Wieder einmal sitze ich inmitten eines farbenprächtigen Sonnenuntergangs der Extraklasse oben auf dem Berg, inmitten einer tiefverschneiten Landschaft, tauche ein in meine Gedanken- und Gefühlswelt.
2024 geht in wenigen Tagen zu Ende. Was für ein Jahr! Die Krankheit meiner Mutter, ihr dennoch überraschend schneller Tod, dazwischen ein klein wenig mehr Chaos als „normal“ im Job … Phasen der Ruhe hatten Seltenheitswert und wenn es doch mal eine gab, dann dauerte sie nicht lange an. Zurückblickend habe ich den Eindruck, das Leben hätte entschieden, mich so richtig durchzurütteln, keinen (gedanklichen) Stein auf dem anderen zu lassen. Die Ereignisse schienen mir keinen anderen Weg zu lassen als alles (und vor allem mich selbst) erneut zu hinterfragen. Einiges an verschütteten Erinnerungen (und Blockaden) kam hoch, durfte von mir wahrgenommen und bearbeitet werden.
Von hier oben betrachtet hat das Leben wohl den Plan gefasst, jedes noch so kleine versteckte unrunde Steinchen aus meinem Rucksack zu rütteln. Einerseits absolviere ich derzeit eine Ausbildung (mehr dazu 2025), andererseits arbeite ich an einem neuen Buchprojekt (dazu ebenfalls mehr 2025) und reflektiere, was heuer so geschehen ist in meinem Leben, durchlaufe eine Art von Reboot, werde „neu aufgesetzt“… aber irgendwie durch und durch positiv, ganz so, als wäre ich bereit, alles andere loszulassen. Offenbar scheint die Zeit dafür gekommen. Wer bin ich, die Weisheit des Lebens in Frage zu stellen?
Die zufällige Begegnung mit dem Spruch „Innerer Frieden beginnt, wenn das Drama deiner eigenen Geschichte keine Kontrolle mehr über deine Gefühle und Gedanken hat (Angela D. Kosa)“ lässt mich Schmunzeln. Wie wahr, wie wahr … und gleichzeitig vermisse ich die Tiefe, die sich in diesen Worten verbirgt. Drama ist nicht gleich Drama. Da gibt es das laute, das leicht erkennbar ist, und das stille Drama, das oftmals übersehen wird und sich hartnäckig tief in uns festklammert, unser Leben zu dirigieren versucht, allzu häufig dabei erfolgreich ist.
Oder der Text eines Songs wird zu einem Spiegel des Lebens in den ich blicken darf, der mich an die Wahrheit in mir erinnert. Wahrheit ist weder gut noch böse, weder schön noch hässlich, weder richtig noch falsch, weder einfach noch kompliziert… Wahrheit IST, nicht mehr und nicht weniger als das Spiegelbild dessen, was es ist.
Da sind jene Momente, in denen die vor mir liegende Zukunft so klar erkennbar wird wie die Silhouette eines Scherenschnitts. In anderen handle ich auf eine Art und Weise, die ich nicht von mir kenne, dennoch habe ich das Gefühl, ganz ICH zu sein.
Magie der Raunächte? Wer weiß …
Aberglaube gehört nicht zu meinem Repertoire, böse Kobolde oder Dämonen sind vor mich eher im Menschen selbst verortet als Wesen im Außen. Jeder erschafft seine eigene Hölle – oder seinen eigenen Himmel. Oftmals steckt jedoch ein tiefsinniger Kern in alten Mythen, uralte Weisheit, die bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren hat. Von offenen Türen zur Geisterwelt wird da berichtet, vom richtigen Zeitpunkt zum Wahrsagen, von einer Zeit des Fastens (oder Entschleunigens = zur Ruhe kommen) … für mich alles Facetten dessen, was derzeit mein Leben bestimmt: Die Hektik des Alltags für einige Tage hinter mir lassen, mich in die Stille der Berge zurückziehen (vor und nach den Zeiten des Liftbetriebs ist es hier oben sehr still), mit meinen „Geistern“ (oder Persönlichkeitsanteilen) auf Vergangenes blicken und Kommendes visualisieren.
Ob nun tatsächlich magische Kräfte im Außen wirken oder ich es selbst bin, die Ordnung schafft im „Archiv Unterbewusstsein“ und dabei wertvolle Ressourcen aktiviert für das „Projekt Zukunft“ … who cares? Das Ergebnis zählt … eine dieser Wahrheiten, die sind. Punkt.😉
Bild: ein Traum von Sonnenuntergang, den ich heute miterleben durfte
Schlagwort: Umarmung des Lebens
Frei.Geist(ig)
Von Zeit zu Zeit sorgt das Leben dafür, dass ich in einen Spiegel blicke. Meistens ohne Vorwarnung. Wäre dieser Blick mit angenehmen Gefühlen verbunden, würde ich dir nicht hier darüber berichten. Dieser besondere Spiegel hält sich an keinerlei Gesetze von Raum und Zeit. Etwas geschieht im Außen, jemand tut oder sagt etwas und zack – tauchen wie aus dem Nichts Erinnerungen auf an längst Vergangenes aus meinem Leben, samt den dazugehörigen Gefühlen. Wie gesagt, handelt es sich dabei um wenig erfreuliche, zumeist eher schmerzhafte Erinnerungen – manchmal blanke Wut.
Hier ein Beispiel dazu, dass auf den ersten Blick eher „harmlos“ anmutet (im Vergleich zu manch anderem aus meiner Vergangenheit), aber es geht hier nicht um einen Wettstreit der schlimmsten Erinnerungen, sondern darum, die Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen.
Vor einigen Jahren besaß ich einen riesengroßen Plüschtiger, auf dessen Rücken gerne mein Stubentiger (ebenfalls gestreift) zu ruhen gedachte. Meine beiden Tiger 😊 Für mich waren beide etwas, dass mir wichtig war. Gewiss, lebendiger Tiger mehr als ausgestopfter Plüschtiger, dennoch waren mit beiden positive Gefühle und Gedanken verbunden. Eines Abends kam ich von der Arbeit nachhause und der Plüschtiger war verschwunden. Ich fand ihn ein paar Stunden später im Müllcontainer der Wohnhausanlage. Mein damaliger Lebenspartner hatte ihn „entsorgt“. Ohne mit mir darüber zu sprechen, hatte er einfach mal so entschieden, diesen Staubfänger, dem er nichts abgewinnen konnte, in den Müll zu werfen. Das tat echt weh! Jemand hatte über meinen Kopf hinweg entscheiden, als wäre ich Luft. Jemand anders hatte die Macht über mein Leben, die Kontrolle über mich. Was für mich wichtig war, zählte nicht. Meine Gefühle – belanglos. Erhob ich meine Stimme? Protestierte ich? Stellte ich diesen Jemand zur Rede? Nein! Es fehlte mir an Mut, Kraft, an allem, mich gegen diesen Übergriff zur Wehr zu setzen.
Um die Dimension dieses „harmlosen“ Ereignisses vollständig erfassen zu können, sollte ich noch erwähnen, dass ich zu jener Zeit bereits in einer Führungsposition tätig war. Eine taffe Managerin, die im Job erfolgreich jeden Irrsinn wieder auf Kurs bringen konnte… nur mein eigenes Leben nicht. Da versagte ich völlig.
Durch die Brille der Transaktionsanalyse betrachtet, war mein damaliger Lebenspartner in der Rolle des kritischen, wertenden, disziplinierenden Eltern-Ichs unterwegs und ich in jener des angepassten Kind-Ichs, dass schweigend (leidend) alles runterschluckte, unfähig die eigene Stimme zu erheben.
Präzise jene Erinnerung wurde kürzlich durch ein Ereignis getriggert, bei dem ich Zeugin wurde, wie jemand davor zurückscheute, seine Stimme zu erheben. Der Blick in den Spiegel ohne Vorankündigung. Plötzlich waren sie wieder da, all die schmerzhaften Gefühle und Gedanken.
Heute lebe ich nach dem Grundsatz: Wenn mein Unterbewusstsein eine Erinnerung an die Oberfläche des Bewusstseins kommen lässt, dann weil es volles Vertrauen in mich hat, dass ich damit umgehen kann. Deshalb nehme ich derartige Trigger als Chancen an, mich weiterzuentwickeln.
In der Praxis lief das wie folgt ab:
• Zuerst einmal an paar tiefe Atemzüge, ganz langsam, bewusst nachspüren, wie sich mit jedem Atemzug die Ruhe tiefer in mir ausbreitet. Den Sturm beruhigen, das Feuer eindämmen, zu den aufgewühlten belastenden Emotionen bewusst einen Gegenpol erschaffen, um die Balance wiederherzustellen.
• Im nächsten Schritt wende ich mich meinen Gedanken zu, stelle mir vor, aus der Situation herauszutreten und sie von außen zu betrachten, wie einen Film. Das hilft mir dabei zu erkennen, dass jenes Ereignis zustande kam, weil (in diesem Fall) zwei Menschen sich so verhielten, wie sie es taten. Jeder von diesen beiden hätte auch die Möglichkeit gehabt, sich anders zu verhalten. Aber beide folgten ihren tradierten Verhaltensmustern – nicht mehr, und nicht weniger. Keine Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Wertungen oder dergleichen, die mich an die Vergangenheit fesseln und es dadurch unmöglich machen, den Schmerz loszulassen und frei zu werden.
• Danach sage ich mir selbst, dass all dies weit in der Vergangenheit zurückliegt, ich es trotz allem gut überstanden habe und heute hier bin.
Gut gelöst, oder? Nicht ganz. Was auf den ersten Blick wie eine gelungene Intervention aussieht, versteckt noch eine echt fiese Fallgrube. Mich mit dem Ereignis an sich auszusöhnen, war relativ einfach, wenngleich erst die halbe Miete. Mit entsprechender Übung gelingt das von mal zu mal schneller und leichter. ABER eine (zum Glück nicht mehr) Perfektionistin wie ich schafft es postwendend, neue destruktive Gedanken zu kreieren.
„Wie konnte ich nur so blöd sein? Warum habe ich mir das Gefallen lassen? Wie viel meiner Lebenszeit habe ich versch* in den Satz gesetzt? Warum habe ich nicht früher …“
Mir würde noch einiges einfallen, aber ich denke, der Punkt ist klar. Selbstdemontage, Selbstzerfleischung, Selbstvorwürfe, Selbstanklage … wie oft bin ich in diese Fallgrube gestürzt, bin jenen Gedanken (jenem Pfad) gefolgt, den andere vor mich ausgelegt haben.
Lass diese Gedanken bitte mal sacken.
Es gab in meiner Vergangenheit Menschen, die haben mich schlecht behandelt. Sie haben einen Pfad für mich ausgelegt. Jedes Mal, wenn ich mich selbst schlecht behandle, ohne Wertschätzung, lieblos, achtlos oder gar fahrlässig mit mir selbst umgehe, folge ich diesem Pfad. Dann haben jene Menschen indirekt wieder die Macht über mich und die Kontrolle über mein Leben. Will ich das? Nein, deshalb folge ich MEINEM PFAD. Schluss mit Selbstdemontage!
Auf meinen Pfad begleiten mich Gedanken wie „Ja, ich habe so gehandelt. Damals. Heute ist es anders. Heute be-STIMME ich über mein Leben und erhebe auch meine STIMME, wenn die Situation es verlangt.“
Erst jetzt bin ich wirklich frei im Denken, frei im Geist – oder eben Frei.Geist(ig). Dazu gehört eine große Portion Achtsamkeit.
Weil’s gerade so schön passt, hier noch ein Frei.Geist(iger) Gedanke:
Früher hatte ich das Ziel, all das (Borderline) hinter mir zulassen. Frei zu werden von solchen „Blicken in den Spiegel“, die stets auch das Risiko eines Absturzes in sich tragen. Ein wunderschönes Ziel. Ein fantastisches Ziel im Sinne von „im Reich der Fantasie“ anzusiedeln bzw. in der Realität nicht erreichbar. Warum? Ganz einfach. Manche Triggerpunkte lernte ich im Laufe der Zeit kennen, aber eine unbekannte Anzahl verbirgt sich in den Tiefen meines Unterbewusstseins – so wie jener, von dem ich dir hier erzählt habe. Was im Unterbewusstsein liegt, ist uns so lange unbewusst, bis es ins Bewusstsein aufsteigt. Woher soll ich also wissen, wann alle Triggerpunkte aufgelöst und das Ziel erreicht ist? Die Nicht-Erreichung des Zieles – und somit das Scheitern – sind quasi bereits im Ziel enthalten. Enttäuschung bzw. Versagen vorprogrammiert. Falscher Pfad. Eindeutig keine Strategie, um zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Daher konzentriere ich mich darauf, mit all dem, was da kommt – auch Blicke in den Spiegel ohne Vorankündigung – gut umgehen zu können und meinem eigenen (Gedanken)Pfad zu folgen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das Beitragsbild ist AI-generiert. Spannend, wie ein AI-Assistent meine Worte in ein Bild verwandelt.
DIE ZUFÄLLIGE TRANSZENDENZ EINES NOVEMBERSPAZIERGANGS
Dies ist eine jener märchenhaft anmutenden Geschichten, die manchmal einfach so passieren. Alles beginnt mit einem Schritt vor die Tür, an einem trübgrauen Novembersonntag. Drei Tage des Herumliegens (weil grippig) sind ausreichend motivierend, um allem Novembergrau zum Trotz eine Runde durch den Wald zu spazieren, auf einer möglichst menschenleeren Route. Mir ist danach, mit mir allein zu sein, in meine Gedanken- und Gefühlswelt zu lauschen.
Noch ein Monat bis Weihnachten. Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. Es war ein Jahr wie keines zuvor in meinem Leben. Ein Wechsel aus 200% im Job und Phasen des Rückzugs von der Welt, dazwischen der Tod meiner Mutter, das Aufbrechen meiner (bis dahin) lebenslangen Trauerblockade … was für ein Jahr!
Alles Zufall?
Ich glaube nicht an Zufälle.
Viele Menschen kennen mich als „Mrs. Zahlen-Daten-Fakten-Logik“ mit flinkem Verstand, die alles und jeden analysiert. Das stimmt auch. Gleichzeitig bin ich jedoch auch ein sehr spiritueller Mensch. In meiner Vorstellung existiert eine Art von „Ordnung“ hinter all den Ereignissen und Begegnungen. Etwas, dass all die unendlichen Teile zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Gott? Sollte tatsächlich ein (Singular) Wesen (keinerlei Gender-Zuordnung) im Hintergrund wirken, dann ist dieses hocheffizient und in seiner Art von unserem beschränkten menschlichen Geist nicht zu erfassen. Einfacher zu fassen für mich ist eine Art von Ordnung, Kraft, Energie … etwas, dass eindeutig mehr Überblick über alles hat als ein einziger Mensch wie ich 😉
Warum geschieht etwas heute – und nicht gestern oder morgen?
Warum treffe ich X jetzt – und nicht vor 10 Jahren oder nie?
Neben mir auf dem Weg entdecke ich eine kleine Pflanze mit mehreren gelben Blüten – Ende November. Blüht diese Pflanze, weil die große Ordnung mich hier und jetzt zum Lächeln bringen möchte? Oder bemerke ich die Blüten deshalb, weil mein innerer Fokus sich auf das Besondere im Alltäglichen ausrichtet und mein Unterbewusstsein meinen Blick lenkt? Auf diesen Fragen wird es wohl niemals eine finale Antwort geben, dennoch finde ich es inspirierend, darüber nachzudenken.
Ebenso wie über die zwei großen Mysterien des Menschseins. Das erste ist die menschliche Psyche an sich, ein hochkomplexes Wunderwerk, das trotz etlicher Erklärungsmodelle nach wie vor Rätsel aufgibt. Selbiges gilt für das zweite Mysterium: zwischenmenschliche Beziehungen. Würde ich mich für den Rest meiner Lebenszeit ausschließend diesen beiden Themen widmen, mir würde niemals langweilig werden.
Nehmen wir die menschliche Psyche mit all ihren bewussten und unbewussten Aspekten, von den Untiefen der Verdrängung bis hin zu den Geistesblitzen der Erleuchtung. Jeder Mensch hat eine Unzahl an Erfahrungen und Erlebnissen. Sie prägen, wer wir sind. Zufall? Mich prägten einige Traumatisierungen, ähnlich wie Vulkanausbrüche und Meteoriteneinschläge diesen Planeten geprägt haben. Doch da gab es auch noch anderes, Kleinigkeiten, die sich wie Samenkörner im Boden verankert haben, aus denen blühende Wiesen und mächtige Wälder entstanden – und mein Fokus auf all das, was die Wunden in meiner Seele zu heilen vermag.
Ein Mensch ist mehr als die Summe seiner Erlebnisse.
Wir können über das, was uns prägte, hinauswachsen. Menschen haben die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, das zuvor nicht existiert hat. Ob in Kunst, Technik oder Wissenschaft – oder einfach nur neue Gedanken bei einem Spaziergang.
An diesem Punkt angekommen schiebt sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Wolken, trifft genau jene Stelle, an der ich stehengeblieben bin. Zufall?
Die einen sagen, Menschen werden von ihren Trieben gesteuert. Andere sehen das Streben nach Macht als Motor allen Tuns. Manche stellen den Sinn ins Zentrum des Menschseins oder suchen Erklärungen mittels systemischer Ansätze. Es gibt mindestens 1001 Zugänge, das Mysterium Mensch zu verstehen. Ich bin überzeugt davon, dass jeder davon auf seine Weise recht hat – und doch nur eine Facette von vielen des Mysteriums abbildet.
Wir Menschen sind mehr als die Summe unserer Erlebnisse. Was machen wir daraus? Was mache ich daraus? An diesen Novembersonntag? Blicke ich zurück, vertieft sich mein Verständnis für einiges in meinem Leben und mich selbst. Blicke ich nach vorne, entstehen Ideen, wohin die Reise führen soll. Aber wird es so kommen? Vertrauen ins Morgen? Urvertrauen, dass – egal was geschieht – es in diesem Moment genau das Richtige ist. Die Glücksfälle nimmt jeder gerne an, aber auch die Schicksalsschläge? Woran reift ein Mensch? Was heilt die Seele? Meiner Erfahrung liegt viel Potenzial in Krisen und wie wir damit umgehen. Anstrengungen gehören dazu. Leichtigkeit entsteht, wenn wir den Ballast ABWERFEN – er fällt nicht von allein. Loslassen ist ein kraftvoller Akt. In sich erstarrte Haltungen zu lösen und in die Beweglichkeit zurückzufinden geschieht nicht passiv, sondern nur durch aktives Tun. Etwas, dass niemand einem anderen abnehmen kann. An schmerzhaften Erinnerungen und dem damit verbunden Leiden festhalten – oder loslassen und zulassen, dass etwas Neues entsteht, dass zuvor nicht existiert hat? Dankbarkeit? Lebensfreude? Hier und Jetzt durch den Wald zu spazieren und frei zu sein, bewusst all diese Gedanken und Gefühle zu haben, weil ich mehr bin als die Summe meiner Erlebnisse. Weil ich daraus etwas gemacht habe, das zuvor nicht existiert hat.
Was für ein Zufall, dass sich die Wolken genau in dem Moment verziehen, als ich über diese Frage sinniere, und sich der strahlend blaue Himmel an diesem zuvor grautrüben Novembersonntag zeigt. Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle 😉
WORTE DER HOFFNUNG
Heute wurde ich Zeugin eines wahrhaft magischen Augenblicks: Die Geburt einer Eiche. Wer das Bild genau betrachtet, wird jenen zarten Trieb erkennen, der sich durch die harte Schale der Eichel kämpft. Okay, diese Geburt wird deutlich länger andauern als jene Zeitspanne, die wir Menschen üblicherweise als „Augenblick“ bezeichnen, aber eine Eiche kann auch auf eine Lebensspanne von einigen Hundert Jahren hoffen, insofern darf auch die Geburt mehr Zeit in Anspruch nehmen. Auf einer Wanderung, die rund 23.000 Schritte umfasste, rein „zufällig“ den (Augen)Blick auf ein derart unscheinbares Detail zu werfen, ist für mich etwas Magisches. Was oder wer auch immer wollte, dass ich sehe, wahrnehme, erkenne … das Besondere im Alltäglichen, in dem stets eine tiefe Weisheit verborgen darauf wartet, unser Sein um einen magischen Augenblick zu bereichern.
Also setze ich mich abends hin, schnappe mir mein Laptop, um meine Gedanken niederzuschreiben, als im Browserfenster eine Schlagzeile aufpoppt: „US-Psychologe benennt Schlüssel zu Resilienz in nur einem Wort“. Selbstredend, dass ich neugierig werde. Dieses eine Wort, das – ergänzend zu Atmen, Achtsamkeit, Aushalten und all dem anderen – die Resilienz stärkt, ist Hoffnung.
Hier der Artikel zum Nachlesen
Hoffnung – wie passend. Was passt besser zu meinem magischen Augenblick der Geburt einer Eiche als Hoffnung. Wird jener Spross dereinst zu einer mächtigen Eiche heranwachsen, die lange noch ihren Platz einnehmen wird in jenem Wald, wenn ich längst nicht mehr bin? Alles ist möglich, nichts ist fix. Was macht den Unterschied, zwischen einfach nur dahintreiben im Strom der Zeit oder den Blick offen halten für die oft winzigen Details, die den Dingen ihre Bedeutung verleihen. Hoffnung?
Manche mögen darin eine sentimentale Anwandlung sehen, illusorische Träumerei, doch war es nicht Hoffnung, die Viktor Frankl jene Zeit des Horrors im KZ überstehen ließ? Sagen wir nicht, sie ist guter Hoffnung, wenn eine Frau ein ungeborenes Kind in sich trägt und neues Leben entsteht? Ist es nicht Hoffnung, die bis zuletzt an unserer Seite ist, denn geht sie verloren, ist alles verloren.
Liebe gilt als die stärkste unserer Emotionen, Hoffnung ist der lange Atem, der die Liebe in schweren Zeiten am Leben erhält. Ein unverkennbares Leuchten in den Augen, dass ich vor wenigen Tagen im Gesicht einer jungen Frau erblickt habe. Ein Lächeln, das viel mehr erzählt als Worten es je könnten – und das mir Hoffnung macht, vielleicht jener eine Tür in ein selbstbestimmtes Leben aufgezeigt zu haben.
Hoffnung macht vieles möglich, eröffnet neue (gedankliche) Wege, wird zu einer schier unerschöpflichen Kraftquelle, kann Zweifel beiseiteschieben und das Fundament des Vertrauens festigen. Mitunter mag Hoffnung sich nicht an vorherrschende Realitäten oder Wahrscheinlichkeiten ausrichten, aber wird sie dadurch nicht genau zu jener Kraft, die uns hilft, unsere selbst auferlegten Beschränkungen zu überwinden und bislang Unmöglich erscheinendes möglich zu machen?
Begegne ich einem Menschen, sehe ich, was da ist – und was dieser Mensch sein könnte, wenn er oder sie die noch schlummernden Potenziale in sich entfaltet und zur Blüte bringt. Es ist ein Blick voller Hoffnung, auf das, was möglich wäre …
Vor vielen Jahr hing in meinem Zimmer ein Motivationsbild mit einem Spruch von J.W. Goethe: „Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“ … für mich ein Spruch voller Hoffnung – und ein Auftrag, achtsam zu sein, was ich im anderen erblicke, durch den Spiegel, hinter die Fassade, in die Tiefe zu blicken, ins Herz und in die Seele, wo uns Menschen eines verbindet: der Wunsch, geliebt zu werden, von anderen wertgeschätzt und in Geborgenheit zu leben.
Normalerweise halte ich wenig von Generalisierungen, aber in diesem Fall … wer nicht in sich den Wunsch nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung verspürt, darf mir dies gerne rückmelden um mein hoffnungsvolles Bild einer (zumindest auf dieser Ebene) verbundenen Menschen zu revidieren. Eines verrate ich vorweg: ich bin nicht gewillt, meine Hoffnung aufzugeben, dass die Menschheit eines Tages das Trennende überwinden und das Verbindende in den Vordergrund stellen wird, dass über all die offenen Gräben tragende Brücken gebaut werden. Wer weiß, vielleicht wird die kleine Baby-Eiche diesen Tag erleben?
DEEP MINDED STUFF
„Manchmal braucht es keine geschriebenen Worte. Manchmal sind es gesprochene in zufälligen Begegnungen des Lebens. Selbstheilung kann auf vielfältige Weise geschehen. Alles kann Therapie sein, wenn wir uns bewusst darin reflektieren.
Sehne dich nicht nach dem, was es nicht ist, sondern freue dich an dem, was es ist. Erlaube dem Leben Regie zu führen in dem Vertrauen, dass dir genau das begegnen wird, was dich jetzt weiterbringen kann.“
Vor einigen Tagen tauchten diese Gedanken unvermittelt in meinem Bewusstsein auf, als ich den Facebook den Beitrag einer Freundin las. Im ersten Ansatz dachte ich, diese Worte wären für sie bestimmt. Bei nachträglicher Betrachtung – auch der Ereignisse, die seither geschehen sind – entdecke ich darin ganz viel für mich selbst. Allein der gestrige Tag …
Buchmesse. Lesley und ihre Bücher. Lesley und ihre Geschichte. Lesley und ihr Weg, aus dem Problem Borderline das Potenzial Borderline zu machen. Wie oft ich das gestern erzählt habe? Keine Ahnung. Ich habe Ideen weitergegeben, Samen gesät, innere Bilder ein wenig retuschiert … beobachtet, wie Menschen auf das reagieren, was ich sage – und auf das, was ich bin.
Spät abends noch eine Runde Reflexion. Bei manchen Menschen hatte ich das Gefühl, sie würden mich ablehnen, aber war es wirklich Ablehnung? Oder vielleicht Unverständnis? Überforderung? Ein Spiegel, den ich ihnen vor Augen halte und in den sie (noch) nicht blicken wollen? Alle (inneren) Anklagen gegen das Leben, Menschen, Geschehnisse der Vergangenheit fallen zu lassen um im Hier und Jetzt frei zu werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, frei von den Verstrickungen des längst nicht mehr Veränderbaren? Wer will das schon? Wer will auf seinen (gerechten) Zorn verzichten? Es geht nicht um verzeihen, nicht um das Erhöhen der eigenen Position, die damit einhergeht, die Schuld und damit die Last von den Schultern anderer zu nehmen, sondern es anzunehmen, als das, was es war: ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, die Gegenwart zu erschaffen. Hadere ich mit meiner Vergangenheit, hadere ich mit dem, was aus ihr hervorging: ICH.
Innerer Frieden beginnt damit, es sein zu lassen, was es war, daraus zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Zukunft anders zu gestalten. Wie viele kennen diese Theorien? Wie wenig leben danach?
Gewiss, nicht alle Menschen streben danach unter die Oberfläche zu blicken oder die uns bestimmenden Dynamiken und Systeme zu erforschen. Viele leben ein gutes, zufriedenes Leben ohne alle dem „deep minded stuff“. Aber um ein Thema wie Borderline zu lösen, braucht es – meiner Erfahrung nach – einiges an deep minded stuff, weil die Wurzel genau dort verborgen liegt, ganz tief drin. Oberflächenkosmetik kann kurzzeitig kaschieren, doch nachhaltige Veränderung erfordert mehr. In meinem Fall: Achtsamkeit und bewusste Reflexion.
Alles kann Therapie sein, wenn wir uns darin reflektieren.
Jede zwischenmenschliche Begegnung, jedes einzelne Wort, jeder Moment des Lebens, wenn wir bereit sind, anzunehmen, was es ist: Ein Ereignis auf dem Lebensweg das dazu beigetragen hat, mich in dieser Gegenwart zu erschaffen.
Bild: https://pixabay.com/de/photos/blatt-natur-herbst-jahreszeit-6760484/
STILLSTAND?
In den vergangenen Wochen habe ich mich bewusst von der Öffentlichkeit zurückgezogen. Seit dem Tod meiner Mutter und auch bereits davor, kehrten eine Menge vergessene und/oder verdrängte Erinnerungen zurück. Es brauchte Zeit, diese zuzulassen, sich ihnen zu stellen, sie neu zu bewerten und ihren Einfluss auf mein heutiges Leben zu hinterfragen. Gleichzeitig stoppte ich fast abrupt einige meiner kreativen Hobbies, ließ quasi von jetzt auf gleich ruhen, was mich in der ersten Jahreshälfte intensiv beschäftigt hatte. Stricknadeln, Nähnadeln & Co im Stillstand. Ich auch? Ganz und gar nicht.
Seit sehr langer Zeit – vielleicht zum ersten Mal überhaupt – gönne ich mir eine Phase des „Nicht-ständig-beschäftigt-seins“. Anders gesagt: ich gewöhne mich an den Zustand von Ruhe und Gelassenheit (abseits vom Job). Der Tod meiner Mutter ließ mich einiges erkennen, dass ich von ihr (als Kind und somit absolut unbewusst) übernommen und bis vor kurzem gelebt hatte. Übernommene Gefühle und Stimmungen können wie ein Stein im Schuh drücken – bis man sprichwörtlich den Schuh auszieht und den Stein entfernt. Das habe ich getan. Das hat einiges an Veränderungen in meinem Leben bewirkt und tut es noch immer, weshalb ich mir die Zeit nehme, all die Impulse, die kommen, all die Erinnerungen, all die Gedanken und Gefühle, in Ruhe und Gelassenheit auf mich wirken zu lassen. Was gehört (noch) zu mir? Was darf gehen? Verschüttete Anteile meiner Persönlichkeit sind aufgetaucht und es gilt herauszufinden, wie sie in mein heutiges Leben passen.
Vielleicht ist das meine Form zu trauern. Da ich nie zuvor getrauert habe, fällt mir die Zuordnung schwer. Was wie Stillstand anmutet, gleicht einem mächtigen Fluss, dessen Wasser ruhig zwischen den Ufern ihrem Weg folgen, gleichmäßig, unaufgeregt, und doch unaufhaltsam, verändern sie die umgebende Landschaft, Tropfen für Tropfen. Ruhe und Gelassenheit, Lesley, Ruhe und Gelassenheit. Stillstand ist nur eine Illusion. Leben bedeutet Veränderung, mit jedem Atemzug, jedem Herzschlag.
Inmitten einer Welt, die ständig versucht, sich selbst zu überholen und dabei das Wesentlich allzuoft übersieht: Leben findet genau hier und jetzt statt, nicht gestern, nicht morgen, nicht irgendwo da draußen, sondern in dem einen Augenblick, den das Bewusstsein zu erfassen vermag. Wer in den Augenblick eintaucht, fällt aus der Zeit.
Stillstand?
Oder gelebte Achtsamkeit?
Wohin auch die Reise führen wird … der Weg ist das Ziel. Nie zuvor spürte ich die enorme Multidimensionalität dieser Worte. Der Weg kann so vieles sein, letztendlich wird er stets zu mir selbst führen.
Stillstand?
Ich lächle, schweigend, in Ruhe und Gelassenheit verweilend …
Bild: pixabay.com
MENSCHLICHE LOGIK
Zwei Wochen Auszeit – nach all dem, was seit Jahresanfang in meinem Leben geschehen ist, bis hin zum Tod meiner Mutter – eine wirklich notwendige Auszeit. Auf einer Partymeile oder einem überfüllten Strand wird man mich in diesen zwei Wochen nicht finden, aber auf langgezogenen Wanderungen durch die Natur, in den Bergen, allein, weil ich dieses Alleinsein brauche.
Es soll tatsächlich Menschen geben, die es nicht aushalten, allein zu sein. Ich finde es erholsam, kann mich voll und ganz auf mich selbst fokussieren, auf das, was mich beschäftigt – und das ist eine Menge.
Wenn ich allein unterwegs bin, begegne ich mir selbst… das ist etwas, vor dem (in meiner Wahrnehmung) viele Menschen davonlaufen. Sich mit all dem Ungelösten und Unterdrücktem in sich selbst auseinandersetzen, wer macht das schon freiwillig? Ich!
Nehmen wir mal all das Unterdrückte. Ich bin keine, die gerne pauschaliert, aber wenn ich mir Borderliner anschaue, erkenne ich (mindestens) einen gemeinsamen Nenner: Sie stehen alle massiv unter Druck, den sie selbst aufbauen. Druck erzeugt stets Gegendruck. Kann dieser Druck nicht konstruktiv abgebaut werden, entlädt er sich früher oder später destruktiv. Das vorherzusagen ist keine Hellseherei, sondern simple Logik.
Die Ereignisse der vergangenen Monate haben vieles in mir aufgewühlt, beinahe Vergessenes an die Oberfläche gespült, neue Perspektiven geschaffen, Erkenntnisse generiert … all das muss erst mal verarbeitet werden. Dazu nutze ich meine zwei Wochen Auszeit. Ich gehe bewusst Wege, die ich nie zuvor gegangen bin. Mein Gehirn schaltet dadurch auf Lernmodus, was auch den Prozess des Verarbeitens unterstützt. Reflektieren gehört zum erfolgreichen Lernen dazu, ganz gleich, worum es geht. Ob neue Wanderwege erkunden oder neue Gedankenmuster entwickeln – oder inneren Druck, der sich mitunter subtil tarnt, auf die Schliche zu kommen und ihn aufzulösen bevor unerwünschtes passiert.
Meine persönliche Theorie, warum Borderliner so viel Druck in sich aufbauen, ist recht simpel und erschreckend logisch: Borderliner sind in der Lage, es lange in einem für sie schädlichen Umfeld auszuhalten. Sie passen sich an, sind Meister der Anpassung. Vordergründig lässt sich darin eine Stärke erkennen, die aber eine Schattenseite hat. Aus Anpassung kann Überanpassung werden und – so ging’s mir lange Zeit – Selbstaufgabe. Dabei wird das eigene (meist unbewusst) verdrängt, unterdrückt, um angepasst zu sein… und da wären wir wieder beim Druck.
Von Zeit zu Zeit ziehe ich mich zurück aus meinem Alltag, manchmal nur für Stunden, diesmal für zwei Wochen, um achtsam auf all das zu blicken, was sich zeigt, wenn ich mir da draußen in der Natur selbst begegne. Vermisse ich etwas? Fehlt etwas? Oder bin ich mir selbst genügt? Bin ich die Quelle meiner Zufriedenheit, meiner Lebensfreude? Unabhängig von anderen? Selbstbestimmt? Frei?
In den vergangenen Wochen durfte ich einige sehr interessante, tiefgehende Gespräche führen, die um das Thema zwischenmenschliche Beziehungen kreisten. Diese können – so die Conclusio der diversen Diskussionen – nur dann wirklich gelingen, wenn zwei zusammentreffen, die sich jeweils selbst genug sind. Die nicht durch Bedürftigkeiten und Erwartungshaltungen verbunden sind, sondern durch Interesse am anderen, durch den Wunsch zu teilen und zu geben.
Wer mit einem anderen Menschen eins werden möchte, muss zuerst lernen, mit sich selbst eins zu sein. Frei von Selbstanklage, Selbstablehnung oder -unterdrückung, weder Verdrängung noch Flucht lebend. Sich selbst voll und ganz annehmen, in sich all das zu finden, was es braucht, um glücklich und zufrieden zu sein. Wer das erreicht, hat Wundervolles zu teilen und zu geben.
Wir können nur geben, was wir in uns haben. Eigentlich logisch 😉
Bild: pixabay.com
Ansichten und Einsichten einer Insiderin
Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?
Fluch? Schicksal? Krankheit? Oder doch etwas anderes? Meine Antwort verrate ich dir gegen Ende dieses Beitrags, zuvor jedoch eine wahre Geschichte, die sich vor einigen Wochen zugetragen hat.
Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich in einem ziemlich vollen Wagon der Bahn nach Wien. In meiner Nähe ein junges Mädchen mit einem etwa gleichaltrigen Burschen, vielleicht ihrem Freund, und einem Hund. Es war ein warmer Morgen im Juni. Er trug lange, sie kurze Ärmel. Ihr Unterarm war voller Narben. Bis zu diesem Anblick kreisten meine Gedanken um Themen im Job, was für diesen Tag auf meiner Agenda stand … ich war beschäftigt, meine Welt war völlig in Ordnung – auch mein innere – abrupt stoppten meine Gedanken, fühlte ich eine nicht zu beschreibende Betroffenheit in mir und ich begann mich zu fragen: Wie geht’s weiter? Wird sie einen Job finden? Welchen Vorurteilen wird sie auf der Suche begegnen, wenn jemand ihren Arm erblickt? Oder wird auch sie beginnen, nur noch lange Ärmel zu tragen, unabhängig vom Wetter? Wird sie eine Chance im Leben bekommen? Gesunde Beziehungen führen?
Erinnerungen kamen hoch an die Zeit nach meiner Trennung, als ich versuchte, die entstandene Lücke in meinem Leben mit einem neuen Mann zu füllen? Da sich mein Schaffen als Autorin und Bloggerin nicht leicht verstecken lässt, ging ich von Beginn an offen damit um, was sich rasch als kontraproduktiv herausstellen sollte. „Borderline? Was is’n das? Hoffentlich nicht so eine Psycho?“ Echt jetzt? Ich traf auf Vorurteile, kaum Verständnis oder Toleranz, jede Menge Unwissenheit, allesamt auf verletzende Weise gegen mich ausgelebt. Zum Glück hatte ich damals bereits umfassende Stabilität und intrinsische Stärke erreicht, dadurch konnte ich diese Erlebnisse relativ schnell „verdauen“. Aber der bittere Nachgeschmack blieb … bis heute.
(Vor)verurteilt für etwas, an dem ich nicht die Schuld trage, sehr wohl aber die Last – jeden einzelnen Tag meines Lebens. Niemand – auch nicht ich – sucht sich aus, als Kleinkind traumatisiert zu werden. Aus einem begabten, hoch emotionalen, feinsinnigen Kind mit einer lebhaften Fantasie wurde im Laufe der Jahre eine hochfunktionale Borderlinerin, perfekt darin, all das schmerzhafte zu verbergen um von ihrem Umfeld als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Niemand ahnte, wie es in mir aussah. Das ist eine der Facetten von Borderline, die es so schwierig macht für Außenstehende und Betroffene: selbst als ich den Mut fand, darüber zu sprechen, es ist verdammt schwer, das emotionale Chaos in nachvollziehbare Worte zu fassen – auch, weil es sich innerhalb kürzester Zeit völlig ändern kann und jene, die Gefühlswechsel weder in diesem Tempo noch dieser Intensität erleben, damit zumeist überfordert sind. Bereits als kleines Kind fühlte ich, dass ich anders bin – und wurde rasch davon überzeugt, dass es nicht gut ist, anders zu sein. Damit nahm das Drama seinen Lauf …
Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?
Hier nun einige Gedanken, die versuchen, das Unerklärliche zu beschreiben:
Ein einzigartiges Puzzle, voller Emotionen und einer Menge Widersprüche. Diese waren es auch, die ich vorrangig als Hindernisse auf meinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens wahrgenommen habe. Logic meets Empathy. Nur einer der Widersprüche. War bin ich? Die logisch-analytische Denkerin oder die hochsensitive Empathische? Mein Umfeld verlangte nach klarer Zuordnung, doch ich war beides, selten zeitgleich, aber diesen Tag so, am nächsten anders. Echt mühsam für alle Beteiligten inklusive meiner selbst. Beginnend mit der Akzeptanz meiner eigenen „Diversität“ (klingt für mich viel positiver als Widersprüchlichkeit 😉) formte sich Struktur im Chaos. Auch eine meine mittlerweile geliebten Diversitäten: Strukturen erschaffen zu können und gleichzeitig grenzenlos kreativ zu sein. Zahlen, Daten und Fakten fokussiert und gleichzeitig feinsinnig Stimmungen erfassend. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein – ich bin alles, in diesem Augenblick, wie ein Schmetterling, der auch nicht mit nur einem Flügel fliegen kann. Das bedeutet eine Flut an Emotionen, hochfrequentierte Gedankenautobahnen (im Sinne von Brain Traffic) und multidimensionale Wahrnehmung, vom globalen Überblick bis zum kleinsten unscheinbaren Detail – alles in diesem Augenblick.
So paradox das nun klingen mag, die Lösung ist im Grunde recht simpel und in Kürze zu beschreiben, ABER in der Umsetzung brauchte ich dafür Jahre: All dem zustimmen was es ist, Struktur ins Chaos bringen, jedem Anteil meiner Persönlichkeit Raum zum Leben geben, ein paar Perspektiven verändern und bedingungslos Anerkennen, dass meine Vergangenheit (ausnahmslos alles davon) mich zu der macht, die ich heute bin und morgen vielleicht sein werde – und ganz viel bewusste Fokussierung auf positive Gedanken und Gefühle. That’s it.
Eine Borderline-Diagnose kann zur Endstation Selbstaufgabe werden – oder zum Ausgangspunkt einer einzigartigen Reise der Selbstfindung. Meine Entscheidung fiel (zuerst nicht bewusst) auf letzteres, aber Selbstaufgabe war nie mein Ding. Bei all dem, was ich in meiner Vergangenheit er- und überlebt habe, ein Teil von mir hielt stets am Leben fest, glaubte an das Gute und tut das bis heute, unerschütterlich. Mein Lebenswille ist offensichtlich sehr stark. Selbstliebe war eine wiederkehrende Herausforderung, mit er es sich ähnlich wie mit einer Zwiebel verhält: viele Schichten, jede davon tränenreich, aber irgendwann wird auch das geschafft sein.
Seit 2017 gehe ich konsequent meinen Weg in vollem Bewusstsein dessen, das ich anders bin, immer war und bis zu meinem letzten Atemzug sein werde. Ich bin Borderlinerin. Ich habe das schmerzhafte Chaos hinter mir gelassen und lebe die Stärken der Borderliner, die es mir ermöglichen, nicht alltägliches zu leisten. Meine Erfolge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was mich anders sein lässt – auch in meiner beruflichen Führungsposition, in der ich besonders von meiner Diversität profitiere (Zahlen UND Menschen). Auf den Punkt gebracht: ich könnte nicht all das tun, was ich tue, wäre ich „normal“. Danke an meine Widersprüchlichkeit.
Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang denken, ich sei krank, weil ich so bin wie ich bin? Völlig absurd für mich. Ich habe eine hochfunktionale, komplexe Borderline-Persönlichkeit mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Talenten, sowie noch schlummernde Potenziale. Mit gelebter Achtsamkeit lässt sich diese sechsköpfige Quadriga samt ihren beiden Querläufern (mein humorvoller Blick auf meine differenzierten Persönlichkeitsanteile, die subsummiert MICH ergeben) dynamisch lenken. All das wäre nicht möglich, würde ich Borderline als Krankheit sehen und dagegen (und damit gegen mich selbst) ankämpfen. Ich bin, wer ich bin. Es ist, was es ist.
Mein Schlüssel zum Ausstieg aus der destruktiven Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum Einstieg in die konstruktive Borderline-Persönlichkeitsentfaltung lautet: Annehmen, was es ist – und das Beste daraus machen.
Allzu oft wird der Fokus ausschließlich auf die selbstzerstörerischen Aspekte gelenkt, haftet auf der Oberfläche, aber was liegt darunter? Ein in sich zerrissener, im emotionalen Chaos versinkender Mensch, der verzweifelt versucht, so zu werden, wie die anderen, die gesunden, sind. Hier beginnt – meiner Meinung nach – das Scheitern. Ich kann nicht werden, wie die anderen. Ich kann nur sein, wer ich bin – und mich entscheiden, ob ich das, was in mir ist, nutze, um mich selbst zu zerstören, oder dem Leben eine liebevolle Facette hinzuzufügen. Lieben oder Leiden?
Eine Frage, die mir mitunter gestellt wird: Bist du überhaupt noch Borderlinerin? Bei alldem, was du erreicht hast?
Ja und Nein.
Nein in Bezug auf selbstzerstörerisches Verhalten (abgesehen von einer latenten Tendenz Richtung Workoholic 😉). Emotionale Instabilität kommt gelegentlich vor, stellt aber kein Problem dar, da ich gelernt habe, diese rasch auszugleichen. Und mal ehrlich – wer ist nicht in und wieder unrund? Ohne Symptome keine Diagnose, aber so einfach ist es nicht – finde ich. Denn die Stärken der Borderliner sind nach wie vor da. Betrachte ich also nicht nur Symptome, sondern auch Stärken, verändert sich das gesamte Bild. Deshalb auch ein Ja.
Meiner bescheidenen Meinung nach ist es an der Zeit, neue Perspektiven auf das Thema Borderline zu eröffnen, um Betroffenen die Chance zu geben, über die Vorurteile und Diagnosen hinaus zu wachsen.
Was es dafür braucht?
Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:
„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“
Worte von einer, die diesen Weg gegangen ist und jeden Tag aufs Neue geht. Inside & Insight Borderline. Ein emotionales „Schmetterlingskind“, nicht flatterhaft, sondern den feinsten Windhauch spürend.
Meine finale Antwort auf die Frage, was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?
Eine hoch komplexe Persönlichkeit mit intensiven Emotionen, zahlreichen Stärken, noch mehr Potenzialen und das, was ich daraus mache.
Bild: pixabay.com
KLEINE SCHRITTE – GROSSE WIRKUNG
Gestern schrieb ich meinen Beitrag über Me-Time, manifestierte meine Gedanken in dieser Realität in Worten. Ein kleiner Schritt mit (überraschend) großer Wirkung. Heute wachte ich kurz vor Sonnenaufgang auf, in mir eine Erkenntnis fühlend, die keiner Worte bedurfte. Ein umfassendes Bild, über Jahrzehnte verzweigte Zusammenhänge, absolute Klarheit. Muster, die auf den ersten Blick unterschiedlich nicht sein hätten können, und doch unter der Oberfläche einen gemeinsamen Nenner haben. Im halbwachen Zustand fand ich jene Antwort, die mein Tagesbewusstsein bis dato nicht zugelassen hat … vermutlich, weil sie extrem schmerzhaft war, zu Beginn. Die Wucht dieser Erkenntnis raubte mir den Atem, löste stechende Schmerzen im Rücken aus, ließ mich in Tränen versinken. Am Morgen stand ich buchstäblich neben mir.
Doch je länger ich diese Antwort betrachtete, desto mehr wich der Schmerz.
Vor einer gefühlten Ewigkeit prägten die Erfahrungen in meinem Umfeld einen Glaubenssatz, meiselten bildlich gesprochen für mich ein Dogma in Stein: So ist es! Im Lauf der Zeit versank dieser Glaubenssatz in den Tiefen meines Unterbewusstseins, von wo aus er 24/7 seine Wirkung entfaltete. Derart tief begraben, gelang es mir nicht, an wahrzunehmen, zu reflektieren oder gar zu verändern.
Vermutlich nutzten meine Selbstheilungskräfte vergangene Nacht meine schwarz auf weiß bekundete Bereitschaft zur Veränderung und wurden aktiv. Zack – und von einem Augenblick auf den anderen nehme ich die Ereignisse meines Lebens und mich selbst in einem völlig anderen Licht wahr.
Über meinen Glaubenssatz werde ich hier nur so viel verraten, dass dieser alles andere als förderlich für ein gelungenes Leben war. Warum ich so lange daran festhielt? Weil er unsichtbar geblieben war – bis ich bereit war, mich meiner „intrinsischen Wahrheit“ zu stellen, sie zu hinterfragen und loszulassen.
Obige Zeilen schrieb ich vor 8 Tagen. Meine (Erkenntnis)Reise war noch nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, sie begann erst, so richtig Fahrt aufzunehmen. Heute bin ich (hoffentlich) etwas weiter. Drei Tage Rückzug in die Berge half dabei einen Glaubenssatz zu hinterfragen, der derart tief ins Unterbewusstsein abgesunken ist, dass sich Schicht um Schicht weitere Glaubenssätze darübergelegt haben, doch sein Kern wirkt aus dem Verborgenen heraus in den Alltag. Vielleicht mag das jetzt ein wenig paradox klingen, doch ich erkenne solche Glaubenssätze leichter, wenn ich in die Ferne blicke. Deshalb auch das Bild oberhalb, das ich übrigens in den Bergen (wo sonst?) aufgenommen habe.
Der Blick in die Ferne wird für mich gleichzeitig zu einem Blick in die Tiefe in mir selbst. In mir ist viel mehr, als von außen sichtbar ist. Ein bisschen ähnelt das der TARDIS (für alle, die jetzt nicht wissen, was das ist: die TARDIS ist eine fiktive Raum-Zeit-Maschine aus der beliebten Fernsehserie Dr. Who. Von außen sieht sie wie eine gewöhnliche Telefonzelle aus, aber innen drin ist sie wesentlich größer.)
Eines Morgens wachte ich also auf und starrte auf jenen Glaubenssatz, der die Gelegenheit genutzt hatte, sich während einer Schlafphase an die Oberfläche emporzuarbeiten: „Die Menschen, die ich gernhabe und die mir wichtig sind, nehmen mich und meine Bedürfnisse nicht wahr, lassen keine Nähe zu, laufen vor mir davon – oder sie erdrücken mich.“ Das entspricht den Erfahrungen meiner frühen Kindheit, Jugend und weiter Strecken meines Erwachsenenlebens. Insofern also korrekt, doch wie war/ist es heute? Die Wahrheit? Beziehungen stellen immer noch eine Herausforderung dar, vor allem, wenn es um Nähe geht. Als würden diese Menschen vor mir davonlaufen … Stopp! Beweise für meinen Glaubenssatz? Vielleicht – vielleicht aber auch Belege dafür, dass Konzepte wie Gesetz der Anziehung (Law of Attraction), Spiegelgesetz, Resonanzgesetz, systemische Beziehungsdynamiken etc. doch mehr sind als esoterischer Humbug. Ähnlich der Erdanziehungskraft wirken diese „Gesetze“ nämlich unerbittlich, ganz gleich, ob wir sie kennen, akzeptieren oder ablehnen.
Was ich um Außen rund um mich wahrnehme, spiegelt stets etwas wider, das in mir ist.
Auf einem Bahnhof sitzend mitten in der Menschenmenge und dementsprechendem Sprachengewirr nehme ich vorrangig genau jene Worte wahr, die in Sprachen gesprochen werde, die ich beherrsche. Alles andere klingt nach Kauderwelsch. Inmitten der Masse an Menschen erkenne ich Muster, die ich in mir trage. Menschen spiegeln mir also einen Teil von mir wider – zumeist meinen blinden Fleck. Den hat übrigens jeder von uns, ganz gleich, ob wir das akzeptieren oder abstreiten. Auch so ein Punkt, über den zu diskutieren obsolet ist.
Betrachte ich meinen Glaubenssatz als etwas, das mir gespiegelt wird, stellt sich mir die Frage: „Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Welche Bedürfnisse anderer nehme ich nicht wahr?“ Diese Fragen haben einen nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Sie holen mich aus der Opferrolle raus! Nicht die anderen sind „schuld“ bzw. machen „etwas falsch“. Der Ball liegt bei mir. Opfer sind hilflos, können nichts verändern, nur leiden. Glaubenssätze, die mich zum Opfer machen, sind wie die dunkle Seite der Macht, verführerisch, schnell darin, Verantwortliche zu identifizieren – und sie können nicht nachhaltig gelöst wird. Gewiss, ich könnte ab sofort 3x täglich Affirmationen wie „Die Menschen rund um mich behandeln mich mit großer Aufmerksamkeit und wertschätzend“ oder dergleichen runterbeten, doch blieben es fiktionale Wunschträume. Ich würde weiterhin das „anziehen“, was in mir ist – es sei denn, ich gehe meinem eigenen Deep Belief auf seinen tief verborgenen Grund und verändere dort, was längst überholt ist.
Einen Schritt zurück also. Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Das bringt mich automatisch zu der Frage: Warum lasse ich keine Nähe zu? Antwort: Weil ich neuerliche Verletzung vermeiden will. Gegenfrage: Bin ich tatsächlich noch so leicht zu verletzen? Ich bin längst kein kleines hilfloses Kind mehr, verstecke mich aber hinter einem Schutzwall aus inneren Bildern, die bei näherer Betrachtung eines gemeinsam haben. Genau dort liegt der Kern, um den all die Fragen und Antworten, Glaubenssätze und Ängste kreisen wie Planeten um eine Sonne: ich bin nicht liebenswert, deshalb … laufen andere vor mir davon, behandeln mich rücksichtslos, wollen keine Nähe zu mir oder erdrücken mich, weil ich nicht in Ordnung bin …
Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Definitiv eine Annahme, die aus den traumatischen Erlebnissen meiner frühen Kindheit resultiert, die deshalb so tief sitzt – und ebenso falsch wie fatal ist. Aber sie ist da – und wenn ich an den eingangs erwähnten, sich nächtlich offenbarten Glaubenssatz denke – immer noch da. Richte ich meinen Blick von Innen wieder ins Außen, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich noch liebevoller mit mir selbst umgehen könnte. In diesem Augenblick halte ich alle Fäden der Veränderung in meinen Händen. Wie ich mit mir selbst umgehe, liegt allein bei mir. Aus einem Glaubenssatz mit Opfer-Touch (die anderen …) wird ein Vorsatz (ich gehe liebevoll mit mir selbst um, Tag für Tag ein bisschen mehr), der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Wirkung entfalten wird und auch meine Wahrnehmung (anderer Menschen) verändern wird. Denn in Wahrheit gibt es Menschen, die mich und meine Bedürfnisse wahrnehmen.
ME-TIME … SO WICHTIG
In den vergangenen Wochen gab es wenig von mir zu lesen. Das hat damit zu tun, dass ich meine derzeit eher spärliche Freizeit dafür verwendet habe, all das, was in mir an (neuen) Gedanken und Gefühlen war, zu sichten, sortieren, reflektieren … ein Prozess, der aktuell noch andauert. In meiner Post-Depressionsphase erscheint manches plötzlich in anderem Licht, mit mehr Klarheit, neuen Perspektiven. Wieder einmal ein lebendiges Zeugnis dafür, dass jede Krise, jedes Tief, auch eine hormongesteuerte Depression, in sich auch eine Chance birgt. Was bei erster oberflächlicher Betrachtung nur schmerzhaft und anstrengend erscheint, offenbart beim zweiten (tiefergehenden) Blick sein Potenzial.
Me-Time, ein neumodisches Wort für die altbewährten Stunden der Muse, des voll und ganz auf sich selbst Fokussierens. Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut? Ob Muse oder Me-Time, seit Jahresanfang habe ich mir davon definitiv zu wenig gegönnt. Mal nicht dicht getaktet funktionieren, sondern ein wenig zerstreut-chaotisch den Tag seinen Weg finden lassen, ganz dem eigenen Rhythmus folgend. Ein Wochenende mal „verschlafen“. Die Welt dreht sich auch ohne mein Zutun weiter. Ebenso wie meine Gedanken. Erkenntnisse tauchen an der Oberfläche meines Bewusstseins auf, treiben wie Blätter auf dem stillen See. Manche passen wie Puzzleteile zusammen, ergeben gemeinsam ein neues Bild, erweitertes Verständnis dessen, was sich unter der Oberfläche befindet.
Mitten in diesem Prozess habe ich mein neues Buchprojekt gestartet – quasi eine Tür geöffnet für all meine Gedanken und Gefühle, die sich bislang noch nicht in Worten manifestiert haben. Eine wahre Flut, die allmählich Struktur annimmt. Das ist nichts, was sich beliebig beschleunigen lässt. Es braucht seine Zeit. Muse eben. Oder Me-Time. Gelassenheit gefällt mir auch sehr gut. Gelassenheit ist für mich die Kombination aus bewusst gewählter Ruhe und kraftvoller (Selbst)Sicherheit, den Entwicklungen ihren Lauf zu lassen, ohne sie zu pushen. Frei nach dem Motto: Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.
Veränderung ist ein häufig strapaziertes Wort. Meiner Erfahrung nach realisieren wir Veränderung erst, wenn sie bereits geschehen ist. Zumeist an veränderten Reaktionen aus dem Umfeld, aber auch daran, dass wir manches anders tun als zuvor. Derzeit stelle ich zahlreiche Veränderungen an mir fest. Kleinigkeiten, Nuancen, die nicht das große Ganze an sich verändern, dennoch einen Unterschied machen – wie die richtige Dosis Salz in der Suppe. Ich bleibe, wer ich bin, gleichzeitig werden die Facetten dessen, was ich bin, intensiver, teils harmonischer aufeinander abgestimmt. Eine äußerst spannende Phase meines Lebens, die ich mit gebührend Muse und Me-Time bewusst erlebe.
Bild: pixabay.com









