SEELENHEILUNG

Wie kann die Seele geheilt werden? Wie die Angst für neuerlicher Verletzung überwunden und zurück ins Urvertrauen gefunden werden?

Darauf gibt es keine Antwort im Sinne von „ein bisschen hiervon, ein Hauch davon, ganz viel von was auch immer“. Es gibt kein Universalrezept, auch wenn manche Stimmen genau das versprechen. Jede Seele ist einzigartig, jede Lebensgeschichte eine Sammlung individueller Erfahrungen, jede Heilung eine Reise zu sich selbst. Manchmal sind es kleine Schritte, ein anderes Mal große Sprünge ins Unbekannte, die es zu meistern gilt.

Das Ziel gleicht einer fernen Erinnerung, wer wir einst waren, vor den Verletzungen – und wer wir immer noch sind, unter all den Narben, hinter den Mauern, zurückgezogen in den Schutz der Unnahbarkeit, der Unberührbarkeit. Für den Weg gibt es keine Karte, nur einen Kompass: unser Herz.

Auch wenn niemand anders für uns die Schritte gehen kann, sind wir doch niemals allein auf dieser Reise. Jede Seele sucht und findet ihre Begleiter. Manchmal läuft es g’schmeidig, ein anderes Mal stoßen wir uns wieder und wieder den Kopf, drehen uns im Kreis, fallen und stehen wieder auf. Nichts davon ist „umsonst“, alles hat seinen Sinn.

Heilung braucht ihre Zeit und hat ihren Preis: Loslassen … Schmerz, Anklage, Schuldgefühle, Scham, Zweifel … was auch immer es ist, an dem wir festhalten in dem Irrglauben, wir wären unzureichend.

Heil zu werden bedeutet, Meisterschaft zu erlangen, sein Leben zu meistern, mit allem, was da kommen mag. Zurückzublicken auf all das, was hinter uns liegt, frei von Schmerz, und es als das anzuerkennen, was es war, wissend, dass es uns an diesen Punkt im Leben geführt hat, der den Samen in sich trägt, aus dem das Morgen erwächst.

Heilung ist etwas Sanftes, wie ein Tautropfen, der sich frühmorgens auf unserer Seele einfindet und das Licht der aufgehenden Sonne in uns und in die Welt hinauslenkt. Eine liebevolle Berührung der Vergänglichkeit, ein Verharren in der Unendlichkeit eines Augenblicks. Leise, vibrierend, lebendig.

Dort, in den stillen Momenten, kann Wundervolles geschehen, können Narben verblassen, kann eine Seele heil werden.


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HEILE DICH SELBST

… dieser Satz ist mir vor ein paar Tagen begegnet. Ein nicht ganz neues Thema, zu dem so einiges Material gibt. Ein Thema, dem ich zustimme. Nach meiner Erfahrung und Überzeugung besitzt der Mensch ein enormes Selbstheilungspotenzial.

Heile dich selbst

… ist also grundsätzlich möglich. ABER wie es nun mal ist im Leben, diese Medaille hat eine zweite Seite, die ebenfalls ein zutiefst menschliches Potenzial darstellt, und sie lautet:

Zerstöre dich selbst

Ob nun wortwörtlich genommen, oder als Headline über jeder Art von ruinösen Verhalten und Denken – im Alltag begegnet mir diese Kehrseite der Medaille deutlich häufiger als ihre Vorderseite.

Was Menschen nicht alles tun, um sich in einem Zustand des Leids zu halten. Die Vielfalt scheint schier unerschöpflich. Sich selbst im Weg stehen ist da noch eines der kleineren Dramen. Andere instrumentalisieren damit sie ihre Rolle in einem toxischen Beziehungsspiel erfüllen, verdreht vordergründig die Täter-Opfer-Dynamik. Manchmal frage ich mich, ob manche Menschen zum Reden aufhören würden, wenn sie wüssten, welche Auswirkungen die Negativität ihrer Worte hat auf sie selbst hat. Ich fürchte, die Antwort lautet Nein.

All das müsste nicht sein, denn wie gesagt, ich bin davon überzeugt und habe es selbst erlebt: heile dich selbst funktioniert. Es gibt nur ein paar klitzekleine Stolpersteine, derer man sich bewusst sein sollte. Einen davon nenne ich „Hybris des Egos“. Wer glaubt, es allein hinzubekommen, vielleicht noch mit ein paar Büchern, lässt außer Acht, dass alle Menschen über einen blinden Fleck verfügen -und genau dahinter verstecken sich oft die spannendsten Lernaufgaben. Mitunter schiebt das Ego den blinden Fleck absichtlich vor eine unangenehme Lernaufgabe.

Wie man es auch dreht und wendet, niemand von uns kann sehen, was sich hinter uns befindet – egal wie gut das periphere Sehen ausgeprägt ist, einen 360 Grad Rundumblick schafft kein Mensch. Auch nicht beim Blick nach innen. Indem man sich auf etwas fokussiert, rückt anderes an den Rand der Wahrnehmung oder ins Off. Dabei macht es keinen Unterschied, ob der Fokus auf positives oder negatives ausgerichtet ist, wir nehmen stets nur einen Teil wahr. Deshalb ist es sinnvoll, auch beim „heile dich selbst“-Ansatz andere Blickwinkel einzubeziehen: Therapie, Coaching, Gespräche mit Freunden …

In jedem von uns finden sich die Lösungen für unsere persönlichen Probleme – davon bin ich absolut überzeugt.

Niemand kann einem anderen die Reise zu sich selbst, die Arbeit der Auflösung der eigenen Probleme abnehmen – auch davon bin ich überzeugt.

Aber der Austausch mit anderen Reisenden kann enorm bereichernd, erhellend und heilungsfördernd sein. Ebenso wie die unzähligen Spiegel, die das Leben uns ständig vor die Nase hält. Was rundum geschieht, lässt erkenntnisreiche Rückschlüsse auf das zu, was in uns los ist. Aber auch hier mogelt sich der blinde Fleck gerne dazwischen. Wir sehen nur, was wir sehen wollen – das ist wissenschaftlich erwiesen. Ausblenden funktioniert hervorragend, sabotiert jedoch den Ansatz von „heile dich selbst“.

Mein persönlicher Ansatz für „heile dich selbst“ führt mich häufig in die Natur. Je weiter ich mich vom Lärm der Menschen entferne, desto klarer kann ich meine innere Stimme hören, desto differenzierter wird mein Fühlen, desto mehr fühle ich mich wie ich selbst. Es ist also kein Zufall, dass über diesem Beitrag jenes Bild thront, dass ich während eines sonnigen Waldspaziergangs aufgenommen habe, während ich in Gedanken diese Zeilen durchging, die ich tippe. Dieser kleinen Biene auf dem Löwenzahn zuzusehen, hat mich mit umfassenden inneren Frieden erfüllt, mich die Umarmung des Lebens fühlen lassen, und das hat mit Sicherheit zu meiner Heilung beigetragen, physisch, psychisch und seelisch. Wenige Minuten nur, doch eine große Dosis „heile dich selbst“-Vibes.