DIE ULTIMATIVE FRAGE

… lautet: Lebst du in der Angst oder in der Liebe? Ohne lange darüber nachzudenken, aus dem Bauch heraus, was ist deine Antwort? Sie wird dir so einiges über dich verraten. Zum Beispiel, ob du deine Themen bereits gelöst hast, oder da noch ein paar Baustellen auf dich warten. Zögern zeigt in diesem Fall nur, dass sich das Denken vors Fühlen drängt. Vielleicht um eine Antwort zu finden, die plausibel erklärt werden kann? Ausschweifende Erläuterungen, warum es in einem Fall so und im anderen anders ist, umschifft den Kern der Frage ebenso. Es geht einzig und allein um eines:

Welches Gefühl bestimmt dich?

Jedes Gefühl ist auch eine Schwingung, die dich durchdringt und über dich hinaus in die Welt wirkt.

Mich bestimmte viele Jahre die Angst, manchmal klar auf etwas ausgerichtet, manchmal diffus, aber stets das Gefühl der Angst vor etwas. Damit verbunden waren jede Menge Zweifel & Co, die Kraft raubten.

Es hat einige Zeit und viel Arbeit erfordert, doch ich konnte meine Grundschwingung neu ausrichten. Jeder negativen Erfahrung stellte ich eine positive gegenüber. Irgendwann war die Bilanz ausgeglichen. Heute ist es Liebe, die mich bestimmt und mir Kraft schenkt, mich in der Umarmung des Lebens Geborgenheit finden lässt.

Ereignisse, welche die Angst in uns verstärken, gehören zum Leben dazu. Sie passieren, ob wir wollen oder nicht. Der liebevolle Ausgleich dazu braucht manchmal etwas Nachhilfe, um sich zu offenbaren. Oder besser gesagt: Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung, dass unter all dem, was in dieser Welt geschieht, sich auch viel Positives ereignet, Liebe allgegenwärtig ist, wenngleich sie sich oft bescheiden im Hintergrund hält. Wir vergessen häufig darauf, wenn anderes sich lautstark in den Vordergrund drängt. Dabei wäre es enorm wichtig, den Fokus bewusst zu steuern, denn das, was Aufmerksamkeit bekommt, wird mehr. Die Mehrheit bestimmt. Was bestimmt dich?

Bild: https://pixabay.com/de/photos/bl%C3%A4tter-wasser-reflexion-farbe-4232572/

HEILE DICH SELBST

In einem Land wie Österreich als Nicht-Medizinerin das Wort „Heilung“ in den Mund zu nehmen, kann einen in Teufels Küche bringen. Vom Gesetz her ist es nur Medizinerinnen und Medizinern gestattet, zu heilen. Neben vielen anderen stellt sich mir auch diese Frage:

„Darf ich mich denn selbst heilen?“

Soweit mir bekannt ist, steht darüber nichts in den Gesetzestexten.

Wenn es um körperliche Erkrankungen und Verletzungen geht, leistet die Medizin (meistens) viel Gutes. Ich möchte diese Leistungen in keinster Weise schmälern, ABER meiner Erfahrung nach ist die klassische Medizin bei psychischen und seelischen Leiden rasch an ihren Grenzen (oder beim Verordnen von Psychopharmaka). Auch Psychotherapeuten heilen nicht, sie begleiten, können Impulse setzen, Wege aufzeigen, Feedback geben, aber sie heilen nicht.

Ich habe die Verletzungen meiner Seele und Psyche selbst geheilt. Therapeutische Gespräche, unterschiedlichste Seminare und Workshops, Aufstellungsarbeit, Reflexion, Selbsterfahrung, Coaching … ICH habe viel für meine Heilung getan, vieles von außen bekommen – doch wäre ich innerlich nicht bereit gewesen, all dies anzunehmen, wäre es wirkungslos geblieben.

Genau das geschieht – meiner Beobachtung nach – täglich.

Menschen erwarten, dass jemand anders sie heilt. Sie absolvieren Therapien, führen Gespräche, machen dies und das in der Erwartungshaltung, dass sie dadurch geheilt werden. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass zuerst der Schmerz und das Leid losgelassen werden muss, damit es zur Heilung kommen kann.

Loslassen kann niemand anders für uns. Loslassen kann jeder nur selbst.

Mit Loslassen meine ich nicht oberflächliche, kopflastige Aussagen, sondern tiefgehende emotionale Prozesse. Seelischer Schmerz ist häufig derart in uns verankert, dass dieser „normal“ wird, ein Leben ohne diesen Schmerz schlichtweg nicht vorstellbar. Dann können Frage wie diese auftauchen:

„Was bleibt mir noch, wenn ich den vertrauten Schmerz, den roten Faden meines Lebens, das Einzige, was verlässlich immer da war, loslasse?“

Leere?

Wer innerlich von Angst erfüllt ist, mag das so sehen. Es gibt aber – wie immer im Leben – auch andere Sichtweisen:

Leere enthält das Potenzial der Fülle.

Leere ist nichts, kann aber alles werden, abhängig von dem, was wir daraus machen.

Leere gleicht einem Freiraum, in dem wachsen kann, was zuvor keinen Platz hatte, weil es vom Schmerz erdrückt wurde.

Leere ermöglicht Neubeginn.

Nur wer loslässt, kann (vorübergehend) Leere in sich schaffen, denn das Leben füllt stets nach. Was es wird, entscheidet jeder von uns selbst.

Jemand anders kann ein Pflaster auf meine Wunde kleben, doch dieses Pflaster wird nicht heilen, sondern die Zellen meines Körpers werden den Schaden reparieren.

Jemand anders kann tröstende Worte zu mir sprechen, aber diese Worte werden die Verletzung meiner Seele nicht heilen, sondern die Gedanken und Gefühle, mit denen ich die Verletzung betrachte, werden dazu führen, dass ich wieder ganz (=heil) werden darf.

Dieser Gedankenansatz half mir, meine Traumatisierungen aufzulösen, aus innerer Zerrissenheit eine harmonische Einheit zu formen, mich selbst voll und ganz anzunehmen, Ruhe und Gelassenheit zu fühlen … kurz gesagt: ICH und heil zu werden.

Das Potenzial der Selbstheilung schlummert in jedem von uns. Was es braucht, ist Raum, um sich zu entfalten.

Lass los und werde frei (von Schmerz und Leid).

HÖHEN UND TIEFEN

Drei Wochen – solange habe ich bis dato noch nie pausiert, um einen Beitrag zu erstellen. Gefühlt habe ich meinen letzten Beitrag vor ein paar Tagen geschrieben. Aber so geht’s, wenn man (oder ich) auf 120% Leistung (im Job) unterwegs ist. Kreatives Schaffen und Spaß rückt dann in den Hintergrund. Prioritäten setzen. Deshalb sitze ich jetzt auch auf über 1.600 m Seehöhe am Berg in der Sonne und blicke hinab ins Tal, auf all das, was für ein paar Tage weder wichtig noch dringlich ist.

Me Time ist angesagt.

Dazu gehört auch, meine Gedanken der vergangenen Wochen zu sortieren und niederzuschreiben.

Inmitten der Berge aus Arbeit, die ich abgetragen habe, tauchte ein (in diesem Setting unerwartetes) Thema mehrfach auf: Borderline-Diagnosen bei jungen Menschen, die einerseits ihre Pubertät hinter sich haben, aber andererseits noch nicht so richtig erwachsen und in ihrem Leben angekommen sind. Diese Menschen kannten weder meinen Lebensweg noch wussten sie von meiner Borderline-Diagnose, doch was sie über sich erzählten, ließe sich nahtlos in meine Geschichte einfügen – obwohl gut drei Jahrzehnte Altersunterschied besteht.

Nichts hat sich geändert.

Dieselben Probleme. Dasselbe Gefühl, sich von den anderen unverstanden zu fühlen, weil diese nicht wissen, wie sie mit einem umgehen sollen. Dasselbe Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen und mit selbst nicht klarzukommen. Dasselbe Gefühl, irgendwo im nirgendwo zu sein, ohne Halt, ohne Geborgenheit. Dasselbe Gefühl, nicht zu funktionieren, kaputt zu sein, defekt …

In den Augen allzu oft erkennbar die Hilflosigkeit angesichts einer Herausforderung, die übermächtig erscheint. Tiefverwurzelte Einsamkeit. Manchmal auch Verzweiflung, weil keine Lösung in Sicht. Mitunter Wut, wenn all der Druck zu viel wird. Im schlimmsten Fall Selbstaufgabe.

Diese Begegnungen haben mich in meinem Innersten berührt und eine Ahnung aufkommen lassen, dass es – trotz aller Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen – zu einer Zunahme an Borderline-Betroffenen kommen wird. Wie könnte es auch anders sein? Die Fälle von Mobbing & Co nehmen zu, Narzissmus ist längst keine Randerscheinung mehr, das Aussehen zu optimieren wichtiger als Charakterbildung. Gleichzeitig fehlt es immer öfter an Orten und Menschen, wo man sich geborgen fühlt, 100% authentisch sein kann und trotzdem (oder genau deshalb) wertgeschätzt wird. Von Überforderung, Überlastung, Eigen- und Fremdausbeutung mal ganz zu schweigen. Unser Lebensstil und unsere Gesellschaft werden vermehrt Borderliner produzieren. Punkt.

Was kann ich daran ändern?

Vermutlich nicht viel, doch ich kann anfangen, die Distanz, die zwischen Autorin und Leserschaft besteht, zu verkleinern. Ich kann auf Betroffene und Angehörige zugehen, jenen Raum der Geborgenheit anbieten, der häufig fehlt. Ich kann meine Erfahrungen und Methoden teilen. Ich kann Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Von hier oben verändert sich der Blick.

Es gibt keine Zufälle im Leben – zumindest glaube ich nicht an Zufälle. Das diese Begegnungen dort stattgefunden haben, wo ich sie nicht erwartet hätte, interpretiere ich als „sanften Wink“ des Schicksals, das es für mich um mehr geht, als „nur“ meine Herausforderung gelöst zu haben. Meinem Bauchgefühl lauschend vernehme ich eine Stimme, die mir zu flüstert:

„Vertrau drauf, dass du diesen jungen Menschen etwas geben kannst, wenn sie deinen Weg kreuzen. Erzähle einfach deine Geschichte, frei von Schmerz, voller Liebe und Dankbarkeit. Und sage ihnen, dass auch sie zurück finden können in die Umarmung des Lebens.“

PERFEKTES TIMING

… oder in anderen Worten etwas ausführlicher formuliert: Das Leben findet stets den richtigen Zeitpunkt.

Als ich nach meiner Woche als „Hüttenwirtin auf Zeit“ ins urbane Umfeld zurückkehrte, erlitt ich einen veritablen „Kulturschock“. All die Menschen, all der Lärm, all die Verkomplizierungen dessen natürlichen Umstandes der Welt (am Leben zu sein) … mehr denn je fühlte ich mich als Alien. Der Gedanke an eine sofortige Rückkehr auf den Berg war sehr verlockend.

Aber ich blieb inmitten des von Menschen gemachten (größtenteils selbstverursachtem) Chaos – und stellte mich dem, was an meine eigene Tür klopfte: eine innere Aufräum- und Entrümpelungsphase. Im Spiegel des Alltags tauchten alte Verhaltens- und Gedankenmuster auf, die es für mich zu hinterfragen und teilweise loszulassen galt.

Beiläufig wurde mir auch bewusst, mich in die eine oder andere Sackgasse verlaufen zu haben – was ich der einen oder anderen Bemerkungen zu verdanken hatte, die ich im Zuge eines Kreativ- und Handwerksmarktes, auf dem ich mit meinem Büchern Ausstellerin war, aufgeschnappt habe. Müßig zu erwähnen, dass die Bemerkungen von Menschen kamen, die keine Ahnung davon hatten, welche Gedanken mich gerade beschäftigten. So ist das mit dem perfekten Timing des Lebens: du bekommst genau das, was du brauchst – es liegt an dir, hinzusehen, hinzuhören, hinzuspüren …

Kurz gesagt: ich war in den vergangenen Wochen mit mir selbst beschäftigt und verspürte keinerlei Drang, meine Gedanken in den sozialen Medien zu teilen. Erst seit ich wieder an meinem Rückzugsort auf über 2.000m Seehöhe angekommen bin, fließen meine Gedanken wieder in geschriebene Worte.

JAN/A Band 3 ist fertig, mein Prozess abgeschlossen – bin ich am Ende des Weges angekommen?

Definitiv Nein, wie sich unmissverständlich gezeigt hat.

Meine innere Aufräum- und Entrümpelungsphase brachte einige Veränderungen, die wohl auch anderen auffallen. „Reden wir Klartext“ hört man nun noch öfter als bisher von mir. Das können dann Worte wie diese sein:

Eine Borderline-Diagnose ist kein „Wimmerl am Hintern“, sprich: unangenehm, aber ansonsten harmlos. Hinter einer Borderline-Diagnose stehen Ursachen, Auslöser, Herausforderungen, Lernaufgaben … eine Borderline-Diagnose ist vieles, nur eines sollte sie nicht sein: eine bequeme Ausrede, um sich dahinter zu verstecken. Wir leben in einer Zeit, in der Wissen und Möglichkeiten zur Verfügung stehen, um für sich selbst einen Weg zu finden, aus dem in einer Borderline-Diagnose verborgenen Potenzial etwas Lebendiges, Freudvolles, Lebensbejahendes zu machen. Entscheidend ist die Frage:

„Bist du bereit, innerlich den Schmerz der Verletzungen, Kränkungen, Traumatisierungen etc. loszulassen, um frei zu werden, DEIN Leben zu leben?“

Wer an den schmerzvollen Gefühlen festhält, wird weiterhin von den damit verbundenen Ereignissen und Menschen gesteuert, ist also weit entfernt von einem freien Leben.

Oder anders gesagt:

„Lebst du in der Angst oder in der Liebe?“

Beides zeitgleich geht nicht. Du musst dich entscheiden.

Der perfekte Zeitpunkt dafür ist genau JETZT.

Bild: pixabay.com

WIE LEBEN GELINGT: STELL DIR VOR …

… du arbeitest viele Jahre Jahrzehnte mit großer Anstrengung an dir, konsequent und kontinuierlich, reflektierst deine Handlungen, erforscht deine Motive, was in dir steckt (im wahrsten Sinne des Wortes), was unter die Oberfläche ins Reich des Vergessens und Verdrängens gerutscht ist. Du triffst Menschen, die dich inspirieren und weiterbringen, und andere, die dich enttäuschen, dich ausnutzen und verletzen. Du machst Fehler, manche öfters, fällst auch mal hin. Dazwischen erlebst du viele kleine Erfolge, auch ein paar große. Mit jeder Antwort tauchen neue Fragen auf, verlängert sich dein Weg um eine neue Etappe, manche davon werden Sackgassen sein, an deren Ende du umkehren wirst, vielleicht frustriert, vielleicht um eine Erkenntnis reicher. Auf deinem Weg wird dir nichts geschenkt oder abgenommen. Alles musst du dir selbst erarbeiten, oftmals mühevoll. Du investierst Zeit und Geld in etwas, von dem du nur eine vage Ahnung hast, was es am Ende sein wird. Woher solltest du auch eine Vorstellung von dem haben, was es sein kann, wenn du es nie zuvor hattest? Von all den Zielen, die du dir setzt, wirst du einige erreichen, andere nie – und manche wirst du verändern. Es gibt keine Garantie, dass deine Lebensspanne ausreicht, um das Ziel zu erreichen.

Eines Tages, wenn du am wenigstens damit rechnest, kommt der Moment, in dem dir bewusst wird, was du all die Zeit gesucht hast – das du es längst gefunden hast – und das dein Leben sich dennoch kaum verändert hat. Weder türmen sich Millionen auf deinem Bankkonto, noch residierst du in einem Schloss, und die Menschen in deinem Leben zählen vermutlich nicht zur High Society, aber es sind echte Menschen, die dich lieben, dir Wertschätzung und Respekt entgegenbringen, für dich da sind. Du hast, was du brauchst, um gut zu leben – doch du brauchst viel weniger, als du je gedacht hast. Es zählt nicht mehr, wo du bist, sondern nur, wer du bist, wie du auf diese Welt und dein Leben blickst. Wer sein inneres Licht zum Strahlen bringen will, muss der Dunkelheit in sich zustimmen, sie umarmen, ohne sich darin zu verlieren.

Klingt nicht so verlockend wie die meisten Seminar- und Coaching-Werbespots mit ihren Versprechen von diesem oder jenem Geheimnis, dass dich im Handumdrehen glücklich und erfolgreich machen wird. Ich stimme dir zu. Meine Zeilen sind auch kein Marketingtext, sondern ein Spiegel meiner eigenen Erfahrungen und jener, die andere mit mir geteilt haben.

Der Weg zu einem glücklichen, zufriedenen Leben kennt keine Abkürzungen. Wer seine inneren Baustellen nicht aufräumt, wird ewig suchen, manchmal für einige Zeit eine Ersatzbefriedigung finden, aber um bei sich selbst anzukommen, braucht es mehr, anderes, die Bereitschaft, auf all das zu blicken, das da ist. Den Willen, sein Ego zurückzustellen, um Konflikte zu lösen. Dankbarkeit für das Leben selbst. Demut angesichts dessen, wie alles zusammenwirkt, um genau jenes Leben zu erschaffen, in welchem deine Entwicklung und dein Wachstum möglich sind. Achtsamkeit für das Besondere im Alltäglichen, die kleinen unscheinbaren Momente, in denen die Wege des Lebens sich neu ausrichten.

Es braucht vieles, um als Mensch bei sich selbst und im inneren Frieden anzukommen, doch nichts davon ist ein Geheimnis. Das Wissen, wie Leben gelingt, steht seit Jahrtausenden zur Verfügung.

Das absolut geniale am Menschsein ist: du kannst dich in jedem Augenblick deines Lebens entscheiden, welchen Weg du beschreiten willst.

Foto: pixabay.com

RÜCKBLICK MIT WEITBLICK

Meine Woche als ehrenamtliche Hüttenwirtin am Anton-Proksch-Haus (Werfenweng) der Naturfreunde geht morgen zu Ende. Zeit, Bilanz für mich zu ziehen.

Eine meiner ersten Aktivitäten vor einer Woche war es, mir nach vielen Jahren endlich mal wieder ein Brot selbst zu backen. Die letzten Scheiben gab es heute zum Frühstück. Ein Brot hält eine Woche? Ja, und es wird weder steinhart noch trocken oder gar schimmelig. Was wieder einmal beweist, dass aus gutem Mehl (keine Backmischung), Sauerteig, ein wenig Hefe, Salz und Brotgewürz ein hochwertiges Lebensmittel entstehen kann – ohne jegliche Konservierungsstoffe, Feuchthaltemittel, Emulgatoren und was es sonst noch so gibt.

Obwohl ich mich deutlich mehr als normal bewegt habe, bergauf und bergab, habe ich gleichzeitig weniger gegessen als sonst. Ich war einfach nicht hungrig. Vielleicht lag das auch an dem, was ich mir gekocht habe: Von der Gerschtlsuppe, die mich 4 Tage satt gemacht hat, bis hin zu den selbstgepflückten Eierschwammerln. Mein Speiseplan war „einfach“. Genau das ist es, was für mich Leben auf einer Berghütte bedeutet:

Zurück zur Einfachheit

Einfach leben, in und mit der Natur, ohne viel Schnickschnack. Rück-Besinnung auf das, was Leben noch sein kann. Ich bin keine Minimalistin, aber habe häufig das Gefühl des „zu viel“ in meinem Leben an Dingen, To Dos … und gleichzeitig „zu wenig“ an Zeit.

Wenn ich – so wie heute Vormittag – meine Runde über die Brandlbergköpfe drehe (das Foto entstand dort oben), brauche ich sehr viel Zeit, denn ich halte häufig an. Nicht, weil mir die Puste ausgeht, sondern weil ich schaue, höre, schmecke, rieche, spüre … mit allen Sinnen wahrnehme, was rund um mich ist. Dabei werde ich selbst ganz still, innerlich wie äußerlich.

Vor mir ein Panorama der schier grenzenlose Weite. In der Ferne bimmeln Kuhglocken, in den Wipfeln der Bäume zwitschern Vögel, ab und an fiep ein Murmeltier. Harziger Duft von Kiefernnadeln vermischt sich mit Latschen und Wacholder. Heidelbeeren frisch vom Strauch schmecken köstlich (und verursachen Pausen 😉). Eine sanfte Brise streicht mir um die Nase.

Streicheleinheiten für meine Seele

In meiner Wahrnehmung verringert sich, wenn die Seele satt ist, das Hungergefühl auf die tatsächlich notwendigen Kalorien – und die sind zumeist weniger als wir zu uns nehmen. Ein wirklich kleines Frühstück, ein kurzer Abstecher zur Nachbaralm (wieder rauf/runter) auf einen Apfelstrudel und ein Glas Rohmilch, ein Teller Eintopf. Das war’s. Mehr braucht mein Körper nicht, auch wenn er sich 4-5 Stunden pro Tag am Berg bewegt. Erstaunlich – und Impulsgeber für eine spannende Frage:

Die Menschheit lebte Hundertausende von Jahren in und mit der Natur als Jäger und Sammler. Mit dem Ackerbau entstanden Siedlungen. Unsere urbane Lebensweise ist vergleichsweise jung. Zu jung, als dass sich unsere Genetik angepasst haben kann? Und unser Seelenleben? Kann die Entfernung zur Natur „Hunger“ auslösen? … den der Mensch mangels Verständnisses mit Nahrungsmitteln zu stillen versucht? … was zu einem global wachsenden Gewichtsproblem führt? … und die Frage nach den „artgerechten“ Lebensbedingungen für die Spezies Homo Sapiens (und sein Seelenleben) aufwirft.

Zurück zum Rückblick: Wie einfach das Leben sein kann, habe ich in der vergangenen Woche hautnah erlebt – ohne irgendetwas zu vermissen. Allein oder gar einsam habe ich mich dabei nicht eine Sekunde lang gefühlt. Ich war Teil dessen, was mich umgeben hat. In den Städten hat der Mensch sich seinen eigenen Lebensraum erschaffen, aber oben am Berg, da ist er nur ein Gast, der sich an die Spielregeln der Natur anpasst – oder die Konsequenzen zu spüren bekommt. Die grauen Riesen waren allgegenwärtige Gastgeber, die mir das eine oder andere zugeflüstert haben.

Ich traf auf Menschen, die mit mir auf einer Wellenlänge schwimmen – und andere, die ihren urbanen Lifestyle unverändert am Berg weiterführen, mit all der Hektik, dem Lärm … die blind und taub sind für das, was sie umgibt – und jene, die Zeit haben.

Zeit ist wohl der größte Luxus

Zeit zum Leben, nicht zum Überleben, Funktionieren, Arbeiten, Erledigen … sondern wirklich einfach Zeit zum Leben. Ich gehe an dieser Stelle absichtlich nicht näher auf den Begriff „Zeit zum Leben“ ein, denn eigentlich sollte jeder von uns wissen, was damit gemeint ist – und wenn nicht, wird es Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

Einfach Leben in und mit der Natur

… ein Experiment, das ich nur weiterempfehlen kann, fürs eigene Seelenheil, um mit sich selbst wieder in Kontakt zu kommen, die Batterien aufzuladen und noch mindestens 100 andere Gründe.

Für mich steht fest: dies war meine erste, aber garantiert nicht meine letzte Woche in einer Berghütte.

MEIN LEBEN VON OBEN BETRACHTET

… im wahrsten Sinne des Wortes. Seit einigen Tagen sitze ich in einer Berghütte auf rund 1.600 m Seehöhe. Zu meinen Füßen breiten sich Almwiesen und Wälder aus, vor mir ragen imposante Bergspitzen in den Himmel. Dazwischen erlebe ich meine Kleinheit als Mensch im Angesicht der grauen Riesen. Das perfekte Szenario zum Reflektieren, denn die Perspektive verändert sich in dieser Höhe.

Vieles erscheint „unbedeutend“, wenn es links von mir steil nach oben und rechts steil nach unten geht, der vor mir liegende Weg kaum einen halben Meter breit und meine Aufmerksamkeit voll und ganz im Hier und Jetzt fokussiert ist. Solche Wege erfordern Achtsamkeit und eignen sich für mich zum Reflektieren, aber sie sind wunderbar, um bewusst „umzuschalten“, die Gedankenspirale auf Zuruf zu beenden und sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren.

Das endlose Kreisen in Gedankenspiralen und Nicht-aussteigen-Können begleitet mich mein Leben lang. Vermutlich kennen einige dieses Phänomen.

Auf den schwierigen Passagen hier oben am Berg absolviere ich mein Achtsamkeitstraining, auf den Spazierwegen wechsle ich in den Reflexionsmodus. Immer wieder spannend, längst Vergangenes hervorzukramen, neuerlich zu betrachten und hinzuspüren, was es (noch) auslöst. Welche Gedanken kommen, welche Emotionen?

Diese Art von Reflexion hat nichts mit „Leben in der Vergangenheit“ zu tun. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, zu überprüfen, ob Ereignisse aufgearbeitet und gelöst wurden, oder ob sie noch unter der Oberfläche Spannungen verursachen. Vergleichbar mit den tektonischen Platten unseres Planeten, die sich gegeneinander verschieben und gelegentlich die aufgestaute Energie mittels Erdbeben freisetzen, können sich auch im Menschen Spannungen aufbauen, die sich explosionsartig entladen.

Während meiner Zeit auf der emotionalen Achterbahn geschah dies mit vorhersagbarer Regelmäßigkeit. Seit meiner Rückkehr in die Umarmung des Lebens ist es mir daher ein wichtiges Anliegen, solche Spannungen frühzeitig zu erkennen und möglichst rasch aufzulösen. Deshalb kehre ich bewusst zurück zu vergangenen Ereignissen, am besten in einer Umgebung, die weit weg von diesen ist, um aus einer anderen Perspektive hinzuschauen und hinzuspüren. Dabei kommt manches erstaunlich klar und nüchtern zu Tage.

Als Kind mit hochsensibler Veranlagung erlebte ich psychische, physische und sexuelle Gewalt und Übergriffe. Ein alkoholkranker, manisch-depressiver Vater und eine emotional abwesende (weil in Trauer um ein verlorenes Kind feststeckende) Mutter boten mir weder Halt noch Sicherheit oder gar Unterstützung dabei, mit mir selbst und dem, was geschehen war und mich völlig überforderte, umgehen zu lernen. Was aus diesem Cocktail entstand, nennt man in der Fachsprache Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS).

Recherchen in der Fachliteratur bestätigen mir, dass meine Geschichte „ins Bild passt“. Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit finden sich häufig in der Anamnese von Betroffenen. Insofern entspreche ich dem Muster. Worin ich mich unterscheide, ist mein Umgang mit dieser „Störung“ und vor allem meine Auflösung derselben.

Stabilität trotz Hochsensibilität und intensiver Emotionalität.   

Ohne Übertreibung – es waren Jahrzehnte an Arbeit dafür nötig. Der Rückzug in die Einsamkeit (der Bergwelt) ist ein Teil dieser Arbeit. Inmitten der Natur, weit weg von anderen Menschen, finde ich zu mir selbst, kann all das loslassen, das ich nicht unbedingt freiwillig aufgenommen habe.

Ein Beispiel, um nachvollziehen zu können, warum dieser Rückzug für mich (überlebens)wichtig ist: Betrete ich einen Raum mit Menschen, nehme ich diese mit all meinen Sinnen wahr, auch emotional-empathisch. Die Gefühle dieser Menschen gehen durch mich durch wie Röntgenstrahlen. Bin ich selbst in meinem Gefühlsmodus, spüre ich es unmittelbar. Bin ich gerade kopflastig unterwegs, bleiben sie subtil unter der Oberfläche. In beiden Fällen jedoch wirken sie auf mein eigenes Gefühlsleben. Ähnlich einem Glas Wasser, in das ein paar Tropfen Tinte geschüttet werden, verfärbt sich mein Gefühlsleben. Nach einiger Zeit fällt es mir schwer zu unterscheiden, welche von diesen Gefühlen meine und welche die übernommenen sind.

Würde ich mich in einem liebevollen, wertschätzenden, achtsamen Umfeld bewegen, wäre das alles kein Problem, denn es wäre positive Gefühle. Aber ich bewege mich nun mal in der Realität, und da nehme ich eine Menge Negativität wahr – bedauerlicherweise. Diese unfreiwillig absorbierte Negativität will ich wieder loswerden, weshalb ich mich in die Natur zurückziehe, möglichst weit weg von Menschen. Wenn der Nachschub an Negativität ausbleibt, kommt die „Halbwertszeit“ zum Wirken und ich fühle wieder meine eigenen Gefühle ohne Mitbringsel.

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob nicht Abgrenzung eine Option wäre. Vermutlich, aber ich habe noch keinen Weg gefunden, mich abzugrenzen, ohne gleichzeitig einen Teil von mir zu unterdrücken (nämlich den Hochsensiblen). Diese Unterdrückung führt zu innerer Spannung, die sich wiederum irgendwann explosionsartig entlädt. In den Jahrzehnten der Arbeit an mir selbst, war dies ein Weg, den ich gegangen bin, und den ich wieder verlassen habe.

Übrigens vermute ich, dass die (angebliche) Beziehungsunfähigkeit von Borderlinern möglicherweise genau darauf zurückzuführen ist: man übernimmt so viel von anderen, dass man sich selbst nicht mehr wahrnehmen kann, sich selbst verliert, und gleichzeitig verspürt man den brennenden Wunsch, man selbst zu sein. Bumm. Ein derartiger Widerspruch kann gar nicht anders, als irgendwann zu explodieren. Dabei wäre die Lösung – sollte meine Hypothese richtig sein – ziemlich einfach: fixe Freiräume schaffen, in denen man wieder zu sich selbst findet. Und natürlich bewusster Umgang mit sich selbst, Reflexion, Achtsamkeit …

… und schon bin ich wieder bei dem Thema, das mich hier hinauf auf den Berg geführt hat. Nichts von dem, das in meiner Vergangenheit geschehen ist, kann ich ungeschehen machen, aber ich kann verändern, wie ich damit umgehe und was es heute – im Hier und Jetzt – in mir auslöst. Sollte etwas noch nicht zufriedenstellend gelöst sein und eine unerwünschte Gedankenspirale in Gang setzen, diese bewusst unterbrechen, um sie im passenden Kontext aufarbeiten zu können.

Die Borderline-Herausforderung ist lösbar.

Das ist kein leeres Versprechen in der Art „es wird schon irgendwann von selbst verschwinden“ oder „wirf die Pillen ein und alles wird gut“, sondern eine Aufforderung, sich einem langwierigen, intensiven Selbstfindungsprozess zu stellen.

Eines kann ich versprechen: Es lohnt sich!

ANGEKOMMEN – UND JETZT?

Solange ich zurückdenken kann, habe ich mich nach einem Zustand innerer Ausgeglichenheit und Gelassenheit, voller Kraft und Selbstvertrauen, frei von Zweifeln und Zerrissenheit gesehnt. Nach Jahrzehnten der Arbeit an mir selbst und Aufarbeitung von dem, was ich mir nicht unbedingt ausgesucht habe, bin ich in diesem Zustand angekommen.

Und wie geht’s jetzt weiter?

Wer glaubt, dass ich mich nun in einem Leben voll eitler Wonne und permanentem Sonnenschein befinde, irrt sich. Rosa Bubble heile Welt Fehlanzeige. Im Grunde läuft alles wie bisher, mit einigen wenigen Ausnahmen. Eine davon ist, dass mir eindeutig mir „g‘standene“ positive, authentische Menschen begegnen als früher. Zeitgleich sinkt die Zahl der Energievampire und Karmastaubsauger. Beide betrachte ich als Trainingsgelegenheiten, um meine Resilienz gegen energetische und sonstige Ausbeutung zu stärken, bzw. zu reflektieren, in wie weit mich die Themen noch betreffen, wie ich nun damit umgehe und dankbar zu sein, einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Die überwiegende Zeit fühle ich mich im Flow angekommen. Jede Menge Wunderbares geschieht einfach so. Das lässt sich in einem Satz zusammenfassen:

Vom Leben umarmt

Für mich ist dieser Zustand spürbar – und auch für andere. Menschen, die mich eben erst kennengelernt haben, melden mir rück, dass sie mich als sehr kraftvoll wahrnehmen, vor Lebensfreude strahlend und sind beeindruckt von mir. Wow. Das Ziel meiner Reise zu mir selbst war und ist, in ein gutes Leben(sgefühl) zu kommen, however, diese Nebenwirkung freut mich natürlich.

Wenn es mir gelingt, durch das Vorlesen weniger Zeilen mit meiner Stimme und meinen Worten die Herzen von Menschen zu öffnen, sie etwas tiefer atmen zu lassen, ja sogar ihre Augen feucht werden zu lassen, weil sie inmitten eines kopflastigen Alltags zurück in die Welt des Fühlens finden, dann sage ich DANKE für das Potenzial, das mir mitgegeben wurden, das im Zustand der Zerrissenheit das Etikett „Borderline“ trägt, doch im Zustand der Verbundenheit entfaltet es schöpferische Kreativität, versöhnliche Energie, baut Brücken in die Herzen der Menschen, bringt Licht in ihre Seele.

Es bringt mich zum Schmunzeln, an jene Augenblicke zurückzudenken, in denen ich als „kaputt“ eingestuft wurde. Ich sei zu „reparieren“, solle endlich normal werden, damit man mich aushält. Was ich damals als „normal“ verstand, erkenne ich heute als „bedürftig“. Auch ein Grund für Dankbarkeit, mich nicht in die Richtung jenes Durchschnitts entwickelt zu haben, der mich als kaputt beurteilte. Manche von ihnen blicken heute (neidvoll) auf mich, versuchen zu verstehen, und scheitern an den Grenzen ihres eigenen Denkens, ihrer (Vor)Urteile, die sie anderen entgegenschmettern und von denen sie gleichzeitig gefangen gehalten werden.

Ich kann weder die Welt noch einen einzelnen anderen Menschen retten, doch ich habe mich selbst gerettet. Ich bin angekommen – und jetzt geht die Reise weiter. Was auch immer Morgen kommen wird, es enthält ein Geschenk für mich, um zu erkennen, zu verstehen, zu wachsen. Ereignisse und Menschen sind jene Spiegel, die es braucht, um unter die Oberfläche zu blicken. Nichts geschieht zufällig. Bestimmung? Vielleicht. Vielleicht aber auch nur jene Anziehungskraft, die ins Leben holt, was man in sich ist.

Es ist wunderbar befreiend, nicht wissen zu müssen, wie es funktioniert, sondern einfach darauf zu vertrauen, dass es funktioniert. Jenseits vom Ego, in der Umarmung des Lebens.

Derzeit residiere ich (wieder einmal) in den Bergen, darf meine Kleinheit im Angesicht imposanter Berggipfel spüren, die mir Antworten auf meine Fragen zuflüstern. Wie viel Zeit auch immer mir in diesem Leben noch bleibt, was könnte ich Wertvolleres teilen als meine Lebensfreude, ein Lächeln und manchmal ein paar Worte, die das Herz berühren?

INTELLIGENZ UND HUMOR

… gehören meiner Meinung nach unbedingt zusammen. Wie sehr, werde ich heute kurz erläutern.

Von Stephen Hawking stammt die Aussage: „Intelligence is the ability to adept to change“ (Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen. Wie breit der Interpretationsspielraum dieser Aussage reicht, haben mich zwei Ereignisse der vergangenen Tage erkennen lassen.

Im Zug von Salzburg nach Wien, in der Ruhezone (!) eines beinahe leeren Waggons, lauschte ich via Kopfhörer meiner bevorzugten Entspannungsmusik, während ich ein wenig an meinem Skript arbeiten wollte. Die Betonung liegt auf „wollte“, denn zwei ältere Damen ließen sich samt ihrer angeregten Unterhaltung auf den Plätzen jenseits des schmalen Ganges nieder. Offenbar vermissten sie etwas, denn eine der Beiden begann, ihre voluminöse Handtasche zu leeren und jeden entnommenen Gegenstand umfassend zu kommentieren – lautstark. Nach ungefähr 5 Minuten wagte ich die geflüsterte Frage, ob sie sich bewusst wären, sich in der Ruhezone (!) zu befinden. Da sich auf jedem Sitz im Kopfbereich ein grünes Deckchen mit entsprechender Aufschrift in mehreren Sprachen inklusive Symbolik befand, eine Tatsache, die kaum zu übersehen war. Meine Frage wurde jedoch nicht wahrgenommen, weshalb ich sie erneut stellte. Ohne Ergebnis. Meine dritte Frage wurde gehört und löste augenblicklich einen Sturm der Empörung aus, was ich mir einbilden würde, sie zu belehren, sie wären 80 Jahre alt und überhaupt, ich hätte ohnehin Kopfhörer. Leider nicht geräuschunterdrückende, sondern handliche 08/15-In-ear-Stöpsel. Meine nüchterne Feststellung, dass ich die Musik (Kategorie: Entspannung) gar nicht so laut stellen könne, um die Unterhaltung nicht zu hören, ging in der mittlerweile deftigen Schimpftirade, die auf mich einprasselte, unter. Immerhin erhielt ich ein Daumen-hoch von zwei älteren Herren, die eine Reihe weiter saßen. Nach minutenlagen Beschimpfungen zogen die älteren Damen einen Wagon weiter, raus aus der Ruhezone, wohin auch immer.  

Wie war das nochmal: Intelligenz ist die Fähigkeit, sich anzupassen …

Gestern lag ich im Außenbereich einer Therme, genoss ein wenig die Sonne, als ein älterer Herr einen Liegestuhl von dessen bisherigem Standort entfernte und just vor die – deutlich gekennzeichnete – Fluchttüre platziere, um sich darauf niederzulassen. Wagte ich einen Hinweis? Selbstverständlich nicht. Auf neuerliche Beschimpfungen konnte ich verzichten. Da ich ohnehin bereits aufbrechen wollte, packte ich meinen Kram zusammen, ging zur Bademeisterin und informierte diese über das menschliche Hindernis im Fluchtweg.

Intelligenz ist die Fähigkeit, sich anzupassen. In diesem Fall, die Regel „hdP“ umzusetzen und sich dadurch unerfreuliche Beschimpfungen dafür zu ersparen, offensichtlich uninformierte Menschen an die geltenden Spielregeln zu erinnern. Eine Missachtung derselben könnte man – frei interpretiert – als Anti-Intelligenz oder schrumpfende Intelligenz betrachten. Oder als Rücksichtlosigkeit. Ignoranz passt auch. Aber eigentlich geht es mir nicht darum zu ergründen, weshalb manche Menschen Regeln ignorieren bis hin zur fahrlässigen Gefährdung anderer, und sich auch noch darüber aufregen, wenn man sie darauf hinweist. Mir geht es um „hdP“.

„hdP“ steht für „hoid dei Pappn“. Aus dem Wienerischen übersetzt heißt es dann „halt deinen Mund.“

Es gibt Situationen im Leben, in denen es angebracht ist, nichts zu sagen, auch wenn man im Recht ist. Oder jene etwas sagen zu lassen, in deren Zuständigkeit (Bademeisterin) es fällt. Auch wenn es einem auf der Zunge liegt, es förmlich „juckt“, die klarstellenden Worte zu sprechen, manchmal ist „hdP“ die klügere Option, weil intelligent. Anpassung an den Wandel, der auch die – aus meiner Beobachtung – wachsenden Anzahl an ignoranten Menschen im öffentlichen Raum einschließt. Wenn Hausverstand und Rücksicht im urbanen Raum auf dem Rückzug sind, nützt es häufig nichts, seine Stimme zu erheben. Es gilt das Recht des Stärkeren – oder Lauteren.

Intelligenz ist die Fähigkeit der Anpassung an den Wandel.

Zwischen den beiden Ereignissen stand ich abends auf dem Heimweg in der Bahn, die überfüllt war, blickte von einem Ende des Wagens bis zum Anfang. Auf den meisten Sitzen saßen Jugendliche, Teenager beschäftigt mit ihren Handys. Im Gang standen etliche wesentlich ältere Menschen, manche wirkten gebrechlich. Niemand kam auf die Idee, aufzustehen und Platz zu machen. Niemand kam auf die Idee, nach einem Platz zu fragen.

Anpassung an den Wandel der Gesellschaft weg von Rücksichtnahme, hin zur Rücksichtlosigkeit?

Für mich kein Zeichen von Intelligenz – ganz im Gegenteil. Wer in so einer Gesellschaft nicht verzweifeln will, braucht eine Menge Humor, sehr schwarzen Humor, um den bitteren Beigeschmack des Wandels zu überdecken.

Für mich ist Intelligenz auch die Fähigkeit, unter der Oberfläche humorvoller Anekdoten die alarmierenden Zeichen einer Entwicklung zu sehen, die nicht dem wertschätzenden Miteinander dient, nicht die Lebensfreude mehrt, kein Lächeln ins Gesicht zaubert, kein gutes Gefühl vermittelt, sondern Bedauern und Besorgnis erweckt. Für mich ist Intelligenz das Gegenteil von Ignoranz.

Möglicherweise hatte Mr. Hawking, der ein sehr humorvoller Mensch war, auch eine humorvolle Note in sein Zitat gepackt. Die meisten Organismen auf diesem Planeten passen sich seit Jahrmillionen laufend an die Veränderungen ihrer Lebensumwelten sind, sind also per Definition intelligent. Betrachtet man die häufig auftreten Schwerfälligkeit des Menschen im Umgang mit (notwendigen) Veränderungen, liegt es auf der Zunge, die Intelligenz der Menschheit in Frage zu stellen, die ihre Lebensumwelt wieder besseren Wissens zerstört, Kriege führt, toxische Stoffe konsumiert … (Aufzählung bitte beliebig fortführen). Manchmal habe ich den Eindruck, eine Art von Schwarzem Loch würde die Intelligenz aufsaugen. Anders kann ich es mir schlichtweg nicht mehr erklären, warum bei all dem Wissen und all den klugen Köpfen auf diesem Planeten, die wirklich essentiellen Probleme noch immer nicht gelöst sind.

Vielleicht sollte ich mich öfters an die „hdP“-Regel halten, aber es fällt mir verdammt schwer zu ignorieren, was ich Tag für Tag rund um mich wahrnehme. An diesen Wandel will ich mich nicht anpassen. Lieber füge ich den Worten des von mir hoch geschätzten Stephen Hawking noch ein paar von mir hinzu: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen … und selbst zu entscheiden, in welche Richtung ich mich entwickeln will“.

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LIEBE BIS ZUM SCHLUSS

Dies ist eine wahre Begebenheit, die ich etwas zeitverzögert erzähle. Sie hat sich am vergangenen Wochenende zugetragen, aber sie berührt mich bis heute und wird das vermutlich noch lange tun.

Auf dem Weg zu meinem ersten Einsatz als ehrenamtliche Hüttenwirtin traf ich am heimatlichen Bahnsteig einen älteren Mann mit Rucksack, der offensichtlich ebenfalls eine Wandertour geplant hatte. Es stellte sich rasch heraus, dass wir dasselbe Ziel ansteuerten und er noch ein Quartier für die kommende Nacht suchte. Er entschied kurzerhand, in meiner Hütte zu nächtigen.

Da es sich um eine Liebesgeschichte handelt, nenne ich den älteren Mann hier einfach Romeo.

Romeo und ich trafen uns jeweils zum Umsteigen an den Bahnhöfen. Dazwischen hatten wir Reservierungen in unterschiedlichen Wagons. Am Ziel angekommen trennten sich unsere Wege – vorerst – dann sie kreuzten sich auf den Wanderwegen erneut. Letztendlich landeten wir bei in einer geselligen Runde in der Hütte eines Nachbarn bei ein paar Schnapserl, es wurde viel geredet und die Stunden vergingen wie im Flug.

Das für mich faszinierende und nachhaltig beeindruckende: Romeo wird im kommenden Jänner 91 Jahre alt. Er bewegt sich langsam, aber sicher da oben am Berg. Seine Julia ist ein paar Jahre jünger als er. Leider spielen ihre Beine nicht mehr mit, weshalb er einmal pro Woche allein in seine geliebten Berge fährt. Die restliche Zeit verbringt er mit Julia. Romeo telefoniert auch mehrmals pro Tag mit Julia wenn er unterwegs ist, erzählt ihr alles, was er erlebt, wen er getroffen hat, was er gegessen hat … er lässt sie teilhaben an dem, was ihr anders nicht möglich wäre. Wenn Romeo mit Julia spricht, spürt man die tiefe Zuneigung in seiner Stimme, die innige Verbundenheit. Da kommunizieren zwei Menschen liebevoll miteinander, die zusammengewachsen sind im Laufe eines langen gemeinsamen Lebens, das sicherlich nicht immer leicht war, dennoch gingen sie ihren Weg gemeinsam, auch auf ihren Wanderungen. Nun geht Romeo und trägt seine Julia dabei im Herzen.

Es war für mich, die in einem Elternhaus frei von gelebter Zuneigung aufgewachsen ist, unbeschreiblich berührend, erleben zu dürfen, dass zwei Menschen in Liebe gemeinsam alt geworden sind. Romeo und Julia leben nicht nebeneinander, sondern miteinander und füreinander.

Für mich sind Romeo und Julia ein Vorbild für das, was eine Partnerschaft sein sollte. Bislang hielt ich meine diesbezügliche Vorstellung für eine romantische Fantasie, hoffnungsvoll, doch wenig realistisch. Romeo und Julia sind für mich der Beweis, dass es möglich ist.

Die Begegnung mit diesen besonderen Menschen – direkt und indirekt – gehört zu den prägenden Momenten meines Lebens. Augenblicke, die wenig spektakulär waren, die man dennoch nie vergisst, weil sie intensive Emotionen wachrufen: Dankbarkeit, Zuversicht, Hoffnung, Liebe.

Von ganzem Herzen wünsche ich Romeo und Julia noch viele gemeinsame Jahre – und wenn das Unausweichliche kommt, dann möge das Schicksal gnädig sein und sie so gehen lassen, wie sie gelebt haben – gemeinsam.  

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