AUF DER DURCHREISE

Seit gestern sitze ich wieder oben am Berg auf 1.600 m Seehöhe. Urlaubstage auf der Piste. Seelenzeit. Oder modern formuliert: Me-Time. Abendliche Sonnenuntergänge, die dazu einladen, einfach nur dazusitzen und zu schauen, frei von Gedanken, vorübergehend ausgeklinkt aus Raum und Zeit. Erst als das farbenprächtige Schauspiel sich im sternenklaren Nachthimmel auflöst, kehren langsam die Gedanken zurück.

Auf der Durchreise …

… das bin ich. So wie die anderen, die mit mir Zeit am Berg verbringen: Tourengeher, die für eine Nacht bleiben, um danach wiederzuziehen auf Wegen abseits der Massen. Oder die Gruppe Studenten, die sich in ihrer Ferienzeit ehrenamtlich für die Naturfreunde engagieren und eine kleine Imbissbude betreiben. Bunt zusammengewürfelte Menschen jeden Alters, unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Ausbildung, Beruf/Berufung, verbunden durch … durch was eigentlich?

Das Miteinander ist harmonisch, obwohl man sich eigentlich fremd ist – war bis zur Ankunft im Haus. Man geht wertschätzend und rücksichtsvoll miteinander um, unterstützt sich bei Bedarf, einfach so, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Ganz anders, als ich es so oft im urbanen Alltag erlebe. Hier oben herrscht Frieden, Gelassenheit, Menschlichkeit.

Wir sind alle nur auf der Durchreise (in diesem Leben). Für die kurze Zeit, die unsere Wege sich kreuzen, teilen wir das Dach über unseren Köpfen und alles, was dazugehört. Es gibt Regeln, an die sich alle halten, niemand muss darüber wachen. So einfach kann das Zusammenleben von Menschen funktionieren … auf der Durchreise.

Die Lebensphilosophin in mir beginnt sich zu fragen, warum es nicht immer und überall so einfach sein kann, das Zusammenleben von Menschen. Liegt es am Berg? Werden auch wir Menschen inmitten der Natur wieder „natürlicher“ im Umgang miteinander? Spüren wir uns und die anderen hier oben wieder mehr?

Entgegen anderslautender Gerüchte, hat nicht der Mensch die Natur erschaffen, sondern ist ein Geschöpf der Natur. Wer dies versucht zu negieren, kappt seine eigenen Wurzeln. Für mich ist die Natur eine Quelle der (Seelen)Heilung. Hier fällt es mir ganz leicht, alle Masken fallen zu lassen, einfach nur Mensch zu sein. Möglicherweise geht es auch anderen so, weshalb es uns so leichtfällt, harmonisch unter einem Dach auf der Durchreise zu sein.

HEILSAME GEDANKEN

Wochenende. Nach einer langen, intensiven Arbeitsphase hatte mich Anfang Dezember irgendein 08/15-Grippe- oder Rhinovirus erwischt – oder mein Immunsystem hat schlichtweg w.o. gegeben. Was auch immer, ich bin im Regenerationsmodus unterwegs.

Ein gemütliches Frühstück auf der Couch. Auf dem Weg von der Küche zur Couch passte alles wunderbar auf mein Tablett. Auf dem Weg zurück ging ich 3x – irgendwie passte nicht mehr alles auf ein Tablett. In der Küche schmunzle ich über mich selbst.

Ich – die hocheffiziente Logistik- und Struktur-Queen – agiere absolut ineffizient, beinahe chaotisch.

Plötzlich ein Gedanke in meinem Kopf. Ein heilsamer Gedanke:

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

Ich muss nicht funktionieren, muss nicht effizient sein. Ich darf auch mal chaotisch sein.

Ich darf Fehler machen.

Ich darf Mensch sein – widersprüchlich und perfekt darin unvollkommen zu sein.

Wunderbar, wenn sich zu diesen Gedanken auch noch das liebevolle Gefühl gesellt, das es genau so richtig ist. In der Umarmung des Lebens angekommen.

Freiheit pur.

Frei von Erwartungshaltungen und Erfüllungsbedingungen.

Frei von Selbstverurteilung.

Frei von der Ego-Diktatur, frei von der Notwendigkeit, irgendetwas beweisen oder darstellen zu müssen.

Freiheit, die man sich nur selbst schenken kann.

Frei, einfach zu sein.

Heilsame Gedanken, die ich vor einem lodernden Kaminfeuer sitzend in die Welt hinausschicke.

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

Bild: pixabay.com