DEEP MINDED STUFF

„Manchmal braucht es keine geschriebenen Worte. Manchmal sind es gesprochene in zufälligen Begegnungen des Lebens. Selbstheilung kann auf vielfältige Weise geschehen. Alles kann Therapie sein, wenn wir uns bewusst darin reflektieren.

Sehne dich nicht nach dem, was es nicht ist, sondern freue dich an dem, was es ist. Erlaube dem Leben Regie zu führen in dem Vertrauen, dass dir genau das begegnen wird, was dich jetzt weiterbringen kann.“

Vor einigen Tagen tauchten diese Gedanken unvermittelt in meinem Bewusstsein auf, als ich den Facebook den Beitrag einer Freundin las. Im ersten Ansatz dachte ich, diese Worte wären für sie bestimmt. Bei nachträglicher Betrachtung – auch der Ereignisse, die seither geschehen sind – entdecke ich darin ganz viel für mich selbst. Allein der gestrige Tag …

Buchmesse. Lesley und ihre Bücher. Lesley und ihre Geschichte. Lesley und ihr Weg, aus dem Problem Borderline das Potenzial Borderline zu machen. Wie oft ich das gestern erzählt habe? Keine Ahnung. Ich habe Ideen weitergegeben, Samen gesät, innere Bilder ein wenig retuschiert … beobachtet, wie Menschen auf das reagieren, was ich sage – und auf das, was ich bin.

Spät abends noch eine Runde Reflexion. Bei manchen Menschen hatte ich das Gefühl, sie würden mich ablehnen, aber war es wirklich Ablehnung? Oder vielleicht Unverständnis? Überforderung? Ein Spiegel, den ich ihnen vor Augen halte und in den sie (noch) nicht blicken wollen? Alle (inneren) Anklagen gegen das Leben, Menschen, Geschehnisse der Vergangenheit fallen zu lassen um im Hier und Jetzt frei zu werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei von den Verstrickungen des längst nicht mehr Veränderbaren? Wer will das schon? Wer will auf seinen (gerechten) Zorn verzichten? Es geht nicht um verzeihen, nicht um das Erhöhen der eigenen Position, die damit einhergeht, die Schuld und damit die Last von den Schultern anderer zu nehmen, sondern es anzunehmen, als das, was es war: ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, die Gegenwart zu erschaffen. Hadere ich mit meiner Vergangenheit, hadere ich mit dem, was aus ihr hervorging: ICH.

Innerer Frieden beginnt damit, es sein zu lassen, was es war, daraus zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Zukunft anders zu gestalten. Wie viele kennen diese Theorien? Wie wenig leben danach?

Gewiss, nicht alle Menschen streben danach unter die Oberfläche zu blicken oder die uns bestimmenden Dynamiken und Systeme zu erforschen. Viele leben ein gutes, zufriedenes Leben ohne alle dem „deep minded stuff“. Aber um ein Thema wie Borderline zu lösen, braucht es – meiner Erfahrung nach – einiges an deep minded stuff, weil die Wurzel genau dort verborgen liegt, ganz tief drin. Oberflächenkosmetik kann kurzzeitig kaschieren, doch nachhaltige Veränderung erfordert mehr. In meinem Fall: Achtsamkeit und bewusste Reflexion.

Alles kann Therapie sein, wenn wir uns darin reflektieren.

Jede zwischenmenschliche Begegnung, jedes einzelne Wort, jeder Moment des Lebens, wenn wir bereit sind, anzunehmen, was es ist: Ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, mich in dieser Gegenwart zu erschaffen.

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IRGENDWO ZWISCHEN MORAL, REUE UND SELBST(FÜR)SORGE

Mein aktueller Status lässt sich gar nicht so leicht festlegen. Irgendwo … sind da die Momente, in denen ich zutiefst bereue, mich in den vergangenen Monaten nicht mehr und vor allem fürsorglicher um meine Mutter gekümmert zu haben. Gleich darauf ertappe ich mich in der Zerrissenheit zwischen meinem moralischen Gewissen und den ungeschönten Erinnerungen, mich niemals bei meiner Mutter geborgen oder von ihr auch nur angenommen gefühlt zu haben. Dazu noch all die schmerzhaften Erinnerungen, die mit manchen Stücken der Hinterlassenschaft unvermittelt aufpoppen.

Wie weit geht moralische Verpflichtung? Wo beginnt Selbst(für)sorge? Wann wird daraus Selbstaufopferung?

Vermutlich gibt es eine Menge Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen konfrontiert sehen. Seit dem Tod meiner Mutter sind zwei Monate vergangen. Ich habe ihr Ableben akzeptiert, auch wenn es sich ab und zu noch immer befremdlich anfühlt.

Wohin geht meine Reise?

Ich war ein Kind, das sich nach Liebe sehnte. Aus diesem Kind wurde eine erwachsene Frau, die unerschütterlich an die (Heil)Kraft der Liebe glaubt. Wahrer (innerer) Frieden kann nur Hand in Hand mit bedingungsloser Liebe entstehen.

Meine Prioritäten im Leben verschieben sich. Was ist wirklich wichtig? Was erstrebenswert? Geld? Macht? Oder Seelenfrieden? Letztere mag wie Luxus anmuten. Oder auch nicht. Wie viele faule Kompromisse braucht es im Leben?

Es gibt Zeiten, da geht es nicht darum, die Antworten zu kennen, sondern Fragen zu stellen. An so einem Punkt bin ich gerade, irgendwo zwischen Moral, Reue und Selbst(für)sorge, die Weichen für meine Zukunft stellend, unklar darüber, wohin es gehen soll/wird. Stillstand? Selbstreflexion? Nichts in diesem Universum steht jemals tatsächlich still. Jeder Atemzug, jeder Herzschlag bringt eine Veränderung mit sich.

Auf Pixabay.com fand ich das Bild zu diesem Beitrag. Es hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Das Werk eines Weltenbauers. Ich fühle mich derzeit ebenfalls wie eine Weltenbauerin. Ich erbaue meine Welt neu aus vielem, das mich bereits seit längerem begleitet, und aus dem, was gerade erst Teil meines Lebens wurde. Ein lebendiges Werk, das sich mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag verändert. Vieles wird bleiben, manches wird gehen, neues wird kommen… so wie das nun einmal ist im Leben. Wir alle sind stets irgendwo auf der Durchreise.

Bild:  https://pixabay.com/de/illustrations/rasthaus-fantasie-herberge-gasthaus-7161324/

DAS GEHEIMNIS DES SCHEITERNS

Es beginnt damit, dass man (wieder einmal) eine Entscheidung trifft, das eigene Leben zu verändern. Raus aus den störenden (häufig zerstörerischen) Verhaltensmustern und Beziehungen! Ob ein Gespräch, ein Vortrag, ein Buch … etwas setzt den Impuls und die Motivation springt begeistert darauf an. Ab Morgen soll alles anders werden. Soll. Tatsächlich ändert sich jedoch kaum etwas. Warum? Weil Scheitern ein Teil des (eigenen) Programms ist. Wenn die innere Wirklichkeit aus einem mangelndem Selbstwert und Selbstvertrauen besteht, wird der eigenen Erfolg meist (unbewusst) sabotiert.

Eine Erfahrung, die ich mit vielen Betroffenen teile: Das wiederkehrende Scheitern, allen Versuchen zum Trotz. An guten Vorsätzen mangelt es selten, ebenso wenig an erstrebenswerten Zielen. Dennoch will es nicht gelingen, sich von den alten Mustern zu befreien. Mit jedem Zurückfallen steigt die Gewissheit, unfähig zu sein, zu schwach, ein hoffnungsloser Fall, zurück auf der Achterbahn, im düstersten Selbstbild, im Drama …

Schluss mit der Selbstdemontage! Warum wir Scheitern, ist (kein) großes Geheimnis, eher etwas, das häufig schlichtweg ignoriert wird. Dabei geht es nicht so sehr um die ultimativen Entscheidungen (Ausstieg aus der destruktiven Borderline Dynamik). Die sind zwar wichtig, aber worauf es wirklich ankommt, sind die alltäglichen Kleinigkeiten. Banalitäten, die alles andere als banale Auswirkungen auf uns und unser Leben haben.

Als ich meine Diagnose mit Mitte 40 erhielt, hatte ich Jahrzehnte auf der emotionalen Achterbahn inklusive zwei Burnouts hinter mir – und viele Jahre, in denen ich aktiv auf der Suche nach „Alternativen“ war. Dank diverser Ausbildungen hatte ich ein Gespür für das Erkennen und Auflösen von Glaubenssätzen entwickelt, beherrschte Reframings und Ankertechniken, konnte meine Blickwinkel auf ein Thema bewusst wechseln … Coaching anderer fiel mir leicht, nur meinem eigenen (ziemlich ausgedehnten) blinden Fleck konnte ich (noch) nicht entkommen. Das gelang erst viel später. ABER ich hatte Fähigkeiten (oder neumodisch formuliert: Skills) trainiert, die essenziell sind, um Scheitern in Veränderungsprozessen zu verhindern.

Am Anfang des Ausstiegs aus der destruktiven Borderline-Dynamik steht eine Entscheidung, doch ohne dem dazugehörigen Veränderungsprozess geschieht … NICHTS.

Dieser Veränderungsprozess ist ein (lebenslanger) Weg der kleinen, konsequenten Schritte.

Mein inneres Bild wurde in meiner Kindheit aufgrund unzähliger Erlebnisse geprägt, viel zu viele davon belastend und mit negativen Emotionen wie Angst, Schmerz, Scham und dergleichen verbunden. Was nahezu völlig fehlte, waren Selbstliebe, Vertrauen, Geborgenheit, Lebensfreude … In einem Seminar begegnete mir einmal die Aussage, dass es für jeden Negativ-Impact im Leben zehn positive braucht, um die Wirkung auf uns auszugleichen. Meteoriteneinschläge (Impacts) in unsere Seele nenne ich seither traumatische Erlebnisse, denn sie hinterlassen regelrechte Kraterlandschaften. Dank der Skills, die ich im Laufe der Zeit erworben habe, begann ich bereits Jahre vor meiner Diagnose, einen Teil der Kraterlandschaft meiner Seele wieder zu revitalisieren. Zu Beginn waren es die klassischen Affirmationen, die ich seitenweise in bunte Hefte mit wunderschönen Bildern schrieb. Ich umgab mich mit lebensbejahenden Botschaften in vielfältiger Form, solange, bis ihre Anzahl jene der belastenden Erinnerungen um ein Vielfaches überwog.

Gleichzeitig arbeitete ich konsequent an meinen Sprachmustern, an den Worten, die ich verwendete. Problemrahmen versus Lösungsrahmen. Halbleer versus Halbvoll. Weg vom Problem oder hin zu Lösung? Wo liegt der Fokus? Der Fokus bestimmt was kommt. Mit diesem gut bestückten Werkzeugkoffer setzte ich nach meiner Diagnose meinen Veränderungsprozess fort und tue das bis heute. Mittlerweile kann ich all meine Fähigkeiten auch sehr gut für mich selbst einsetzen. Mein blinder Fleck ist drastisch geschrumpft, auch Dank etlichen Therapie- und Coachingeinheiten, die dabei halfen, mein Eigenbild mit einem oftmals gänzlich anderem Fremdbild abzugleichen.

Dennoch, es war nicht DIE eine Entscheidung, die mein Leben verändert hat, sondern die Unzahl an kleinen alltäglichen Entscheidungen, meinen Fokus auf jenes zu lenken, das einen positiven Impact erzielt. Im Job habe ich oft genug nicht diese Entscheidungsfreiheit, aber dafür umso mehr in meinem Privatleben. Deshalb ziehe ich mich häufig zurück in die Natur. Kaum etwas anderes ist derart lebensbejahend wie das Leben in seiner (unzivilisierten) natürlich Form. Inspiration pur. Auch was die oftmals schwierige Thematik des Loslassens betrifft. Meiner Beobachtung nach halten Borderliner (aber auch andere Menschen) mitunter ausdauernd an toxischen Beziehungen fest, weil es eine ihrer Stärken ist, in belastenden Umfeldern überdurchschnittlich lange zu überleben. Eine Erfahrung, die ich ebenfalls selbst machen durfte.

Bei all dem geht es nicht um Stärke oder Schwäche, sondern um Konsequenz. Von all den Borderlinern, die ich persönlich kenne, erlebe ich keinen einzigen als schwach, sondern vielmehr konsequent darin, die eigene Kraft dafür einzusetzen, sich selbst im Weg zu stehen oder im Problemrahmen festzuhalten. Alles, was lebendig ist, hat eine natürlich Tendenz zur Selbstheilung – ausgenommen, man stellt sich dieser (bewusst oder unbewusst) entgegen. Festhalten am Problem, an der Idee, ein Problem zu sein, kaputt, krank … Das Herausfordernde an Ideen ist, dass sie – wenn sie mal im Kopf angekommen sind – nicht einfach so verschwinden. Es braucht dann eine neue Idee, die gehegt, gepflegt, gestärkt wird, damit sie gedeiht, bis eine neue lebensbejahende innere Wirklichkeit daraus entstanden ist.

Wähle ich für mich den Weg des gedeihenden Lebens – oder den Weg der (Selbst)Zerstörung? Eine Grundsatzentscheidung, die sich in jeder noch so scheinbar „unwichtigen“ Entscheidung meines Lebens dupliziert. Von dem, was ich denke, sage, mit meinem Körper tue bis hin zu den Menschen, mit denen ich mich umgebe.

Selbst wenn ich diesen Weg eingeschlagen habe, kann immer noch etwas schiefgehen, nicht so gelingen, wie ich es mir vorgenommen habe. Bin ich dann gescheitert? Nein! Wer Jahre oder gar Jahrzehnte auf eingefahrenen Gleisen unterwegs war, darf nicht erwarten, dass von Heute auf Morgen alles anders wird, nur wegen einer Entscheidung, ganz gleich, wie weltbewegend sie auch sein mag. Eine Entscheidung ist wie eine Weiche, über die wir in eine andere Richtung steuern. Heftige Erschütterungen, Gegenwind, Störfaktoren, Menschen, die uns dort halten wollen, wo wir nach ihrer Ansicht nach hingehören … all das kann dazu führen, dass wir ins alte Gleis zurückspringen. Das geschieht und ist ein Teil des Veränderungsprozess. Leben geschieht. Jedes Ereignis auf unserem Lebensweg – auch Rückfälle – sind eine Gelegenheit, sich neu auszurichten, zu entscheiden, eine weitere Weiche zu setzen, neuerlich dem selbstgewählten (!) Weg zu folgen. Ganz gleich, wie verlockend es auch sein mag, sich ins (gewohnte) Drama fallen zu lassen und das „Scheitern in vier Akten“ auf den Spielplan zu setzen. Dem gilt es liebevoll zu widerstehen. Scheitern trägt auch die Facette mangelnder Selbstliebe in sich, denn wenn ich einen respektvollen, würdevollen und wertschätzenden Umgang mit mir selbst pflege (die Konsequenz meiner Grundsatzentscheidung eines gedeihenden Lebens), komme ich gar nicht auf die Idee, mich als gescheitert zu betrachten. Stattdessen erkenne ich eine weitere Prüfung auf meinem Weg, eine Gelegenheit des Reflektierens, Lernens und mich Weiterentwickelns. Vielleicht auch des Loslassens.

Das Geheimnis des Scheiterns ist ebenso wenig geheimnisvoll wie das Geheimnis des Erfolges. Beide beruhen auf Konsequenz im Tun – pro oder contra. Die gute Nachricht: DU kannst in jedem Augenblick deines Lebens selbst entscheiden.

Gestern entschied ich mich, auf einen Berg zu steigen, um in diesem wunderschönen Bergsee zu Baden. Ich akzeptierte einen Weg, der aus 850 Höhenmetern Anstieg bestand, was 2,5 Stunden schweißtreibendes Steigen bedeutete und einer Begegnung mit mir selbst, mit Gedanken und Gefühlen, die im Alltag so tief unter der Oberfläche verborgen liegen, dass ich kaum an sie rankomme. Alte Krater in meiner Seele sprachen zu mir, zeichneten Bildern einer Person, die ich nicht (mehr) bin, vielleicht nie war. Sie erzählten mir ihre Sicht der Dinge, und ich ihnen meine. Auf den Felsen neben mich setze sich ein wunderschöner Schmetterling, blieb nahezu eine Stunde lang bei mir, brachte mich zum Lächeln – ein weiteres Bild, das sich über das des Kraters legt.

STILLSTAND?

In den vergangenen Wochen habe ich mich bewusst von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit dem Tod meiner Mutter und auch bereits davor, kehrten eine Menge vergessene und/oder verdrängte Erinnerungen zurück. Es brauchte Zeit, diese zuzulassen, sich ihnen zu stellen, sie neu zu bewerten und ihren Einfluss auf mein heutiges Leben zu hinterfragen. Gleichzeitig stoppte ich fast abrupt einige meiner kreativen Hobbies, ließ quasi von jetzt auf gleich ruhen, was mich in der ersten Jahreshälfte intensiv beschäftigt hatte. Stricknadeln, Nähnadeln & Co im Stillstand. Ich auch? Ganz und gar nicht.

Seit sehr langer Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gönne ich mir eine Phase des „Nicht-ständig-beschäftigt-seins“. Anders gesagt: ich gewöhne mich an den Zustand von Ruhe und Gelassenheit (abseits vom Job). Der Tod meiner Mutter ließ mich einiges erkennen, dass ich von ihr (als Kind und somit absolut unbewusst) übernommen und bis vor kurzem gelebt hatte. Übernommene Gefühle und Stimmungen können wie ein Stein im Schuh drücken – bis man sprichwörtlich den Schuh auszieht und den Stein entfernt. Das habe ich getan. Das hat einiges an Veränderungen in meinem Leben bewirkt und tut es noch immer, weshalb ich mir die Zeit nehme, all die Impulse, die kommen, all die Erinnerungen, all die Gedanken und Gefühle, in Ruhe und Gelassenheit auf mich wirken zu lassen. Was gehört (noch) zu mir? Was darf gehen? Verschüttete Anteile meiner Persönlichkeit sind aufgetaucht und es gilt herauszufinden, wie sie in mein heutiges Leben passen.

Vielleicht ist das meine Form zu trauern. Da ich nie zuvor getrauert habe, fällt mir die Zuordnung schwer. Was wie Stillstand anmutet, gleicht einem mächtigen Fluss, dessen Wasser ruhig zwischen den Ufern ihrem Weg folgen, gleichmäßig, unaufgeregt, und doch unaufhaltsam, verändern sie die umgebende Landschaft, Tropfen für Tropfen. Ruhe und Gelassenheit, Lesley, Ruhe und Gelassenheit. Stillstand ist nur eine Illusion. Leben bedeutet Veränderung, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag.

Inmitten einer Welt, die ständig versucht, sich selbst zu überholen und dabei das Wesentlich allzuoft übersieht: Leben findet genau hier und jetzt statt, nicht gestern, nicht morgen, nicht irgendwo da draußen, sondern in dem einen Augenblick, den das Bewusstsein zu erfassen vermag. Wer in den Augenblick eintaucht, fällt aus der Zeit.

Stillstand?

Oder gelebte Achtsamkeit?

Wohin auch die Reise führen wird … der Weg ist das Ziel. Nie zuvor spürte ich die enorme Multidimensionalität dieser Worte. Der Weg kann so vieles sein, letztendlich wird er stets zu mir selbst führen.

Stillstand?

Ich lächle, schweigend, in Ruhe und Gelassenheit verweilend …

Bild: pixabay.com

MENSCHLICHE LOGIK

Zwei Wochen Auszeit – nach all dem, was seit Jahresanfang in meinem Leben geschehen ist, bis hin zum Tod meiner Mutter – eine wirklich notwendige Auszeit. Auf einer Partymeile oder einem überfüllten Strand wird man mich in diesen zwei Wochen nicht finden, aber auf langgezogenen Wanderungen durch die Natur, in den Bergen, allein, weil ich dieses Alleinsein brauche.

Es soll tatsächlich Menschen geben, die es nicht aushalten, allein zu sein. Ich finde es erholsam, kann mich voll und ganz auf mich selbst fokussieren, auf das, was mich beschäftigt – und das ist eine Menge.

Wenn ich allein unterwegs bin, begegne ich mir selbst… das ist etwas, vor dem (in meiner Wahrnehmung) viele Menschen davonlaufen. Sich mit all dem Ungelösten und Unterdrücktem in sich selbst auseinandersetzen, wer macht das schon freiwillig? Ich!

Nehmen wir mal all das Unterdrückte. Ich bin keine, die gerne pauschaliert, aber wenn ich mir Borderliner anschaue, erkenne ich (mindestens) einen gemeinsamen Nenner: Sie stehen alle massiv unter Druck, den sie selbst aufbauen. Druck erzeugt stets Gegendruck. Kann dieser Druck nicht konstruktiv abgebaut werden, entlädt er sich früher oder später destruktiv. Das vorherzusagen ist keine Hellseherei, sondern simple Logik.  

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben vieles in mir aufgewühlt, beinahe Vergessenes an die Oberfläche gespült, neue Perspektiven geschaffen, Erkenntnisse generiert … all das muss erst mal verarbeitet werden. Dazu nutze ich meine zwei Wochen Auszeit. Ich gehe bewusst Wege, die ich nie zuvor gegangen bin. Mein Gehirn schaltet dadurch auf Lernmodus, was auch den Prozess des Verarbeitens unterstützt. Reflektieren gehört zum erfolgreichen Lernen dazu, ganz gleich, worum es geht. Ob neue Wanderwege erkunden oder neue Gedankenmuster entwickeln – oder inneren Druck, der sich mitunter subtil tarnt, auf die Schliche zu kommen und ihn aufzulösen bevor unerwünschtes passiert.

Meine persönliche Theorie, warum Borderliner so viel Druck in sich aufbauen, ist recht simpel und erschreckend logisch: Borderliner sind in der Lage, es lange in einem für sie schädlichen Umfeld auszuhalten. Sie passen sich an, sind Meister der Anpassung. Vordergründig lässt sich darin eine Stärke erkennen, die aber eine Schattenseite hat. Aus Anpassung kann Überanpassung werden und – so ging’s mir lange Zeit – Selbstaufgabe. Dabei wird das eigene (meist unbewusst) verdrängt, unterdrückt, um angepasst zu sein… und da wären wir wieder beim Druck.

Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück aus meinem Alltag, manchmal nur für Stunden, diesmal für zwei Wochen, um achtsam auf all das zu blicken, was sich zeigt, wenn ich mir da draußen in der Natur selbst begegne. Vermisse ich etwas? Fehlt etwas? Oder bin ich mir selbst genügt? Bin ich die Quelle meiner Zufriedenheit, meiner Lebensfreude? Unabhängig von anderen? Selbstbestimmt? Frei?

In den vergangenen Wochen durfte ich einige sehr interessante, tiefgehende Gespräche führen, die um das Thema zwischenmenschliche Beziehungen kreisten. Diese können – so die Conclusio der diversen Diskussionen – nur dann wirklich gelingen, wenn zwei zusammentreffen, die sich jeweils selbst genug sind. Die nicht durch Bedürftigkeiten und Erwartungshaltungen verbunden sind, sondern durch Interesse am anderen, durch den Wunsch zu teilen und zu geben.  

Wer mit einem anderen Menschen eins werden möchte, muss zuerst lernen, mit sich selbst eins zu sein. Frei von Selbstanklage, Selbstablehnung oder -unterdrückung, weder Verdrängung noch Flucht lebend. Sich selbst voll und ganz annehmen, in sich all das zu finden, was es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer das erreicht, hat Wundervolles zu teilen und zu geben.

Wir können nur geben, was wir in uns haben. Eigentlich logisch 😉

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ALTE ERINNERUNGEN, NEUE PERSPEKTIVEN

Hinter mir liegen Tage der Trauer. Zum allerersten Mal in meinem Leben kann ich dieses urmenschliche Gefühl empfinden. Am Sterbebett meiner Mutter fiel meine (übernommene) Trauerblockade von mir ab. Danach überrollten mich die Emotionen.

Nie zuvor hatte ich beim Tod eines mir nahestehenden Menschen etwas gefühlt, ob es sich um meinen Großvater, meine Großmutter oder meinen Vater gehandelt hat. 2015 dachte ich, Trauer zu verspüren, als ich meine geliebte Katze Cleopatra nach 20 gemeinsamen Jahren über die Regenbogenbrücke entsenden musste. Aber verglichen mit dem, was ich in den vergangenen Tagen gefühlt habe, war es zwar ein Hauch von Trauer, der jedoch vom Gefühl einer existenziellen Angst überlagert wurde. Wovor ich Angst hatte? Nun, ich kam eines Abends von der Arbeit nach Hause, im Wohnzimmer standen zwei Koffer und mein damaliger Partner stellte unmissverständlich klar: entweder gehst du oder die Katze! Cleopatra hatte Krebs im Endstadium. Ich brachte es einfach (noch) nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Doch ich bekam weder seelische noch anderweitige Unterstützung von meinem Ex-Partner. Vor die Wahl gestellt, brachte ich Cleopatra damals ins Haus meiner Mutter, wo sie noch rund zwei Wochen lebte – und ich verkroch mich aus Furcht im Arbeitszimmer, versuchte unsichtbar zu werden um die Situation zu deeskalieren. Nahm all die Schuld auf mich. Für Trauer blieb kein Platz. Es herrschte wieder jener Zustand, den ich aus meiner Kindheit kannte: eingeschüchtert, machtlos, wehrlos, ausgeliefert, schuldig.

Zu jener Zeit war ich bereits in meiner heutigen Position, also bereits Führungskraft, trug Verantwortung, stand mit beiden Beinen im (Job)Leben, hatte den Ruf einer taffen, starken Problemlöserin … aber privat bestimmte mich noch meine Vergangenheit. Psychoterror, seelische Grausamkeit, Liebesentzug … all das war ein wiederkehrender Bestandteil meines Lebens. All das warf ich meiner Mutter lange Zeit vor. Während meiner Trauer veränderte sich mein Blickwinkel, kamen neue Perspektiven dazu, erweiterte sich mein Verständnis der Zusammenhänge. Vieles von dem, was ich erdulden musste, hatte auch sie ertragen. Vieles übernahm ich wohl von ihr, ungefragt, unreflektiert, unschuldig… vieles, aber nicht in der Lage, „erwachsen“ zu reagieren. Ich konnte leiden, aber nicht lösen.

Die Trauer um den tot geborenen Sohn, den sie nie im Arm halten durfte. Der unmittelbar nach der Geburt „entsorgt“ wurde, wie das damals so üblich war. Der Schock, der zum Erstarren der Gefühle führte, sowohl der Trauer als auch der Liebe für die Tochter, die später folgen sollte.

Jahrzehnte führte ich ein Doppelleben, stellte mich als Projektionsfläche (oder Zielscheibe) für andere zur Verfügung, die ihre unterdrückenden Aggressionen oder sonstige negative Gefühle an mir auslebten, mich benutzen, missbrauchten. Keinerlei Selbstschutz. Oder anders gesagt: Selbstverletzung pur, zugefügt durch andere. Ich ertrug, was auch immer von mir verlangt wurde – so wie meine Mutter all das Schlimme ertrug, all die Verluste, all den Schmerz. Ich wurde ihr ähnlicher als ich bislang vermutet hatte, übernahm das Muster des „sich von anderen für deren Zwecke benutzen lassen“ sowie die Gewissheit, eine niemals zu tilgende Schuld zu tragen. Fühlte sich meine Mutter schuldig an frühen Tod meines Bruders? Die wenige Male, die sie darüber sprach, lassen es mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten.  

Mit der Trauer um meine Mutter kam auch das Erkennen dessen, was ich so lange höchst effizient verdrängt hatte. Die übernommenen Schuldgefühle, das omnipräsente schlechte Gewissen. All das werde ich morgen begraben werde – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Grab jener Frau lege, von der ich diese Gefühle einst übernommen habe, aus Liebe, wie unschuldige Kinder das nun einmal tun, in ihrem naiven Wunsch, helfen zu wollen, mitzutragen … was nicht für ihre Schultern bestimmt ist.

Es ist an der Zeit, mein Leben von einer Last zu befreien, die niemals die meine war.

Mutter und Tochter

Es war einmal eine Tochter, eine sehr wütende Tochter, die sich unverstanden und nicht angenommen fühlte vom ersten Tag ihres Lebens an, gleichzeitig erdrückt und eingesperrt. Ihre Mutter hatte einige Jahre vor ihrer Geburt ein Kind verloren. Wie es damals so üblich war, gab man ihr keine Zeit sich zu verabschieden und den Verlust zu verarbeiten. Das totgeborene Kind wurde einfach „entsorgt“, doch die Gefühle der Mutter ließen sich nicht einfach so abstellen. Sie blieben hängen bei jenem Kind, das nie eine Umarmung kennengelernt hatte. Für die wütende Tochter blieb von Beginn an wenig an Gefühlen, dafür umso mehr Vorsicht, damit das Schlimme sich nicht wiederholen würde.

Die Jahre vergingen. Im Leben der wütenden Tochter geschah einiges, das niemals hätte geschehen dürfen, dass sowohl sie selbst als auch ihre Mutter völlig überforderte und einen unüberwindbaren Graben zwischen beiden schuf. Einen Graben voller Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Verletzungen, Unverständnis. Keiner von beiden gelang es, den eigenen Schmerz hinter sich zu lassen. Zu tief hatte er sich eingebrannt in ihre Herzen und Seelen. Worten zerstörten mehr als sie heilten. Ihre Welten lagen zu weit auseinander, nichts Gemeinsames, nichts Verbindendes.

Im Laufe der Zeit erforschte die Tochter die Vergangenheit, begann zu verstehen, warum ihre Mutter so gehandelt hatte wie sie tat. Doch trotz all dem Verständnis, die von ihr zwischen beiden errichtete Mauer blieb bestehen, denn nur dahinter fühlte sie sich sicher vor neuerlicher Verletzung. Jegliche Versuche ihrer Mutter, diese Mauer einzureißen, führten dazu, dass sie noch höher und massiver wurde.

Erst als der Tod seine Hand auf die Schulter der Mutter legte, löste sich in einem einzigen Augenblick all die Wut der Tochter in Nichts auf, zeigte sich, was sich dahinter verbarg: unsägliche Trauer, die nie ausgelebt worden war. Trauer um all jene, die sie bereits verloren hatte, aber aufgrund der Blockade ihrer Gefühle stumm ziehen lassen musste. All der Schmerz, der nie gelebt worden war, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, deren Trauer um das verlorene Kind erstickt worden war. Dies hatte die Mutter – ohne es zu wollen – an ihre Tochter weitergegeben, jene wütende Tochter, die über sich selbst dachte, ein gefühlloses Wesen zu sein, weil sie nichts zu fühlen vermochte, wenn der Tod seine Hand nach ihren Lieben ausstreckte. Nun war es neuerlich so weit.

Die Tochter saß am Bett der sterbenden Mutter, hielt die Hand jener Frau, die sie großgezogen hatte, und die nun nur noch ein Schatten ihrer selbst war, vor sich hindämmernd, scheinbar wartend. Aber auf was? Jeder Atemzug war eine offensichtliche Qual für ihren ausgemergelten Körper, dennoch blieb sie – sie blieb so lange, bis der letzte Stein jener Mauer, die ihre Tochter errichtet hatte, zu Staub zerfallen war und zwischen den beiden nur noch das war, was es von Anfang an sein hätte sollen: die Liebe zwischen Mutter und Tochter.

Kurze Zeit, nachdem ihre Tochter dies erkannt und erstmals in Worte gefasst hatte, schlief die Mutter friedlich ein. Was auch immer in all den Jahren zwischen beiden falsch gelaufen war, am Ende war es ein Moment voller Frieden und Dankbarkeit, der eine Seele hinübertrugt.

Für meine Mutter – Ruhe in Frieden und umarme jenes Kind, das du nie halten durftest. Danke, dass du so lange geblieben bist, bis ich dich in meinem Herzen gefunden habe.

Bild: pixabay.com

LEBENSECHT

Viele meiner lebensphilosophischen Gedanken werden von der Natur inspiriert und ich schreibe sie unmittelbar am Ort ihrer „Geburt“ nieder.

Angesichts der sich häufenden Unfälle in den Bergen las ich in den vergangenen Tagen vermehrt das Wort „Ehrfurcht“ vor der Natur. So wichtig ich das Anliegen nehme, dem Wort „Ehrfurcht“ stimme ich nicht bedingungslos zu. Es trägt die „Furcht“ im Wortstamm – und Furcht ist keine gute Wegbegleiterin. Besser gefällt mir „Respekt“.

Respekt vor dem, das seit Jahrtausenden vor uns kleinen Menschen aufragt, uns trägt und ernährt, seien es die Berge im Speziellen, die Natur ganz allgemein oder das Leben per se. Ohne die Natur gäbe es uns Menschen nicht, weshalb sie nicht nur unseren Respekt, sondern auch unsere uneingeschränkte Dankbarkeit verdient.

Wer das Leben respektiert, kommt nicht umhin, auch sich selbst zu respektieren, denn jede und jeder von uns ist ein Teil des Lebens, ein Teil jener Natur, in und von der wir leben. Ausdruck dieses Respekts kann sein, mit sich selbst achtsam umzugehen. Weder die eigenen Grenzen überschreiten noch zulassen, dass andere sie überschreiten – nicht aus Furcht, sondern aus Respekt.

WENIGER IST MEHR

Vor einigen Tagen wurde ich wieder einmal „kontaktiert“. Was mit einem Lob begann, wurde mit einem Feedback (mir ist da was aufgefallen) weitergeführt. Neugierig, wie ich manchmal bin, reagierte ich mit einer Interessensbekundung, was denn da wohl aufgefallen sei. Als Antwort kamen Fragen im Sinne von „Was sind deine Ziele? Was möchtest du erreichen? Reichweite …? Nachdem ich diese Fragen offen und ehrlich beantwortet hatte, kam nie wieder was.

Hier meine Antwort in gekürzter Form:

„Mein Profil ist, was es ist: einfach ein Platz, an dem ich meine Gedanken teile. Keine großen Ziele oder Visionen. Ein Ausgleich zu meinem Job, in dem ich eine Menge bewirken kann. Wovon ich träume? Ich lebe mein Leben genauso wie ich es leben möchte. Keine Wunschträume, ich genieße, was es hier und jetzt ist.“

Zugegeben, ich ging davon aus, die von der anderen Seite initiierte Kommunikation damit beendet zu haben, dennoch war es für mich auch eine willkommene Gelegenheit zu reflektieren. Seit fast genau 4 Jahren arbeite ich daran, mein Leben zu vereinfachen, zu erleichtern, alles Unnötige loszulassen. „Mehr“ darf es gerne sein, aber dann bitte an Klarheit, an Leichtigkeit, an Lebensfreude … Mehr an den (für mich) wirklich wichtigen Dingen. Reichweite?

Spielen wir es mal gedanklich durch. Mehr an Reichweite bedeutet auch sehr viel mehr an Interaktion. Irgendwann wird ein Punkt erreicht, an dem diese Interaktion aus zeitlichen und sonstigen Gründen ausgelagert werden muss, an andere oder auch an eine KI. Nichts für mich. Ich beantworte gerne persönlich jeden Kommentar, den ich erhalte. Meine Zeit ist limitiert, ein Großteil meinem Job gewidmet, der mich ernährt und darüber hinaus noch einige positive Aspekte hat… u.a. das ich die Vielfalt meiner Talente ausleben kann. Warum sollte ich mir also mehr Reichweite wünsche, für die ich dann keine Zeit habe? Meine Prämisse lautet: Qualität vor Quantität, insbesondere bei zwischenmenschlichen Themen. Weniger ist mehr. Punkt.

Sich von Bedürftigkeiten zu befreien, bringt eine Menge positiver Effekte, u.a. eine Art von Lotus-Effekt in Bezug auf „jemand will mir was verkaufen“. Marketing triggert häufig die menschliche Gier, mehr haben zu wollen, doch mehr bedeutet nicht zwangsläufig besser. Ob 2, 200, 20000 oder 2000000 Menschen meinen Blog lesen, hat keinen Einfluss auf meine Beiträge. Ich teile meine Gedanken. Punkt.

Apropos Bedürftigkeiten: das sind jene „Bedürfnisse“, die darauf abzielen, den Mangel an Selbstwert, Selbstliebe und Selbstvertrauen auszugleichen. Anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen, geht’s um Symptomkosmetik an der Oberfläche… das nutzen gewiefte Marketingprofis ebenso wie Menschen von nebenan, um ihre Ziele zu erreichen, die eindeutig „mehr“ im Wortlaut führen, selten jedoch in Kombination mit dem, worauf es im Leben ankommt: über die eigene Vergangenheit hinauszuwachsen und seine Potenziale in der Gegenwart zu entfalten um die beste (Charakter)Version von sich selbst zu werden. Wenn’s um Charakter und Humor geht, bin ich wieder voll dabei bei „mehr“ 😉

Heute passend zum Text ein humorvolles Bild aus pixabay.com

Ansichten und Einsichten einer Insiderin

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Fluch? Schicksal? Krankheit? Oder doch etwas anderes? Meine Antwort verrate ich dir gegen Ende dieses Beitrags, zuvor jedoch eine wahre Geschichte, die sich vor einigen Wochen zugetragen hat.

Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich in einem ziemlich vollen Wagon der Bahn nach Wien. In meiner Nähe ein junges Mädchen mit einem etwa gleichaltrigen Burschen, vielleicht ihrem Freund, und einem Hund. Es war ein warmer Morgen im Juni. Er trug lange, sie kurze Ärmel. Ihr Unterarm war voller Narben. Bis zu diesem Anblick kreisten meine Gedanken um Themen im Job, was für diesen Tag auf meiner Agenda stand … ich war beschäftigt, meine Welt war völlig in Ordnung – auch mein innere – abrupt stoppten meine Gedanken, fühlte ich eine nicht zu beschreibende Betroffenheit in mir und ich begann mich zu fragen: Wie geht’s weiter? Wird sie einen Job finden? Welchen Vorurteilen wird sie auf der Suche begegnen, wenn jemand ihren Arm erblickt? Oder wird auch sie beginnen, nur noch lange Ärmel zu tragen, unabhängig vom Wetter? Wird sie eine Chance im Leben bekommen? Gesunde Beziehungen führen?

Erinnerungen kamen hoch an die Zeit nach meiner Trennung, als ich versuchte, die entstandene Lücke in meinem Leben mit einem neuen Mann zu füllen? Da sich mein Schaffen als Autorin und Bloggerin nicht leicht verstecken lässt, ging ich von Beginn an offen damit um, was sich rasch als kontraproduktiv herausstellen sollte. „Borderline? Was is’n das? Hoffentlich nicht so eine Psycho?“ Echt jetzt? Ich traf auf Vorurteile, kaum Verständnis oder Toleranz, jede Menge Unwissenheit, allesamt auf verletzende Weise gegen mich ausgelebt. Zum Glück hatte ich damals bereits umfassende Stabilität und intrinsische Stärke erreicht, dadurch konnte ich diese Erlebnisse relativ schnell „verdauen“. Aber der bittere Nachgeschmack blieb … bis heute.

(Vor)verurteilt für etwas, an dem ich nicht die Schuld trage, sehr wohl aber die Last – jeden einzelnen Tag meines Lebens. Niemand – auch nicht ich – sucht sich aus, als Kleinkind traumatisiert zu werden. Aus einem begabten, hoch emotionalen, feinsinnigen Kind mit einer lebhaften Fantasie wurde im Laufe der Jahre eine hochfunktionale Borderlinerin, perfekt darin, all das schmerzhafte zu verbergen um von ihrem Umfeld als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Niemand ahnte, wie es in mir aussah. Das ist eine der Facetten von Borderline, die es so schwierig macht für Außenstehende und Betroffene: selbst als ich den Mut fand, darüber zu sprechen, es ist verdammt schwer, das emotionale Chaos in nachvollziehbare Worte zu fassen – auch, weil es sich innerhalb kürzester Zeit völlig ändern kann und jene, die Gefühlswechsel weder in diesem Tempo noch dieser Intensität erleben, damit zumeist überfordert sind. Bereits als kleines Kind fühlte ich, dass ich anders bin – und wurde rasch davon überzeugt, dass es nicht gut ist, anders zu sein. Damit nahm das Drama seinen Lauf …

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Hier nun einige Gedanken, die versuchen, das Unerklärliche zu beschreiben:

Ein einzigartiges Puzzle, voller Emotionen und einer Menge Widersprüche. Diese waren es auch, die ich vorrangig als Hindernisse auf meinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens wahrgenommen habe. Logic meets Empathy. Nur einer der Widersprüche. War bin ich? Die logisch-analytische Denkerin oder die hochsensitive Empathische? Mein Umfeld verlangte nach klarer Zuordnung, doch ich war beides, selten zeitgleich, aber diesen Tag so, am nächsten anders. Echt mühsam für alle Beteiligten inklusive meiner selbst. Beginnend mit der Akzeptanz meiner eigenen „Diversität“ (klingt für mich viel positiver als Widersprüchlichkeit 😉) formte sich Struktur im Chaos. Auch eine meine mittlerweile geliebten Diversitäten: Strukturen erschaffen zu können und gleichzeitig grenzenlos kreativ zu sein. Zahlen, Daten und Fakten fokussiert und gleichzeitig feinsinnig Stimmungen erfassend. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein – ich bin alles, in diesem Augenblick, wie ein Schmetterling, der auch nicht mit nur einem Flügel fliegen kann. Das bedeutet eine Flut an Emotionen, hochfrequentierte Gedankenautobahnen (im Sinne von Brain Traffic) und multidimensionale Wahrnehmung, vom globalen Überblick bis zum kleinsten unscheinbaren Detail – alles in diesem Augenblick.  

So paradox das nun klingen mag, die Lösung ist im Grunde recht simpel und in Kürze zu beschreiben, ABER in der Umsetzung brauchte ich dafür Jahre: All dem zustimmen was es ist, Struktur ins Chaos bringen, jedem Anteil meiner Persönlichkeit Raum zum Leben geben, ein paar Perspektiven verändern und bedingungslos Anerkennen, dass meine Vergangenheit (ausnahmslos alles davon) mich zu der macht, die ich heute bin und morgen vielleicht sein werde – und ganz viel bewusste Fokussierung auf positive Gedanken und Gefühle. That’s it.

Eine Borderline-Diagnose kann zur Endstation Selbstaufgabe werden – oder zum Ausgangspunkt einer einzigartigen Reise der Selbstfindung. Meine Entscheidung fiel (zuerst nicht bewusst) auf letzteres, aber Selbstaufgabe war nie mein Ding. Bei all dem, was ich in meiner Vergangenheit er- und überlebt habe, ein Teil von mir hielt stets am Leben fest, glaubte an das Gute und tut das bis heute, unerschütterlich. Mein Lebenswille ist offensichtlich sehr stark. Selbstliebe war eine wiederkehrende Herausforderung, mit er es sich ähnlich wie mit einer Zwiebel verhält: viele Schichten, jede davon tränenreich, aber irgendwann wird auch das geschafft sein.

Seit 2017 gehe ich konsequent meinen Weg in vollem Bewusstsein dessen, das ich anders bin, immer war und bis zu meinem letzten Atemzug sein werde. Ich bin Borderlinerin. Ich habe das schmerzhafte Chaos hinter mir gelassen und lebe die Stärken der Borderliner, die es mir ermöglichen, nicht alltägliches zu leisten. Meine Erfolge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was mich anders sein lässt – auch in meiner beruflichen Führungsposition, in der ich besonders von meiner Diversität profitiere (Zahlen UND Menschen). Auf den Punkt gebracht: ich könnte nicht all das tun, was ich tue, wäre ich „normal“. Danke an meine Widersprüchlichkeit.

Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang denken, ich sei krank, weil ich so bin wie ich bin? Völlig absurd für mich. Ich habe eine hochfunktionale, komplexe Borderline-Persönlichkeit mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Talenten, sowie noch schlummernde Potenziale. Mit gelebter Achtsamkeit lässt sich diese sechsköpfige Quadriga samt ihren beiden Querläufern (mein humorvoller Blick auf meine differenzierten Persönlichkeitsanteile, die subsummiert MICH ergeben) dynamisch lenken. All das wäre nicht möglich, würde ich Borderline als Krankheit sehen und dagegen (und damit gegen mich selbst) ankämpfen. Ich bin, wer ich bin. Es ist, was es ist.

Mein Schlüssel zum Ausstieg aus der destruktiven Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum Einstieg in die konstruktive Borderline-Persönlichkeitsentfaltung lautet: Annehmen, was es ist – und das Beste daraus machen.

Allzu oft wird der Fokus ausschließlich auf die selbstzerstörerischen Aspekte gelenkt, haftet auf der Oberfläche, aber was liegt darunter? Ein in sich zerrissener, im emotionalen Chaos versinkender Mensch, der verzweifelt versucht, so zu werden, wie die anderen, die gesunden, sind. Hier beginnt – meiner Meinung nach – das Scheitern. Ich kann nicht werden, wie die anderen. Ich kann nur sein, wer ich bin – und mich entscheiden, ob ich das, was in mir ist, nutze, um mich selbst zu zerstören, oder dem Leben eine liebevolle Facette hinzuzufügen. Lieben oder Leiden?

Eine Frage, die mir mitunter gestellt wird: Bist du überhaupt noch Borderlinerin? Bei alldem, was du erreicht hast?

Ja und Nein.

Nein in Bezug auf selbstzerstörerisches Verhalten (abgesehen von einer latenten Tendenz Richtung Workoholic 😉). Emotionale Instabilität kommt gelegentlich vor, stellt aber kein Problem dar, da ich gelernt habe, diese rasch auszugleichen. Und mal ehrlich – wer ist nicht in und wieder unrund? Ohne Symptome keine Diagnose, aber so einfach ist es nicht – finde ich. Denn die Stärken der Borderliner sind nach wie vor da. Betrachte ich also nicht nur Symptome, sondern auch Stärken, verändert sich das gesamte Bild. Deshalb auch ein Ja.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist es an der Zeit, neue Perspektiven auf das Thema Borderline zu eröffnen, um Betroffenen die Chance zu geben, über die Vorurteile und Diagnosen hinaus zu wachsen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Worte von einer, die diesen Weg gegangen ist und jeden Tag aufs Neue geht. Inside & Insight Borderline. Ein emotionales „Schmetterlingskind“, nicht flatterhaft, sondern den feinsten Windhauch spürend.

Meine finale Antwort auf die Frage, was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Eine hoch komplexe Persönlichkeit mit intensiven Emotionen, zahlreichen Stärken, noch mehr Potenzialen und das, was ich daraus mache.

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