WEIHNACHTSGEDANKEN


Wir sind alle nur auf der Durchreise. Nichts, von alldem, was wir heute in Händen halten, gehört uns wirklich. Es sind Leihgaben des Lebens, die wir am Ende retournieren werden.

Das Einzige, was wir nicht geliehen haben, sind unsere Erinnerungen, unsere Erfahrungen, unsere Gedanken.

Sie gehören uns.

Sie sind einzigartig – wie du.

Sie sind wertvoll – wie du.

Teile nicht, was morgen zu Staub zerfallen könnte.

Teile, was über dich hinaus weiterleben wird – in den Erinnerungen der anderen.

Teile deine Liebe.

Teile dein Lachen.

Teile deine Lebensfreude.

Folge deinem Herzen.

Bild AI-generiert

Frei.Geist(ig)


Von Zeit zu Zeit sorgt das Leben dafür, dass ich in einen Spiegel blicke. Meistens ohne Vorwarnung. Wäre dieser Blick mit angenehmen Gefühlen verbunden, würde ich dir nicht hier darüber berichten. Dieser besondere Spiegel hält sich an keinerlei Gesetze von Raum und Zeit. Etwas geschieht im Außen, jemand tut oder sagt etwas und zack – tauchen wie aus dem Nichts Erinnerungen auf an längst Vergangenes aus meinem Leben, samt den dazugehörigen Gefühlen. Wie gesagt, handelt es sich dabei um wenig erfreuliche, zumeist eher schmerzhafte Erinnerungen – manchmal blanke Wut.

Hier ein Beispiel dazu, dass auf den ersten Blick eher „harmlos“ anmutet (im Vergleich zu manch anderem aus meiner Vergangenheit), aber es geht hier nicht um einen Wettstreit der schlimmsten Erinnerungen, sondern darum, die Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen.

Vor einigen Jahren besaß ich einen riesengroßen Plüschtiger, auf dessen Rücken gerne mein Stubentiger (ebenfalls gestreift) zu ruhen gedachte. Meine beiden Tiger 😊 Für mich waren beide etwas, dass mir wichtig war. Gewiss, lebendiger Tiger mehr als ausgestopfter Plüschtiger, dennoch waren mit beiden positive Gefühle und Gedanken verbunden. Eines Abends kam ich von der Arbeit nachhause und der Plüschtiger war verschwunden. Ich fand ihn ein paar Stunden später im Müllcontainer der Wohnhausanlage. Mein damaliger Lebenspartner hatte ihn „entsorgt“. Ohne mit mir darüber zu sprechen, hatte er einfach mal so entschieden, diesen Staubfänger, dem er nichts abgewinnen konnte, in den Müll zu werfen. Das tat echt weh! Jemand hatte über meinen Kopf hinweg entscheiden, als wäre ich Luft. Jemand anders hatte die Macht über mein Leben, die Kontrolle über mich. Was für mich wichtig war, zählte nicht. Meine Gefühle – belanglos. Erhob ich meine Stimme? Protestierte ich? Stellte ich diesen Jemand zur Rede? Nein! Es fehlte mir an Mut, Kraft, an allem, mich gegen diesen Übergriff zur Wehr zu setzen.

Um die Dimension dieses „harmlosen“ Ereignisses vollständig erfassen zu können, sollte ich noch erwähnen, dass ich zu jener Zeit bereits in einer Führungsposition tätig war. Eine taffe Managerin, die im Job erfolgreich jeden Irrsinn wieder auf Kurs bringen konnte… nur mein eigenes Leben nicht. Da versagte ich völlig.

Durch die Brille der Transaktionsanalyse betrachtet, war mein damaliger Lebenspartner in der Rolle des kritischen, wertenden, disziplinierenden Eltern-Ichs unterwegs und ich in jener des angepassten Kind-Ichs, dass schweigend (leidend) alles runterschluckte, unfähig die eigene Stimme zu erheben.

Präzise jene Erinnerung wurde kürzlich durch ein Ereignis getriggert, bei dem ich Zeugin wurde, wie jemand davor zurückscheute, seine Stimme zu erheben. Der Blick in den Spiegel ohne Vorankündigung. Plötzlich waren sie wieder da, all die schmerzhaften Gefühle und Gedanken.
Heute lebe ich nach dem Grundsatz: Wenn mein Unterbewusstsein eine Erinnerung an die Oberfläche des Bewusstseins kommen lässt, dann weil es volles Vertrauen in mich hat, dass ich damit umgehen kann. Deshalb nehme ich derartige Trigger als Chancen an, mich weiterzuentwickeln.
In der Praxis lief das wie folgt ab:

• Zuerst einmal an paar tiefe Atemzüge, ganz langsam, bewusst nachspüren, wie sich mit jedem Atemzug die Ruhe tiefer in mir ausbreitet. Den Sturm beruhigen, das Feuer eindämmen, zu den aufgewühlten belastenden Emotionen bewusst einen Gegenpol erschaffen, um die Balance wiederherzustellen.

• Im nächsten Schritt wende ich mich meinen Gedanken zu, stelle mir vor, aus der Situation herauszutreten und sie von außen zu betrachten, wie einen Film. Das hilft mir dabei zu erkennen, dass jenes Ereignis zustande kam, weil (in diesem Fall) zwei Menschen sich so verhielten, wie sie es taten. Jeder von diesen beiden hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich anders zu verhalten. Aber beide folgten ihren tradierten Verhaltensmustern – nicht mehr, und nicht weniger. Keine Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Wertungen oder dergleichen, die mich an die Vergangenheit fesseln und es dadurch unmöglich machen, den Schmerz loszulassen und frei zu werden.

• Danach sage ich mir selbst, dass all dies weit in der Vergangenheit zurückliegt, ich es trotz allem gut überstanden habe und heute hier bin.

Gut gelöst, oder? Nicht ganz. Was auf den ersten Blick wie eine gelungene Intervention aussieht, versteckt noch eine echt fiese Fallgrube. Mich mit dem Ereignis an sich auszusöhnen, war relativ einfach, wenngleich erst die halbe Miete. Mit entsprechender Übung gelingt das von mal zu mal schneller und leichter. ABER eine (zum Glück nicht mehr) Perfektionistin wie ich schafft es postwendend, neue destruktive Gedanken zu kreieren.

„Wie konnte ich nur so blöd sein? Warum habe ich mir das Gefallen lassen? Wie viel meiner Lebenszeit habe ich versch* in den Satz gesetzt? Warum habe ich nicht früher …“

Mir würde noch einiges einfallen, aber ich denke, der Punkt ist klar. Selbstdemontage, Selbstzerfleischung, Selbstvorwürfe, Selbstanklage … wie oft bin ich in diese Fallgrube gestürzt, bin jenen Gedanken (jenem Pfad) gefolgt, den andere vor mich ausgelegt haben.

Lass diese Gedanken bitte mal sacken.

Es gab in meiner Vergangenheit Menschen, die haben mich schlecht behandelt. Sie haben einen Pfad für mich ausgelegt. Jedes Mal, wenn ich mich selbst schlecht behandle, ohne Wertschätzung, lieblos, achtlos oder gar fahrlässig mit mir selbst umgehe, folge ich diesem Pfad. Dann haben jene Menschen indirekt wieder die Macht über mich und die Kontrolle über mein Leben. Will ich das? Nein, deshalb folge ich MEINEM PFAD. Schluss mit Selbstdemontage!

Auf meinen Pfad begleiten mich Gedanken wie „Ja, ich habe so gehandelt. Damals. Heute ist es anders. Heute be-STIMME ich über mein Leben und erhebe auch meine STIMME, wenn die Situation es verlangt.“

Erst jetzt bin ich wirklich frei im Denken, frei im Geist – oder eben Frei.Geist(ig). Dazu gehört eine große Portion Achtsamkeit.

Weil’s gerade so schön passt, hier noch ein Frei.Geist(iger) Gedanke:

Früher hatte ich das Ziel, all das (Borderline) hinter mir zulassen. Frei zu werden von solchen „Blicken in den Spiegel“, die stets auch das Risiko eines Absturzes in sich tragen. Ein wunderschönes Ziel. Ein fantastisches Ziel im Sinne von „im Reich der Fantasie“ anzusiedeln bzw. in der Realität nicht erreichbar. Warum? Ganz einfach. Manche Triggerpunkte lernte ich im Laufe der Zeit kennen, aber eine unbekannte Anzahl verbirgt sich in den Tiefen meines Unterbewusstseins – so wie jener, von dem ich dir hier erzählt habe. Was im Unterbewusstsein liegt, ist uns so lange unbewusst, bis es ins Bewusstsein aufsteigt. Woher soll ich also wissen, wann alle Triggerpunkte aufgelöst und das Ziel erreicht ist? Die Nicht-Erreichung des Zieles – und somit das Scheitern – sind quasi bereits im Ziel enthalten. Enttäuschung bzw. Versagen vorprogrammiert. Falscher Pfad. Eindeutig keine Strategie, um zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Daher konzentriere ich mich darauf, mit all dem, was da kommt – auch Blicke in den Spiegel ohne Vorankündigung – gut umgehen zu können und meinem eigenen (Gedanken)Pfad zu folgen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Beitragsbild ist AI-generiert. Spannend, wie ein AI-Assistent meine Worte in ein Bild verwandelt.

ICH BIN ALLEIN. BIN ICH ALLEIN?


Heute beginnt die Adventszeit, die eine Zeit der Besinnung und des zur Ruhekommens sein sollte. Für mich wird es dieses Jahr definitiv, denn der heutige Tag begann bereits mit einem Einblick, den ich so nicht erwartet hätte. Aber der Reihe nach …


Seit kurzem beschäftige ich mich intensiv mit dem Thema Resilienz. Was aus beruflichem Interesse begann, zeigte sich schnell als ebenso interessant für meine Selbstreflexion. Ich habe Monate der mehr als überdurchschnittlichen Belastung hinter mir. Monate, in denen ich mich mehr und mehr von der Außenwelt zurückgezogen habe. Außerhalb des Jobs weiche ich Menschen aus, will nur noch meine Ruhe haben, gehe in eine Art von Isolation. Warum? Antworten auf diese Frage fand ich „zufällig“ in einem Skriptum über Resilienz.


Zum einen gibt es da die fünf psychologischen Grundbedürfnisse (in Anlehnung an Klaus Grawe). Darunter das Bedürfnis nach Bindung, also Nähe zu anderen Menschen. Also das Gegenteil von Isolation. Zum anderen neigen Menschen dazu, unter Belastung in die (vertrauten) Muster der Vergangenheit zurückzufallen.


Mit diesen beiden Perspektiven im Kopf bin ich heute um 05:30 h morgens aufgewacht und blickte in einen (imaginären) Spiegel, sah die Antwort glasklar vor mir, fühlte die Stimmigkeit:


Meine Kindheit war geprägt davon, „allein“ zu sein. Spätestens im Alter von 3 Jahren verlor ich durch „die Bestrafung des Aussetzens im Krankenhaus“ (so mein damaliges Gefühl als 3jährige) jegliche sichere Bindung an Bezugspersonen in meinem Umfeld. Von diesem Augenblick an gab es niemanden, zu dem ich Vertrauen hatte oder wo ich mich geborgen fühlte. Die sichere Bindung ging verloren, möglicherweise sogar die unsichere Bindung. So sehr ich auch nachdenke, es gab in meinem Umfeld keine Person, die mich nicht auf die eine oder andere Weise gedemütigt und verletzt hatte. Niemanden, wo ich mich geborgen fühlte. Am ehesten wäre das noch bei meiner Großmutter möglich gewesen, aber um sie zu besuchen, musste ich in das Haus meiner Tante und meines Onkels. Letzteren fürchtete ich bereits als Kind, empfand ihn als bedrohlich.
Da niemand da war, um für mich – das kleine schutzsuchende Kind – da war, zog ich mich zurück in die emotionale Isolation, ließ niemanden mehr an mich heran, um nicht verletzt zu werden. Selbstredend scheiterte ich, weitere Verletzungen, Demütigungen, Übergriffe folgten. Einzig meine imaginäre Welt bot mir Zuflucht, einen Ausweg aus meiner Isolation …


… jene Isolation, in die ich in den vergangenen Wochen zurückgekehrt bin. Haben die Belastungen (also Stress) die Muster meiner Kindheit reaktiviert? Es scheint so. Aber hinter dieser (oberflächlichen) Erkenntnis, verbirgt sich noch eine wesentlich tiefgreifendere: Bis heute habe ich noch nie eine sichere Bindung zu einem mir nahestehenden Menschen erlebt. Durch sämtliche Beziehungen – insbesondere zu Lebenspartnern – zog sich der rote Faden „es kann jederzeit vorbei sein“. Was blieb, seit meinem traumatischen Kindheitserlebnis, ist die erdrückende Angst vor dem Verlassenwerden (eines der „typischen“ Symptome von Borderline).


Heute bin ich groß und stark, weiß, dass ich überlebe, wenn sich jemand aus meinem Leben entfernt. Ich kann den vorübergehenden Schmerz aushalten. Aber ich lasse ich überhaupt das Risiko zu, verletzt zu werden? Lasse ich jemand tatsächlich an mich heran? Möglicherweise einige Zeit, in der ersten „Verliebtheit“ – und dann aktivieren sich die rationalen Schutzschilde, scheinbar reflexartig. So wie ich es in meiner Kindheit erlernt habe.


Tief in mir wirken meine Erfahrungen aus der Vergangenheit und ziehen in der Gegenwart jene Menschen in mein Leben, die zu diesen Erfahrungen passen – und Unsicherheit mit sich bringen. Das, wonach ich mich seit langem sehne, was nichts anderes als ein urmenschliches Grundbedürfnis ist, eine sichere Bindung zu einem anderen Menschen, scheint (im Moment) unerreichbar.


DAS muss ich erstmal sacken lassen!


In diesen Spiegel zu blicken und NICHT in die Opferrolle zu fallen, das hat mich mein bisheriger Lebensweg gelehrt.


Es ist, was es ist.


Wenn mein Unterbewusstsein mich um 05:30 Uhr mit diesen Erkenntnissen aufwachen lässt, dann ist es felsenfest davon überzeugt, dass ich bereit bin, in diesen Spiegel zu blicken und mich dieser Aufgabe zu stellen. Wer bin ich, daran zu zweifeln?


Immerhin, es gibt einige Menschen in meinem Leben, zu denen ich eine Art von „sicherer Bindung“ auf freundschaftlicher Ebene verspüre. Das ist doch schon mal ein Anfang. Und ich habe Jana und Jan, die es geschafft haben, ihre Verletzungen zu überwinden und gemeinsam in die Geborgenheit zu finden. Fiktion? Ja, ABER mit starken Emotionen hinterlegt, MEINE (noch fiktive) Geschichte. Ich denke, im ersten Schritt werde ich eine weitere Schleife mit JAN/A drehen, dabei in meinen Spiegel blickend, und meine Aufmerksamkeit in mich hineinlenken.


Eine Antwort auf eine hier heute nicht erwähnte Frage habe ich bereits für mich gefunden: woran ich erkennen werde, dass ich bereit bin im realen Leben eine sichere Bindung einzugehen.


„Wenn du es dir vorstellen kannst, dann kannst du es tun.“ (Walt Disney)


Bild: pixabay.com

DIE ZUFÄLLIGE TRANSZENDENZ EINES NOVEMBERSPAZIERGANGS


Dies ist eine jener märchenhaft anmutenden Geschichten, die manchmal einfach so passieren. Alles beginnt mit einem Schritt vor die Tür, an einem trübgrauen Novembersonntag. Drei Tage des Herumliegens (weil grippig) sind ausreichend motivierend, um allem Novembergrau zum Trotz eine Runde durch den Wald zu spazieren, auf einer möglichst menschenleeren Route. Mir ist danach, mit mir allein zu sein, in meine Gedanken- und Gefühlswelt zu lauschen.

Noch ein Monat bis Weihnachten. Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Es war ein Jahr wie keines zuvor in meinem Leben. Ein Wechsel aus 200% im Job und Phasen des Rückzugs von der Welt, dazwischen der Tod meiner Mutter, das Aufbrechen meiner (bis dahin) lebenslangen Trauerblockade … was für ein Jahr!

Alles Zufall?

Ich glaube nicht an Zufälle.

Viele Menschen kennen mich als „Mrs. Zahlen-Daten-Fakten-Logik“ mit flinkem Verstand, die alles und jeden analysiert. Das stimmt auch. Gleichzeitig bin ich jedoch auch ein sehr spiritueller Mensch. In meiner Vorstellung existiert eine Art von „Ordnung“ hinter all den Ereignissen und Begegnungen. Etwas, dass all die unendlichen Teile zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Gott? Sollte tatsächlich ein (Singular) Wesen (keinerlei Gender-Zuordnung) im Hintergrund wirken, dann ist dieses hocheffizient und in seiner Art von unserem beschränkten menschlichen Geist nicht zu erfassen. Einfacher zu fassen für mich ist eine Art von Ordnung, Kraft, Energie … etwas, dass eindeutig mehr Überblick über alles hat als ein einziger Mensch wie ich 😉

Warum geschieht etwas heute – und nicht gestern oder morgen?

Warum treffe ich X jetzt – und nicht vor 10 Jahren oder nie?

Neben mir auf dem Weg entdecke ich eine kleine Pflanze mit mehreren gelben Blüten – Ende November. Blüht diese Pflanze, weil die große Ordnung mich hier und jetzt zum Lächeln bringen möchte? Oder bemerke ich die Blüten deshalb, weil mein innerer Fokus sich auf das Besondere im Alltäglichen ausrichtet und mein Unterbewusstsein meinen Blick lenkt? Auf diesen Fragen wird es wohl niemals eine finale Antwort geben, dennoch finde ich es inspirierend, darüber nachzudenken.

Ebenso wie über die zwei großen Mysterien des Menschseins. Das erste ist die menschliche Psyche an sich, ein hochkomplexes Wunderwerk, das trotz etlicher Erklärungsmodelle nach wie vor Rätsel aufgibt. Selbiges gilt für das zweite Mysterium: zwischenmenschliche Beziehungen. Würde ich mich für den Rest meiner Lebenszeit ausschließend diesen beiden Themen widmen, mir würde niemals langweilig werden.

Nehmen wir die menschliche Psyche mit all ihren bewussten und unbewussten Aspekten, von den Untiefen der Verdrängung bis hin zu den Geistesblitzen der Erleuchtung. Jeder Mensch hat eine Unzahl an Erfahrungen und Erlebnissen. Sie prägen, wer wir sind. Zufall? Mich prägten einige Traumatisierungen, ähnlich wie Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge diesen Planeten geprägt haben. Doch da gab es auch noch anderes, Kleinigkeiten, die sich wie Samenkörner im Boden verankert haben, aus denen blühende Wiesen und mächtige Wälder entstanden – und mein Fokus auf all das, was die Wunden in meiner Seele zu heilen vermag.

Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Erlebnisse.

Wir können über das, was uns prägte, hinauswachsen. Menschen haben die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, das zuvor nicht existiert hat. Ob in Kunst, Technik oder Wissenschaft – oder einfach nur neue Gedanken bei einem Spaziergang.

An diesem Punkt angekommen schiebt sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Wolken, trifft genau jene Stelle, an der ich stehengeblieben bin. Zufall?

Die einen sagen, Menschen werden von ihren Trieben gesteuert. Andere sehen das Streben nach Macht als Motor allen Tuns. Manche stellen den Sinn ins Zentrum des Menschseins oder suchen Erklärungen mittels systemischer Ansätze. Es gibt mindestens 1001 Zugänge, das Mysterium Mensch zu verstehen. Ich bin überzeugt davon, dass jeder davon auf seine Weise recht hat – und doch nur eine Facette von vielen des Mysteriums abbildet.

Wir Menschen sind mehr als die Summe unserer Erlebnisse. Was machen wir daraus? Was mache ich daraus? An diesen Novembersonntag? Blicke ich zurück, vertieft sich mein Verständnis für einiges in meinem Leben und mich selbst. Blicke ich nach vorne, entstehen Ideen, wohin die Reise führen soll. Aber wird es so kommen? Vertrauen ins Morgen? Urvertrauen, dass – egal was geschieht – es in diesem Moment genau das Richtige ist. Die Glücksfälle nimmt jeder gerne an, aber auch die Schicksalsschläge? Woran reift ein Mensch? Was heilt die Seele? Meiner Erfahrung liegt viel Potenzial in Krisen und wie wir damit umgehen. Anstrengungen gehören dazu. Leichtigkeit entsteht, wenn wir den Ballast ABWERFEN – er fällt nicht von allein. Loslassen ist ein kraftvoller Akt. In sich erstarrte Haltungen zu lösen und in die Beweglichkeit zurückzufinden geschieht nicht passiv, sondern nur durch aktives Tun. Etwas, dass niemand einem anderen abnehmen kann. An schmerzhaften Erinnerungen und dem damit verbunden Leiden festhalten – oder loslassen und zulassen, dass etwas Neues entsteht, dass zuvor nicht existiert hat? Dankbarkeit? Lebensfreude? Hier und Jetzt durch den Wald zu spazieren und frei zu sein, bewusst all diese Gedanken und Gefühle zu haben, weil ich mehr bin als die Summe meiner Erlebnisse. Weil ich daraus etwas gemacht habe, das zuvor nicht existiert hat.

Was für ein Zufall, dass sich die Wolken genau in dem Moment verziehen, als ich über diese Frage sinniere, und sich der strahlend blaue Himmel an diesem zuvor grautrüben Novembersonntag zeigt. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle 😉

SEELENHEILUNG

Wie kann die Seele geheilt werden? Wie die Angst für neuerlicher Verletzung überwunden und zurück ins Urvertrauen gefunden werden?

Darauf gibt es keine Antwort im Sinne von „ein bisschen hiervon, ein Hauch davon, ganz viel von was auch immer“. Es gibt kein Universalrezept, auch wenn manche Stimmen genau das versprechen. Jede Seele ist einzigartig, jede Lebensgeschichte eine Sammlung individueller Erfahrungen, jede Heilung eine Reise zu sich selbst. Manchmal sind es kleine Schritte, ein anderes Mal große Sprünge ins Unbekannte, die es zu meistern gilt.

Das Ziel gleicht einer fernen Erinnerung, wer wir einst waren, vor den Verletzungen – und wer wir immer noch sind, unter all den Narben, hinter den Mauern, zurückgezogen in den Schutz der Unnahbarkeit, der Unberührbarkeit. Für den Weg gibt es keine Karte, nur einen Kompass: unser Herz.

Auch wenn niemand anders für uns die Schritte gehen kann, sind wir doch niemals allein auf dieser Reise. Jede Seele sucht und findet ihre Begleiter. Manchmal läuft es g’schmeidig, ein anderes Mal stoßen wir uns wieder und wieder den Kopf, drehen uns im Kreis, fallen und stehen wieder auf. Nichts davon ist „umsonst“, alles hat seinen Sinn.

Heilung braucht ihre Zeit und hat ihren Preis: Loslassen … Schmerz, Anklage, Schuldgefühle, Scham, Zweifel … was auch immer es ist, an dem wir festhalten in dem Irrglauben, wir wären unzureichend.

Heil zu werden bedeutet, Meisterschaft zu erlangen, sein Leben zu meistern, mit allem, was da kommen mag. Zurückzublicken auf all das, was hinter uns liegt, frei von Schmerz, und es als das anzuerkennen, was es war, wissend, dass es uns an diesen Punkt im Leben geführt hat, der den Samen in sich trägt, aus dem das Morgen erwächst.

Heilung ist etwas Sanftes, wie ein Tautropfen, der sich frühmorgens auf unserer Seele einfindet und das Licht der aufgehenden Sonne in uns und in die Welt hinauslenkt. Eine liebevolle Berührung der Vergänglichkeit, ein Verharren in der Unendlichkeit eines Augenblicks. Leise, vibrierend, lebendig.

Dort, in den stillen Momenten, kann Wundervolles geschehen, können Narben verblassen, kann eine Seele heil werden.


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WANN BEGINNT ZUVIEL?

Eine verdammt gute Frage. Eine berechtigte Frage. Eine Frage, die ich mir wieder einmal stelle. Wenn der Anblick eines auszuräumenden Geschirrspülers Tränen und das Gefühl von „ich kann nicht mehr“ auslöst, wurde der Zeitpunkt bei mir definitiv bereits überschritten. Was nun hilft, sind weder Drama noch Selbstverwürfe oder dergleichen, sondern mich selbst in den Arm zu nehmen – und eine nüchterne (Selbst)Analyse auf der Couch inklusive Kursänderung.

Wochenlang auf 200% unterwegs – wer kann das, wenn nicht ich? Ach ja, Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Aber handelt es sich um Hochmut? Phasenweise am Limit – sprich 100% – unterwegs zu sein, ist nicht das Problem, wenn es denn auch Phasen unter 100% gibt, in denen die Batterien aufgeladen und die Spannung abgebaut werden kann. Wenn nicht … dann kommt irgendwann der Moment, in dem ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Der Schritt über den Rand der Klippe hinaus in den Abgrund. Ein klein wenig bildhafte Theatralik, um die Ernsthaftigkeit hervorzuheben.

Der Weg auf die Klippe ist lang, besteht aus sehr vielen Schritten, aber letztendlich ist es ein einziger Schritt, der von der sicheren Seite in den alles verschlingenden Abgrund führt. Selbstredend wäre es gesünder, frühzeitig den Kurs zu ändern und nicht erst am Rand der Klippe stehend, aber – um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen – wann ist dieser Moment? Falls dieser Moment sich mittels eines Zeichens bemerkt zu machen versucht hat, habe ich es (bewusst oder unbewusst) ignoriert. Weshalb ich nun auf meiner Analyse-Couch sitze, mir zwei Tage Rückzug verordnet habe und reflektierend zurück und nach innen blicke, eine Antwort suchend.

Über Erfolge zu schreiben, ist motivierend – über ein (Beinahe) Scheitern ernüchternd … aber auch eine wichtige Phase des Lernens, der (Selbst)Erkenntnis.

Der ungeschönte Blick in den Spiegel.

Ein Teil von mir WILL sich am oberen Rand der Klippe bewegen. Dort fühle ICH mich enorm lebendig, wenn ich Höchstleistungen erbringe, von denen andere vielleicht nicht mal zu träumen wagen. Wenn ICH unmögliches möglich mache. Wenn ICH es hinbekomme. Durchschnittlichkeit fühlt sich für mich un-lebendig an, dumpf, farblos, schal, mitunter erstickend. Als würde all das, was mich umgibt, sich wie ein Nebel über und um mich legen, ich Teil des Nebels werden. Mich von meinem Umfeld abzuheben, eröffnet die Chance, als ICH zu überleben. Klingt nach einem Minderwertigkeitskomplex? Ist es aber nicht. Mangelnder Selbstwert? Fehlanzeige. Es geht nicht darum, irgendetwas irgendwem zu beweisen, sondern schlichtweg darum, mich selbst zu spüren, ICH zu sein.

Paradoxerweise – oder vielleicht auch logischerweise – braucht es all das nicht, wenn ich allein bin, irgendwo da draußen in der Natur. Dann spüre ich MICH, spüre die feinsten Nuancen auf dem Weg zur Klippe, halte mich in einem gesunden, sicheren Bereich.

Woraus sich eine simple Schlussfolgerung ergibt: Halt dich von Menschen fern, und es geht dir gut.

Wie war das noch gleich? Das Umfeld stellt einen wesentlichen Faktor dar, wenn es um die (emotionale) Stabilität von Borderlinern geht. Definitiv! Aber Achtung: Damit ist NICHT gemeint, die Schuld bzw. Verantwortung ins Umfeld zu delegieren und sich selbst als Opfer der Umstände bzw. des Umfeldes zu sehen. Mitnichten! Vielmehr mahnt die Erkenntnis, wieder verstärkt auf die Balance zu achten. In Phasen mit – zugegeben: erforderlichen – hohen Belastungen entsprechende Auszeiten rechtzeitig einzubauen, nach Möglichkeit zu priorisieren, zu delegieren und auch mal NEIN zu sagen … kurz gesagt: aktive Selbstfürsorge!

Warum ich (wieder einmal) an diesen Punkt gekommen bin? Weil es offenbar noch etwas zu lernen gibt für mich und das Leben in seiner unendlichen, mir nicht vollständig erkennbaren Weisheit beschlossen hat, diese Lektion JETZT auf meinen Prüfungsplan zu schreiben. Gilt es etwas loszulassen? Oder etwas anzunehmen? Oder Beides? Die Antwort ist längst da. Sie findet sich in mir, davon bin ich überzeugt, und sie wird sich offenbaren, sobald ich bereit dafür bin – in die Ruhe und Gelassenheit zurückgekehrt. Auf jeden Fall kann ich daraus einige Impulse für mein aktuelles Buchprojekt mitnehmen, das derzeit ruht, weil ich ohnehin bereits auf 200% unterwegs bin … unterwegs war … jetzt ist erstmal Teetrinken auf der Couch angesagt 😉

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WORTE DER HOFFNUNG

Heute wurde ich Zeugin eines wahrhaft magischen Augenblicks: Die Geburt einer Eiche. Wer das Bild genau betrachtet, wird jenen zarten Trieb erkennen, der sich durch die harte Schale der Eichel kämpft. Okay, diese Geburt wird deutlich länger andauern als jene Zeitspanne, die wir Menschen üblicherweise als „Augenblick“ bezeichnen, aber eine Eiche kann auch auf eine Lebensspanne von einigen Hundert Jahren hoffen, insofern darf auch die Geburt mehr Zeit in Anspruch nehmen. Auf einer Wanderung, die rund 23.000 Schritte umfasste, rein „zufällig“ den (Augen)Blick auf ein derart unscheinbares Detail zu werfen, ist für mich etwas Magisches. Was oder wer auch immer wollte, dass ich sehe, wahrnehme, erkenne … das Besondere im Alltäglichen, in dem stets eine tiefe Weisheit verborgen darauf wartet, unser Sein um einen magischen Augenblick zu bereichern.

Also setze ich mich abends hin, schnappe mir mein Laptop, um meine Gedanken niederzuschreiben, als im Browserfenster eine Schlagzeile aufpoppt: „US-Psychologe benennt Schlüssel zu Resilienz in nur einem Wort“. Selbstredend, dass ich neugierig werde. Dieses eine Wort, das – ergänzend zu Atmen, Achtsamkeit, Aushalten und all dem anderen – die Resilienz stärkt, ist Hoffnung.

Hier der Artikel zum Nachlesen

Hoffnung – wie passend. Was passt besser zu meinem magischen Augenblick der Geburt einer Eiche als Hoffnung. Wird jener Spross dereinst zu einer mächtigen Eiche heranwachsen, die lange noch ihren Platz einnehmen wird in jenem Wald, wenn ich längst nicht mehr bin? Alles ist möglich, nichts ist fix. Was macht den Unterschied, zwischen einfach nur dahintreiben im Strom der Zeit oder den Blick offen halten für die oft winzigen Details, die den Dingen ihre Bedeutung verleihen. Hoffnung?

Manche mögen darin eine sentimentale Anwandlung sehen, illusorische Träumerei, doch war es nicht Hoffnung, die Viktor Frankl jene Zeit des Horrors im KZ überstehen ließ? Sagen wir nicht, sie ist guter Hoffnung, wenn eine Frau ein ungeborenes Kind in sich trägt und neues Leben entsteht? Ist es nicht Hoffnung, die bis zuletzt an unserer Seite ist, denn geht sie verloren, ist alles verloren.

Liebe gilt als die stärkste unserer Emotionen, Hoffnung ist der lange Atem, der die Liebe in schweren Zeiten am Leben erhält. Ein unverkennbares Leuchten in den Augen, dass ich vor wenigen Tagen im Gesicht einer jungen Frau erblickt habe. Ein Lächeln, das viel mehr erzählt als Worten es je könnten – und das mir Hoffnung macht, vielleicht jener eine Tür in ein selbstbestimmtes Leben aufgezeigt zu haben.

Hoffnung macht vieles möglich, eröffnet neue (gedankliche) Wege, wird zu einer schier unerschöpflichen Kraftquelle, kann Zweifel beiseiteschieben und das Fundament des Vertrauens festigen. Mitunter mag Hoffnung sich nicht an vorherrschende Realitäten oder Wahrscheinlichkeiten ausrichten, aber wird sie dadurch nicht genau zu jener Kraft, die uns hilft, unsere selbst auferlegten Beschränkungen zu überwinden und bislang Unmöglich erscheinendes möglich zu machen?

Begegne ich einem Menschen, sehe ich, was da ist – und was dieser Mensch sein könnte, wenn er oder sie die noch schlummernden Potenziale in sich entfaltet und zur Blüte bringt. Es ist ein Blick voller Hoffnung, auf das, was möglich wäre …

Vor vielen Jahr hing in meinem Zimmer ein Motivationsbild mit einem Spruch von J.W. Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ … für mich ein Spruch voller Hoffnung – und ein Auftrag, achtsam zu sein, was ich im anderen erblicke, durch den Spiegel, hinter die Fassade, in die Tiefe zu blicken, ins Herz und in die Seele, wo uns Menschen eines verbindet: der Wunsch, geliebt zu werden, von anderen wertgeschätzt und in Geborgenheit zu leben.

Normalerweise halte ich wenig von Generalisierungen, aber in diesem Fall … wer nicht in sich den Wunsch nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung verspürt, darf mir dies gerne rückmelden um mein hoffnungsvolles Bild einer (zumindest auf dieser Ebene) verbundenen Menschen zu revidieren. Eines verrate ich vorweg: ich bin nicht gewillt, meine Hoffnung aufzugeben, dass die Menschheit eines Tages das Trennende überwinden und das Verbindende in den Vordergrund stellen wird, dass über all die offenen Gräben tragende Brücken gebaut werden. Wer weiß, vielleicht wird die kleine Baby-Eiche diesen Tag erleben?

GEDANKENKARUSSELL

Wenn die Gedanken kreuz und quer laufen – oder sich im Kreis drehen – so wie in diesem Augenblick, ist es gar nicht so einfach, einen Anfang zu finden. Da hilft nur eines: aufs Karussell aufspringen und schauen, wohin es fährt.

Vor ein paar Tagen wurde ich mit einem Engel verglichen, der zum richtigen Zeitpunkt da war, um einen jungen Menschen aufzufangen und neue Blickwinkel zu eröffnen. Nicht zum ersten Mal, doch neuerlich brachte es mich zum Schmunzeln, denn ich sehe mich selbst als vieles, aber definitiv nicht als Engel – eher als (B)Engelchen 😉

Arbeiten bis ans Limit der Belastungsgrenze? Nichts neues, notwendig, vorübergehend.

Am Berg oben stehen, den Moment teilen, über den Wolken zu sein und doch mit beiden Beinen fest am Boden stehend. Neue Perspektiven, Weite, Freiheit, Leichtigkeit.

Eine (von meinen zahllosen Ideen) manifestiert sich in der Realität, bringt Menschen zusammen, die einander sonst nicht begegnen, lässt sie ihre Erfahrungen teilen, ihre Sorgen ebenso wie ihre Hoffnungen. Freude, Motivation, Inspiration, Kraft.

Dazwischen erzähle ich meine Geschichte – gefühlt 100x während einer Buchmesse – immer und immer wieder, erreiche Menschen, Betroffene, erstaunte Blicke, in denen sich die Frage widerspiegelt: Kann es auch mir gelingen?

Offenheit lautet der Schlüssel, der das Tor zu den Herzen der Menschen und ihren Seelen öffnet. Meine Offenheit, über mein Leben und meine Erfahrungen ohne Scham, Reue oder Schuld zu sprechen, frei von Vorwürfen, Anklagen und Schuldzuweisungen. Wenn meine Geschichte zu einem Impuls der Veränderung für andere wird, empfinde ich Dankbarkeit, dann bekommt all das, was geschehen ist, einen tiefen, lebensbejahenden Sinn. Deshalb erzähle ich meine Geschichte immer und immer wieder, aber ich erzähle sie nicht nur für andere, sondern auch für mich selbst – um mich selbst daran zu erinnern, wer ich bin, denn im Alltag kann genau das allzu leicht verloren gehen inmitten der (oft auch gut gemeinten) Zuschreibungen. Was auch immer andere in mir sehen, es ist ihr Bild von mir – nicht das meine. Manchmal mag es Übereinstimmungen geben, doch häufig bin ich nur ein Spiegel, in dem sie sich selbst suchen.

Alles dreht sich im Kreis. Planeten, Galaxien, Protonen, unser Blut im Körper, Jahreszeiten … auch mein Gedankenkarussell.

Vor einigen Jahren traf ich für mich die Entscheidung, die zweite Hälfte meines Lebens dafür zu verwenden, etwas zu bewirken. In der ersten folgte ich dem Weg, der mir vorgegeben worden war: ausgerichtet auf materielle Ziele. Ich definierte mich über den Satz „ich habe, also bin ich“. Heute sage ich: „Ich bin, wer ich sein will.“ Materielles? Manches erleichtert das Leben, anderes sorgt für Komfort, doch das meiste ist schlichtweg Ballast, der früher oder später auf dem Sperrmüll landet – so wie das, was meine Mutter über Jahrzehnte angesammelt hatte. Leichtigkeit im Leben geht für mich mit dem Loslassen von Ballast einher – in allen Bereichen des Lebens: geistig, emotional, materiell. Letztendlich besitzen wir nichts wirklich, nicht mal unser Leben, denn auch das ist nur von der Ewigkeit geliehen. Wir sind alle auf der Durchreise, können weder die in die Vergangenheit zurück noch in die Zukunft springen. Nur in diesem Augenblick, im Hier und Jetzt, existieren wir.

Ab und zu hüllt sich dieser Augenblick in Dunkelheit, trage ich schwarz, weil jede andere Farbe sich falsch anfühlt. Dann braucht der feurige Funken Lebensfreude den Schutz der Dunkelheit, jener Dunkelheit, die ein Teil von mir ist, immer war und immer sein wird. Jene Dunkelheit, die mir hilft, das Strahlen meines Lichtes zu erkennen. Die Gegensätze zu vereinen, die Widersprüche aufzulösen, alles anzunehmen, wie es ist – das ist mein Weg, die Herausforderung Borderline zu meistern. Manchmal helfen dabei ein paar Runden auf dem Gedankenkarussell, um wieder jene Klarheit zu finden, die im Trubel des Alltags kurzfristig getrübt wurde.

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DEEP MINDED STUFF

„Manchmal braucht es keine geschriebenen Worte. Manchmal sind es gesprochene in zufälligen Begegnungen des Lebens. Selbstheilung kann auf vielfältige Weise geschehen. Alles kann Therapie sein, wenn wir uns bewusst darin reflektieren.

Sehne dich nicht nach dem, was es nicht ist, sondern freue dich an dem, was es ist. Erlaube dem Leben Regie zu führen in dem Vertrauen, dass dir genau das begegnen wird, was dich jetzt weiterbringen kann.“

Vor einigen Tagen tauchten diese Gedanken unvermittelt in meinem Bewusstsein auf, als ich den Facebook den Beitrag einer Freundin las. Im ersten Ansatz dachte ich, diese Worte wären für sie bestimmt. Bei nachträglicher Betrachtung – auch der Ereignisse, die seither geschehen sind – entdecke ich darin ganz viel für mich selbst. Allein der gestrige Tag …

Buchmesse. Lesley und ihre Bücher. Lesley und ihre Geschichte. Lesley und ihr Weg, aus dem Problem Borderline das Potenzial Borderline zu machen. Wie oft ich das gestern erzählt habe? Keine Ahnung. Ich habe Ideen weitergegeben, Samen gesät, innere Bilder ein wenig retuschiert … beobachtet, wie Menschen auf das reagieren, was ich sage – und auf das, was ich bin.

Spät abends noch eine Runde Reflexion. Bei manchen Menschen hatte ich das Gefühl, sie würden mich ablehnen, aber war es wirklich Ablehnung? Oder vielleicht Unverständnis? Überforderung? Ein Spiegel, den ich ihnen vor Augen halte und in den sie (noch) nicht blicken wollen? Alle (inneren) Anklagen gegen das Leben, Menschen, Geschehnisse der Vergangenheit fallen zu lassen um im Hier und Jetzt frei zu werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei von den Verstrickungen des längst nicht mehr Veränderbaren? Wer will das schon? Wer will auf seinen (gerechten) Zorn verzichten? Es geht nicht um verzeihen, nicht um das Erhöhen der eigenen Position, die damit einhergeht, die Schuld und damit die Last von den Schultern anderer zu nehmen, sondern es anzunehmen, als das, was es war: ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, die Gegenwart zu erschaffen. Hadere ich mit meiner Vergangenheit, hadere ich mit dem, was aus ihr hervorging: ICH.

Innerer Frieden beginnt damit, es sein zu lassen, was es war, daraus zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Zukunft anders zu gestalten. Wie viele kennen diese Theorien? Wie wenig leben danach?

Gewiss, nicht alle Menschen streben danach unter die Oberfläche zu blicken oder die uns bestimmenden Dynamiken und Systeme zu erforschen. Viele leben ein gutes, zufriedenes Leben ohne alle dem „deep minded stuff“. Aber um ein Thema wie Borderline zu lösen, braucht es – meiner Erfahrung nach – einiges an deep minded stuff, weil die Wurzel genau dort verborgen liegt, ganz tief drin. Oberflächenkosmetik kann kurzzeitig kaschieren, doch nachhaltige Veränderung erfordert mehr. In meinem Fall: Achtsamkeit und bewusste Reflexion.

Alles kann Therapie sein, wenn wir uns darin reflektieren.

Jede zwischenmenschliche Begegnung, jedes einzelne Wort, jeder Moment des Lebens, wenn wir bereit sind, anzunehmen, was es ist: Ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, mich in dieser Gegenwart zu erschaffen.

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IRGENDWO ZWISCHEN MORAL, REUE UND SELBST(FÜR)SORGE

Mein aktueller Status lässt sich gar nicht so leicht festlegen. Irgendwo … sind da die Momente, in denen ich zutiefst bereue, mich in den vergangenen Monaten nicht mehr und vor allem fürsorglicher um meine Mutter gekümmert zu haben. Gleich darauf ertappe ich mich in der Zerrissenheit zwischen meinem moralischen Gewissen und den ungeschönten Erinnerungen, mich niemals bei meiner Mutter geborgen oder von ihr auch nur angenommen gefühlt zu haben. Dazu noch all die schmerzhaften Erinnerungen, die mit manchen Stücken der Hinterlassenschaft unvermittelt aufpoppen.

Wie weit geht moralische Verpflichtung? Wo beginnt Selbst(für)sorge? Wann wird daraus Selbstaufopferung?

Vermutlich gibt es eine Menge Menschen, die sich mit ähnlichen Gedanken und Gefühlen konfrontiert sehen. Seit dem Tod meiner Mutter sind zwei Monate vergangen. Ich habe ihr Ableben akzeptiert, auch wenn es sich ab und zu noch immer befremdlich anfühlt.

Wohin geht meine Reise?

Ich war ein Kind, das sich nach Liebe sehnte. Aus diesem Kind wurde eine erwachsene Frau, die unerschütterlich an die (Heil)Kraft der Liebe glaubt. Wahrer (innerer) Frieden kann nur Hand in Hand mit bedingungsloser Liebe entstehen.

Meine Prioritäten im Leben verschieben sich. Was ist wirklich wichtig? Was erstrebenswert? Geld? Macht? Oder Seelenfrieden? Letztere mag wie Luxus anmuten. Oder auch nicht. Wie viele faule Kompromisse braucht es im Leben?

Es gibt Zeiten, da geht es nicht darum, die Antworten zu kennen, sondern Fragen zu stellen. An so einem Punkt bin ich gerade, irgendwo zwischen Moral, Reue und Selbst(für)sorge, die Weichen für meine Zukunft stellend, unklar darüber, wohin es gehen soll/wird. Stillstand? Selbstreflexion? Nichts in diesem Universum steht jemals tatsächlich still. Jeder Atemzug, jeder Herzschlag bringt eine Veränderung mit sich.

Auf Pixabay.com fand ich das Bild zu diesem Beitrag. Es hat mich vom ersten Augenblick an fasziniert. Das Werk eines Weltenbauers. Ich fühle mich derzeit ebenfalls wie eine Weltenbauerin. Ich erbaue meine Welt neu aus vielem, das mich bereits seit längerem begleitet, und aus dem, was gerade erst Teil meines Lebens wurde. Ein lebendiges Werk, das sich mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag verändert. Vieles wird bleiben, manches wird gehen, neues wird kommen… so wie das nun einmal ist im Leben. Wir alle sind stets irgendwo auf der Durchreise.

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