten zu genießen, ohne daran erinnert zu werden, wie viel Arbeit damit verbunden war. Es wurden keine Geschichten über Erfolge erzählt, keine guten Nachrichten verbreitet, stattdessen jede Menge News über Krankheiten, Streitereien, Todesfälle, Ausbeutung der Menschen durch Arbeitgeber, Politiker, Marsianer …
Wie habe ich all das überlebt?
Manchmal frage ich mich das wirklich. Etwas in mir scheint so stark zu sein, dass es mich jeglichen Widrigkeiten zum Trotz meinen Weg zurück zur Liebe, als dem mich bestimmende Gefühl finden ließ. Ich wandelte in der Finsternis mit nichts mehr als einem winzigen Funken Lebensfreude in mir.
Fürchte ich, in die Finsternis zurückzufallen?
Das wäre eine Erklärung, warum es mich derart beschäftigt, mich hier nicht besser abgrenzen zu können. Was wir fürchten, wird uns treffen – unausweichlich – denn es ist bereits in unserem Leben angekommen in dem Augenblick, in dem wir furchterfüllt auf das blicken, was geschehen könnte. Angst wirkt wie ein Magnet. Liebe übrigens auch. Beide ziehen unterschiedliches an.
Vielleicht ist die unerwünschte Nebenwirkung auch eine durchaus sinnvolle Gelegenheit, das Thema Urvertrauen aufzugreifen. Vielleicht kann mich die Negativität meiner Mutter deshalb triggern, weil irgendwo in mir noch die Furcht wohnt, der Schrecken könnte zurückkehren. Vielleicht will ich auch diesen letzten Rest an Verbindung nicht kappen, weil sonst nichts gemeinsames mehr bleiben würde. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders.
Auf jeden Fall ist es eine Gelegenheit, in mich zu blicken und tieferes Verständnis für mich selbst zu entwickeln.
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