EIN HERZ FÜR MÄNNER

Vor ein paar Stunden habe ich noch überlegt, welches Thema ich für meinen dieswöchigen Blog wähle. Ein Blick in eine Frauenzeitschrift verwarf alle bisherigen Ideen, denn mir wurde schlagartig bewusst, was – für mich – dabei fehlt.

In dem Magazin schreibt eine Frau über ihre Erfahrung, als 10-jähriges Kind die Aussage ihrer Großmutter gehört zu haben: „Zum Glück ist sie klug, weil schön ist sie nicht.“ Eine andere berichtete von ihrer „Tanzblockade“ aufgrund einer wenig erfreulichen Kindheitserfahrung und wie sie diese im Alter von 40+ überwunden hat. Meine eigenen, sehr ähnlich gelagerten Erinnerungen kehrten zurück – und der Gedanke, wie gut und wichtig es ist, dass wir Frauen uns heute über solche Themen austauschen und die Wunden der Vergangenheit heilen können.

Wir Frauen – aber was ist mit den Männern?

Verletzende Aussagen bekommen auch kleine Jungs zu hören. Berührt es sie nicht? Schlagen Unachtsamkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen des Umfeldes keine Wunde in ihren Seelen?

Doch, das tun sie.

Jeder Mensch – unabhängig vom Geschlecht – hat eine Seele (für jene, die nicht an eine Seele glauben: eine Psyche), die verletzt werden kann und das auch wird. Manchmal täglich. Aber für Männern ist es ungleich schwieriger als für Frauen, darüber zu sprechen, in einer Gesellschaft, die ein ziemlich unausgeglichenes Bild für Männlichkeit definiert hat: Stark sein. Punkt. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, hieß es in meiner Kindheit. Heute gibt es ähnliche Glaubenssätze. Obwohl zunehmend Männer öffentlich über seelische Verletzungen, deren Folgen und wie sie damit umgehen, berichten, in der breiten Massen nehme ich nach wie vor das stereotype Rollenbild im Stil von „Bist du zu schwach, bist du kein Mann“ wahr.

Deshalb hier und heute in aller Klarheit:

Männerseelen sind ebenso empfindsam und verwundbar wie Frauenseelen. Nur bleiben Männer mit ihrem Schmerz oftmals allein zurück. Über die Verletzung zu sprechen und damit ihre Verwundbarkeit zu offenbaren, führt nicht selten zu weiteren Verletzungen im Sinne von „Weichei“. Ohne verständnisvolles Umfeld bleibt nur der Rückzug in die „Festung der Einsamkeit“, hinter schützende Mauern der Abgrenzung, mit Wunden, die über Jahre und Jahrzehnte nicht heilen – manchmal bis in den Tod hinein.

Vor ein paar Tagen notierte ich diesen Gedanken:

„Wahre Stärken hat Verständnis für Schwäche, denn wahre Stärke erwächst aus dem liebevollen Blick auf die eigenen Schwächen.“

Wahrhafte starke Menschen treffe ich nur selten, unabhängig vom Geschlecht. Dafür umso mehr „Bedürftige“.

Ein vermeintlicher fürsorglicher Nachbar, der mit seinem Rasensprenger täglich mein Schlafzimmerfenster beregnete, entgegnete auf meine Bitte, dies zu unterlassen: „Wenn der Wind weht, können schon mal 2-3 Tropfen aufs Fenster kommen.“ Nun ja, mein Fenster sah täglich der Glaswand meiner Dusche zum Verwechseln ähnlich – und somit weit entfernt von 2-3 Tropfen. Meinen entsprechenden Hinweis überhörte jener Nachbar, um seine jenseits der Realität angeordneten Argumente mit einem Tonfall in der Art von „junge Frau, du hast keine Ahnung, überlass das uns starken Männern“ in Endlosschleife zu wiederholen. Also wiederholte ich mich – diesmal betont bestimmt – und holte ihn aus seiner Illusionsblase heraus, worauf der Nachbar angepisst von dannen zog, aber seither bleibt mein Fenster trocken. Ein klassisches Beispiel vom Gegenteil eines starken Mannes. Unreflektiert und unfähig, eigene Fehler einzugestehen. Schwerst bedürftig danach, seinen mangelnden intrinsischen Selbstwert extern aufzupäppeln. In diesem Fall dadurch, als Kompensation das Gegenüber zu unterdrücken und sich als klüger darzustellen – in meinem Fall bleib er damit erfolglos. Das ist nur ein plakatives Beispiel unter unzähligen, die mir ad hoc einfallen.

Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, dürften kleine Jungs offen zeigen, wenn sie in ihren Gefühlen verletzt wurden, UND gleichzeitig erleben, dass sie TROTZDEM stark sind?

Stärke hat nichts damit zu tun, unverwundbar zu sein. Stärke zeigt sich darin, wie jemand mit seelischen Verletzungen umgeht – und mit seinen eigenen Schwächen.

Ein Mensch ohne Schwächen ist ein Mensch ohne Stärken. Beides sind Gegenpole, die einander bedingen, denn ohne Schwächen gibt es auch keine Stärken. Wer behauptet, keine Schwächen zu haben, offenbart in diesem Augenblick seine größte Schwäche.

Meine Generation wurde (leider) überwiegend stereotyp geprägt. Aber ich bin der Ansicht, es ist nie zu spät, diese Prägungen mit neuen, liebevollen, verständnisvollen, wertschätzenden zu überschreiben. Prägungen, die beides gleich wertvoll betrachten: Stärken UND Schwächen, weil beides zusammengehört und uns ganz macht. Wer nicht ganz ist, verspürt in sich eine Kluft, einen Spalt, Zerrissenheit, Konflikt, Schmerz.

Es wird so viel über Frauenherzen geschrieben. Nach den Jahrhunderten der Dominanz des Patriachats enorm wichtig, um den Selbstwert der Frauen zu stärken und sie einen gesunden Umgang mit ihrer Weiblichkeit finden zu lassen – der übrigens nichts mit den aktuellen Schönheitsidealen zu tun hat, aber das wäre ein anderes, sehr umfangreiches Thema.

Es ist an der Zeit, auch über Männerherzen zu sprechen. Über Mut und Kraft, die darin wohnen, ebenso wie über Sanftheit und Unsicherheit, mitunter sogar Hilflosigkeit angesichts von Umständen, die an die eigenen Grenzen und darüber hinausführen. Immer Herr der Lage zu sein gleicht einer Hybris. Manchmal bleibt nichts anderes, als sich dem zu fügen, was es ist.

Wahre Stärke geht einher mit der Weisheit, zu erkennen, wann es an der Zeit ist, um etwas zu kämpfen – und wann sich zurückzuziehen, loszulassen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Die wohl größte Herausforderung – für Männer ebenso wie für Frauen – ist der Blick in den Spiegel und auf das, was sich dahinter verbirgt, unter Oberfläche, all das, was jeden einzelnen von uns ausmacht, und diese Gesamtheit liebevoll zu umarmen und anzunehmen.

DAS ist wahre Stärke.

DAS ist der Weg der Seelenheilung – für Männer ebenso wie für Frauen.

DAS ist der Weg, der jedem Männerherz offensteht.

An dieser Stelle zitiere ich (leicht abgewandelt) weise Worte: „Wer diesen Weg bereits zu Ende gegangen ist, möge über die anderen urteilen“. Ich bin überzeugt, dass jeder, der diesen Weg zu Ende gegangen ist, über keinen anderen urteilen wird. Das tun nur jene, die noch auf dem Weg sind oder noch gar nicht damit begonnen haben. Bedürftigkeit, die sich darin offenbart, sich selbst besser als andere zu machen.

Mein Plädoyer, dass ich in die Welt hinausschicke:

Gewährt Männern die Chance, wahrhaft stark zu werden, in dem sie auch mal schwach sein dürfen, denn beides gehört zum Männerherz, wie die zwei Herzkammern zum physischen Herzen eines jeden Menschen.

Kein Herz ist unverwundbar. Wäre es das, wären wir dann noch Menschen?

Bild: pixabay.com

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