LIEBE IST … UND NOCH VIEL MEHR

Der Valentinstag steht vor der Tür. DIE Gelegenheit für ein paar Gedanken rund um ein Thema, das wie kaum ein anderes die Menschen beschäftigt: LIEBE

Ob romantische Liebe oder platonische, die Liebe zu einem höheren Wesen, den eigenen Kindern oder dem nächsten Menschen, der Natur und allem, was in ihr lebt, die Liebe zur Kunst, zum Sport, zu was auch immer … diese Liste könnte noch lange fortgeführt werden. Unbeantwortet bleibt die Frage: Was ist Liebe eigentlich?

Die Psychologie findet weitaus pragmatischere Erklärungen für dieses Phänomen als die hinterfragende Philosophie – was wenig verwundert. Spiritualität fügt eine weitere Dimension hinzu. Die Biologie sollte auch nicht außer Acht gelassen werden. Doch wer hat Recht? Vielleicht haben es alle – und keiner. Vielleicht ist Liebe ein Mysterium, das nicht enträtselt werden will.

Liebe kann das Leben ungeheuer kompliziert machen – und auch ganz einfach.

Liebe kann ein Feuerwerk an Emotionen auslösen – und ein Gefühl sein, das alle anderen überstrahlt.

Liebe scheint manchmal unerklärlich – und fühlt sich doch richtig an.

Liebe macht uns verwundbar – und berührbar.

Liebe könnte ein Schlüssel zur Rettung der Menschheit sein, sie könnte Kriege und Umweltzerstörung beenden, uns jene Wege beschreiten lassen, die nötig sind.

Wer liebt, hat stets das Wohl des anderen im Sinn.

Liebe kann aus vollem Herzen geteilt werden, ohne sich je zu erschöpfen. Im Gegenteil, sie wird mehr, je mehr wir davon weitergeben.

Liebe dich selbst … dies ist der erste Schritt.

Wie du deinen nächsten liebst … denn du kannst nur geben, was du in dir trägst.

Liebe braucht keine PR-Agenturen, keine Marketing-Strategien oder photoshop-optimierte Bilder … sie begnügt sich mit Menschen, die mit offenen Herzen hinaus gehen in diese Welt und ihrem Nächsten ein Lächeln schenken, ein freundliches Wort, eine Umarmung, etwas ohne Zweck, doch mit viel Sinn, das nichts kostet, und genau deshalb so wertvoll ist: LIEBE

Liebe ist … und noch viel mehr.

Für alle, die so wie ich mit einer romantischen Ader geboren wurden, hier eines meiner Gedichte, das von Liebe inspiriert wurde und wunderbar zum Valentinstag passt:

Bild: pixabay.com

Guten Morgen, mein Herz

Zart streifen mich die frühen Sonnenstrahlen dieses Morgens,
holen mich in die Realität eines neuen Tages voller Möglichkeiten.
Mein erster Gedanke eilt lächelnd zu dir.
Welches Wunder dir wohl heute begegnen wird?
Vielleicht wird es ein kleiner Schmetterling sein,
farbenprächtig schillernd im hellen Licht des Tages,
der sich auf deiner Schulter niederlässt,
und dir leise ins Ohr flüstert:

„Öffne dein Herz und lausche meinen Worten.
Halt nicht fest, was auf deiner Seele lastet.
Lass es ziehen mit dem Wind, der jene dunklen Wolken über uns mit sich nimmt,
den Himmel weitet für das strahlende Blau und das wärmende Licht der Sonne.

Öffne dein Herz und lausche meinen Worten.
Schaffe Raum für das Wunderbare, das auf dich wartet,
da draußen in den Weiten der zu entdeckenden Welt,
die so viele sein kann und dabei stets das wird, was du in dir erwartest.

Öffne dein Herz und lausche meinen Worten.
Nimm an, was der Zufall dir schenkt,
in dem Wissen, das jeder noch so langen Nacht ein neuer Morgen folgt,
so wie dieser, an dem ich mich auf deiner Schulter niederlasse.

Öffne dein Herz und lausche meinen Worten.
Reise mit mir auf den Schwingen des Windes,
voller Leichtigkeit und Lebensfreude auf einem Sonnenstrahl,
von der Morgenröte bis zum Sonnenuntergang und darüber hinaus.

Öffne dein Herz und lausche meinen Worten.
erkenne das Wunderbare, das dir seine Hand entgegenstreckt,
in all den kleinen Gesten und Dingen, die dir begegnen,
und fühle, dass es dir bestimmt ist, vom Leben umarmt zu sein.

Öffne dein Herz und lausche meinen Worten“,
so spricht der kleine Schmetterling und schließt für einen Augenblick seine Flügel.
Als er sie erneut entfaltet, legen sie sich gleich einem schützenden Mantel um deine Schultern,
hüllen dich ein und tragen dich voller Leichtigkeit und Lebensfreude durch diesen Tag,
bis zum Sonnenuntergang und darüber hinaus.
Guten Morgen, mein Herz.

© Lesley B. Strong 2022

VON TÄTERN UND OPFERN

Vor wenigen Tagen erfuhr ich, das mein Expartner, der seit unserer Trennung (die von ihm ausging) jeglichen Kontakt zu mir ablehnt, einen schweren Unfall hatte und seither mit einigen Einschränkungen lebt.

Mein erster Gedanke war, bei ihm vorbeizuschauen und nachzufragen, ob er was braucht und ich helfen kann. Immerhin waren wir fast 25 Jahre liiert und auch wenn wir seit 1,5 Jahren getrennte Wege gehen, helfe ich wenn es nötig ist.

Im nächsten Schritt erzählte ich meinem Sohn von meinem Vorhaben, der entsetzt reagierte. Ob ich vergessen hätte, dass ich von einem Tag auf den anderen auf der Straße (bzw. auf dem Sofa meines Sohnes) gelandet bin? Ob ich ernsthaft alles ausblende, was damals geschehen ist? Gute Argumente.

Also setzte ich mich in Ruhe hin und fühlte ich mich hinein.

Nein, ich hatte nichts vergessen oder ausgeblendet. Die Ereignisse rund um die Trennung waren mir bewusst.

Was mein Sohn (und vermutlich einige andere auch) nicht verstehen kann: Ich sehe meinen Expartner nicht als Täter. Die Trennung traf mich damals wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Extreme Emotionen, allerdings nicht auf meiner Seite (der Borderlinerin, wo man sie erwartet hätte), sondern auf seiner. Über Jahre und Jahrzehnte Unterdrücktes und Aufgestautes (auch aus einer Zeit vor mir) brach explosionsartig in aggressiver Form an die Oberfläche.

Es wäre ein leichtes, die Schuld bzw. Verantwortung für all das meinem Expartner zu übertragen und ihn damit in die Täterrolle zu schieben. Doch so einfach ist es nicht – für mich. In dem Augenblick, in dem ich meinen Ex zum Täter mache, erkläre ich mich selbst zum Opfer. Hilflos. Machtlos. Ausgeliefert. Das war ich nicht.

Ich konnte mir selbst helfen bzw. mir Hilfe von anderen holen.

Ich hatte ich Macht, eine Entscheidung für mein Leben zu treffen und sie umzusetzen.

Ich ging auf meinen eigenen Beinen durch eine Tür hinaus und durch eine andere in mein neues Leben hinein.

Ich war kein Opfer. Ich bin kein Opfer.

Der Logik folgend war und ist mein Expartner kein Täter.

Wir lebten lange Zeit eine Beziehungsdynamik, die ich heute als toxisch bezeichne. Doch bis kurz vor dem Aus stimmte ich (bewusst oder unbewusst) dieser Dynamik zu und blieb, obwohl ich weder hilflos noch machtlos oder ausgeliefert war.

Wenn ich meine eigenen Gedankengänge aus der Metaposition heraus betrachte, erkenne ich den geistigen Einfluss von Viktor Frankl. Insbesondere dieses Zitat von ihm spiegelt sich in meinen Überlegungen wider:

„Die letzte der menschlichen Freiheiten besteht in der Wahl der Einstellung zu den Dingen.“

Wenn ich mich entscheide, in meinem Expartner keinen Täter oder Feind zu sehen, geschieht dies aus meiner menschlichen Freiheit in der Wahl der Einstellung. Ebenso wie ich mich entscheide, mir selbst eine starke Rolle zu geben. Gewiss, manches hätte ich früher erkennen können, andere Handlungen setzen usw. Nun, wir alle machen Fehler, und aus einigen lernen wir hoffentlich auch. Aber ich war kein hilfloses, machtloses, ausgeliefertes Opfer.

Für mich ist es sehr wichtig, die Täter-Opfer-Dynamik aus den Ereignissen herauszunehmen, um ein starkes Fundament für das zu schaffen, das darauf aufbaut: mein aktuelles Leben.

Ziemlich sicher beeinflusst hier Bert Hellinger mit seinem Buch „Anerkennen was ist: Gespräche über Verstrickungen und Lösungen“ meine Denkansätze.

Ein wenig provokant formuliert meine Essenz in Bezug auf die Trennung: „Wer sich ewiglich in der Opferrolle suhlt, bleibt ebenso lange an den Täter gebunden. Freiheit beginnt mit dem Loslassen (der Opfer-/Täterrollen)“.

Das Ganze hat für mich auch nichts mit positivem Denken, Vergebung oder ähnlichem zu tun. Es geht schlichtweg um ein pragmatisches: Es ist, was es ist.

Das Leben kann schwarz/weiß betrachtet werden, oder bunt – alles eine Freiheit der Einstellung.

Möglicherweise bereiten diese Zeilen manchen Menschen nachdenkliche Stunden.

Verstrickungen sind tückische Fallstricke. Lösungen erfordern mitunter ein Loslösen von alten Denkmustern.

Ich war (noch) nicht bei meinem Expartner. Mein Bauchgefühl ist noch unschlüssig in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt. Meine Einstellung dazu habe jedoch ich gefunden.

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WENN EINE GRENZGÄNGERIN ZUR GRENZSCHÜTZERIN WIRD …

Dies ist eine wahre Begebenheit, die sich heute (29.01.2022) zugetragen hat.

Nach dem Training im Fitnessstudio wollte ich mich in der Sauna ein wenig erholen. In die große finnische Sauna passen ohne Gedränge gut und gern 25 Personen. Offenbar hatte ich einen günstigen Zeitpunkt erwischt, denn ich war allein, nutze den vorhandenen Raum und legte mich auf eine Bank in mittlerer Höhe. Die Saunabänke sind U-förmig angeordnet. Ich lag auf mit meinem Kopf in einem Eck, meine Beine Richtung Ende der Bank.  Eine zweite Frau kam in die Sauna und setzte sich vor meinen Füßen auf ihr Handtuch.

So weit, so gut.

Danach kam ein älterer Mann ohne Handtuch, drehte verwirrt eine Runde durch die Saunakammer und ging wieder raus. Die Frau und ich sahen uns fragend an. Eine Minute später kehrte der Mann mit Handtuch zurück und nahm im abseitigen Eck Platz.

So weit, so gut.

Kurze Zeit später verließ die andere Frau die Sauna. Unmittelbar danach erhob sich der Mann, schnappte sein Handtuch und nahm den Platz der Frau ein, nur wenige Zentimeter von meinen Füßen entfernt. Die restliche Saunakammer, in der locker 25 Personen Platz finden, war leer. Der Mann setzte sich genauso hin, dass er ohne Schwierigkeiten zwischen meine Beine blicken konnte.

Gar nicht mehr gut.

Auf meine Frage, ob ihm kalt sei, weil er sich direkt neben den Ofen gesetzt hat, verneinte er. Ich fühlte mich bedrängt, sprach dies auch deutlich aus, schnappte mein Handtuch und verzog mich in die gegenüberliegenden Ecke der Sauna. Darauf reagierte der Mann unwirsch, warf mir vor, ich wäre fehl am Platz in einer Sauna, wenn es mich stört, dass mir jemand so nahekommt. Nochmal angemerkt: in der Sauna herrschte kein Gedränge, wir waren allein mit jeder Menge Platz und dieser mir fremde Mann rückte auf Tuchfühlung an mich heran.

Alles andere als gut.

Als ich schließlich klar aussprach, seine Annäherung als sexuelle Belästigung zu empfinden, begann er mich wüst zu beschimpfen, packte sein Handtuch und verließ die Sauna mit lautstarkem Gezeter. In diesem Augenblick setzte mein Verstand aus und mein Selbstschutzinstinkt ein. Ich bin dem Mann nach und sagte ihm klar, dass „ich ihm eine auflege, wenn er mir nochmal zu nahekommt“. Vermutlich war ich die erste Frau in seinem Leben, die ihm auf diese Weise begegnet ist. Vielleicht war ich auch eine der erste, die sich seine „Annäherung“ nicht gefallen ließ. Auf jeden Fall war ich einen Kopf größer, mit Sicherheit agiler und jünger.

Das geht natürlich gar nicht.

Aus seiner Sicht verhielt sich eine junge Frau absolut respektlos ihm gegenüber.

Aus meiner Sicht verhielt sich ein älterer Mann absolut respektlos mir gegenüber – und ich wehrte mich dagegen, schützte meine Grenze, meine Intimsphäre, die verletzt worden war.

Als ich später in der Garderobe anderen Frauen davon erzählte, fand ich nicht nur Verständnis für meine Reaktion, sondern auch ähnlich lautende Erzählungen, andere Männer und Zeitpunkte betreffend, aber ebenso respektlos.

Wir schreiben das Jahr 2022. Mitten im kultivierten und zivilisierten Europa werden Frauen tagtäglich in ihrer Würde als Mensch herabgesetzt. Oder etwas griffiger formuliert: Als Lustobjekt betrachtet, an dem manche ihre Geilheit befriedigen.

Der heutige Vorfall erinnert mich wieder daran, wie wichtig es ist, als Frau – insbesondere als Grenzgängerin – den Mut zu haben, sich zur Wehr zu setzen. Viele Jahre meines Lebens „ließ ich geschehen, was geschah“, weil ich nicht wagte, meine Grenzen zu schützen.

Damit ist endgültig Schluss.

Minutenlang noch hörte ich den Mann, der sich nunmehr in die Opferrolle geflüchtet hatte, schimpfen und fluchen, Zustimmung suchen bei anderen, eine Allianz gegen mich aufbauen. Man müsste mich aus der Sauna entfernen. Mich? Was hatte ich getan, außer friedlich auf meinem Handtuch zu liegen, allein inmitten einer großen, leeren Sauna. Völlig entspannt, bis ein Mann sich von unzähligen freien Plätzen genau auf jenen setze, der meinen Intimbereich in sein unmittelbares Sichtfeld brachte. Welcher Mensch macht so etwas, frage ich mich? Das hat nichts mit Prüderie zu tun, sondern mit Respekt und Anstand. Ich habe kein Problem mit Nacktheit, aber eines mit Übergriffigkeit in jeder Form. Wer es wagt, wird eines feststellen:

Ich schütze meine Grenzen!

… und wenn ich dafür die Kraft des beschützenden Drachen in mir entfesseln muss.

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MYTHOS BEZIEHUNGSUNFÄHIGKEIT

In den vergangenen Wochen habe ich mich gedanklich mit dem Mythos der Beziehungsunfähigkeit befasst, der Borderlinern gerne nachgesagt wird. Meine Conclusio: Wie meistens im Leben, ist es nicht so einfach.

Beinahe 25 Jahre in einer Lebenspartnerschaft spricht gegen eine Beziehungsunfähigkeit. Regelmäßige Krisen in dieser Zeit dafür.

Freundschaften (die ja auch eine Form von Beziehung sind) zu pflegen ist für mich nach wie vor eine Herausforderung.

Ich finde es faszinierend, dass Menschen über Jahrzehnte befreundet sein und sich quasi parallel entwickeln können. Von der Schule über den Job, Familiengründung, gemeinsame Unternehmungen … für mich klingt das wunderbar und gleichzeitig unerreichbar. In meinem Leben kommen und gehen Menschen. Manchmal frage ich mich, ob es an mir liegt, ob ich nicht den „sozialen Kitt“ aufbringen kann, um Menschen in meinem Leben zu halten. Bin ich zu sprunghaft? Zu vielseitig? Zu unnahbar? Zu tiefgründig? Ich bin anders, in vielem. Aber beziehungsunfähig?

Wie funktionieren Freundschaften? Wie Beziehungen? Jenseits der Theorien, also in der Praxis?

Berufliche Beziehungen sind einfach. Freundschaften nicht. Um ehrlich zu sein, gibt es nur wenige Menschen, die ich als Freunde bezeichne, im Unterschied zu den unzähligen Bekannten. Zu Freundschaft gehört für mich auch eine Form von emotionaler Verbundenheit, die ich nicht leicht eingehe. Ich wahre gerne eine gewisse Distanz. Vielleicht eine Art von Schutzreflex, denn Nähe kann zur Belastung werden, wenn ich all die Emotionen und Stimmungen der anderen Menschen wie ein Schwamm aufnehme.

Ich halte mich selbst für äußerst umgänglich und alles andere als beziehungsunfähig, dennoch gelingt es mir nicht, meinen Freundeskreis zu erweitern.

Laufend bekomme ich die Rückmeldung, wie toll Menschen all das finden, was ich kann, was ich mache und was ich erreicht habe, dennoch freunden sie sich nicht mit mir an.

Im Job sage ich häufig scherzhaft: „Ich bin ein Alien.“ Vielleicht liegt in dieser Aussage mehr Wahrheit, als mir lieb ist.

Ich bin anders.

Die Art und Weise, wie ich Beziehungen führe und Freundschaften pflege, ist anders.

Anders als die Norm, also die Masse, der Durchschnitt.

Es geht nicht um richtig oder falsch, gut oder schlecht. Eher darum, nicht verstanden zu werden.

Würde ich die Norm, also die Masse, den Durchschnitt, als Referenz heranziehen, würde dies unweigerlich dazu führen, mich als die Ursache des Nichtfunktionierens zu identifizieren. Ich denke, genau deshalb halten sich viele Borderliner für beziehungsunfähig. Oder weil sie es in der Fachliteratur gelesen haben. Oder jemand ihnen diesen Stempel aufgedrückt hat. Aber ist alles, was außerhalb der Norm liegt, automatisch „defekt“?

Es ist nicht so, dass jene zwei Menschen, die sich entscheiden, eine Freundschaft oder Beziehung einzugehen, die für sie stimmigen Parameter festlegen – ganz gleich, welche es sind?

Vielleicht scheitern viele Beziehungen nicht aufgrund der Beziehungsunfähigkeit einzelner Personen, sondern aufgrund der Unterschiede in den Beziehungsparametern.

Menschen sind von Natur aus soziale Wesen. Ich denke, echte Beziehungsunfähigkeit kommt weitaus seltener vor, als sie unterstellt wird. Oder als Urteil über sich selbst gefällt wird. Topf und Deckel müssen zusammenpassen. Manche Töpfe kommen häufiger vor, andere sind Raritäten, ebenso wie manche Deckel.

Lebenserfahrung macht es nicht immer leichter, neue Beziehungen aufzubauen. Wer – so wie ich – schon so einiges erlebt hat, wird vorsichtig. Kaum verwunderlich, dennoch hinderlich. Unvoreingenommen jedem neuen Menschen in seinem Leben zu begegnen, das kann eine Herausforderung sein.

Heißt es nicht: gibt jedem Tag die Chance, der Schönste deines Lebens zu werden.

Ich adaptiere diese Aussage einfach mal auf: gibt jedem Menschen die Chance, dein Freund zu werden.

Meistens dauert es Jahre, bis ich zulasse, dass mich jemand umarmt. Ein anderes Mal gehe ich beim ersten Treffen auf einen Menschen zu und umarme ihn. Für mich hängt der Grad an Nähe von vielen Faktoren ab. Ebenso wie Freundschaften. Oder Beziehungen. Wie gerne würde ich für mich eine klare Regel erstellen, doch … so einfach ist es nicht für eine komplexe, in sich teilweise widersprüchliche und dennoch alles vereinende Persönlichkeit wie mich.

Bin ich deshalb beziehungsunfähig?

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GEBEN UND NEHMEN EINMAL ANDERS BETRACHTET

Aus den vielen positiven Rückmeldungen rund um den Jahreswechsel und meinen Überlegungen für das soeben angebrochene Jahr, haben sich auch Gedanken um das altbekannte Thema „Geben und Nehmen“ herauskristallisiert.

Seit längerem bereits beobachte ich das Phänomen, das manche Menschen nehmen und nehmen und nehmen, quasi alles einkassieren, dessen sie habhaft werden können. Ganz egal, ob es sich dabei um verbale Zuwendungen oder materielle Objekte oder sonstiges handelt, es wird genommen, was zu kriegen ist. Am besten gratis. Doch was nichts kostet, ist nichts wert. Oder anders betrachtet: Das, was gratis ist, kostet mitunter den Selbstwert, den man verlieren kann, wenn man etwas Wesentliches ignoriert …

Ich habe in meinem Leben viel von anderen bekommen und stets danach getrachtet, mich dafür erkenntlich zu zeigen, mich zu revanchieren bzw. einen Ausgleich in welcher Form auch immer herzustellen. Geben und Nehmen in Balance zu halten – wie es zwischen Erwachsenen sein sollte. Doch ich habe in den vergangenen Jahren nur sehr selten erlebt, dass jemand diese Form des Ausgleichs sucht. Zumeist wird genommen, sich höflich bedankt und das war’s.

Wer etwas bekommt, sollte im Gegenzug dafür auch etwas zurückgeben.

Das klingt im ersten Ansatz nach einer heftigen Forderung, denn nicht jeder kann es sich leisten, etwas zu geben. Spätestens hier sage ich: Stopp! Raus aus der Denkfalle. Jeder kann etwas geben! Hier geht es nicht um Geld oder centgenaue Gegenrechnung. Es geht um Ausgleich. Es geht darum, dass zwei erwachsene Menschen auf Augenhöhe miteinander bleiben. Das können sie nur, wenn beide Seiten geben und nehmen. Im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern besteht ein natürliches und gesundes Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen. Nicht so zwischen Erwachsenen. Erfolgt hier kein Ausgleich, verschiebt sich das Gleichgewicht, sie bleiben nicht auf Augenhöhe. Es gibt die „Überlegenen“, die geben, und die „Bedürftigen“, die nehmen.

Das Wort „bedürftig“ finde ich persönlich schrecklich, doch es bringt das Problem auf den Punkt.

Wenn ich jene Menschen beobachte, die einfach alles nehmen, dessen sie habhaft werden können, ob sie es nun brauchen oder nicht, und die nichts im Gegenzug dafür geben, dann drängt sich mir das Gefühl auf, dass diese Menschen so bedürftig danach sind, etwas zu bekommen, weil sie gar nicht wahrnehmen, was sie längst schon alles haben.

Wer nimmt, ohne zu geben, hat offenbar nicht genug, um etwas davon abzugeben.

Wer zurückgibt, anerkennt, dass er genug hat, um zu teilen.

Man könnte auch einfach „Armutsdenken“ und „Wohlstandsdenken“ dazu sagen. Oder Problemrahmen und Lösungsrahmen. Mangelbewusstsein und Reichtumbewusstsein. Es gibt unterschiedliche Modelle und Begrifflichkeiten dafür. Allein gemein ist, im Geben Stärke und Größe zu sehen, im Nehmen Bedürftigkeit.

Ich mag das Wort „bedürftig“ noch immer nicht, obwohl ich ganz viele Menschen als „bedürftig“ erlebe, die zwar weder hungern noch obdachlos sind oder in einer Krise stecken, dennoch sind sie bedürftig, raffen an sich was geht, obwohl sie etliches davon nicht wirklich brauchen. Sie kümmern sich nicht um das Gleichgewicht von Geben und Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen und wundern sich, warum es ständig zu Problemen kommt.

Leider gehöre ich zu jenen, die gerne geben, ohne automatisch etwas dafür zu fordern. Deshalb habe ich auf meine Agenda nun den Punkt gesetzt, künftig stärker auf den Ausgleich zu achten, um nicht die Bedürftigkeit anderer zu nähren.

Es mag vielleicht auf den ersten Blick edelmütig erscheinen, selbstlos zu geben, doch bei genauerer Betrachtung unterstützt man damit nur den Verbleib in der Bedürftigkeit. Ich vergleiche das mit den frühen Formen der Entwicklungshilfe, die Menschen zwar gefüttert hat, aber sie nicht dabei unterstützte, ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften, sie also in der Abhängigkeit hielt, schwach und im Grunde lebensunfähig. Ähnliches geschieht beim Geben ohne Ausgleich: die Nehmenden bleiben bedürftig. Damit ist – für mich – jetzt Schluss.

Geben und Nehmen im Ausgleich und Gleichgewicht.

Ich gehe davon aus, die meiste Zeit von eigenverantwortlichen erwachsenen Menschen umgeben zu sein, die im Gegenzug für das, was sie bekommen, auch etwas geben können. Wer also künftig etwas von mir möchte, darf sich gerne anschließend dafür revanchieren, damit wir uns respektvoll und auf Augenhöhe begegnen können, keiner dem anderen über- oder unterlegen ist, und ein Gleichgewicht aus Wertschätzung und Anerkennung zwischen uns herrschen kann.

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GRAS WÄCHST AUCH NICHT SCHNELLER …

… wenn man dran zieht. Diese volkstümliche Weisheit begegnete mir das erste Mal Anfang der 2000er-Jahre. Sie hat sich – wieder einmal – als äußerst zutreffend für mich erwiesen.

Seit knapp einem Jahr habe ich etwas vor mir hergeschoben, dass ich grundsätzlich gerne tun wollte, weil es für meine Borderline-Auflösung einen wichtigen Schritt darstellt, doch gleichzeitig habe ich mit auf jede nur erdenkliche Weise davor gedrückt und alle Ablenkungen und Zwischenfälle priorisiert.

Worum es geht?

Um das Finale meiner JAN/A-Trilogie, meiner in Echtzeit geschriebenen Borderline-Auflösung in Romanform. Vor wenigen Tagen habe ich die Arbeit daran aufgenommen, motiviert durch mein wachsendes schlechtes Gewissen bei dem Blick auf meinen Zeitplan. Immerhin wollte ich Ende 2021 damit fertig sein. Doch Stand heute fehlen noch 3 von 7 Kapiteln.

Welch Hybris von mir, zu denken, ich setze mich hin und schreibe die Story einfach zu Ende. Den Verlauf der Handlung kenne ich seit 2018, daran hat sich nichts geändert. JAN/A sollte noch ein paar Überraschungen für mich parat halten, denn kaum hatte ich begonnen, eine – zugegeben emotional herausfordernde – Szene zu schreiben, fügte meine Intuition (ich schreibe in einer Art Wachtrance) neue Elemente hinzu, die so nicht angedacht waren. Aber sie fühlten sich stimmig an, weshalb ich sie übernahm. Gleichzeitig wurden mir auch Zusammenhänge bewusst, die zuvor noch im Dunkeln lagen. Mein Verständnis dessen, warum manches wie in meinem Leben geschehen ist, gewann eine neue Dimension dazu.

Mittlerweile denke ich den unbewussten Grund für mein Ausweichen im vergangenen Jahr zu kennen: Ich brauchte noch Zeit, mich dem zu stellen und das zuzulassen, was nun geschieht. Und es tut sich sehr viel. Als hätte ich einen Sturm im Wasserglas entfesselt und alles, was sich dort abgesetzt hatte, aufgewirbelt, damit es sich neu ordnen kann. Einschlafprobleme, unruhige Nächte, körperliche Schmerzen, Sinnfragen, demonstrative Abgrenzung – alles wieder da. Dennoch anders als früher. Ich weiß, das mein Schreib- bzw. Auflösungsprozess dafür verantwortlich ist. Ich rüttle bewusst an allen mir bekannten Türen und Schubladen, spüre in mich hinein auf der Suche nach verbliebenen Verstrickungen, Verspannungen und Konflikten. Mein Unterbewusstsein antwortet mit Symbolen, Metaphern, Wendungen in der Geschichte… JAN/A ist eine niedergeschriebene intrapersonelle Teilearbeit. Mein innerer Dialog in den Bildern meiner Seele. Ziemlich fantasievoll und emotional. Eine alternative Realität, in der das geschehen kann, was in der realen Welt in der Vergangenheit verabsäumt wurde und auch in der Gegenwart kaum umzusetzen ist.

Mein Ort des Heilens: meine JAN/A-Bubble

Der Schreibprozess ist meine Zeit des Heilens.

Doch … Ego, Wille und Co hin oder her … es geht nicht schneller, nur weil ich dran ziehe, oder darauf drücke im Sinne von Einhalten des Zeitplans.

Wie könnte es auch?

Was vor Jahren oder Jahrzehnten zerbrochen, entweder gar nicht oder nur behelfsmäßig geflickt wurde, braucht nun auch seine Zeit, um wieder zu heilen.

Diese Worte legte ich vor wenigen Tagen Jana in den Mund: „Geduld war keineswegs meine größte Tugend, jedoch erforderte mein ausgefeilter Plan reichlich davon.“ … und hielt mir damit selbst einen Spiegel vor meine Nase.

Mein „Plan“, mich mit den 3 Bänden von JAN/A (oder 3 Entwicklungsphasen im Sinne von auf mich selbst zugehen, mich selbst annehmen, mit mir selbst leben) zurück in die Selbstbestimmung meines Lebens zu schreiben, entstand zwar eher unbeabsichtigt, aber nachdem mir die damit verbundenen Möglichkeiten bewusst geworden waren, folgte die weitere Umsetzung aus voller Überzeugung. Nur den Faktor „Zeit“ hatte ich nach Band etwas leichtfertig behandelt, indem ich dachte, ich bestimme, wann ich fertig bin. Das tue ich nicht.

Traumatisierungen oder (romantisch gesprochen) eine verletzte Seele heilen nicht nach einem getakteten Fahrplan. Die Route zurück zu mir kenne ich (seit langem), folge ihr auch konsequent, doch das Tempo bestimmt nicht mein Verstand, sondern mein Fühlen, das sich langsam vortastet in eine Welt außerhalb der heilenden Bubble.

Jana hat ein passendes Mantra, das ich wohl selbst öfters rezitieren sollte: „Ruhe und Gelassenheit, Jana, Ruhe und Gelassenheit.“

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht.

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