Der Titel mag dramatisch klingen und auf düstere Schilderungen vorbereiten, doch tatsächlich geht es um Verständnis und Auswege.
Vor wenigen Tagen kam ich an einen Punkt, der dem Titel in jeder Weise gerecht wird: erschöpft, ständig müde, gleichzeitig keine Ruhe findend. Schlaf brachte keine Erholung mehr, ausgeruht fühlte ich mich seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr. Antriebslos, lustlos, nichts hat noch Freude bereitet, weder im Job, noch Hobbies, auch nicht mehr kreativen Projekten, die seit Wochen mehr oder weniger im Dornröschenschlaf vor sich dahindämmern. Selbst meine Playlists funktionierten nicht mehr. Alles war nur noch dumpf – gleichzeitig fühlte ich mich häufig gereizt, angespannt, erdrückt, im Stich gelassen, allein. Im Job funktionierte ich wie gewohnt, allerdings auch bereits deutlich leistungseingeschränkt. Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnislücken. Zunehmend begann ich mich zurückzuziehen aus dem Alltag und vor allem von anderen Menschen. Das Verlassen der Wohnung wurde schwieriger, nicht nur morgens, auch für Spaziergänge am Wochenende. Ich begann mich in einem Schneckenhaus zu verschanzen.
Monatelang schob ich meinen Zustand auf die aktuellen familiären Herausforderungen in der Familie, auf die „Verpflichtung“ mich um meine Mutter zu kümmern, auf die schmerzhaften Erlebnisse meiner Kindheit. All dies reflektierte ich ausgiebig, holte mir therapeutische Begleitung, arbeitete intensiv daran … aber es veränderte NICHTS an meinem Zustand. Auf kurzzeitige Phasen voll positiver Aufbruchsstimmung folgte das nächste Tief.
Gefangen im Würgegriff der Depression.
Und dann geschah etwas unerwartetes. Für eine Vorsorgeuntersuchung ließ ich ein Blutbild machen. Der Befund sprach Bände, was meinen depressiven Zustand betraf: Mangel an Vitamin D3 und B12, Mangel an – oder besser gesagt: nahezu nicht mehr nachweisbar – Östrogen.
Ja, ich bin eine Frau in der Lebensmitte und durchlebe die damit verbundenen körperlichen Umstellungen.
Nein, ich verliere damit weder meine Weiblichkeit noch höre ich auf, Frau zu sein, nur weil mein Hormonhaushalt in eine andere Phase wechselt… nur falls jemand diesbezüglich noch veraltete Vorurteile im Kopf hat.
D3, B12 und Östrogen … jedes davon kann bei Mangelzuständen Auswirkungen auf die Psyche haben und u.a. Depressionen auslösen bzw. fördern. Was eine Kombination daraus bedeutet, durchlebe ich gerade. Es erklärt mir auch, warum alle meine mentalen Skills und über Jahre optimierten Tools nicht mehr nachhaltig greifen, sondern nur kurzzeitig wirken, warum meine intrinsische Lebensfreude wie erloschen scheint. Mentale Stärke produziert nun mal keine Hormone oder Vitamine (jedenfalls bin ich noch nicht auf dieser Entwicklungsstufe angelegt – sollte es sie überhaupt geben).
Oder anders gesagt: mit positivem Denken und mentaler Stärke habe ich mich (vermutlich) bereits seit Wochen „über Wasser gehalten“, während mein hormonelles Gleichgewicht sich weiter verschlechterte und der Vitaminmangel konstant wuchs. Bis zu dem Punkt, an dem gefühlt nichts mehr ging und ich unterging.
Die erste Reaktion meines Arztes nach der Diagnose Depression war – wie hätte es anders sein können – die Empfehlung von Antidepressiva, die ich dankend ablehnte. Ich setze auf die Einnahme von jenen Stoffen, die in meinem Körper fehlen, um die Depots wieder zu füllen bzw. das Gleichgewicht herzustellen. Mir ist bewusst, dass dies nicht über Nacht geschehen wird, da ich punkto Hormone auf die pflanzlichen Varianten setze. Vermutlich liegen einige Wochen vor mir, in denen ich mich nur langsam aus dem Würgegriff der Depression befreien werde, aber ich werde diesen Prozess bewusst durchlaufen und die Veränderung wahrnehmen. Meine Stimmung künstlich hochzufahren, nur um „normal“ zu wirken, gleichzeitig nicht wirklich zu spüren, ob mein Hormonhaushalt wieder in Balance kommt, ist für mich persönlich keine Option. Es geht um meinen Körper, meine Psyche. Wenn meine Stimmung im Keller ist, dann ist sie das. Punkt. Ich bin ausreichend reflektiert, um zu wissen, dass das, was derzeit an Gedanken und Gefühlen in mir auftaucht, massiv von meinem hormonellen Ungleichgewicht eingefärbt ist. Manchmal, wenn sich so ein „schwarzes Loch“ vor mir auftut und düstere Gedanken und Gefühle versuchen mich in seinen Schlund zu treiben, dissoziiere ich, blicke auf mich selbst und das, was in mir brodelt, nehme die „hormonelle Fremdsteuerung“ wahr. Allmählich gewinne ich daraus sogar den Eindruck, dass diese „hormonelle Fremdsteuerung“ meine Gedanken und Gefühle in eine bestimmte Richtung manipuliert, nämlich die Ereignisse in der Umwelt so zu interpretieren, dass sie meiner depressiven Stimmung entsprechen. Während der Therapie fiel mir auf, dass ich begann, längst aufgelöstes neu als Problem zu konstruieren, nur um etwas zu haben, an dem ich arbeiten kann, weil mein emotionaler Zustand anders nicht mehr erklärbar war.
Vereinfacht gesagt: alles im außen erscheint belastend und gegen mich gerichtet, weil ein Teil von mir offenbar sicht- und greifbare Auslöser braucht, die als Ursache für die Depression herhalten können. Echt tricky… und umso wichtiger, all das mit (halbwegs) klarem Kopf wahrzunehmen.
Depressionen sind kein Zeichen von Schwäche.
Depressionen können jede und jeden treffen – und müssen noch nicht einmal mit realen Ereignissen in Zusammenhang stehen.
Wer mich kennt, weiß: ich bin eine starke Frau, reflektiert, selbstbestimmt, unabhängig … all dem zum Trotz (noch) im Würgegriff einer Depression. Doch ich werde mich daraus befreien, das ist gewiss, umso mehr ich nun die Ursache kenne.
Meine Empfehlung an alle Menschen mit Depressionen, speziell an Frauen in der Lebensmitte: lasst ein umfangreiches Blutbild machen! Darin können sich Erklärungen finden.
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