GEDANKEN IN WEISS

Tag 4 oben am Berg. Gefühlt bin ich eine Ewigkeit weg vom Alltag. Gelassenheit und Leichtigkeit sind zurückgekehrt. Vielleicht liegt das auch daran, dass es an drei Tagen nahezu durchgängig geschneit hat. Der ansonsten atemberaubende Blick über die Berggipfel endete abrupt am Rande der Terrasse in einer Wand aus weiß. Die schneebeladenen Wolken haben sich um das Haus gelegt und verschlucken Licht und Schall. So muss es sich anfühlen, in Watte zu versinken. Der Alltag? Unendlich weit entfernt, in einer anderen Galaxis. Ich verweile zwischen Schneeflocken und Eiskristallen.

Zufällige Begegnungen mit anderen „Gestrandeten“ führen zu Gesprächen über Banales ebenso wie Tiefgründiges. Irgendwann frage ich mich: „Wenn alles möglich wäre, was würde ich morgen tun?“ Würde ich meinen Traum leben? Was ist mein Traum?

Die letzten Sonnenstrahlen des Tages blinzeln über einen mächtigen Bergrücken zu mir herüber, lassen mich innehalten. Abendstimmung auf 1.585. Farbspiele über verschneiten Gipfeln. Vergänglichkeit, die einlädt, über Ewigkeit nachzudenken. Über das, was folgt. Der nächste Morgen. Wenn alles möglich wäre, was würde ich tun?

GOOD VIBES, BAD VIBES

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Søren Kierkegaard (1813–1855)

In genau so einer „Rückwärts-verstehenden“-Phase befinde ich mich gerade. Man könnte auch Selbstreflexion dazu sagen.

Am Anfang stand eine Selbstbeobachtung. Kaum in den Zug eingestiegen, begann ich damit, Menschen zu „taxieren“, sie Problemkategorien zuzuordnen, sie als potenzielle Störfaktoren einzustufen. Echt jetzt? Das hatte ich doch vor unendlich langer Zeit abgelegt. Menschen sind wie sie sind. Punkt. Ich schwinge in meiner eigenen Frequenz.

Tu ich das wirklich?

Offenbar nicht (mehr). Mein Fokus richtete sich zunehmend auf Unangenehmes, Nerviges, Störendes.

Warum?

Energie folgt der Aufmerksamkeit. Warum hole ich in mein Leben, was ich dort gar nicht haben will?

Nebeneffekt meiner mentalen Fokussierung auf Belastendes: mein gesamter Körper „schreit“. Die Muskeln sind verspannt, Nervenbahnen stehen sprichwörtlich unter Strom oder sind eingeklemmt. Alles schmerzt. Ein vertrauter Zustand, den ich hinter mir gelassen zu haben glaubte. Was warf mich zurück? Oder besser: ab wann warf es mich auf das alte Gleis zurück?

Es begann, als ich mich in ein Umfeld begab, das ich von Beginn an als unangenehm und schwierig wahrnahm. Alte Erinnerungen wurden getriggert. Genau so hatte es sich in meine Kindheit angefühlt: schwer, belastet, leidend, angstvoll, unterdrückend, wütend … Eine Schwingung, die sich wie ein bleierner Mantel um mich gelegt und mich ins Alte zurückgezogen hat. Very bad vibes.

Apropos Vibes: verschiedene Modelle wie z.B. die „Vibrational Frequency Chart“ oder „Skala des Bewusstseins“ nach David Hawkins veranschaulichen die unterschiedlichen Schwingungsfrequenzen, die Emotionen in uns auslösen können. Vereinfacht gesagt: Liebe, Freude & Co = good vibes (eh klar), verleiht Flügel. Angst, Schuld, Wut, Schmerz, Opferrolle & Co = belastend (no ned nana), zieht runter. Alles nicht wirklich neu, ABER was mich überrascht hat, ist die Erkenntnis, wie stark das Umfeld auf mich noch immer Einfluss ausübt. Nicht auf mein Denken, das bleibt (zumindest in bewussten Phasen) auf Kurs, aber auf mein Fühlen, das sich nicht so leicht kontrollieren lässt wie mein Denken. Emotionen (und deren Schwingung) durchdringen mich, bringen in mir zum Klingen, was da ist – dazu gehört auch das, was vor langer Zeit aktiver Teil meines Lebens war, nunmehr verblassende Erinnerung ist, dennoch nie vollständig gelöscht werden kann. Genau deshalb wurde es wohl auch reaktiviert.

Fluch und Segen der Empathischen: ich spüre, was vielleicht nicht gesagt oder gezeigt wird. Nicht ohne Grund bezeichne ich mich des Öfteren als „emotionale Stimmgabel“. Einzelne „Störsender“ kann ich ausgleichen, doch irgendwann kippt meine Schwingung. Eine Erkenntnis. Ein Lernfeld, künftig mehr darauf zu achten, in welchem Ausmaß ich mich Umwelten aussetze, ich für mich ein hohes „Rückfallrisiko“ bergen. Bislang hatte ich dem nicht besonders viel Beachtung geschenkt. Mir ging’s gut – was auch mit dem Umfeld zu tun hat, das ich für mich kreiert hatte, mit ganz vielen good vibes für mich. Nun offenbart sich die andere Seite der Medaille: ich bin keine Insel, ich existiere in Austausch (auch in Bezug auf Schwingungen) mit meinem Umfeld.

Für mich beweist diese Erfahrung die „Theorie“, dass ein unterstützendes Umfeld viel zur emotionalen Stabilität von Borderlinern beitragen kann. Bad vibes werfen dich auf die emotionale Achterbahn, good vibes halten dich in der Umarmung des Lebens. Eigentlich logisch und simpel, aber eben nicht ganz einfach im Alltag – oder in einem Universum, in dem alles schwingt.

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WELCHEN UNTERSCHIED MACHT EIN MENSCH?

Ob ich meine Gedanken teile oder nicht – was ändert das schon? Wenn interessiert’s? Das frage ich mich seit Wochen, seit Monaten. Meine Antworten darauf sind wenig aufbauend.

Wozu, frage ich mich, wozu arbeite ich seit Jahren an mir, mit dieser Welt besser zurecht zu kommen, wenn die Welt – oder präzise: die Menschen – sich nicht verändern. Was bringt es, zu lernen, Ignoranz besser auszuhalten? Die Feinfühligkeit bleibt. Es frisst eine Menge Energie, all das auszugleichen, was andere als „normal“ definieren, was sich für mich aber extrem schmerzhaft anfühlt. Je mehr ich mich der Welt – und den Menschen – öffne, desto mehr habe ich den Eindruck, die denken sich, „die hat für alles Verständnis, da müssen wir keine Rücksicht nehmen, die kann damit“. Und wenn ich dann was sage, heißt es „naja, das ist halt deine Krankheit“ oder „sei nicht so empfindlich“. Ehrlich, ich bin von den Menschen da draußen echt angepisst.

… ungefähr diese Worte sprudelten vor einigen Tagen aus mir heraus, als ich auf einen Bekannten traf, von dem ich weiß, dass er auch einiges hinter sich hat. Ein Mensch, der an sich gearbeitet hat, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Ein Mensch, der versteht. Das tat dieser Mensch auch – und setzte aus dem Nichts heraus eine Intervention (absichtlich oder nicht), die meine Stimmung an diesem Tag um 180 Grad gedreht hat. An die genauen Worte kann ich mich nicht erinnern, aber an die Botschaft: „Übernimm die Verantwortung (für dich), du weißt, wie’s geht“. Eine kleine Kopfwäsche (innen drin). Normalerweise bin ich es, die solche Interventionen setzt, aber an diesem Tag war es mal andersrum. Ein Beweis dafür, dass Wissen und Kompetenz nicht vor Irrwegen geschützt. Mehr noch, ein Beweis dafür, dass EIN MENSCH einen Unterschied machen kann … zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, mit wenigen Worten. Und es sollte noch mehr folgen.

Am Abend des selben Tages, in einer ganz anderen Umgebung, andere Menschen, Musik war mit dabei. Ein Song erklang, ein anderer Mensch erwähnte, dass dieser Song eine Abweichung der üblichen Playlists war – extra für mich. Bereits die ersten Takte sprengten in mir die massive Kette, die ich um eine schwere Kiste gelegt hatte – unmittelbar und unvorbereitet wurde ich mit dem konfrontiert, was ich weggesperrt hatte: Schmerz, Enttäuschung, Wut, Trauer … zwei gescheiterte Kurzzeitbeziehungen. Zweimal öffnete ich mein Herz. Zweimal wurde ich verletzt. Einmal wurde ich zu einer Mischung aus „die löst für mich die Probleme, denen ich mich nicht stellen will“ und einer Zielscheibe im Sinne von „da kann ich meine unterdrückten Aggressionen ausleben, die versteht das und hält das aus“. Das andere Mal füllte ich wohl die Lücke der Einsamkeit nach einer Trennung, wurde aber von jetzt auf gleich zur zweiten Wahl, als sich die Gelegenheit bot, Vergangenes (war es das tatsächlich) wieder zu reaktivieren, und abserviert. Im Kopf hatte ich beides längst analysiert und verarbeitet, aber den damit verbundenen Gefühlen wollte (und konnte) ich mich (noch) nicht stellen. Deshalb ab damit in eine massive Kiste, versenkt in den Untiefen meines Unterbewusstseins. Verdrängung pur. Fokus auf anderes. Fokus auf Job. Ablenkung.

Der Haken an unterdrückten Emotionen: sie tauchen irgendwann wieder auf – meistens dann, wenn man nicht damit rechnet. In meinem Fall holte ein Song sie ans Tageslicht. Nachdem ich an diesem Tag bereits einen Schubs vom Leben bekommen hatte in Richtung „übernimm die Verantwortung“, saß ich nun da, erzählte einem anderen Menschen, was gerade in mir abging, und erhielt einen interessanten Rat: „Schreib ein Buch, um das zu verarbeiten.“ Nun ja, Schreiben hilft mir beim Verarbeiten, aber gleich ein Buch? Nein, ich denke, fürs Erste, genügen diese Zeilen. Vielleicht braucht es irgendwann einmal mehr, um jenem Wunsch Ausdruck zu verleihen, der Welt meine Wut entgegenzuschleudern über die des „Benutzt-werdens“.

Ja, ich bin wütend. Ich bin so wütend, dass ich mich am liebsten mit einem Flammenkranz umhüllen möchte, der all jene das Weite suchen lässt, die glauben, mich für ihre Zwecke oder Bedürfnisse benutzen zu können. Ich brauche diese Wut. Mein liebendes Herz sucht Schutz hinter dieser Wut. Ich habe eine Menge Gründe, um wütend zu sein. Wut ist in Ordnung. Sie gehört zum Leben dazu. Mein Denken kann alles analysieren, reframen, Sinn darin finden … doch am Ende des Tages bin auch ich nur ein fühlendes Wesen – und meine Gefühle folgen ihrer eigenen Dynamik. Dem Schmerz der Enttäuschung auszuweichen, verzögert nur die Heilung. Die Wunden wurden gerissen. Wut kann die Wunde ausbrennen, sie quasi desinfizieren, reinigen, damit sie abheilen kann. Unterdrückte Wut wird zur eitrigen Verbitterung, die jegliche Heilung verhindert.

Verständnis hin oder her – mein Herz wurde verletzt, mein Vertrauen enttäuscht und ich bin wütend.

Es war nicht meine erste gescheiterte Beziehung, aber zum ersten Mal erlaube ich mir selbst, die damit verbundenen Emotionen zu fühlen. Bildlich gesprochen ziehe ich mich in die Welt meines beschützenden Drachen zurück, aber wer mich kennt, weiß, dass in mir auch ein Phönix schlummert, der stets einen Weg findet, die Wut des Drachen in etwas anderes, meist liebevolles zu verwandeln. Alles eine Frage des Timings.

Welchen Unterschied macht ein Mensch?

Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, können es wenigen Worte oder ein Song sein, können Prozesse in Bewegung gesetzt werden, kann der Kurs eines Lebens sich verändern.

Ein Mensch kann den Unterschied ausmachen – deshalb teile ich hier meine Gedanken. Vielleicht machen sie irgendwann für einen anderen Menschen den Unterschied.

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