MENSCHLICHE LOGIK

Zwei Wochen Auszeit – nach all dem, was seit Jahresanfang in meinem Leben geschehen ist, bis hin zum Tod meiner Mutter – eine wirklich notwendige Auszeit. Auf einer Partymeile oder einem überfüllten Strand wird man mich in diesen zwei Wochen nicht finden, aber auf langgezogenen Wanderungen durch die Natur, in den Bergen, allein, weil ich dieses Alleinsein brauche.

Es soll tatsächlich Menschen geben, die es nicht aushalten, allein zu sein. Ich finde es erholsam, kann mich voll und ganz auf mich selbst fokussieren, auf das, was mich beschäftigt – und das ist eine Menge.

Wenn ich allein unterwegs bin, begegne ich mir selbst… das ist etwas, vor dem (in meiner Wahrnehmung) viele Menschen davonlaufen. Sich mit all dem Ungelösten und Unterdrücktem in sich selbst auseinandersetzen, wer macht das schon freiwillig? Ich!

Nehmen wir mal all das Unterdrückte. Ich bin keine, die gerne pauschaliert, aber wenn ich mir Borderliner anschaue, erkenne ich (mindestens) einen gemeinsamen Nenner: Sie stehen alle massiv unter Druck, den sie selbst aufbauen. Druck erzeugt stets Gegendruck. Kann dieser Druck nicht konstruktiv abgebaut werden, entlädt er sich früher oder später destruktiv. Das vorherzusagen ist keine Hellseherei, sondern simple Logik.  

Die Ereignisse der vergangenen Monate haben vieles in mir aufgewühlt, beinahe Vergessenes an die Oberfläche gespült, neue Perspektiven geschaffen, Erkenntnisse generiert … all das muss erst mal verarbeitet werden. Dazu nutze ich meine zwei Wochen Auszeit. Ich gehe bewusst Wege, die ich nie zuvor gegangen bin. Mein Gehirn schaltet dadurch auf Lernmodus, was auch den Prozess des Verarbeitens unterstützt. Reflektieren gehört zum erfolgreichen Lernen dazu, ganz gleich, worum es geht. Ob neue Wanderwege erkunden oder neue Gedankenmuster entwickeln – oder inneren Druck, der sich mitunter subtil tarnt, auf die Schliche zu kommen und ihn aufzulösen bevor unerwünschtes passiert.

Meine persönliche Theorie, warum Borderliner so viel Druck in sich aufbauen, ist recht simpel und erschreckend logisch: Borderliner sind in der Lage, es lange in einem für sie schädlichen Umfeld auszuhalten. Sie passen sich an, sind Meister der Anpassung. Vordergründig lässt sich darin eine Stärke erkennen, die aber eine Schattenseite hat. Aus Anpassung kann Überanpassung werden und – so ging’s mir lange Zeit – Selbstaufgabe. Dabei wird das eigene (meist unbewusst) verdrängt, unterdrückt, um angepasst zu sein… und da wären wir wieder beim Druck.

Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück aus meinem Alltag, manchmal nur für Stunden, diesmal für zwei Wochen, um achtsam auf all das zu blicken, was sich zeigt, wenn ich mir da draußen in der Natur selbst begegne. Vermisse ich etwas? Fehlt etwas? Oder bin ich mir selbst genügt? Bin ich die Quelle meiner Zufriedenheit, meiner Lebensfreude? Unabhängig von anderen? Selbstbestimmt? Frei?

In den vergangenen Wochen durfte ich einige sehr interessante, tiefgehende Gespräche führen, die um das Thema zwischenmenschliche Beziehungen kreisten. Diese können – so die Conclusio der diversen Diskussionen – nur dann wirklich gelingen, wenn zwei zusammentreffen, die sich jeweils selbst genug sind. Die nicht durch Bedürftigkeiten und Erwartungshaltungen verbunden sind, sondern durch Interesse am anderen, durch den Wunsch zu teilen und zu geben.  

Wer mit einem anderen Menschen eins werden möchte, muss zuerst lernen, mit sich selbst eins zu sein. Frei von Selbstanklage, Selbstablehnung oder -unterdrückung, weder Verdrängung noch Flucht lebend. Sich selbst voll und ganz annehmen, in sich all das zu finden, was es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer das erreicht, hat Wundervolles zu teilen und zu geben.

Wir können nur geben, was wir in uns haben. Eigentlich logisch 😉

Bild: pixabay.com

ALTE ERINNERUNGEN, NEUE PERSPEKTIVEN

Hinter mir liegen Tage der Trauer. Zum allerersten Mal in meinem Leben kann ich dieses urmenschliche Gefühl empfinden. Am Sterbebett meiner Mutter fiel meine (übernommene) Trauerblockade von mir ab. Danach überrollten mich die Emotionen.

Nie zuvor hatte ich beim Tod eines mir nahestehenden Menschen etwas gefühlt, ob es sich um meinen Großvater, meine Großmutter oder meinen Vater gehandelt hat. 2015 dachte ich, Trauer zu verspüren, als ich meine geliebte Katze Cleopatra nach 20 gemeinsamen Jahren über die Regenbogenbrücke entsenden musste. Aber verglichen mit dem, was ich in den vergangenen Tagen gefühlt habe, war es zwar ein Hauch von Trauer, der jedoch vom Gefühl einer existenziellen Angst überlagert wurde. Wovor ich Angst hatte? Nun, ich kam eines Abends von der Arbeit nach Hause, im Wohnzimmer standen zwei Koffer und mein damaliger Partner stellte unmissverständlich klar: entweder gehst du oder die Katze! Cleopatra hatte Krebs im Endstadium. Ich brachte es einfach (noch) nicht übers Herz, sie gehen zu lassen. Doch ich bekam weder seelische noch anderweitige Unterstützung von meinem Ex-Partner. Vor die Wahl gestellt, brachte ich Cleopatra damals ins Haus meiner Mutter, wo sie noch rund zwei Wochen lebte – und ich verkroch mich aus Furcht im Arbeitszimmer, versuchte unsichtbar zu werden um die Situation zu deeskalieren. Nahm all die Schuld auf mich. Für Trauer blieb kein Platz. Es herrschte wieder jener Zustand, den ich aus meiner Kindheit kannte: eingeschüchtert, machtlos, wehrlos, ausgeliefert, schuldig.

Zu jener Zeit war ich bereits in meiner heutigen Position, also bereits Führungskraft, trug Verantwortung, stand mit beiden Beinen im (Job)Leben, hatte den Ruf einer taffen, starken Problemlöserin … aber privat bestimmte mich noch meine Vergangenheit. Psychoterror, seelische Grausamkeit, Liebesentzug … all das war ein wiederkehrender Bestandteil meines Lebens. All das warf ich meiner Mutter lange Zeit vor. Während meiner Trauer veränderte sich mein Blickwinkel, kamen neue Perspektiven dazu, erweiterte sich mein Verständnis der Zusammenhänge. Vieles von dem, was ich erdulden musste, hatte auch sie ertragen. Vieles übernahm ich wohl von ihr, ungefragt, unreflektiert, unschuldig… vieles, aber nicht in der Lage, „erwachsen“ zu reagieren. Ich konnte leiden, aber nicht lösen.

Die Trauer um den tot geborenen Sohn, den sie nie im Arm halten durfte. Der unmittelbar nach der Geburt „entsorgt“ wurde, wie das damals so üblich war. Der Schock, der zum Erstarren der Gefühle führte, sowohl der Trauer als auch der Liebe für die Tochter, die später folgen sollte.

Jahrzehnte führte ich ein Doppelleben, stellte mich als Projektionsfläche (oder Zielscheibe) für andere zur Verfügung, die ihre unterdrückenden Aggressionen oder sonstige negative Gefühle an mir auslebten, mich benutzen, missbrauchten. Keinerlei Selbstschutz. Oder anders gesagt: Selbstverletzung pur, zugefügt durch andere. Ich ertrug, was auch immer von mir verlangt wurde – so wie meine Mutter all das Schlimme ertrug, all die Verluste, all den Schmerz. Ich wurde ihr ähnlicher als ich bislang vermutet hatte, übernahm das Muster des „sich von anderen für deren Zwecke benutzen lassen“ sowie die Gewissheit, eine niemals zu tilgende Schuld zu tragen. Fühlte sich meine Mutter schuldig an frühen Tod meines Bruders? Die wenige Male, die sie darüber sprach, lassen es mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vermuten.  

Mit der Trauer um meine Mutter kam auch das Erkennen dessen, was ich so lange höchst effizient verdrängt hatte. Die übernommenen Schuldgefühle, das omnipräsente schlechte Gewissen. All das werde ich morgen begraben werde – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Grab jener Frau lege, von der ich diese Gefühle einst übernommen habe, aus Liebe, wie unschuldige Kinder das nun einmal tun, in ihrem naiven Wunsch, helfen zu wollen, mitzutragen … was nicht für ihre Schultern bestimmt ist.

Es ist an der Zeit, mein Leben von einer Last zu befreien, die niemals die meine war.

WENIGER IST MEHR

Vor einigen Tagen wurde ich wieder einmal „kontaktiert“. Was mit einem Lob begann, wurde mit einem Feedback (mir ist da was aufgefallen) weitergeführt. Neugierig, wie ich manchmal bin, reagierte ich mit einer Interessensbekundung, was denn da wohl aufgefallen sei. Als Antwort kamen Fragen im Sinne von „Was sind deine Ziele? Was möchtest du erreichen? Reichweite …? Nachdem ich diese Fragen offen und ehrlich beantwortet hatte, kam nie wieder was.

Hier meine Antwort in gekürzter Form:

„Mein Profil ist, was es ist: einfach ein Platz, an dem ich meine Gedanken teile. Keine großen Ziele oder Visionen. Ein Ausgleich zu meinem Job, in dem ich eine Menge bewirken kann. Wovon ich träume? Ich lebe mein Leben genauso wie ich es leben möchte. Keine Wunschträume, ich genieße, was es hier und jetzt ist.“

Zugegeben, ich ging davon aus, die von der anderen Seite initiierte Kommunikation damit beendet zu haben, dennoch war es für mich auch eine willkommene Gelegenheit zu reflektieren. Seit fast genau 4 Jahren arbeite ich daran, mein Leben zu vereinfachen, zu erleichtern, alles Unnötige loszulassen. „Mehr“ darf es gerne sein, aber dann bitte an Klarheit, an Leichtigkeit, an Lebensfreude … Mehr an den (für mich) wirklich wichtigen Dingen. Reichweite?

Spielen wir es mal gedanklich durch. Mehr an Reichweite bedeutet auch sehr viel mehr an Interaktion. Irgendwann wird ein Punkt erreicht, an dem diese Interaktion aus zeitlichen und sonstigen Gründen ausgelagert werden muss, an andere oder auch an eine KI. Nichts für mich. Ich beantworte gerne persönlich jeden Kommentar, den ich erhalte. Meine Zeit ist limitiert, ein Großteil meinem Job gewidmet, der mich ernährt und darüber hinaus noch einige positive Aspekte hat… u.a. das ich die Vielfalt meiner Talente ausleben kann. Warum sollte ich mir also mehr Reichweite wünsche, für die ich dann keine Zeit habe? Meine Prämisse lautet: Qualität vor Quantität, insbesondere bei zwischenmenschlichen Themen. Weniger ist mehr. Punkt.

Sich von Bedürftigkeiten zu befreien, bringt eine Menge positiver Effekte, u.a. eine Art von Lotus-Effekt in Bezug auf „jemand will mir was verkaufen“. Marketing triggert häufig die menschliche Gier, mehr haben zu wollen, doch mehr bedeutet nicht zwangsläufig besser. Ob 2, 200, 20000 oder 2000000 Menschen meinen Blog lesen, hat keinen Einfluss auf meine Beiträge. Ich teile meine Gedanken. Punkt.

Apropos Bedürftigkeiten: das sind jene „Bedürfnisse“, die darauf abzielen, den Mangel an Selbstwert, Selbstliebe und Selbstvertrauen auszugleichen. Anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen, geht’s um Symptomkosmetik an der Oberfläche… das nutzen gewiefte Marketingprofis ebenso wie Menschen von nebenan, um ihre Ziele zu erreichen, die eindeutig „mehr“ im Wortlaut führen, selten jedoch in Kombination mit dem, worauf es im Leben ankommt: über die eigene Vergangenheit hinauszuwachsen und seine Potenziale in der Gegenwart zu entfalten um die beste (Charakter)Version von sich selbst zu werden. Wenn’s um Charakter und Humor geht, bin ich wieder voll dabei bei „mehr“ 😉

Heute passend zum Text ein humorvolles Bild aus pixabay.com

Ansichten und Einsichten einer Insiderin

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Fluch? Schicksal? Krankheit? Oder doch etwas anderes? Meine Antwort verrate ich dir gegen Ende dieses Beitrags, zuvor jedoch eine wahre Geschichte, die sich vor einigen Wochen zugetragen hat.

Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich in einem ziemlich vollen Wagon der Bahn nach Wien. In meiner Nähe ein junges Mädchen mit einem etwa gleichaltrigen Burschen, vielleicht ihrem Freund, und einem Hund. Es war ein warmer Morgen im Juni. Er trug lange, sie kurze Ärmel. Ihr Unterarm war voller Narben. Bis zu diesem Anblick kreisten meine Gedanken um Themen im Job, was für diesen Tag auf meiner Agenda stand … ich war beschäftigt, meine Welt war völlig in Ordnung – auch mein innere – abrupt stoppten meine Gedanken, fühlte ich eine nicht zu beschreibende Betroffenheit in mir und ich begann mich zu fragen: Wie geht’s weiter? Wird sie einen Job finden? Welchen Vorurteilen wird sie auf der Suche begegnen, wenn jemand ihren Arm erblickt? Oder wird auch sie beginnen, nur noch lange Ärmel zu tragen, unabhängig vom Wetter? Wird sie eine Chance im Leben bekommen? Gesunde Beziehungen führen?

Erinnerungen kamen hoch an die Zeit nach meiner Trennung, als ich versuchte, die entstandene Lücke in meinem Leben mit einem neuen Mann zu füllen? Da sich mein Schaffen als Autorin und Bloggerin nicht leicht verstecken lässt, ging ich von Beginn an offen damit um, was sich rasch als kontraproduktiv herausstellen sollte. „Borderline? Was is’n das? Hoffentlich nicht so eine Psycho?“ Echt jetzt? Ich traf auf Vorurteile, kaum Verständnis oder Toleranz, jede Menge Unwissenheit, allesamt auf verletzende Weise gegen mich ausgelebt. Zum Glück hatte ich damals bereits umfassende Stabilität und intrinsische Stärke erreicht, dadurch konnte ich diese Erlebnisse relativ schnell „verdauen“. Aber der bittere Nachgeschmack blieb … bis heute.

(Vor)verurteilt für etwas, an dem ich nicht die Schuld trage, sehr wohl aber die Last – jeden einzelnen Tag meines Lebens. Niemand – auch nicht ich – sucht sich aus, als Kleinkind traumatisiert zu werden. Aus einem begabten, hoch emotionalen, feinsinnigen Kind mit einer lebhaften Fantasie wurde im Laufe der Jahre eine hochfunktionale Borderlinerin, perfekt darin, all das schmerzhafte zu verbergen um von ihrem Umfeld als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Niemand ahnte, wie es in mir aussah. Das ist eine der Facetten von Borderline, die es so schwierig macht für Außenstehende und Betroffene: selbst als ich den Mut fand, darüber zu sprechen, es ist verdammt schwer, das emotionale Chaos in nachvollziehbare Worte zu fassen – auch, weil es sich innerhalb kürzester Zeit völlig ändern kann und jene, die Gefühlswechsel weder in diesem Tempo noch dieser Intensität erleben, damit zumeist überfordert sind. Bereits als kleines Kind fühlte ich, dass ich anders bin – und wurde rasch davon überzeugt, dass es nicht gut ist, anders zu sein. Damit nahm das Drama seinen Lauf …

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Hier nun einige Gedanken, die versuchen, das Unerklärliche zu beschreiben:

Ein einzigartiges Puzzle, voller Emotionen und einer Menge Widersprüche. Diese waren es auch, die ich vorrangig als Hindernisse auf meinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens wahrgenommen habe. Logic meets Empathy. Nur einer der Widersprüche. War bin ich? Die logisch-analytische Denkerin oder die hochsensitive Empathische? Mein Umfeld verlangte nach klarer Zuordnung, doch ich war beides, selten zeitgleich, aber diesen Tag so, am nächsten anders. Echt mühsam für alle Beteiligten inklusive meiner selbst. Beginnend mit der Akzeptanz meiner eigenen „Diversität“ (klingt für mich viel positiver als Widersprüchlichkeit 😉) formte sich Struktur im Chaos. Auch eine meine mittlerweile geliebten Diversitäten: Strukturen erschaffen zu können und gleichzeitig grenzenlos kreativ zu sein. Zahlen, Daten und Fakten fokussiert und gleichzeitig feinsinnig Stimmungen erfassend. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein – ich bin alles, in diesem Augenblick, wie ein Schmetterling, der auch nicht mit nur einem Flügel fliegen kann. Das bedeutet eine Flut an Emotionen, hochfrequentierte Gedankenautobahnen (im Sinne von Brain Traffic) und multidimensionale Wahrnehmung, vom globalen Überblick bis zum kleinsten unscheinbaren Detail – alles in diesem Augenblick.  

So paradox das nun klingen mag, die Lösung ist im Grunde recht simpel und in Kürze zu beschreiben, ABER in der Umsetzung brauchte ich dafür Jahre: All dem zustimmen was es ist, Struktur ins Chaos bringen, jedem Anteil meiner Persönlichkeit Raum zum Leben geben, ein paar Perspektiven verändern und bedingungslos Anerkennen, dass meine Vergangenheit (ausnahmslos alles davon) mich zu der macht, die ich heute bin und morgen vielleicht sein werde – und ganz viel bewusste Fokussierung auf positive Gedanken und Gefühle. That’s it.

Eine Borderline-Diagnose kann zur Endstation Selbstaufgabe werden – oder zum Ausgangspunkt einer einzigartigen Reise der Selbstfindung. Meine Entscheidung fiel (zuerst nicht bewusst) auf letzteres, aber Selbstaufgabe war nie mein Ding. Bei all dem, was ich in meiner Vergangenheit er- und überlebt habe, ein Teil von mir hielt stets am Leben fest, glaubte an das Gute und tut das bis heute, unerschütterlich. Mein Lebenswille ist offensichtlich sehr stark. Selbstliebe war eine wiederkehrende Herausforderung, mit er es sich ähnlich wie mit einer Zwiebel verhält: viele Schichten, jede davon tränenreich, aber irgendwann wird auch das geschafft sein.

Seit 2017 gehe ich konsequent meinen Weg in vollem Bewusstsein dessen, das ich anders bin, immer war und bis zu meinem letzten Atemzug sein werde. Ich bin Borderlinerin. Ich habe das schmerzhafte Chaos hinter mir gelassen und lebe die Stärken der Borderliner, die es mir ermöglichen, nicht alltägliches zu leisten. Meine Erfolge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was mich anders sein lässt – auch in meiner beruflichen Führungsposition, in der ich besonders von meiner Diversität profitiere (Zahlen UND Menschen). Auf den Punkt gebracht: ich könnte nicht all das tun, was ich tue, wäre ich „normal“. Danke an meine Widersprüchlichkeit.

Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang denken, ich sei krank, weil ich so bin wie ich bin? Völlig absurd für mich. Ich habe eine hochfunktionale, komplexe Borderline-Persönlichkeit mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Talenten, sowie noch schlummernde Potenziale. Mit gelebter Achtsamkeit lässt sich diese sechsköpfige Quadriga samt ihren beiden Querläufern (mein humorvoller Blick auf meine differenzierten Persönlichkeitsanteile, die subsummiert MICH ergeben) dynamisch lenken. All das wäre nicht möglich, würde ich Borderline als Krankheit sehen und dagegen (und damit gegen mich selbst) ankämpfen. Ich bin, wer ich bin. Es ist, was es ist.

Mein Schlüssel zum Ausstieg aus der destruktiven Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum Einstieg in die konstruktive Borderline-Persönlichkeitsentfaltung lautet: Annehmen, was es ist – und das Beste daraus machen.

Allzu oft wird der Fokus ausschließlich auf die selbstzerstörerischen Aspekte gelenkt, haftet auf der Oberfläche, aber was liegt darunter? Ein in sich zerrissener, im emotionalen Chaos versinkender Mensch, der verzweifelt versucht, so zu werden, wie die anderen, die gesunden, sind. Hier beginnt – meiner Meinung nach – das Scheitern. Ich kann nicht werden, wie die anderen. Ich kann nur sein, wer ich bin – und mich entscheiden, ob ich das, was in mir ist, nutze, um mich selbst zu zerstören, oder dem Leben eine liebevolle Facette hinzuzufügen. Lieben oder Leiden?

Eine Frage, die mir mitunter gestellt wird: Bist du überhaupt noch Borderlinerin? Bei alldem, was du erreicht hast?

Ja und Nein.

Nein in Bezug auf selbstzerstörerisches Verhalten (abgesehen von einer latenten Tendenz Richtung Workoholic 😉). Emotionale Instabilität kommt gelegentlich vor, stellt aber kein Problem dar, da ich gelernt habe, diese rasch auszugleichen. Und mal ehrlich – wer ist nicht in und wieder unrund? Ohne Symptome keine Diagnose, aber so einfach ist es nicht – finde ich. Denn die Stärken der Borderliner sind nach wie vor da. Betrachte ich also nicht nur Symptome, sondern auch Stärken, verändert sich das gesamte Bild. Deshalb auch ein Ja.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist es an der Zeit, neue Perspektiven auf das Thema Borderline zu eröffnen, um Betroffenen die Chance zu geben, über die Vorurteile und Diagnosen hinaus zu wachsen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Worte von einer, die diesen Weg gegangen ist und jeden Tag aufs Neue geht. Inside & Insight Borderline. Ein emotionales „Schmetterlingskind“, nicht flatterhaft, sondern den feinsten Windhauch spürend.

Meine finale Antwort auf die Frage, was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Eine hoch komplexe Persönlichkeit mit intensiven Emotionen, zahlreichen Stärken, noch mehr Potenzialen und das, was ich daraus mache.

Bild: pixabay.com

KLEINE SCHRITTE – GROSSE WIRKUNG

Gestern schrieb ich meinen Beitrag über Me-Time, manifestierte meine Gedanken in dieser Realität in Worten. Ein kleiner Schritt mit (überraschend) großer Wirkung. Heute wachte ich kurz vor Sonnenaufgang auf, in mir eine Erkenntnis fühlend, die keiner Worte bedurfte. Ein umfassendes Bild, über Jahrzehnte verzweigte Zusammenhänge, absolute Klarheit. Muster, die auf den ersten Blick unterschiedlich nicht sein hätten können, und doch unter der Oberfläche einen gemeinsamen Nenner haben. Im halbwachen Zustand fand ich jene Antwort, die mein Tagesbewusstsein bis dato nicht zugelassen hat … vermutlich, weil sie extrem schmerzhaft war, zu Beginn. Die Wucht dieser Erkenntnis raubte mir den Atem, löste stechende Schmerzen im Rücken aus, ließ mich in Tränen versinken. Am Morgen stand ich buchstäblich neben mir.

Doch je länger ich diese Antwort betrachtete, desto mehr wich der Schmerz.

Vor einer gefühlten Ewigkeit prägten die Erfahrungen in meinem Umfeld einen Glaubenssatz, meiselten bildlich gesprochen für mich ein Dogma in Stein: So ist es! Im Lauf der Zeit versank dieser Glaubenssatz in den Tiefen meines Unterbewusstseins, von wo aus er 24/7 seine Wirkung entfaltete. Derart tief begraben, gelang es mir nicht, an wahrzunehmen, zu reflektieren oder gar zu verändern.

Vermutlich nutzten meine Selbstheilungskräfte vergangene Nacht meine schwarz auf weiß bekundete Bereitschaft zur Veränderung und wurden aktiv. Zack – und von einem Augenblick auf den anderen nehme ich die Ereignisse meines Lebens und mich selbst in einem völlig anderen Licht wahr.

Über meinen Glaubenssatz werde ich hier nur so viel verraten, dass dieser alles andere als förderlich für ein gelungenes Leben war. Warum ich so lange daran festhielt? Weil er unsichtbar geblieben war – bis ich bereit war, mich meiner „intrinsischen Wahrheit“ zu stellen, sie zu hinterfragen und loszulassen. 

Obige Zeilen schrieb ich vor 8 Tagen. Meine (Erkenntnis)Reise war noch nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, sie begann erst, so richtig Fahrt aufzunehmen. Heute bin ich (hoffentlich) etwas weiter. Drei Tage Rückzug in die Berge half dabei einen Glaubenssatz zu hinterfragen, der derart tief ins Unterbewusstsein abgesunken ist, dass sich Schicht um Schicht weitere Glaubenssätze darübergelegt haben, doch sein Kern wirkt aus dem Verborgenen heraus in den Alltag. Vielleicht mag das jetzt ein wenig paradox klingen, doch ich erkenne solche Glaubenssätze leichter, wenn ich in die Ferne blicke. Deshalb auch das Bild oberhalb, das ich übrigens in den Bergen (wo sonst?) aufgenommen habe.

Der Blick in die Ferne wird für mich gleichzeitig zu einem Blick in die Tiefe in mir selbst. In mir ist viel mehr, als von außen sichtbar ist. Ein bisschen ähnelt das der TARDIS (für alle, die jetzt nicht wissen, was das ist: die TARDIS ist eine fiktive Raum-Zeit-Maschine aus der beliebten Fernsehserie Dr. Who. Von außen sieht sie wie eine gewöhnliche Telefonzelle aus, aber innen drin ist sie wesentlich größer.)

Eines Morgens wachte ich also auf und starrte auf jenen Glaubenssatz, der die Gelegenheit genutzt hatte, sich während einer Schlafphase an die Oberfläche emporzuarbeiten: „Die Menschen, die ich gernhabe und die mir wichtig sind, nehmen mich und meine Bedürfnisse nicht wahr, lassen keine Nähe zu, laufen vor mir davon – oder sie erdrücken mich.“ Das entspricht den Erfahrungen meiner frühen Kindheit, Jugend und weiter Strecken meines Erwachsenenlebens. Insofern also korrekt, doch wie war/ist es heute? Die Wahrheit? Beziehungen stellen immer noch eine Herausforderung dar, vor allem, wenn es um Nähe geht. Als würden diese Menschen vor mir davonlaufen … Stopp! Beweise für meinen Glaubenssatz? Vielleicht – vielleicht aber auch Belege dafür, dass Konzepte wie Gesetz der Anziehung (Law of Attraction), Spiegelgesetz, Resonanzgesetz, systemische Beziehungsdynamiken etc. doch mehr sind als esoterischer Humbug. Ähnlich der Erdanziehungskraft wirken diese „Gesetze“ nämlich unerbittlich, ganz gleich, ob wir sie kennen, akzeptieren oder ablehnen.

Was ich um Außen rund um mich wahrnehme, spiegelt stets etwas wider, das in mir ist.

Auf einem Bahnhof sitzend mitten in der Menschenmenge und dementsprechendem Sprachengewirr nehme ich vorrangig genau jene Worte wahr, die in Sprachen gesprochen werde, die ich beherrsche. Alles andere klingt nach Kauderwelsch. Inmitten der Masse an Menschen erkenne ich Muster, die ich in mir trage. Menschen spiegeln mir also einen Teil von mir wider – zumeist meinen blinden Fleck. Den hat übrigens jeder von uns, ganz gleich, ob wir das akzeptieren oder abstreiten. Auch so ein Punkt, über den zu diskutieren obsolet ist.

Betrachte ich meinen Glaubenssatz als etwas, das mir gespiegelt wird, stellt sich mir die Frage: „Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Welche Bedürfnisse anderer nehme ich nicht wahr?“ Diese Fragen haben einen nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Sie holen mich aus der Opferrolle raus! Nicht die anderen sind „schuld“ bzw. machen „etwas falsch“. Der Ball liegt bei mir. Opfer sind hilflos, können nichts verändern, nur leiden. Glaubenssätze, die mich zum Opfer machen, sind wie die dunkle Seite der Macht, verführerisch, schnell darin, Verantwortliche zu identifizieren – und sie können nicht nachhaltig gelöst wird. Gewiss, ich könnte ab sofort 3x täglich Affirmationen wie „Die Menschen rund um mich behandeln mich mit großer Aufmerksamkeit und wertschätzend“ oder dergleichen runterbeten, doch blieben es fiktionale Wunschträume. Ich würde weiterhin das „anziehen“, was in mir ist – es sei denn, ich gehe meinem eigenen Deep Belief auf seinen tief verborgenen Grund und verändere dort, was längst überholt ist.

Einen Schritt zurück also. Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Das bringt mich automatisch zu der Frage: Warum lasse ich keine Nähe zu? Antwort: Weil ich neuerliche Verletzung vermeiden will. Gegenfrage: Bin ich tatsächlich noch so leicht zu verletzen? Ich bin längst kein kleines hilfloses Kind mehr, verstecke mich aber hinter einem Schutzwall aus inneren Bildern, die bei näherer Betrachtung eines gemeinsam haben. Genau dort liegt der Kern, um den all die Fragen und Antworten, Glaubenssätze und Ängste kreisen wie Planeten um eine Sonne: ich bin nicht liebenswert, deshalb … laufen andere vor mir davon, behandeln mich rücksichtslos, wollen keine Nähe zu mir oder erdrücken mich, weil ich nicht in Ordnung bin …

Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Definitiv eine Annahme, die aus den traumatischen Erlebnissen meiner frühen Kindheit resultiert, die deshalb so tief sitzt – und ebenso falsch wie fatal ist. Aber sie ist da – und wenn ich an den eingangs erwähnten, sich nächtlich offenbarten Glaubenssatz denke – immer noch da. Richte ich meinen Blick von Innen wieder ins Außen, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich noch liebevoller mit mir selbst umgehen könnte. In diesem Augenblick halte ich alle Fäden der Veränderung in meinen Händen. Wie ich mit mir selbst umgehe, liegt allein bei mir. Aus einem Glaubenssatz mit Opfer-Touch (die anderen …) wird ein Vorsatz (ich gehe liebevoll mit mir selbst um, Tag für Tag ein bisschen mehr), der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Wirkung entfalten wird und auch meine Wahrnehmung (anderer Menschen) verändern wird. Denn in Wahrheit gibt es Menschen, die mich und meine Bedürfnisse wahrnehmen.

ME-TIME … SO WICHTIG

In den vergangenen Wochen gab es wenig von mir zu lesen. Das hat damit zu tun, dass ich meine derzeit eher spärliche Freizeit dafür verwendet habe, all das, was in mir an (neuen) Gedanken und Gefühlen war, zu sichten, sortieren, reflektieren … ein Prozess, der aktuell noch andauert. In meiner Post-Depressionsphase erscheint manches plötzlich in anderem Licht, mit mehr Klarheit, neuen Perspektiven. Wieder einmal ein lebendiges Zeugnis dafür, dass jede Krise, jedes Tief, auch eine hormongesteuerte Depression, in sich auch eine Chance birgt. Was bei erster oberflächlicher Betrachtung nur schmerzhaft und anstrengend erscheint, offenbart beim zweiten (tiefergehenden) Blick sein Potenzial.

Me-Time, ein neumodisches Wort für die altbewährten Stunden der Muse, des voll und ganz auf sich selbst Fokussierens. Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut? Ob Muse oder Me-Time, seit Jahresanfang habe ich mir davon definitiv zu wenig gegönnt. Mal nicht dicht getaktet funktionieren, sondern ein wenig zerstreut-chaotisch den Tag seinen Weg finden lassen, ganz dem eigenen Rhythmus folgend. Ein Wochenende mal „verschlafen“. Die Welt dreht sich auch ohne mein Zutun weiter. Ebenso wie meine Gedanken. Erkenntnisse tauchen an der Oberfläche meines Bewusstseins auf, treiben wie Blätter auf dem stillen See. Manche passen wie Puzzleteile zusammen, ergeben gemeinsam ein neues Bild, erweitertes Verständnis dessen, was sich unter der Oberfläche befindet.

Mitten in diesem Prozess habe ich mein neues Buchprojekt gestartet – quasi eine Tür geöffnet für all meine Gedanken und Gefühle, die sich bislang noch nicht in Worten manifestiert haben. Eine wahre Flut, die allmählich Struktur annimmt. Das ist nichts, was sich beliebig beschleunigen lässt. Es braucht seine Zeit. Muse eben. Oder Me-Time. Gelassenheit gefällt mir auch sehr gut. Gelassenheit ist für mich die Kombination aus bewusst gewählter Ruhe und kraftvoller (Selbst)Sicherheit, den Entwicklungen ihren Lauf zu lassen, ohne sie zu pushen. Frei nach dem Motto: Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Veränderung ist ein häufig strapaziertes Wort. Meiner Erfahrung nach realisieren wir Veränderung erst, wenn sie bereits geschehen ist. Zumeist an veränderten Reaktionen aus dem Umfeld, aber auch daran, dass wir manches anders tun als zuvor. Derzeit stelle ich zahlreiche Veränderungen an mir fest. Kleinigkeiten, Nuancen, die nicht das große Ganze an sich verändern, dennoch einen Unterschied machen – wie die richtige Dosis Salz in der Suppe. Ich bleibe, wer ich bin, gleichzeitig werden die Facetten dessen, was ich bin, intensiver, teils harmonischer aufeinander abgestimmt. Eine äußerst spannende Phase meines Lebens, die ich mit gebührend Muse und Me-Time bewusst erlebe.

Bild: pixabay.com

ERLEUCHTET … ODER AUCH NICHT

Vor vielen Jahren las ich eine Geschichte über einen Mönch, der sich in eine Höhle auf einen Berg zurückzog, um so lange zu meditieren, bis die Erleuchtung über ihn käme. Jahre vergingen. Eines Tages hatte er es geschafft: er hatte den Zustand der Erleuchtung erreicht. Voller Tatendrang kehrte er zurück in die Stadt, aus der er einst gekommen war. Inmitten zahlreicher Menschen und des alltäglichen Trubels auf dem Marktplatz, fiel er rasch aus wieder aus seinem erleuchteten Zustand. Erst gab er den Menschen rundum die Schuld für sein Scheitern, danach suchte er den Fehler bei sich, fand jedoch keine zufriedenstellende Antwort. Verwirrt wandte er sich an seinen ehemaligen Lehrer. Dieser meinte, dass der Rückzug in die Stille der Höhle am Berg zwar dabei hilfreich wäre, sich zu fokussieren und ruhig zu werden, doch tatsächliche Erleuchtung ist ein Teil des Lebens – nicht die Flucht davor.

Manchmal geht es mir ähnlich wie diesem Mönch. In der Stille der Berge tanke ich Kraft, finde in meine Mitte, sehe vieles klarer und umfassender als inmitten des täglichen Trubels. Sprichwörtlich schwebend verlasse ich den Berg, kehre zurück und ZACK … bin ich wieder da, wo ich zuvor war. Kein bisschen mehr erleuchtet als zuvor … oder vielleicht doch? Immerhin ist mir inzwischen bewusst, dass die Herausforderung (oder Aufgabe) nicht darin liegt, oben auf dem Berg Ruhe und Gelassenheit zu finden, sondern diese im Alltag zu bewahren.

Vielleicht falle ich aber auch (un)absichtlich nach meiner Rückkehr in alte Muster zurück, um wieder einen Grund zu haben, auf den Berg zu steigen. Wer weiß? Vielleicht ist das Bewusstsein der Nicht-Erleuchtung auch ein klein wenig Beinahe-Erleuchtung. Auf jeden Fall verschafft es mir Pausen zum Durchatmen in luftiger Höhe.

NEUE (GEDANKEN)WEGE

Es verblüfft mich nach wie vor, welch immensen Einfluss die Körperchemie auf mein Denken hat(te). Der Mangel an Vitaminen und Hormonen warf mich in eine düstere Gedanken- und Gefühlswelt wie selten zuvor. Kaum fülle ich meine Speicher im Körper mit den fehlenden Mikronährstoffen wieder auf, erhebt sich mein eigentliches Ich aus der Versenkungen … im wahrsten Sinne des Wortes 😉

Mein Blick dringt wieder tief unter die Oberfläche des Offensichtlichen. Möglichst viel Zeit in der freien Natur zu verbringen, tut das ihre dazu. Noch dazu wandle ich vermehrt auf mir bis dato unbekannten Wegen, was den Effekt der „neuen Wege“ verstärkt und mich zudem jedes Mal ein kleines Abenteuer im Alltag erleben lässt. Vor einigen Tage schnappte ich während einer Doku über die Entwicklung der Menschheit sinngemäß folgendes Satz auf:

„Uns Menschen eigen ist der Entdeckergeist, über den Horizont hinaus zu blicken und erkunden zu wollen, was sich dort verbirgt.“

Dem kann ich voll und ganz zustimmen und ergänzen:

„Auch über den (eigenen) geistigen Horizont hinauszublicken und in sich hinein um zu erkunden, was in uns schlummert und darauf wartet, entdeckt und gelebt zu werden.“

Ein Plädoyer für die Reise zu sich selbst. Das größte Abenteuer, dem sich ein Mensch stellen kann, den kein Abgrund ist so tief wie jener der eigenen Seele, kein Schrecken größer als die Furcht im eigenen Herzen. Nichts erfordert mehr Mut, als sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Nichts bringt einen weiter, als die eigenen inneren Konflikte zu lösen und die Wunden in der Seele zu heilen.

Das klingt doch schon wieder ganz nach der gewohnt lebensphilosophischen Lesley 😉 … und doch auch anders. Jede Krise trägt in sich das Potenzial von Veränderung und damit Entwicklung. Meine „Körperchemie-Krise“ ließ mich einiges überdenken, titelgebenden neue (Gedanken-)Wege einschlagen.

Es scheint sogar, als hätten sich meine empathischen Fähigkeiten verstärkt – zumindest habe ich das Gefühl, als würde ich Menschen noch intensiver wahrnehmen als zuvor (oder zuletzt). Vor ein paar Tagen hat das einiges an „innerer Gleichgewichtsstörung“ bei mir ausgelöst, aber mittlerweile – in der Ruhe der Bergwelt angekommen – pendelt sich das wieder ein und ich kann gelassen mit dem umgehen, was meine empathischen Antennen auffangen, wenn ich sie auf eine Person richte. Mir ist natürlich klar, dass ich – was auch immer ich auffangen – nur das verstehen und interpretieren kann, was auch in mir selbst vorhanden ist, sprich: wo ich in Resonanz gehen. Insofern wird das Außen zum bewusst erlebten Spiegel meines Innenlebens. Bewusst erlebt deshalb, weil es eigentlich bei jedem Menschen so ist, aber viele realisieren nicht, das sie im Leben stets auf sich selbst treffen 😉

However, kurz nach Sonnenaufgang waren meine Antennen ausgerichtet und fingen etwas auf, das mich auch etwas über mich selbst erkennen ließ:

„Um Liebe geben zu können, muss zuerst der eigene Schmerz geheilt sein. Jemand zu lieben bedeutet nicht gleichzeitig auch Liebe zu geben. Diesen Unterschied zu verstehen hat bei mir lange gedauert, aber es gibt ihn. Es ist der Schritt aus dem „Ich“ heraus ins „Du“. Jener Schritt, nicht nur zu fühlen, sondern dieses Gefühl (der Liebe) auch zu schenken. Dein Denken mag sich jetzt vielleicht die Stirn runzeln über diese scheinbare Wortklauberei, aber wenn du deine Augen schließt und in dein Herz hineinhorchst, wird sich dir der Unterschied allmählich offenbaren.

Das Leben legt dir all das auf deinen Weg, was deine Seele braucht um heil zu werden. Woher das Leben weiß, was du brauchst? Es fragt deine Seele.

Du musst nicht perfekt sein, um Liebe zu bekommen. Du musst auch nichts im Gegenzug erbringen. Du darfst sie einfach annehmen und damit den ersten Schritt der Heilung tun. Das macht dich weder größer noch kleiner, weder stärker noch schwächer, sondern schlichtweg lebendiger, denn du umarmst das Leben.“

Was bleibt noch hinzuzufügen?

Von meiner Seite aus ein Hauch dessen, was sich vor meinem Fenster zeigt, während ich diese Zeilen tippe: ein weit entfernter Horizont, hinter dem zu Entdeckendes auf mich wartet – ein Spiegel dessen, was in mir ist.

ABGRUND ODER WENDEPUNKT?

„Ganz gleich, wie tief und düster jener Abgrund erscheint, in den wir stürzen, er ist stets auch ein Teil von uns und somit innerhalb unserer eigenen Grenzen, niemals grenzenlos. In diesem Abgrund können wir finden, was mit uns dorthin stürzte, oder was wir in die Dunkelheit verbannten – was auch immer es ist, es ist ein Teil von uns und wird dies stets bleiben, ob wir dem zustimmen oder nicht, ob wir uns daran erinnern (wollen) oder nicht. Wir können etwas aus der Dunkelheit zurückholen, es im Licht der Gegenwart neu betrachten, vielleicht etwas erkennen, verstehen, lernen, uns weiterentwickeln … alles, absolut alles auf unserem Lebensweg trägt in sich das Potenzial uns im Leben weiterzubringen … in welche Richtung, das entscheiden wir selbst.“

Der Tiefpunkt meiner Depression liegt hinter mir. Leichtigkeit und Lebensfreude beginnen mich wieder zu bestimmen. Meinen Gedanken stranden nicht länger in der problemfokussierten Sackgasse, sondern entdecken Chancen, Möglichkeiten, Lösungen … ich fühle mich überwiegend wieder wie ich selbst. Noch ein wenig müde, Energielevel deutlich unter 100%, aber der Kurs stimmt und mich ein wenig in Geduld zu üben kann auch nicht verkehrt sein. Wer jetzt achtsam liest, erkennt selbstredend meinen Programmfehler (… kann nicht …), der ich gleich mal umschreibe: mich ein wenig in Geduld zu üben bringt zusätzlichen Benefit.

Spielerische Selbstironie 😉

Faszinierend, wie rasch dieser Wandel sich entstellt. Beruhigend, dass all die hochdosierten Vitamine & Co auch Wirkung zeigen. Meine Bereitschaft, diesen Prozess anzunehmen und bewusst zu durchleben, hat vermutlich auch einen Beitrag dazu geleistet. Ebenso wie mein Streben nach Struktur und Klarheit, wenn das Chaos mich zu verschlingen droht – und die Kommunikation aufrecht zu erhalten, auch wenn’s nicht leichtfällt. Reden hilft. In den vergangenen Tagen habe ich einige Feedbacks bekommen, die mich zwar im ersten Ansatz zum Schlucken gebracht haben, aber bei näherer Betrachtung durchaus nachvollziehbar waren.

Selbstfürsorge – ein Konzept, das mir von mehreren Menschen unabhängig voneinander nahegelegt wurde. Wohl nicht ganz zu Unrecht. Es besteht Optimierungspotenzial. Ab und zu bin – zugegeben – ziemlich selbstausbeuterisch unterwegs. Mitunter bin ich auch viel zu gutmütig, lasse zu, von anderen auf eine Weise behandelt zu werden, die nichts mit Wertschätzung zu tun hat. Ich halte es aus und die anderen – naja, sie wissen und können es halt nicht anders… spätestens hier leuchtet ab sofort ein Stoppschild auf. Schluss mit Gutmütigkeit. Wer sich daneben benimmt, bekommt das zu hören. Heiligenschein und endloser Geduldsfaden passen nicht zu mir.

Wie achtsam gehe ich mit mir selbst um, wenn ich zulasse, von anderen schlecht behandelt zu werden? Abgesehen davon, tut es auch den anderen nicht gut. Werden keine Grenzen aufgezeigt, setzen sie ihr Verhalten munter weiter fort. Warum sollte es auch verändert werden?  

Nur um eines klarzustellen: es geht dabei nicht um zufällige Begegnungen in den Öffis, um Zusammenarbeit im beruflichen Kontext oder dergleichen. Dort ist das alles kein Problem. Meine Mehr an Selbstfürsorge bezieht sich auf den engsten familiären Kreis, auf jenes Umfeld, in dem es meiner Erfahrung nach am schwierigsten fällt, sich selbst treu zu bleiben, gut auf sich selbst zu achten und sich abzugrenzen.

Nun ja, ich nahm einiges mit aus der Dunkelheit, das nun im Licht des Alltags auf meiner Agenda ganz oben steht. Vor mir liegt eine interessante Zeit, auf die ich mit einer gewissen Unruhe blicke. Diese Unruhe lässt sich weder in positiv noch negativ unterscheiden. Sie ist durchwachsen. Über ihr prangt in großen Lettern: Wenn du es nicht tust, weißt du nur eines mit Gewissheit – nichts wird sich ändern.

Will ich das? Soll alles bleiben, wie es war? Auch wenn es Hormone waren, die mich in den Abgrund in mir stürzen ließen, was ich dort vorfand, waren Gedanken, Verhaltensmuster, Erinnerungen, Unzufriedenheiten, Frustration, Enttäuschungen … einiges, das künftig anders werden darf und soll. Also gilt es, etwas zu verändern. Etwas anders zu tun. Von nichts kommt nichts. Oder anders gesagt: soll es anders werden, tu etwas anderes.

Apropos anderes tun: ich wandle auch seit kurzem auch auf anderen Wegen, entdecke mein Umland neu – und so manch wunderschöne Aussicht. Wie jene im Beitragsbild, nur rund 5.000 Schritte von meiner Wohnung entfernt: Wald, so weit das Blick reicht. Balsam für die Seele 😊

IM WÜRGEGRIFF DER DEPRESSION

Der Titel mag dramatisch klingen und auf düstere Schilderungen vorbereiten, doch tatsächlich geht es um Verständnis und Auswege.

Vor wenigen Tagen kam ich an einen Punkt, der dem Titel in jeder Weise gerecht wird: erschöpft, ständig müde, gleichzeitig keine Ruhe findend. Schlaf brachte keine Erholung mehr, ausgeruht fühlte ich mich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Antriebslos, lustlos, nichts hat noch Freude bereitet, weder im Job, noch Hobbies, auch nicht mehr kreativen Projekten, die seit Wochen mehr oder weniger im Dornröschenschlaf vor sich dahindämmern. Selbst meine Playlists funktionierten nicht mehr. Alles war nur noch dumpf – gleichzeitig fühlte ich mich häufig gereizt, angespannt, erdrückt, im Stich gelassen, allein. Im Job funktionierte ich wie gewohnt, allerdings auch bereits deutlich leistungseingeschränkt. Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnislücken. Zunehmend begann ich mich zurückzuziehen aus dem Alltag und vor allem von anderen Menschen. Das Verlassen der Wohnung wurde schwieriger, nicht nur morgens, auch für Spaziergänge am Wochenende. Ich begann mich in einem Schneckenhaus zu verschanzen.

Monatelang schob ich meinen Zustand auf die aktuellen familiären Herausforderungen in der Familie, auf die „Verpflichtung“ mich um meine Mutter zu kümmern, auf die schmerzhaften Erlebnisse meiner Kindheit. All dies reflektierte ich ausgiebig, holte mir therapeutische Begleitung, arbeitete intensiv daran … aber es veränderte NICHTS an meinem Zustand. Auf kurzzeitige Phasen voll positiver Aufbruchsstimmung folgte das nächste Tief.

Gefangen im Würgegriff der Depression.

Und dann geschah etwas unerwartetes. Für eine Vorsorgeuntersuchung ließ ich ein Blutbild machen. Der Befund sprach Bände, was meinen depressiven Zustand betraf: Mangel an Vitamin D3 und B12, Mangel an – oder besser gesagt: nahezu nicht mehr nachweisbar – Östrogen.

Ja, ich bin eine Frau in der Lebensmitte und durchlebe die damit verbundenen körperlichen Umstellungen.

Nein, ich verliere damit weder meine Weiblichkeit noch höre ich auf, Frau zu sein, nur weil mein Hormonhaushalt in eine andere Phase wechselt… nur falls jemand diesbezüglich noch veraltete Vorurteile im Kopf hat.

D3, B12 und Östrogen … jedes davon kann bei Mangelzuständen Auswirkungen auf die Psyche haben und u.a. Depressionen auslösen bzw. fördern. Was eine Kombination daraus bedeutet, durchlebe ich gerade. Es erklärt mir auch, warum alle meine mentalen Skills und über Jahre optimierten Tools nicht mehr nachhaltig greifen, sondern nur kurzzeitig wirken, warum meine intrinsische Lebensfreude wie erloschen scheint. Mentale Stärke produziert nun mal keine Hormone oder Vitamine (jedenfalls bin ich noch nicht auf dieser Entwicklungsstufe angelegt – sollte es sie überhaupt geben).

Oder anders gesagt: mit positivem Denken und mentaler Stärke habe ich mich (vermutlich) bereits seit Wochen „über Wasser gehalten“, während mein hormonelles Gleichgewicht sich weiter verschlechterte und der Vitaminmangel konstant wuchs. Bis zu dem Punkt, an dem gefühlt nichts mehr ging und ich unterging.

Die erste Reaktion meines Arztes nach der Diagnose Depression war – wie hätte es anders sein können – die Empfehlung von Antidepressiva, die ich dankend ablehnte. Ich setze auf die Einnahme von jenen Stoffen, die in meinem Körper fehlen, um die Depots wieder zu füllen bzw. das Gleichgewicht herzustellen. Mir ist bewusst, dass dies nicht über Nacht geschehen wird, da ich punkto Hormone auf die pflanzlichen Varianten setze. Vermutlich liegen einige Wochen vor mir, in denen ich mich nur langsam aus dem Würgegriff der Depression befreien werde, aber ich werde diesen Prozess bewusst durchlaufen und die Veränderung wahrnehmen. Meine Stimmung künstlich hochzufahren, nur um „normal“ zu wirken, gleichzeitig nicht wirklich zu spüren, ob mein Hormonhaushalt wieder in Balance kommt, ist für mich persönlich keine Option. Es geht um meinen Körper, meine Psyche. Wenn meine Stimmung im Keller ist, dann ist sie das. Punkt. Ich bin ausreichend reflektiert, um zu wissen, dass das, was derzeit an Gedanken und Gefühlen in mir auftaucht, massiv von meinem hormonellen Ungleichgewicht eingefärbt ist. Manchmal, wenn sich so ein „schwarzes Loch“ vor mir auftut und düstere Gedanken und Gefühle versuchen mich in seinen Schlund zu treiben, dissoziiere ich, blicke auf mich selbst und das, was in mir brodelt, nehme die „hormonelle Fremdsteuerung“ wahr. Allmählich gewinne ich daraus sogar den Eindruck, dass diese „hormonelle Fremdsteuerung“ meine Gedanken und Gefühle in eine bestimmte Richtung manipuliert, nämlich die Ereignisse in der Umwelt so zu interpretieren, dass sie meiner depressiven Stimmung entsprechen. Während der Therapie fiel mir auf, dass ich begann, längst aufgelöstes neu als Problem zu konstruieren, nur um etwas zu haben, an dem ich arbeiten kann, weil mein emotionaler Zustand anders nicht mehr erklärbar war.

Vereinfacht gesagt: alles im außen erscheint belastend und gegen mich gerichtet, weil ein Teil von mir offenbar sicht- und greifbare Auslöser braucht, die als Ursache für die Depression herhalten können. Echt tricky… und umso wichtiger, all das mit (halbwegs) klarem Kopf wahrzunehmen.

Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche.

Depressionen können jede und jeden treffen – und müssen noch nicht einmal mit realen Ereignissen in Zusammenhang stehen.

Wer mich kennt, weiß: ich bin eine starke Frau, reflektiert, selbstbestimmt, unabhängig … all dem zum Trotz (noch) im Würgegriff einer Depression. Doch ich werde mich daraus befreien, das ist gewiss, umso mehr ich nun die Ursache kenne.

Meine Empfehlung an alle Menschen mit Depressionen, speziell an Frauen in der Lebensmitte: lasst ein umfangreiches Blutbild machen! Darin können sich Erklärungen finden.  

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