WELCOME TO STOCKHOLM

Heute ist Vatertag in Österreich – passend für das Thema, das mich seit ein paar Tagen beschäftigt, auch wenn es kein einfacher Seelenstrip wird.

Mein Vater starb, als ich 14 war. Verloren habe ich ihn allerdings schon Jahre zuvor … an einen Feind, gegen den ich in meiner naiv-kindlichen Hilfsbereitschaft nichts ausrichten konnte: Alkohol. Mir blieben nicht mehr als ein paar verschwommene Erinnerungen an das, was er einmal war – und eine unstillbare Sehnsucht nach seiner Rückkehr, denn verabschieden konnte ich mich nicht. Zu sehr stand ich unter Schock.

Vermutlich war das der Grund für das, was Jahre später folgen sollte.

Als ich den Mann kennenlernte, mit dem ich fast 25 Jahre meines Lebens verbringen sollte, befand ich mich in einer schwierigen Lebenssituation. Zu Beginn war er ein guter Freund, später ein fürsorglicher Partner, oder besser: ein Ersatzvater. Rückwirkend betrachtet gab ich viel meiner Eigenständigkeit auf, verhielt mich oft wie ein Kind, blickte zu ihm auf, empfand mich als klein und nicht gleichwertig. Mitunter, wenn ich kurz zu ihm blickte, sah ich zuerst das Gesicht meines Vaters, das sich in seines wandelte.

Ich konnte meinen Vater (der an Krebs starb) nicht retten, nicht bei ihm bleiben. Umso mehr bemühte ich mich, bei dem Mann zu bleiben, der für mich in die Ersatzrolle geschlüpft war, der zu meinem Beschützer, Versorger, phasenweise Ernährer wurde. Blendete all das aus, was eigentlich nicht in Ordnung war. Deutete seine Schattenseiten um, verteidigte ihn als Opfer seiner Vergangenheit, ignorierte seine oft feindselige Einstellung gegenüber Frauen. Er verletzte mich unzählige Male emotional und psychisch – und ich nahm die Schuld dafür auf mich.

Stockholm-Syndrom

Entstanden aus dem Verlust des Vaters, nahm ich alles in Kauf, was die Lücke schließen konnte.

Wenn ich heute Freunden erzähle, was in diesen 25 Jahren alles geschehen ist, was ich „runtergeschluckt“ habe, starren sie mich an und fragen mich:

Warum?

Warum bin ich nicht früher gegangen?

Warum hab ich mich nicht gewehrt und den Mann in die Schranken gewiesen? … ich bin normalerweise alles andere als ein hilfloses Opfer.

Warum?

Diese Frage stelle ich mir gerade auch häufig. Ich verbringe meinen ersten Urlaub seit unserer Trennung im Juli 2020 just an dem Ort, an dem wir zuletzt gemeinsam unseren Urlaub verbringen wollten. Es kam anders. Wenige Tage davor brach die Beziehung wie von einem Blitz getroffen von heute auf morgen (keine Metapher) auseinander.

Es ist meine Art, mich aus den letzten Fesseln des Stockholm-Syndroms zu befreien. Meistens kann ich meinen Ex so sehen, wie er ist. Aber manchmal falle ich in alte Muster zurück, nehme ihn in Schutz und die alleinige Verantwortung auf meine Schulter. Das will ich ablegen, weshalb ich an einen Ort zurückgekehrt bin, an dem wir öfters gemeinsam waren. Ich weiß, wie ich mich damals verhalten und angepasst habe. Auch jetzt merke ich, dass ich manches so tun möchte, wie mein Ex es haben wollte. Dann halte ich inne, spüre in mich hinein und folge meinem Gefühl, handle nach meinem eigenen Willen.

Eine tränenreiche Angelegenheit. Emotional aufwühlend – und doch befreiend.

Ich weiß, ich muss allein da durch. Ohne Ablenkung. Mich auf mich selbst fokussieren können um wieder ganz ich zu werden. Denn ich mag diesen Ort, möchte auch in Zukunft hier wieder glückliche Urlaube verbringen. Diesen Platz von meiner Liste zu streichen nur weil eine Beziehung endete, wäre falsch. Das Leben geht weiter. Mein Leben geht weiter. MEIN Leben!

Die Hälfte meines bisherigen Lebens gefangen im Stockholm-Syndrom, weil ich meinen Vater zu früh verlor, mich nicht verabschieden oder den Verlust verarbeiten konnte.

Ein weiterer Blick in den Spiegel, für den ich – auch wenn er derzeit noch schmerzhaft ist – dankbar bin.

… und weil dieses Thema mich derart intensiv aufwühlt, braucht es ein starkes Symbol der Freiheit: einen Adler, den gemäß dem Maya-Kalender bin ICH ein Blauer Adler.

Bild: Pixabay.com

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