EINE (LEIDER) WAHRE GESCHICHTE

In der Vergangenheit von A lief einiges schief. Wie nahezu alle Menschen erlitt A seelische Wunden, die im Laufe der Zeit vernarbten – auch deshalb, weil A viel dazu beitrug, dass Heilung stattfinden konnte. Es war ein langwieriger Prozess, der aus A eine reflektierte Person machte, die stets darauf achtet, anderen wertschätzend zu begegnen, die bei zwischenmenschlichen Problemen, anstatt Vorwürfen und Schuldzuweisungen auszusprechen, beginnt zu hinterfragen, um zu verstehen und einen Konsens zu schaffen. A ist sich bewusst, kein Engel zu sein und noch so einiges an „Ballast“ mich sich rumzuschleppen, dennoch versucht A, jeden einzelnen Tag die bestmögliche (Charakter)Version von sich selbst zu sein.

Eines Tages trifft A auf B. Zwei Lebenswege kommen einander näher, eine Beziehung entsteht. Zu Beginn läuft es bestens, bis das erste harmlose Missverständnis auftritt – und plötzlich erkennbar wird, dass B noch nicht jenen Prozess der Selbstreflexion durchlaufen hat. A wird mit Vorwürfen, Unterstellungen und Schuldzuweisungen konfrontiert. Das schmerzt. Mit viel Geduld und Verständnis bemüht sich A, das Missverständnis aufzulösen, was auch gelingt – vorübergehend. Das nächste Missverständnis lässt nicht lange auf sich warten, und das übernächste … von Mal zu Mal steigert sich die Intensität. Es dauert nicht lange, bis A erkennt, dass sich nicht nur um das jeweilige Missverständnis geht. Hinter den emotionalen Ausbrüchen verbergen sich lange unterdrückte Emotionen aus der Vergangenheit von B. A wird zur Zielscheibe (Projektionsfläche) dessen, was lange vor dem gemeinsamen Weg geschehen ist.

Hast du ähnliches bereits erlebt? Wenn es in der Rolle von B war, wird das, was nun folgt, dir möglicherweise nicht gefallen. Wenn du als A in einer ähnlichen Situation warst, wirst du dich vielleicht gefragt haben, was du tun hättest können. Hier teile ich mit dir die Essenz dessen, was ich in über einem Dutzend Gesprächen mit (Fach)Expertinnen und Experten erörtert habe:

„Lass los und geh!“

So hart diese Aussage klingen mag, du kannst nichts tun. Du kannst B nicht retten. Egal, wie sehr du liebst oder wie viel Verständnis oder Geduld du aufbringst.

Menschen lernen im Laufe des Heranwachsens, ihre Emotionen auf angemessene Weise auszuleben, sie zu regulieren. Dieser Prozess der emotionalen Reifung kann jedoch im Kindesalter durch äußere Einflüsse gestört oder unterbrochen werden. Dann wird der Mensch zwar körperlich und auch geistig erwachsen, aber nicht emotional. Ein harmloses Missverständnis kann zu einem Aufbrechen der emotionalen Verletzungen aus der Kindheit führen – so wie es das bei B tat. B macht das weder bewusst noch mit böser Absicht. B kann nicht anders, weil der Reifungsprozess unterbrochen wurde. Daran kann A nichts ändern. Niemand kann einem anderen diesen Prozess abnehmen. Zu bleiben, würde nur dazu führen, dass A wieder und wieder zur Zielscheibe wird.

A und B teilen sich eine Realität, aber sie leben in zwei sehr unterschiedlichen Welten, sprechen unterschiedliche Sprachen.

Vor vielen Jahren war ich B – und es war mir nicht bewusst. Meine Welt war die Einzige, die ich kannte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es eine andere Welt geben könnte. Doch ich war eine Suchende. Es begann bei Gesundheitsthemen, Kommunikation und ehe ich mich versah, erkundete ich „neue Welten“. Schließlich führte mich mein Weg in die Welt von A.

Treffe ich heute auf B, fühle ich Ambivalenz in mir. Einerseits lebt die Hoffnung in mir – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass es möglich ist, den emotionalen Reifungsprozess auch im Erwachsenenalter nachzuholen. Es ist nie zu spät. Anderseits ist mir auch bewusst – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass die Notwendigkeit dieses Schrittes nicht leicht erkennbar ist, wenn man noch in der Welt von B steckt. Sich selbst als Zielscheibe zur Verfügung zu stellen, hilft niemanden – auch nicht B, weil B in seinem Verhaltensmuster wieder und wieder bestärkt wird. Täglich grüßt das Murmeltier.

Manchmal müssen Menschen unterschiedliche Wege zurücklegen, bevor es zu einem Happy End kommen kann – und es kann auch jeder für sich zu einem eigenen Happy End finden.

Manchmal schreibe ich Geschichten wie diese, um mir selbst vor Augen zu halten, dass ich niemanden retten kann – und um in mir die Kraft und das Vertrauen zu finden, loszulassen.

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SOUND OF SILENCE

Heute saß ich in einer Gruppe von ca. 25 Personen und wartete – wie alle anderen auch. Im Hintergrund lief Musik. Sound of Silence von Simon & Garfunkel. Ich begann leise mitzusingen … hello darkness good old friend… Eine Frau blickte zu mir, lächelte. Ob sie spürte, was in mir vorging?

Ein 60 Jahre alter Song, ein Text aus einem anderen Jahrtausend – und doch …

And in the naked light, I saw
Ten thousand people, maybe more
People talking without speaking
People hearing without listening
People writing songs that voices never shared
And no one dared
Disturb the sound of silence

… erzählt der Song für mich eine Geschichte, die sich hier und heute, genau in diesem Moment, weltweit ereignet.

Menschen, die reden, ohne etwas zu sagen
Menschen, die hören, ohne zuzuhören
und niemand wagt
den Klang der Stille zu unterbrechen

Für mich verbirgt sich hinter dieser Stille eine Metapher für all das Hohle, Leere, die Oberflächlichkeit, die keinen Sinn und keinen Tiefgang kennt, die sich wie ein Krebsgeschwür im Denken der Menschen ausbreitet.

Da sind jene, die ihre Arme ausstrecken, doch ihre Worte werden nicht gehört – und das Geschwür wächst leise in der Stille vor sich hin während die Neon-Götter die Menschen in ihren Bann ziehen. Leere, Oberflächlichkeit, Eindimensionalität …

Nur weil ich entschieden habe, ein Funke feuriger Lebensfreude zu sein, bedeutet das nicht, dass da keine Dunkelheit in mir ist. Ganz und gar nicht. Mitunter – so wie heute – spüre ich diese Dunkelheit, jene alte Freundin, die mich seit langem begleitet. In diesen Momenten wird mir nur allzu bewusst, wie anders ich bin, wie weit entfernt von jener Welt ohne Tiefgang, unverstanden – gleichzeitig ahnend, welche Gefahr von der Eindimensionalität ausgeht.

Ein bekanntes Zitat von Einstein bringt es auf den Punkt: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind“.

Die Neon-Götter, die viele anbeten, nennen sich: Profit, Macht, Status, Ausbeutung von Menschen und Umwelt, Gewalt, Gier, Ignoranz und Intoleranz, Fanatismus und Rücksichtslosigkeit. Sie gedeihen in Stille, jener hohlen Leere ohne Tiefgang oder Sinn, in der Eindimensionalität, die keine Alternativen denken kann … und keine Lösungen.

Manchmal – so wie heute – fühle ich in meinem ganzen Sein, dass es jene brauchen wird, die ob ihrer Multidimensionalität heute noch als krank oder neurodivers eingestuft werden. Unter ihnen sind viele, die jene Stille zu durchbrechen vermögen, in der andere gefangen sind – weil sie anders sind, das Leben anders spüren, die feinen Fäden, die alles durchdringen und verbinden. Aus ihrer Tiefe kann jene Stimme dringen, die der wuchernden Stille Einhalt gebietet.

Im Spiegel aus einem anderen Jahrtausend erscheint für mich ein tiefgründiges Bild der Gegenwart – einfach so, weil es meine Art ist, wie ich die Welt um mich wahrnehme. Unendlich viele Fäden die unzählige Schichten verbinden und in der Dunkelheit zusammenfließen. Im Licht zu Leben ist eine bewusste Entscheidung, doch meine Wurzeln reichen tief in die Dunkelheit und mitunter eröffnen sie mir einen nicht ganz alltäglichen Blick auf die Welt. Oder ein tiefgründiges Verständnis eines 60 Jahre alten Songs.

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ALLES IM GRIFF HABEN

Die vergangenen drei Monate waren extrem intensiv – in jeder Hinsicht – was sich auch darin gezeigt hat, dass ich kaum noch etwas geschrieben oder gepostet habe. Gleichzeitig habe ich mehr und umfassender über das Thema Borderline gesprochen als je zuvor. Nun sitze ich für einige Tage in den Bergen, um all das zu verarbeiten, Klarheit für meine Zukunft zu finden und meine Batterien wieder aufzuladen.

„Das Leben mutet dir nie mehr zu, als du zu tragen vermagst“.

Nach diesem Grundsatz lebe ich. Dieser Grundsatz hat es mir ermöglicht, bis hierher zu kommen. Wie könnte ich diesen Grundsatz ausgerechnet jetzt in Frage stellen? … wenn angezweifelt wird, ob ich tatsächlich „alles im Griff habe“.

Hier meine Antwort darauf, die vielleicht verstanden wird, vielleicht auch nicht.

Alles im Griff zu haben bedeutet in Bezug auf Borderline gut mit sich selbst zurecht zu kommen, sich selbst liebevoll anzunehmen und gut auf sich zu achten.  Es bedeutet auch, rechtzeitig zu handeln, bevor zerstörerische Muster aktiviert werden.

Es bedeutet nicht, alles auszuhalten.

Es bedeutet auszusteigen, wenn es nicht passt … Insbesondere aus Beziehungen. Nicht davonlaufen beim ersten kühleren Windhauch, aber auch nicht bleiben, wenn die ständige Präsenz von Gewitterwolken sich als „Entladungsmuster ohne Alternative“ erweist. Meine Zeit als Projektionsfläche für ungelöste innere Konflikte und nicht aufgearbeitete Traumata liegt hinter mir. Veränderung und Heilung kann stets nur aus einem selbst kommen. Entladung bringt kurzfristige Erleichterung, doch der Druck baut sich kontinuierlich weiter auf, bis zur nächsten Explosion. Ich weiß, worüber ich hier schreibe, habe das selbst viele Jahre gelebt – auf beiden Seiten, als Entladende und als Projektionsfläche… bis ich mich entschied, weder das eine noch das andere zu sein.

Verlassen … und die Angst vor dem Verlassenwerden.

Welcher Borderline kennt sie nicht, diese schier unerträgliche Angst, verlassen zu werden. Sie zählt zu den charakteristischen Merkmalen von BPS. Wie könnte ich jemand anders zumuten, was ich in jeder Zelle meines Körpers fürchte? Ich kann! Ein Ende mit Schrecken ist immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende. Zu bleiben, weil man niemanden enttäuschen oder gar verletzen möchte, um den Preis der eigenen (mentalen und emotionalen) Gesundheit und Balance ist definitiv der falsche Weg.

Manches geht nicht zusammen, so sehr man es sich auch wünschen mag.

Kompromisse Ja. Anpassen Ja. Aber es gibt einen Unterschied zwischen „aufeinander zugehen“ und „sich selbst aufgeben“. Eine hauchfeine Grenze, die leicht übersehen werden kann. Alles im Griff zu haben bedeutet, auf diese Grenze zu achten und auf der eigenen Seite zu bleiben, bei sich selbst – auch wenn die Konsequenzen daraus in getrennten Wegen resultieren.

Das bezieht sich für mich auf zwischenmenschliche Beziehungen jeglicher Art, nicht nur auf Partnerschaften. Gewiss, Familie kann man sich nicht aussuchen, Kolleg:innen meistens auch nicht, aber darüber hinaus bin ich frei zu entscheiden, mit welchen Menschen ich meine Zeit verbringen, für welche ich meine Gedanken- und Gefühlswelt öffne – und für welche nicht. Das bedeutet es, alles im Griff zu haben. Zu umarmen, wenn es sich gut anfühlt. Loszulassen, wenn es das nicht tut.

Entscheidungen dieser Art treffe ich (zum Glück) nicht mehr unmittelbar aus dem Bauch heraus. Ich nehme mir Zeit, reflektiere für mich und mit Menschen, denen ich vertraue, die andere Perspektiven und Erfahrungen einbringen, um meinen blinden Fleck bestmöglich sichtbar zu machen. Wenn all das zu einer klaren Aussage führt: „Lass los“ … wie sorgsam wäre ich im Umgang mit mir selbst, würde ich festhalten?

Es ist keine leichte Entscheidung, aber manchmal gilt es im Leben auch taffe Entscheidungen zu treffen, damit es (für alle) gut weitergehen kann. Das bedeutet es, alles im Griff zu haben.

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BEZIEHUNG EINMAL ANDERS

So lange ich zurückdenken kann, waren die Beziehungen in meinem engsten Umfeld von Spannungen, Konflikten, Verlustangst und fehlender Wertschätzung geprägt. Selbiges setzte sich später in meinen intimen Beziehungen fort. Beziehungsstress war normal – so normal, dass ich es nicht mehr hinterfragte. Auch wenn es enorm anstrengend und nervenaufreibend war, es war normal.

Bis ich eines Tages – vor gar nicht allzu langer Zeit – etwas losließ und auf einem Berg ablegte. Einen Stein (physisch), in den ich (metaphysisch) all die alten Denkmuster und Energien übertragen hatte. Plötzlich wurde alles anders. Klingt nach einem Märchen in der Art von Aschenputtel, ist aber real geschehen, jenseits von „heile Welt-Klischees“. Und es bringt einiges an Arbeit mit sich.

Wenn die gewohnte Normalität nicht mehr der Realität entspricht, gibt’s was zu tun.

Umdenken. Umlernen. Neu ausrichten.

Wenn ein halbes Jahrhundert lang (An)Spannung dominiert hat, fühlt sich Harmonie ziemlich fremdartig an, um nicht zu sagen irritierend. Da kommen schon mal Zweifel im Sinne von „ist das wirklich Zuneigung?“ – so ganz ohne … ohne was eigentlich? Ohne Stress, ohne Konflikt, ohne Manipulation, ohne Angst.

Ja, es ist Zuneigung – wie sie tatsächlich sein sollte. Liebevoll, ohne all dem schmerzhaften.

Eine neue Erfahrung. Eine, in der es darum geht, den Ausstieg von der emotionalen Achterbahn nun auf die nächste Ebene – sprich: in die Zweisamkeit – zu bringen. Gelassen zu bleiben, wenn der andere mit seinen eigenen Themen beschäftigt ist. Unterstützen, aber nicht übernehmen. Begleiten, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Nähe neu zu definieren, als einen Hafen der Geborgenheit.

Vieles auf meinem Weg konnte ich allein lösen und verändern, aber für eine Neuausrichtung in Bezug auf Nähe braucht es andere Menschen – mindestens einen 😉 um Beziehung anders zu leben als in der Vergangenheit. Ich komme mit mir selbst wunderbar klar, auch mit anderen (solange eine gewisse Distanz besteht). Und wenn mir jemand ganz nahekommt? Nach einigen anfänglichen Irritationen gelingt es überraschend gut. Unaufgeregt aufregend. Vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich zuvor meine Angst vor dem Alleinsein überwunden, (Ur)Vertrauen aufgebaut und gelernt habe, gut mit mir selbst auszukommen.

Meine rationale Seite sucht (wie könnte es anders sein) nach Erklärungen. Eine Online-Recherche mit der Frage „sind Borderliner beziehungsfähig“ später erkenne ich so manches aus meiner Vergangenheit in den Beschreibungen. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam „fremd“ an, als wäre ich damals eine andere gewesen (was ja in gewisser Weise auch stimmt). Einmal mehr wird mir bewusst, was Menschen, die eine Borderline-Diagnose erhalten und daraufhin online recherchieren, finden und wie das möglicherweise auf ihre Selbstwahrnehmung wirkt – und wie wichtig es ist, andere Geschichten ergänzend dazuzustellen.

Ja, es ist möglich, sich über traumatische Erfahrungen und toxische Beziehungen hinaus weiterzuentwickeln, intime Beziehungen zu führen, die von Wertschätzung und Geborgenheit geprägt sind. Es geschieht nicht von allein, nicht über Nacht, aber es ist möglich.

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UNENDLICH SCHADE

Ab und zu kommt es vor, dass Menschen mich regelrecht meiden. Ihre Handlungen signalisieren Ablehnung, in ihren ausweichenden Blicken entdecke ich Furcht. Sie fürchten mich? Warum? Vielleicht weil sie intuitiv spüren, dass ihre Fassade mich nicht zu täuschen vermag. Vielleicht weil ich eine Botschaft in mir trage, die sie nicht hören wollen.

Diese Menschen leben ihre jeweilige Form der Selbstverletzung und Selbstzerstörung, manchmal inmitten eines Umfeldes, das dies zu ignorieren scheint. Oder einfach überfordert ist, hilflos, handlungsunfähig angesichts eines Verhaltens, dass sie weder verstehen noch ändern können.

Da ist ein Opfer, das sichtlich leidet und keine Erlösung findet, keine Heilung, nur endlosen (Seelen)Schmerz. Ein Opfer, das vehement nach Anerkennung seines Opfers und Schmerzes verlangt. So sehr, dass es beginnt sein Umfeld ins eigene Leiden hineinzuziehen. Schmerz durchdringt das System. Letztendlich leidet jeder Teil dieses Systems, zumeist verborgen hinter einer gesellschaftstauglichen Fassade.

Vielleicht erkennen diese Menschen in mir, dass ich einst so war wie sie es heute sind. Vielleicht sind sie noch nicht bereit, aus der Opferrolle auszusteigen und wollen durch mich nicht daran erinnert werden, dass Veränderung möglich ist. Vielleicht erschüttere ich die Grundfeste ihres Glaubenssystems.

Wie kann man sich für den Weg der Liebe entscheiden, wenn doch so viel Schreckliches in der Welt geschieht? Vielleicht genau deshalb: weil so viel Schreckliches in der Welt geschieht – und sich das nur verändern wird, wenn die Zahl jener wächst, die dem Weg der Liebe folgen.

Häufig wird mir gesagt, ich wäre ein Spiegel. Zumeist entdecken Menschen in diesem Spiegel etwas Positives über und/oder für sich selbst. Wer jedoch vom Schmerz dominiert wird, fürchtet die heilende Kraft der Liebe. Der Schmerz selbst fürchtet um seine Existenz und hält die Menschen in seinem Würgegriff gefangen. Liebe könnte dies auflösen, doch der Preis dafür ist hoch. Es gilt, den vertrauten Schmerz loszulassen und sich der noch unbekannten Liebe zu öffnen. Urvertrauen nennt man jene magische Pforte, durch die ein Mensch schreiten muss, um frei vom (Seelen)Schmerz zu werden. Wie kann man vertrauen, wenn so viel Schreckliches geschieht? Der Kreislauf beginnt von Neuem, ein Labyrinth des Leidens … unendlich schade, doch ändern kann es jeder nur für sich selbst.

Das ist die gute Nachricht: Veränderung ist möglich – Botschaft eines liebevollen Herzens.

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ALLES NICHT SO EINFACH

Wer kennt das nicht? Irgendwann in der Vergangenheit geschah etwas extrem Schmerzhaftes, eine Verletzung durch einen Menschen, dem man bis dahin vertraut hat. Verrat, Betrug, Gewalt … was auch immer es war, es verursachte eine tiefe seelische Wunde, die lange nicht heilen wollte und konnte – manchmal bis zum heutigen Tag. Der rationale Verstand fand einen Weg, damit umzugehen, aber wir sind mehr als „nur“ unser Intellekt. Da gibt es noch eine andere, eine fühlende Seite – und für die ist es nicht so einfach…

Jahre, Jahrzehnte klammerte ich mich an den ungelösten Schmerz der Vergangenheit, kettete eben jene Vergangenheit an mich – in der Gegenwart. Mein Verstand hatte längst für alles volles Verständnis und Erklärungen entwickelt, aber eben nicht jene fühlende Seite. Auch wenn die Wunde nicht mehr blutete, sie war alles andere als verheilt. Ich erinnere mich an so manches Gespräch, in dem mir nahegelegt wurde, mich meinem seelischen Heilungsprozess zu widmen – und an meine abwehrende Reaktion. Es gäbe nichts zu heilen, das läge alles hinter mir und sei längst abgeschlossen … ich war gut darin, mir selbst etwas vorzumachen, mich selbst zu täuschen. Allzu vertraut war der Schmerz, als das ich mich davon trennen wollte – unbewusst. Paradox, genau deshalb menschlich.

Eben alles nicht so einfach.

Manche sagen, man muss verzeihen – aber manches kann man nicht verzeihen. Andere sagen, man muss versuchen zu verstehen – aber manchmal fehlt es an Informationen, die nicht mehr zu bekommen sind. Man kann das Geschehene als Schicksal oder Bestimmung sehen in dem Bestreben, den darin verborgenen Sinn zu erkennen und es zu transzendieren – ein nobler Weg, aber nicht ganz einfach.

Gibt es denn einen einfachen Weg?

Gute Frage. Meiner Erfahrung nach kann der Weg relativ „einfach“ sein, aber alles andere als leicht. Jene seelische Wunde zu heilen, die andere gerissen haben, Jahre oder Jahrzehnte in der Vergangenheit, in die vielleicht immer und immer wieder Salz gestreut wurde, die so vertraut wurde, dass ein Leben ohne diese Wunde schlichtweg unvorstellbar erscheint, die Teil des eigenen Selbstverständnisses wurde, dafür braucht es eine klare Entscheidung – Disziplin und Konsequenz.

Nachdem ich meine eigene Wunde jahrzehntelang wie ein Mahnmal vor mir hergetragen hatte im Sinne von „Seht, was mir geschehen ist und was ich überlebt habe“ kam ich eines Tages zur Erkenntnis, dass jedes Mahnmal die Vergangenheit in der Gegenwart am Leben erhält. Was nicht endet, kann nicht heilen. Um frei von dem Schmerz zu werden, musste die Vergangenheit vorbei sein dürfen. Vergessen? Nein, aber den Geschehnissen den ihnen gebührenden Stellenwert geben:

Ereignisse auf meinem Lebensweg. Punkt. Keinerlei Wertung.

Jede Wertung – egal ob positiv oder negativ – hat stets ein Gefühl im Schlepptau. Wer sich nicht grenzenlos selbst belügen und die Ereignisse in ihr Gegenteil verdrehen will, kann sich auf eine „neutrale Position“ zurückziehen und die Ereignisse als das belassen, was sie sind: Ein Teil des Weges.  Mit entsprechender Disziplin und Konsequenz nimmt das dem Schmerz den Nährboden, die Wunde kann heilen.

Eigentlich ist es einfach, aber tatsächlich ist es alles andere als leicht – so meine Erfahrung.

Seelischem Schmerz haftet eine Art von Magnetismus an, der ihn immer und immer wieder zurückholt, zumeist getriggert vom Ego, das wahrgenommen werden will, das sich ungerecht behandelt fühlt, auf Gerechtigkeit und Ausgleich pocht, mitunter auch auf Revanche oder Rache. Wo das Ego wirkt, hat Liebe wenig Chancen – doch ohne Liebe gibt es keine seelische Heilung. Weder Pillen noch Worte oder Taten können die Wunde in einer Seele heilen, wenn es an Liebe fehlt. Liebevoller Umgang mich sich selbst oder Festhalten am Schmerz? Eigentlich eine klare Entscheidung, aber tatsächlich nicht so einfach. Es braucht Disziplin und Konsequenz, den Verführungen des Egos und dem Magnetismus des Schmerzes zu widerstehen.

Aber – und dies ist nun mein letztes Aber für heute – es wird von Tag zu Tag leichter, und irgendwann sogar einfach.

Angelehnt an das altägyptische Totengericht, beim dem das Herz der Verstorbenen gegen eine Feder gewogen wurde. Nur wenn das Herz leichter war als die Feder, wurde ihm Einlass ins Totenreich gewährt … Wer sich vom Schmerz befreit, dessen Herz wird frei und leicht – vielleicht sogar leicht wie eine Feder.

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WAS IST DAS – LIEBE?

„What’s love got to do with it?“ fragte einst Tina Turner. Gefühlt 1000x habe ich mich das auch bereits gefragt: „Was ist das – Liebe?“

Mir begegnete Liebe, die kompromisslos forderte: „Ich liebe dich, solange du tust, was ich für gut befinde.“ Erwiderte Liebe, in dem ich alles tat, was verlangt wurde, mich bedingungslos anpasste, bis ich nicht mehr ich selbst war. In meiner Kindheit traf ich auf Liebe, die so tief unter Leid verschüttet war, das nichts mehr davon an die Oberfläche drang.

Kaum etwas wird derart inflationär kommuniziert und missinterpretiert wie Liebe.

Was ist das – Liebe?

Lausche ich meiner inneren Stimme, ist ihre Antwort diese:

„Zu lieben, bedeutet dich zu sehen, wie du bist. Dich anzunehmen, wie du bist, voll und ganz, bedingungslos, mit allem, was dazu gehört, dem strahlenden Licht ebenso wie den dunklen Schatten. Meine Liebe vermag weder deine seelischen Wunden zu heilen noch die Lücken in deinem Sein zu schließen oder als Krücke zu tragen, was das deine ist. Doch meine Liebe vermag jener Hafen der Geborgenheit zu sein, in dem du Zuflucht finden und deine Segel flicken kannst. Zu lieben bedeutet zu halten ohne zu binden, in Freiheit und voller Vertrauen. Zu lieben bedeutet, deine Grenzen ebenso zu achten wie meine – sie nicht als Zurückweisung zu verstehen, sondern als den Punkt, an dem zwei Welten einander respektvoll begegnen.“

Es gibt Stimmen die sagen, im Laufe der Menschheitsgeschichte hätte sich die Art zu lieben verändert. Ich glaube, was sich verändert hat, sind die Gründe, warum wir Beziehungen eingehen. Wahre Liebe ist und bleibt, was sie ist und war: Ein rares Geschenk, das nicht jedem zu finden vergönnt ist – wie ein vierblättriges Kleeblatt in einer Sommerwiese. Manchmal scheint eins dieser Kleeblätter aus vier Herzen zu bestehen, ganz so, als ob es uns auf seine Weise daran erinnern möchte, was Liebe ist:

„Dein Herz, mein Herz, unser gemeinsames Herz und ein Herz für das, was uns verbindet.“

Bild: pixabay ai-generiert

UNERREICHBAR?

Vor einigen Tagen wurde ich im Rahmen eines Empowerment-Workshops, den ich als Trainerin geleitet habe, von einer jungen Frau (Mitte 20) sinngemäß folgendes gefragt: „Wenn ich mein Bewusstsein auf eine höhere Ebene entwickle, werde ich für andere Menschen unerreichbar. Wie kann ich damit umgehen?“

Für einen kurzen Augenblick war ich überrascht von der Tiefgründigkeit der Frage. Aus der Gruppe von über 30 Frauen in ähnlichem Alter war sie die Einzige, die diesen kausalen Schluss mit Weitblick zog. Als Antwort teilte ich meine persönliche Erfahrung mit ihr und der gesamten Gruppe: „Auf meinem Weg ließ ich so einige Menschen ziehen, die nicht mitkonnten oder wollten. Das ist Teil des Prozesses. Doch es kamen auch andere hinzu. Wenn ich mich verändere, verändert sich auch mein Umfeld.“

Später erzählte mir diese junge Frau von ihrer Borderline-Diagnose, die sie jedoch nicht als Schicksalsschlag wahrnahm, sondern als eine Art von Bestandsaufnahme, von der ausgehend sie ihren Weg sucht, ein gutes Leben zu führen. Viele unterschiedliche Interesse und Kompetenzen, Lern- und Wissbegierde, trotz ihrer Jugend einiges an Erfahrung, multidimensionale Wahrnehmung … es war, als würde ich in einen (Zeit)Spiegel blicken auf eine Frau, die ich hätte sein können. Wechselseitiges Verstehen auf einer Ebene, die wir teilen. Borderliner in ihrer Kraft angekommen. Nicht im Problem verharrend, stattdessen die Stärken lösungsorientiert nutzend.

An diesem Tag durfte ich jener Spiegel sein, in dem diese junge Frau einiges über sich selbst erkennen durften – so meldete sie es mir am Ende des Workshops rück.

Heute, auf einer Bank dem Himmel nahe sitzend, erinnerte ich mich an jenen Tag – und daran, dass diese junge Frau auch für mich ein Spiegel war, der mich aus anderer Position auf eine Frage blicken ließ, die mich seit längerem beschäftigt: „Führt mein Weg dahin, für andere unerreichbar zu werden?“

Meine Antwort für sie ist gleichzeitig auch die Antwort für mich selbst – eine Antwort, meinem Denken entsprungen, kopflastig, rational, korrekt. Doch mein Fühlen kennt noch eine andere Antwort – eine vom Zweifel geprägte. Denken und Fühlen befinden sich oft nicht im Gleichklang. Im Kopf weiß ich, dass ich alles andere als einsam bin. Aber ab und an fühlt es sich dennoch so an, wenn äußere Einflüsse lange zurückliegende Erinnerungen und die damit verbundenen Emotionen triggern. Echos aus der Vergangenheit? Prüfungen auf dem Weg in die Zukunft?

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, schützt vor Verletzungen.

Über allem zu schweben, unerreichbar zu sein, verhindert Berührungen.

Emotionale Widersprüchlichkeit harmonisch aufzulösen, den goldenen Mittelweg zu beschreiten, ist und bleibt Teil meines Weges. Manchmal scheint es, diese Lektion gilt es wieder und wieder zu meistern, in unterschiedlichsten Facetten. Die Balance zwischen zwei Welten zu finden – der allgemeinen da draußen und meiner eigenen. Seit meiner Kindheit begleitet mich das Gefühl, Mittlerin zwischen zwei Welten zu sein. Damals war ich unerreichbar für andere – bin ich es immer noch?

BRIEF AN MEIN ZUKÜNFTIGES ICH

Liebe Lesley, ich schreibe dir heute diesen Brief, weil etwas besonderes geschehen ist, erstmalig, ich diesen Moment mit dir teilen möchte – und hoffe, es werden noch viele dieser Art folgen.

Vor einigen Tagen offenbarte mir eine Person im beruflichen Kontext, dass ich sie an eine Bekannte erinnere, die ebenfalls Borderlinerin ist. Aber es waren nicht emotionale Instabilität oder die allgemein bekannten Symptome, welche diese Assoziation hervorriefen, sondern mein Streben, Struktur ins Chaos zu bringen, mein „deep dive“ beim Analysieren von Situationen und Problemen sowie meine umfassenden Lösungsansätze, mein hoher Grad an Selbstreflexion, mein „Aushalten“ schwieriger und schwierigster Situationen und dennoch handlungsfähig zu bleiben… kurz gesagt: ich wurde erstmals anhand der Stärken einer Borderline-Persönlichkeit als solche erkannt.

Ein erinnerungswürdiger Moment! Ein Beweis, dass es da draußen auch jene gibt, die sehr wohl auf die Stärken blicken. Ein Beweis, dass ich keine Laune des Schicksals bin, kein Zufall, der Weg von der destruktiven, instabilen Borderline Störung zur konstruktiven, stabilen Borderline Persönlichkeit möglich ist. Ein beruhigender Beweis.

Ich wünsche dir von ganzem Herzen, auf deinem Weg unzählige solcher Momente zu erleben.

Wie jedoch alles im Leben, stellt sich neben dieses strahlende Licht ein dunkler Schatten. Was ich nahezu zeitgleich erlebt habe, wirkt auf mich wie das vollkommene Gegenteil. Meine offene, herzliche, wertschätzende, respektvolle und an Menschen, deren Geschichten, Gedanken und Gefühlen interessierte Art, wurde und wird oftmals missverstanden – insbesondere von Männern, die damit gleichsetzen, ich würde „etwas von ihnen wollen.“ Nicht wirklich neu, dass ist mir auch in der Vergangenheit begegnet, doch es schmerzt mich noch immer, auf DAS reduziert zu werden. Für mich wirft es (neuerlich) die Frage auf, ob ein Rückzug hinter eine dem Zeitgeist entsprechende (oberflächliche, hohle) Maske der bessere Weg wäre? Ob ich nicht wieder die Mauern hochfahren sollte, mich hinter Fassaden verstecken – wie ich es jahrzehntelang getan habe? Wir wissen beide, dass dieser Weg Schutz bietet – und gleichzeitig schmerzhaft ist auf eine Weise, die sich niemand vorstellen kann. Nicht zu sein, wer ich bin – wer du bist – wer wir sind.

Selbstverleugnung, um nicht missverstanden zu werden. Überanpassung. Das kann doch nicht die Lösung sein!

Ich hoffe, in deiner Zukunft gibt es mehr von jenen Menschen, die uns zu schätzen wissen – und weniger von jenen, die das Licht, das wir ausstrahlen, missinterpretieren als Einladung, einfach mal so über jegliche Grenze zu gehen.

Vielleicht wirst du eines Tages an mich zurückdenken und dich fragen, warum ich dies oder jenes getan habe. Warum ich mich punktuell von Menschen zurückgezogen haben, freiwillig an einsame Orte ging, soziale Aktivitäten massiv reduziert habe. Erinnere dich, dass ich all diese Pfade beschritt und was ich dabei erleben durfte. Erinnere dich, dass ich alles andere als einfach war, jene Wunden zu heilen, die entstanden, wenn Menschen mich mieden in der Annahme, ich würde mehr wollen als nur den Austausch von Gedanken, ein wertvolles Gespräch oder einen anderen Blickwinkel auf das Leben zu entdecken. Oder sie schlichtweg Angst vor mir hatten, weil sie intuitiv spürten, dass ich anders war – bin.

Erinnere dich daran, dass es eine Zeit gab, in der die Menschen noch nicht bereit waren für das, was Borderline Persönlichkeiten zu bieten haben, und sie keinen anderen Weg wussten, als uns als krank abzustempeln und zu versuchen, uns so zu machen, wie sie sind – und unzählige von uns daran zerbrachen. Unsere fantastische, multidimensionale Welt voller Emotionen war ihnen fremd, und so lehnten sie diese ab – und uns. Diese Ablehnung hallte in Selbstverletzung und Selbstzerstörung wider.

Erinnere dich auch daran, dass mit der Zeit einzelne umzudenken begannen. Nicht von heute auf morgen, doch allmählich – und es wurden mehr und mehr. Bis zu jenem Tag in der Zukunft, an dem du diesen Brief lesen wirst, lächelnd, denn an diesem Tag wird unsere Welt eine andere sein. Genau deshalb ist es wichtig, dich zu erinnern, wie es war, einst, welchen Weg wir gingen, was daraus entstand.

Starke Wurzeln, liebe Lesley, geben Halt, mag der Boden auch noch so karg sein. Ich wünsche dir, dass du gelernt hast, mit Missinterpretationen und Ablehnung umzugehen OHNE dein Herz und deine Seele zu opfern, ohne Masken oder Mauern. Möge Liebe dein Schutzschild sein. Blicke mit Gelassenheit auf jene, die nicht verstehen können oder wollen, und erkenne sie als Prüfung, auf deinem Weg zu bleiben. So vertraut und verlockend alte Muster auch sind, sie führen nie voran, nur zurück. In meinem Herzen bist du eine Vision, doch für dich bin ich, was hinter dir liegt. Ein kurzer Moment in einer langen Geschichte, an den du dich hoffentlich lächelnd erinnerst, denn es ist auch jener Moment, aus dem du entstanden bist.

Geh deinen Weg, Lesley … B. Strong 😉

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DER WEG DES VERTRAUENS

Wie kann ich je wieder vertrauen, wenn mein Vertrauen derart missbraucht wurde, ich verletzt, hintergangen, betrogen, ausgenutzt … wurde?

Diese Frage erblicke ich häufig in den Augen von Menschen. Ausgesprochen wird sie deutlich seltener, dennoch schwebt sie immanent im Raum. Kein Wunder. Wer von uns ist schon frei von dieser Erfahrung? Und dieser Frage?

Was ist das überhaupt – Vertrauen? Manchmal habe ich den Eindruck, Vertrauen wird mit Gutgläubigkeit, Blauäugigkeit oder Naivität gleichgesetzt. Vertrau mir – ja, aber wie?

In meinem Buch „Berggeflüster – aus’m Herzn lebn“ bringe ich mein Verständnis von Vertrauen in einen Satz, der alles umfasst:

„Vertrauen ist, wenn du deine Angst umarmst, dich für ihre Sorge um dich bedankst, und dich entscheidest, deinem Herzen zu folgen, in der Gewissheit, dass – was auch immer kommen wird, es vom Leben für DICH auf DEINEN Weg platziert wurde, damit du ein Stückchen weiterkommst.“

Klingt doch gut. Eine stimmige Theorie, die schnell auf Zustimmung trifft. Die Herausforderung liegt nicht im Verstehen oder Akzeptieren, sondern in der Umsetzung im täglichen Leben. Angst heißt der Gegenspieler von Vertrauen. Angst entsteht zumeist aus schmerzhaften Erfahrungen heraus, verbindet uns unmittelbar und intensiv mit unserer Vergangenheit, verschleiert den Blick auf die Gegenwart, das Hier und Jetzt, baut Hürden auf dem Weg in die Zukunft. Noch mehr Theorie, die du vermutlich bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen hast.

Einerseits ist es wichtig, sich der Vergangenheit bewusst zu sein, um daraus zu lernen – andererseits führt eine Fokussierung auf das Vergangene dazu, dass es sich in der Gegenwart wiederholt. Worauf wir unsere Aufmerksamkeit lenken, das verstärken wir. In etwas andere Worte gekleidet: Konzentration führt zum Erfolg – in diesem Fall dazu, das Vergangene neuerlich (vielleicht in leicht abgewandelter Form) zu durchleben. Einer der Gründe, warum manche Menschen immer und immer wieder ihre Täglich-grüßt-das-Murmeltier-Tage, Jobs oder Beziehungen haben. Die Angst vor einer Wiederholung führt zur Wiederholung. Verdrängung ins Dunkel des Vergessens öffnet ebenso Tür und Tor für Wiederholung, weil ja nichts daraus gelernt wurde.

Es ist … kompliziert.

Auf den ersten Blick. Tatsächlich ist es erstaunlich einfach. Arbeit Ja, aber keine, die sich nicht mit konsequentem Training zu einer gelebten Routine entwickeln lässt. Simpel und einfach: es geht um Abgrenzung und selbstbesteuerten Perspektivenwechsel.

Ein Beispiel: ein Mensch betritt die Bühne meines Lebens (egal, in welcher Rolle: Kollegen am Arbeitsplatz, Freundin in der Freizeit, potenzieller Partner …). Gebranntes Kind scheut das Feuer. Will ich Nähe zulassen? Noch hinter den Mauern meiner emotionalen Firewall abwartend öffne ich die Schubladen meiner Vergangenheit, vergleiche das Vergangene mit dem Gegenwärtigen, spekuliere über das Kommende, durchlebe alten Schmerz, höre die besorgte/mahnende Stimme meiner Angst, frage mich, ob es wieder so sein wird … worauf richtet sich mein Fokus? Auf das Wunderbare, das möglich sein kann – oder auf das Schmerzhafte, das hinter mir liegt? Was verstärke ich? Was strahle ich auch? Was ziehe ich an? Stichwort: Self fullfilling prophecy, Law of Attraction …

Dem Weg des Vertrauens zu folgen, bedeutet die Kunst der Abgrenzung zu erlernen.

Zurück zum Beispiel: ich blicke BEWUSST zurück, als würde ich in einem alten Fotoalbum blättern, höre die Gespräche von damals, erinnere mich an meine Gefühle, mache mir BEWUSST, dass all das weit in der Vergangenheit liegt, ich meinen Weg weitergegangen bin, mich weiterentwickelt habe, heute eine andere Person bin. Ich erschaffe eine imaginäre, dennoch gültige Grenze, die es mir erlaubt, wahrzunehmen, ohne mich hineinziehen zu lassen. Solange es keine Zeitreisemaschinen gibt (vermutlich also nie), kann niemand von uns in die Vergangenheit zurückkehren, ABER wir können in unserem Denken und Fühlen das Vergangene in unsere Gegenwart holen – zumeist tun wir das unbewusst. Erstes Symptom: Angst vor Wiederholung. In gewisser Weise eine irrationale Angst, denn das Leben ist viel zu komplex, die Menschen allzu unterschiedlich, als das eine exakte Wiederholung überhaupt möglich wäre. Kein Tag gleicht präzise dem anderen. Mitunter sind es nur Nuancen, die abweichen, dennoch existiert ein Unterschied. Ich könnte jeden Tag den selben Song singen, aber keine zwei Aufzeichnungen würden sich gleich anhören. Wie kann ich mit Mensch A dasselbe durchleben wie mit Mensch B? Faktisch unmöglich. Aber wir sind nun einmal nicht nur faktisch denkende, sondern auch irrational fühlende Wesen. Werden wir von Angst bestimmt, erheben sich unsere individuellen Horrorszenarien aus den Tiefen unseres Unterbewusstseins und wir erschaffen, was wir nie wieder durchleben wollten.

Meine Strategie: der bewusste Blick auf das Vergangene, aber nicht nur auf das, was im Außen war, sondern ganz besonders auf das, was in mir war. Was hat mich bestimmt? Welche Erwartungen, Glaubenssätze, Ängste? Was habe ich damals beigetragen? Selbstreflexion! … und bewusste Integration von dem, was ich aus der Vergangenheit als Lernerfahrung mitnehmen will. Hierfür öffne ich temporär in der imaginären, dennoch gültigen Grenze einen Durchgang für meinen „Erfahrungsschatz“.

„Lernen aus dem, was war, um das, was ist, als das, was es ist, anzunehmen und mitzugestalten, was es werden kann.

Ein Satz, der alles sagt – und der zu Kontemplation einlädt😉

Die Kunst der Abgrenzung geht Hand in Hand mit Achtsamkeit, Akzeptanz, selbstbestimmten Entscheidungen – und Lösungsorientierung. Anstatt den Fokus auf das, was ich vermeiden will (das Problem) zu lenken, richte ich ihn auf das, was ich in mein Leben ziehen möchte (die Lösung).

Sollte sich an dieser Stelle bei dir der kritische Verstand melden im Sinne von „Ja, alles gut und schön und stimmt vermutlich auch, aber in meinem Fall und in dieser speziellen Situation ist das ganz anders und …“ diesen und ähnliche Sätze habe ich einst katapultartig jenen Menschen entgegengeschleudert, die mir meinen Einfluss auf mein eigenes (Er)Leben vor Augen führten. Heute sage ich: Ja, sie hatten recht – wie ich im Laufe der Jahre erkennen durfte. Zu jener Zeit war ich noch nicht so weit, auf dem Weg des Vertrauens zu wandeln, beherrschte die Kunst der Abgrenzung noch nicht, klammerte mich an meine Vergangenheit aus der Angst heraus, ohne diese nichts mehr zu sein – und verbaute mir selbst den Weg, im Hier und Jetzt ICH zu sein.

Heute besteht mein „Schutzschild“ aus Lebensfreude und der Liebe (zum Leben, zu Menschen, zu mir selbst) die ich ausstrahle, und die so manche fluchtartig das Weite suchen lässt, wie Knoblauch (Energie)Vampire vertreibt. Achtsam wandle ich bewusst auf dem Weg des Vertrauens, anerkenne und reflektiere meine Vergangenheit (und alles, wirklich alles, was dazugehört) voller Dankbarkeit, in dem Wissen, dass es mich zu jener werden ließ, die ich heute bin: Eine, die Worte wie diese findet, um Menschen wie dich zu inspirieren und zu ermutigen, deinen Weg des Vertrauens zu gehen.

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