DIE STILLE IN MIR

Als Kind bewunderte ich jene Filmhelden (zu jener Zeit waren es überwiegend Männer, Frauen wurde die Heldinnenrolle damals noch nicht zugestanden), die inmitten einer chaotischen, gefährlichen, aufgeladenen Situation ihre stoische Ruhe behielten, schweigend ihr Gegenüber musterten, unerschrocken, kraftvoll – und mit einem einzigen Satz alles sagten. Ich fragte mich, wie schaffen sie das? Schon klar, das waren Schauspieler in ihrer Rolle, dennoch – da war eine Präsenz spürbar, eine Präsenz, die ich erreichen wollte …

Lange Zeit fühlte ich Leere in mir. Heute ist es Stille. Diese Stille ist alles andere als leer. In mir ist jede Menge, ganz besonders Gelassenheit. Früher füllte sich die scheinbare Leere mit Resonanz zu dem, was um mich war – und das war nicht immer konstruktiv und lebensbejahend. Nun gleicht meine Stille einem ruhenden See, der alles sein kann, aber nichts sein muss. In meiner Stille (oder Gelassenheit) verharrend, nehme ich das rundum mich war, doch ich entscheide, ob mich reinziehen lasse (in das „Drama“ anderer) oder nicht. Ich habe die Präsenz in mir gefunden, selbst zu entscheiden. Kein Echo, keine Spielfigur – einfach ich.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit Themen wie Meta-Kognition, Selbstregulation, Wahrnehmung und Realität. Es gab einiges zu verarbeiten, es gilt einiges zu entscheiden. Wohin soll meine Reise gehen? Bildlich gesprochen durchlebe ich einen weiteren „Häutungsprozess“, lege eine Hülle ab, der ich entwachsen bin.

Transformation – in deren Zentrum Stille wirkt. Präsenz.

Was auch immer 2026 bringen wird, dieses Jahr startet für mich kraftvoll und gleichzeitig unspektakulär. Meine Veränderung wird weder durch hektisches Tun noch äußere Notwendigkeit oder sehnsuchtsvolles Verlangen angetrieben. Es ist Stille. Gewissheit, dass das Unvermeidliche geschehen wird, ob ich nun in Unruhe verfalle oder in Gelassenheit verweile. All die vielfältigen Facetten des Hier und Jetzt, die Tiefe eines bewussten Augenblicks, kein Denken, nur Wahrnehmen – was rundum ist und die Stille in mir.

Bild: pixabay.com

DIE STILLE IN MIR

Als Kind bewunderte ich jene Filmhelden (zu jener Zeit waren es überwiegend Männer, Frauen wurde die Heldinnenrolle damals noch nicht zugestanden), die inmitten einer chaotischen, gefährlichen, aufgeladenen Situation ihre stoische Ruhe behielten, schweigend ihr Gegenüber musterten, unerschrocken, kraftvoll – und mit einem einzigen Satz alles sagten. Ich fragte mich, wie schaffen sie das? Schon klar, das waren Schauspieler in ihrer Rolle, dennoch – da war eine Präsenz spürbar, eine Präsenz, die ich erreichen wollte …

Lange Zeit fühlte ich Leere in mir. Heute ist es Stille. Diese Stille ist alles andere als leer. In mir ist jede Menge, ganz besonders Gelassenheit. Früher füllte sich die scheinbare Leere mit Resonanz zu dem, was um mich war – und das war nicht immer konstruktiv und lebensbejahend. Nun gleicht meine Stille einem ruhenden See, der alles sein kann, aber nichts sein muss. In meiner Stille (oder Gelassenheit) verharrend, nehme ich das rundum mich war, doch ich entscheide, ob mich reinziehen lasse (in das „Drama“ anderer) oder nicht. Ich habe die Präsenz in mir gefunden, selbst zu entscheiden. Kein Echo, keine Spielfigur – einfach ich.

Seit einiger Zeit beschäftige ich mich wieder intensiver mit Themen wie Meta-Kognition, Selbstregulation, Wahrnehmung und Realität. Es gab einiges zu verarbeiten, es gilt einiges zu entscheiden. Wohin soll meine Reise gehen? Bildlich gesprochen durchlebe ich einen weiteren „Häutungsprozess“, lege eine Hülle ab, der ich entwachsen bin.

Transformation – in deren Zentrum Stille wirkt. Präsenz.

Was auch immer 2026 bringen wird, dieses Jahr startet für mich kraftvoll und gleichzeitig unspektakulär. Meine Veränderung wird weder durch hektisches Tun noch äußere Notwendigkeit oder sehnsuchtsvolles Verlangen angetrieben. Es ist Stille. Gewissheit, dass das Unvermeidliche geschehen wird, ob ich nun in Unruhe verfalle oder in Gelassenheit verweile. All die vielfältigen Facetten des Hier und Jetzt, die Tiefe eines bewussten Augenblicks, kein Denken, nur Wahrnehmen – was rundum ist und die Stille in mir.

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DEJA-VU

Alles schon einmal dagewesen, in gewisser Weise. Seit Wochen häufen sich Ereignisse in meinem Leben, die es zuvor in sehr ähnlicher, mitunter nahezu identer Art und Weise, bereits gegeben hat. Was sich verändert hat, ist meine Rolle. Diesmal bin ich nicht mittendrin, sondern stehe außerhalb, eine Art von Beobachterin – und ich erkenne so vieles, neue Facetten bekannter Themen. Es ist eine außergewöhnliche Zeit.

Manchmal fühle ich mich wie eine Zeitreisende, die darüber staunt, wie ähnlich doch die Themen und Situationen sind, die uns Menschen beschäftigen. Steckt man mittendrin, wirkt es meist so, als würde niemand sonst je derartiges erleben. Welch ein Irrglaube! Mit etwas Abstand wird erkennbar, dass uns weit mehr gemeinsam ist als uns unterscheidet.

„Du triffst im Leben stets dich selbst.“

Wie oft habe ich dieses Zitat bereits verwendet? Ich könnte keine Zahl nennen, doch in den vergangenen Wochen gab es etliche Momente, in denen genau das geschah: Ich traf mich selbst – oder besser die, die ich einmal war, blicke auf mein vis-a-vis und gleichzeitig zurück in meine Vergangenheit.

Ist es beruhigend, zu erkennen, dass manches sich wiederholt? Oder erschreckend?

Wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass es damals so war – dass ich so war. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam „fremd“ an, wer ich einmal war. Erinnerungen, die jenen an Bücher oder Filme gleichen: surreal. Anhand der Deja-vus wird mir bewusst, wie wenig ich damals „bei mir selbst war“, wie sehr ich „lost in space“ war, zwar hier und tuend, doch gleichzeitig in einem „parallelen Universum“, dissoziiert, emotional abgekoppelt von der Realität und mir selbst. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes „disconnected“ – Jahrzehnte meines Lebens.

Ab und zu spüre ich den Wunsch in mir, all das rückgängig machen zu können, zurückzukehren an einen Punkt in meiner Vergangenheit und vor dort nochmals zu starten. Das ist unmöglich, definitiv. Dennoch, vielleicht berühren mich die Deja-vus deshalb so intensiv, weil es sich anfühlt, als würde ich zurückkehren, mit all meinem heutigen Wissen und Erfahrungen. Neu starten kann ich zwar nicht, doch meinen Erfahrungsschatz teilen. Wer weiß, vielleicht ist genau das der Plan des Lebens für mich: heute zu teilen, was damals nicht möglich war.

Fraktale stellen für mich das perfekte Sinnbild eines Deja-Vu dar: eine Motiv, das sich immer und immer wiederholt … wie das Leben, wenn man es nur mit ausreichend Distanz betrachtet.

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(M)EINE WEIHNACHTS-CHALLENGE

Zugegeben, ich bin jetzt keine aus dem Lager jener, für die das Weihnachtsfest den Mittelpunkt des Jahreszyklus darstellt, aber diesmal hat es sich ergeben, dass mich einige Ereignisse der vergangenen Wochen an den Punkt gebracht haben, mich einem 24-Tage-Experiment zu stellen: (m)eine ganz persönliche Weihnachts-Challenge.

Vielleicht möchtest du mitmachen?

Die Idee entstand aus der (nicht gerade neuen) Erkenntnis, dass unsere innere Haltung wesentlich Einfluss darauf hat, ob man müde oder energiegeladen durchs Leben wandelt. In Kombination mit dem Wunsch, etwas verändern zu wollen – in erster Linie mich selbst, aber gerne auch die Welt 😉 – wurde daraus eine Achtsamkeitsübung, die mich durch den Advent begleiten wird. Es geht um … Dankbarkeit – absolut passend in der vorweihnachtlichen Zeit.

Es gibt innere Haltungen, die uns Energie rauben: Ablehnung, Zweifel, Widerstände, Eifersucht, Neid, Missgunst, Mangeldenken … allesamt hoch-dramatische Energievampire.

Es gibt aber auch innere Haltungen, die uns sprichwörtlich energetisieren und aufladen: Liebe, Freude, Dankbarkeit.

Meine Entscheidung fiel auf Dankbarkeit. Meine Challenge lautet: 24 Tage für alles, was mir in dieser Zeit begegnet, Dankbarkeit zu empfinden.

Dankbarsein für das wunderbare, liebevolle, die Geschenke des Lebens, die schönen Momente.

Dankbarsein für die Prüfungen, die sich auf meinem Weg zeigen werden.

Dankbarsein für Erfolge ebenso wie fürs Scheitern.

Frei von Wertung, voller Dankbarkeit dafür, erleben zu dürfen, was ich erleben werde, weil alles davon seinen Teil dazu beträgt, dass ich bin, wer ich bin.

Ein Experiment, eine Challenge – eine Erwartungshaltung? Natürlich kenne ich die Theorien zu Dankbarkeit, habe eine gewisse Vorstellung, was dadurch im Unterbewusstsein ausgelöst wird, wie das Gesetz der Anziehung wirkt … dennoch möchte ich es genau jetzt ERLEBEN … weil einiges in meinem Leben geschehen ist und gerade geschieht, für das ich auf nie zuvor gekannte Weise dankbar bin.

Vielleicht möchte ich auch einfach nur eine Idee in diese Welt hinausschicken, die vielleicht Nachahmer findet? Wer weiß? Meine innere Stimme flüstert mir zu: tue es – jetzt! … erwarte nichts, sei einfach dankbar.

In diesem Sinne: danke für deine Zeit, die du dir genommen hast, meine Worte zu lesen.

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MULTIDIMENSIONAL    

 … diesen Begriff verwende ich häufig, um mich selbst zu beschreiben. Aber welche Bedeutung verbirgt sich dahinter? Vermutlich gibt’s dazu unterschiedliche Interpretationen. Deshalb hier nun mein Verständnis von Multidimensionalität.

Das beste Beispiel für mich ist meine autofiktionale Romantrilogie JAN/A. Auf den ersten Blick eine feurig-sinnlich-chaotische Liebesgeschichte. Weitere Blicke offenbaren tiefenpsychologische Facetten, lebensphilosophische Gedankengänge, Sinnsuche … tatsächlich habe ich in dieser Geschichte meine frühkindlichen (und einige spätere) Traumatisierungen in Form einer intrapersonellen Teilearbeit aufgelöst (Gewalt, Übergriffe, Missbrauch …). Ebenso wie jene Lücken geschlossen, die in meiner Kindheit vorhanden waren (Geborgenheit, Wertschätzung, Zuwendung …). Alles in einer einzigen Geschichte, in jeder einzelnen Szene enthalten.

Multidimensionale Wahrnehmung bedeutet für mich eine Kombination aus analytischer Beobachtung und emotionaler Stimmgabel. Ich vermeide bewusst den Begriff „Empathie“. Für mich ist Empathie ein „sich in den anderen einfühlen“, sich aktiv mit anderen zu befassen. Eine emotionale Stimmgabel funktioniert hingegen auch passiv. Ich nehme die Stimmung (oder Schwingung) anderer auf, ob ich will oder nicht – ob ich mich damit befasse oder nicht (z.B. in Öffis). Das, was in den anderen ist, rollt einfach wie eine Welle über mich und durch mich hindurch. Ein Teil bleibt hängen – ob ich will oder nicht. Früher war ich dem hilflos ausgeliefert. Mittlerweile habe ich Strategien entwickelt, diesen „unerwünschten Teil“ wieder loszuwerden, aber es erfordert Zeit, Energie und bewusstes Handeln meinerseits. Völlige Abgrenzung gelang mir bis dato nicht – und ich zweifle, ob ich das möchte. Es wurde das, was ich bin, unterdrücken – etwas, dass ich viel zu lange tat.

Mit JAN/A erlaubte ich mir, ICH zu sein, meine komplexe Multidimensionalität sichtbar in diese Welt zu holen. Seither integriere ich „mein wahres ICH“ Schritt für Schritt in weitere Bereiche meines Lebens. Oder anders gesagt: mehr und mehr Authentizität. Dieser Prozess dauert nun bereits 8 Jahre an – 8 Jahre, in denen ich meine Multidimensionalität zunehmend anderen offenbare. Das führt zu unterschiedlichen Reaktionen.

Manche schätzen mich, weil ich bin, wer ich bin.

Manche lehnen mich ab, weil ich bin, wer ich bin.

Manche fürchten mich, weil ich bin, wer ich bin.

Ich bin immer noch, wer ich bin.

Eine emotionale Stimmgabel mit analytischem Verstand, die instinktiv und intuitiv das tief in Menschen verborgene spürt – unabhängig von dem, was sie sagen oder tun, mit einem eingebauten Detektor für Inkongruenzen, kombiniert mit einer Alarmanlage und (mittlerweile) ziemlich effektiven Selbstschutzmechanismen. Anders gesagt: ich kann in Ruhe und Gelassenheit inmitten einer Welt leben, die ich zunehmend als „unbewusst und unreflektiert“ wahrnehme. Keine Wertung, kein Urteil, einfach eine Wahrnehmung.

Womit ich jedoch nach wie vor ein massives Thema habe, sind Menschen, die in sich Leid und Drama vereinen. „Sterbender Schwan“ nenne ich diese Kombination. Menschen leiden (seelisch) und ziehen aufgrund ihrer unstillbaren Bedürftigkeit ihr Umfeld in dieses Leid hinein. Ich kenne das nur allzu gut. Ich wuchs in dieser „Hölle des Leidens“ auf. Meine Eltern lebten beide bis zu ihrem Tod in dieser Hölle – nicht grundlos. In ihren Leben war eine Menge geschehen, was als Ursache für seelischen Schmerz und Leid mehr als legitim ist – doch keiner von beiden löste es je auf. Als Kind und bis weit ins Erwachsenenalter teilte ich diese Hölle, weil es für mich normal war, weil ich nichts anderes kannte, weil ich so geprägt worden war. Doch ein Teil von mir suchte einen Ausweg – und fand ihn schließlich. Damit hielten Ruhe und Gelassenheit in meinem Leben Einzug. Treffe ich heute auf „sterbende Schwäne“, triggert ihre „Hölle des Leidens“ meine Erinnerungen – auch emotional – doch damit kann ich umgehe, kann wieder aussteigen, nicht jedoch mit den im Körpergedächtnis gespeicherten Erinnerungen. Kinder (und auch Erwachsene) die im permanenten inneren Alarmzustand leben, weil sie die nächste Attacke fürchten und darauf vorbereitet sein wollen, stehen auch körperlich ständig unter Anspannung – Fluchtmodus, Stresshormone, Schmerzen. Viele Jahre litt ich 24/7 unter körperlichen Schmerzen, ohne das eine Ursache dafür gefunden werden konnte. Erst als ich aus der „Hölle des seelischen Leidens“ ausstieg, endete die Schmerzen ebenso unerklärlich wie sie begonnen hatten.

Mein Körper hat bis heute nichts vergessen. Jede Begegnung mit „sterbenden Schwänen“ führt mit der Präzision eines Uhrwerks zu innerer Anspannung, Veränderungen von Puls und Blutdruck, Hormonhaushalt, Nerven- und Immunsystem … mein Körper reagiert, versetzt sich in einen Alarmzustand, fährt Abwehrsysteme hoch und nicht überlebenswichtige Funktionen runter. Der passendste Vergleich für mich ist der mit einer Allergie, auch wenn es sich hierbei nicht um eine klassische Allergie handelt, so ist es doch eine physische Überreaktion, die sich nur schwer oder gar nicht steuern lässt. „Sterbende Schwäne“ sind für mich toxisch, sie machen mich krank – auf körperlicher Ebene – selbst wenn mir die Person dahinter per se gleichgültig ist, ihre Schwingung ist es nicht. Da ich sie nicht blockieren kann, bleibt nur ausgleichen und loswerden, was mich eine Menge meiner Energie kostet, weshalb ich Menschen, die in der „Hölle des Leidens“ feststecken – so weit mir das möglich ist, vermeide. Aber das führt mitunter dazu, dass ich missverstanden werde. Ein fataler Kreislauf …

… oder Schicksal. Bestimmung.

Vielleicht ist es meine Bestimmung, anderen Einblick (und damit ein wenig Nachvollziehbarkeit oder Verständnis) in eine (Wahrnehmungs)Welt zu geben, die anders ist – multidimensional. In der alles mit allem in Verbindung steht und (bewusstes) Denken/Fühlen/Agieren/Reagieren in komplexen Zusammenhängen so alltäglich ist wie Zähneputzen. Weder angestrengtes „ich will besonders schlau rüberkommen“ noch überhebliches „hey, ich bin was Besseres“. Es ist einfach – meine Art, diese Welt und Menschen wahrzunehmen. Weder kann ich noch will ich das abstellen. Ich könnte mir die Augen verbinden und geräuschunterdrückende Kopfhörer aufsetzen, es würde nichts daran an, fühlend wahrzunehmen, was rund um mich ist – die Schwingung anderer Menschen, von Freude über Trauer, Scham, Leid, Schmerz, Wut, Ablehnung, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit … die gesamte Bandbreite menschlichen Fühlens. Das, was gelebt und gezeigt wird, ebenso wie das, das verdrängt und unterdrückt wird. Letzteres ist meistens noch viel intensiver spürbar als die Oberfläche, weil es im Dunkel des Unbewussten liegt, in einer Ebenen, in der wir – so meine Wahrnehmung – alle verbunden sind.

Good Vibes sind und waren nie ein Problem – aber echte, in die Tiefe reichende Good Vibes sind selten. All zu oft kaschieren sie an der Oberfläche, was noch da ist …

Meine selbstkritische Ader hinterfragt natürlich, ob ich mir das alles nicht nur einbilde, auf andere projiziere was in mir ist. Früher war das sicherlich öfters der Fall. Inzwischen habe ich gelernt, recht gut zu unterscheiden zwischen dem, was „meins“ ist und dem anderen. Das gelang vor allem dadurch, dass ich mit dem beschäftigt habe, was in mir ist. Mit ziemlicher Sicherheit habe ich noch nicht alles gefunden und aufgelöst, aber ich habe Routinen entwickelt, zwischen „meinem“ und dem anderen zu unterscheiden. Eine weitere Facette von gelebter Multidimensionalität.

Vielleicht vermitteln diese Zeilen einen Einblick in etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt, aber wichtig ist, um zu verstehen und zu akzeptieren, das „Anderssein“ weder richtig noch falsch, sondern einfach nur eine weitere Facette der Vielfalt ist, die das Leben bereichert. Leben ist stets multidimensional.

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RUHE UND GELASSENHEIT

Mein letzter Blog liegt beinahe einen Monat zurück. Unglaublich, wie schnell die Zeit verflogen ist. Unbeschreiblich, was alles in dieser Zeit geschehen ist. Meine Versuche, all das irgendwie zusammenzufassen, scheitern. Die Ereignisse gleichen einer Achterbahn, die permanent rauf und runter fährt, ohne zu stoppen, doch ich sitze nicht drin. Nicht so wie früher, als ich das Gefühl hatte, fremdgesteuert über die Achterbahn zu rasen. Diesmal stehe ich davor, in ziemlich umfassender Ruhe und Gelassenheit, und beobachte, was geschieht. Handle, wenn es nötig ist. Die Welt rund um mich fährt auf der Achterbahn. Es fühlt sich gut an, aber auch irritierend.

In den vergangenen Wochen habe ich enorm viel verarbeitet, in Abgründe geblickt, mich selbst wieder und wieder hinterfragt, habe Klarheit gewonnen und verworfen.

Heute sitze ich – wieder einmal – auf einem Berg und frage mich, ob ich jemals einen Menschen treffen werde, der eine derart komplexe Persönlichkeit wie mich vollständig erfassen kann. Oder ob ich mich damit begnügen soll, bruchstückhaft gesehen zu werden. Ob diese Gedanken ein Zeichen von Überheblichkeit meinerseits sind – oder einfach nur die durch Worte verzerrte Wiedergabe dessen, was ich in mir fühle.

Die aktuelle Diskussion der Fachwelt, ob BPS nun zu Neurodivergenz zählt oder nicht, habe ich – als Betroffene – für mich klar entschieden: JA, tut es. Ich erlebe es tagtäglich, wie „anders“ ich ticke. Spreche ich offen über das, was ich wahrnehme, ernte ich Staunen – und die Gewissheit, für die Mehrheit in einer „anderen, erweiterten Welt“ zu leben. Je mehr ich mich darauf einlasse und diese „andere Welt“ in meinen Alltag integriere, desto komplexer wird mein Bild, desto klarer wird aber auch, wo die es hakt, wo es Brücken braucht, um „normal“ und „anders“ in einem harmonischen Ganzen zu verbinden.

Apropos Harmonie: die derzeit wohl größte Herausforderung für mich ist jene, im Job mit einer für mich absolut toxischen Person zusammenzuarbeiten. Ich könnte aussteigen, davonlaufen, doch was würde ich mitnehmen? Auf der anderen Seite: zu bleiben bietet die Chance zu lernen, mich weiterzuentwickeln. Ja, ich werde getriggert, aber ich habe meine (emotionalen und sonstigen) Reaktionen unter Kontrolle. Geht’s nicht genau darum? Nicht durch Trigger fremdbestimmt zu sein, sondern resilient gegenüber dem „Unvermeidbaren“? Der aktuellen Herausforderung könnte ich ausweichen und aussteigen, doch bereits morgen könnte die nächste toxische Person meinen Weg kreuzen. Durch diese Zusammenarbeit (wenn man es denn so nennen mag) habe ich die Gelegenheit, meine Fertigkeiten im Umgang mit toxischen Personen zu trainieren und zu optimieren. Das Leben bietet mir eine Chance, denn ich der aktuellen Herausforderung bin ich nicht allein. Es gibt andere, die mir im Bedarfsfall zur Seite stehen, Raum für Psychohygiene, Wertschätzung. Ein Umfeld, das erkennt, dass in mir noch ungeahnte Potenziale schlummern. Ein Umfeld, das die Borderline-Stärken zu schätzen weiß. Ein Umfeld, in dem ich sein kann, wer ich bin.

All das und mehr dreht Runden auf der Achterbahn um mich, während ich in Ruhe verharre. Alles ist in Bewegung, ich bleibe gelassen; die Achse, der Nabel meiner Welt; die Sonne, um die alles kreist. Ich bestimme mein Denken und Fühlen – darauf kommt es an. Mehr braucht es nicht, um aus der Achterbahn auszusteigen.

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EINE (LEIDER) WAHRE GESCHICHTE

In der Vergangenheit von A lief einiges schief. Wie nahezu alle Menschen erlitt A seelische Wunden, die im Laufe der Zeit vernarbten – auch deshalb, weil A viel dazu beitrug, dass Heilung stattfinden konnte. Es war ein langwieriger Prozess, der aus A eine reflektierte Person machte, die stets darauf achtet, anderen wertschätzend zu begegnen, die bei zwischenmenschlichen Problemen, anstatt Vorwürfen und Schuldzuweisungen auszusprechen, beginnt zu hinterfragen, um zu verstehen und einen Konsens zu schaffen. A ist sich bewusst, kein Engel zu sein und noch so einiges an „Ballast“ mich sich rumzuschleppen, dennoch versucht A, jeden einzelnen Tag die bestmögliche (Charakter)Version von sich selbst zu sein.

Eines Tages trifft A auf B. Zwei Lebenswege kommen einander näher, eine Beziehung entsteht. Zu Beginn läuft es bestens, bis das erste harmlose Missverständnis auftritt – und plötzlich erkennbar wird, dass B noch nicht jenen Prozess der Selbstreflexion durchlaufen hat. A wird mit Vorwürfen, Unterstellungen und Schuldzuweisungen konfrontiert. Das schmerzt. Mit viel Geduld und Verständnis bemüht sich A, das Missverständnis aufzulösen, was auch gelingt – vorübergehend. Das nächste Missverständnis lässt nicht lange auf sich warten, und das übernächste … von Mal zu Mal steigert sich die Intensität. Es dauert nicht lange, bis A erkennt, dass sich nicht nur um das jeweilige Missverständnis geht. Hinter den emotionalen Ausbrüchen verbergen sich lange unterdrückte Emotionen aus der Vergangenheit von B. A wird zur Zielscheibe (Projektionsfläche) dessen, was lange vor dem gemeinsamen Weg geschehen ist.

Hast du ähnliches bereits erlebt? Wenn es in der Rolle von B war, wird das, was nun folgt, dir möglicherweise nicht gefallen. Wenn du als A in einer ähnlichen Situation warst, wirst du dich vielleicht gefragt haben, was du tun hättest können. Hier teile ich mit dir die Essenz dessen, was ich in über einem Dutzend Gesprächen mit (Fach)Expertinnen und Experten erörtert habe:

„Lass los und geh!“

So hart diese Aussage klingen mag, du kannst nichts tun. Du kannst B nicht retten. Egal, wie sehr du liebst oder wie viel Verständnis oder Geduld du aufbringst.

Menschen lernen im Laufe des Heranwachsens, ihre Emotionen auf angemessene Weise auszuleben, sie zu regulieren. Dieser Prozess der emotionalen Reifung kann jedoch im Kindesalter durch äußere Einflüsse gestört oder unterbrochen werden. Dann wird der Mensch zwar körperlich und auch geistig erwachsen, aber nicht emotional. Ein harmloses Missverständnis kann zu einem Aufbrechen der emotionalen Verletzungen aus der Kindheit führen – so wie es das bei B tat. B macht das weder bewusst noch mit böser Absicht. B kann nicht anders, weil der Reifungsprozess unterbrochen wurde. Daran kann A nichts ändern. Niemand kann einem anderen diesen Prozess abnehmen. Zu bleiben, würde nur dazu führen, dass A wieder und wieder zur Zielscheibe wird.

A und B teilen sich eine Realität, aber sie leben in zwei sehr unterschiedlichen Welten, sprechen unterschiedliche Sprachen.

Vor vielen Jahren war ich B – und es war mir nicht bewusst. Meine Welt war die Einzige, die ich kannte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es eine andere Welt geben könnte. Doch ich war eine Suchende. Es begann bei Gesundheitsthemen, Kommunikation und ehe ich mich versah, erkundete ich „neue Welten“. Schließlich führte mich mein Weg in die Welt von A.

Treffe ich heute auf B, fühle ich Ambivalenz in mir. Einerseits lebt die Hoffnung in mir – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass es möglich ist, den emotionalen Reifungsprozess auch im Erwachsenenalter nachzuholen. Es ist nie zu spät. Anderseits ist mir auch bewusst – aus meiner eigenen Erfahrung heraus – dass die Notwendigkeit dieses Schrittes nicht leicht erkennbar ist, wenn man noch in der Welt von B steckt. Sich selbst als Zielscheibe zur Verfügung zu stellen, hilft niemanden – auch nicht B, weil B in seinem Verhaltensmuster wieder und wieder bestärkt wird. Täglich grüßt das Murmeltier.

Manchmal müssen Menschen unterschiedliche Wege zurücklegen, bevor es zu einem Happy End kommen kann – und es kann auch jeder für sich zu einem eigenen Happy End finden.

Manchmal schreibe ich Geschichten wie diese, um mir selbst vor Augen zu halten, dass ich niemanden retten kann – und um in mir die Kraft und das Vertrauen zu finden, loszulassen.

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BEZIEHUNG EINMAL ANDERS

So lange ich zurückdenken kann, waren die Beziehungen in meinem engsten Umfeld von Spannungen, Konflikten, Verlustangst und fehlender Wertschätzung geprägt. Selbiges setzte sich später in meinen intimen Beziehungen fort. Beziehungsstress war normal – so normal, dass ich es nicht mehr hinterfragte. Auch wenn es enorm anstrengend und nervenaufreibend war, es war normal.

Bis ich eines Tages – vor gar nicht allzu langer Zeit – etwas losließ und auf einem Berg ablegte. Einen Stein (physisch), in den ich (metaphysisch) all die alten Denkmuster und Energien übertragen hatte. Plötzlich wurde alles anders. Klingt nach einem Märchen in der Art von Aschenputtel, ist aber real geschehen, jenseits von „heile Welt-Klischees“. Und es bringt einiges an Arbeit mit sich.

Wenn die gewohnte Normalität nicht mehr der Realität entspricht, gibt’s was zu tun.

Umdenken. Umlernen. Neu ausrichten.

Wenn ein halbes Jahrhundert lang (An)Spannung dominiert hat, fühlt sich Harmonie ziemlich fremdartig an, um nicht zu sagen irritierend. Da kommen schon mal Zweifel im Sinne von „ist das wirklich Zuneigung?“ – so ganz ohne … ohne was eigentlich? Ohne Stress, ohne Konflikt, ohne Manipulation, ohne Angst.

Ja, es ist Zuneigung – wie sie tatsächlich sein sollte. Liebevoll, ohne all dem schmerzhaften.

Eine neue Erfahrung. Eine, in der es darum geht, den Ausstieg von der emotionalen Achterbahn nun auf die nächste Ebene – sprich: in die Zweisamkeit – zu bringen. Gelassen zu bleiben, wenn der andere mit seinen eigenen Themen beschäftigt ist. Unterstützen, aber nicht übernehmen. Begleiten, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Nähe neu zu definieren, als einen Hafen der Geborgenheit.

Vieles auf meinem Weg konnte ich allein lösen und verändern, aber für eine Neuausrichtung in Bezug auf Nähe braucht es andere Menschen – mindestens einen 😉 um Beziehung anders zu leben als in der Vergangenheit. Ich komme mit mir selbst wunderbar klar, auch mit anderen (solange eine gewisse Distanz besteht). Und wenn mir jemand ganz nahekommt? Nach einigen anfänglichen Irritationen gelingt es überraschend gut. Unaufgeregt aufregend. Vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich zuvor meine Angst vor dem Alleinsein überwunden, (Ur)Vertrauen aufgebaut und gelernt habe, gut mit mir selbst auszukommen.

Meine rationale Seite sucht (wie könnte es anders sein) nach Erklärungen. Eine Online-Recherche mit der Frage „sind Borderliner beziehungsfähig“ später erkenne ich so manches aus meiner Vergangenheit in den Beschreibungen. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam „fremd“ an, als wäre ich damals eine andere gewesen (was ja in gewisser Weise auch stimmt). Einmal mehr wird mir bewusst, was Menschen, die eine Borderline-Diagnose erhalten und daraufhin online recherchieren, finden und wie das möglicherweise auf ihre Selbstwahrnehmung wirkt – und wie wichtig es ist, andere Geschichten ergänzend dazuzustellen.

Ja, es ist möglich, sich über traumatische Erfahrungen und toxische Beziehungen hinaus weiterzuentwickeln, intime Beziehungen zu führen, die von Wertschätzung und Geborgenheit geprägt sind. Es geschieht nicht von allein, nicht über Nacht, aber es ist möglich.

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UNENDLICH SCHADE

Ab und zu kommt es vor, dass Menschen mich regelrecht meiden. Ihre Handlungen signalisieren Ablehnung, in ihren ausweichenden Blicken entdecke ich Furcht. Sie fürchten mich? Warum? Vielleicht weil sie intuitiv spüren, dass ihre Fassade mich nicht zu täuschen vermag. Vielleicht weil ich eine Botschaft in mir trage, die sie nicht hören wollen.

Diese Menschen leben ihre jeweilige Form der Selbstverletzung und Selbstzerstörung, manchmal inmitten eines Umfeldes, das dies zu ignorieren scheint. Oder einfach überfordert ist, hilflos, handlungsunfähig angesichts eines Verhaltens, dass sie weder verstehen noch ändern können.

Da ist ein Opfer, das sichtlich leidet und keine Erlösung findet, keine Heilung, nur endlosen (Seelen)Schmerz. Ein Opfer, das vehement nach Anerkennung seines Opfers und Schmerzes verlangt. So sehr, dass es beginnt sein Umfeld ins eigene Leiden hineinzuziehen. Schmerz durchdringt das System. Letztendlich leidet jeder Teil dieses Systems, zumeist verborgen hinter einer gesellschaftstauglichen Fassade.

Vielleicht erkennen diese Menschen in mir, dass ich einst so war wie sie es heute sind. Vielleicht sind sie noch nicht bereit, aus der Opferrolle auszusteigen und wollen durch mich nicht daran erinnert werden, dass Veränderung möglich ist. Vielleicht erschüttere ich die Grundfeste ihres Glaubenssystems.

Wie kann man sich für den Weg der Liebe entscheiden, wenn doch so viel Schreckliches in der Welt geschieht? Vielleicht genau deshalb: weil so viel Schreckliches in der Welt geschieht – und sich das nur verändern wird, wenn die Zahl jener wächst, die dem Weg der Liebe folgen.

Häufig wird mir gesagt, ich wäre ein Spiegel. Zumeist entdecken Menschen in diesem Spiegel etwas Positives über und/oder für sich selbst. Wer jedoch vom Schmerz dominiert wird, fürchtet die heilende Kraft der Liebe. Der Schmerz selbst fürchtet um seine Existenz und hält die Menschen in seinem Würgegriff gefangen. Liebe könnte dies auflösen, doch der Preis dafür ist hoch. Es gilt, den vertrauten Schmerz loszulassen und sich der noch unbekannten Liebe zu öffnen. Urvertrauen nennt man jene magische Pforte, durch die ein Mensch schreiten muss, um frei vom (Seelen)Schmerz zu werden. Wie kann man vertrauen, wenn so viel Schreckliches geschieht? Der Kreislauf beginnt von Neuem, ein Labyrinth des Leidens … unendlich schade, doch ändern kann es jeder nur für sich selbst.

Das ist die gute Nachricht: Veränderung ist möglich – Botschaft eines liebevollen Herzens.

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IN DER MITTE DES LEBENS

Unter all den wertvollen Gedanken, die weise Menschen im Laufe meiner bisherigen Reise durch dieses Leben mit mir teilten, ist auch jener, der vom Werden und Loslassen selbigen Lebens berichtet. In der ersten Lebenshälfte, so heißt es, geht es darum, etwas zu aufzubauen, zu erschaffen, für den Fortbestand zu sorgen. Wachstum lautet das Motto – Quantität. Körperlich, materiell, Status, Ego. Bis hin zu jenem Punkt in der Mitte des Lebens, an dem alles anders wird – werden sollte.

Jeder von uns hat nur eine begrenzte Zeit in diesem Leben. Auch wenn viele so handeln, als würde sie ewig leben – sie werden sterben, früher oder später. Die zweite Hälfte des Lebens sollte als Vorbereitung auf dieses Ende dienen, die Basis für einen würdevollen Übergang schaffen, in Zufriedenheit und voller Dankbarkeit. Wo zuvor Quantität dominierte, geht es nun um Qualität, um Reife, und ja – aus Erfahrung und Reflexion geformte Lebensweisheit. Loslassen tritt in den Vordergrund. Loslassen von allem, was im jugendlichen Überschwang mitgenommen wurde und keinen Sinn mehr ergibt, keinen Zweck mehr erfüllt, keine Freude mehr bringt, keine Liebe in sich trägt – was zum vertrauten, dennoch hinderlichen Ballast wurde.

Wer in der Mitte des Lebens angekommen ist, erlebt mitunter, dass nichts mehr so läuft, wie früher. Stattdessen wiederholen sich manche Problemstellungen in kürzer werdenden Abständen. Ausweichen wird schwieriger, die Bearbeitung dringlicher. Prüfungen des Lebens? Wer seine erste Lebenshälfte auf die Welt im Außen fokussiert war, darf nun die Aufmerksamkeit nach innen richten und sich verdrängten Themen widmen. Der Wachstumsprozess wandelt seine Qualität, wird zum Reifungsprozess. Vielleicht wird die Melodie ein weniger langsamer, vielleicht die Töne leiser, harmonischer, vielfältiger.

Die zweite Lebenshälfte sollte und kann eine Phase der emotionalen Reife und Fülle, unerschütterlicher Ruhe und Gelassenheit, intensiver Lebensfreude und Lebenslust sein, eben weil das Ende näher rückt und die Unwiederbringlichkeit jedes einzelnen Momentes bewusst wird, der umso wertvoller wird. Wir können Zeit nicht auf einem Bankkonto horten, aber wir können jenen Ballast abwerfen, der es uns erschwert, das Wunderbare im Alltäglichen mit allen Sinnen wahrzunehmen, uns in die Umarmung des Lebens fallen zu lassen und den Weg der Liebe zu beschreiten.

ALLES NICHT SO EINFACH

Wer kennt das nicht? Irgendwann in der Vergangenheit geschah etwas extrem Schmerzhaftes, eine Verletzung durch einen Menschen, dem man bis dahin vertraut hat. Verrat, Betrug, Gewalt … was auch immer es war, es verursachte eine tiefe seelische Wunde, die lange nicht heilen wollte und konnte – manchmal bis zum heutigen Tag. Der rationale Verstand fand einen Weg, damit umzugehen, aber wir sind mehr als „nur“ unser Intellekt. Da gibt es noch eine andere, eine fühlende Seite – und für die ist es nicht so einfach…

Jahre, Jahrzehnte klammerte ich mich an den ungelösten Schmerz der Vergangenheit, kettete eben jene Vergangenheit an mich – in der Gegenwart. Mein Verstand hatte längst für alles volles Verständnis und Erklärungen entwickelt, aber eben nicht jene fühlende Seite. Auch wenn die Wunde nicht mehr blutete, sie war alles andere als verheilt. Ich erinnere mich an so manches Gespräch, in dem mir nahegelegt wurde, mich meinem seelischen Heilungsprozess zu widmen – und an meine abwehrende Reaktion. Es gäbe nichts zu heilen, das läge alles hinter mir und sei längst abgeschlossen … ich war gut darin, mir selbst etwas vorzumachen, mich selbst zu täuschen. Allzu vertraut war der Schmerz, als das ich mich davon trennen wollte – unbewusst. Paradox, genau deshalb menschlich.

Eben alles nicht so einfach.

Manche sagen, man muss verzeihen – aber manches kann man nicht verzeihen. Andere sagen, man muss versuchen zu verstehen – aber manchmal fehlt es an Informationen, die nicht mehr zu bekommen sind. Man kann das Geschehene als Schicksal oder Bestimmung sehen in dem Bestreben, den darin verborgenen Sinn zu erkennen und es zu transzendieren – ein nobler Weg, aber nicht ganz einfach.

Gibt es denn einen einfachen Weg?

Gute Frage. Meiner Erfahrung nach kann der Weg relativ „einfach“ sein, aber alles andere als leicht. Jene seelische Wunde zu heilen, die andere gerissen haben, Jahre oder Jahrzehnte in der Vergangenheit, in die vielleicht immer und immer wieder Salz gestreut wurde, die so vertraut wurde, dass ein Leben ohne diese Wunde schlichtweg unvorstellbar erscheint, die Teil des eigenen Selbstverständnisses wurde, dafür braucht es eine klare Entscheidung – Disziplin und Konsequenz.

Nachdem ich meine eigene Wunde jahrzehntelang wie ein Mahnmal vor mir hergetragen hatte im Sinne von „Seht, was mir geschehen ist und was ich überlebt habe“ kam ich eines Tages zur Erkenntnis, dass jedes Mahnmal die Vergangenheit in der Gegenwart am Leben erhält. Was nicht endet, kann nicht heilen. Um frei von dem Schmerz zu werden, musste die Vergangenheit vorbei sein dürfen. Vergessen? Nein, aber den Geschehnissen den ihnen gebührenden Stellenwert geben:

Ereignisse auf meinem Lebensweg. Punkt. Keinerlei Wertung.

Jede Wertung – egal ob positiv oder negativ – hat stets ein Gefühl im Schlepptau. Wer sich nicht grenzenlos selbst belügen und die Ereignisse in ihr Gegenteil verdrehen will, kann sich auf eine „neutrale Position“ zurückziehen und die Ereignisse als das belassen, was sie sind: Ein Teil des Weges.  Mit entsprechender Disziplin und Konsequenz nimmt das dem Schmerz den Nährboden, die Wunde kann heilen.

Eigentlich ist es einfach, aber tatsächlich ist es alles andere als leicht – so meine Erfahrung.

Seelischem Schmerz haftet eine Art von Magnetismus an, der ihn immer und immer wieder zurückholt, zumeist getriggert vom Ego, das wahrgenommen werden will, das sich ungerecht behandelt fühlt, auf Gerechtigkeit und Ausgleich pocht, mitunter auch auf Revanche oder Rache. Wo das Ego wirkt, hat Liebe wenig Chancen – doch ohne Liebe gibt es keine seelische Heilung. Weder Pillen noch Worte oder Taten können die Wunde in einer Seele heilen, wenn es an Liebe fehlt. Liebevoller Umgang mich sich selbst oder Festhalten am Schmerz? Eigentlich eine klare Entscheidung, aber tatsächlich nicht so einfach. Es braucht Disziplin und Konsequenz, den Verführungen des Egos und dem Magnetismus des Schmerzes zu widerstehen.

Aber – und dies ist nun mein letztes Aber für heute – es wird von Tag zu Tag leichter, und irgendwann sogar einfach.

Angelehnt an das altägyptische Totengericht, beim dem das Herz der Verstorbenen gegen eine Feder gewogen wurde. Nur wenn das Herz leichter war als die Feder, wurde ihm Einlass ins Totenreich gewährt … Wer sich vom Schmerz befreit, dessen Herz wird frei und leicht – vielleicht sogar leicht wie eine Feder.

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