MYTHOS BEZIEHUNGSUNFÄHIGKEIT

In den vergangenen Wochen habe ich mich gedanklich mit dem Mythos der Beziehungsunfähigkeit befasst, der Borderlinern gerne nachgesagt wird. Meine Conclusio: Wie meistens im Leben, ist es nicht so einfach.

Beinahe 25 Jahre in einer Lebenspartnerschaft spricht gegen eine Beziehungsunfähigkeit. Regelmäßige Krisen in dieser Zeit dafür.

Freundschaften (die ja auch eine Form von Beziehung sind) zu pflegen ist für mich nach wie vor eine Herausforderung.

Ich finde es faszinierend, dass Menschen über Jahrzehnte befreundet sein und sich quasi parallel entwickeln können. Von der Schule über den Job, Familiengründung, gemeinsame Unternehmungen … für mich klingt das wunderbar und gleichzeitig unerreichbar. In meinem Leben kommen und gehen Menschen. Manchmal frage ich mich, ob es an mir liegt, ob ich nicht den „sozialen Kitt“ aufbringen kann, um Menschen in meinem Leben zu halten. Bin ich zu sprunghaft? Zu vielseitig? Zu unnahbar? Zu tiefgründig? Ich bin anders, in vielem. Aber beziehungsunfähig?

Wie funktionieren Freundschaften? Wie Beziehungen? Jenseits der Theorien, also in der Praxis?

Berufliche Beziehungen sind einfach. Freundschaften nicht. Um ehrlich zu sein, gibt es nur wenige Menschen, die ich als Freunde bezeichne, im Unterschied zu den unzähligen Bekannten. Zu Freundschaft gehört für mich auch eine Form von emotionaler Verbundenheit, die ich nicht leicht eingehe. Ich wahre gerne eine gewisse Distanz. Vielleicht eine Art von Schutzreflex, denn Nähe kann zur Belastung werden, wenn ich all die Emotionen und Stimmungen der anderen Menschen wie ein Schwamm aufnehme.

Ich halte mich selbst für äußerst umgänglich und alles andere als beziehungsunfähig, dennoch gelingt es mir nicht, meinen Freundeskreis zu erweitern.

Laufend bekomme ich die Rückmeldung, wie toll Menschen all das finden, was ich kann, was ich mache und was ich erreicht habe, dennoch freunden sie sich nicht mit mir an.

Im Job sage ich häufig scherzhaft: „Ich bin ein Alien.“ Vielleicht liegt in dieser Aussage mehr Wahrheit, als mir lieb ist.

Ich bin anders.

Die Art und Weise, wie ich Beziehungen führe und Freundschaften pflege, ist anders.

Anders als die Norm, also die Masse, der Durchschnitt.

Es geht nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht. Eher darum, nicht verstanden zu werden.

Würde ich die Norm, also die Masse, den Durchschnitt, als Referenz heranziehen, würde dies unweigerlich dazu führen, mich als die Ursache des Nichtfunktionierens zu identifizieren. Ich denke, genau deshalb halten sich viele Borderliner für beziehungsunfähig. Oder weil sie es in der Fachliteratur gelesen haben. Oder jemand ihnen diesen Stempel aufgedrückt hat. Aber ist alles, was außerhalb der Norm liegt, automatisch „defekt“?

Es ist nicht so, dass jene zwei Menschen, die sich entscheiden, eine Freundschaft oder Beziehung einzugehen, die für sie stimmigen Parameter festlegen – ganz gleich, welche es sind?

Vielleicht scheitern viele Beziehungen nicht aufgrund der Beziehungsunfähigkeit einzelner Personen, sondern aufgrund der Unterschiede in den Beziehungsparametern.

Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Ich denke, echte Beziehungsunfähigkeit kommt weitaus seltener vor, als sie unterstellt wird. Oder als Urteil über sich selbst gefällt wird. Topf und Deckel müssen zusammenpassen. Manche Töpfe kommen häufiger vor, andere sind Raritäten, ebenso wie manche Deckel.

Lebenserfahrung macht es nicht immer leichter, neue Beziehungen aufzubauen. Wer – so wie ich – schon so einiges erlebt hat, wird vorsichtig. Kaum verwunderlich, dennoch hinderlich. Unvoreingenommen jedem neuen Menschen in seinem Leben zu begegnen, das kann eine Herausforderung sein.

Heißt es nicht: gibt jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden.

Ich adaptiere diese Aussage einfach mal auf: gibt jedem Menschen die Chance, dein Freund zu werden.

Meistens dauert es Jahre, bis ich zulasse, dass mich jemand umarmt. Ein anderes Mal gehe ich beim ersten Treffen auf einen Menschen zu und umarme ihn. Für mich hängt der Grad an Nähe von vielen Faktoren ab. Ebenso wie Freundschaften. Oder Beziehungen. Wie gerne würde ich für mich eine klare Regel erstellen, doch … so einfach ist es nicht für eine komplexe, in sich teilweise widersprüchliche und dennoch alles vereinende Persönlichkeit wie mich.

Bin ich deshalb beziehungsunfähig?

Bild: pixabay.com

2 Einträge zu „MYTHOS BEZIEHUNGSUNFÄHIGKEIT

  • Ich frage mich, ob es Beziehungsunfähigkeit denn überhaupt gibt – und es nicht einfach nur daran liegt, wie wir Menschen ticken und was für Vorstellungen wir haben. Es gibt Menschen, die andere mit ihrer bemutternden Art regelrecht erdrücken. Es gibt Menschen, die so eigen sind, dass sie sich nicht anpassen können oder wollen. Es gibt Menschen, die ihre Freiheit viel zu sehr lieben, um einen Teil davon aufzugeben. Da würde man einfach sagen: Das ist normal, das ist nicht beziehungsunfähig.
    Dazu kommt: Gebranntes Kind scheut das Feuer. Wenn ich bedenke, was Menschen Menschen antun und was davon mir selbst passiert ist – dass es immer Menschen waren, die mir wehgetan, mir geschadet haben, dann dürfte ich einfach niemandem mehr vertrauen. Das bedeutet nicht, dass ich beziehungsunfähig bin, sondern es ist eine frei getroffene Entscheidung von mir und für mich. Weil ich keine Risiken eingehen möchte, weil ich nicht wieder verletzt werden möchte, weil ich vielleicht auch einfach finde, dass mein Leben schon kompliziert genug ist. Das alles sagt aber nichts darüber aus, ob ich eine Beziehung führen kann – sondern nur, ob ich eine führen möchte.
    Persönlich glaube ich ja schon lange, dass beziehungsunfähig ein Stigma ist, das man allzu leicht aufgedrückt bekommt. Sei es in der Folge einer Diagnose, in Folge eines Verhaltensmuster oder in Folge eigener Erfahrungen. Aber solange niemand auf die Idee kommt, mal das „Dahinter“ zu betrachten wird dieses Wort nicht mehr als ein Stigma bleiben, das es Menschen, die es eh schon schwer haben, noch schwerer macht. Sei es, weil andere davor zurückschrecken – Borderliner sind ja beziehungsfähig, lieber nicht! – oder weil man es selbst glaubt und dann gar nicht erst eine Beziehung eingehen will, kann ja nichts werden.
    Die Psychologie hat da noch einiges zu lernen und nachzubessern, meine ich.

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    • Liebe Nadine, wir sind da auf einer Linie. Wer Beziehungsunfähigkeit attestieren will, muss zuerst einmal die Parameter einer Beziehung festlegen – was eine Herausforderung wird, wenn man die Diversität von Menschen bedenkt. Ich glaube, dass das (leider immer noch weit verbreitete) Bestreben nach Klassifizierung und Normierung (auch in der Psychologie) hier leider einiges an Schaden anrichtet. Diagnosen sind Momentaufnahmen, doch für viele werden sie zu unumstößlichen Wahrheiten. Umso wichtiger ist es, immer wieder Impulse zum Hinterfragen zu setzen.

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