TTT – der Schlüssel zur erfolgreichen Borderline-Therapie?

Seit geraumer Zeit überlege ich bereits, einen Beitrag zum Thema TTT zu schreiben, meine eigenen Erfahrungen damit bei der Auflösung meiner Borderline-Dynamik zu teilen. Für mich persönlich ist es einer DER Schlüssel, doch – zugegeben – TTT kann auch eine Einladung sein, in der Opferrolle zu verweilen. Dennoch, die Nachricht, die ich gestern im Rahmen einer Leserunde bekam, bestärkte mich darin, heute meine Gedanken niederzuschreiben.

TTT – was ist das?

Kein Medikament oder neue Therapieform. TTT (englisch: Transgenerational Transmission of Trauma) steht für die Transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen. Da es einen – aus meiner Sicht – gut verständlichen Wikipedia-Beitrag dazu gibt, werde ich die wissenschaftlichen Grundlagen hier nicht weiter ausführen, sondern zu dem Artikel verlinken.

TTT – in einfachen Worten: Ein traumatisches Erlebnis, das vor langer Zeit z.B. meiner Großmutter in ihrer eigenen Jugend widerfahren ist, kann in seinen emotionalen, psychischen und seelischen Auswirkungen bis in meine Generation und die nach mir kommenden spürbar sein. Mitunter positiv und stärkend, doch aus meiner Beobachtung der Menschen heraus meistens negativ und krankmachend. Entscheidend ist, ob und wann das Trauma verarbeitet wurde.

Der Wikipedia-Artikel bezieht sich vorrangig auf Holocaust-Überlebende, doch ich denke, dass auch viele andere davon betroffen sind. Gerade hier in Europa. Während des 2. Weltkriegs und in der Zeit danach wurden unzählige Frauen missbraucht und vergewaltigt – und haben darüber geschwiegen, aus Scham, weil sie Repressalien zu erwarten hatten, weil sie weitermachen mussten, um zu überleben, ihre Kinder und Familien durchzubringen usw. Unzählige Kinder wurden Zeugen von Gewalt in jeder nur erdenklichen Form, von der „Gehirnwäsche“ als Heranwachsende im 3. Reich ganz zu schweigen. Wie viele aus jener Zeit haben in Folge das Erlebte aufgearbeitet, eine Therapie besucht oder einen anderen Weg eingeschlagen, um die Weitergabe an die nächste Generation zu verhindern?

Vor vielen Jahren bereits – lange bevor ich erstmals von TTT hörte – erkannte ich intuitiv die Zusammenhänge, zwischen der ständig steigenden Anzahl an psychischen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Ich musste nur den Erzählungen meiner Mutter und Großmutter aufmerksam lauschen, um zu erahnen, was sie verdrängt hatten, und was ich übernommen hatte, woher die Wurzeln mancher meiner nicht in Bezug zu meiner Lebensrealität stehenden, unkontrollierbaren Ängste kamen. Die Unfähigkeit, Vertrauen zu fühlen, auch noch, nachdem ich mein eigenes, diesbezüglich prägendes Erlebnis verarbeitet hatte. Wirkte dieses Ereignis erst dadurch traumatisierend auf mich, da ich aufgrund des transgenerationalen Familientraumes keine entsprechende Resilienz mitbekommen oder entwickelt hatte, um das Ereignis unbeschadet zu überstehen?

TTT öffnete meinen Blick für ein noch tiefergehendes Verständnis meines Lebens, meiner selbst und wurde für mich persönlich der magische Schlüssel, um mich aus den systemischen Verstrickungen zu befreien und meine destruktive Borderline-Dynamik in einen lebensbejahenden, konstruktiven Prozess zu verwandeln.

Die Aufarbeitung und Auflösung transgenerationaler Traumatisierungen ist der entscheidende Faktor, um die Kette unheilvoller Weitergabe zu durchbrechen und für sich bzw. die nächste Generation ein freies, gesundes Leben zu ermöglichen. Davon bin ich zu 100% überzeugt!

Man kann darüber diskutieren, wie die Weitergabe erfolgt, ob durch Übertragung und Gegenübertragung, epigenetische Vererbung oder auf anderen Wegen. Aus meiner Sicht werden wir nicht darum herumkommen, uns damit zu befassen, in sämtlichen derzeit lebenden Generationen. Eltern von Borderlinern sollten sich die Frage stellen, was sie weitergegeben haben, sei es aus ihrem eigenen Leben oder dem der Vorfahren – und was sie selbst tun können, um die Kette zu schwächen und ihren Kindern den eigenen Heilwerdungsprozess zu erleichtern. Betroffene sollten sich bewusst machen, dass manches von dem, was sie durchleben, seinen Ursprung lange vor ihnen hatte, ABER auch, dass dies keine Absolution dafür ist, in der Opferrolle zu erstarren im Sinne von „ich kann nichts dafür, es wurde mir vererbt“. Seine Vorfahren mit Schuldzuweisungen zu konfrontieren löst nichts auf, weder in einem selbst noch in den anderen.

Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, was ist – wertungsfrei. Zu sagen: Ja, das ist geschehen. Zu erkennen: Das war lange vor mir und ich kann entscheiden, ob es noch länger Teil meines Lebens bleibt und mich belastet, vielleicht sogar krank macht. Oder ob ich es loslasse, in Respekt und Achtung derer, die vor mir waren, es verabschiede und an jene übergebe, zu denen es gehört.

Ich weiß, diese Sätze können eigenartig anmuten, wenn man sie zum ersten Mal liest – oder gar ausspricht. Doch in ihnen steckt unbeschreiblich viel Potenzial, die Freiheit auf das eigene, selbstbestimmte Leben.

Jeder von uns trägt in sich das Potenzial, die Kette von transgenerationalen Weitergaben zu durchbrechen.

Ganz ehrlich: Die Theorie zu verstehen, war verhältnismäßig einfach im Vergleich zur emotionalen Umsetzung. Ich bin einige Male gescheitert, fiel zurück in die Anklage gegen jene, die vor mir etwas hätten tun können oder sollen. Oder ich klagte mich selbst an, manche Hinweise nicht frühzeitig verstanden zu haben und das „Erbe“ an meinen Sohn weitergegeben zu haben. Es war ein steiniger Weg für mich, doch letztendlich habe ich es geschafft. Ich stimme heute dem zu, was geschehen ist – ohne es gutzuheißen. Wertungsfrei. Es ist geschehen. Punkt! Ich habe überlebt und entscheide nun selbst über mein Leben, über das, was ich denke (bzw. gestalte aktiv meine Glaubenssätze, die mich in jenen Mustern denken lasse, die ich für mich gewählt habe 😉) und was ich fühle (siehe Glaubenssätze 😉). Ich bin (wertungs)frei!

In diesem Sinne: TTT war MEIN Schlüssel für die erfolgreiche Auflösung meiner Borderline-Dynamik und ich empfehle JEDEM Menschen – ganz gleich ob Borderliner oder nicht – sich damit zu befassen.  Es gibt kaum etwas zu verlieren, doch eine Menge zu gewinnen.

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Bild: pixabay.com

2 Einträge zu „TTT – der Schlüssel zur erfolgreichen Borderline-Therapie?

  • Liebe Lesley,
    bei mir wird auch vermutet, dass meine starken Verlustängste sowie die generelle Angststörung ( in Verbindung mit der Borderline Störung ) durch ein Trauma meiner Mutter ausgelöst wurde. Sie erlebte dieses zu einer Zeit, als ich noch lange nicht geboren war. Dennoch glaube ich daran, dass es vererbbar (wie auch immer) ist und weitergegeben werden kann.
    Danke für deinen bereichernden Beitrag und einen schönen Tag.

    Lynn 🙂

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Lynn, das kann ich mir gut vorstellen. Vieler meiner Ängste und Probleme hatten ihre Wurzeln in Flucht und Vertreibung im WK II, also beide elterlichen Seiten. Betrachtet man in der Therapie nur das Individuum getrennt vom familiären System, dann kann man – so wie ich – an den Punkt kommen, wo man sich denkt „ich hab das doch alles schon gelöst. Warum wird es trotzdem nicht ruhig in meinem Leben?“ Warum? Weil eben im System noch das Transgenerationale gewirkt hat. Für mich war es DER Schlüssel – und ich vermute, er könnte es auch für viele andere sein.
      Hab eine schöne Zeit 🙂
      Lesley

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