AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Seit Monaten beschäftigt mich mein „Mutter-Thema“. Es begann mit der Diagnose der Krebserkrankung, die mich aus meiner sicheren emotionalen Distanz zurück in das Umfeld meiner Mutter zog. Seither habe ich zahlreiche Stunden mit Reflexionen verbracht, um letztendlich immer und immer wieder festzustellen:

Es wühlt mich auf, bringt meine emotionale Balance ins Wanken, triggert schmerzhafte Erinnerungen, lässt Wut hochkochen, weckt Fluchttendenzen, gleichzeitig den Wunsch sie möge am eigenen Leib spüren, wie es mir ergangen ist, wie im Stich gelassen, überfordert, eingeschüchtert, gedemütigt, verängstigt, erdrückt, bedroht, missbraucht und einsam ich mich gefühlt habe. Keine netten Gedanken, das ist mir bewusst, aber ich bin nur ein Mensch, keine Heilige. Was ich durch meine Mutter erleben durfte, könnte ein paar lehrreiche Kapitel in einem Fachbuch für angehende Psychotherapeuten und Psychologinnen füllen. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenken, waren die prägenden Gefühle Angst in unterschiedlichsten Facetten sowie Scham. Ich kann mich nicht erinnern, mich je geborgen oder geliebt gefühlt zu haben, dafür stand ich ständig unter Anspannung, nur ja nichts falsches zu machen oder zu sagen.

Das ich nun, nachdem ich all das überstanden und mir mein eigenes Leben aufgebaut habe, für sie da sein und mich um sie kümmern soll, wirkt auf mich wie eine Ironie des Schicksals. Das Opfer soll sich um die Täterin kümmern. Ich habe alle nur erdenklichen Facetten rund um mein „Mutter-Thema“ wieder und wieder reflektiert, mich mit meiner dunkelsten Seite auseinandergesetzt, in den Abgrund geblickt, meine Kraft und Lebensfreude schwinden gefühlt.

Letztendlich ist all das unwichtig.

Es geht weder darum, in die Vergangenheit zu starren noch auf meine Mutter und das, was sie tut oder nicht tut.

Das, worum es wirklich geht, ist Selbstsorge.

Mich selbst zu fragen, was ich brauche, was mir gut tut und was nicht. Wo die Grenze verläuft zwischen dem, was ich tun/geben kann, und dem, was mir selbst schaden würde. Anzuerkennen, dass ich nicht übermenschliches leisten muss, sondern einfach nur Mensch sein darf. Das ich mich davor schützen darf, von anderen Menschen ausgenutzt, gedemütigt, manipuliert, missbraucht oder mit negativen Gedanken/Gefühlen erdrückt zu werden – dies inkludiert auch meine eigene Mutter.

Auf den Punkt gebracht: Selbstsorge und Selbstschutz anstelle von Selbstaufopferung und Selbstverletzung.

Gut für mich selbst zu sorgen ist das, was ich als Kind hätte lernen sollen. Damals wurde es verabsäumt, deshalb hole ich es im Heute nach. Die vergangenen Monate haben mir gezeigt, dass ich offenbar ein paar Kapitel noch nicht ausreichend verinnerlicht habe. Unter anderem das Kapitel „Nein-Sagen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“.

Bild: pixabay.com

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