ANFANG UND ENDE

… untrennbar miteinander verbunden, denn jedes Ende ist ein neuer Anfang. Mehr als drei Monate habe ich mich nun mit meiner Vergangenheit beschäftigt, mit meinem „Mutter-Thema“, bin zurückgekehrt in jene bedrückende, von Angst dominierte Stimmungswelt, in der ich früher lebte, bin durch dunkle Phasen gegangen, habe alte Erinnerungen neuerlich emotional durchlebt, habe ich mich hineingelauscht um herauszufinden, welche übernommenen Altlasten ich noch mit mir rumschleppe, habe Verabschiedungs- und Loslassens-Rituale durchgeführt … ich hab‘ echt intensiv an mir gearbeitet, um letztendlich festzustellen:

Wer ständig in die Vergangenheit blickt, verliert die Gegenwart aus den Augen.

Ich könnte noch weitere Monate damit zubringen, mich mit dem zu befassen, was einmal war – es würde nichts daran ändern, was damals geschehen ist. Dennoch war es keine Zeitverschwendung. Ganz im Gegenteil. Für mich war es wichtig, all das nochmals zu fühlen um eine Entscheidung basierend auf Erfahrungen treffen zu können:

Lieben oder Leiden?

Letzteres dominierte mich Jahrzehnte meines Lebens, Ersteres wählte ich vor einigen Jahren, ohne genau zu wissen, was mich erwarten wird (Referenzerfahrungen fehlten). Für mehr als drei Monate kehrte ich zurück in die Welt des Leidens, des Schmerzes … oder anders gesagt: ich ließ zu, in diese Welt (meiner Mutter) zurückgezogen zu werden. Vielleicht weil es die einzige Welt ist, in der wir uns begegnen können, denn meine Welt der Lebensfreude ist ihr fremd.

Es ist an der Zeit für einen neuen Anfang in (m)einer Welt, die um neue Perspektiven, einiges an Erfahrung und eine Entscheidung reicher wurde.  

„In dir ist ein Licht, das dich begleitet von dem Moment an, in dem du in dieses Leben gekommen bist, bis zu jenem Augenblick, da deine Seele weiterziehen wird. Dieses Licht heilt die Wunden deiner Seele, schenkt deinem Herzen Kraft, lässt dich spüren, was Liebe ist. Der kalte Wind versucht es auszulöschen, Schatten wollen es erdrücken, doch es geht nie aus, es leuchtet einfach weiter in dir drin. Nicht jeder kann dieses Licht in dir erkennen, das ist gut so. Nur wer selbst zum Licht wurde, erkennt sich selbst im andern.“

GEDANKEN ZUM NEIN-SAGEN

Rund um Ostern dreht sich alles um Wiedergeburt, Auferstehung, Neubeginn, das Leben „danach“. Ein passender Zeitpunkt für ein paar Gedanken zum Leben nach dem Nein-Tabu. Du fragst dich vielleicht, was das Nein-Tabu sein soll? So nenne ich jenes Verhaltensmuster, das mir als Kleinkind eingebläut wurde: ich darf nicht Nein sagen. Ein Muster, das ich vermutlich mit vielen Borderlinern (und auch Nicht-Betroffenen) teile, und das unmittelbar für eine Menge schmerzhafter Erfahrungen in meinem Leben verantwortlich ist.

Wenn das Nein-Tabu am Steuer sitzt, ist es nahezu unmöglich, Nein zu sagen – ganz gleich, was geschieht. Jemand kommt dir näher als du willst, aber du wehrst dich nicht, setzt keine Grenze, obwohl du dich ekelst vor dem, was dabei ist zu geschehen, obwohl es sich falsch anfühlt und alles in dir aufbegehrt, losschreien und weglaufen möchte, tust du nichts, lässt es einfach geschehen, weil Nein-sagen nicht erlaubt ist. Schlimmer noch, ein Nein würde noch schrecklichere Konsequenzen mit sich bringen. Jenes Nein, das dich schützen sollte, wird zur Bedrohung. Also erduldest du. Stumm. In dich zurückgezogen, in dem Versuch, möglichst nichts zu fühlen – oder das, was du fühlst, möglichst tief in die Dunkelheit des Verdrängens abzuschieben.

Ab und an treffe ich (vor allem) Frauen, die Übergriffe und Missbrauch erleben. Zu viele von ihnen bleiben, zu wenige befreien sich. Häufig treffen sie auf Unverständnis, auf Aussagen in der Art von „Warum wehrst du dich nicht?“ Grundsätzlich eine angebrachte Frage, aber wenn das Nein-Tabu seine Finger im Spiel hat, wirken Fragen dieser Art nicht wie zugeworfene Rettungsringe, sondern wie umgeschnallte Senkbleie. Natürlich weißt du, dass du dich wehren solltest, aber du schaffst es nicht, was das Gefühl des Versagens verstärkt.

Jahrzehntelang lebte ich unter der Fuchtel des Nein-Tabus, ließ Übergriffe zu, von Nahestehenden und völlig Fremden. Rückblickend der völlige Irrsinn. Eine starke, taffe Frau, die Leistungssport betrieb und im Job so einiges weitergebracht hat, erstarrte und verstummte, wenn jemand mehr wollte als ich zu geben bereit war.

Es ist mehr als an der Zeit, das Nein-Tabu den Flammen des Osterfeuers zu übergeben.

Möge das Tabu in den Flammen zu Asche verbrennen.

Möge sich aus der Asche etwas Neues erheben, ein Nein-Schild.

Möge dieses Nein-Schild mit Bedacht geführt seine schützende Macht entfalten.

Möge der kommende Sonnenaufgang ein neues Leben(sgefühl) mit sich bringen, die Kraft UND das Vertrauen, im Nein einen starken Beschützer und Verbündeten zu haben.  

Die Zeit ist gekommen, Nein zu sagen, wenn du Nein fühlst.

Zu viele Borderliner erleben die (Übergriffs- & Missbrauchs)Hölle auf Erden, weil sie nie gelernt haben, sich zu wehren, weil sie nie darin bestärkt wurden, sich zu wehren, weil ihnen nie jemand das Recht zugestanden hat, sich zu wehren … mögen sie „wiedergeboren“ werden in den Osterfeuern und sich vom Nein-Tabu befreien.

Gewidmet all jenen, die zu lange zu viel ertragen und erduldet haben.

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AUF DEN PUNKT GEBRACHT

Seit Monaten beschäftigt mich mein „Mutter-Thema“. Es begann mit der Diagnose der Krebserkrankung, die mich aus meiner sicheren emotionalen Distanz zurück in das Umfeld meiner Mutter zog. Seither habe ich zahlreiche Stunden mit Reflexionen verbracht, um letztendlich immer und immer wieder festzustellen:

Es wühlt mich auf, bringt meine emotionale Balance ins Wanken, triggert schmerzhafte Erinnerungen, lässt Wut hochkochen, weckt Fluchttendenzen, gleichzeitig den Wunsch sie möge am eigenen Leib spüren, wie es mir ergangen ist, wie im Stich gelassen, überfordert, eingeschüchtert, gedemütigt, verängstigt, erdrückt, bedroht, missbraucht und einsam ich mich gefühlt habe. Keine netten Gedanken, das ist mir bewusst, aber ich bin nur ein Mensch, keine Heilige. Was ich durch meine Mutter erleben durfte, könnte ein paar lehrreiche Kapitel in einem Fachbuch für angehende Psychotherapeuten und Psychologinnen füllen. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenken, waren die prägenden Gefühle Angst in unterschiedlichsten Facetten sowie Scham. Ich kann mich nicht erinnern, mich je geborgen oder geliebt gefühlt zu haben, dafür stand ich ständig unter Anspannung, nur ja nichts falsches zu machen oder zu sagen.

Das ich nun, nachdem ich all das überstanden und mir mein eigenes Leben aufgebaut habe, für sie da sein und mich um sie kümmern soll, wirkt auf mich wie eine Ironie des Schicksals. Das Opfer soll sich um die Täterin kümmern. Ich habe alle nur erdenklichen Facetten rund um mein „Mutter-Thema“ wieder und wieder reflektiert, mich mit meiner dunkelsten Seite auseinandergesetzt, in den Abgrund geblickt, meine Kraft und Lebensfreude schwinden gefühlt.

Letztendlich ist all das unwichtig.

Es geht weder darum, in die Vergangenheit zu starren noch auf meine Mutter und das, was sie tut oder nicht tut.

Das, worum es wirklich geht, ist Selbstsorge.

Mich selbst zu fragen, was ich brauche, was mir gut tut und was nicht. Wo die Grenze verläuft zwischen dem, was ich tun/geben kann, und dem, was mir selbst schaden würde. Anzuerkennen, dass ich nicht übermenschliches leisten muss, sondern einfach nur Mensch sein darf. Das ich mich davor schützen darf, von anderen Menschen ausgenutzt, gedemütigt, manipuliert, missbraucht oder mit negativen Gedanken/Gefühlen erdrückt zu werden – dies inkludiert auch meine eigene Mutter.

Auf den Punkt gebracht: Selbstsorge und Selbstschutz anstelle von Selbstaufopferung und Selbstverletzung.

Gut für mich selbst zu sorgen ist das, was ich als Kind hätte lernen sollen. Damals wurde es verabsäumt, deshalb hole ich es im Heute nach. Die vergangenen Monate haben mir gezeigt, dass ich offenbar ein paar Kapitel noch nicht ausreichend verinnerlicht habe. Unter anderem das Kapitel „Nein-Sagen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben“.

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UNERWÜNSCHTE NEBENWIRKUNGEN

Wer meine Beiträge in den letzten Wochen verfolgt hat weiß, dass die aktuelle Situation erforderlich macht, mehr Zeit als bisher mit meiner Mutter zu verbringen und mich um einige ihrer Belange zu kümmern. Wie ich gerade feststelle, zeigen sich erste „unerwünschte Nebenwirkungen“. Um diese besser nachvollziehen zu können, werde ich ein Bild skizzieren, was ich derzeit sehr intensiv erlebe.

Unabhängig von den tatsächlichen Ereignissen, es ist alles negativ, mühsam, schwer … in den Worten meiner Mutter. Kein einziger Satz von ihr befasst sich mit positiven Aspekten, guten Nachrichten, hoffnungsvollen Aussichten. Entweder ich bekomme ihre Leidensgeschichte zu hören, oder die Katastrophen, Krankheiten und dergleichen meiner Familie, oder – wenn ich die ersten beiden Themen abgestoppt habe – die nicht hinterfragten schrecklichen Nachrichten aus dem Nachmittagsfernsehen und wenig anspruchsvollen Printmedien.

In einen Satz gebracht: Alles ist schlecht.

Entsprechend belastet ist auch die Stimmung, die ich (leider) mehr aufnehme als ich möchte. Das bemerke ich daran, dass ich plötzlich anfange, „Anzeichen“ von Lüge, Betrug und dergleichen verstärkt zu interpretieren, anstatt auf das zu achten, was es ist. Es ist, als würde ich durch eine Brille blicken, die alles in negativem Licht erscheinen lässt. Wie könnte auch etwas gut sein in dieser Welt?

Offenbar übernehme ich die negative Grundhaltung meiner Mutter – eine absolut unerwünschte Nebenwirkung. Es hat mich Jahre und viel Arbeit an mir gekostet, diese Grundhaltung abzulegen, denn ich hatte sie früher auch drauf. Und wie! Ich wuchs in einem von negativem Weltbild geprägten Familiensystem auf. Wir waren stets die Opfer. Das Erbe einer Generation, die im Krieg aufwuchs und deren innere Bilder konditioniert wurde in einer Zeit von Gewalt, Not und Überlebensangst. Meine Mutter blieb in diesem Zustand stecken, ich wollte raus und habe es auch geschafft. Aber nun zieht es mich offenbar zumindest punktuell wieder zurück.

Warum fällt es mir so schwer, mich gegen meine Mutter abzugrenzen?

Normalerweise prallt die Negativität von Menschen an mir ab. Ich nehme sie wahr, aber übernehme sie nicht. Meine Firewall hält – nur nicht bei meiner Mutter. Es gelingt mir nicht, ihre Negativität vollständig auszusperren. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich, da ich als Kind eine Überdosis davon abbekommen habe und nun die mit diesen Erinnerungen verbundenen Emotionen getriggert werden.

Es gab keine Freude, die nicht durch irgendetwas anderes getrübt wurde. Es gab keine Anerkennung, die nicht dadurch geschmälert wurde, das zuvor nicht geglaubt wurde, es könnte gelingen (mangelndes Vertrauen). Es war nicht möglich, die Blumen im Garten zu genießen, ohne daran erinnert zu werden, wie viel Arbeit damit verbunden war. Es wurden keine Geschichten über Erfolge erzählt, keine guten Nachrichten verbreitet, stattdessen jede Menge News über Krankheiten, Streitereien, Todesfälle, Ausbeutung der Menschen durch Arbeitgeber, Politiker, Marsianer …

Wie habe ich all das überlebt?

Manchmal frage ich mich das wirklich. Etwas in mir scheint so stark zu sein, dass es mich jeglichen Widrigkeiten zum Trotz meinen Weg zurück zur Liebe, als dem mich bestimmende Gefühl finden ließ. Ich wandelte in der Finsternis mit nichts mehr als einem winzigen Funken Lebensfreude in mir.

Fürchte ich, in die Finsternis zurückzufallen?

Das wäre eine Erklärung, warum es mich derart beschäftigt, mich hier nicht besser abgrenzen zu können. Was wir fürchten, wird uns treffen – unausweichlich – denn es ist bereits in unserem Leben angekommen in dem Augenblick, in dem wir furchterfüllt auf das blicken, was geschehen könnte. Angst wirkt wie ein Magnet. Liebe übrigens auch. Beide ziehen unterschiedliches an.

Vielleicht ist die unerwünschte Nebenwirkung auch eine durchaus sinnvolle Gelegenheit, das Thema Urvertrauen aufzugreifen. Vielleicht kann mich die Negativität meiner Mutter deshalb triggern, weil irgendwo in mir noch die Furcht wohnt, der Schrecken könnte zurückkehren. Vielleicht will ich auch diesen letzten Rest an Verbindung nicht kappen, weil sonst nichts gemeinsames mehr bleiben würde. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders.

Auf jeden Fall ist es eine Gelegenheit, in mich zu blicken und tieferes Verständnis für mich selbst zu entwickeln.

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WORKOHOLIC?

In meinem Umfeld gibt es Person X, die seit längerem im Job auf 150 % läuft. In meinem Umfeld gibt es auch ein paar Personen, die sich nach diesem Einleitungssatz vermutlich fragen, ob sich X auf mich selbst bezieht. Meine vorausgreifende Antwort darauf: Vielleicht – aber nicht nur. X gibt es wirklich. Parallelen sind rein zufällig und unbeabsichtigt 😉

Der Fall X hat mich inspiriert der Frage nachzugehen, wo die Grenze zwischen überdurchschnittlichem Engagement und Arbeitssucht (=Workoholic) verläuft.

Hier nun meine nicht auf wissenschaftlicher Forschung, aber auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basierenden Antwort. Keinesfalls der Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht ein Denkanstoß.

Jede Sucht ist eine Suche. Ein Versuch, ein unerfülltes Bedürfnis zu befriedigen. Welches Bedürfnis kann ich mit Arbeit befriedigen? Gegenfrage: Was bekomme ich, wenn ich überdurchschnittlich viel arbeite, mehr mache als andere, vielleicht besser mache als andere?

Anerkennung!

Ob von extern (also anderen Menschen) oder aus mir selbst heraus (unterentwickeltes Selbstwertgefühl wird vorübergehend mit Eigenlob aufgepäppelt, aber letztendlich handelt es sich hier um ein Fass ohne Boden … es kann nie genug sein). Wenn man (meine eigene Erfahrung) früh im Leben spürt, dass man nicht wahrgenommen wird, aber alle anderen so toll sind, was ist die Konsequenz? Möglicherweise versucht man, noch toller zu sein als die anderen. Selbstwert entsteht dann nicht aus dem „Selbst-sein“ heraus, sondern durch Leistung. Diese wiederum bringt Anerkennung, sprich jene Aufmerksamkeit, das „Wahrgenommen werden“, dass jeder Mensch braucht. Vor allem auch jedes Kind, um zu einem gesunden und ausgeglichenen Erwachsenen zu werden.

Leistung per se ist ja nicht verkehrt, aber wann wird sie zur Sucht und krankhaft?

Ein Zeichen sehe ich darin, wenn Menschen beginnen, sich selbst physisch und psychisch auszubeuten. Für mich handelt es sich dabei um eine Form der Selbstverletzung, allerdings wird sie in der Gesellschaft selten so wahrgenommen, denn es sind keine selbstzugefügten Schnittwunden, kein Substanzmissbrauch, es geht „nur“ um Arbeit. Gesundheitsschädliches Verhalten wird mit schlechter Ernährung, mangelnder Bewegung, Alkohol, Zigaretten etc. assoziiert. Wer bremst jene Menschen, die sich sprichwörtlich „zu Tode arbeiten“? Oder zumindest in ein Burnout?

Gleichzeitig gibt es auch jene, die mit Begeisterung ihre Projekte realisieren und nicht ansatzweise arbeitssüchtig sind, obwohl sie enorm viel arbeiten.

Wo verläuft die Grenze?

Vielleicht dort, wo die Vielfalt des Lebens verloren geht? Wenn alles andere hinter der Arbeit zurückstehen muss, ganz gleich, ob Familie, Freunde, Beziehungen jeder Art, ist die Work-Life-Balance aus den Fugen geraten. 150 % im Job – was bleibt dann noch fürs Leben? Verbaut man nicht genau so die Chance, das auf gute Weise zu erhalten, was man ursprünglich gesucht hat? Anerkennung von anderen? Wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen?

Wenn man sich nun ertappt, bereits in der Suchtfalle zu sitzen, wie kommt man raus? Kann man es überhaupt selbst erkennen? Wie viele Menschen sind süchtig nach Nikotin, Alkohol & Co ohne sich dessen bewusst zu sein? Wird nicht auch ein Workoholic der Selbsttäuschung erliegen und jede Menge plausible Erklärungen und Begründungen dafür liefern, warum es essenziell ist, dies oder jenes zu tun, warum niemand anders es tun kann, sich möglicherweise für unersetzlich halten?

Wie kann Ausstieg aus der Arbeitssucht funktionieren?

Logisch betrachtet, macht es wenig Sinn, nicht mehr zu arbeiten (abgesehen davon, dass ja auch Rechnungen bezahlt werden wollen), weil die Arbeit ja ein Bedürfnis erfüllt, quasi einen „Hunger“ stillt. Alternativen sind gefragt. Wenn es um Anerkennung geht, diese woanders zu finden. Oder noch besser: in sich selbst in Form eines gesunden Selbstwertgefühls zu finden. Dann muss man nämlich nicht mehr bis zur Selbstausbeutung arbeiten, sondern kann gut auf sich selbst achten und Grenzen ziehen.

All das geht mir durch den Kopf, während ich wieder einmal auf über 1.000 m am Berg sitze, müde nach einem langen Tag, den ich im Zug und auf der Skipiste verbracht habe, und mein To Do, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte, soeben auf morgen verschoben habe. Ob ich heute oder morgen oder vielleicht auch erst nächste Woche darüber entscheide, welche Gedichte in Band 2 von Berggeflüster kommen, ändert nichts daran, dass ich mich mag, so wie ich bin – inklusive punktueller Aufschieberitis😉

KRAFTVOLLE WURZELN

Damit ein Baum fest verankert den Stürmen des Lebens widerstehen und seine prachtvolle Krone tragen kann, braucht er starke Wurzeln. Mitunter reichen diese im Untergrund weiter als sein Blätterdach oberhalb. Eine wunderbare Analogie, die sich auch auf den Menschen übertragen lässt. Damit dieser die Fülle der in ihm angelegten Potenziale – ob in Beziehungen, im Job, Kreativität etc. – entfalten kann, sind starke Wurzeln und die damit einhergehende Erdung wichtig.

Die Wurzeln eines Menschen liegen in seinen Vorfahren, im Familiensystem – und hier beginnt es interessant, um nicht zu sagen herausfordernd zu werden. Mit seinen Vorfahren in gutem Einvernehmen zu stehen, fällt nicht immer leicht, insbesondere nicht wenn man – so wie ich – aus einem belastenden familiären Umfeld stammt.

Worum geht’s bei diesen Wurzeln?

In erster Linie darum, anzuerkennen, woher man stammt. Diese Challenge habe ich gemeistert. Ich bin meinen Eltern dankbar für das Geschenk des Lebens, das sie mir gemacht haben – unabhängig von dem, was später alles folgte. Meine Dankbarkeit bezieht sich darauf, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Meine Lebenswurzel ist verankert. Punkt.

Der nächste Schritt, mit dem ich mich derzeit befasse, geht etwas weiter. Bildlich gesprochen sind es die vielen Nebenwurzeln, die ein Baum braucht, um stabil Halt zu finden. Ein Kind ist das Ergebnis der Vermischung von Anteilen der Mutter und des Vaters. Beide Seiten bringen DNA ein, aber keine Seite zu 100% (sonst käme ein Klon dabei raus). Jedes Kind trägt also Anteile von beiden Elternteilen in sich. Lehnt das Kind einen Elternteil konsequent ab, lehnt es de facto auch einen Teil von sich ab, was wiederum die Wurzeln schwächt. Lehnt es beide Elternteile ab, lehnt es auch sich selbst ab und kappt die eigenen Wurzeln. Das alles vollzieht sich meist subtil im Unterbewusstsein, doch die Auswirkungen werden im Alltag Leben sichtbar. Diese Menschen finden einfach nicht in ihre Kraft, sind häufig instabil, ständig in Konflikten (die sie genau genommen aus sich selbst heraus ins Umfeld projizieren), Anklage, Opferrolle, unterdrückte und/oder gelebte Aggression … kurz gesagt: mit sich selbst nicht im Reinen.

Die kraftvollen Anteile meines Vaters anzunehmen, war relativ einfach. Von ihm habe ich meine Kreativität und das Geschichtenerzählen, die Liebe zur Natur … einige wunderbare Geschenke. Ich habe allerdings auch ein paar belastende Anteile abbekommen, mit denen ich allerdings zwischenzeitlich gut umgehen gelernt habe (anders als mein Vater, der dies nie geschafft hat).

Was ich von meiner Mutter habe, ist nicht ganz so einfach. Auch deshalb nicht, weil mein Verhältnis zu ihr nach wie schwierig ist. Erschreckenderweise ertappte ich mich in der Vergangenheit mitunter dabei, genauso wie so zu sprechen oder zu handeln. Nur nie sein wie sie! Der perfekte Vorsatz, um genauso zu werden, denn damit liegt der Fokus darauf etwas zu vermeiden.

Alles, was genährt wird (auch das, was wir vermeiden wollen) wächst.

Nun ja, Theorie und Praxis. Allem Wissen zum Trotz stolpere auch ich manchmal über meine eigenen Beine. Aufstehen und Weitergehen.

Also, welche kraftvollen Anteile habe ich von meiner Mutter? Ich kann – ebenso wie sie – viel aushalten, eine Menge negatives ertragen. Keine sehr positive Aussicht, zumindest auf den ersten Blick, denn ich identifizierte damit sofort ihre Leidensfähigkeit. Seit ich mich erinnern kann lebt meine Mutter in der Opferrolle und tat dies vermutlich auch die Jahrzehnte davor. Leidensfähig bin ich auch, aber es das ein kraftvoller Anteil, für den ich dankbar sein will/kann? Ein Anteil, der mich gut im Leben verwurzelt? Was ist Leidensfähigkeit eigentlich genau? Wer etwas lange Zeit ertragen kann, ist doch irgendwie auch „stark“, oder nicht? Es braucht dafür eine Menge Ausdauer. Mit Ausdauer kann ich gut. Die habe ich im Sport, im Job und auch in Beziehungen bewiesen. Wobei – gerade in Beziehungen war es auch die Version „ausdauernd aushalten“. Die Betonung liegt hier auf WAR, denn mittlerweile ist meine Ausdauer in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr von Verlustangst geprägt, sondern vom Wunsch Liebe zu teilen.

Ausdauer als kraftvolle Wurzel, als Geschenk meiner Mutter? Mein Vater wird nicht ausdauernd. Wenn etwas schief ging, ließ er es bleiben. Vielleicht eine Folge seiner zwei Fluchterfahrungen, bei denen er jedes Mal fast alles zurücklassen musste?

Je mehr ich mich damit befasse, desto mehr entdecke ich, was ich von meinen Eltern auf meinen Weg mitbekommen habe. Vieles davon konnte ich mittlerweile zu kraftvollen Wurzeln weiterentwickeln. Manches haben sie aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit auf negative, teils zerstörerische Weise ausgelebt.

Ein Mensch kann ausdauern darin sein, an seinem Schmerz festzuhalten, gefesselt von seinen Ängsten und zu leiden – oder ausdauernd darin, die Wunden seiner Seele zu heilen und seinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Ausdauer ist per se neutral. Selbiges gilt für Kreativität. Mein Vater setzte sie dafür ein, seine Depressionen und seine Alkoholerkrankungen vor der Welt zu verbergen. Ich nutze meine Kreativität und erzähle Geschichten, um die Herzen von Menschen zu berühren. Kreativität ist per se neutral.

Auch wenn ich das meiste anders ausleben als meine Eltern, so bin ich dankbar für das, was ich mitbekommen habe – selbst für die belastenden Anteile. Diese waren mit dafür verantwortlich, einige besonderes starke Wurzeln zu bilden. Letztendlich habe ich gelernt, selbst zu entscheiden, was ich aus meinem „Erbe“ mache.

Ein paar Gedanken möchte ich hier noch anschließen für alle jene, die ihre Eltern nie kennengelernt habe. In meinem Umfeld sind dies einige Menschen. Diese Erfahrung teile ich zwar nicht, aber ausgehend von dem, was weise Menschen mich gelehrt haben und was ich selbst beobachtet habe, gehe ich davon aus, dass auch hier die menschliche Vorstellungskraft ein mächtiges Werkzeug ist. Es kommt wohl weniger darauf an, was es wirklich war, als auf das, wie es in uns ist.

Eine meiner Mentorinnen hatte einen Spruch dazu: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Provokante Aussage, ich weiß, aber ich arbeite daran, die guten Augenblicke in den Fokus zu holen, um meine Wurzeln zu stärken, und die schmerzhaften dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit.

Die gute Nachricht zum Tage: Wurzeln stärken ist auch in der Lebensmitte noch möglich 😉

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ALTE WUNDEN

Liebe heilt alle (seelischen) Wunden, davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. Allerdings gibt es meiner Erfahrung nach eine kleine (entscheidende) Bedingung: man muss/darf/soll hinsehen auf das, was zur Wunde geführt hat. Nicht angenehm, aber notwendig. Wie sehr, wird mir gerade wieder einmal vor Augen geführt.

Gestern hat jemand im beruflichen Kontext mit einer an sich banalen Aussage unabsichtlich etwas sehr altes und schmerzhaftes in mir getriggert. Näher werde ich darauf nicht eingehen. Viel wichtiger als die Details ist, was darauf folgte. Das „banale“ Ereignis begann in meinem Denken Schleifen zu drehen, gestartet durch die ursprüngliche Emotion (aus der verletzenden Erfahrung) und genährt durch die all die Emotionen, die mit jedem gedanklichen Durchlauf des Worst-Case-Szenarios dunkler und intensiver wurden. Einiger solcher Schleifen haben dazu geführt, dass ich von einem Augenblick auf den anderen meine Zelte abgebrochen und wichtige Bereiche meines Lebens hinter mir gelassen habe … mehrfach! Auch eine Form der „Zerstörung“.

Für alle Nicht-Betroffenen: Solche Negativ-Spiralen können durch Kleinigkeiten ausgelöst werden, drehen sich unaufhaltsam Richtung Abgrund und werden dabei unerträglich. Manche Borderliner greifen dann zu Klingen, andere zu Drogen, Kurzschlusshandlungen … die Methoden sind vielfältig, ihr Ziel meistens das gleiche – endlich wieder Ruhe zu finden.

Diese Ruhe kommt nicht von allein – zumindest nicht bei mir. Solange ich beschäftigt bin, abgelenkt, konzentriert, kann ich diese Spirale auf Mute schalten, aber wehe es wird ruhig rund um mich, springt der Schalter auf „Continue“ und es geht weiter. Gedanken- und Gefühlsschleife Runde 99 …

Ein Ausweg, der für mich (und ich gehe davon aus, auch für andere) funktioniert ist jener, mich aus dem Alltag zurückzuziehen (deshalb sitze ich gerade wieder in den Bergen) und mit räumlich/zeitlichem Sicherheitsabstand auf jenes zu blicken, was war (gestern und vor langer Zeit). Ich blicke zurück, mir selbst bewusst machend, dass – was immer es war – ich überlebt habe, es weiterging, und ich jene wurde, die ich heute bin: eine, die von Lebensfreude und Liebe bestimmt wird. Trotz – oder vielleicht auch aufgrund – dessen, was vor langer Zeit geschehen ist, fand ich meinen Weg zurück zur Liebe. Was auch immer es damals war, es lag am Beginn dieses Weges und mittlerweile weit entfernt in der Vergangenheit, die niemand verändern kann. Vergangenheit gilt es zu akzeptieren und dort zu belassen, wo sie hingehört: In der Vergangenheit. Leben findet stets in der Gegenwart statt. Niemand kann gestern atmen, um heute auf einen Berg zu steigen. Fokus auf die Gegenwart: was ist es im Hier und Jetzt?

Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart wieder entwirren. In Liebe auf mich selbst zu blicken, mit Dankbarkeit für meinen Weg, der mich zu diesem Augenblick geführt hat. Loslassen und in die Vergangenheit entlassen, was dorthin gehört.

Danach wird es auch wieder möglich, die „banale“ Aussage als das zu hören, was sie war: eine Aussage, welche die Meinung einer anderen Person wiedergibt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Grund für intensive Emotionalität – außer ich entscheide mich bewusst dafür. Keine Kurzschlusshandlungen.

Ob meine alte Wunde nun vollständig geheilt ist oder vielleicht noch die eine oder andere liebevolle Zuwendung braucht, wird sich zeigen. In mir ist reichlich Liebe und ein Kurztrip übers Wochenende in die Berge kostet (Dank Klimaticket) weniger als 2 h beim Therapeuten. Mal ehrlich: 2 Tage in den Bergen oder 2 Stunden auf der Therapie-Couch? Ich nehme die Berge 😉

Das Beitragsbild entstand während der Bahnfahrt, aufgenommen aus dem fahrenden Zug bei ca. 120 Km/h. Sonnenaufgang über dem Wallersee, etwas unscharf (wie so manches im Leben), dennoch ein Spiegelbild (wie so vieles im Leben).

KÄFIG DER ANGST

Vor ein paar Tagen ist mir der Begriff „vielwahrnehmend“ begegnet. Selbstredend habe ich mich darin wiedergefunden, allerdings war mir das auch bereits davor klar, dass meine Wahrnehmung etwas „überdurchschnittlich“ ist. Oder wie ich es gerne nenne: multidimensional.

Eben jene Wahrnehmung (welches Adjektiv auch immer ich davorsetze) beschert mir derzeit einige neue Einsichten und Erkenntnisse, insbesondere auf den „Käfig der Angst“. In dem saßen/sitzen einige der Menschen, die mir in den vergangenen Tagen begegnet sind. So verschiedenen ihre Leben auch sind, ihr gemeinsamer Nenner ist jener Käfig der Angst. Eine innere Haltung, in die sie (so vermute ich) sehr früh in ihrer Kindheit durch wenig erfreuliche Ereignisse geworfen wurden und seither darin festsitzen, in einem imaginären, gefühlten, emotionalen Käfig, in dem sie einst Schutz suchten, und der sie heute davon abhält, ein freies selbstbestimmtes Leben zu leben. Manche können ihre Gefühle nicht zeigen, andere nicht mit Menschen interagieren … es gibt viele Versionen dieses Käfigs, doch in allen davon verhindert er Lebendigkeit.

Dieser Käfig der Angst war einst wirklich sinnvoll und wichtig um zu überleben, aber die Menschen wurden größer, stärker, bräuchten diesen Käfig nicht mehr, dennoch halten sie daran fest.

Richtig gelesen: Die Menschen halten daran fest.

Genau genommen existiert dieser Käfig nur im Kopf und Gefühl, niemals in der Realität.

Es gibt verschiedene Zitate, die von einer „Hölle auf Erden“ sprechen. Ich glaube, jeder Mensch erschafft sich seine ganz persönliche Hölle, meistens nicht freiwillig, aber die wenigsten verlassen freiwillig diese Hölle. Meistens braucht es immensen Leidensdruck, um zu verändern, was die Gitter des Käfigs der Angst undurchdringlich zu machen scheint.

Angst lähmt, erstickt die Lebendigkeit in uns. Insbesondere die Form der Angst, die sich subtil anschleicht, von schmerzhaften Erinnerungen genährt wird und mehr und mehr Raum in uns einnimmt, die uns im Käfig gefangen hält.

Einst saß ich auch in diesem Käfig, viele Jahre, Jahrzehnte, fast mein ganzes Leben lang – doch irgendwann löste ich die Gitterstäbe auf, um Raum zu haben für meine Lebendigkeit und Lebensfreude. Heute frage ich, welche Botschaft für mich sich in den Begegnungen mit all den Menschen in ihren Käfigen der Angst verbirgt.

Soll es mich daran erinnern, wo ich einst war und was ich überwunden habe?

Soll ich jenen die Hand reichen, die noch in ihren Käfigen sitzen? Ich vermag niemanden zu retten, denn auch wenn ich den Käfig wahrnehmen kann, er existiert nur in dem anderen und nur jener andere kann die Tür des Käfigs öffnen. Die geht nämlich nur in eine Richtung auf: von innen nach außen.

Soll ich meine Gedanken dazu mit anderen teilen, Licht auf blinde Flecken werfen? Nicht jeder will in den Spiegel blicken, der offenbart, was es ist. Manche laufen davon und nehmen ihren Käfig mit, den dieser ist äußerst mobil. Flucht ist keine Option. Es gibt nur einen Ausweg – und der führt nach innen, übers Denken ins Gefühl, ins Herz, in die Seele, mit sich selbst ins Reine zu kommen… und die Gitterstäbe des Käfigs verblassen wie Schatten der Nacht im Licht der aufgehenden Sonne.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenaufgang-nebelmeer-alpen-nebel-3909583/

MUT ZUR LÜCKE

Das Gute beim Aufräumen von Gefühlschaos ist die Gelegenheit, alles zu hinterfragen, auch leicht angestaubte Überzeugungen. Dabei kann dann schon mal so etwas rauskommen:

„Im Moment beschäftige ich mich intensiv damit, mein Leben und mich selbst zu hinterfragen. Irgendwie eine Nebenwirkung von der Konfrontation mit dem Thema Tod. Vielleicht denke ich manchmal zu viel nach, aber derzeit hilft es mir, all die Emotionen in mir zu verstehen und damit klarzukommen. Mir ist bewusst geworden, dass ich seit einiger Zeit davonlaufe. Ich verstecke mich in Arbeit. Kaum ist etwas fertig, schnappe ich mir das nächste Arbeitspaket, engagiere mich da und dort … ich lenke mich mit Beschäftigung ab, um die Lücke nicht zu sehen. Ich hab ein cooles Leben, mache was mir Spaß macht und worin ich gut bin, bekomme eine Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit … dennoch ist da eine Lücke in meinem Leben, fehlt etwas, dass mir wichtig ist. Keinen Partner zu haben, mit dem ich manches im Leben teilen kann, für den ich da sein kann, auf den ich meine Liebe ausrichten kann, ist diese Lücke. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Etwas fehlt in meinem coolen Leben. Dem gilt es ins Auge zu blicken und das tut weh, doch es ist, was es ist. Ich bin eine unheilbare Romantikerin, ein Beziehungsmensch, meistens ein Ausbund an Lebensfreude und es gibt niemanden, der diese mit mir teilen möchte. Ich könnte mich als Versagerin sehen, oder als Opfer des Schicksals, bestraft für was auch immer … doch ich sehe mich einfach an einem Punkt im Leben angekommen, an dem ich in einen Spiegel blicke und anerkenne, was es ist.“

Das sind meine Notizen von vor wenigen Tagen. Diese Gedanken und Gefühle durften erstmal etwas sacken.

Ja, ich habe ein cooles Leben, für das ich dankbar bin.

Ja, ich bin glücklich.

Ja, etwas fehlt in meinem Leben.

Die Lücke ist für mich kein Grund, unglücklich oder unzufrieden zu sein, dennoch möchte ich nicht so tun, alles wäre alles genauso, wie ich es mir wünsche.

Widersprüchlich? Kompliziert? Eigentlich und tatsächlich: Nein. Gedacht und gefühlt.

Die Lücke ist da. Sie zu negieren hieße vor der Realität davonlaufen. Wenn ich eines im Leben erkannt habe, dann, dass man der Realität nicht dauerhaft entkommen kann. Und sei es, dass das Unterbewusstsein unaufhörlich den Fokus genau auf das lenkt, was man nicht sehen will (die verdrängte Lücke bzw. den damit verbundenen Wunsch). Rund um mich nehme ich fast ausschließlich Paare wahr, als gäbe es kaum anderes, was statistisch unmöglich ist bei 1,8 Millionen Singles allein in Österreich.

Ja, es fehlt etwas in meinem Leben, dass ich mir wünsche. Ob ich es finde oder nicht, wird sich zeigen. Die Lücke ist kein Grund, trübselig oder frustriert zu sein, aber sie ist eine gute Gelegenheit, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Es ist, was es ist.

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PURE CLARITY

Trotz emotionalem Chaos, das sich zwar allmählich zu lichten beginnt, aber gleichzeitig vertiefte Einsichten und neue Fragen für mich bereithält, erlebe ich derzeit auch Momente von „Pure Clarity“ – vollkommene Klarheit. Das kann ein gesprochener Satz oder eine kurze Begegnung sein, die sich als Tore zu einem Verständnis jenseits von Fragen oder Zweifel entpuppen… ein vorübergehender Zustand, dennoch höchst inspirierend.

Wie beschreibt man vollkommene Klarheit? Hier mein Versuch:

Es ist, als ob die Grenzen zwischen Denken und Fühlen sich auflösen, zwischen der Welt um mich und dem, was in mir ist. Alles ist eins und in diesem flüchtigen Augenblick bis ins kleinste Detail und in jeder Facette vollkommen stimmig.

Vielleicht nimmt es aber auch jeder anders wahr und dies ist nur meine ureigenste Version.

Die Nachwirkungen solcher Momente der Klarheit sind vielfältig, sie verändern unmittelbar mein Verhalten. „Eigentlich“ ist Verhaltensveränderung eher ein langwieriger Prozess, weil ja eine Gewohnheit umgestellt werden muss/soll/darf, aber ein Moment völliger Klarheit scheint wie ein Urknall zu wirken – bildlich gesprochen. Aus dem scheinbaren Nichts heraus entsteht ein neues (Gedanken- und Gefühls) Universum. Zumindest fühlt es sich so ein. Natürlich verändert sich nicht ALLES, aber was sich verändert, ist so präsent, dass der Rest im Hintergrund verschwindet.

Ich wäre nicht ICH, würden hierbei nicht auch philosophische Gedanken durch meinen Kopf geistern, die danach fragen, ob es sich mit dem großen Universum da draußen ebenso verhält wie mit dem kleinen in mir. Zuerst vermehrt sich das Chaos, um dann Schwupp eine neue Ordnung entstehen zu lassen, weil das Eine ohne das Andere nicht sein kann, Pol und Gegenpol einander bedingen… Die Antworten darauf werden wohl nie gefunden werden, aber allemal unterhaltsame Ablenkung 😉

Allmählich kehrt auch das Gefühl wieder zurück, das mich bestimmt: Lebensfreude 😊

Gerüstet für die (ungewisse) Zukunft? Mein Kopf sagt „hmmm“, mein Gefühl vertraut. Was auch immer in den kommenden Wochen geschehen wird, auf die eine oder andere Weise werde ich einen Weg finden, damit klar zu kommen – und ich werde lernen und mich weiterentwickeln. Auch das ist völlig klar.

Braucht es mehr?

Oder kann/darf das Leben (so) einfach sein?

War/ist es je etwas anderes, als einfach – wenn wir Menschen es sein lassen, was es ist?

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