HEILSAME GEDANKEN

Wochenende. Nach einer langen, intensiven Arbeitsphase hatte mich Anfang Dezember irgendein 08/15-Grippe- oder Rhinovirus erwischt – oder mein Immunsystem hat schlichtweg w.o. gegeben. Was auch immer, ich bin im Regenerationsmodus unterwegs.

Ein gemütliches Frühstück auf der Couch. Auf dem Weg von der Küche zur Couch passte alles wunderbar auf mein Tablett. Auf dem Weg zurück ging ich 3x – irgendwie passte nicht mehr alles auf ein Tablett. In der Küche schmunzle ich über mich selbst.

Ich – die hocheffiziente Logistik- und Struktur-Queen – agiere absolut ineffizient, beinahe chaotisch.

Plötzlich ein Gedanke in meinem Kopf. Ein heilsamer Gedanke:

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

Ich muss nicht funktionieren, muss nicht effizient sein. Ich darf auch mal chaotisch sein.

Ich darf Fehler machen.

Ich darf Mensch sein – widersprüchlich und perfekt darin unvollkommen zu sein.

Wunderbar, wenn sich zu diesen Gedanken auch noch das liebevolle Gefühl gesellt, das es genau so richtig ist. In der Umarmung des Lebens angekommen.

Freiheit pur.

Frei von Erwartungshaltungen und Erfüllungsbedingungen.

Frei von Selbstverurteilung.

Frei von der Ego-Diktatur, frei von der Notwendigkeit, irgendetwas beweisen oder darstellen zu müssen.

Freiheit, die man sich nur selbst schenken kann.

Frei, einfach zu sein.

Heilsame Gedanken, die ich vor einem lodernden Kaminfeuer sitzend in die Welt hinausschicke.

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

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DIE STÄRKEN DER BORDERLINER

Vor einigen Tagen saß ich in einer Weiterbildung zum Thema „Basiswissen zu psychischen Erkrankungen“. Dass ich hier davon berichte, hat mit ein paar Erkenntnissen zu tun, die sich für mich dabei offenbarten, und ganz viel damit, dass ich erstmals einen wertschätzenden, potenzialorientierten Fokus in Bezug auf Borderline erleben durfte.

Es begann mit der Headline „Die Stärken von Menschen mit BPS“.

STÄRKEN!!!

Jedem einzelnen Punkt der Aufzählung konnte ich voll und ganz aus meiner eigenen Lebenserfahrung zustimmen. Die Liste handelte von ausgeprägten Fähigkeiten in Bezug auf:

  • Zurechtkommen in einem feindlichen Umfeld
  • Sympathie bei anderen erwecken
  • Sensitivität für Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten
  • Spontanität, Kreativität, Individualität
  • Neugierde
  • Keine Angst vor Risiken
  • Durch die Welt zu gehen als Lebenskünstler

Auch bei den Herausforderungen fand ich mich wieder, für die ich hier allerdings meine eigenen Begrifflichkeiten verwenden:

  • Eine sechsköpfige Quadriga auf Kurs zu halten (meine Metapher für mein mitunter galoppierendes Gefühlsleben).
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ein für beide Seiten gut lebbares Maß an Nähe/Distanz/Freiraum zu finden, die andere Seite nicht zu überfordern mit der eigenen Intensität.
  • Mit überdurchschnittlicher Feinfühligkeit in einer von Ellbogen-Mentalität, Narzissmus und Oberflächlichkeit geprägten Gesellschaft zu überleben.

Auch einige der allgemein üblichen Vorurteile und Zuschreibungen betreffend BPS wurden revidiert:

  • Manipulativ? Ja, aber nicht bewusst, nicht absichtlich.
  • Medikamente? Helfen lediglich bei Begleiterkrankungen.
  • Unheilbar? Nein, mit stabilen Beziehungen kann von einer 75% Prognose ausgegangen werden, nach nur sechs Jahren die Kriterien nicht mehr zu erfüllen. BPS kann sich „auswachsen“.

Genau an diesem Punkt „Auswachsen“ blieb ich hängen – wie bereits in der Vergangenheit öfters. Bei mir hatte sich nämlich nichts „ausgewachsen“. Meine BPS-Reise begann in der Pubertät und hielt bis Mitte 40 an, daher auch meine Skepsis in Bezug auf „Auswachsen in sechs Jahren“. Aber diesmal erhielt ich eine wichtige Zusatzinformation, um zu verstehen, was damit gemeint war:

In einem haltenden Umfeld mit stabilen Beziehungen kann man lernen, die Herausforderungen zu meistern und ein „normales“ Leben zu führen.

Dieses Umfeld hatte ich nicht, eher das Gegenteil. Ich steckte über 20 Jahre in einer toxischen Beziehungsdynamik, die meine Traumata wieder und wieder triggerte. Da war nix mit „auswachsen“. Erst als ich damit begann, mir mein Umfeld selbst zu erschaffen, anfangs noch ausschließlich in der Parallelwelt von JAN/A, wurden Veränderung  und Auswachsen möglich. Nach dem Ende der Beziehung veränderte ich mich nochmals und das auch noch vergleichsweise schnell und leicht. Quasi „beschleunigtes (Aus)Wachstum“. 😉 Seither entstehen auch in der realen Welt um mich Beziehungen, die zu meiner Stabilität beitragen. In diesem Workshop wuchs auch mein Verständnis für das, was ich bereits vollzogen hatte. Vertiefende Einsichten nennt man das wohl.

Für mich schlummert in jedem BPS-Betroffenen das Potenzial eines in allen Farben des Spektrums leuchtenden Sterns, vielfältig, empfindsam, tiefsinnig, mit einer facettenreichen Wahrnehmung. Ein Stern, der selbst in dunkelster Nacht zu leuchten vermag, weil das Licht aus seinem Herzen entspring, unabhängig davon, was rundum ist – und der anderen die Augen zu öffnen vermag für das, was allzu leicht übersehen wird: das Einzigartige im Alltäglichen, die kleinen Wunder und so manche Wege, die sich im Dschungel der Ablenkungen verbergen, die Nuancen des Fühlens.

Welch Bereicherung wäre es für diese Welt, wenn mehr und mehr BPS ihre noch schlummernden Potenziale entfalten. Wenn Menschen ihnen nicht mit Vorurteilen und Ablehnung, sondern Interesse und Wertschätzung begegnen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Genau das habe ich getan – mein ureigenes Potenzial entfaltet. Im Rahmen dieses Workshops zu erfahren, dass ich kein Einzelfall bin, keine spontane Mutation des Lebens, keine Laune der Natur, keine Ausnahme von der Regel, sondern dass dieser Weg auch anderen offensteht, war berührend und motivierend zugleich.  

Gleich einem Sonnenstrahl, der sich über den Horizont der scheinbaren Unveränderbarkeit hinweg erhob. Ein Sonnenstrahl, den ich hier weitergebe an alle, die diesen Blog auf ihrer Suche nach Antworten, Lösungen oder Schlüssel finden.

Danke an Mag. (FH) Markus Mitteramskogler MSc für die Informationen und damit verbunden für die Inspiration zu diesen Zeilen.

Noch ein paar Anmerkungen zum heutigen Beitragsbild: Fraktale Spiralen begeistern mich, seit ich sie erstmals erblickt habe. Ein Muster, das sich in sich immer und immer wiederholt. Müsste ich meine Gedanken- und Gefühlswelt bildlich darstellen, wäre es eine fraktale Spirale. Wenn ich nach innen blicke, sieht das, was ich fühle, genauso aus: Ein Gefühl, dass sich immer und immer wiederholt, in unendlichen vielen Facetten, bis es alles ausfüllt – unendliche Lebensfreude in Form und Farbe gegossen.

Bild: pixabay.com

ÜBER TÄTER, OPFER, RETTER UND DEN GANZ NORMALEN IRRSINN

Vor wenigen Tagen fuhr ich morgens mit der Bahn nach Wien. An einer Station stieg eine Schulklasse ein, Jugendliche an der Schwelle zwischen Kind und Teenager. Ich saß auf einem Fensterplatz, neben mir bzw. vis-a-vis von mir (gegen die Fahrtrichtung) waren die Plätze noch frei. Ein Mädchen setzte sich auf den gegenüberliegenden Fensterplatz. Sie wirkte ruhig, unsicher, bedrückt, in sich gekehrt. Kaum eine Minute später rauschte eine Frau in der Lebensmitte an, sichtlich aufgebracht, aggressiv im Tonfall und Körperhaltung, okkupierte den Platz neben dem Mädchen auf eine Art und Weise, dass dieses nicht hätte davonlaufen können. Eine Wortlawine rollte über die Kleine hinweg.

Vielleicht dachte die Pädagogin (als das stellte sich die Frau nämlich heraus: begleitende Lehrerin der Schulklasse), aufgrund meiner Ohrstöpsel und Beschäftigung mit meinem Häkelprojekt würde ich nicht viel mitbekommen. Vielleicht war es ihr auch egal. Der ganz normale Irrsinn der Gleichgültigkeit. Nachdem ich morgens meine Relax-Playlist im Ohr habe, höre ich (manchmal: leider) eine Menge mit. Auch Nadel und Wolle hindern mit nicht daran, mein Umfeld (wenn ich will) sehr genau zu beobachten. Was ich an diesem Morgen wahrnahm, war erschreckend.

Die Pädagogin war in ihrem Tonfall vorwurfsvoll bis aggressiv, ihre Worte übten massiv Druck aus. Sie forderte Erklärungen, Schuldeingeständnisse … besonders hängen blieb bei mir ein Satz: „Es können nicht immer die Anderen schuld sein“… impliziert: DU bist das Problem.

Triggeralarm!

Sinngemäß hatte ich diesen Satz selbst unzählige Male zu hören, zu spüren bekommen. Das Mädchen reagierte – ähnlich wie ich früher – mit Rückzug. Schweigend und (nur scheinbar) unberührt ließ es die Schelte über sich ergehen, doch wer genauer hinsah, hätte bemerken können, dass sie dabei war, die in ihrer Jackentasche verborgenen Hände zu malträtieren. Irgendwo musste der Druck schließlich abgebaut werden, der von der Pädagogin erzeugt wurde und (Interpretation meinerseits, aber vermutlich korrekt) jenen Druck verstärkte, der bereits vorhanden war.

Nach einigen Minuten rang sich das Mädchen zu einem kaum hörbaren „Ich kann noch nicht darüber reden“ durch, was unmittelbar die Feststellung seitens der Pädagogin folgen ließ, dass sie es nicht dabei belassen würde und später ein Gespräch stattfinden würde …

Soweit die äußerlichen Ereignisse.

Innerlich krampfte es mich (wieder einmal) zusammen. Dieses Mädchen war wie ein Spiegel aus der Vergangenheit für mich, der mich ahnen ließ, wohin ihr Weg führen könnte. Früher oder später vermutlich in eine Form der Selbstverletzung, falls die nicht bereits praktiziert wurde. Auf jeden Fall in eine nicht enden wollende Schleife aus überzogener Selbstkritik und Ablehnung. Ein klein wenig betreibe ich hier Hellseherei, aber die Erfahrung lehrte mich, dass meine Kristallkugel in den meisten Fällen nicht annähernd so düstere Bilder zeigt, wie die Realität diese produziert.

Gleichzeitig überlegte ich, ob ich mich einmischen sollte. Aber wie? Die Pädagogin stoppen, die offensichtlich in der Rolle der Täterin agierte? Ich hätte ihr erklären können, was sie gerade dabei war zu tun, aber – ganz ehrlich – vermutlich hätte sie es nicht annehmen können. Eher im Gegenteil: Ihre Aggressivität hätte sich gegen mich gerichtet, was wiederum dazu geführt hätte, dass das Mädchen sich noch mieser gefühlt hätte, weil nun ihretwegen eine Unschuldige zum Handkuss kam. Die Aggressivität der Pädagogin war (meine Interpretation) ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit angesichts einer Situation, die sie nicht kontrollieren und in die von ihr gewünschte Richtung lenken konnte. Schuldzuweisungen an andere sind sehr hilfreich, um nicht auf das Eigene zu schauen. Es gibt noch ein paar weitere Möglichkeiten das Verhalten der Pädagogin zu interpretieren, letztendlich führen sie zu einem ähnlichen Ergebnis: Sie war überfordert – ob mit der Situation an sich, ihren mangelnden Ressourcen damit umgehen oder ihrer eigenen Bedürftigkeit, bleibt offen.

Bei der Täterin zu intervenieren, verwarf ich also. Die bessere Option ist ohnehin, sich um das Opfer zu kümmern, aber nicht um die Schulfrage zu klären, sondern um mich zu erkundigen, was das Mädchen in diesem Moment gebraucht hätte, damit es den inneren Druck reduzieren konnte, was allgemein zur Entspannung der Situation und einer guten Lösung beigetragen hätte. Aber einfach so das Mädchen ansprechen, während daneben eine hochgradig aggressive Pädagogin am Wirken war? Mit hoher Wahrscheinlich hätte auch das eine Reaktion in der Art von „Was geht Sie das an?“ nach sich gezogen, was wiederum den inneren Druck beim Mädchen verstärkt hätte, die sich ja als Ursache von all dem sah.

Die Option, die wahrscheinlich am besten funktioniert hätte, wäre ein Loslösen des Mädchens aus der Situation. Sprich: sie zur Seite nehmen, weit weg von der Pädagogin und auf das Eingehen, was dieses verstörte Mädchen gebraucht hätte. Dazu kam es leider nicht. Die Pädagogin überredete das Mädchen, sich zur restlichen Gruppe zu setzen, in ihren unmittelbaren Einflussbereich … zurück in jenen Kontext, der vermutlich wesentlich zum inneren Druck beitrug. Das Mädchen widersprach nicht. Wie hätte sie auch können? Sie war das Problem, die Schuldige, jene, die nicht funktionierte, wie sie sollte …

Borderliner werden nicht geboren.

Borderliner werden gemacht. Neben traumatischen Erlebnissen und einer (noch nicht nachgewiesenen) genetischen Prädisposition (oder vielleicht doch die Epigenetik? Oder das morphogenetische Feld des Familiensystem?) trägt das Verhalten des Umfeldes massiv dazu bei.

Von ganzem Herzen hoffe ich, an diesem Morgen nicht einen jener Tropfen miterlebt zu haben, die ein Fass füllen, das die Aufschrift „Borderline“ trägt und es eines Tages zum Überlaufen bringen werden.

„Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen – auch in Österreich.“

(Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000186097/suizidalitaet-bei-kindern-und-jugendlichen-in-oesterreich-verdreifacht)

Wenn ein (junger) Mensch sich das Leben nimmt, ist das Umfeld meistens entsetzt. Aber fragt es auch: „Was habe ich dazu beigetragen?“ Die Jugendlichen kommen nicht „kaputt“ auf die Welt. Was sie am Leben verzweifeln lässt, ist das, was danach geschieht – und an dem Menschen (meistens ihr engstes Umfeld) beteiligt sind.

Der ganz normale Irrsinn des Alltags.

Was hätte ich an diesem Morgen tun können? Diese Frage hat mich intensiv beschäftigt. Psycho-Drama sowie die Täter-Opfer-Retter-Dynamik zählen zu meinen bevorzugten Themen, bilden wichtige Zugänge zur Lösung der Borderline-Herausforderung. In meinen aktuellen Buchprojekt werde ich darauf auch entsprechend ausführlich eingehen. Für heute belasse ich es dabei, meine eigenen Erfahrungswerte zu schildern:

(Viel zu) viele Jahre verbrachte ich in der innerlichen Opferhaltung und habe mich darüber gewundert, ständig auf Menschen zu treffen, die mir gegenüber zu „Täter:innen“ werden, über meine Grenzen gingen, mich benutzten, ausnutzten … Dieses „Wunder der Wiederholung“ löste sich erst auf, als ich innerlich aus der Opferrolle ausstieg. Seither sind die Täter:innen verschwunden bzw. machen einen großen Bogen um mich. Wer es dennoch versucht, stellt rasch fest, dass ich nicht länger als Opfer mitspiele. Keine Ansatzpunkte wie Selbstablehnung oder überzogene Selbstkritik, mangelnder Selbstwert, kein eingelöster innerer Konflikt, keine Vorwürfe oder Schulgefühle … nichts, was Täter:innen aufgreifen und weiterverwenden könnten. Bedingungslose Selbstannahme, wertschätzende Selbstliebe, grenzenlose Lebensfreude … wirklich nicht leicht, so jemand runterzudrücken.

In Wahrheit sind Täter:innen alles andere als stark (z.B. die Pädagogin). Sie suchen sich intuitiv vermeintlich Schwächere – und das sind häufig jene, die sich ihrer eigenen Stärke nicht bewusst sein, weil sie in der Selbstkritik und Selbstablehnung feststecken (wie das Mädchen in der Bahn). Unbewusst ziehen also Opfer Menschen in ihr Leben, die zu Täter:innen werden.

Das zeigt sich auch in einer anderen (leider wahren) Geschichte, von Person X, in der Mitte des Lebens stehend, Diagnose Borderline, die Person Y kennenlernt. Person Y stellt sich als Täter:in heraus, Person X nimmt sich nach zwei Jahren einer toxischen Beziehung das Leben. Ein Fallbeispiel aus dem Lehrbuch. Für mich stellt sich jedoch die Frage: Wäre X aus der inneren Opferhaltung ausgestiegen und wäre danach Y begegnet, wäre es zu einer Beziehung gekommen? Hätte das tragische Ende vermieden werden können?

Aus meiner eigenen Erfahrung: Es ist verlockend, den offensichtlichen Täter:innen die Schuld zu geben und sich stark zu machen, um die Opfer zu retten. Doch all das ist nur eine weitere Runde der Täter-Opfer-Retter-Spirale, die sich dreht und dreht und dreht … und erst dann endet, wenn ich als Opfer aus meiner Rolle aussteige. Wie das geht, darüber schreibe ich gerade ein Buch.

Ein lebensphilosophischer Gedanke zum Motiv der Spirale: Sie ist allgegenwärtig im Universum, ob in Form von Galaxien, der DNA-Helix, Wirbelstürmen, der Pflanzen- und Tierwelt, Wasser, das in der Spüle abfließt, Wiederholungen von Ereignissen (Beziehungsmustern) … Spiralen weit und breit. Auch die Täter-Opfer-Retter-Dynamik folgt einem Spiralmuster, das üblicherweise destruktiv nach unten zieht. Durch die bewusste Umkehr der Dynamik kann diese Spirale aber auch konstruktiv nach oben führen. Wie alles im Leben, hat auch eine Spirale zwei Seiten – oder zwei Richtungen – aus kommt darauf an, wohin sich der Blick (Fokus) richtet.

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BEFREMDLICH …

… dieses Wort beschreibt noch am besten, was ich heute gefühlt habe, als ich auf der Buchmesse in Wien auf der Toilette einen Abfallbehälter vorgefunden habe, der gekennzeichnet war mit den Symbolen von Spritze, Rasierklinge und Sicherheitsnadel. Ich starrte auf die drei Symbole, während mir bewusst wurde, welchen Zweck dieser spezielle Behälter erfüllt.

Seither kreisen unterschiedlichste Gedanken durch meinen Kopf.

Gut, dass es eine Möglichkeit der Entsorgung gibt, die verhindert, das (noch mehr) Schaden geschieht.

Nachdenklich stimmend, dass offenbar der „Bedarf“ wahrgenommen wurde, entsprechende Behälter zu installieren. Damit sind Kosten verbunden, die eine gewisse Notwendigkeit dahinter vermuten lassen. So was macht man eher nicht für vereinzelte Ausnahmefälle, sondern … gehäufte Vorkommnisse? Teil des Alltags? Routine?

Bedrückend zu wissen, dass sich hinter all dem menschliches Leid verbirgt. Schmerz, Verzweiflung, Kummer, Angst, Wut, Scham, Einsamkeit … inmitten einer Wohlstandsgesellschaft.

Drei Symbole, schmerzlich verbunden mit Selbstverletzung und Selbstzerstörung. Was fehlt, ist ein Symbol der Hoffnung, eine Telefonnummer, Hinweis auf Stellen, die Hilfe anbieten. Für das „Danach“ ist gesorgt, doch was ist mit dem „Davor“?

Abgestumpft … noch so ein Gefühl, das ich wahrnahm.

An dieser Stelle schloss ich die Datei. Ich konnte nicht weiterschreiben. Das Thema wühlte mich zu sehr auf, warf mich in eine Spirale der Anklage gegen ein System, das weniger an Ursachenlösung als an Abfallbeseitigung interessiert scheint: Bitte nach Selbstverletzung das Werkzeug korrekt entsorgen.

Theatralischer Zynismus? Ja – und der Zeitpunkt für eine Unterbrechung, damit Gedanken und Emotionen sich wieder beruhigen und neu ausrichten können.

Gewiss, ich könnte meine rhetorischen Fähigkeiten nutzen, um ein berührendes Manifest in Stein zu meißeln, aber was würde ich damit erreichen? Die Vorurteile in den Köpfen jener zu zementieren, die glauben zu wissen …

Was dabei auf der Strecke bliebe, ist das, was meine Seele in diesem Augenblick braucht, um die Erinnerungen an Schmerz und Leid loszulassen, die durch die 3 Symbole und die damit verbundene Thematik getriggert wurden. Auf die Barrikaden zu steigen, um kämpferisch eine Veränderung einzufordern, trägt in sich die Energie des Kampfes (gegen etwas). Kampf vermag (oberflächlich) Konflikte zu beenden, doch das, was es zu verändern und zu heilen gilt, liegt unter der Oberfläche, braucht Verständnis und Liebe.

Deshalb kämpfe ich nicht (gegen das, was ich befremdlich, ja verstörend finde), sondern kümmere mich um jenen Anteil von mir, der in selbstloser Weise diese Welt heilen möchte – mit Liebe. Jenen Anteil, der nicht versteht, warum Menschen sich selbst und andere verletzen, zerstören. Dieser Anteil träumt davon, was möglich wäre, wenn Konflikt und Konfrontation durch Kommunikation und Kooperation ersetzt werden. Wenn Menschen nicht nach Aussehen, Ruhm oder Besitz streben würden, sondern danach, die bestmögliche Version von sich selbst zu werden, um ihr Potenzial zu entfalten und dieser Welt eine wunderbare, liebevolle Facette hinzuzufügen. In der Dunkelheit des Schmerzes möchte der feurige Funken Lebensfreude in mir jenes Licht sein, das Hoffnung schenkt und ein winziges Stück des Weges erkennen lässt, der zurückführt zu dem, was es sein sollte – ein Leben im Einklang mit sich selbst und dem großen Ganzen. Ein Leben voller Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung.

Der Weg zurück ins Licht der Bewusstheit und Ganzheit.

Der Weg der Liebe.

Der Weg der Heilung.

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IN DER LIEBE LEBEN

Sonntags gönne ich mir oft ein gemütliches Frühstück, höre mir dabei eine Radiosendung an, in der Menschen interviewt werden und aus ihrem Leben erzählen. Ich bin mittendrin eingestiegen, habe also nicht das Gespräch vorher mitbekommen, aber ein Zitat, dass ich versuche hier wiederzugeben:

„Am Ende meines Lebens möchte ich in der Liebe gelebt haben, nicht nur in der Zeit“.

Leider habe ich nicht gehört, wer diese weisen Worte formuliert hat und meine Online-Recherche dazu brachte auch noch kein Ergebnis.

Was ich allerdings mitbekommen habe, war die „Wow“-Reaktion des Interviewers, die wiederum bei mir die stirnrunzelnde Frage ausgelöst hat: „Was erstaunt dich daran? Genau darum geht es doch im Leben.“

… und im nächsten Moment wurde mir (wieder einmal) bewusst, dass nicht alle Menschen wissen, worum es wirklich geht im Leben, was zu innerem Frieden, Gelassenheit und einem rundum gesunden (im Sinne von in der eigenen Mitte sein) führt. Dass seelische Gesundheit maßgeblich das emotionale Gleichgewicht und die physische Konstitution beeinflusst, sei hier nur nebenbei erwähnt.

In der Liebe leben …

… eigentlich hatte ich mir für heute vorgenommen darüber zu schreiben, wie ich damit umgehe, wenn die „Kopfarbeit“ über Hand nimmt (was sie gerade tut) und wie wichtig es für mein Gleichgewicht ist, in solchen Phasen mich bewusst meinen „Herzthemen“ zu widmen:

  • Liebevolle Gedanken in die Welt hinauszuschicken (auch in dem Wissen, dass alles, was ich denke, sage und schreibe, stets mindestens 1 Zuhörerin erreicht – nämlich mich selbst und damit auch mir gut tut).
  • Kreativität auszuleben und etwas zu erschaffen, das mein Herz erfreut – und im besten Fall auch andere.
  • Die Begrenzung des Individuums zu überwinden (und damit auch die gefühlten Beschränkungen) und ein Teil dessen zu werden, was größer ist als ICH … EINS zu werden mit dem Leben selbst. Am einfachsten fällt mir das draußen in der Natur.

Ich wollte heute darüber schreiben, wie besonders die (an sich nicht neue, aber erst seit relativ kurzer Zeit freudvolle) Erfahrung für mich ist, auf mir noch unbekannten, aber vielfach sehr alten, verwachsenen Wegen durch die Weiten des Waldes zu streifen, nicht zu wissen, was hinter der nächsten Anhöhe auf mich wartet, dabei alle Alltagsgedanken hinter mir zu lassen, völlig im Augenblick dieses Mini-Abenteuers zu leben …

… einfach nur zu sein. Einfach nur in der Liebe zu leben.

Liebe ist so viel mehr als das Gefühl für einen anderen Menschen, einen Ort, eine Sache …

Liebe ist (für mich) auch das völlige Annehmen des Augenblicks, jeden Sonnenstrahl zu spüren, der durch das bunte Blätterdach der Bäume zu mir vordringt, all die Farben wahrzunehmen, das Rascheln unter meinen Füßen bei jedem Schritt sowie den Duft des Herbstes, der sich von allen anderen Jahreszeiten unterscheidet. Im Augenblick, in dem einen Herzschlag, den mein Bewusstsein erfassen kann, zu leben voller Dankbarkeit dafür, hier zu sein und dieses Leben, das mir geschenkt wurde, für dessen Gelingen ich die alleinige Verantwortung trage, zu lieben – mit allem, was dazugehört. Keine unausgesprochene Anklage, kein stummer Groll, kein nagender Zweifel, keine diffuse Angst … einfach nur umfassende Dankbarkeit, bedingungsloses (Ur)Vertrauen, innere Gelassenheit, lebensbejahende Zuversicht, kraftvolle Ruhe – oder in ein Wort gebracht: Liebe.  

In der Liebe zu leben, bedeutet für mich, mit sich selbst im Reinen zu sein, denn nur dann vermag ich wahrhaft bedingungslos zu lieben – ohne gefährdet zu sein, das von mir Geliebte als Kompensation des unerfüllten Bedürfnisses in mir zu verwenden. Vereinfacht gesagt: Meine Liebe zu X soll über meine mangelnde Liebe zu mir selbst hinwegtäuschen. Aber so läuft das nicht. Diese Form der Liebe entwickelt sich rasch zur Sucht (oder Suche), die erfüllen soll, was fehlt – und leider nicht von extern erfüllt werden kann.

Wer lernt, seine Bedürfnisse aus sich selbst heraus zu stillen, kann der Spirale der Bedürftigkeit entwachsen und frei werden, in der Liebe zu leben.

Es wäre so einfach – doch es ist (meine eigene Erfahrung) nicht immer leicht. Für mich war es ein langer, lehrreicher Weg, der weitergeht, jeden einzelnen Tag, der noch vor mir liegt. Am Ende meines letzten Tages möchte ich zurückblicken können auf ein Leben, dass ich in Liebe gelebt habe.  

TIEFERGEHENDE EINBLICKE Vol.2

„Zweifel und Angst hatten sich in der Vergangenheit als schlechte Ratgeber erwiesen, und so wurde Hoffnung meine Verbündete. Geduld stellte mich auf eine harte Probe.“

Die darin verborgene Botschaft lässt sich auf eine Frage komprimieren:

Lebst du in der Angst oder in der Liebe?

Wer in der Angst lebt, muss bewerten, auch abwerten, um alles „unter sich im Blick“ zu behalten, die Illusion von Kontrolle aufrecht zu erhalten. Wer andere bewertet, stellt sich über sie. Hält anderen den Spiegel vor die Nase und erblickt darin doch nur die eigenen Fehler, ohne sie zu erkennen.  

Liebe wertet nicht. Sie nimmt dich so, wie du bist, mit allem, was dazu gehört.

Wer in Angst lebt, zweifelt, an allem und jedem – und sich selbst.

Liebe hat Vertrauen.

Angst lässt dich festhalten, auch wenn es dir längst nicht gut tut.

Liebe lässt los, öffnet die Arme für das Wunderbare, wissend, dass jeder sich selbst begegnet. Angsterfüllte treffen Angsterfüllte, Liebende treffen Liebende.

Du willst liebevolle Menschen in deinem Leben haben, die dich wertschätzend behandeln? Werde zur Liebenden, lehn dich zurück, hab Geduld, hab Vertrauen und lass dich überraschen.

Sei frei von Erwartungen, denn diese würden dich nur beschränken.

Werde in dir, was du da draußen zu finden erhoffst.

Ebenso wie Jana durfte auch ich die Lektion der Liebe mehrfach durchlaufen. Angst gleicht der dunklen Seite der Macht: sie ist schnell verfügbar, verführerisch, trügerisch, denn die damit verbundene Kontrolle scheint Macht zu verleihen. Liebe muss nicht kontrollieren, Liebe vertraut. Vertrauen mag naiv wirken, doch steckt eine Menge Kraft dahinter, zu vertrauen, darauf zu vertrauen, dass – was auch immer kommen mag – man einen Weg findet, damit umzugehen, dem gewachsen zu sein.

Aus der Angst in die Liebe.

Alles braucht seine Zeit. Heilung lässt sich nicht erzwingen. Aus meinen geplanten 3 Jahren für JAN/A wurden 6. Hab ich versagt? Keineswegs. Ganz im Gegenteil. „Zeit ist nicht immer ein Feind. Zeit kann ein Verbündeter sein“. Diesen Satz habe ich mehrfach in die Story eingebaut. Zeit kann ein Fundament erschaffen, dass in den Stürmen des Lebens Halt gibt. Doch dafür braucht es Vertrauen – und Liebe.

Liebe öffnet die Augen für die verborgenen Botschaften, die Stimmen der Herzen, die Bilder der Seele. Wo Angst nur Bedrohung wahrnimmt, erkennt Liebe die Zusammenhänge.

Während Angst den Blick verdunkelt, lässt das Licht der Liebe die Farben heller erstrahlen. Ein Lichtstrahl genügt, um die völlige Dunkelheit zu verwandeln – ähnlich der Klarheit, die mit Liebe einhergeht. Frei von Zweifel, frei von Angst, voller Vertrauen.

Eine der wenigen Entscheidungen, bei der es um „entweder – oder“ geht: Lebst du in der Angst oder in der Liebe?

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenstrahlen-wald-nebel-b%C3%A4ume-1547273/

TIEFERGEHENDE EINBLICKE Vol.1

„Deine Emotionen gehören zu dir und du wirst lernen, damit umzugehen. Sie auszuschalten, nur damit du rational denken kannst, ist keine Option, die ich akzeptiere.“

Dieses Zitat aus Band 3 meiner autobiographischen Roman-Trilogie „JAN/A – Eine [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte #Borderline“, habe ich vor kurzem in Facebook gepostet. An sich eine taffe Ansage, die für sich selbst stehen könnte, doch ich möchte auch auf die Hintergründe mehr eingehen. Immerhin verdanke ich JAN/A meine Rückkehr in die Umarmung des Lebens (Selbstheilung durch Schreibtherapie).

Vermutlich kommt so etwas nicht alle Tage vor, weshalb es möglicherweise hilfreich für andere sein kann, wenn ich ein wenig über die Hintergründe erzähle. In den kommenden Wochen erwarten euch hier also tiefergehende Einblicke.

Emotionen ausschalten ist nicht ganz zutreffend formuliert, denn – meiner Erfahrung nach – ist das gar nicht möglich, ABER Emotionen lassen sich umfassend unterdrücken, bis sie im Wachzustand nicht mehr spürbar sind. Dennoch brodeln sie unter der Oberfläche weiter. Ich vergleiche diesen Zustand in der Story gerne mit dem „verborgenen Ozean der Gelassenheit“ (also dem, was ich als natürlichen Gefühlszustand eines emotional ausgeglichenen Menschen betrachte). Jener Ozean wird durch unterdrückte Emotionen aufgewühlt, das Gleichgewicht gestört.  

Wie bei einer Sprungfeder, die zusammengedrückt wird, braucht es auch beim Unterdrücken von Emotionen einiges an Energie – insbesondere, um den Zustand zu erhalten (was erklärt, warum es so kräfteraubend ist, etwas zu unterdrücken). Wird die Sprungfeder losgelassen, schnellt sie in ihren Ausgangszustand zurück – ähnlich verhalten sich unterdrückte Emotionen. Gleich einer Pop-up-Figur in einer Schachtel poppen sie auf, sobald das, was sie zurückgehalten hat, schwächer wird oder gänzlich wegfällt. Dafür genügt mitunter ein harmloser Auslöser im Außen.

Ein Beispiel aus meinem Alltag, das sich erst vor wenigen Stunden ereignet hat.

Ich stehe in der Küche, schäle Äpfel für ein Kompott, bin gechillt im sonntäglichen Relax-Modus, im Radio spielt es den Song „Großvater“ von STS und kaum eine Minute später laufen Tränen über mein Gesicht. Die emotionale Stimmung des Songs triggert etwas tief in mir, dass vor beinahe 50 Jahren „unterdrückt“ wurde (nicht freiwillig). Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt. Ich erinnere mich an einen Großvater, der eine andere Sprache als ich sprach, bei dem ich mich wohl fühlte, obwohl er merkwürdig roch (Tabak). Eines Tages war er weg und ich bekam mein eigenes Zimmer. Niemand erzählte mir, wohin mein Großvater gegangen war. Von seinem Tod erfuhr ich erst Jahre später, als ich die Inschrift auf dem Grabstein lesen konnte. Die Traumatisierung, die mich in die Dunkelheit warf, geschah rund drei Jahre vor dem Tod meines Großvaters. Ich war also bereits „vorbelastet“. Gut möglich, dass ein Teil von mir damals den Tod intuitiv wahrnahm, aber da mein Umfeld sich so verhielt, als wäre alles in Ordnung, ich sogar noch mein eigenes Zimmer bekam, schob ich das Gefühl der Trauer als unangebracht in mir zur Seite, unterdrückte es, bis ich es nicht mehr wahrnehmen konnte. Auch nicht, als einige Jahre später mein Vater starb, oder nochmal einige Jahre später meine Großmutter. Bis heute kann ich das Gefühl der Trauer nicht dann zulassen, wenn es angebracht wäre. Stattdessen drängt es in einem Moment, in dem alles in bester Ordnung ist, wie aus dem Nichts an die Oberfläche, getriggert durch einen Song im Radio.

Viele Jahre hielt ich mich für „gefühlsbehindert“, weil es neben Trauer noch einige andere (vor allem positive) Gefühle gab, die ich nicht spüren konnte – doch sie waren da, tief in mir. Das Schreiben meiner Geschichten half mir, diese Gefühle wiederzufinden und sie in den passenden Kontext zu setzen, so dass ich die meisten (bis auf Trauer) heute fühlen kann – wenngleich sie mitunter extrem intensiv sein können. Alles im Leben hat zwei Seiten – so auch Borderline: intensive Emotionalität, aber auch dafür gibt es Möglichkeiten. Nicht, um zu dämpfen, sondern um auszugleichen und fühlend in der Balance zu bleiben.

Unterdrückte Gefühle bauen Spannung auf. Das sieht man an Menschen, die sich ärgern, diese Wut runterschlucken und nach außen hin versuchen, ruhig zu bleiben. Manche beißen dabei die Zähne zusammen, bis diese knirschen. Da verspannen sich Nackenmuskel, ballen sich Fäusten, verkrampfen Waden und Mägen, erhöht sich der Blutdruck …

Um eines klarzustellen: ich sage NICHT, dass Wut immer ausgelebt werden soll, aber anstatt sie zu unterdrücken, wäre es klug (und im Hinblick auf die physische und psychische Gesundheit sehr empfehlenswert) zu lernen, die Wut zu transformieren – oder sich einen Kontext zu suchen, in dem die Wut ausgelebt werden kann ohne Schaden anzurichten. Ich persönlich lebe ganz viel meiner intensiven Emotionalität beim Schreiben aus. Aufgrund meiner äußerst lebendigen Vorstellungskraft finden sich vielfältigen Szenarien, in denen die unterschiedlichsten Emotionen Platz finden.

Hierzu eine Anmerkung der Mentaltrainerin in mir: „Unser Unterbewusstsein kann nicht unterscheiden zwischen Vorstellung und Realität. Wer sich also lebhaft vorstellt, etwas zu erlebt, dessen Unterbewusstsein erlebt dies auch.“ Deshalb können Fantasiereisen so entspannend sein, funktionieren Trancen und Aufstellungsarbeiten. Deshalb konnte ich durch das Schreiben von JAN/A all die Blockaden in mir auflösen, die Wunden heilen, aus der Zerrissenheit in die Ganzheit zurückkehren.

Emotionalität gehört zum Menschsein. Unsere Gefühlswelt ist etwas Einzigartiges, vielschichtig, facettenreich, lebendig, mitunter widersprüchlich und manchmal können wir uns ihr ausgeliefert fühlen. Unsere Gefühle sind das, was uns bestimmt, mehr noch als unser Intellekt. Wir fühlen vom ersten Augenblick unseres Lebens an, lange noch, bevor wir eine individuelle Persönlichkeit entwickeln, und wir fühlen auch noch dann, wenn Krankheiten wie Alzheimer oder Demenz unsere geistigen Fähigkeiten einschränken.

Für mich sind jene Menschen wahrhaft stark, die ihre Gefühle zulassen inmitten einer Welt, die oftmals wenig gefühlvoll mit uns umgeht. Menschen, die ihren Verstand (Kopf) nicht über ihre Gefühle (Herz) stellen, sondern beides vereinen – auch wenn dies eine lebenslange Aufgabe sein kann. Menschen, die begriffen haben, dass sie nur dann vollständig (eins) sind, wenn sie all das, was in ihnen ist, annehmen und liebevoll umarmen. Denn nur dadurch beenden sie den Konflikt in sich und können die aus der Tiefe ihres Seins entspringende Harmonie in die Welt hinaustragen.

Genau das war es, was mich letztendlich wieder heil (eins) werden ließ: das Auflösen der Konflikte in mir, das Annehmen all dessen, was ich war – inklusive meiner Gefühle – auch wenn eines davon noch ein kleines Thema mit dem passenden Timing hat, aber das ist in Ordnung und darf sein.

Nobody is perfect 😉

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DIE ULTIMATIVE FRAGE

… lautet: Lebst du in der Angst oder in der Liebe? Ohne lange darüber nachzudenken, aus dem Bauch heraus, was ist deine Antwort? Sie wird dir so einiges über dich verraten. Zum Beispiel, ob du deine Themen bereits gelöst hast, oder da noch ein paar Baustellen auf dich warten. Zögern zeigt in diesem Fall nur, dass sich das Denken vors Fühlen drängt. Vielleicht um eine Antwort zu finden, die plausibel erklärt werden kann? Ausschweifende Erläuterungen, warum es in einem Fall so und im anderen anders ist, umschifft den Kern der Frage ebenso. Es geht einzig und allein um eines:

Welches Gefühl bestimmt dich?

Jedes Gefühl ist auch eine Schwingung, die dich durchdringt und über dich hinaus in die Welt wirkt.

Mich bestimmte viele Jahre die Angst, manchmal klar auf etwas ausgerichtet, manchmal diffus, aber stets das Gefühl der Angst vor etwas. Damit verbunden waren jede Menge Zweifel & Co, die Kraft raubten.

Es hat einige Zeit und viel Arbeit erfordert, doch ich konnte meine Grundschwingung neu ausrichten. Jeder negativen Erfahrung stellte ich eine positive gegenüber. Irgendwann war die Bilanz ausgeglichen. Heute ist es Liebe, die mich bestimmt und mir Kraft schenkt, mich in der Umarmung des Lebens Geborgenheit finden lässt.

Ereignisse, welche die Angst in uns verstärken, gehören zum Leben dazu. Sie passieren, ob wir wollen oder nicht. Der liebevolle Ausgleich dazu braucht manchmal etwas Nachhilfe, um sich zu offenbaren. Oder besser gesagt: Achtsamkeit und bewusste Wahrnehmung, dass unter all dem, was in dieser Welt geschieht, sich auch viel Positives ereignet, Liebe allgegenwärtig ist, wenngleich sie sich oft bescheiden im Hintergrund hält. Wir vergessen häufig darauf, wenn anderes sich lautstark in den Vordergrund drängt. Dabei wäre es enorm wichtig, den Fokus bewusst zu steuern, denn das, was Aufmerksamkeit bekommt, wird mehr. Die Mehrheit bestimmt. Was bestimmt dich?

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HEILE DICH SELBST

In einem Land wie Österreich als Nicht-Medizinerin das Wort „Heilung“ in den Mund zu nehmen, kann einen in Teufels Küche bringen. Vom Gesetz her ist es nur Medizinerinnen und Medizinern gestattet, zu heilen. Neben vielen anderen stellt sich mir auch diese Frage:

„Darf ich mich denn selbst heilen?“

Soweit mir bekannt ist, steht darüber nichts in den Gesetzestexten.

Wenn es um körperliche Erkrankungen und Verletzungen geht, leistet die Medizin (meistens) viel Gutes. Ich möchte diese Leistungen in keinster Weise schmälern, ABER meiner Erfahrung nach ist die klassische Medizin bei psychischen und seelischen Leiden rasch an ihren Grenzen (oder beim Verordnen von Psychopharmaka). Auch Psychotherapeuten heilen nicht, sie begleiten, können Impulse setzen, Wege aufzeigen, Feedback geben, aber sie heilen nicht.

Ich habe die Verletzungen meiner Seele und Psyche selbst geheilt. Therapeutische Gespräche, unterschiedlichste Seminare und Workshops, Aufstellungsarbeit, Reflexion, Selbsterfahrung, Coaching … ICH habe viel für meine Heilung getan, vieles von außen bekommen – doch wäre ich innerlich nicht bereit gewesen, all dies anzunehmen, wäre es wirkungslos geblieben.

Genau das geschieht – meiner Beobachtung nach – täglich.

Menschen erwarten, dass jemand anders sie heilt. Sie absolvieren Therapien, führen Gespräche, machen dies und das in der Erwartungshaltung, dass sie dadurch geheilt werden. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass zuerst der Schmerz und das Leid losgelassen werden muss, damit es zur Heilung kommen kann.

Loslassen kann niemand anders für uns. Loslassen kann jeder nur selbst.

Mit Loslassen meine ich nicht oberflächliche, kopflastige Aussagen, sondern tiefgehende emotionale Prozesse. Seelischer Schmerz ist häufig derart in uns verankert, dass dieser „normal“ wird, ein Leben ohne diesen Schmerz schlichtweg nicht vorstellbar. Dann können Frage wie diese auftauchen:

„Was bleibt mir noch, wenn ich den vertrauten Schmerz, den roten Faden meines Lebens, das Einzige, was verlässlich immer da war, loslasse?“

Leere?

Wer innerlich von Angst erfüllt ist, mag das so sehen. Es gibt aber – wie immer im Leben – auch andere Sichtweisen:

Leere enthält das Potenzial der Fülle.

Leere ist nichts, kann aber alles werden, abhängig von dem, was wir daraus machen.

Leere gleicht einem Freiraum, in dem wachsen kann, was zuvor keinen Platz hatte, weil es vom Schmerz erdrückt wurde.

Leere ermöglicht Neubeginn.

Nur wer loslässt, kann (vorübergehend) Leere in sich schaffen, denn das Leben füllt stets nach. Was es wird, entscheidet jeder von uns selbst.

Jemand anders kann ein Pflaster auf meine Wunde kleben, doch dieses Pflaster wird nicht heilen, sondern die Zellen meines Körpers werden den Schaden reparieren.

Jemand anders kann tröstende Worte zu mir sprechen, aber diese Worte werden die Verletzung meiner Seele nicht heilen, sondern die Gedanken und Gefühle, mit denen ich die Verletzung betrachte, werden dazu führen, dass ich wieder ganz (=heil) werden darf.

Dieser Gedankenansatz half mir, meine Traumatisierungen aufzulösen, aus innerer Zerrissenheit eine harmonische Einheit zu formen, mich selbst voll und ganz anzunehmen, Ruhe und Gelassenheit zu fühlen … kurz gesagt: ICH und heil zu werden.

Das Potenzial der Selbstheilung schlummert in jedem von uns. Was es braucht, ist Raum, um sich zu entfalten.

Lass los und werde frei (von Schmerz und Leid).

HÖHEN UND TIEFEN

Drei Wochen – solange habe ich bis dato noch nie pausiert, um einen Beitrag zu erstellen. Gefühlt habe ich meinen letzten Beitrag vor ein paar Tagen geschrieben. Aber so geht’s, wenn man (oder ich) auf 120% Leistung (im Job) unterwegs ist. Kreatives Schaffen und Spaß rückt dann in den Hintergrund. Prioritäten setzen. Deshalb sitze ich jetzt auch auf über 1.600 m Seehöhe am Berg in der Sonne und blicke hinab ins Tal, auf all das, was für ein paar Tage weder wichtig noch dringlich ist.

Me Time ist angesagt.

Dazu gehört auch, meine Gedanken der vergangenen Wochen zu sortieren und niederzuschreiben.

Inmitten der Berge aus Arbeit, die ich abgetragen habe, tauchte ein (in diesem Setting unerwartetes) Thema mehrfach auf: Borderline-Diagnosen bei jungen Menschen, die einerseits ihre Pubertät hinter sich haben, aber andererseits noch nicht so richtig erwachsen und in ihrem Leben angekommen sind. Diese Menschen kannten weder meinen Lebensweg noch wussten sie von meiner Borderline-Diagnose, doch was sie über sich erzählten, ließe sich nahtlos in meine Geschichte einfügen – obwohl gut drei Jahrzehnte Altersunterschied besteht.

Nichts hat sich geändert.

Dieselben Probleme. Dasselbe Gefühl, sich von den anderen unverstanden zu fühlen, weil diese nicht wissen, wie sie mit einem umgehen sollen. Dasselbe Gefühl, sich selbst nicht zu verstehen und mit selbst nicht klarzukommen. Dasselbe Gefühl, irgendwo im nirgendwo zu sein, ohne Halt, ohne Geborgenheit. Dasselbe Gefühl, nicht zu funktionieren, kaputt zu sein, defekt …

In den Augen allzu oft erkennbar die Hilflosigkeit angesichts einer Herausforderung, die übermächtig erscheint. Tiefverwurzelte Einsamkeit. Manchmal auch Verzweiflung, weil keine Lösung in Sicht. Mitunter Wut, wenn all der Druck zu viel wird. Im schlimmsten Fall Selbstaufgabe.

Diese Begegnungen haben mich in meinem Innersten berührt und eine Ahnung aufkommen lassen, dass es – trotz aller Möglichkeiten, die uns heute zur Verfügung stehen – zu einer Zunahme an Borderline-Betroffenen kommen wird. Wie könnte es auch anders sein? Die Fälle von Mobbing & Co nehmen zu, Narzissmus ist längst keine Randerscheinung mehr, das Aussehen zu optimieren wichtiger als Charakterbildung. Gleichzeitig fehlt es immer öfter an Orten und Menschen, wo man sich geborgen fühlt, 100% authentisch sein kann und trotzdem (oder genau deshalb) wertgeschätzt wird. Von Überforderung, Überlastung, Eigen- und Fremdausbeutung mal ganz zu schweigen. Unser Lebensstil und unsere Gesellschaft werden vermehrt Borderliner produzieren. Punkt.

Was kann ich daran ändern?

Vermutlich nicht viel, doch ich kann anfangen, die Distanz, die zwischen Autorin und Leserschaft besteht, zu verkleinern. Ich kann auf Betroffene und Angehörige zugehen, jenen Raum der Geborgenheit anbieten, der häufig fehlt. Ich kann meine Erfahrungen und Methoden teilen. Ich kann Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Von hier oben verändert sich der Blick.

Es gibt keine Zufälle im Leben – zumindest glaube ich nicht an Zufälle. Das diese Begegnungen dort stattgefunden haben, wo ich sie nicht erwartet hätte, interpretiere ich als „sanften Wink“ des Schicksals, das es für mich um mehr geht, als „nur“ meine Herausforderung gelöst zu haben. Meinem Bauchgefühl lauschend vernehme ich eine Stimme, die mir zu flüstert:

„Vertrau drauf, dass du diesen jungen Menschen etwas geben kannst, wenn sie deinen Weg kreuzen. Erzähle einfach deine Geschichte, frei von Schmerz, voller Liebe und Dankbarkeit. Und sage ihnen, dass auch sie zurück finden können in die Umarmung des Lebens.“