BEZIEHUNG EINMAL ANDERS

So lange ich zurückdenken kann, waren die Beziehungen in meinem engsten Umfeld von Spannungen, Konflikten, Verlustangst und fehlender Wertschätzung geprägt. Selbiges setzte sich später in meinen intimen Beziehungen fort. Beziehungsstress war normal – so normal, dass ich es nicht mehr hinterfragte. Auch wenn es enorm anstrengend und nervenaufreibend war, es war normal.

Bis ich eines Tages – vor gar nicht allzu langer Zeit – etwas losließ und auf einem Berg ablegte. Einen Stein (physisch), in den ich (metaphysisch) all die alten Denkmuster und Energien übertragen hatte. Plötzlich wurde alles anders. Klingt nach einem Märchen in der Art von Aschenputtel, ist aber real geschehen, jenseits von „heile Welt-Klischees“. Und es bringt einiges an Arbeit mit sich.

Wenn die gewohnte Normalität nicht mehr der Realität entspricht, gibt’s was zu tun.

Umdenken. Umlernen. Neu ausrichten.

Wenn ein halbes Jahrhundert lang (An)Spannung dominiert hat, fühlt sich Harmonie ziemlich fremdartig an, um nicht zu sagen irritierend. Da kommen schon mal Zweifel im Sinne von „ist das wirklich Zuneigung?“ – so ganz ohne … ohne was eigentlich? Ohne Stress, ohne Konflikt, ohne Manipulation, ohne Angst.

Ja, es ist Zuneigung – wie sie tatsächlich sein sollte. Liebevoll, ohne all dem schmerzhaften.

Eine neue Erfahrung. Eine, in der es darum geht, den Ausstieg von der emotionalen Achterbahn nun auf die nächste Ebene – sprich: in die Zweisamkeit – zu bringen. Gelassen zu bleiben, wenn der andere mit seinen eigenen Themen beschäftigt ist. Unterstützen, aber nicht übernehmen. Begleiten, ohne sich verantwortlich zu fühlen. Nähe neu zu definieren, als einen Hafen der Geborgenheit.

Vieles auf meinem Weg konnte ich allein lösen und verändern, aber für eine Neuausrichtung in Bezug auf Nähe braucht es andere Menschen – mindestens einen 😉 um Beziehung anders zu leben als in der Vergangenheit. Ich komme mit mir selbst wunderbar klar, auch mit anderen (solange eine gewisse Distanz besteht). Und wenn mir jemand ganz nahekommt? Nach einigen anfänglichen Irritationen gelingt es überraschend gut. Unaufgeregt aufregend. Vermutlich darauf zurückzuführen, dass ich zuvor meine Angst vor dem Alleinsein überwunden, (Ur)Vertrauen aufgebaut und gelernt habe, gut mit mir selbst auszukommen.

Meine rationale Seite sucht (wie könnte es anders sein) nach Erklärungen. Eine Online-Recherche mit der Frage „sind Borderliner beziehungsfähig“ später erkenne ich so manches aus meiner Vergangenheit in den Beschreibungen. Gleichzeitig fühlt es sich seltsam „fremd“ an, als wäre ich damals eine andere gewesen (was ja in gewisser Weise auch stimmt). Einmal mehr wird mir bewusst, was Menschen, die eine Borderline-Diagnose erhalten und daraufhin online recherchieren, finden und wie das möglicherweise auf ihre Selbstwahrnehmung wirkt – und wie wichtig es ist, andere Geschichten ergänzend dazuzustellen.

Ja, es ist möglich, sich über traumatische Erfahrungen und toxische Beziehungen hinaus weiterzuentwickeln, intime Beziehungen zu führen, die von Wertschätzung und Geborgenheit geprägt sind. Es geschieht nicht von allein, nicht über Nacht, aber es ist möglich.

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LIEBE BIS ZUM SCHLUSS

Dies ist eine wahre Begebenheit, die ich etwas zeitverzögert erzähle. Sie hat sich am vergangenen Wochenende zugetragen, aber sie berührt mich bis heute und wird das vermutlich noch lange tun.

Auf dem Weg zu meinem ersten Einsatz als ehrenamtliche Hüttenwirtin traf ich am heimatlichen Bahnsteig einen älteren Mann mit Rucksack, der offensichtlich ebenfalls eine Wandertour geplant hatte. Es stellte sich rasch heraus, dass wir dasselbe Ziel ansteuerten und er noch ein Quartier für die kommende Nacht suchte. Er entschied kurzerhand, in meiner Hütte zu nächtigen.

Da es sich um eine Liebesgeschichte handelt, nenne ich den älteren Mann hier einfach Romeo.

Romeo und ich trafen uns jeweils zum Umsteigen an den Bahnhöfen. Dazwischen hatten wir Reservierungen in unterschiedlichen Wagons. Am Ziel angekommen trennten sich unsere Wege – vorerst – dann sie kreuzten sich auf den Wanderwegen erneut. Letztendlich landeten wir bei in einer geselligen Runde in der Hütte eines Nachbarn bei ein paar Schnapserl, es wurde viel geredet und die Stunden vergingen wie im Flug.

Das für mich faszinierende und nachhaltig beeindruckende: Romeo wird im kommenden Jänner 91 Jahre alt. Er bewegt sich langsam, aber sicher da oben am Berg. Seine Julia ist ein paar Jahre jünger als er. Leider spielen ihre Beine nicht mehr mit, weshalb er einmal pro Woche allein in seine geliebten Berge fährt. Die restliche Zeit verbringt er mit Julia. Romeo telefoniert auch mehrmals pro Tag mit Julia wenn er unterwegs ist, erzählt ihr alles, was er erlebt, wen er getroffen hat, was er gegessen hat … er lässt sie teilhaben an dem, was ihr anders nicht möglich wäre. Wenn Romeo mit Julia spricht, spürt man die tiefe Zuneigung in seiner Stimme, die innige Verbundenheit. Da kommunizieren zwei Menschen liebevoll miteinander, die zusammengewachsen sind im Laufe eines langen gemeinsamen Lebens, das sicherlich nicht immer leicht war, dennoch gingen sie ihren Weg gemeinsam, auch auf ihren Wanderungen. Nun geht Romeo und trägt seine Julia dabei im Herzen.

Es war für mich, die in einem Elternhaus frei von gelebter Zuneigung aufgewachsen ist, unbeschreiblich berührend, erleben zu dürfen, dass zwei Menschen in Liebe gemeinsam alt geworden sind. Romeo und Julia leben nicht nebeneinander, sondern miteinander und füreinander.

Für mich sind Romeo und Julia ein Vorbild für das, was eine Partnerschaft sein sollte. Bislang hielt ich meine diesbezügliche Vorstellung für eine romantische Fantasie, hoffnungsvoll, doch wenig realistisch. Romeo und Julia sind für mich der Beweis, dass es möglich ist.

Die Begegnung mit diesen besonderen Menschen – direkt und indirekt – gehört zu den prägenden Momenten meines Lebens. Augenblicke, die wenig spektakulär waren, die man dennoch nie vergisst, weil sie intensive Emotionen wachrufen: Dankbarkeit, Zuversicht, Hoffnung, Liebe.

Von ganzem Herzen wünsche ich Romeo und Julia noch viele gemeinsame Jahre – und wenn das Unausweichliche kommt, dann möge das Schicksal gnädig sein und sie so gehen lassen, wie sie gelebt haben – gemeinsam.  

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JAHRESTAG

Am 13.07.2020 endete mein „altes“ Leben. Mein „Neues“ erreicht in Kürze seinen ersten Jahrestag. Mein Jahr danach.

Auf der Zielgeraden kommen noch so einige Fragen an die Oberfläche, die ich längst beantwortet glaubte. Zu meiner Entscheidung von damals stehe ich nach wie vor. Wenngleich schmerzhaft, war sie mein Schritt in die Freiheit und mein eigenes Leben. Was mich beschäftigt ist vielmehr die Frage nach dem „Was will ich?“

Wenn erneut alles möglich scheint, tauchen plötzlich auch altbekannte Widersprüchlichkeiten auf.

Beziehung? Ja.

Freiheit? Unbedingt!

Gemeinsamkeit? Immer gut.

Individualität? Must have

Rückzug? Brauche ich.

Kommunikation? Ohne die geht gar nichts.

Kompromisse? Werden wohl notwendig werden, aber faule keinesfalls.

Um ehrlich zu sein habe ich in fast allen Bereichen meines Lebens die angepeilte Klarheit erreicht – nur nicht in Bezug auf „Beziehung“. Ich wünsche mir einen Partner auf Augenhöhe, der mich versteht. Spätestens hier fängt es an, schwierig zu werden. MICH verstehen?

Eine Kombination aus hochgradig emotional und unterkühlt rational, romantisch-naiv und pragmatisch-logisch … ich könnte noch so einige Widersprüche aufzählen, es würde nichts an meiner Frage ändern: WER hält das aus?

Eine Persönlichkeit, die derart komplex ist, dass man gut und gerne glauben möchte, es mit mehreren zu tun zu haben.

Eine Persönlichkeit, die dazu neigt, sich an ihr Umfeld anzupassen um der Harmonie willen, und die theatralisch ausbricht, wenn es zu viel der Anpassung wird und zu wenig Eigenes bleibt.

Eine Persönlichkeit, die ihresgleichen sucht … vermutlich im wahrsten Sinne des Wortes.

Welch geniale Metapher erschuf ich für mich mit dem „Dämon und der Einen“. Das Geschlecht lässt sich beliebig austauschen. Die Dämonin und der Eine. Wird mich dieser Eine finden? Wird er hinter den Spiegel blicken und das feurige, liebende Herz der Dämonin erkennen? Zweifel am großen Plan des Lebens? Da hilft nur eines: sich in die Umarmung eben jenes Lebens fallen zu lassen in der tiefen Überzeugung, dass alles genau so ist, wie es sein soll – weil es gar nicht anders sein kann. Auch wenn das Ego dabei ein wenig quietscht. Diese Reise folgt ihren eigenen Stationen. Manchmal gilt es einfach sich zurückzulehnen und abzuwarten, was als nächstes geschehen wird.

Womit sich (wieder einmal) eine meiner großen Lernaufgaben bemerkbar macht: GEDULD 😊

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Wieder einmal … Beziehungsstress

Weil es gerade aktuell ist und wer kennt das nicht: Stress mit dem Partner oder der Partnerin. Es begann ganz klassisch. Das falsche Wort zur falschen Zeit, einer triggert den anderen und schwuppdiwupp – so schnell konnte ich gar nicht schauen – herrschte Funkstille. Fass mich nicht an und wenn du es doch versuchst, dreh ich mich weg. Ablehnung und Zurückweisung. Das ist für niemanden leicht verdaulich. Für mich als Borderlinerin schon gar nicht. Diese Form von Stress öffnet bei mir Tür und Tor für alte Gedanken und Verhaltensmuster. Und es hilft wenig bis gar nichts, mir vor Augen zu halten, dass mein Partner gerade selbst in einem alten Verhaltensmuster feststeckt und nicht anders kann. Wie ich in meinem Beitrag am 15.10.2019 dargestellt habe, kann ich diese Gedanken bewusst denken, und mein Verstand schleudert mir ein handfestes Gegenargument nach dem anderen vor die Füße.

Nein, es braucht für mich andere Wege. Oder besser gesagt: einen anderen Weg, nämlich raus aus der Wohnung und ab in den Wald. Allein. Frische Luft. Bewegung. Einfach auf mich wirken lassen, was rundum ist. Natur. Farben. Raschelndes Laub. Plätscherndes Wasser und mitunter der unerkennbare Geruch von Pilzen, Moos und feuchter Erde … Wald eben.

Ich öffnete also meinen Geist für die Eindrücke rundum, bewegte mich vom Problem fort und hin auf einen erwünschten Zustand: Ruhe und Gelassenheit. Plötzlich war da ein völlig anderer Gedanke, eine Idee für eine Geschichte. Ich weiß noch, ich begann zu lachen und sagte (ziemlich laut): das ist echt gut! Naja, Selbstgespräche im Wald hören meistens nur die Bäume, aber wer weiß, vielleicht waren auch Wanderer in der Nähe.

Jedenfalls weitete sich die Idee aus und am selben Tag noch schrieb ich eine Geschichte, ein modernes Märchen, das ich demnächst hier posten werde, aber heute würde es den Rahmen sprengen. Heute geht es mir darum, etwas anderes bewusst zu machen.

Fast jedes Problem löst in irgendeiner Weise Stress aus. Sonst wäre es ja kein Problem. Viele von uns versuchen Probleme zu lösen, indem sie immer tiefer mit ihren Gedanken in das Problem eindringen. Das ist fatal, denn – vereinfacht und ohne umfangreiche theoretische Hintergrunddarstellung (bitte vertrau mir, dass ich weiß, wovon ich schreibe) – worauf wir unsere Gedanken richten, dass verstärken wir, davon ziehen wir mehr in unser Leben, das halten wir fest, daran klammern wir uns, das bestimmt uns. Dies gilt natürlich und insbesondere für Probleme. Solange unser Geist damit befasst ist, zu ergründen, was warum nicht funktioniert, blockieren wir uns selbst.

Bei meinem Spaziergang durch den Wald ging es mir nicht darum, vor dem Problem davonzulaufen, aber meinen Kopf freizubekommen und meine Gedanken in einen anderen Bereich zu lenken, um sie letztendlich gezielt auf das zu richten, was ich haben will: eine Lösung!

Man sagt mir nach, ich sei eine sehr gute Problemlöserin. Eine Kompetenz, die ich im Laufe vieler Jahre und vieler Katastrophen erworben habe. Probleme, auch Beziehungsprobleme (und damit verbunden Beziehungsstress), lassen sich nur schwer lösen, indem der Fokus auf das Problem gelenkt wird, sondern viel leichter durch eine 180-Grad-Wendung: durch die Fokussierung auf das, was sein soll! Daraus leite ich dann konstruktive Fragestellungen ab: was brauche ich dafür? Was kann ich dafür tun? Dies wiederum verändert meine innere Haltung, meine Ausstrahlung, meine Energie, meine Anziehungskraft, meine Wirklichkeit … welches Erklärungsmodell auch immer für dich akzeptabel erscheint.

Eine weise alte Nachbarin sagte einmal zu mir: Alles, was du beachtest, wird mehr!

Umkehrschluss: alles, das ich nicht beachte, wird weniger.

Das trifft jetzt vielleicht nicht unbedingt auf die Schale mit Kartoffelchips zu, die bei Beachtung definitiv an Fülle verliert, aber es trifft mit Sicherheit auf Gefühle und Gedanken zu; auf das, was uns durch dieses Leben führt.

Halte ich mir schmerzerfüllt vor Augen, wie grausam mein Partner sich gerade benommen hat, wo er doch besser als alle anderen wissen müsste, wie tief es mich verletzt … betrete ich mein persönliches Jammertal und bin in Gefahr, auf seinen verworrenen Wegen noch so einiges wieder zu entdecken, dass diesen Eindruck verstärkt. Ich würde mich in meinem eigenen destruktiven Gedanken-Labyrinth verlieren.

Halte ich mir vor Augen, dass es mir in diesem Augenblick gut geht, ich durch einen farbenprächtigen Herbstwald wandere und noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen vor dem nahenden Winter genießen darf, dann wird es mir deutlich leichter fallen zu verstehen, dass wir alle nur Menschen sind und hin und wieder einfach das falsche Wort zur falschen Zeit sagen, ohne böse Absicht. Einfach nur ungeschickt. Menschlich. Und diese Verstimmung wird vorüber ziehen, so wie der Nebel, der eben noch oberhalb der Baumwipfel lag und sich über den Hang hinauf verzogen hat.

Wenn ich nach Hause zurückkehre, wird meine Ausstrahlung nicht von Sorgen und Schmerz, sondern von Lebensfreude und Gelassenheit künden. Und manchmal kann das hoch viral sein 😉