MUT ZUR LÜCKE

Das Gute beim Aufräumen von Gefühlschaos ist die Gelegenheit, alles zu hinterfragen, auch leicht angestaubte Überzeugungen. Dabei kann dann schon mal so etwas rauskommen:

„Im Moment beschäftige ich mich intensiv damit, mein Leben und mich selbst zu hinterfragen. Irgendwie eine Nebenwirkung von der Konfrontation mit dem Thema Tod. Vielleicht denke ich manchmal zu viel nach, aber derzeit hilft es mir, all die Emotionen in mir zu verstehen und damit klarzukommen. Mir ist bewusst geworden, dass ich seit einiger Zeit davonlaufe. Ich verstecke mich in Arbeit. Kaum ist etwas fertig, schnappe ich mir das nächste Arbeitspaket, engagiere mich da und dort … ich lenke mich mit Beschäftigung ab, um die Lücke nicht zu sehen. Ich hab ein cooles Leben, mache was mir Spaß macht und worin ich gut bin, bekomme eine Menge Anerkennung und Aufmerksamkeit … dennoch ist da eine Lücke in meinem Leben, fehlt etwas, dass mir wichtig ist. Keinen Partner zu haben, mit dem ich manches im Leben teilen kann, für den ich da sein kann, auf den ich meine Liebe ausrichten kann, ist diese Lücke. Ich will mich nicht länger selbst belügen. Etwas fehlt in meinem coolen Leben. Dem gilt es ins Auge zu blicken und das tut weh, doch es ist, was es ist. Ich bin eine unheilbare Romantikerin, ein Beziehungsmensch, meistens ein Ausbund an Lebensfreude und es gibt niemanden, der diese mit mir teilen möchte. Ich könnte mich als Versagerin sehen, oder als Opfer des Schicksals, bestraft für was auch immer … doch ich sehe mich einfach an einem Punkt im Leben angekommen, an dem ich in einen Spiegel blicke und anerkenne, was es ist.“

Das sind meine Notizen von vor wenigen Tagen. Diese Gedanken und Gefühle durften erstmal etwas sacken.

Ja, ich habe ein cooles Leben, für das ich dankbar bin.

Ja, ich bin glücklich.

Ja, etwas fehlt in meinem Leben.

Die Lücke ist für mich kein Grund, unglücklich oder unzufrieden zu sein, dennoch möchte ich nicht so tun, alles wäre alles genauso, wie ich es mir wünsche.

Widersprüchlich? Kompliziert? Eigentlich und tatsächlich: Nein. Gedacht und gefühlt.

Die Lücke ist da. Sie zu negieren hieße vor der Realität davonlaufen. Wenn ich eines im Leben erkannt habe, dann, dass man der Realität nicht dauerhaft entkommen kann. Und sei es, dass das Unterbewusstsein unaufhörlich den Fokus genau auf das lenkt, was man nicht sehen will (die verdrängte Lücke bzw. den damit verbundenen Wunsch). Rund um mich nehme ich fast ausschließlich Paare wahr, als gäbe es kaum anderes, was statistisch unmöglich ist bei 1,8 Millionen Singles allein in Österreich.

Ja, es fehlt etwas in meinem Leben, dass ich mir wünsche. Ob ich es finde oder nicht, wird sich zeigen. Die Lücke ist kein Grund, trübselig oder frustriert zu sein, aber sie ist eine gute Gelegenheit, ehrlich zu sich selbst zu sein.

Es ist, was es ist.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/puzzle-passt-passen-fehlt-loch-693865/

DIE STÄRKEN DER BORDERLINER

Vor einigen Tagen saß ich in einer Weiterbildung zum Thema „Basiswissen zu psychischen Erkrankungen“. Dass ich hier davon berichte, hat mit ein paar Erkenntnissen zu tun, die sich für mich dabei offenbarten, und ganz viel damit, dass ich erstmals einen wertschätzenden, potenzialorientierten Fokus in Bezug auf Borderline erleben durfte.

Es begann mit der Headline „Die Stärken von Menschen mit BPS“.

STÄRKEN!!!

Jedem einzelnen Punkt der Aufzählung konnte ich voll und ganz aus meiner eigenen Lebenserfahrung zustimmen. Die Liste handelte von ausgeprägten Fähigkeiten in Bezug auf:

  • Zurechtkommen in einem feindlichen Umfeld
  • Sympathie bei anderen erwecken
  • Sensitivität für Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten
  • Spontanität, Kreativität, Individualität
  • Neugierde
  • Keine Angst vor Risiken
  • Durch die Welt zu gehen als Lebenskünstler

Auch bei den Herausforderungen fand ich mich wieder, für die ich hier allerdings meine eigenen Begrifflichkeiten verwenden:

  • Eine sechsköpfige Quadriga auf Kurs zu halten (meine Metapher für mein mitunter galoppierendes Gefühlsleben).
  • In zwischenmenschlichen Beziehungen ein für beide Seiten gut lebbares Maß an Nähe/Distanz/Freiraum zu finden, die andere Seite nicht zu überfordern mit der eigenen Intensität.
  • Mit überdurchschnittlicher Feinfühligkeit in einer von Ellbogen-Mentalität, Narzissmus und Oberflächlichkeit geprägten Gesellschaft zu überleben.

Auch einige der allgemein üblichen Vorurteile und Zuschreibungen betreffend BPS wurden revidiert:

  • Manipulativ? Ja, aber nicht bewusst, nicht absichtlich.
  • Medikamente? Helfen lediglich bei Begleiterkrankungen.
  • Unheilbar? Nein, mit stabilen Beziehungen kann von einer 75% Prognose ausgegangen werden, nach nur sechs Jahren die Kriterien nicht mehr zu erfüllen. BPS kann sich „auswachsen“.

Genau an diesem Punkt „Auswachsen“ blieb ich hängen – wie bereits in der Vergangenheit öfters. Bei mir hatte sich nämlich nichts „ausgewachsen“. Meine BPS-Reise begann in der Pubertät und hielt bis Mitte 40 an, daher auch meine Skepsis in Bezug auf „Auswachsen in sechs Jahren“. Aber diesmal erhielt ich eine wichtige Zusatzinformation, um zu verstehen, was damit gemeint war:

In einem haltenden Umfeld mit stabilen Beziehungen kann man lernen, die Herausforderungen zu meistern und ein „normales“ Leben zu führen.

Dieses Umfeld hatte ich nicht, eher das Gegenteil. Ich steckte über 20 Jahre in einer toxischen Beziehungsdynamik, die meine Traumata wieder und wieder triggerte. Da war nix mit „auswachsen“. Erst als ich damit begann, mir mein Umfeld selbst zu erschaffen, anfangs noch ausschließlich in der Parallelwelt von JAN/A, wurden Veränderung  und Auswachsen möglich. Nach dem Ende der Beziehung veränderte ich mich nochmals und das auch noch vergleichsweise schnell und leicht. Quasi „beschleunigtes (Aus)Wachstum“. 😉 Seither entstehen auch in der realen Welt um mich Beziehungen, die zu meiner Stabilität beitragen. In diesem Workshop wuchs auch mein Verständnis für das, was ich bereits vollzogen hatte. Vertiefende Einsichten nennt man das wohl.

Für mich schlummert in jedem BPS-Betroffenen das Potenzial eines in allen Farben des Spektrums leuchtenden Sterns, vielfältig, empfindsam, tiefsinnig, mit einer facettenreichen Wahrnehmung. Ein Stern, der selbst in dunkelster Nacht zu leuchten vermag, weil das Licht aus seinem Herzen entspring, unabhängig davon, was rundum ist – und der anderen die Augen zu öffnen vermag für das, was allzu leicht übersehen wird: das Einzigartige im Alltäglichen, die kleinen Wunder und so manche Wege, die sich im Dschungel der Ablenkungen verbergen, die Nuancen des Fühlens.

Welch Bereicherung wäre es für diese Welt, wenn mehr und mehr BPS ihre noch schlummernden Potenziale entfalten. Wenn Menschen ihnen nicht mit Vorurteilen und Ablehnung, sondern Interesse und Wertschätzung begegnen.

Was es dafür braucht?

Vielleicht wäre ein guter Beginn, an die Diagnose BPS folgende Worte anzuschließen:

„… Sie haben eine einzigartige, vielfältige Persönlichkeit, überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten, zu fühlen, sich anzupassen, kreativ zu sein, spontan, eine starke Individualität. Damit verbunden sind einige Herausforderungen in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen bzw. den Umgang mit ihrer eigenen intensiven Emotionalität. Es wird einige Zeit dauern und einigen Einsatz von Ihnen verlangen, aber am Ende dieses Weges angekommen, werden Sie ein Leben führen, dass Sie selbst gestalten, nicht länger mit dem Gefühl fremdgesteuert zu sein, sondern selbstbestimmt. Alles, was es dafür braucht, ist zu lernen, wie Sie mit dem, was in Ihnen ist, gut umgehen können. Sie müssen nicht jemand anders werden, sondern nur Sie selbst und Ihr ureigenes Potenzial entfalten.“

Genau das habe ich getan – mein ureigenes Potenzial entfaltet. Im Rahmen dieses Workshops zu erfahren, dass ich kein Einzelfall bin, keine spontane Mutation des Lebens, keine Laune der Natur, keine Ausnahme von der Regel, sondern dass dieser Weg auch anderen offensteht, war berührend und motivierend zugleich.  

Gleich einem Sonnenstrahl, der sich über den Horizont der scheinbaren Unveränderbarkeit hinweg erhob. Ein Sonnenstrahl, den ich hier weitergebe an alle, die diesen Blog auf ihrer Suche nach Antworten, Lösungen oder Schlüssel finden.

Danke an Mag. (FH) Markus Mitteramskogler MSc für die Informationen und damit verbunden für die Inspiration zu diesen Zeilen.

Noch ein paar Anmerkungen zum heutigen Beitragsbild: Fraktale Spiralen begeistern mich, seit ich sie erstmals erblickt habe. Ein Muster, das sich in sich immer und immer wiederholt. Müsste ich meine Gedanken- und Gefühlswelt bildlich darstellen, wäre es eine fraktale Spirale. Wenn ich nach innen blicke, sieht das, was ich fühle, genauso aus: Ein Gefühl, dass sich immer und immer wiederholt, in unendlichen vielen Facetten, bis es alles ausfüllt – unendliche Lebensfreude in Form und Farbe gegossen.

Bild: pixabay.com

ÜBER TÄTER, OPFER, RETTER UND DEN GANZ NORMALEN IRRSINN

Vor wenigen Tagen fuhr ich morgens mit der Bahn nach Wien. An einer Station stieg eine Schulklasse ein, Jugendliche an der Schwelle zwischen Kind und Teenager. Ich saß auf einem Fensterplatz, neben mir bzw. vis-a-vis von mir (gegen die Fahrtrichtung) waren die Plätze noch frei. Ein Mädchen setzte sich auf den gegenüberliegenden Fensterplatz. Sie wirkte ruhig, unsicher, bedrückt, in sich gekehrt. Kaum eine Minute später rauschte eine Frau in der Lebensmitte an, sichtlich aufgebracht, aggressiv im Tonfall und Körperhaltung, okkupierte den Platz neben dem Mädchen auf eine Art und Weise, dass dieses nicht hätte davonlaufen können. Eine Wortlawine rollte über die Kleine hinweg.

Vielleicht dachte die Pädagogin (als das stellte sich die Frau nämlich heraus: begleitende Lehrerin der Schulklasse), aufgrund meiner Ohrstöpsel und Beschäftigung mit meinem Häkelprojekt würde ich nicht viel mitbekommen. Vielleicht war es ihr auch egal. Der ganz normale Irrsinn der Gleichgültigkeit. Nachdem ich morgens meine Relax-Playlist im Ohr habe, höre ich (manchmal: leider) eine Menge mit. Auch Nadel und Wolle hindern mit nicht daran, mein Umfeld (wenn ich will) sehr genau zu beobachten. Was ich an diesem Morgen wahrnahm, war erschreckend.

Die Pädagogin war in ihrem Tonfall vorwurfsvoll bis aggressiv, ihre Worte übten massiv Druck aus. Sie forderte Erklärungen, Schuldeingeständnisse … besonders hängen blieb bei mir ein Satz: „Es können nicht immer die Anderen schuld sein“… impliziert: DU bist das Problem.

Triggeralarm!

Sinngemäß hatte ich diesen Satz selbst unzählige Male zu hören, zu spüren bekommen. Das Mädchen reagierte – ähnlich wie ich früher – mit Rückzug. Schweigend und (nur scheinbar) unberührt ließ es die Schelte über sich ergehen, doch wer genauer hinsah, hätte bemerken können, dass sie dabei war, die in ihrer Jackentasche verborgenen Hände zu malträtieren. Irgendwo musste der Druck schließlich abgebaut werden, der von der Pädagogin erzeugt wurde und (Interpretation meinerseits, aber vermutlich korrekt) jenen Druck verstärkte, der bereits vorhanden war.

Nach einigen Minuten rang sich das Mädchen zu einem kaum hörbaren „Ich kann noch nicht darüber reden“ durch, was unmittelbar die Feststellung seitens der Pädagogin folgen ließ, dass sie es nicht dabei belassen würde und später ein Gespräch stattfinden würde …

Soweit die äußerlichen Ereignisse.

Innerlich krampfte es mich (wieder einmal) zusammen. Dieses Mädchen war wie ein Spiegel aus der Vergangenheit für mich, der mich ahnen ließ, wohin ihr Weg führen könnte. Früher oder später vermutlich in eine Form der Selbstverletzung, falls die nicht bereits praktiziert wurde. Auf jeden Fall in eine nicht enden wollende Schleife aus überzogener Selbstkritik und Ablehnung. Ein klein wenig betreibe ich hier Hellseherei, aber die Erfahrung lehrte mich, dass meine Kristallkugel in den meisten Fällen nicht annähernd so düstere Bilder zeigt, wie die Realität diese produziert.

Gleichzeitig überlegte ich, ob ich mich einmischen sollte. Aber wie? Die Pädagogin stoppen, die offensichtlich in der Rolle der Täterin agierte? Ich hätte ihr erklären können, was sie gerade dabei war zu tun, aber – ganz ehrlich – vermutlich hätte sie es nicht annehmen können. Eher im Gegenteil: Ihre Aggressivität hätte sich gegen mich gerichtet, was wiederum dazu geführt hätte, dass das Mädchen sich noch mieser gefühlt hätte, weil nun ihretwegen eine Unschuldige zum Handkuss kam. Die Aggressivität der Pädagogin war (meine Interpretation) ein Zeichen ihrer eigenen Hilflosigkeit angesichts einer Situation, die sie nicht kontrollieren und in die von ihr gewünschte Richtung lenken konnte. Schuldzuweisungen an andere sind sehr hilfreich, um nicht auf das Eigene zu schauen. Es gibt noch ein paar weitere Möglichkeiten das Verhalten der Pädagogin zu interpretieren, letztendlich führen sie zu einem ähnlichen Ergebnis: Sie war überfordert – ob mit der Situation an sich, ihren mangelnden Ressourcen damit umgehen oder ihrer eigenen Bedürftigkeit, bleibt offen.

Bei der Täterin zu intervenieren, verwarf ich also. Die bessere Option ist ohnehin, sich um das Opfer zu kümmern, aber nicht um die Schulfrage zu klären, sondern um mich zu erkundigen, was das Mädchen in diesem Moment gebraucht hätte, damit es den inneren Druck reduzieren konnte, was allgemein zur Entspannung der Situation und einer guten Lösung beigetragen hätte. Aber einfach so das Mädchen ansprechen, während daneben eine hochgradig aggressive Pädagogin am Wirken war? Mit hoher Wahrscheinlich hätte auch das eine Reaktion in der Art von „Was geht Sie das an?“ nach sich gezogen, was wiederum den inneren Druck beim Mädchen verstärkt hätte, die sich ja als Ursache von all dem sah.

Die Option, die wahrscheinlich am besten funktioniert hätte, wäre ein Loslösen des Mädchens aus der Situation. Sprich: sie zur Seite nehmen, weit weg von der Pädagogin und auf das Eingehen, was dieses verstörte Mädchen gebraucht hätte. Dazu kam es leider nicht. Die Pädagogin überredete das Mädchen, sich zur restlichen Gruppe zu setzen, in ihren unmittelbaren Einflussbereich … zurück in jenen Kontext, der vermutlich wesentlich zum inneren Druck beitrug. Das Mädchen widersprach nicht. Wie hätte sie auch können? Sie war das Problem, die Schuldige, jene, die nicht funktionierte, wie sie sollte …

Borderliner werden nicht geboren.

Borderliner werden gemacht. Neben traumatischen Erlebnissen und einer (noch nicht nachgewiesenen) genetischen Prädisposition (oder vielleicht doch die Epigenetik? Oder das morphogenetische Feld des Familiensystem?) trägt das Verhalten des Umfeldes massiv dazu bei.

Von ganzem Herzen hoffe ich, an diesem Morgen nicht einen jener Tropfen miterlebt zu haben, die ein Fass füllen, das die Aufschrift „Borderline“ trägt und es eines Tages zum Überlaufen bringen werden.

„Suizid ist die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen – auch in Österreich.“

(Quelle: https://www.derstandard.at/story/3000000186097/suizidalitaet-bei-kindern-und-jugendlichen-in-oesterreich-verdreifacht)

Wenn ein (junger) Mensch sich das Leben nimmt, ist das Umfeld meistens entsetzt. Aber fragt es auch: „Was habe ich dazu beigetragen?“ Die Jugendlichen kommen nicht „kaputt“ auf die Welt. Was sie am Leben verzweifeln lässt, ist das, was danach geschieht – und an dem Menschen (meistens ihr engstes Umfeld) beteiligt sind.

Der ganz normale Irrsinn des Alltags.

Was hätte ich an diesem Morgen tun können? Diese Frage hat mich intensiv beschäftigt. Psycho-Drama sowie die Täter-Opfer-Retter-Dynamik zählen zu meinen bevorzugten Themen, bilden wichtige Zugänge zur Lösung der Borderline-Herausforderung. In meinen aktuellen Buchprojekt werde ich darauf auch entsprechend ausführlich eingehen. Für heute belasse ich es dabei, meine eigenen Erfahrungswerte zu schildern:

(Viel zu) viele Jahre verbrachte ich in der innerlichen Opferhaltung und habe mich darüber gewundert, ständig auf Menschen zu treffen, die mir gegenüber zu „Täter:innen“ werden, über meine Grenzen gingen, mich benutzten, ausnutzten … Dieses „Wunder der Wiederholung“ löste sich erst auf, als ich innerlich aus der Opferrolle ausstieg. Seither sind die Täter:innen verschwunden bzw. machen einen großen Bogen um mich. Wer es dennoch versucht, stellt rasch fest, dass ich nicht länger als Opfer mitspiele. Keine Ansatzpunkte wie Selbstablehnung oder überzogene Selbstkritik, mangelnder Selbstwert, kein eingelöster innerer Konflikt, keine Vorwürfe oder Schulgefühle … nichts, was Täter:innen aufgreifen und weiterverwenden könnten. Bedingungslose Selbstannahme, wertschätzende Selbstliebe, grenzenlose Lebensfreude … wirklich nicht leicht, so jemand runterzudrücken.

In Wahrheit sind Täter:innen alles andere als stark (z.B. die Pädagogin). Sie suchen sich intuitiv vermeintlich Schwächere – und das sind häufig jene, die sich ihrer eigenen Stärke nicht bewusst sein, weil sie in der Selbstkritik und Selbstablehnung feststecken (wie das Mädchen in der Bahn). Unbewusst ziehen also Opfer Menschen in ihr Leben, die zu Täter:innen werden.

Das zeigt sich auch in einer anderen (leider wahren) Geschichte, von Person X, in der Mitte des Lebens stehend, Diagnose Borderline, die Person Y kennenlernt. Person Y stellt sich als Täter:in heraus, Person X nimmt sich nach zwei Jahren einer toxischen Beziehung das Leben. Ein Fallbeispiel aus dem Lehrbuch. Für mich stellt sich jedoch die Frage: Wäre X aus der inneren Opferhaltung ausgestiegen und wäre danach Y begegnet, wäre es zu einer Beziehung gekommen? Hätte das tragische Ende vermieden werden können?

Aus meiner eigenen Erfahrung: Es ist verlockend, den offensichtlichen Täter:innen die Schuld zu geben und sich stark zu machen, um die Opfer zu retten. Doch all das ist nur eine weitere Runde der Täter-Opfer-Retter-Spirale, die sich dreht und dreht und dreht … und erst dann endet, wenn ich als Opfer aus meiner Rolle aussteige. Wie das geht, darüber schreibe ich gerade ein Buch.

Ein lebensphilosophischer Gedanke zum Motiv der Spirale: Sie ist allgegenwärtig im Universum, ob in Form von Galaxien, der DNA-Helix, Wirbelstürmen, der Pflanzen- und Tierwelt, Wasser, das in der Spüle abfließt, Wiederholungen von Ereignissen (Beziehungsmustern) … Spiralen weit und breit. Auch die Täter-Opfer-Retter-Dynamik folgt einem Spiralmuster, das üblicherweise destruktiv nach unten zieht. Durch die bewusste Umkehr der Dynamik kann diese Spirale aber auch konstruktiv nach oben führen. Wie alles im Leben, hat auch eine Spirale zwei Seiten – oder zwei Richtungen – aus kommt darauf an, wohin sich der Blick (Fokus) richtet.

Bild: pixabay.com

BEFREMDLICH …

… dieses Wort beschreibt noch am besten, was ich heute gefühlt habe, als ich auf der Buchmesse in Wien auf der Toilette einen Abfallbehälter vorgefunden habe, der gekennzeichnet war mit den Symbolen von Spritze, Rasierklinge und Sicherheitsnadel. Ich starrte auf die drei Symbole, während mir bewusst wurde, welchen Zweck dieser spezielle Behälter erfüllt.

Seither kreisen unterschiedlichste Gedanken durch meinen Kopf.

Gut, dass es eine Möglichkeit der Entsorgung gibt, die verhindert, das (noch mehr) Schaden geschieht.

Nachdenklich stimmend, dass offenbar der „Bedarf“ wahrgenommen wurde, entsprechende Behälter zu installieren. Damit sind Kosten verbunden, die eine gewisse Notwendigkeit dahinter vermuten lassen. So was macht man eher nicht für vereinzelte Ausnahmefälle, sondern … gehäufte Vorkommnisse? Teil des Alltags? Routine?

Bedrückend zu wissen, dass sich hinter all dem menschliches Leid verbirgt. Schmerz, Verzweiflung, Kummer, Angst, Wut, Scham, Einsamkeit … inmitten einer Wohlstandsgesellschaft.

Drei Symbole, schmerzlich verbunden mit Selbstverletzung und Selbstzerstörung. Was fehlt, ist ein Symbol der Hoffnung, eine Telefonnummer, Hinweis auf Stellen, die Hilfe anbieten. Für das „Danach“ ist gesorgt, doch was ist mit dem „Davor“?

Abgestumpft … noch so ein Gefühl, das ich wahrnahm.

An dieser Stelle schloss ich die Datei. Ich konnte nicht weiterschreiben. Das Thema wühlte mich zu sehr auf, warf mich in eine Spirale der Anklage gegen ein System, das weniger an Ursachenlösung als an Abfallbeseitigung interessiert scheint: Bitte nach Selbstverletzung das Werkzeug korrekt entsorgen.

Theatralischer Zynismus? Ja – und der Zeitpunkt für eine Unterbrechung, damit Gedanken und Emotionen sich wieder beruhigen und neu ausrichten können.

Gewiss, ich könnte meine rhetorischen Fähigkeiten nutzen, um ein berührendes Manifest in Stein zu meißeln, aber was würde ich damit erreichen? Die Vorurteile in den Köpfen jener zu zementieren, die glauben zu wissen …

Was dabei auf der Strecke bliebe, ist das, was meine Seele in diesem Augenblick braucht, um die Erinnerungen an Schmerz und Leid loszulassen, die durch die 3 Symbole und die damit verbundene Thematik getriggert wurden. Auf die Barrikaden zu steigen, um kämpferisch eine Veränderung einzufordern, trägt in sich die Energie des Kampfes (gegen etwas). Kampf vermag (oberflächlich) Konflikte zu beenden, doch das, was es zu verändern und zu heilen gilt, liegt unter der Oberfläche, braucht Verständnis und Liebe.

Deshalb kämpfe ich nicht (gegen das, was ich befremdlich, ja verstörend finde), sondern kümmere mich um jenen Anteil von mir, der in selbstloser Weise diese Welt heilen möchte – mit Liebe. Jenen Anteil, der nicht versteht, warum Menschen sich selbst und andere verletzen, zerstören. Dieser Anteil träumt davon, was möglich wäre, wenn Konflikt und Konfrontation durch Kommunikation und Kooperation ersetzt werden. Wenn Menschen nicht nach Aussehen, Ruhm oder Besitz streben würden, sondern danach, die bestmögliche Version von sich selbst zu werden, um ihr Potenzial zu entfalten und dieser Welt eine wunderbare, liebevolle Facette hinzuzufügen. In der Dunkelheit des Schmerzes möchte der feurige Funken Lebensfreude in mir jenes Licht sein, das Hoffnung schenkt und ein winziges Stück des Weges erkennen lässt, der zurückführt zu dem, was es sein sollte – ein Leben im Einklang mit sich selbst und dem großen Ganzen. Ein Leben voller Achtsamkeit, Respekt und Wertschätzung.

Der Weg zurück ins Licht der Bewusstheit und Ganzheit.

Der Weg der Liebe.

Der Weg der Heilung.

Bild: pixabay.com

IN DER LIEBE LEBEN

Sonntags gönne ich mir oft ein gemütliches Frühstück, höre mir dabei eine Radiosendung an, in der Menschen interviewt werden und aus ihrem Leben erzählen. Ich bin mittendrin eingestiegen, habe also nicht das Gespräch vorher mitbekommen, aber ein Zitat, dass ich versuche hier wiederzugeben:

„Am Ende meines Lebens möchte ich in der Liebe gelebt haben, nicht nur in der Zeit“.

Leider habe ich nicht gehört, wer diese weisen Worte formuliert hat und meine Online-Recherche dazu brachte auch noch kein Ergebnis.

Was ich allerdings mitbekommen habe, war die „Wow“-Reaktion des Interviewers, die wiederum bei mir die stirnrunzelnde Frage ausgelöst hat: „Was erstaunt dich daran? Genau darum geht es doch im Leben.“

… und im nächsten Moment wurde mir (wieder einmal) bewusst, dass nicht alle Menschen wissen, worum es wirklich geht im Leben, was zu innerem Frieden, Gelassenheit und einem rundum gesunden (im Sinne von in der eigenen Mitte sein) führt. Dass seelische Gesundheit maßgeblich das emotionale Gleichgewicht und die physische Konstitution beeinflusst, sei hier nur nebenbei erwähnt.

In der Liebe leben …

… eigentlich hatte ich mir für heute vorgenommen darüber zu schreiben, wie ich damit umgehe, wenn die „Kopfarbeit“ über Hand nimmt (was sie gerade tut) und wie wichtig es für mein Gleichgewicht ist, in solchen Phasen mich bewusst meinen „Herzthemen“ zu widmen:

  • Liebevolle Gedanken in die Welt hinauszuschicken (auch in dem Wissen, dass alles, was ich denke, sage und schreibe, stets mindestens 1 Zuhörerin erreicht – nämlich mich selbst und damit auch mir gut tut).
  • Kreativität auszuleben und etwas zu erschaffen, das mein Herz erfreut – und im besten Fall auch andere.
  • Die Begrenzung des Individuums zu überwinden (und damit auch die gefühlten Beschränkungen) und ein Teil dessen zu werden, was größer ist als ICH … EINS zu werden mit dem Leben selbst. Am einfachsten fällt mir das draußen in der Natur.

Ich wollte heute darüber schreiben, wie besonders die (an sich nicht neue, aber erst seit relativ kurzer Zeit freudvolle) Erfahrung für mich ist, auf mir noch unbekannten, aber vielfach sehr alten, verwachsenen Wegen durch die Weiten des Waldes zu streifen, nicht zu wissen, was hinter der nächsten Anhöhe auf mich wartet, dabei alle Alltagsgedanken hinter mir zu lassen, völlig im Augenblick dieses Mini-Abenteuers zu leben …

… einfach nur zu sein. Einfach nur in der Liebe zu leben.

Liebe ist so viel mehr als das Gefühl für einen anderen Menschen, einen Ort, eine Sache …

Liebe ist (für mich) auch das völlige Annehmen des Augenblicks, jeden Sonnenstrahl zu spüren, der durch das bunte Blätterdach der Bäume zu mir vordringt, all die Farben wahrzunehmen, das Rascheln unter meinen Füßen bei jedem Schritt sowie den Duft des Herbstes, der sich von allen anderen Jahreszeiten unterscheidet. Im Augenblick, in dem einen Herzschlag, den mein Bewusstsein erfassen kann, zu leben voller Dankbarkeit dafür, hier zu sein und dieses Leben, das mir geschenkt wurde, für dessen Gelingen ich die alleinige Verantwortung trage, zu lieben – mit allem, was dazugehört. Keine unausgesprochene Anklage, kein stummer Groll, kein nagender Zweifel, keine diffuse Angst … einfach nur umfassende Dankbarkeit, bedingungsloses (Ur)Vertrauen, innere Gelassenheit, lebensbejahende Zuversicht, kraftvolle Ruhe – oder in ein Wort gebracht: Liebe.  

In der Liebe zu leben, bedeutet für mich, mit sich selbst im Reinen zu sein, denn nur dann vermag ich wahrhaft bedingungslos zu lieben – ohne gefährdet zu sein, das von mir Geliebte als Kompensation des unerfüllten Bedürfnisses in mir zu verwenden. Vereinfacht gesagt: Meine Liebe zu X soll über meine mangelnde Liebe zu mir selbst hinwegtäuschen. Aber so läuft das nicht. Diese Form der Liebe entwickelt sich rasch zur Sucht (oder Suche), die erfüllen soll, was fehlt – und leider nicht von extern erfüllt werden kann.

Wer lernt, seine Bedürfnisse aus sich selbst heraus zu stillen, kann der Spirale der Bedürftigkeit entwachsen und frei werden, in der Liebe zu leben.

Es wäre so einfach – doch es ist (meine eigene Erfahrung) nicht immer leicht. Für mich war es ein langer, lehrreicher Weg, der weitergeht, jeden einzelnen Tag, der noch vor mir liegt. Am Ende meines letzten Tages möchte ich zurückblicken können auf ein Leben, dass ich in Liebe gelebt habe.  

HEILE DICH SELBST

In einem Land wie Österreich als Nicht-Medizinerin das Wort „Heilung“ in den Mund zu nehmen, kann einen in Teufels Küche bringen. Vom Gesetz her ist es nur Medizinerinnen und Medizinern gestattet, zu heilen. Neben vielen anderen stellt sich mir auch diese Frage:

„Darf ich mich denn selbst heilen?“

Soweit mir bekannt ist, steht darüber nichts in den Gesetzestexten.

Wenn es um körperliche Erkrankungen und Verletzungen geht, leistet die Medizin (meistens) viel Gutes. Ich möchte diese Leistungen in keinster Weise schmälern, ABER meiner Erfahrung nach ist die klassische Medizin bei psychischen und seelischen Leiden rasch an ihren Grenzen (oder beim Verordnen von Psychopharmaka). Auch Psychotherapeuten heilen nicht, sie begleiten, können Impulse setzen, Wege aufzeigen, Feedback geben, aber sie heilen nicht.

Ich habe die Verletzungen meiner Seele und Psyche selbst geheilt. Therapeutische Gespräche, unterschiedlichste Seminare und Workshops, Aufstellungsarbeit, Reflexion, Selbsterfahrung, Coaching … ICH habe viel für meine Heilung getan, vieles von außen bekommen – doch wäre ich innerlich nicht bereit gewesen, all dies anzunehmen, wäre es wirkungslos geblieben.

Genau das geschieht – meiner Beobachtung nach – täglich.

Menschen erwarten, dass jemand anders sie heilt. Sie absolvieren Therapien, führen Gespräche, machen dies und das in der Erwartungshaltung, dass sie dadurch geheilt werden. Was dabei oft übersehen wird, ist, dass zuerst der Schmerz und das Leid losgelassen werden muss, damit es zur Heilung kommen kann.

Loslassen kann niemand anders für uns. Loslassen kann jeder nur selbst.

Mit Loslassen meine ich nicht oberflächliche, kopflastige Aussagen, sondern tiefgehende emotionale Prozesse. Seelischer Schmerz ist häufig derart in uns verankert, dass dieser „normal“ wird, ein Leben ohne diesen Schmerz schlichtweg nicht vorstellbar. Dann können Frage wie diese auftauchen:

„Was bleibt mir noch, wenn ich den vertrauten Schmerz, den roten Faden meines Lebens, das Einzige, was verlässlich immer da war, loslasse?“

Leere?

Wer innerlich von Angst erfüllt ist, mag das so sehen. Es gibt aber – wie immer im Leben – auch andere Sichtweisen:

Leere enthält das Potenzial der Fülle.

Leere ist nichts, kann aber alles werden, abhängig von dem, was wir daraus machen.

Leere gleicht einem Freiraum, in dem wachsen kann, was zuvor keinen Platz hatte, weil es vom Schmerz erdrückt wurde.

Leere ermöglicht Neubeginn.

Nur wer loslässt, kann (vorübergehend) Leere in sich schaffen, denn das Leben füllt stets nach. Was es wird, entscheidet jeder von uns selbst.

Jemand anders kann ein Pflaster auf meine Wunde kleben, doch dieses Pflaster wird nicht heilen, sondern die Zellen meines Körpers werden den Schaden reparieren.

Jemand anders kann tröstende Worte zu mir sprechen, aber diese Worte werden die Verletzung meiner Seele nicht heilen, sondern die Gedanken und Gefühle, mit denen ich die Verletzung betrachte, werden dazu führen, dass ich wieder ganz (=heil) werden darf.

Dieser Gedankenansatz half mir, meine Traumatisierungen aufzulösen, aus innerer Zerrissenheit eine harmonische Einheit zu formen, mich selbst voll und ganz anzunehmen, Ruhe und Gelassenheit zu fühlen … kurz gesagt: ICH und heil zu werden.

Das Potenzial der Selbstheilung schlummert in jedem von uns. Was es braucht, ist Raum, um sich zu entfalten.

Lass los und werde frei (von Schmerz und Leid).

WIE LEBEN GELINGT: STELL DIR VOR …

… du arbeitest viele Jahre Jahrzehnte mit großer Anstrengung an dir, konsequent und kontinuierlich, reflektierst deine Handlungen, erforscht deine Motive, was in dir steckt (im wahrsten Sinne des Wortes), was unter die Oberfläche ins Reich des Vergessens und Verdrängens gerutscht ist. Du triffst Menschen, die dich inspirieren und weiterbringen, und andere, die dich enttäuschen, dich ausnutzen und verletzen. Du machst Fehler, manche öfters, fällst auch mal hin. Dazwischen erlebst du viele kleine Erfolge, auch ein paar große. Mit jeder Antwort tauchen neue Fragen auf, verlängert sich dein Weg um eine neue Etappe, manche davon werden Sackgassen sein, an deren Ende du umkehren wirst, vielleicht frustriert, vielleicht um eine Erkenntnis reicher. Auf deinem Weg wird dir nichts geschenkt oder abgenommen. Alles musst du dir selbst erarbeiten, oftmals mühevoll. Du investierst Zeit und Geld in etwas, von dem du nur eine vage Ahnung hast, was es am Ende sein wird. Woher solltest du auch eine Vorstellung von dem haben, was es sein kann, wenn du es nie zuvor hattest? Von all den Zielen, die du dir setzt, wirst du einige erreichen, andere nie – und manche wirst du verändern. Es gibt keine Garantie, dass deine Lebensspanne ausreicht, um das Ziel zu erreichen.

Eines Tages, wenn du am wenigstens damit rechnest, kommt der Moment, in dem dir bewusst wird, was du all die Zeit gesucht hast – das du es längst gefunden hast – und das dein Leben sich dennoch kaum verändert hat. Weder türmen sich Millionen auf deinem Bankkonto, noch residierst du in einem Schloss, und die Menschen in deinem Leben zählen vermutlich nicht zur High Society, aber es sind echte Menschen, die dich lieben, dir Wertschätzung und Respekt entgegenbringen, für dich da sind. Du hast, was du brauchst, um gut zu leben – doch du brauchst viel weniger, als du je gedacht hast. Es zählt nicht mehr, wo du bist, sondern nur, wer du bist, wie du auf diese Welt und dein Leben blickst. Wer sein inneres Licht zum Strahlen bringen will, muss der Dunkelheit in sich zustimmen, sie umarmen, ohne sich darin zu verlieren.

Klingt nicht so verlockend wie die meisten Seminar- und Coaching-Werbespots mit ihren Versprechen von diesem oder jenem Geheimnis, dass dich im Handumdrehen glücklich und erfolgreich machen wird. Ich stimme dir zu. Meine Zeilen sind auch kein Marketingtext, sondern ein Spiegel meiner eigenen Erfahrungen und jener, die andere mit mir geteilt haben.

Der Weg zu einem glücklichen, zufriedenen Leben kennt keine Abkürzungen. Wer seine inneren Baustellen nicht aufräumt, wird ewig suchen, manchmal für einige Zeit eine Ersatzbefriedigung finden, aber um bei sich selbst anzukommen, braucht es mehr, anderes, die Bereitschaft, auf all das zu blicken, das da ist. Den Willen, sein Ego zurückzustellen, um Konflikte zu lösen. Dankbarkeit für das Leben selbst. Demut angesichts dessen, wie alles zusammenwirkt, um genau jenes Leben zu erschaffen, in welchem deine Entwicklung und dein Wachstum möglich sind. Achtsamkeit für das Besondere im Alltäglichen, die kleinen unscheinbaren Momente, in denen die Wege des Lebens sich neu ausrichten.

Es braucht vieles, um als Mensch bei sich selbst und im inneren Frieden anzukommen, doch nichts davon ist ein Geheimnis. Das Wissen, wie Leben gelingt, steht seit Jahrtausenden zur Verfügung.

Das absolut geniale am Menschsein ist: du kannst dich in jedem Augenblick deines Lebens entscheiden, welchen Weg du beschreiten willst.

Foto: pixabay.com

MEIN LEBEN VON OBEN BETRACHTET

… im wahrsten Sinne des Wortes. Seit einigen Tagen sitze ich in einer Berghütte auf rund 1.600 m Seehöhe. Zu meinen Füßen breiten sich Almwiesen und Wälder aus, vor mir ragen imposante Bergspitzen in den Himmel. Dazwischen erlebe ich meine Kleinheit als Mensch im Angesicht der grauen Riesen. Das perfekte Szenario zum Reflektieren, denn die Perspektive verändert sich in dieser Höhe.

Vieles erscheint „unbedeutend“, wenn es links von mir steil nach oben und rechts steil nach unten geht, der vor mir liegende Weg kaum einen halben Meter breit und meine Aufmerksamkeit voll und ganz im Hier und Jetzt fokussiert ist. Solche Wege erfordern Achtsamkeit und eignen sich für mich zum Reflektieren, aber sie sind wunderbar, um bewusst „umzuschalten“, die Gedankenspirale auf Zuruf zu beenden und sich auf den gegenwärtigen Moment zu konzentrieren.

Das endlose Kreisen in Gedankenspiralen und Nicht-aussteigen-Können begleitet mich mein Leben lang. Vermutlich kennen einige dieses Phänomen.

Auf den schwierigen Passagen hier oben am Berg absolviere ich mein Achtsamkeitstraining, auf den Spazierwegen wechsle ich in den Reflexionsmodus. Immer wieder spannend, längst Vergangenes hervorzukramen, neuerlich zu betrachten und hinzuspüren, was es (noch) auslöst. Welche Gedanken kommen, welche Emotionen?

Diese Art von Reflexion hat nichts mit „Leben in der Vergangenheit“ zu tun. Ganz im Gegenteil. Es geht darum, zu überprüfen, ob Ereignisse aufgearbeitet und gelöst wurden, oder ob sie noch unter der Oberfläche Spannungen verursachen. Vergleichbar mit den tektonischen Platten unseres Planeten, die sich gegeneinander verschieben und gelegentlich die aufgestaute Energie mittels Erdbeben freisetzen, können sich auch im Menschen Spannungen aufbauen, die sich explosionsartig entladen.

Während meiner Zeit auf der emotionalen Achterbahn geschah dies mit vorhersagbarer Regelmäßigkeit. Seit meiner Rückkehr in die Umarmung des Lebens ist es mir daher ein wichtiges Anliegen, solche Spannungen frühzeitig zu erkennen und möglichst rasch aufzulösen. Deshalb kehre ich bewusst zurück zu vergangenen Ereignissen, am besten in einer Umgebung, die weit weg von diesen ist, um aus einer anderen Perspektive hinzuschauen und hinzuspüren. Dabei kommt manches erstaunlich klar und nüchtern zu Tage.

Als Kind mit hochsensibler Veranlagung erlebte ich psychische, physische und sexuelle Gewalt und Übergriffe. Ein alkoholkranker, manisch-depressiver Vater und eine emotional abwesende (weil in Trauer um ein verlorenes Kind feststeckende) Mutter boten mir weder Halt noch Sicherheit oder gar Unterstützung dabei, mit mir selbst und dem, was geschehen war und mich völlig überforderte, umgehen zu lernen. Was aus diesem Cocktail entstand, nennt man in der Fachsprache Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS).

Recherchen in der Fachliteratur bestätigen mir, dass meine Geschichte „ins Bild passt“. Vernachlässigung und Misshandlung in der Kindheit finden sich häufig in der Anamnese von Betroffenen. Insofern entspreche ich dem Muster. Worin ich mich unterscheide, ist mein Umgang mit dieser „Störung“ und vor allem meine Auflösung derselben.

Stabilität trotz Hochsensibilität und intensiver Emotionalität.   

Ohne Übertreibung – es waren Jahrzehnte an Arbeit dafür nötig. Der Rückzug in die Einsamkeit (der Bergwelt) ist ein Teil dieser Arbeit. Inmitten der Natur, weit weg von anderen Menschen, finde ich zu mir selbst, kann all das loslassen, das ich nicht unbedingt freiwillig aufgenommen habe.

Ein Beispiel, um nachvollziehen zu können, warum dieser Rückzug für mich (überlebens)wichtig ist: Betrete ich einen Raum mit Menschen, nehme ich diese mit all meinen Sinnen wahr, auch emotional-empathisch. Die Gefühle dieser Menschen gehen durch mich durch wie Röntgenstrahlen. Bin ich selbst in meinem Gefühlsmodus, spüre ich es unmittelbar. Bin ich gerade kopflastig unterwegs, bleiben sie subtil unter der Oberfläche. In beiden Fällen jedoch wirken sie auf mein eigenes Gefühlsleben. Ähnlich einem Glas Wasser, in das ein paar Tropfen Tinte geschüttet werden, verfärbt sich mein Gefühlsleben. Nach einiger Zeit fällt es mir schwer zu unterscheiden, welche von diesen Gefühlen meine und welche die übernommenen sind.

Würde ich mich in einem liebevollen, wertschätzenden, achtsamen Umfeld bewegen, wäre das alles kein Problem, denn es wäre positive Gefühle. Aber ich bewege mich nun mal in der Realität, und da nehme ich eine Menge Negativität wahr – bedauerlicherweise. Diese unfreiwillig absorbierte Negativität will ich wieder loswerden, weshalb ich mich in die Natur zurückziehe, möglichst weit weg von Menschen. Wenn der Nachschub an Negativität ausbleibt, kommt die „Halbwertszeit“ zum Wirken und ich fühle wieder meine eigenen Gefühle ohne Mitbringsel.

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob nicht Abgrenzung eine Option wäre. Vermutlich, aber ich habe noch keinen Weg gefunden, mich abzugrenzen, ohne gleichzeitig einen Teil von mir zu unterdrücken (nämlich den Hochsensiblen). Diese Unterdrückung führt zu innerer Spannung, die sich wiederum irgendwann explosionsartig entlädt. In den Jahrzehnten der Arbeit an mir selbst, war dies ein Weg, den ich gegangen bin, und den ich wieder verlassen habe.

Übrigens vermute ich, dass die (angebliche) Beziehungsunfähigkeit von Borderlinern möglicherweise genau darauf zurückzuführen ist: man übernimmt so viel von anderen, dass man sich selbst nicht mehr wahrnehmen kann, sich selbst verliert, und gleichzeitig verspürt man den brennenden Wunsch, man selbst zu sein. Bumm. Ein derartiger Widerspruch kann gar nicht anders, als irgendwann zu explodieren. Dabei wäre die Lösung – sollte meine Hypothese richtig sein – ziemlich einfach: fixe Freiräume schaffen, in denen man wieder zu sich selbst findet. Und natürlich bewusster Umgang mit sich selbst, Reflexion, Achtsamkeit …

… und schon bin ich wieder bei dem Thema, das mich hier hinauf auf den Berg geführt hat. Nichts von dem, das in meiner Vergangenheit geschehen ist, kann ich ungeschehen machen, aber ich kann verändern, wie ich damit umgehe und was es heute – im Hier und Jetzt – in mir auslöst. Sollte etwas noch nicht zufriedenstellend gelöst sein und eine unerwünschte Gedankenspirale in Gang setzen, diese bewusst unterbrechen, um sie im passenden Kontext aufarbeiten zu können.

Die Borderline-Herausforderung ist lösbar.

Das ist kein leeres Versprechen in der Art „es wird schon irgendwann von selbst verschwinden“ oder „wirf die Pillen ein und alles wird gut“, sondern eine Aufforderung, sich einem langwierigen, intensiven Selbstfindungsprozess zu stellen.

Eines kann ich versprechen: Es lohnt sich!

INTELLIGENZ UND HUMOR

… gehören meiner Meinung nach unbedingt zusammen. Wie sehr, werde ich heute kurz erläutern.

Von Stephen Hawking stammt die Aussage: „Intelligence is the ability to adept to change“ (Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen. Wie breit der Interpretationsspielraum dieser Aussage reicht, haben mich zwei Ereignisse der vergangenen Tage erkennen lassen.

Im Zug von Salzburg nach Wien, in der Ruhezone (!) eines beinahe leeren Waggons, lauschte ich via Kopfhörer meiner bevorzugten Entspannungsmusik, während ich ein wenig an meinem Skript arbeiten wollte. Die Betonung liegt auf „wollte“, denn zwei ältere Damen ließen sich samt ihrer angeregten Unterhaltung auf den Plätzen jenseits des schmalen Ganges nieder. Offenbar vermissten sie etwas, denn eine der Beiden begann, ihre voluminöse Handtasche zu leeren und jeden entnommenen Gegenstand umfassend zu kommentieren – lautstark. Nach ungefähr 5 Minuten wagte ich die geflüsterte Frage, ob sie sich bewusst wären, sich in der Ruhezone (!) zu befinden. Da sich auf jedem Sitz im Kopfbereich ein grünes Deckchen mit entsprechender Aufschrift in mehreren Sprachen inklusive Symbolik befand, eine Tatsache, die kaum zu übersehen war. Meine Frage wurde jedoch nicht wahrgenommen, weshalb ich sie erneut stellte. Ohne Ergebnis. Meine dritte Frage wurde gehört und löste augenblicklich einen Sturm der Empörung aus, was ich mir einbilden würde, sie zu belehren, sie wären 80 Jahre alt und überhaupt, ich hätte ohnehin Kopfhörer. Leider nicht geräuschunterdrückende, sondern handliche 08/15-In-ear-Stöpsel. Meine nüchterne Feststellung, dass ich die Musik (Kategorie: Entspannung) gar nicht so laut stellen könne, um die Unterhaltung nicht zu hören, ging in der mittlerweile deftigen Schimpftirade, die auf mich einprasselte, unter. Immerhin erhielt ich ein Daumen-hoch von zwei älteren Herren, die eine Reihe weiter saßen. Nach minutenlagen Beschimpfungen zogen die älteren Damen einen Wagon weiter, raus aus der Ruhezone, wohin auch immer.  

Wie war das nochmal: Intelligenz ist die Fähigkeit, sich anzupassen …

Gestern lag ich im Außenbereich einer Therme, genoss ein wenig die Sonne, als ein älterer Herr einen Liegestuhl von dessen bisherigem Standort entfernte und just vor die – deutlich gekennzeichnete – Fluchttüre platziere, um sich darauf niederzulassen. Wagte ich einen Hinweis? Selbstverständlich nicht. Auf neuerliche Beschimpfungen konnte ich verzichten. Da ich ohnehin bereits aufbrechen wollte, packte ich meinen Kram zusammen, ging zur Bademeisterin und informierte diese über das menschliche Hindernis im Fluchtweg.

Intelligenz ist die Fähigkeit, sich anzupassen. In diesem Fall, die Regel „hdP“ umzusetzen und sich dadurch unerfreuliche Beschimpfungen dafür zu ersparen, offensichtlich uninformierte Menschen an die geltenden Spielregeln zu erinnern. Eine Missachtung derselben könnte man – frei interpretiert – als Anti-Intelligenz oder schrumpfende Intelligenz betrachten. Oder als Rücksichtlosigkeit. Ignoranz passt auch. Aber eigentlich geht es mir nicht darum zu ergründen, weshalb manche Menschen Regeln ignorieren bis hin zur fahrlässigen Gefährdung anderer, und sich auch noch darüber aufregen, wenn man sie darauf hinweist. Mir geht es um „hdP“.

„hdP“ steht für „hoid dei Pappn“. Aus dem Wienerischen übersetzt heißt es dann „halt deinen Mund.“

Es gibt Situationen im Leben, in denen es angebracht ist, nichts zu sagen, auch wenn man im Recht ist. Oder jene etwas sagen zu lassen, in deren Zuständigkeit (Bademeisterin) es fällt. Auch wenn es einem auf der Zunge liegt, es förmlich „juckt“, die klarstellenden Worte zu sprechen, manchmal ist „hdP“ die klügere Option, weil intelligent. Anpassung an den Wandel, der auch die – aus meiner Beobachtung – wachsenden Anzahl an ignoranten Menschen im öffentlichen Raum einschließt. Wenn Hausverstand und Rücksicht im urbanen Raum auf dem Rückzug sind, nützt es häufig nichts, seine Stimme zu erheben. Es gilt das Recht des Stärkeren – oder Lauteren.

Intelligenz ist die Fähigkeit der Anpassung an den Wandel.

Zwischen den beiden Ereignissen stand ich abends auf dem Heimweg in der Bahn, die überfüllt war, blickte von einem Ende des Wagens bis zum Anfang. Auf den meisten Sitzen saßen Jugendliche, Teenager beschäftigt mit ihren Handys. Im Gang standen etliche wesentlich ältere Menschen, manche wirkten gebrechlich. Niemand kam auf die Idee, aufzustehen und Platz zu machen. Niemand kam auf die Idee, nach einem Platz zu fragen.

Anpassung an den Wandel der Gesellschaft weg von Rücksichtnahme, hin zur Rücksichtlosigkeit?

Für mich kein Zeichen von Intelligenz – ganz im Gegenteil. Wer in so einer Gesellschaft nicht verzweifeln will, braucht eine Menge Humor, sehr schwarzen Humor, um den bitteren Beigeschmack des Wandels zu überdecken.

Für mich ist Intelligenz auch die Fähigkeit, unter der Oberfläche humorvoller Anekdoten die alarmierenden Zeichen einer Entwicklung zu sehen, die nicht dem wertschätzenden Miteinander dient, nicht die Lebensfreude mehrt, kein Lächeln ins Gesicht zaubert, kein gutes Gefühl vermittelt, sondern Bedauern und Besorgnis erweckt. Für mich ist Intelligenz das Gegenteil von Ignoranz.

Möglicherweise hatte Mr. Hawking, der ein sehr humorvoller Mensch war, auch eine humorvolle Note in sein Zitat gepackt. Die meisten Organismen auf diesem Planeten passen sich seit Jahrmillionen laufend an die Veränderungen ihrer Lebensumwelten sind, sind also per Definition intelligent. Betrachtet man die häufig auftreten Schwerfälligkeit des Menschen im Umgang mit (notwendigen) Veränderungen, liegt es auf der Zunge, die Intelligenz der Menschheit in Frage zu stellen, die ihre Lebensumwelt wieder besseren Wissens zerstört, Kriege führt, toxische Stoffe konsumiert … (Aufzählung bitte beliebig fortführen). Manchmal habe ich den Eindruck, eine Art von Schwarzem Loch würde die Intelligenz aufsaugen. Anders kann ich es mir schlichtweg nicht mehr erklären, warum bei all dem Wissen und all den klugen Köpfen auf diesem Planeten, die wirklich essentiellen Probleme noch immer nicht gelöst sind.

Vielleicht sollte ich mich öfters an die „hdP“-Regel halten, aber es fällt mir verdammt schwer zu ignorieren, was ich Tag für Tag rund um mich wahrnehme. An diesen Wandel will ich mich nicht anpassen. Lieber füge ich den Worten des von mir hoch geschätzten Stephen Hawking noch ein paar von mir hinzu: „Intelligenz ist die Fähigkeit, sich dem Wandel anzupassen … und selbst zu entscheiden, in welche Richtung ich mich entwickeln will“.

Bild: pixabay.com

EIN BLICK ZURÜCK, EIN SCHRITT NACH VORN

In den vergangenen zwei Wochen habe ich viel Zeit damit verbracht, in mich zu gehen, zu fühlen, zu verstehen. Nach den „Prüfungen des Lebens“ im Mai, fand ich mich in einem Zustand wieder, für den ich noch die passenden Worte suche. „Angekommen“ war ich bereits öfters, aber nie zuvor fühlte ich mich so ICH. Kraftvoll, innerlich gelassen, voller Lebensfreude, frei von jeglichem inneren Konflikt.

Ich bin einfach ICH.

Plötzlich läuft auch wieder die Arbeit an Band 3 meiner JAN/A-Trilogie. Über drei Jahre zieht sich der Schreibprozess nun bereits hin. Es war keine Schreibblockade, die mich aufhielt, es waren meine eigenen inneren Entwicklungsprozesse, die nun offenbar abgeschlossen sind.

Ein wunderbarer Zustand, ganz ICH zu sein, mit all den intensiven Empfindungen und Wahrnehmungen, gleichzeitig in Balance mit mir selbst und meinem Umfeld. Ob mein Umfeld das auch so sieht, ist eine andere Frage. Manche Menschen werden unrund, wenn sie auf „runde“ Menschen treffen und versuchen, diese in ihr eigenes Drama zu verwickeln, damit sie nicht so allein in der Sch*** stecken. Derzeit funktioniert das bei mir nicht. Meine Oberfläche hat eine Art Lotus-Effekt“ entwickelt, wie eine Anti-Drama-Haftbeschichtung. Hoffentlich hält dieser Zustand sehr lange an.

So weit mein Schritt nach vorne.

Um diesen in seiner gesamten Tragweite erfassen zu können, stelle ich hier etwas dazu, dass ich im Zuge der Aufräumarbeiten nach meinem PC-Crash wiedergefunden habe. Die Daten der Festplatte sind zwar hinüber, aber auf diversen USB-Sticks fand ich rund 1.500 Dateien wieder – ein erfreulicher Nebeneffekt meiner „ich lege es mal in einen Löschordner und lösche es später“-Strategie. Stundenlang sortierte ich also Dateien. Dabei tauchte etwas auf, das ich Ende Mai 2020 schrieb, wenige Wochen bevor meine langjährige Beziehung explodierte. Zerbrochen war sie aus heutiger Sicht bereits davor, nur hielt ich die Scherben lange Zeit zusammen.

An jenem Tag verlangte mein Ex-Partner von mir mich auf das bevorstehende Paarseminar vorzubereiten und den Fragebogen auszufüllen. Seiner Meinung nach machte ich das nicht sorgfältig genug, was er mir auch zu verstehen gab. Ich verspürte eine Unmenge an Druck, der sich damals erstmals in Worte fassen ließ. Durch die Arbeit an JAN/A hatte ich bereits meine „Sprache des Unbewussten“ trainiert. Als ich nun – nach ziemlich genau drei Jahren – diese Zeilen las, blickte ich in den Spiegel meiner Vergangenheit und mir wurde klar, dass es mir damals wesentlich schlechter ging als ich mir selbst zu dieser Zeit eingestand.

Ein Blick zurück.

Das nennst du Liebe? Wenn ich nicht sein darf, wer ich bin? Was ist falsch an mir? Nichts. Ich bin einfach anders. Aber das durfte ich ja noch nie sein. Alle haben an mir herumgebastelt, meinen Kopf mit ihrem Schrott gefüllt. Das ist es, was ich nicht mehr aushalte: zu sein, was ich nicht bin. Rollen zu spielen, die längst nicht mehr passen. Treib mich weiter. Schlag mich. Worte können mich längst nicht mehr berühren. Mein Körper fühlt keinen Schmerz mehr. Ich bin zum Schmerz geworden. Meine Seele blutet. Das wolltest du erreichen? Sei stolz darauf, denn es ist dir gelungen. Ich liege am Boden, doch ich werde wieder aufsteigen. Ich werde mich über all das erheben, über all den Schmerz und durch den Schmerz hindurch. Du glaubst, du hast gewonnen? Etwas erreicht? Ich bin nicht du. Ich lebe nicht dein Leben und du fühlst nicht, was ich fühle. Eingesperrt in ein Korsett aus Konventionen. Unfrei in jeder Minute, gefesselt bei jedem Atemzug. Ich fühle unendlich, mehr als Worte sagen können, mehr als Menschen verstehen können.

Ich bin ein Herzschlag in der Ewigkeit. Ein Tropfen, der wieder und wieder in die Stille eines ruhenden Sees fällt und dessen Wellen an weit entfernte Ufer branden. Ich bin wie der Wind, der sich am Flügel des Adlers bricht und ihn höher und höher empor trägt. Ich bin das Chaos und die Ordnung, dunkler als die schwärzeste Nacht und gleißend wie das Licht der Sonne zur Mittagszeit. Ich bin reines Fühlen im Augenblick. Ich bin Veränderung. Ich bin ein feuriger Funken Lebensfreude.

Zwing mich gegen meine Natur zu leben, und ich werde das Gegenteil all dessen, was ich bin. Wer erschafft, kann auch zerstören. Zwing mich in deine Schranken, und ich werde zu einem Schatten, kalt, dunkel, leer. Düsternis hüllt mich ein, in deren Mitte Schmerz an Süße gewinnt. Du hast mir fast alles genommen, was mir Freude bereitet hat, nur eines kannst du mir niemals nehmen: den Schmerz. Wenn nichts mehr bleibt, wenn alles verloren ist, liegt unendlich viel Trost im Schmerz. Ein vertrauter Freund, verlässlich und treu. Solange ich Schmerz empfinden kann, wirst du niemals über mich siegen, mich nie vollständig bestimmen. Dies ist mein Widerstand gegen dich und du wirst ihn niemals brechen. Schlag mich. Füge mir Schmerz zu. Ich werde es ertragen und der Schmerz wird mich stärker machen, mit jedem Schlag, mit jedem Wort, mit jeder Demütigung, mit jeder Ausgrenzung. Schmerz macht mich stark, denn er ist das, was du fürchtest. Deshalb sehne ich mich nach dem Schmerz, denn er hält dich fern. Wenn ich leidend am Boden liege, hältst du inne. Dann habe ich gewonnen. Schmerz ist mein Schutzschild. Er hält dich davon ab, mehr von mir zu fordern. Wenn ich am Boden liege, wenn ich nichts mehr zu geben habe, wenn mir nur der Schmerz bleibt, darf es genug sein. Dann ist dein Hunger gestillt, verlangst du nichts mehr von mir, denn du hast alles genommen – oder glaubst es zumindest, denn ich habe dich ausgetrickst. Etwas hast du nicht bekommen, etwas ist mir geblieben, und das ist der Schmerz. Lebensfreude, Liebe, Leichtigkeit … all das hast du aus meinen Adern gesaugt, doch den Schmerz konnte ich vor dir verbergen, wie einen Schatten inmitten von Dunkelheit. Er wird nun mein Trost und der Beweis, nicht vollends in dir aufgegangen zu sein. Noch existiert etwas von mir: mein Schmerz. Der Beweis, dass ich lebe.

So weit mein Blick zurück.

Ich frage mich, wie oft ich wohl so ehrlich zu mir selbst war wie an diesem Tag vor drei Jahren. Jahrelange redete ich mir die Beziehung schön, passte mich an, verdrehte mich so lange bis ich einem Schraubengewinde glich. Psychoanalytiker werden vermutlich begeistert sein von dem Text, der das Problem schildert UND gleichzeitig die Überzeugung, all dies zu überwinden und sich der Fremdbestimmung zu widersetzen. Anders formuliert: Das Opfer schüttelt die Opferrolle ab. Vielleicht war dieses Bekenntnis vor drei Jahren einer meiner wichtigsten Schritte, um aus dem Drama auszusteigen. Danach hatte ich jedenfalls die Kraft, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen, die schmerzhafte Beziehung hinter mir zu lassen und in ein völlig ungewisses Leben aufzubrechen – MEIN Leben, frei und selbstbestimmt.

Bis heute habe ich diesen Schritt kein einziges Mal bereut. Der Blick zurück bestätigt mir einmal mehr: es war der richtige Schritt für mich.

Bild: pixabay.com