Ansichten und Einsichten einer Insiderin

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Fluch? Schicksal? Krankheit? Oder doch etwas anderes? Meine Antwort verrate ich dir gegen Ende dieses Beitrags, zuvor jedoch eine wahre Geschichte, die sich vor einigen Wochen zugetragen hat.

Frühmorgens auf dem Weg zur Arbeit stand ich in einem ziemlich vollen Wagon der Bahn nach Wien. In meiner Nähe ein junges Mädchen mit einem etwa gleichaltrigen Burschen, vielleicht ihrem Freund, und einem Hund. Es war ein warmer Morgen im Juni. Er trug lange, sie kurze Ärmel. Ihr Unterarm war voller Narben. Bis zu diesem Anblick kreisten meine Gedanken um Themen im Job, was für diesen Tag auf meiner Agenda stand … ich war beschäftigt, meine Welt war völlig in Ordnung – auch mein innere – abrupt stoppten meine Gedanken, fühlte ich eine nicht zu beschreibende Betroffenheit in mir und ich begann mich zu fragen: Wie geht’s weiter? Wird sie einen Job finden? Welchen Vorurteilen wird sie auf der Suche begegnen, wenn jemand ihren Arm erblickt? Oder wird auch sie beginnen, nur noch lange Ärmel zu tragen, unabhängig vom Wetter? Wird sie eine Chance im Leben bekommen? Gesunde Beziehungen führen?

Erinnerungen kamen hoch an die Zeit nach meiner Trennung, als ich versuchte, die entstandene Lücke in meinem Leben mit einem neuen Mann zu füllen? Da sich mein Schaffen als Autorin und Bloggerin nicht leicht verstecken lässt, ging ich von Beginn an offen damit um, was sich rasch als kontraproduktiv herausstellen sollte. „Borderline? Was is’n das? Hoffentlich nicht so eine Psycho?“ Echt jetzt? Ich traf auf Vorurteile, kaum Verständnis oder Toleranz, jede Menge Unwissenheit, allesamt auf verletzende Weise gegen mich ausgelebt. Zum Glück hatte ich damals bereits umfassende Stabilität und intrinsische Stärke erreicht, dadurch konnte ich diese Erlebnisse relativ schnell „verdauen“. Aber der bittere Nachgeschmack blieb … bis heute.

(Vor)verurteilt für etwas, an dem ich nicht die Schuld trage, sehr wohl aber die Last – jeden einzelnen Tag meines Lebens. Niemand – auch nicht ich – sucht sich aus, als Kleinkind traumatisiert zu werden. Aus einem begabten, hoch emotionalen, feinsinnigen Kind mit einer lebhaften Fantasie wurde im Laufe der Jahre eine hochfunktionale Borderlinerin, perfekt darin, all das schmerzhafte zu verbergen um von ihrem Umfeld als starke Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Niemand ahnte, wie es in mir aussah. Das ist eine der Facetten von Borderline, die es so schwierig macht für Außenstehende und Betroffene: selbst als ich den Mut fand, darüber zu sprechen, es ist verdammt schwer, das emotionale Chaos in nachvollziehbare Worte zu fassen – auch, weil es sich innerhalb kürzester Zeit völlig ändern kann und jene, die Gefühlswechsel weder in diesem Tempo noch dieser Intensität erleben, damit zumeist überfordert sind. Bereits als kleines Kind fühlte ich, dass ich anders bin – und wurde rasch davon überzeugt, dass es nicht gut ist, anders zu sein. Damit nahm das Drama seinen Lauf …

Was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Hier nun einige Gedanken, die versuchen, das Unerklärliche zu beschreiben:

Ein einzigartiges Puzzle, voller Emotionen und einer Menge Widersprüche. Diese waren es auch, die ich vorrangig als Hindernisse auf meinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens wahrgenommen habe. Logic meets Empathy. Nur einer der Widersprüche. War bin ich? Die logisch-analytische Denkerin oder die hochsensitive Empathische? Mein Umfeld verlangte nach klarer Zuordnung, doch ich war beides, selten zeitgleich, aber diesen Tag so, am nächsten anders. Echt mühsam für alle Beteiligten inklusive meiner selbst. Beginnend mit der Akzeptanz meiner eigenen „Diversität“ (klingt für mich viel positiver als Widersprüchlichkeit 😉) formte sich Struktur im Chaos. Auch eine meine mittlerweile geliebten Diversitäten: Strukturen erschaffen zu können und gleichzeitig grenzenlos kreativ zu sein. Zahlen, Daten und Fakten fokussiert und gleichzeitig feinsinnig Stimmungen erfassend. Ich kann nicht nur das eine oder das andere sein – ich bin alles, in diesem Augenblick, wie ein Schmetterling, der auch nicht mit nur einem Flügel fliegen kann. Das bedeutet eine Flut an Emotionen, hochfrequentierte Gedankenautobahnen (im Sinne von Brain Traffic) und multidimensionale Wahrnehmung, vom globalen Überblick bis zum kleinsten unscheinbaren Detail – alles in diesem Augenblick.  

So paradox das nun klingen mag, die Lösung ist im Grunde recht simpel und in Kürze zu beschreiben, ABER in der Umsetzung brauchte ich dafür Jahre: All dem zustimmen was es ist, Struktur ins Chaos bringen, jedem Anteil meiner Persönlichkeit Raum zum Leben geben, ein paar Perspektiven verändern und bedingungslos Anerkennen, dass meine Vergangenheit (ausnahmslos alles davon) mich zu der macht, die ich heute bin und morgen vielleicht sein werde – und ganz viel bewusste Fokussierung auf positive Gedanken und Gefühle. That’s it.

Eine Borderline-Diagnose kann zur Endstation Selbstaufgabe werden – oder zum Ausgangspunkt einer einzigartigen Reise der Selbstfindung. Meine Entscheidung fiel (zuerst nicht bewusst) auf letzteres, aber Selbstaufgabe war nie mein Ding. Bei all dem, was ich in meiner Vergangenheit er- und überlebt habe, ein Teil von mir hielt stets am Leben fest, glaubte an das Gute und tut das bis heute, unerschütterlich. Mein Lebenswille ist offensichtlich sehr stark. Selbstliebe war eine wiederkehrende Herausforderung, mit er es sich ähnlich wie mit einer Zwiebel verhält: viele Schichten, jede davon tränenreich, aber irgendwann wird auch das geschafft sein.

Seit 2017 gehe ich konsequent meinen Weg in vollem Bewusstsein dessen, das ich anders bin, immer war und bis zu meinem letzten Atemzug sein werde. Ich bin Borderlinerin. Ich habe das schmerzhafte Chaos hinter mir gelassen und lebe die Stärken der Borderliner, die es mir ermöglichen, nicht alltägliches zu leisten. Meine Erfolge hängen unmittelbar mit dem zusammen, was mich anders sein lässt – auch in meiner beruflichen Führungsposition, in der ich besonders von meiner Diversität profitiere (Zahlen UND Menschen). Auf den Punkt gebracht: ich könnte nicht all das tun, was ich tue, wäre ich „normal“. Danke an meine Widersprüchlichkeit.

Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang denken, ich sei krank, weil ich so bin wie ich bin? Völlig absurd für mich. Ich habe eine hochfunktionale, komplexe Borderline-Persönlichkeit mit vielfältigen Fähigkeiten, Kompetenzen und Talenten, sowie noch schlummernde Potenziale. Mit gelebter Achtsamkeit lässt sich diese sechsköpfige Quadriga samt ihren beiden Querläufern (mein humorvoller Blick auf meine differenzierten Persönlichkeitsanteile, die subsummiert MICH ergeben) dynamisch lenken. All das wäre nicht möglich, würde ich Borderline als Krankheit sehen und dagegen (und damit gegen mich selbst) ankämpfen. Ich bin, wer ich bin. Es ist, was es ist.

Mein Schlüssel zum Ausstieg aus der destruktiven Borderline-Persönlichkeitsstörung und zum Einstieg in die konstruktive Borderline-Persönlichkeitsentfaltung lautet: Annehmen, was es ist – und das Beste daraus machen.

Allzu oft wird der Fokus ausschließlich auf die selbstzerstörerischen Aspekte gelenkt, haftet auf der Oberfläche, aber was liegt darunter? Ein in sich zerrissener, im emotionalen Chaos versinkender Mensch, der verzweifelt versucht, so zu werden, wie die anderen, die gesunden, sind. Hier beginnt – meiner Meinung nach – das Scheitern. Ich kann nicht werden, wie die anderen. Ich kann nur sein, wer ich bin – und mich entscheiden, ob ich das, was in mir ist, nutze, um mich selbst zu zerstören, oder dem Leben eine liebevolle Facette hinzuzufügen. Lieben oder Leiden?

Eine Frage, die mir mitunter gestellt wird: Bist du überhaupt noch Borderlinerin? Bei alldem, was du erreicht hast?

Ja und Nein.

Nein in Bezug auf selbstzerstörerisches Verhalten (abgesehen von einer latenten Tendenz Richtung Workoholic 😉). Emotionale Instabilität kommt gelegentlich vor, stellt aber kein Problem dar, da ich gelernt habe, diese rasch auszugleichen. Und mal ehrlich – wer ist nicht in und wieder unrund? Ohne Symptome keine Diagnose, aber so einfach ist es nicht – finde ich. Denn die Stärken der Borderliner sind nach wie vor da. Betrachte ich also nicht nur Symptome, sondern auch Stärken, verändert sich das gesamte Bild. Deshalb auch ein Ja.

Meiner bescheidenen Meinung nach ist es an der Zeit, neue Perspektiven auf das Thema Borderline zu eröffnen, um Betroffenen die Chance zu geben, über die Vorurteile und Diagnosen hinaus zu wachsen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Worte von einer, die diesen Weg gegangen ist und jeden Tag aufs Neue geht. Inside & Insight Borderline. Ein emotionales „Schmetterlingskind“, nicht flatterhaft, sondern den feinsten Windhauch spürend.

Meine finale Antwort auf die Frage, was ist das eigentlich – eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline?

Eine hoch komplexe Persönlichkeit mit intensiven Emotionen, zahlreichen Stärken, noch mehr Potenzialen und das, was ich daraus mache.

Bild: pixabay.com

KLEINE SCHRITTE – GROSSE WIRKUNG

Gestern schrieb ich meinen Beitrag über Me-Time, manifestierte meine Gedanken in dieser Realität in Worten. Ein kleiner Schritt mit (überraschend) großer Wirkung. Heute wachte ich kurz vor Sonnenaufgang auf, in mir eine Erkenntnis fühlend, die keiner Worte bedurfte. Ein umfassendes Bild, über Jahrzehnte verzweigte Zusammenhänge, absolute Klarheit. Muster, die auf den ersten Blick unterschiedlich nicht sein hätten können, und doch unter der Oberfläche einen gemeinsamen Nenner haben. Im halbwachen Zustand fand ich jene Antwort, die mein Tagesbewusstsein bis dato nicht zugelassen hat … vermutlich, weil sie extrem schmerzhaft war, zu Beginn. Die Wucht dieser Erkenntnis raubte mir den Atem, löste stechende Schmerzen im Rücken aus, ließ mich in Tränen versinken. Am Morgen stand ich buchstäblich neben mir.

Doch je länger ich diese Antwort betrachtete, desto mehr wich der Schmerz.

Vor einer gefühlten Ewigkeit prägten die Erfahrungen in meinem Umfeld einen Glaubenssatz, meiselten bildlich gesprochen für mich ein Dogma in Stein: So ist es! Im Lauf der Zeit versank dieser Glaubenssatz in den Tiefen meines Unterbewusstseins, von wo aus er 24/7 seine Wirkung entfaltete. Derart tief begraben, gelang es mir nicht, an wahrzunehmen, zu reflektieren oder gar zu verändern.

Vermutlich nutzten meine Selbstheilungskräfte vergangene Nacht meine schwarz auf weiß bekundete Bereitschaft zur Veränderung und wurden aktiv. Zack – und von einem Augenblick auf den anderen nehme ich die Ereignisse meines Lebens und mich selbst in einem völlig anderen Licht wahr.

Über meinen Glaubenssatz werde ich hier nur so viel verraten, dass dieser alles andere als förderlich für ein gelungenes Leben war. Warum ich so lange daran festhielt? Weil er unsichtbar geblieben war – bis ich bereit war, mich meiner „intrinsischen Wahrheit“ zu stellen, sie zu hinterfragen und loszulassen. 

Obige Zeilen schrieb ich vor 8 Tagen. Meine (Erkenntnis)Reise war noch nicht zu Ende. Ganz im Gegenteil, sie begann erst, so richtig Fahrt aufzunehmen. Heute bin ich (hoffentlich) etwas weiter. Drei Tage Rückzug in die Berge half dabei einen Glaubenssatz zu hinterfragen, der derart tief ins Unterbewusstsein abgesunken ist, dass sich Schicht um Schicht weitere Glaubenssätze darübergelegt haben, doch sein Kern wirkt aus dem Verborgenen heraus in den Alltag. Vielleicht mag das jetzt ein wenig paradox klingen, doch ich erkenne solche Glaubenssätze leichter, wenn ich in die Ferne blicke. Deshalb auch das Bild oberhalb, das ich übrigens in den Bergen (wo sonst?) aufgenommen habe.

Der Blick in die Ferne wird für mich gleichzeitig zu einem Blick in die Tiefe in mir selbst. In mir ist viel mehr, als von außen sichtbar ist. Ein bisschen ähnelt das der TARDIS (für alle, die jetzt nicht wissen, was das ist: die TARDIS ist eine fiktive Raum-Zeit-Maschine aus der beliebten Fernsehserie Dr. Who. Von außen sieht sie wie eine gewöhnliche Telefonzelle aus, aber innen drin ist sie wesentlich größer.)

Eines Morgens wachte ich also auf und starrte auf jenen Glaubenssatz, der die Gelegenheit genutzt hatte, sich während einer Schlafphase an die Oberfläche emporzuarbeiten: „Die Menschen, die ich gernhabe und die mir wichtig sind, nehmen mich und meine Bedürfnisse nicht wahr, lassen keine Nähe zu, laufen vor mir davon – oder sie erdrücken mich.“ Das entspricht den Erfahrungen meiner frühen Kindheit, Jugend und weiter Strecken meines Erwachsenenlebens. Insofern also korrekt, doch wie war/ist es heute? Die Wahrheit? Beziehungen stellen immer noch eine Herausforderung dar, vor allem, wenn es um Nähe geht. Als würden diese Menschen vor mir davonlaufen … Stopp! Beweise für meinen Glaubenssatz? Vielleicht – vielleicht aber auch Belege dafür, dass Konzepte wie Gesetz der Anziehung (Law of Attraction), Spiegelgesetz, Resonanzgesetz, systemische Beziehungsdynamiken etc. doch mehr sind als esoterischer Humbug. Ähnlich der Erdanziehungskraft wirken diese „Gesetze“ nämlich unerbittlich, ganz gleich, ob wir sie kennen, akzeptieren oder ablehnen.

Was ich um Außen rund um mich wahrnehme, spiegelt stets etwas wider, das in mir ist.

Auf einem Bahnhof sitzend mitten in der Menschenmenge und dementsprechendem Sprachengewirr nehme ich vorrangig genau jene Worte wahr, die in Sprachen gesprochen werde, die ich beherrsche. Alles andere klingt nach Kauderwelsch. Inmitten der Masse an Menschen erkenne ich Muster, die ich in mir trage. Menschen spiegeln mir also einen Teil von mir wider – zumeist meinen blinden Fleck. Den hat übrigens jeder von uns, ganz gleich, ob wir das akzeptieren oder abstreiten. Auch so ein Punkt, über den zu diskutieren obsolet ist.

Betrachte ich meinen Glaubenssatz als etwas, das mir gespiegelt wird, stellt sich mir die Frage: „Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Welche Bedürfnisse anderer nehme ich nicht wahr?“ Diese Fragen haben einen nicht zu unterschätzenden Nebeneffekt: Sie holen mich aus der Opferrolle raus! Nicht die anderen sind „schuld“ bzw. machen „etwas falsch“. Der Ball liegt bei mir. Opfer sind hilflos, können nichts verändern, nur leiden. Glaubenssätze, die mich zum Opfer machen, sind wie die dunkle Seite der Macht, verführerisch, schnell darin, Verantwortliche zu identifizieren – und sie können nicht nachhaltig gelöst wird. Gewiss, ich könnte ab sofort 3x täglich Affirmationen wie „Die Menschen rund um mich behandeln mich mit großer Aufmerksamkeit und wertschätzend“ oder dergleichen runterbeten, doch blieben es fiktionale Wunschträume. Ich würde weiterhin das „anziehen“, was in mir ist – es sei denn, ich gehe meinem eigenen Deep Belief auf seinen tief verborgenen Grund und verändere dort, was längst überholt ist.

Einen Schritt zurück also. Wovor laufe ich davon? Wo lasse ich keine Nähe zu? Das bringt mich automatisch zu der Frage: Warum lasse ich keine Nähe zu? Antwort: Weil ich neuerliche Verletzung vermeiden will. Gegenfrage: Bin ich tatsächlich noch so leicht zu verletzen? Ich bin längst kein kleines hilfloses Kind mehr, verstecke mich aber hinter einem Schutzwall aus inneren Bildern, die bei näherer Betrachtung eines gemeinsam haben. Genau dort liegt der Kern, um den all die Fragen und Antworten, Glaubenssätze und Ängste kreisen wie Planeten um eine Sonne: ich bin nicht liebenswert, deshalb … laufen andere vor mir davon, behandeln mich rücksichtslos, wollen keine Nähe zu mir oder erdrücken mich, weil ich nicht in Ordnung bin …

Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden. Definitiv eine Annahme, die aus den traumatischen Erlebnissen meiner frühen Kindheit resultiert, die deshalb so tief sitzt – und ebenso falsch wie fatal ist. Aber sie ist da – und wenn ich an den eingangs erwähnten, sich nächtlich offenbarten Glaubenssatz denke – immer noch da. Richte ich meinen Blick von Innen wieder ins Außen, wird mir bewusst, dass ich tatsächlich noch liebevoller mit mir selbst umgehen könnte. In diesem Augenblick halte ich alle Fäden der Veränderung in meinen Händen. Wie ich mit mir selbst umgehe, liegt allein bei mir. Aus einem Glaubenssatz mit Opfer-Touch (die anderen …) wird ein Vorsatz (ich gehe liebevoll mit mir selbst um, Tag für Tag ein bisschen mehr), der mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seine Wirkung entfalten wird und auch meine Wahrnehmung (anderer Menschen) verändern wird. Denn in Wahrheit gibt es Menschen, die mich und meine Bedürfnisse wahrnehmen.

ME-TIME … SO WICHTIG

In den vergangenen Wochen gab es wenig von mir zu lesen. Das hat damit zu tun, dass ich meine derzeit eher spärliche Freizeit dafür verwendet habe, all das, was in mir an (neuen) Gedanken und Gefühlen war, zu sichten, sortieren, reflektieren … ein Prozess, der aktuell noch andauert. In meiner Post-Depressionsphase erscheint manches plötzlich in anderem Licht, mit mehr Klarheit, neuen Perspektiven. Wieder einmal ein lebendiges Zeugnis dafür, dass jede Krise, jedes Tief, auch eine hormongesteuerte Depression, in sich auch eine Chance birgt. Was bei erster oberflächlicher Betrachtung nur schmerzhaft und anstrengend erscheint, offenbart beim zweiten (tiefergehenden) Blick sein Potenzial.

Me-Time, ein neumodisches Wort für die altbewährten Stunden der Muse, des voll und ganz auf sich selbst Fokussierens. Was brauche ich jetzt? Was tut mir gut? Ob Muse oder Me-Time, seit Jahresanfang habe ich mir davon definitiv zu wenig gegönnt. Mal nicht dicht getaktet funktionieren, sondern ein wenig zerstreut-chaotisch den Tag seinen Weg finden lassen, ganz dem eigenen Rhythmus folgend. Ein Wochenende mal „verschlafen“. Die Welt dreht sich auch ohne mein Zutun weiter. Ebenso wie meine Gedanken. Erkenntnisse tauchen an der Oberfläche meines Bewusstseins auf, treiben wie Blätter auf dem stillen See. Manche passen wie Puzzleteile zusammen, ergeben gemeinsam ein neues Bild, erweitertes Verständnis dessen, was sich unter der Oberfläche befindet.

Mitten in diesem Prozess habe ich mein neues Buchprojekt gestartet – quasi eine Tür geöffnet für all meine Gedanken und Gefühle, die sich bislang noch nicht in Worten manifestiert haben. Eine wahre Flut, die allmählich Struktur annimmt. Das ist nichts, was sich beliebig beschleunigen lässt. Es braucht seine Zeit. Muse eben. Oder Me-Time. Gelassenheit gefällt mir auch sehr gut. Gelassenheit ist für mich die Kombination aus bewusst gewählter Ruhe und kraftvoller (Selbst)Sicherheit, den Entwicklungen ihren Lauf zu lassen, ohne sie zu pushen. Frei nach dem Motto: Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.

Veränderung ist ein häufig strapaziertes Wort. Meiner Erfahrung nach realisieren wir Veränderung erst, wenn sie bereits geschehen ist. Zumeist an veränderten Reaktionen aus dem Umfeld, aber auch daran, dass wir manches anders tun als zuvor. Derzeit stelle ich zahlreiche Veränderungen an mir fest. Kleinigkeiten, Nuancen, die nicht das große Ganze an sich verändern, dennoch einen Unterschied machen – wie die richtige Dosis Salz in der Suppe. Ich bleibe, wer ich bin, gleichzeitig werden die Facetten dessen, was ich bin, intensiver, teils harmonischer aufeinander abgestimmt. Eine äußerst spannende Phase meines Lebens, die ich mit gebührend Muse und Me-Time bewusst erlebe.

Bild: pixabay.com

ERLEUCHTET … ODER AUCH NICHT

Vor vielen Jahren las ich eine Geschichte über einen Mönch, der sich in eine Höhle auf einen Berg zurückzog, um so lange zu meditieren, bis die Erleuchtung über ihn käme. Jahre vergingen. Eines Tages hatte er es geschafft: er hatte den Zustand der Erleuchtung erreicht. Voller Tatendrang kehrte er zurück in die Stadt, aus der er einst gekommen war. Inmitten zahlreicher Menschen und des alltäglichen Trubels auf dem Marktplatz, fiel er rasch aus wieder aus seinem erleuchteten Zustand. Erst gab er den Menschen rundum die Schuld für sein Scheitern, danach suchte er den Fehler bei sich, fand jedoch keine zufriedenstellende Antwort. Verwirrt wandte er sich an seinen ehemaligen Lehrer. Dieser meinte, dass der Rückzug in die Stille der Höhle am Berg zwar dabei hilfreich wäre, sich zu fokussieren und ruhig zu werden, doch tatsächliche Erleuchtung ist ein Teil des Lebens – nicht die Flucht davor.

Manchmal geht es mir ähnlich wie diesem Mönch. In der Stille der Berge tanke ich Kraft, finde in meine Mitte, sehe vieles klarer und umfassender als inmitten des täglichen Trubels. Sprichwörtlich schwebend verlasse ich den Berg, kehre zurück und ZACK … bin ich wieder da, wo ich zuvor war. Kein bisschen mehr erleuchtet als zuvor … oder vielleicht doch? Immerhin ist mir inzwischen bewusst, dass die Herausforderung (oder Aufgabe) nicht darin liegt, oben auf dem Berg Ruhe und Gelassenheit zu finden, sondern diese im Alltag zu bewahren.

Vielleicht falle ich aber auch (un)absichtlich nach meiner Rückkehr in alte Muster zurück, um wieder einen Grund zu haben, auf den Berg zu steigen. Wer weiß? Vielleicht ist das Bewusstsein der Nicht-Erleuchtung auch ein klein wenig Beinahe-Erleuchtung. Auf jeden Fall verschafft es mir Pausen zum Durchatmen in luftiger Höhe.

NEUE (GEDANKEN)WEGE

Es verblüfft mich nach wie vor, welch immensen Einfluss die Körperchemie auf mein Denken hat(te). Der Mangel an Vitaminen und Hormonen warf mich in eine düstere Gedanken- und Gefühlswelt wie selten zuvor. Kaum fülle ich meine Speicher im Körper mit den fehlenden Mikronährstoffen wieder auf, erhebt sich mein eigentliches Ich aus der Versenkungen … im wahrsten Sinne des Wortes 😉

Mein Blick dringt wieder tief unter die Oberfläche des Offensichtlichen. Möglichst viel Zeit in der freien Natur zu verbringen, tut das ihre dazu. Noch dazu wandle ich vermehrt auf mir bis dato unbekannten Wegen, was den Effekt der „neuen Wege“ verstärkt und mich zudem jedes Mal ein kleines Abenteuer im Alltag erleben lässt. Vor einigen Tage schnappte ich während einer Doku über die Entwicklung der Menschheit sinngemäß folgendes Satz auf:

„Uns Menschen eigen ist der Entdeckergeist, über den Horizont hinaus zu blicken und erkunden zu wollen, was sich dort verbirgt.“

Dem kann ich voll und ganz zustimmen und ergänzen:

„Auch über den (eigenen) geistigen Horizont hinauszublicken und in sich hinein um zu erkunden, was in uns schlummert und darauf wartet, entdeckt und gelebt zu werden.“

Ein Plädoyer für die Reise zu sich selbst. Das größte Abenteuer, dem sich ein Mensch stellen kann, den kein Abgrund ist so tief wie jener der eigenen Seele, kein Schrecken größer als die Furcht im eigenen Herzen. Nichts erfordert mehr Mut, als sich seinen eigenen Ängsten zu stellen. Nichts bringt einen weiter, als die eigenen inneren Konflikte zu lösen und die Wunden in der Seele zu heilen.

Das klingt doch schon wieder ganz nach der gewohnt lebensphilosophischen Lesley 😉 … und doch auch anders. Jede Krise trägt in sich das Potenzial von Veränderung und damit Entwicklung. Meine „Körperchemie-Krise“ ließ mich einiges überdenken, titelgebenden neue (Gedanken-)Wege einschlagen.

Es scheint sogar, als hätten sich meine empathischen Fähigkeiten verstärkt – zumindest habe ich das Gefühl, als würde ich Menschen noch intensiver wahrnehmen als zuvor (oder zuletzt). Vor ein paar Tagen hat das einiges an „innerer Gleichgewichtsstörung“ bei mir ausgelöst, aber mittlerweile – in der Ruhe der Bergwelt angekommen – pendelt sich das wieder ein und ich kann gelassen mit dem umgehen, was meine empathischen Antennen auffangen, wenn ich sie auf eine Person richte. Mir ist natürlich klar, dass ich – was auch immer ich auffangen – nur das verstehen und interpretieren kann, was auch in mir selbst vorhanden ist, sprich: wo ich in Resonanz gehen. Insofern wird das Außen zum bewusst erlebten Spiegel meines Innenlebens. Bewusst erlebt deshalb, weil es eigentlich bei jedem Menschen so ist, aber viele realisieren nicht, das sie im Leben stets auf sich selbst treffen 😉

However, kurz nach Sonnenaufgang waren meine Antennen ausgerichtet und fingen etwas auf, das mich auch etwas über mich selbst erkennen ließ:

„Um Liebe geben zu können, muss zuerst der eigene Schmerz geheilt sein. Jemand zu lieben bedeutet nicht gleichzeitig auch Liebe zu geben. Diesen Unterschied zu verstehen hat bei mir lange gedauert, aber es gibt ihn. Es ist der Schritt aus dem „Ich“ heraus ins „Du“. Jener Schritt, nicht nur zu fühlen, sondern dieses Gefühl (der Liebe) auch zu schenken. Dein Denken mag sich jetzt vielleicht die Stirn runzeln über diese scheinbare Wortklauberei, aber wenn du deine Augen schließt und in dein Herz hineinhorchst, wird sich dir der Unterschied allmählich offenbaren.

Das Leben legt dir all das auf deinen Weg, was deine Seele braucht um heil zu werden. Woher das Leben weiß, was du brauchst? Es fragt deine Seele.

Du musst nicht perfekt sein, um Liebe zu bekommen. Du musst auch nichts im Gegenzug erbringen. Du darfst sie einfach annehmen und damit den ersten Schritt der Heilung tun. Das macht dich weder größer noch kleiner, weder stärker noch schwächer, sondern schlichtweg lebendiger, denn du umarmst das Leben.“

Was bleibt noch hinzuzufügen?

Von meiner Seite aus ein Hauch dessen, was sich vor meinem Fenster zeigt, während ich diese Zeilen tippe: ein weit entfernter Horizont, hinter dem zu Entdeckendes auf mich wartet – ein Spiegel dessen, was in mir ist.

ANFANG UND ENDE

… untrennbar miteinander verbunden, denn jedes Ende ist ein neuer Anfang. Mehr als drei Monate habe ich mich nun mit meiner Vergangenheit beschäftigt, mit meinem „Mutter-Thema“, bin zurückgekehrt in jene bedrückende, von Angst dominierte Stimmungswelt, in der ich früher lebte, bin durch dunkle Phasen gegangen, habe alte Erinnerungen neuerlich emotional durchlebt, habe ich mich hineingelauscht um herauszufinden, welche übernommenen Altlasten ich noch mit mir rumschleppe, habe Verabschiedungs- und Loslassens-Rituale durchgeführt … ich hab‘ echt intensiv an mir gearbeitet, um letztendlich festzustellen:

Wer ständig in die Vergangenheit blickt, verliert die Gegenwart aus den Augen.

Ich könnte noch weitere Monate damit zubringen, mich mit dem zu befassen, was einmal war – es würde nichts daran ändern, was damals geschehen ist. Dennoch war es keine Zeitverschwendung. Ganz im Gegenteil. Für mich war es wichtig, all das nochmals zu fühlen um eine Entscheidung basierend auf Erfahrungen treffen zu können:

Lieben oder Leiden?

Letzteres dominierte mich Jahrzehnte meines Lebens, Ersteres wählte ich vor einigen Jahren, ohne genau zu wissen, was mich erwarten wird (Referenzerfahrungen fehlten). Für mehr als drei Monate kehrte ich zurück in die Welt des Leidens, des Schmerzes … oder anders gesagt: ich ließ zu, in diese Welt (meiner Mutter) zurückgezogen zu werden. Vielleicht weil es die einzige Welt ist, in der wir uns begegnen können, denn meine Welt der Lebensfreude ist ihr fremd.

Es ist an der Zeit für einen neuen Anfang in (m)einer Welt, die um neue Perspektiven, einiges an Erfahrung und eine Entscheidung reicher wurde.  

„In dir ist ein Licht, das dich begleitet von dem Moment an, in dem du in dieses Leben gekommen bist, bis zu jenem Augenblick, da deine Seele weiterziehen wird. Dieses Licht heilt die Wunden deiner Seele, schenkt deinem Herzen Kraft, lässt dich spüren, was Liebe ist. Der kalte Wind versucht es auszulöschen, Schatten wollen es erdrücken, doch es geht nie aus, es leuchtet einfach weiter in dir drin. Nicht jeder kann dieses Licht in dir erkennen, das ist gut so. Nur wer selbst zum Licht wurde, erkennt sich selbst im andern.“

UNERWÜNSCHTE NEBENWIRKUNGEN

Wer meine Beiträge in den letzten Wochen verfolgt hat weiß, dass die aktuelle Situation erforderlich macht, mehr Zeit als bisher mit meiner Mutter zu verbringen und mich um einige ihrer Belange zu kümmern. Wie ich gerade feststelle, zeigen sich erste „unerwünschte Nebenwirkungen“. Um diese besser nachvollziehen zu können, werde ich ein Bild skizzieren, was ich derzeit sehr intensiv erlebe.

Unabhängig von den tatsächlichen Ereignissen, es ist alles negativ, mühsam, schwer … in den Worten meiner Mutter. Kein einziger Satz von ihr befasst sich mit positiven Aspekten, guten Nachrichten, hoffnungsvollen Aussichten. Entweder ich bekomme ihre Leidensgeschichte zu hören, oder die Katastrophen, Krankheiten und dergleichen meiner Familie, oder – wenn ich die ersten beiden Themen abgestoppt habe – die nicht hinterfragten schrecklichen Nachrichten aus dem Nachmittagsfernsehen und wenig anspruchsvollen Printmedien.

In einen Satz gebracht: Alles ist schlecht.

Entsprechend belastet ist auch die Stimmung, die ich (leider) mehr aufnehme als ich möchte. Das bemerke ich daran, dass ich plötzlich anfange, „Anzeichen“ von Lüge, Betrug und dergleichen verstärkt zu interpretieren, anstatt auf das zu achten, was es ist. Es ist, als würde ich durch eine Brille blicken, die alles in negativem Licht erscheinen lässt. Wie könnte auch etwas gut sein in dieser Welt?

Offenbar übernehme ich die negative Grundhaltung meiner Mutter – eine absolut unerwünschte Nebenwirkung. Es hat mich Jahre und viel Arbeit an mir gekostet, diese Grundhaltung abzulegen, denn ich hatte sie früher auch drauf. Und wie! Ich wuchs in einem von negativem Weltbild geprägten Familiensystem auf. Wir waren stets die Opfer. Das Erbe einer Generation, die im Krieg aufwuchs und deren innere Bilder konditioniert wurde in einer Zeit von Gewalt, Not und Überlebensangst. Meine Mutter blieb in diesem Zustand stecken, ich wollte raus und habe es auch geschafft. Aber nun zieht es mich offenbar zumindest punktuell wieder zurück.

Warum fällt es mir so schwer, mich gegen meine Mutter abzugrenzen?

Normalerweise prallt die Negativität von Menschen an mir ab. Ich nehme sie wahr, aber übernehme sie nicht. Meine Firewall hält – nur nicht bei meiner Mutter. Es gelingt mir nicht, ihre Negativität vollständig auszusperren. Vielleicht ist das auch gar nicht möglich, da ich als Kind eine Überdosis davon abbekommen habe und nun die mit diesen Erinnerungen verbundenen Emotionen getriggert werden.

Es gab keine Freude, die nicht durch irgendetwas anderes getrübt wurde. Es gab keine Anerkennung, die nicht dadurch geschmälert wurde, das zuvor nicht geglaubt wurde, es könnte gelingen (mangelndes Vertrauen). Es war nicht möglich, die Blumen im Garten zu genießen, ohne daran erinnert zu werden, wie viel Arbeit damit verbunden war. Es wurden keine Geschichten über Erfolge erzählt, keine guten Nachrichten verbreitet, stattdessen jede Menge News über Krankheiten, Streitereien, Todesfälle, Ausbeutung der Menschen durch Arbeitgeber, Politiker, Marsianer …

Wie habe ich all das überlebt?

Manchmal frage ich mich das wirklich. Etwas in mir scheint so stark zu sein, dass es mich jeglichen Widrigkeiten zum Trotz meinen Weg zurück zur Liebe, als dem mich bestimmende Gefühl finden ließ. Ich wandelte in der Finsternis mit nichts mehr als einem winzigen Funken Lebensfreude in mir.

Fürchte ich, in die Finsternis zurückzufallen?

Das wäre eine Erklärung, warum es mich derart beschäftigt, mich hier nicht besser abgrenzen zu können. Was wir fürchten, wird uns treffen – unausweichlich – denn es ist bereits in unserem Leben angekommen in dem Augenblick, in dem wir furchterfüllt auf das blicken, was geschehen könnte. Angst wirkt wie ein Magnet. Liebe übrigens auch. Beide ziehen unterschiedliches an.

Vielleicht ist die unerwünschte Nebenwirkung auch eine durchaus sinnvolle Gelegenheit, das Thema Urvertrauen aufzugreifen. Vielleicht kann mich die Negativität meiner Mutter deshalb triggern, weil irgendwo in mir noch die Furcht wohnt, der Schrecken könnte zurückkehren. Vielleicht will ich auch diesen letzten Rest an Verbindung nicht kappen, weil sonst nichts gemeinsames mehr bleiben würde. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders.

Auf jeden Fall ist es eine Gelegenheit, in mich zu blicken und tieferes Verständnis für mich selbst zu entwickeln.

Bild: pixabay.com

WORKOHOLIC?

In meinem Umfeld gibt es Person X, die seit längerem im Job auf 150 % läuft. In meinem Umfeld gibt es auch ein paar Personen, die sich nach diesem Einleitungssatz vermutlich fragen, ob sich X auf mich selbst bezieht. Meine vorausgreifende Antwort darauf: Vielleicht – aber nicht nur. X gibt es wirklich. Parallelen sind rein zufällig und unbeabsichtigt 😉

Der Fall X hat mich inspiriert der Frage nachzugehen, wo die Grenze zwischen überdurchschnittlichem Engagement und Arbeitssucht (=Workoholic) verläuft.

Hier nun meine nicht auf wissenschaftlicher Forschung, aber auf meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen basierenden Antwort. Keinesfalls der Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht ein Denkanstoß.

Jede Sucht ist eine Suche. Ein Versuch, ein unerfülltes Bedürfnis zu befriedigen. Welches Bedürfnis kann ich mit Arbeit befriedigen? Gegenfrage: Was bekomme ich, wenn ich überdurchschnittlich viel arbeite, mehr mache als andere, vielleicht besser mache als andere?

Anerkennung!

Ob von extern (also anderen Menschen) oder aus mir selbst heraus (unterentwickeltes Selbstwertgefühl wird vorübergehend mit Eigenlob aufgepäppelt, aber letztendlich handelt es sich hier um ein Fass ohne Boden … es kann nie genug sein). Wenn man (meine eigene Erfahrung) früh im Leben spürt, dass man nicht wahrgenommen wird, aber alle anderen so toll sind, was ist die Konsequenz? Möglicherweise versucht man, noch toller zu sein als die anderen. Selbstwert entsteht dann nicht aus dem „Selbst-sein“ heraus, sondern durch Leistung. Diese wiederum bringt Anerkennung, sprich jene Aufmerksamkeit, das „Wahrgenommen werden“, dass jeder Mensch braucht. Vor allem auch jedes Kind, um zu einem gesunden und ausgeglichenen Erwachsenen zu werden.

Leistung per se ist ja nicht verkehrt, aber wann wird sie zur Sucht und krankhaft?

Ein Zeichen sehe ich darin, wenn Menschen beginnen, sich selbst physisch und psychisch auszubeuten. Für mich handelt es sich dabei um eine Form der Selbstverletzung, allerdings wird sie in der Gesellschaft selten so wahrgenommen, denn es sind keine selbstzugefügten Schnittwunden, kein Substanzmissbrauch, es geht „nur“ um Arbeit. Gesundheitsschädliches Verhalten wird mit schlechter Ernährung, mangelnder Bewegung, Alkohol, Zigaretten etc. assoziiert. Wer bremst jene Menschen, die sich sprichwörtlich „zu Tode arbeiten“? Oder zumindest in ein Burnout?

Gleichzeitig gibt es auch jene, die mit Begeisterung ihre Projekte realisieren und nicht ansatzweise arbeitssüchtig sind, obwohl sie enorm viel arbeiten.

Wo verläuft die Grenze?

Vielleicht dort, wo die Vielfalt des Lebens verloren geht? Wenn alles andere hinter der Arbeit zurückstehen muss, ganz gleich, ob Familie, Freunde, Beziehungen jeder Art, ist die Work-Life-Balance aus den Fugen geraten. 150 % im Job – was bleibt dann noch fürs Leben? Verbaut man nicht genau so die Chance, das auf gute Weise zu erhalten, was man ursprünglich gesucht hat? Anerkennung von anderen? Wertvolle zwischenmenschliche Beziehungen?

Wenn man sich nun ertappt, bereits in der Suchtfalle zu sitzen, wie kommt man raus? Kann man es überhaupt selbst erkennen? Wie viele Menschen sind süchtig nach Nikotin, Alkohol & Co ohne sich dessen bewusst zu sein? Wird nicht auch ein Workoholic der Selbsttäuschung erliegen und jede Menge plausible Erklärungen und Begründungen dafür liefern, warum es essenziell ist, dies oder jenes zu tun, warum niemand anders es tun kann, sich möglicherweise für unersetzlich halten?

Wie kann Ausstieg aus der Arbeitssucht funktionieren?

Logisch betrachtet, macht es wenig Sinn, nicht mehr zu arbeiten (abgesehen davon, dass ja auch Rechnungen bezahlt werden wollen), weil die Arbeit ja ein Bedürfnis erfüllt, quasi einen „Hunger“ stillt. Alternativen sind gefragt. Wenn es um Anerkennung geht, diese woanders zu finden. Oder noch besser: in sich selbst in Form eines gesunden Selbstwertgefühls zu finden. Dann muss man nämlich nicht mehr bis zur Selbstausbeutung arbeiten, sondern kann gut auf sich selbst achten und Grenzen ziehen.

All das geht mir durch den Kopf, während ich wieder einmal auf über 1.000 m am Berg sitze, müde nach einem langen Tag, den ich im Zug und auf der Skipiste verbracht habe, und mein To Do, das ich mir für heute Abend vorgenommen hatte, soeben auf morgen verschoben habe. Ob ich heute oder morgen oder vielleicht auch erst nächste Woche darüber entscheide, welche Gedichte in Band 2 von Berggeflüster kommen, ändert nichts daran, dass ich mich mag, so wie ich bin – inklusive punktueller Aufschieberitis😉

KRAFTVOLLE WURZELN

Damit ein Baum fest verankert den Stürmen des Lebens widerstehen und seine prachtvolle Krone tragen kann, braucht er starke Wurzeln. Mitunter reichen diese im Untergrund weiter als sein Blätterdach oberhalb. Eine wunderbare Analogie, die sich auch auf den Menschen übertragen lässt. Damit dieser die Fülle der in ihm angelegten Potenziale – ob in Beziehungen, im Job, Kreativität etc. – entfalten kann, sind starke Wurzeln und die damit einhergehende Erdung wichtig.

Die Wurzeln eines Menschen liegen in seinen Vorfahren, im Familiensystem – und hier beginnt es interessant, um nicht zu sagen herausfordernd zu werden. Mit seinen Vorfahren in gutem Einvernehmen zu stehen, fällt nicht immer leicht, insbesondere nicht wenn man – so wie ich – aus einem belastenden familiären Umfeld stammt.

Worum geht’s bei diesen Wurzeln?

In erster Linie darum, anzuerkennen, woher man stammt. Diese Challenge habe ich gemeistert. Ich bin meinen Eltern dankbar für das Geschenk des Lebens, das sie mir gemacht haben – unabhängig von dem, was später alles folgte. Meine Dankbarkeit bezieht sich darauf, dass ich ohne sie nicht hier wäre. Meine Lebenswurzel ist verankert. Punkt.

Der nächste Schritt, mit dem ich mich derzeit befasse, geht etwas weiter. Bildlich gesprochen sind es die vielen Nebenwurzeln, die ein Baum braucht, um stabil Halt zu finden. Ein Kind ist das Ergebnis der Vermischung von Anteilen der Mutter und des Vaters. Beide Seiten bringen DNA ein, aber keine Seite zu 100% (sonst käme ein Klon dabei raus). Jedes Kind trägt also Anteile von beiden Elternteilen in sich. Lehnt das Kind einen Elternteil konsequent ab, lehnt es de facto auch einen Teil von sich ab, was wiederum die Wurzeln schwächt. Lehnt es beide Elternteile ab, lehnt es auch sich selbst ab und kappt die eigenen Wurzeln. Das alles vollzieht sich meist subtil im Unterbewusstsein, doch die Auswirkungen werden im Alltag Leben sichtbar. Diese Menschen finden einfach nicht in ihre Kraft, sind häufig instabil, ständig in Konflikten (die sie genau genommen aus sich selbst heraus ins Umfeld projizieren), Anklage, Opferrolle, unterdrückte und/oder gelebte Aggression … kurz gesagt: mit sich selbst nicht im Reinen.

Die kraftvollen Anteile meines Vaters anzunehmen, war relativ einfach. Von ihm habe ich meine Kreativität und das Geschichtenerzählen, die Liebe zur Natur … einige wunderbare Geschenke. Ich habe allerdings auch ein paar belastende Anteile abbekommen, mit denen ich allerdings zwischenzeitlich gut umgehen gelernt habe (anders als mein Vater, der dies nie geschafft hat).

Was ich von meiner Mutter habe, ist nicht ganz so einfach. Auch deshalb nicht, weil mein Verhältnis zu ihr nach wie schwierig ist. Erschreckenderweise ertappte ich mich in der Vergangenheit mitunter dabei, genauso wie so zu sprechen oder zu handeln. Nur nie sein wie sie! Der perfekte Vorsatz, um genauso zu werden, denn damit liegt der Fokus darauf etwas zu vermeiden.

Alles, was genährt wird (auch das, was wir vermeiden wollen) wächst.

Nun ja, Theorie und Praxis. Allem Wissen zum Trotz stolpere auch ich manchmal über meine eigenen Beine. Aufstehen und Weitergehen.

Also, welche kraftvollen Anteile habe ich von meiner Mutter? Ich kann – ebenso wie sie – viel aushalten, eine Menge negatives ertragen. Keine sehr positive Aussicht, zumindest auf den ersten Blick, denn ich identifizierte damit sofort ihre Leidensfähigkeit. Seit ich mich erinnern kann lebt meine Mutter in der Opferrolle und tat dies vermutlich auch die Jahrzehnte davor. Leidensfähig bin ich auch, aber es das ein kraftvoller Anteil, für den ich dankbar sein will/kann? Ein Anteil, der mich gut im Leben verwurzelt? Was ist Leidensfähigkeit eigentlich genau? Wer etwas lange Zeit ertragen kann, ist doch irgendwie auch „stark“, oder nicht? Es braucht dafür eine Menge Ausdauer. Mit Ausdauer kann ich gut. Die habe ich im Sport, im Job und auch in Beziehungen bewiesen. Wobei – gerade in Beziehungen war es auch die Version „ausdauernd aushalten“. Die Betonung liegt hier auf WAR, denn mittlerweile ist meine Ausdauer in zwischenmenschlichen Beziehungen nicht mehr von Verlustangst geprägt, sondern vom Wunsch Liebe zu teilen.

Ausdauer als kraftvolle Wurzel, als Geschenk meiner Mutter? Mein Vater wird nicht ausdauernd. Wenn etwas schief ging, ließ er es bleiben. Vielleicht eine Folge seiner zwei Fluchterfahrungen, bei denen er jedes Mal fast alles zurücklassen musste?

Je mehr ich mich damit befasse, desto mehr entdecke ich, was ich von meinen Eltern auf meinen Weg mitbekommen habe. Vieles davon konnte ich mittlerweile zu kraftvollen Wurzeln weiterentwickeln. Manches haben sie aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit auf negative, teils zerstörerische Weise ausgelebt.

Ein Mensch kann ausdauern darin sein, an seinem Schmerz festzuhalten, gefesselt von seinen Ängsten und zu leiden – oder ausdauernd darin, die Wunden seiner Seele zu heilen und seinen Weg zurück in die Umarmung des Lebens zu finden. Ausdauer ist per se neutral. Selbiges gilt für Kreativität. Mein Vater setzte sie dafür ein, seine Depressionen und seine Alkoholerkrankungen vor der Welt zu verbergen. Ich nutze meine Kreativität und erzähle Geschichten, um die Herzen von Menschen zu berühren. Kreativität ist per se neutral.

Auch wenn ich das meiste anders ausleben als meine Eltern, so bin ich dankbar für das, was ich mitbekommen habe – selbst für die belastenden Anteile. Diese waren mit dafür verantwortlich, einige besonderes starke Wurzeln zu bilden. Letztendlich habe ich gelernt, selbst zu entscheiden, was ich aus meinem „Erbe“ mache.

Ein paar Gedanken möchte ich hier noch anschließen für alle jene, die ihre Eltern nie kennengelernt habe. In meinem Umfeld sind dies einige Menschen. Diese Erfahrung teile ich zwar nicht, aber ausgehend von dem, was weise Menschen mich gelehrt haben und was ich selbst beobachtet habe, gehe ich davon aus, dass auch hier die menschliche Vorstellungskraft ein mächtiges Werkzeug ist. Es kommt wohl weniger darauf an, was es wirklich war, als auf das, wie es in uns ist.

Eine meiner Mentorinnen hatte einen Spruch dazu: „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit gehabt zu haben.“ Provokante Aussage, ich weiß, aber ich arbeite daran, die guten Augenblicke in den Fokus zu holen, um meine Wurzeln zu stärken, und die schmerzhaften dort zu lassen, wo sie hingehören: in der Vergangenheit.

Die gute Nachricht zum Tage: Wurzeln stärken ist auch in der Lebensmitte noch möglich 😉

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ALTE WUNDEN

Liebe heilt alle (seelischen) Wunden, davon bin ich nach wie vor felsenfest überzeugt. Allerdings gibt es meiner Erfahrung nach eine kleine (entscheidende) Bedingung: man muss/darf/soll hinsehen auf das, was zur Wunde geführt hat. Nicht angenehm, aber notwendig. Wie sehr, wird mir gerade wieder einmal vor Augen geführt.

Gestern hat jemand im beruflichen Kontext mit einer an sich banalen Aussage unabsichtlich etwas sehr altes und schmerzhaftes in mir getriggert. Näher werde ich darauf nicht eingehen. Viel wichtiger als die Details ist, was darauf folgte. Das „banale“ Ereignis begann in meinem Denken Schleifen zu drehen, gestartet durch die ursprüngliche Emotion (aus der verletzenden Erfahrung) und genährt durch die all die Emotionen, die mit jedem gedanklichen Durchlauf des Worst-Case-Szenarios dunkler und intensiver wurden. Einiger solcher Schleifen haben dazu geführt, dass ich von einem Augenblick auf den anderen meine Zelte abgebrochen und wichtige Bereiche meines Lebens hinter mir gelassen habe … mehrfach! Auch eine Form der „Zerstörung“.

Für alle Nicht-Betroffenen: Solche Negativ-Spiralen können durch Kleinigkeiten ausgelöst werden, drehen sich unaufhaltsam Richtung Abgrund und werden dabei unerträglich. Manche Borderliner greifen dann zu Klingen, andere zu Drogen, Kurzschlusshandlungen … die Methoden sind vielfältig, ihr Ziel meistens das gleiche – endlich wieder Ruhe zu finden.

Diese Ruhe kommt nicht von allein – zumindest nicht bei mir. Solange ich beschäftigt bin, abgelenkt, konzentriert, kann ich diese Spirale auf Mute schalten, aber wehe es wird ruhig rund um mich, springt der Schalter auf „Continue“ und es geht weiter. Gedanken- und Gefühlsschleife Runde 99 …

Ein Ausweg, der für mich (und ich gehe davon aus, auch für andere) funktioniert ist jener, mich aus dem Alltag zurückzuziehen (deshalb sitze ich gerade wieder in den Bergen) und mit räumlich/zeitlichem Sicherheitsabstand auf jenes zu blicken, was war (gestern und vor langer Zeit). Ich blicke zurück, mir selbst bewusst machend, dass – was immer es war – ich überlebt habe, es weiterging, und ich jene wurde, die ich heute bin: eine, die von Lebensfreude und Liebe bestimmt wird. Trotz – oder vielleicht auch aufgrund – dessen, was vor langer Zeit geschehen ist, fand ich meinen Weg zurück zur Liebe. Was auch immer es damals war, es lag am Beginn dieses Weges und mittlerweile weit entfernt in der Vergangenheit, die niemand verändern kann. Vergangenheit gilt es zu akzeptieren und dort zu belassen, wo sie hingehört: In der Vergangenheit. Leben findet stets in der Gegenwart statt. Niemand kann gestern atmen, um heute auf einen Berg zu steigen. Fokus auf die Gegenwart: was ist es im Hier und Jetzt?

Die Vermischung von Vergangenheit und Gegenwart wieder entwirren. In Liebe auf mich selbst zu blicken, mit Dankbarkeit für meinen Weg, der mich zu diesem Augenblick geführt hat. Loslassen und in die Vergangenheit entlassen, was dorthin gehört.

Danach wird es auch wieder möglich, die „banale“ Aussage als das zu hören, was sie war: eine Aussage, welche die Meinung einer anderen Person wiedergibt. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Grund für intensive Emotionalität – außer ich entscheide mich bewusst dafür. Keine Kurzschlusshandlungen.

Ob meine alte Wunde nun vollständig geheilt ist oder vielleicht noch die eine oder andere liebevolle Zuwendung braucht, wird sich zeigen. In mir ist reichlich Liebe und ein Kurztrip übers Wochenende in die Berge kostet (Dank Klimaticket) weniger als 2 h beim Therapeuten. Mal ehrlich: 2 Tage in den Bergen oder 2 Stunden auf der Therapie-Couch? Ich nehme die Berge 😉

Das Beitragsbild entstand während der Bahnfahrt, aufgenommen aus dem fahrenden Zug bei ca. 120 Km/h. Sonnenaufgang über dem Wallersee, etwas unscharf (wie so manches im Leben), dennoch ein Spiegelbild (wie so vieles im Leben).