KÄFIG DER ANGST

Vor ein paar Tagen ist mir der Begriff „vielwahrnehmend“ begegnet. Selbstredend habe ich mich darin wiedergefunden, allerdings war mir das auch bereits davor klar, dass meine Wahrnehmung etwas „überdurchschnittlich“ ist. Oder wie ich es gerne nenne: multidimensional.

Eben jene Wahrnehmung (welches Adjektiv auch immer ich davorsetze) beschert mir derzeit einige neue Einsichten und Erkenntnisse, insbesondere auf den „Käfig der Angst“. In dem saßen/sitzen einige der Menschen, die mir in den vergangenen Tagen begegnet sind. So verschiedenen ihre Leben auch sind, ihr gemeinsamer Nenner ist jener Käfig der Angst. Eine innere Haltung, in die sie (so vermute ich) sehr früh in ihrer Kindheit durch wenig erfreuliche Ereignisse geworfen wurden und seither darin festsitzen, in einem imaginären, gefühlten, emotionalen Käfig, in dem sie einst Schutz suchten, und der sie heute davon abhält, ein freies selbstbestimmtes Leben zu leben. Manche können ihre Gefühle nicht zeigen, andere nicht mit Menschen interagieren … es gibt viele Versionen dieses Käfigs, doch in allen davon verhindert er Lebendigkeit.

Dieser Käfig der Angst war einst wirklich sinnvoll und wichtig um zu überleben, aber die Menschen wurden größer, stärker, bräuchten diesen Käfig nicht mehr, dennoch halten sie daran fest.

Richtig gelesen: Die Menschen halten daran fest.

Genau genommen existiert dieser Käfig nur im Kopf und Gefühl, niemals in der Realität.

Es gibt verschiedene Zitate, die von einer „Hölle auf Erden“ sprechen. Ich glaube, jeder Mensch erschafft sich seine ganz persönliche Hölle, meistens nicht freiwillig, aber die wenigsten verlassen freiwillig diese Hölle. Meistens braucht es immensen Leidensdruck, um zu verändern, was die Gitter des Käfigs der Angst undurchdringlich zu machen scheint.

Angst lähmt, erstickt die Lebendigkeit in uns. Insbesondere die Form der Angst, die sich subtil anschleicht, von schmerzhaften Erinnerungen genährt wird und mehr und mehr Raum in uns einnimmt, die uns im Käfig gefangen hält.

Einst saß ich auch in diesem Käfig, viele Jahre, Jahrzehnte, fast mein ganzes Leben lang – doch irgendwann löste ich die Gitterstäbe auf, um Raum zu haben für meine Lebendigkeit und Lebensfreude. Heute frage ich, welche Botschaft für mich sich in den Begegnungen mit all den Menschen in ihren Käfigen der Angst verbirgt.

Soll es mich daran erinnern, wo ich einst war und was ich überwunden habe?

Soll ich jenen die Hand reichen, die noch in ihren Käfigen sitzen? Ich vermag niemanden zu retten, denn auch wenn ich den Käfig wahrnehmen kann, er existiert nur in dem anderen und nur jener andere kann die Tür des Käfigs öffnen. Die geht nämlich nur in eine Richtung auf: von innen nach außen.

Soll ich meine Gedanken dazu mit anderen teilen, Licht auf blinde Flecken werfen? Nicht jeder will in den Spiegel blicken, der offenbart, was es ist. Manche laufen davon und nehmen ihren Käfig mit, den dieser ist äußerst mobil. Flucht ist keine Option. Es gibt nur einen Ausweg – und der führt nach innen, übers Denken ins Gefühl, ins Herz, in die Seele, mit sich selbst ins Reine zu kommen… und die Gitterstäbe des Käfigs verblassen wie Schatten der Nacht im Licht der aufgehenden Sonne.

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MUT ZUR LÜCKE

Das Gute beim Aufräumen von Gefühlschaos ist die Gelegenheit, alles zu hinterfragen, auch leicht angestaubte Überzeugungen. Dabei kann dann schon mal so etwas rauskommen:

„Im Moment beschäftige ich mich intensiv damit, mein Leben und mich selbst zu hinterfragen. Irgendwie eine Nebenwirkung von der Konfrontation mit dem Thema Tod. Vielleicht denke ich manchmal zu viel nach, aber derzeit hilft es mir, all die Emotionen in mir zu verstehen und damit klarzukommen. Mir ist bewusst geworden, dass ich seit einiger Zeit davonlaufe. Ich verstecke mich in Arbeit. Kaum ist etwas fertig, schnappe ich mir das nächste Arbeitspaket, engagiere mich da und dort … ich lenke mich mit Beschäftigung ab, um die Lücke nicht zu sehen. Ich hab ein cooles Leben, mache was mir Spaß macht und worin ich gut bin, bekomme eine Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit … dennoch ist da eine Lücke in meinem Leben, fehlt etwas, dass mir wichtig ist. Keinen Partner zu haben, mit dem ich manches im Leben teilen kann, für den ich da sein kann, auf den ich meine Liebe ausrichten kann, ist diese Lücke. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Etwas fehlt in meinem coolen Leben. Dem gilt es ins Auge zu blicken und das tut weh, doch es ist, was es ist. Ich bin eine unheilbare Romantikerin, ein Beziehungsmensch, meistens ein Ausbund an Lebensfreude und es gibt niemanden, der diese mit mir teilen möchte. Ich könnte mich als Versagerin sehen, oder als Opfer des Schicksals, bestraft für was auch immer … doch ich sehe mich einfach an einem Punkt im Leben angekommen, an dem ich in einen Spiegel blicke und anerkenne, was es ist.“

Das sind meine Notizen von vor wenigen Tagen. Diese Gedanken und Gefühle durften erstmal etwas sacken.

Ja, ich habe ein cooles Leben, für das ich dankbar bin.

Ja, ich bin glücklich.

Ja, etwas fehlt in meinem Leben.

Die Lücke ist für mich kein Grund, unglücklich oder unzufrieden zu sein, dennoch möchte ich nicht so tun, alles wäre alles genauso, wie ich es mir wünsche.

Widersprüchlich? Kompliziert? Eigentlich und tatsächlich: Nein. Gedacht und gefühlt.

Die Lücke ist da. Sie zu negieren hieße vor der Realität davonlaufen. Wenn ich eines im Leben erkannt habe, dann, dass man der Realität nicht dauerhaft entkommen kann. Und sei es, dass das Unterbewusstsein unaufhörlich den Fokus genau auf das lenkt, was man nicht sehen will (die verdrängte Lücke bzw. den damit verbundenen Wunsch). Rund um mich nehme ich fast ausschließlich Paare wahr, als gäbe es kaum anderes, was statistisch unmöglich ist bei 1,8 Millionen Singles allein in Österreich.

Ja, es fehlt etwas in meinem Leben, dass ich mir wünsche. Ob ich es finde oder nicht, wird sich zeigen. Die Lücke ist kein Grund, trübselig oder frustriert zu sein, aber sie ist eine gute Gelegenheit, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Es ist, was es ist.

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PURE CLARITY

Trotz emotionalem Chaos, das sich zwar allmählich zu lichten beginnt, aber gleichzeitig vertiefte Einsichten und neue Fragen für mich bereithält, erlebe ich derzeit auch Momente von „Pure Clarity“ – vollkommene Klarheit. Das kann ein gesprochener Satz oder eine kurze Begegnung sein, die sich als Tore zu einem Verständnis jenseits von Fragen oder Zweifel entpuppen… ein vorübergehender Zustand, dennoch höchst inspirierend.

Wie beschreibt man vollkommene Klarheit? Hier mein Versuch:

Es ist, als ob die Grenzen zwischen Denken und Fühlen sich auflösen, zwischen der Welt um mich und dem, was in mir ist. Alles ist eins und in diesem flüchtigen Augenblick bis ins kleinste Detail und in jeder Facette vollkommen stimmig.

Vielleicht nimmt es aber auch jeder anders wahr und dies ist nur meine ureigenste Version.

Die Nachwirkungen solcher Momente der Klarheit sind vielfältig, sie verändern unmittelbar mein Verhalten. „Eigentlich“ ist Verhaltensveränderung eher ein langwieriger Prozess, weil ja eine Gewohnheit umgestellt werden muss/soll/darf, aber ein Moment völliger Klarheit scheint wie ein Urknall zu wirken – bildlich gesprochen. Aus dem scheinbaren Nichts heraus entsteht ein neues (Gedanken- und Gefühls) Universum. Zumindest fühlt es sich so ein. Natürlich verändert sich nicht ALLES, aber was sich verändert, ist so präsent, dass der Rest im Hintergrund verschwindet.

Ich wäre nicht ICH, würden hierbei nicht auch philosophische Gedanken durch meinen Kopf geistern, die danach fragen, ob es sich mit dem großen Universum da draußen ebenso verhält wie mit dem kleinen in mir. Zuerst vermehrt sich das Chaos, um dann Schwupp eine neue Ordnung entstehen zu lassen, weil das Eine ohne das Andere nicht sein kann, Pol und Gegenpol einander bedingen… Die Antworten darauf werden wohl nie gefunden werden, aber allemal unterhaltsame Ablenkung 😉

Allmählich kehrt auch das Gefühl wieder zurück, das mich bestimmt: Lebensfreude 😊

Gerüstet für die (ungewisse) Zukunft? Mein Kopf sagt „hmmm“, mein Gefühl vertraut. Was auch immer in den kommenden Wochen geschehen wird, auf die eine oder andere Weise werde ich einen Weg finden, damit klar zu kommen – und ich werde lernen und mich weiterentwickeln. Auch das ist völlig klar.

Braucht es mehr?

Oder kann/darf das Leben (so) einfach sein?

War/ist es je etwas anderes, als einfach – wenn wir Menschen es sein lassen, was es ist?

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GEFÜHLSCHAOS

In den vergangenen Wochen war ich keine besonders fleißige Schreiberin. Das liegt daran, dass ich mich in einem ziemlich komplizierten Gefühlschaos verstrickt habe und dabei bin, dieses aufzulösen. Heute werde ich einiges darüber erzählen, denn ich glaube, auch andere könnten sich in ähnlich komplex-komplizierten Situationen befinden. Es geht um eine schwierige zwischenmenschliche Beziehung – zu meiner Mutter.

Es ist kein Geheimnis, dass meine Beziehung zu meiner Mutter belastet ist. Bewusst oder unbewusst, absichtlich oder aus Unwissenheit, war sie für mehrere traumatische Erlebnisse meiner frühen Kindheit verantwortlich und leider nicht in der Lage, mir den Halt zu geben, den ich gebraucht hätte, um diese Erlebnisse halbwegs unbeschadet zu überstehen. So sehr ich auch in mir forsche, ich finde keine Erinnerungen an Geborgenheit oder liebevolle Nähe. Schmerzhaft, aber so ist es.

Meine Mutter ist Mitte 80, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich allmählich, ihren Geisteszustand definiere ich als „zunehmend realitätsfremd“. Ein klärendes, aussöhnendes Gespräch scheitert an ihrer Verleugnung/Verdrängung dessen, was war. Was bleibt, sind meine schmerzhafte Erinnerungen.

Schlimm, aber man kann ja ausweichen und auf Distanz gehen … könnte ausweichen … ich hänge allerdings in einer gewissen sozialen Verpflichtung, mich um meine Mutter zu kümmern. In meinem Gefühlsleben löst das folgendes aus:

„Ich darf mich nun um die Täterin kümmern, die auf armes Opfer macht. Tue ich es nicht, gelte ich als kaltherzige Täterin, die eine Bedürftige im Stich lässt. Ich soll ausblenden, was mir angetan wurde, vom Verlassenwerden als 3jährige über physische und psychische Gewalt, Demütigungen und Nicht-wahrgenommen-werden als dessen, wer ich bin, bis zum heutigen Tag. Ich soll über all dem stehen, und meinen Schmerz ausblenden.“

Nicht einfach, wirklich nicht einfach. Ein moralisches Dilemma mit vielen Nebenbei-Facetten, das in mir Wut aufsteigen ließ, wie ich sie selten zuvor erlebt habe. Wie soll/kann ich friedvoll in die Zukunft gehen, wenn in der Vergangenheit kein Frieden herrscht?

Kompliziert – und es geht noch komplizierter.

Teil dieses Chaos ist auch mein Sohn, der ein gänzlich anderes Bild seiner Großmutter hat und – zum Glück – andere Erinnerungen. Als ich ihm zu erklären versuchte, wie es mir geht und warum ich mich verhalte wie ich mich gerade verhalte, kam etwas zur Sprache, dass meinen Blickwinkel von jetzt auf gleich völlig umkrempelte: Mein Sohn nimmt mich emotional ähnlich wahr wie ich meine Mutter. Niemals im Leben wollte ich so sein/so werden wie sie! Doch …

… wenn ich ständig auf die Wunde starre, die meine Mutter gerissen hat, werde ich zur Wunde. Wie soll diese Wunde je heilen, wenn ich den Schmerz mit aller Macht am Leben erhalte? Seine Eltern abzulehnen ist (nach wie vor) ein erfolgsversprechender Weg, so wie sie zu werden. Ablehnung ist auch eine Form von Aufmerksamkeit, sprich ein Fokus, der verstärkt, worauf er gerichtet wird.

Von einem Tag auf den anderen verschwand die Wut in mir. Der Schmerz ist zwar noch nicht völlig vorbei, die Wunde noch nicht ganz geheilt, aber ich richte meinen Fokus nicht länger in die Vergangenheit. Diese darf vorbei sein. Mein Verstand hat die Ereignisse meiner Kindheit längst verarbeitet und mit Erklärungen versehen abgelegt. Meine emotionale Seite darf nun nachziehen. Das Chaos beginnt sich allmählich aufzulösen. Der Prozess läuft, jenes loszulassen, dass aus dem Schmerz heraus entstand, und das festgehalten wurde durch die offene Wunde in Form einer nicht enden wollenden Anklage.

Wie kann ich ein feuriger Funken Lebensfreude sein, wenn ein Teil von mir in der Vergangenheit lebt und leidet?

Leben findet an einem einzigen Ort statt: Im Hier und Jetzt!

Es geht weder um Vergessen noch um Verzeihen – es geht um Loslassen. Den Schmerz loslassen. Ihn nicht länger gleich einem Anker mit sich rumschleppen, der ständig zurückzieht in das längst Vergangene.

Die traumatischen Erlebnisse liegen Jahrzehnte zurück. Ich habe überlebt. Ich bin groß und stark geworden. Ich habe mir ein echt tolles Leben geschaffen. Ich werde auch das aktuelle Gefühlschaos in Harmonie verwandeln, weil ich es kann, ich es mir wert bin, weil ich mich für Liebe als das bestimmende Gefühl in meinem Leben entschieden habe. Deshalb bin ich dabei, das (emotionale) Bild in mir neu zu ordnen. Keine Verleugnung, keine Verdrängung, eher eine Akte, die geschlossen wurde.

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GOODBYE 2023 – WELCOME 2024

31.Dezember 2023 – Zeit, Bilanz zu ziehen.

Müsste ich für das Jahr 2023 ein Wort definieren, so wäre es INTENSIV in allen Belangen. Egal, ob im Job oder meiner persönlichen Entwicklung. Zeit zum Verschnaufen blieb kaum. Vielleicht auch deshalb verbringe ich die letzten Tage dieses Jahres gesundheitlich angeschlagen im Erholungsmodus. Zurückgezogen vor ein loderndes Kaminfeuerchen genieße ich es, allein zu sein, Zeit für mich, meine Gedanken und Gefühle zu haben.

Allein, aber weit entfernt davon, einsam zu sein. Mehr denn je fühle ich mich eingebunden in ein großes Ganzes, geborgen in der Umarmung des Lebens, voller Selbstvertrauen und Achtsamkeit, frei von Zweifeln. Ich bin genau da, wo ich sein will.

Wohin wird mein Weg mit 2024 führen?

Auf mein Bauchgefühl hörend und die Ereignisse der vergangenen Monate als Trend verstehend, wird meine Individualität noch stärker in den Vordergrund treten. Was das genau bedeutend wird, davon lasse ich mich überraschen. Ich weiß nur, was ich (noch weniger) machen werde: Werbung in den sozialen Medien. Für mich mittlerweile absolute Zeitverschwendung. Was ich mache, was ich bin, ist viel zu komplex, um in einem 2-Sekunden-Zeitfenster in der Sintflut aus grellbunten Beiträgen wahrgenommen zu werden. Ein Beispiel:

Eine zwischenmenschliche Begegnung vor wenigen Tagen. Es hat kaum eine halbe Stunde zwanglose Plauderei gebraucht, um mein Gegenüber zu beeindrucken, zum Nachdenken zu bringen, den einen oder anderen Impuls zu setzen für tiefergehendes Verständnis dessen, was ist – und Ideen entstehen zu lassen für mehr Lebensqualität in Zukunft. Interesse an meiner Arbeit als Autorin und Bloggerin entstand quasi nebenbei. Natürlich lässt sich auf diese Weise nicht existenzsichernder Umsatz generieren, aber will ich das? Muss ich das? Nein! Mein Job sichert mein Auskommen. Meine Bücher schreibe ich einerseits für mich selbst, andererseits für Menschen, die Interesse am Thema Borderline haben und/oder die auf der Suche nach sich selbst sind. Das in grellbunte Beiträge zu bringen um mit x anderen um Aufmerksamkeit zu buhlen, ist nicht mein Weg. Ich sehe mich als Mentorin, die verdammt viel zu geben hat. Wer mich findet (und ich habe stets ein paar Mentees, die ich im Stillen begleite), stellt das rasch fest.

Mir wurde gesagt, ich leuchte von innen heraus, habe ein Funkeln in den Augen, strahle Lebensfreude und enorme Kraft aus, gleichzeitig auch Gelassenheit. Kein Beitrag in den sozialen Medien, ob Bild, Text oder Video, kann das wiedergeben, was eine zwischenmenschliche Begegnung zu vermitteln vermag. Genau dorthin zieht es mich – Menschen zu begegnen. Wo auch immer, wann auch immer. Menschliche Wege kreuzen sich nie zufällig. Jede Begegnung hält für beide Seiten etwas bereit … zum Lernen, zum Geben, zum Erkennen, zum Verstehen …

Meine Mission ist es, meinen Erfahrungsschatz zu teilen. Ich schreibe Geschichten, um Leben zu retten – im wahrsten Sinne des Wortes – möchte mit meiner Lebenserfahrung und meinem Knowhow Menschen helfen, sich selbst und ihren eigenen Weg zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Man möchte meinen, die sozialen Medien wären genau der richtige Ort dafür – das sind sie aber nicht, nicht mehr. Zu viele, zu laute Botschaften.

Die Stimme des Herzens ist eine leise. Wer sie hören möchte, tut gut daran, Stille einkehren zu lassen.

Vielleicht werde ich 2024 nicht viele Menschen erreichen, aber mit Gewissheit jene, denen ich etwas weitergeben kann.

Urvertrauen – die Umarmung des Lebens – bedeutet auch, nicht angestrengt den Dingen nachzulaufen, von denen man glaubt, sie müssten sein, sondern das anzunehmen, was es ist. Geduld nennt man die kleine Schwester der Weisheit. Weisheit lehrt, dass wir im Leben nichts erzwingen können. Wir bekommen, wofür wir bereit sind. Jede Begegnung kann ein Spiegel sein, meistens der Gegenwart, mitunter ein Blick in die Vergangenheit.

Nicht mehr bedürftig (auf der ständigen Suche nach Liebe, Geborgenheit, Anerkennung) zu sein, öffnet das Tor in ein selbstbestimmtes Leben. Wie das aussehen kann, davon will ich im kommenden Jahr berichten.

Was auch immer 2024 bringen wird, ich freue mich drauf, auf jeden einzelnen Tag, jede Begegnung, alles, was da kommen mag, denn es wird mich auf meinem Weg weiter voranbringen.

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AUF DER DURCHREISE

Seit gestern sitze ich wieder oben am Berg auf 1.600 m Seehöhe. Urlaubstage auf der Piste. Seelenzeit. Oder modern formuliert: Me-Time. Abendliche Sonnenuntergänge, die dazu einladen, einfach nur dazusitzen und zu schauen, frei von Gedanken, vorübergehend ausgeklinkt aus Raum und Zeit. Erst als das farbenprächtige Schauspiel sich im sternenklaren Nachthimmel auflöst, kehren langsam die Gedanken zurück.

Auf der Durchreise …

… das bin ich. So wie die anderen, die mit mir Zeit am Berg verbringen: Tourengeher, die für eine Nacht bleiben, um danach wiederzuziehen auf Wegen abseits der Massen. Oder die Gruppe Studenten, die sich in ihrer Ferienzeit ehrenamtlich für die Naturfreunde engagieren und eine kleine Imbissbude betreiben. Bunt zusammengewürfelte Menschen jeden Alters, unterschiedlicher Herkunft, Bildung, Ausbildung, Beruf/Berufung, verbunden durch … durch was eigentlich?

Das Miteinander ist harmonisch, obwohl man sich eigentlich fremd ist – war bis zur Ankunft im Haus. Man geht wertschätzend und rücksichtsvoll miteinander um, unterstützt sich bei Bedarf, einfach so, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Ganz anders, als ich es so oft im urbanen Alltag erlebe. Hier oben herrscht Frieden, Gelassenheit, Menschlichkeit.

Wir sind alle nur auf der Durchreise (in diesem Leben). Für die kurze Zeit, die unsere Wege sich kreuzen, teilen wir das Dach über unseren Köpfen und alles, was dazugehört. Es gibt Regeln, an die sich alle halten, niemand muss darüber wachen. So einfach kann das Zusammenleben von Menschen funktionieren … auf der Durchreise.

Die Lebensphilosophin in mir beginnt sich zu fragen, warum es nicht immer und überall so einfach sein kann, das Zusammenleben von Menschen. Liegt es am Berg? Werden auch wir Menschen inmitten der Natur wieder „natürlicher“ im Umgang miteinander? Spüren wir uns und die anderen hier oben wieder mehr?

Entgegen anderslautender Gerüchte, hat nicht der Mensch die Natur erschaffen, sondern ist ein Geschöpf der Natur. Wer dies versucht zu negieren, kappt seine eigenen Wurzeln. Für mich ist die Natur eine Quelle der (Seelen)Heilung. Hier fällt es mir ganz leicht, alle Masken fallen zu lassen, einfach nur Mensch zu sein. Möglicherweise geht es auch anderen so, weshalb es uns so leichtfällt, harmonisch unter einem Dach auf der Durchreise zu sein.

HEILSAME GEDANKEN

Wochenende. Nach einer langen, intensiven Arbeitsphase hatte mich Anfang Dezember irgendein 08/15-Grippe- oder Rhinovirus erwischt – oder mein Immunsystem hat schlichtweg w.o. gegeben. Was auch immer, ich bin im Regenerationsmodus unterwegs.

Ein gemütliches Frühstück auf der Couch. Auf dem Weg von der Küche zur Couch passte alles wunderbar auf mein Tablett. Auf dem Weg zurück ging ich 3x – irgendwie passte nicht mehr alles auf ein Tablett. In der Küche schmunzle ich über mich selbst.

Ich – die hocheffiziente Logistik- und Struktur-Queen – agiere absolut ineffizient, beinahe chaotisch.

Plötzlich ein Gedanke in meinem Kopf. Ein heilsamer Gedanke:

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

Ich muss nicht funktionieren, muss nicht effizient sein. Ich darf auch mal chaotisch sein.

Ich darf Fehler machen.

Ich darf Mensch sein – widersprüchlich und perfekt darin unvollkommen zu sein.

Wunderbar, wenn sich zu diesen Gedanken auch noch das liebevolle Gefühl gesellt, das es genau so richtig ist. In der Umarmung des Lebens angekommen.

Freiheit pur.

Frei von Erwartungshaltungen und Erfüllungsbedingungen.

Frei von Selbstverurteilung.

Frei von der Ego-Diktatur, frei von der Notwendigkeit, irgendetwas beweisen oder darstellen zu müssen.

Freiheit, die man sich nur selbst schenken kann.

Frei, einfach zu sein.

Heilsame Gedanken, die ich vor einem lodernden Kaminfeuer sitzend in die Welt hinausschicke.

„Nichts sein müssen, alles sein dürfen.“

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DIE STÄRKEN DER BORDERLINER

Vor einigen Tagen saß ich in einer Weiterbildung zum Thema „Basiswissen zu psychischen Erkrankungen“. Dass ich hier davon berichte, hat mit ein paar Erkenntnissen zu tun, die sich für mich dabei offenbarten, und ganz viel damit, dass ich erstmals einen wertschätzenden, potenzialorientierten Fokus in Bezug auf Borderline erleben durfte.

Es begann mit der Headline „Die Stärken von Menschen mit BPS“.

STÄRKEN!!!

Jedem einzelnen Punkt der Aufzählung konnte ich voll und ganz aus meiner eigenen Lebenserfahrung zustimmen. Die Liste handelte von ausgeprägten Fähigkeiten in Bezug auf:

  • Zurechtkommen in einem feindlichen Umfeld
  • Sympathie bei anderen erwecken
  • Sensitivität für Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten
  • Spontanität, Kreativität, Individualität
  • Neugierde
  • Keine Angst vor Risiken
  • Durch die Welt zu gehen als Lebenskünstler

Auch bei den Herausforderungen fand ich mich wieder, für die ich hier allerdings meine eigenen Begrifflichkeiten verwenden:

  • Eine sechsköpfige Quadriga auf Kurs zu halten (meine Metapher für mein mitunter galoppierendes Gefühlsleben).
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ein für beide Seiten gut lebbares Maß an Nähe/Distanz/Freiraum zu finden, die andere Seite nicht zu überfordern mit der eigenen Intensität.
  • Mit überdurchschnittlicher Feinfühligkeit in einer von Ellbogen-Mentalität, Narzissmus und Oberflächlichkeit geprägten Gesellschaft zu überleben.

Auch einige der allgemein üblichen Vorurteile und Zuschreibungen betreffend BPS wurden revidiert:

  • Manipulativ? Ja, aber nicht bewusst, nicht absichtlich.
  • Medikamente? Helfen lediglich bei Begleiterkrankungen.
  • Unheilbar? Nein, mit stabilen Beziehungen kann von einer 75% Prognose ausgegangen werden, nach nur sechs Jahren die Kriterien nicht mehr zu erfüllen. BPS kann sich „auswachsen“.

Genau an diesem Punkt „Auswachsen“ blieb ich hängen – wie bereits in der Vergangenheit öfters. Bei mir hatte sich nämlich nichts „ausgewachsen“. Meine BPS-Reise begann in der Pubertät und hielt bis Mitte 40 an, daher auch meine Skepsis in Bezug auf „Auswachsen in sechs Jahren“. Aber diesmal erhielt ich eine wichtige Zusatzinformation, um zu verstehen, was damit gemeint war:

In einem haltenden Umfeld mit stabilen Beziehungen kann man lernen, die Herausforderungen zu meistern und ein „normales“ Leben zu führen.

Dieses Umfeld hatte ich nicht, eher das Gegenteil. Ich steckte über 20 Jahre in einer toxischen Beziehungsdynamik, die meine Traumata wieder und wieder triggerte. Da war nix mit „auswachsen“. Erst als ich damit begann, mir mein Umfeld selbst zu erschaffen, anfangs noch ausschließlich in der Parallelwelt von JAN/A, wurden Veränderung  und Auswachsen möglich. Nach dem Ende der Beziehung veränderte ich mich nochmals und das auch noch vergleichsweise schnell und leicht. Quasi „beschleunigtes (Aus)Wachstum“. 😉 Seither entstehen auch in der realen Welt um mich Beziehungen, die zu meiner Stabilität beitragen. In diesem Workshop wuchs auch mein Verständnis für das, was ich bereits vollzogen hatte. Vertiefende Einsichten nennt man das wohl.

Für mich schlummert in jedem BPS-Betroffenen das Potenzial eines in allen Farben des Spektrums leuchtenden Sterns, vielfältig, empfindsam, tiefsinnig, mit einer facettenreichen Wahrnehmung. Ein Stern, der selbst in dunkelster Nacht zu leuchten vermag, weil das Licht aus seinem Herzen entspring, unabhängig davon, was rundum ist – und der anderen die Augen zu öffnen vermag für das, was allzu leicht übersehen wird: das Einzigartige im Alltäglichen, die kleinen Wunder und so manche Wege, die sich im Dschungel der Ablenkungen verbergen, die Nuancen des Fühlens.

Welch Bereicherung wäre es für diese Welt, wenn mehr und mehr BPS ihre noch schlummernden Potenziale entfalten. Wenn Menschen ihnen nicht mit Vorurteilen und Ablehnung, sondern Interesse und Wertschätzung begegnen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Genau das habe ich getan – mein ureigenes Potenzial entfaltet. Im Rahmen dieses Workshops zu erfahren, dass ich kein Einzelfall bin, keine spontane Mutation des Lebens, keine Laune der Natur, keine Ausnahme von der Regel, sondern dass dieser Weg auch anderen offensteht, war berührend und motivierend zugleich.  

Gleich einem Sonnenstrahl, der sich über den Horizont der scheinbaren Unveränderbarkeit hinweg erhob. Ein Sonnenstrahl, den ich hier weitergebe an alle, die diesen Blog auf ihrer Suche nach Antworten, Lösungen oder Schlüssel finden.

Danke an Mag. (FH) Markus Mitteramskogler MSc für die Informationen und damit verbunden für die Inspiration zu diesen Zeilen.

Noch ein paar Anmerkungen zum heutigen Beitragsbild: Fraktale Spiralen begeistern mich, seit ich sie erstmals erblickt habe. Ein Muster, das sich in sich immer und immer wiederholt. Müsste ich meine Gedanken- und Gefühlswelt bildlich darstellen, wäre es eine fraktale Spirale. Wenn ich nach innen blicke, sieht das, was ich fühle, genauso aus: Ein Gefühl, dass sich immer und immer wiederholt, in unendlichen vielen Facetten, bis es alles ausfüllt – unendliche Lebensfreude in Form und Farbe gegossen.

Bild: pixabay.com

ÜBER TÄTER, OPFER, RETTER UND DEN GANZ NORMALEN IRRSINN

Vor wenigen Tagen fuhr ich morgens mit der Bahn nach Wien. An einer Station stieg eine Schulklasse ein, Jugendliche an der Schwelle zwischen Kind und Teenager. Ich saß auf einem Fensterplatz, neben mir bzw. vis-a-vis von mir (gegen die Fahrtrichtung) waren die Plätze noch frei. Ein Mädchen setzte sich auf den gegenüberliegenden Fensterplatz. Sie wirkte ruhig, unsicher, bedrückt, in sich gekehrt. Kaum eine Minute später rauschte eine Frau in der Lebensmitte an, sichtlich aufgebracht, aggressiv im Tonfall und Körperhaltung, okkupierte den Platz neben dem Mädchen auf eine Art und Weise, dass dieses nicht hätte davonlaufen können. Eine Wortlawine rollte über die Kleine hinweg.

Vielleicht dachte die Pädagogin (als das stellte sich die Frau nämlich heraus: begleitende Lehrerin der Schulklasse), aufgrund meiner Ohrstöpsel und Beschäftigung mit meinem Häkelprojekt würde ich nicht viel mitbekommen. Vielleicht war es ihr auch egal. Der ganz normale Irrsinn der Gleichgültigkeit. Nachdem ich morgens meine Relax-Playlist im Ohr habe, höre ich (manchmal: leider) eine Menge mit. Auch Nadel und Wolle hindern mit nicht daran, mein Umfeld (wenn ich will) sehr genau zu beobachten. Was ich an diesem Morgen wahrnahm, war erschreckend.

Die Pädagogin war in ihrem Tonfall vorwurfsvoll bis aggressiv, ihre Worte übten massiv Druck aus. Sie forderte Erklärungen, Schuldeingeständnisse … besonders hängen blieb bei mir ein Satz: „Es können nicht immer die Anderen schuld sein“… impliziert: DU bist das Problem.

Triggeralarm!

Sinngemäß hatte ich diesen Satz selbst unzählige Male zu hören, zu spüren bekommen. Das Mädchen reagierte – ähnlich wie ich früher – mit Rückzug. Schweigend und (nur scheinbar) unberührt ließ es die Schelte über sich ergehen, doch wer genauer hinsah, hätte bemerken können, dass sie dabei war, die in ihrer Jackentasche verborgenen Hände zu malträtieren. Irgendwo musste der Druck schließlich abgebaut werden, der von der Pädagogin erzeugt wurde und (Interpretation meinerseits, aber vermutlich korrekt) jenen Druck verstärkte, der bereits vorhanden war.

Nach einigen Minuten rang sich das Mädchen zu einem kaum hörbaren „Ich kann noch nicht darüber reden“ durch, was unmittelbar die Feststellung seitens der Pädagogin folgen ließ, dass sie es nicht dabei belassen würde und später ein Gespräch stattfinden würde …

Soweit die äußerlichen Ereignisse.

Innerlich krampfte es mich (wieder einmal) zusammen. Dieses Mädchen war wie ein Spiegel aus der Vergangenheit für mich, der mich ahnen ließ, wohin ihr Weg führen könnte. Früher oder später vermutlich in eine Form der Selbstverletzung, falls die nicht bereits praktiziert wurde. Auf jeden Fall in eine nicht enden wollende Schleife aus überzogener Selbstkritik und Ablehnung. Ein klein wenig betreibe ich hier Hellseherei, aber die Erfahrung lehrte mich, dass meine Kristallkugel in den meisten Fällen nicht annähernd so düstere Bilder zeigt, wie die Realität diese produziert.

Gleichzeitig überlegte ich, ob ich mich einmischen sollte. Aber wie? Die Pädagogin stoppen, die offensichtlich in der Rolle der Täterin agierte? Ich hätte ihr erklären können, was sie gerade dabei war zu tun, aber – ganz ehrlich – vermutlich hätte sie es nicht annehmen können. Eher im Gegenteil: Ihre Aggressivität hätte sich gegen mich gerichtet, was wiederum dazu geführt hätte, dass das Mädchen sich noch mieser gefühlt hätte, weil nun ihretwegen eine Unschuldige zum Handkuss kam. Die Aggressivität der Pädagogin war (meine Interpretation) ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit angesichts einer Situation, die sie nicht kontrollieren und in die von ihr gewünschte Richtung lenken konnte. Schuldzuweisungen an andere sind sehr hilfreich, um nicht auf das Eigene zu schauen. Es gibt noch ein paar weitere Möglichkeiten das Verhalten der Pädagogin zu interpretieren, letztendlich führen sie zu einem ähnlichen Ergebnis: Sie war überfordert – ob mit der Situation an sich, ihren mangelnden Ressourcen damit umgehen oder ihrer eigenen Bedürftigkeit, bleibt offen.

Bei der Täterin zu intervenieren, verwarf ich also. Die bessere Option ist ohnehin, sich um das Opfer zu kümmern, aber nicht um die Schulfrage zu klären, sondern um mich zu erkundigen, was das Mädchen in diesem Moment gebraucht hätte, damit es den inneren Druck reduzieren konnte, was allgemein zur Entspannung der Situation und einer guten Lösung beigetragen hätte. Aber einfach so das Mädchen ansprechen, während daneben eine hochgradig aggressive Pädagogin am Wirken war? Mit hoher Wahrscheinlich hätte auch das eine Reaktion in der Art von „Was geht Sie das an?“ nach sich gezogen, was wiederum den inneren Druck beim Mädchen verstärkt hätte, die sich ja als Ursache von all dem sah.

Die Option, die wahrscheinlich am besten funktioniert hätte, wäre ein Loslösen des Mädchens aus der Situation. Sprich: sie zur Seite nehmen, weit weg von der Pädagogin und auf das Eingehen, was dieses verstörte Mädchen gebraucht hätte. Dazu kam es leider nicht. Die Pädagogin überredete das Mädchen, sich zur restlichen Gruppe zu setzen, in ihren unmittelbaren Einflussbereich … zurück in jenen Kontext, der vermutlich wesentlich zum inneren Druck beitrug. Das Mädchen widersprach nicht. Wie hätte sie auch können? Sie war das Problem, die Schuldige, jene, die nicht funktionierte, wie sie sollte …

Borderliner werden nicht geboren.

Borderliner werden gemacht. Neben traumatischen Erlebnissen und einer (noch nicht nachgewiesenen) genetischen Prädisposition (oder vielleicht doch die Epigenetik? Oder das morphogenetische Feld des Familiensystem?) trägt das Verhalten des Umfeldes massiv dazu bei.

Von ganzem Herzen hoffe ich, an diesem Morgen nicht einen jener Tropfen miterlebt zu haben, die ein Fass füllen, das die Aufschrift „Borderline“ trägt und es eines Tages zum Überlaufen bringen werden.

„Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen – auch in Österreich.“

(Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000186097/suizidalitaet-bei-kindern-und-jugendlichen-in-oesterreich-verdreifacht)

Wenn ein (junger) Mensch sich das Leben nimmt, ist das Umfeld meistens entsetzt. Aber fragt es auch: „Was habe ich dazu beigetragen?“ Die Jugendlichen kommen nicht „kaputt“ auf die Welt. Was sie am Leben verzweifeln lässt, ist das, was danach geschieht – und an dem Menschen (meistens ihr engstes Umfeld) beteiligt sind.

Der ganz normale Irrsinn des Alltags.

Was hätte ich an diesem Morgen tun können? Diese Frage hat mich intensiv beschäftigt. Psycho-Drama sowie die Täter-Opfer-Retter-Dynamik zählen zu meinen bevorzugten Themen, bilden wichtige Zugänge zur Lösung der Borderline-Herausforderung. In meinen aktuellen Buchprojekt werde ich darauf auch entsprechend ausführlich eingehen. Für heute belasse ich es dabei, meine eigenen Erfahrungswerte zu schildern:

(Viel zu) viele Jahre verbrachte ich in der innerlichen Opferhaltung und habe mich darüber gewundert, ständig auf Menschen zu treffen, die mir gegenüber zu „Täter:innen“ werden, über meine Grenzen gingen, mich benutzten, ausnutzten … Dieses „Wunder der Wiederholung“ löste sich erst auf, als ich innerlich aus der Opferrolle ausstieg. Seither sind die Täter:innen verschwunden bzw. machen einen großen Bogen um mich. Wer es dennoch versucht, stellt rasch fest, dass ich nicht länger als Opfer mitspiele. Keine Ansatzpunkte wie Selbstablehnung oder überzogene Selbstkritik, mangelnder Selbstwert, kein eingelöster innerer Konflikt, keine Vorwürfe oder Schulgefühle … nichts, was Täter:innen aufgreifen und weiterverwenden könnten. Bedingungslose Selbstannahme, wertschätzende Selbstliebe, grenzenlose Lebensfreude … wirklich nicht leicht, so jemand runterzudrücken.

In Wahrheit sind Täter:innen alles andere als stark (z.B. die Pädagogin). Sie suchen sich intuitiv vermeintlich Schwächere – und das sind häufig jene, die sich ihrer eigenen Stärke nicht bewusst sein, weil sie in der Selbstkritik und Selbstablehnung feststecken (wie das Mädchen in der Bahn). Unbewusst ziehen also Opfer Menschen in ihr Leben, die zu Täter:innen werden.

Das zeigt sich auch in einer anderen (leider wahren) Geschichte, von Person X, in der Mitte des Lebens stehend, Diagnose Borderline, die Person Y kennenlernt. Person Y stellt sich als Täter:in heraus, Person X nimmt sich nach zwei Jahren einer toxischen Beziehung das Leben. Ein Fallbeispiel aus dem Lehrbuch. Für mich stellt sich jedoch die Frage: Wäre X aus der inneren Opferhaltung ausgestiegen und wäre danach Y begegnet, wäre es zu einer Beziehung gekommen? Hätte das tragische Ende vermieden werden können?

Aus meiner eigenen Erfahrung: Es ist verlockend, den offensichtlichen Täter:innen die Schuld zu geben und sich stark zu machen, um die Opfer zu retten. Doch all das ist nur eine weitere Runde der Täter-Opfer-Retter-Spirale, die sich dreht und dreht und dreht … und erst dann endet, wenn ich als Opfer aus meiner Rolle aussteige. Wie das geht, darüber schreibe ich gerade ein Buch.

Ein lebensphilosophischer Gedanke zum Motiv der Spirale: Sie ist allgegenwärtig im Universum, ob in Form von Galaxien, der DNA-Helix, Wirbelstürmen, der Pflanzen- und Tierwelt, Wasser, das in der Spüle abfließt, Wiederholungen von Ereignissen (Beziehungsmustern) … Spiralen weit und breit. Auch die Täter-Opfer-Retter-Dynamik folgt einem Spiralmuster, das üblicherweise destruktiv nach unten zieht. Durch die bewusste Umkehr der Dynamik kann diese Spirale aber auch konstruktiv nach oben führen. Wie alles im Leben, hat auch eine Spirale zwei Seiten – oder zwei Richtungen – aus kommt darauf an, wohin sich der Blick (Fokus) richtet.

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