EIN HERZ FÜR MÄNNER

Vor ein paar Stunden habe ich noch überlegt, welches Thema ich für meinen dieswöchigen Blog wähle. Ein Blick in eine Frauenzeitschrift verwarf alle bisherigen Ideen, denn mir wurde schlagartig bewusst, was – für mich – dabei fehlt.

In dem Magazin schreibt eine Frau über ihre Erfahrung, als 10-jähriges Kind die Aussage ihrer Großmutter gehört zu haben: „Zum Glück ist sie klug, weil schön ist sie nicht.“ Eine andere berichtete von ihrer „Tanzblockade“ aufgrund einer wenig erfreulichen Kindheitserfahrung und wie sie diese im Alter von 40+ überwunden hat. Meine eigenen, sehr ähnlich gelagerten Erinnerungen kehrten zurück – und der Gedanke, wie gut und wichtig es ist, dass wir Frauen uns heute über solche Themen austauschen und die Wunden der Vergangenheit heilen können.

Wir Frauen – aber was ist mit den Männern?

Verletzende Aussagen bekommen auch kleine Jungs zu hören. Berührt es sie nicht? Schlagen Unachtsamkeit und mangelndes Einfühlungsvermögen des Umfeldes keine Wunde in ihren Seelen?

Doch, das tun sie.

Jeder Mensch – unabhängig vom Geschlecht – hat eine Seele (für jene, die nicht an eine Seele glauben: eine Psyche), die verletzt werden kann und das auch wird. Manchmal täglich. Aber für Männern ist es ungleich schwieriger als für Frauen, darüber zu sprechen, in einer Gesellschaft, die ein ziemlich unausgeglichenes Bild für Männlichkeit definiert hat: Stark sein. Punkt. Ein Indianer kennt keinen Schmerz, hieß es in meiner Kindheit. Heute gibt es ähnliche Glaubenssätze. Obwohl zunehmend Männer öffentlich über seelische Verletzungen, deren Folgen und wie sie damit umgehen, berichten, in der breiten Massen nehme ich nach wie vor das stereotype Rollenbild im Stil von „Bist du zu schwach, bist du kein Mann“ wahr.

Deshalb hier und heute in aller Klarheit:

Männerseelen sind ebenso empfindsam und verwundbar wie Frauenseelen. Nur bleiben Männer mit ihrem Schmerz oftmals allein zurück. Über die Verletzung zu sprechen und damit ihre Verwundbarkeit zu offenbaren, führt nicht selten zu weiteren Verletzungen im Sinne von „Weichei“. Ohne verständnisvolles Umfeld bleibt nur der Rückzug in die „Festung der Einsamkeit“, hinter schützende Mauern der Abgrenzung, mit Wunden, die über Jahre und Jahrzehnte nicht heilen – manchmal bis in den Tod hinein.

Vor ein paar Tagen notierte ich diesen Gedanken:

„Wahre Stärken hat Verständnis für Schwäche, denn wahre Stärke erwächst aus dem liebevollen Blick auf die eigenen Schwächen.“

Wahrhafte starke Menschen treffe ich nur selten, unabhängig vom Geschlecht. Dafür umso mehr „Bedürftige“.

Ein vermeintlicher fürsorglicher Nachbar, der mit seinem Rasensprenger täglich mein Schlafzimmerfenster beregnete, entgegnete auf meine Bitte, dies zu unterlassen: „Wenn der Wind weht, können schon mal 2-3 Tropfen aufs Fenster kommen.“ Nun ja, mein Fenster sah täglich der Glaswand meiner Dusche zum Verwechseln ähnlich – und somit weit entfernt von 2-3 Tropfen. Meinen entsprechenden Hinweis überhörte jener Nachbar, um seine jenseits der Realität angeordneten Argumente mit einem Tonfall in der Art von „junge Frau, du hast keine Ahnung, überlass das uns starken Männern“ in Endlosschleife zu wiederholen. Also wiederholte ich mich – diesmal betont bestimmt – und holte ihn aus seiner Illusionsblase heraus, worauf der Nachbar angepisst von dannen zog, aber seither bleibt mein Fenster trocken. Ein klassisches Beispiel vom Gegenteil eines starken Mannes. Unreflektiert und unfähig, eigene Fehler einzugestehen. Schwerst bedürftig danach, seinen mangelnden intrinsischen Selbstwert extern aufzupäppeln. In diesem Fall dadurch, als Kompensation das Gegenüber zu unterdrücken und sich als klüger darzustellen – in meinem Fall bleib er damit erfolglos. Das ist nur ein plakatives Beispiel unter unzähligen, die mir ad hoc einfallen.

Wie würde unsere Gesellschaft aussehen, dürften kleine Jungs offen zeigen, wenn sie in ihren Gefühlen verletzt wurden, UND gleichzeitig erleben, dass sie TROTZDEM stark sind?

Stärke hat nichts damit zu tun, unverwundbar zu sein. Stärke zeigt sich darin, wie jemand mit seelischen Verletzungen umgeht – und mit seinen eigenen Schwächen.

Ein Mensch ohne Schwächen ist ein Mensch ohne Stärken. Beides sind Gegenpole, die einander bedingen, denn ohne Schwächen gibt es auch keine Stärken. Wer behauptet, keine Schwächen zu haben, offenbart in diesem Augenblick seine größte Schwäche.

Meine Generation wurde (leider) überwiegend stereotyp geprägt. Aber ich bin der Ansicht, es ist nie zu spät, diese Prägungen mit neuen, liebevollen, verständnisvollen, wertschätzenden zu überschreiben. Prägungen, die beides gleich wertvoll betrachten: Stärken UND Schwächen, weil beides zusammengehört und uns ganz macht. Wer nicht ganz ist, verspürt in sich eine Kluft, einen Spalt, Zerrissenheit, Konflikt, Schmerz.

Es wird so viel über Frauenherzen geschrieben. Nach den Jahrhunderten der Dominanz des Patriachats enorm wichtig, um den Selbstwert der Frauen zu stärken und sie einen gesunden Umgang mit ihrer Weiblichkeit finden zu lassen – der übrigens nichts mit den aktuellen Schönheitsidealen zu tun hat, aber das wäre ein anderes, sehr umfangreiches Thema.

Es ist an der Zeit, auch über Männerherzen zu sprechen. Über Mut und Kraft, die darin wohnen, ebenso wie über Sanftheit und Unsicherheit, mitunter sogar Hilflosigkeit angesichts von Umständen, die an die eigenen Grenzen und darüber hinausführen. Immer Herr der Lage zu sein gleicht einer Hybris. Manchmal bleibt nichts anderes, als sich dem zu fügen, was es ist.

Wahre Stärke geht einher mit der Weisheit, zu erkennen, wann es an der Zeit ist, um etwas zu kämpfen – und wann sich zurückzuziehen, loszulassen und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

Die wohl größte Herausforderung – für Männer ebenso wie für Frauen – ist der Blick in den Spiegel und auf das, was sich dahinter verbirgt, unter Oberfläche, all das, was jeden einzelnen von uns ausmacht, und diese Gesamtheit liebevoll zu umarmen und anzunehmen.

DAS ist wahre Stärke.

DAS ist der Weg der Seelenheilung – für Männer ebenso wie für Frauen.

DAS ist der Weg, der jedem Männerherz offensteht.

An dieser Stelle zitiere ich (leicht abgewandelt) weise Worte: „Wer diesen Weg bereits zu Ende gegangen ist, möge über die anderen urteilen“. Ich bin überzeugt, dass jeder, der diesen Weg zu Ende gegangen ist, über keinen anderen urteilen wird. Das tun nur jene, die noch auf dem Weg sind oder noch gar nicht damit begonnen haben. Bedürftigkeit, die sich darin offenbart, sich selbst besser als andere zu machen.

Mein Plädoyer, dass ich in die Welt hinausschicke:

Gewährt Männern die Chance, wahrhaft stark zu werden, in dem sie auch mal schwach sein dürfen, denn beides gehört zum Männerherz, wie die zwei Herzkammern zum physischen Herzen eines jeden Menschen.

Kein Herz ist unverwundbar. Wäre es das, wären wir dann noch Menschen?

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APROPOS SELBSTLIEBE

Diesen Blog widme ich einem besonderen Menschen in meinem Leben.

Selbstliebe hat absolut nichts mit Selbstverliebtheit oder gar Narzissmus zu tun.

Selbstliebe beginnt damit, sich selbst so anzunehmen, wie man ist – mit allem, was dazu gehört. Vielleicht ein paar Kilos zu viel, ein paar Falten im Gesicht, den eigenen Schwächen, Macken und Lastern. JA zu sich selbst sagen, ohne Wenn und Aber, bedingungslos. Dieses JA bedeutet jedoch nicht das Ende des Weges, sondern im Hier und Jetzt zu sich selbst JA zu sagen. Vielleicht lerne ich morgen etwas dazu und werde manches besser machen. Unabhängig davon, was sein könnte oder noch kommen wird, sage ich in diesem Augenblick zu mir selbst JA.

Selbstliebe bedeutet, gut mit sich selbst umzugehen, auf sich selbst zu achten, den eigenen Körper, die Seele, die Psyche, die Gefühle – bestmöglich für sich selbst zu sorgen.  

Selbstliebe schmunzelt über die eigenen Torheiten, akzeptiert lächelnd die Perfektion darin unvollkommen zu sein, übt sich in Geduld, wenn es mal länger dauert, um über jenen scheinbar unüberwindbaren Schatten zu springen, der vom Glücklichsein trennt.

Selbstliebe ist, was Alleinsein von Einsamkeit unterscheidet.

Selbstliebe erlaubt, bedingungslos zu lieben.

Selbstliebe ist, womit jedes Geschöpf geboren wird.

Selbstliebe kann dir niemand nehmen, außer du gibst sie auf.

Selbstliebe gleicht einem schützenden Mantel, der sich um deine Schultern legt und deine Seele in Geborgenheit hüllt.

Selbstliebe im Innen gelebt, spiegelt sich in Taten und Worten im Außen.

Selbstliebe ist Liebe. Liebe heilt.

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EIN BLICK ZURÜCK, EIN SCHRITT NACH VORN

In den vergangenen zwei Wochen habe ich viel Zeit damit verbracht, in mich zu gehen, zu fühlen, zu verstehen. Nach den „Prüfungen des Lebens“ im Mai, fand ich mich in einem Zustand wieder, für den ich noch die passenden Worte suche. „Angekommen“ war ich bereits öfters, aber nie zuvor fühlte ich mich so ICH. Kraftvoll, innerlich gelassen, voller Lebensfreude, frei von jeglichem inneren Konflikt.

Ich bin einfach ICH.

Plötzlich läuft auch wieder die Arbeit an Band 3 meiner JAN/A-Trilogie. Über drei Jahre zieht sich der Schreibprozess nun bereits hin. Es war keine Schreibblockade, die mich aufhielt, es waren meine eigenen inneren Entwicklungsprozesse, die nun offenbar abgeschlossen sind.

Ein wunderbarer Zustand, ganz ICH zu sein, mit all den intensiven Empfindungen und Wahrnehmungen, gleichzeitig in Balance mit mir selbst und meinem Umfeld. Ob mein Umfeld das auch so sieht, ist eine andere Frage. Manche Menschen werden unrund, wenn sie auf „runde“ Menschen treffen und versuchen, diese in ihr eigenes Drama zu verwickeln, damit sie nicht so allein in der Sch*** stecken. Derzeit funktioniert das bei mir nicht. Meine Oberfläche hat eine Art Lotus-Effekt“ entwickelt, wie eine Anti-Drama-Haftbeschichtung. Hoffentlich hält dieser Zustand sehr lange an.

So weit mein Schritt nach vorne.

Um diesen in seiner gesamten Tragweite erfassen zu können, stelle ich hier etwas dazu, dass ich im Zuge der Aufräumarbeiten nach meinem PC-Crash wiedergefunden habe. Die Daten der Festplatte sind zwar hinüber, aber auf diversen USB-Sticks fand ich rund 1.500 Dateien wieder – ein erfreulicher Nebeneffekt meiner „ich lege es mal in einen Löschordner und lösche es später“-Strategie. Stundenlang sortierte ich also Dateien. Dabei tauchte etwas auf, das ich Ende Mai 2020 schrieb, wenige Wochen bevor meine langjährige Beziehung explodierte. Zerbrochen war sie aus heutiger Sicht bereits davor, nur hielt ich die Scherben lange Zeit zusammen.

An jenem Tag verlangte mein Ex-Partner von mir mich auf das bevorstehende Paarseminar vorzubereiten und den Fragebogen auszufüllen. Seiner Meinung nach machte ich das nicht sorgfältig genug, was er mir auch zu verstehen gab. Ich verspürte eine Unmenge an Druck, der sich damals erstmals in Worte fassen ließ. Durch die Arbeit an JAN/A hatte ich bereits meine „Sprache des Unbewussten“ trainiert. Als ich nun – nach ziemlich genau drei Jahren – diese Zeilen las, blickte ich in den Spiegel meiner Vergangenheit und mir wurde klar, dass es mir damals wesentlich schlechter ging als ich mir selbst zu dieser Zeit eingestand.

Ein Blick zurück.

Das nennst du Liebe? Wenn ich nicht sein darf, wer ich bin? Was ist falsch an mir? Nichts. Ich bin einfach anders. Aber das durfte ich ja noch nie sein. Alle haben an mir herumgebastelt, meinen Kopf mit ihrem Schrott gefüllt. Das ist es, was ich nicht mehr aushalte: zu sein, was ich nicht bin. Rollen zu spielen, die längst nicht mehr passen. Treib mich weiter. Schlag mich. Worte können mich längst nicht mehr berühren. Mein Körper fühlt keinen Schmerz mehr. Ich bin zum Schmerz geworden. Meine Seele blutet. Das wolltest du erreichen? Sei stolz darauf, denn es ist dir gelungen. Ich liege am Boden, doch ich werde wieder aufsteigen. Ich werde mich über all das erheben, über all den Schmerz und durch den Schmerz hindurch. Du glaubst, du hast gewonnen? Etwas erreicht? Ich bin nicht du. Ich lebe nicht dein Leben und du fühlst nicht, was ich fühle. Eingesperrt in ein Korsett aus Konventionen. Unfrei in jeder Minute, gefesselt bei jedem Atemzug. Ich fühle unendlich, mehr als Worte sagen können, mehr als Menschen verstehen können.

Ich bin ein Herzschlag in der Ewigkeit. Ein Tropfen, der wieder und wieder in die Stille eines ruhenden Sees fällt und dessen Wellen an weit entfernte Ufer branden. Ich bin wie der Wind, der sich am Flügel des Adlers bricht und ihn höher und höher empor trägt. Ich bin das Chaos und die Ordnung, dunkler als die schwärzeste Nacht und gleißend wie das Licht der Sonne zur Mittagszeit. Ich bin reines Fühlen im Augenblick. Ich bin Veränderung. Ich bin ein feuriger Funken Lebensfreude.

Zwing mich gegen meine Natur zu leben, und ich werde das Gegenteil all dessen, was ich bin. Wer erschafft, kann auch zerstören. Zwing mich in deine Schranken, und ich werde zu einem Schatten, kalt, dunkel, leer. Düsternis hüllt mich ein, in deren Mitte Schmerz an Süße gewinnt. Du hast mir fast alles genommen, was mir Freude bereitet hat, nur eines kannst du mir niemals nehmen: den Schmerz. Wenn nichts mehr bleibt, wenn alles verloren ist, liegt unendlich viel Trost im Schmerz. Ein vertrauter Freund, verlässlich und treu. Solange ich Schmerz empfinden kann, wirst du niemals über mich siegen, mich nie vollständig bestimmen. Dies ist mein Widerstand gegen dich und du wirst ihn niemals brechen. Schlag mich. Füge mir Schmerz zu. Ich werde es ertragen und der Schmerz wird mich stärker machen, mit jedem Schlag, mit jedem Wort, mit jeder Demütigung, mit jeder Ausgrenzung. Schmerz macht mich stark, denn er ist das, was du fürchtest. Deshalb sehne ich mich nach dem Schmerz, denn er hält dich fern. Wenn ich leidend am Boden liege, hältst du inne. Dann habe ich gewonnen. Schmerz ist mein Schutzschild. Er hält dich davon ab, mehr von mir zu fordern. Wenn ich am Boden liege, wenn ich nichts mehr zu geben habe, wenn mir nur der Schmerz bleibt, darf es genug sein. Dann ist dein Hunger gestillt, verlangst du nichts mehr von mir, denn du hast alles genommen – oder glaubst es zumindest, denn ich habe dich ausgetrickst. Etwas hast du nicht bekommen, etwas ist mir geblieben, und das ist der Schmerz. Lebensfreude, Liebe, Leichtigkeit … all das hast du aus meinen Adern gesaugt, doch den Schmerz konnte ich vor dir verbergen, wie einen Schatten inmitten von Dunkelheit. Er wird nun mein Trost und der Beweis, nicht vollends in dir aufgegangen zu sein. Noch existiert etwas von mir: mein Schmerz. Der Beweis, dass ich lebe.

So weit mein Blick zurück.

Ich frage mich, wie oft ich wohl so ehrlich zu mir selbst war wie an diesem Tag vor drei Jahren. Jahrelange redete ich mir die Beziehung schön, passte mich an, verdrehte mich so lange bis ich einem Schraubengewinde glich. Psychoanalytiker werden vermutlich begeistert sein von dem Text, der das Problem schildert UND gleichzeitig die Überzeugung, all dies zu überwinden und sich der Fremdbestimmung zu widersetzen. Anders formuliert: Das Opfer schüttelt die Opferrolle ab. Vielleicht war dieses Bekenntnis vor drei Jahren einer meiner wichtigsten Schritte, um aus dem Drama auszusteigen. Danach hatte ich jedenfalls die Kraft, einen Schritt ins Unbekannte zu wagen, die schmerzhafte Beziehung hinter mir zu lassen und in ein völlig ungewisses Leben aufzubrechen – MEIN Leben, frei und selbstbestimmt.

Bis heute habe ich diesen Schritt kein einziges Mal bereut. Der Blick zurück bestätigt mir einmal mehr: es war der richtige Schritt für mich.

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PRÜFUNG DES LEBENS: LIEBEN ODER LEIDEN?

Die vergangenen vier Wochen waren eine durchgängige Prüfung für mich. Das Leben schien herausfinden zu wollen, wie erst es mir mit meiner Entscheidung „Lieben“ tatsächlich ist. Wieder und wieder wurde ich getriggert, mit schmerzhaften Erinnerungen konfrontiert und in Versuchung geführt, mich neuerlich in die vertraute Opferrolle fallen zu lassen. Es war eine anstrengende, belastende und gleichzeitig befreiende Phase, in der ich für mich selbst erkennen durfte, welch tiefgreifende Auswirkungen meine Entscheidung hat und weiterhin haben wird.

Lieben oder Leiden?

Lieben! Zu 100% – besonders in Bezug auf jene schmerzhaften Erinnerungen aus meiner Kindheit, in der vieles anders lief, als ich es mir gewünscht hätte, hätte mich jemand danach gefragt.

All diese Ereignisse und die Menschen, die darin involviert waren, sie sind Teil meines Lebens und als solchen nehme ich sie vorbehaltlos an. Auch wenn ich mir diese Erinnerungen nie als Teil meines Lebens gewünscht habe, sie sind es nun einmal und sie haben dazu beigetragen, dass ich heute bin, wer ich bin: eine, die sich voll und ganz selbst so annimmt, wie sie ist. Mich von diesen Ereignissen zu distanzieren, sie zu verdrängen oder gar abzuleugnen, würde bedeuten, mich von mir selbst zu distanzieren, einen Teil meines Lebens zu verdrängen oder mich als Summe meiner Erfahrungen zu verleugnen.

Was geschehen ist, ist geschehen.

Nichts und niemand kann daran etwas ändern. Das Einzige, was veränderbar ist, ist die Einstellung, mit der ich auf meine Vergangenheit und manche Ereignisse darin blicke. Letztendlich bestimmt dies, wie ich auf mich selbst blicke.

„Lieben“ bedeutet für mich, anzuerkennen, was es ist, und es als einen Teil meines Lebens anzunehmen. Menschen haben meine Grenzen überschritten, mich missbraucht, gedemütigt und auf vielfältige Weise verletzt. Dies ist geschehen und kann nicht einfach „gelöscht“ werden. Doch es ist meine Entscheidung, nicht länger darunter zu leiden. Ich liebe, was aus meiner wurde. Wer weiß, wer ich ohne diese Erfahrungen geworden wäre? Das ist kein Zweckoptimismus im Sinne von „ich habe eh keine andere Wahl“. Ich habe eine andere Wahl. Sogar mehrere. Ich könnte leiden, oder mich verändern.

Love it, change it or leave it.

Ein Spruch, der gerne zitiert wird. Wer ihn nicht nur flott dahinsagt, sondern ausgiebig auf sich wirken lässt, wird darin möglicherweise die universelle Botschaft erkennen: wir haben stets die Wahl. Eine Wahlmöglichkeit zu haben, öffnet die Tür aus der Opferrolle auszusteigen. Wer aus der Opferrolle aussteigt, verändert die Drama-Dynamik seines Lebens.

Mein Opferdasein liegt lange zurück. Heute stehe ich zu dem, was geschehen ist, und bin gleichzeitig frei, mein Leben selbst zu bestimmen.

Das Leben ist ein einzigartiges Geschenk – an jeden von uns. Was wir daraus machen, verleiht ihm seine Bedeutung.

Ich glaube, wir werden geboren, um über uns selbst hinauszuwachsen. Die Steine, die das Leben uns in den Weg legt, sollen dabei helfen, unseren Blickwinkel zu verändern und andere Richtungen einzuschlagen. Menschen werten in „gut“ und „schlecht“, doch das Leben kennt nur Veränderung, damit einhergehend Wachstum oder Niedergang. Es liegt an uns, wie wir uns entscheiden. Lieben oder Leiden?

Noch ein paar Worte zum heutigen Beitragsbild: dies ist die Aussicht von meinem Platz für autobiographisches Schreiben auf der Couch. Stimmungsvolle Sonnenuntergänge gehören dazu. Obwohl ich bereits gefühlt 1000 Bilder davon aufgenommen habe, sind keine zwei gleich, doch sie bringen mich stets aufs Neue zum Lächeln und erinnern mich daran, welch ein wunderbares Geschenk mein Leben ist.

BILDER IM KOPF

Jeder Mensch hat individuelle Bilder im Kopf. Vorstellungen, was richtig/falsch, gut/schlecht ist. Was andere (möglicherweise) denken, was sie motiviert. Etliche dieser Bilder lassen sich unter dem Begriff „Vorurteile“ zusammenfassen. Männer sind … Frauen sind … Borderliner sind …

Es braucht nicht viel, um abgestempelt zu werden als ….

Vor kurzem bin ich auch mit „Bildern im Kopf“ zu Borderline konfrontiert worden – aber auch mit dem ehrlichen Interesse, diese zu hinterfragen und abzugleichen. Eine echte Wohltat, Menschen zu treffen, die über den Tellerrand der Vorurteile hinausblicken auf das, was es ist.

Eines dieser Vorurteile lautet: „Borderliner sind eine Gefahr für andere und sich selbst“. Sind sie das wirklich? Oder präziser gefragt: Sind Borderliner gefährlicher für sich selbst und andere als Nicht-Borderliner? Wer richtet mehr Schaden in dieser Welt an? Bei Borderlinern kann Selbstverletzung vorkommen, aber wie viel (Selbst)Verletzung findet durch Nicht-Betroffene statt? Bislang habe ich keine Studie gefunden, die sich diesem Vergleich widmet, aber ich traf auf eine Menge Vorurteile der Ablehnung, Ausgrenzung, Stigmatisierung ….

Ich liebe es, Vorurteile zu hinterfragen.

Oder neue Perspektiven zu eröffnen, so wie diese:

Ich bin Borderlinerin. Mein emotionales Gleichgewicht ist nur bedingt „von allein stabil“, weshalb ich mir über die Jahre eine tägliche Routine der Psychohygiene angewöhnt habe um Schwankungen auszugleichen und mein inneres Gleichgewicht bewusst herzustellen. Mindestens eine Stunde pro Tag (in der Bahn, beim Waldspaziergang oder auch auf der Couch) widme ich mich dem Reflektieren meiner Erlebnisse in einer Art „Achtsamkeits-Meditation“. Was ist geschehen? Wie hat es auf mich gewirkt? Was habe ich gefühlt? Wie habe ich reagiert? Wie hat das wiederum aufs Umfeld gewirkt? Was will ich künftig anders machen?

Wie viele Nicht-Betroffene reflektieren täglich ihr Verhalten und dessen Auswirkungen?

Achtsamen Umgang mit anderen und sich selbst erlebe ich im Alltag eher selten. Wenn ich daran denke, wie häufig ich in Öffis angerempelt werde (obwohl ich nicht zu übersehen bin mit über 1,80 m), neige ich dazu, Achtsamkeit unter „ferner liefen“ abzulegen. Auch all die verletzenden Worte und geringschätzigen Blicke rundum … Respekt und Höflichkeit sind offenbar ebenso aus der Mode gekommen wie Pünktlichkeit und Verlässlichkeit. 

Wie wäre der Alltag in einer achtsamen Gesellschaft, in der jeder Mensch sich täglich eine Stunde der Reflexion und Psychohygiene widmet? Eine kühne Spekulation von mir: Rücksichtlosigkeit wäre die Randerscheinung unter „ferner liefen“.

Oder im Sinne von „Henne oder Ei“ gedacht: Wie verbreitet wäre Borderline in einer achtsamen Gesellschaft, in der achtsame Menschen darauf achten, nicht übergriffig zu werden oder andere zu traumatisieren? Oder sie allein lassen mit Ereignissen, die sie nicht verarbeiten können? Wer sind die Täter? Wer die Opfer?

Rotieren die Bilder im Kopf?

Jeder, der schon mal mit Vorurteilen konfrontiert war, weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, vorverurteilt zu werden und wie mühsam es ist, daran etwas zu ändern. Viele Jahre meines Lebens fühlte ich mich fehlerhaft, defekt, kaputt … dieses Gefühl hat eine Menge Schaden angerichtet. Ich frage mich, was alles hätte vermieden werden können ohne dieses Defekt-Gefühl? Wie viel schneller und einfacher wäre mein Heilungsprozess verlaufen? Hilfreich war es sicherlich nicht, vom Umfeld vermittelt zu bekommen „du bist fehlerhaft“.

Aber so sind sie, die Bilder im Kopf, omnipräsent und nur selten hinterfragt. Ebenso wie all die Informationen, mit denen wir tagtäglich über diverse (soziale) Medien berieselt werden und aus denen unsere Bilder im Kopf entstehen. Wie viel davon ist wahr? Was Fake? Ist die Welt wirklich jener Ort des Schreckens, die Menschheit ohne Zukunft, oder findet sich rund um das Faktenkorn eine Menge Fake-Spreu?

Fakt ist, dass negative Gedanken und Gefühle sich negativ auf die physische und psychische Gesundheit eines Menschen auswirken. Wir werden davon langfristig krank und sterben früher. Einen Menschen laufend mit dem Vorurteil „du bist fehlerhaft“ abzustempeln sollte – meiner Ansicht nach – ebenso wie Körperverletzung behandelt werden, denn es ist per se Seelenverletzung. Leider sind Narben auf der Seele weniger sichtbar als Narben an den Unterarmen. Über letztere verfüge ich nicht, weshalb ich auch schon mal skeptische Blicke ernte im Sinne von „Du bist wirklich Borderlinerin – ohne Narben?“ Wieder so ein Bild im Kopf. Tatsächlich gibt es weniger Borderliner, die sich selbst Schnittverletzungen zufügen als solche, die es nicht tun. Dieses Bild ist allerdings weniger weit verbreitet.

Die Fake-Spreu lässt sich mit gezieltem Hinterfragen und konsequenter Achtsamkeit vom Faktenkorn trennen. Mit ihr verschwinden dann auch einige Bilder im Kopf, entsteht Raum für neue Bilder, können Vorurteile durch Erfahrungswerte ersetzt werden. Natürlich ist das ein bewusster Prozess, anders als unbewusstes Reagieren anhand unreflektierter Bilder.

Aber wie bei allem im Leben, führt auch Übung zum Erfolg und zur Meisterschaft. Für mich sind meine täglichen Achtsamkeitsmeditationen ein integrierter Bestandteil meines Lebens, ein Automatismus, Routine. Ich komme gar nicht auf die Idee, einen Tag mal NICHT zu reflektieren. Vielleicht bin ich keine typische Borderlinerin, aber auch das ist nur ein Bild im Kopf.

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SICH DEM SCHMERZ STELLEN

Tagelang habe ich überlegt, ob ich diesen Blog schreiben soll oder nicht. Was hier später folgen wird, ist definitiv schwer verdauliche Kost, aber gleichzeitig wichtig für meinen Heilungsprozess – und vielleicht ein Impuls zur Aufarbeitung für jene, die ähnliches erlebt haben. Es nur für mich selbst niederzuschreiben oder im therapeutischen Kontext zu erzählen, hat auf mich nicht dieselbe Wirkung, wie es „in die Welt hinauszurufen“ … unabhängig davon, wer letztendlich zuhören (oder lesen) wird. Vor dem Angesicht der Öffentlichkeit zu bekunden, was geschehen ist, stellt einen essenziellen Faktor meiner Heilung dar.

Hier also nun eine Triggerwarnung: die folgenden Schilderungen können belastend wirken. Ich wähle bewusst möglichst sachliche Formulierungen. Am Ende werde ich über die Auflösung schreiben. Insofern „Happy End“ Spoiler, der aber nicht ungeschehen macht, worum es geht.

Ab hier weiterzulesen ist deine eigene Entscheidung.

Als ich 13 Jahre alt war, durchlebte ich während meiner Schulzeit eine Phase, dich ich bis vor wenigen Tagen völlig aus meiner Erinnerung verbannt hatte. Ein Ereignis in der Gegenwart holte die dazugehörigen Emotionen und Bilder schlagartig in mein Bewusstsein. Damals, vor nunmehr 40 Jahren, waren manche Mädchen meiner Klasse körperlich reifer als andere, hatten bereits weiblichere Formen. In den Pausen, sobald die Lehrkraft den Raum verlassen hatte, packten mehrere Jungs ein Mädchen, hielten sie fest, griffen mit ihren Händen unter die Kleidung, berührten die Mädchen an ihren Brüsten. Sie nannten das „Ausgreifen“. Die Mädchen versuchten sie loszureißen, strampelten, doch sie hatten keine Chance. Das geschah täglich, über Wochen und Monate, beinahe in jeder Pause, ausgenommen die Mädchen schafften es rechtzeitig auf die Toilette zu verschwinden. Ich war 13 Jahre alt, körperlich nicht so weiblich ausgeprägt wie andere, aber ich hatte zu jener Zeit bereits einige traumatische Erlebnisse hinter mir, war mit mir selbst völlig überfordert, versuchte einerseits, möglichst nirgends anzuecken um nicht weiter „schlimme Konsequenzen“ zu provozieren, und andererseits kam ich mit meinen Emotionen überhaupt nicht klar. Täglich diese sexuellen Übergriffe zu erleben, die aufgewühlten Emotionen der anderen Mädchen abzubekommen, und zu erleben, dass niemand etwas dagegen unternahm, denn keines der Mädchen ging zu einem Lehrer und meldete die Vorfälle. Über die Gründe dafür kann ich nur spekulieren. Auch die Jungs, die teilnahmslos zusahen, unternahmen nichts. Es war, als würden alle irgendwie zustimmen. Für mich war das mehr als verstörend. Ich hatte weder den Mut noch die Kraft, mich als Außenseiterin, die ich damals bereits war, gegen einen Klassenverband zu stellen. So blieb mir nur ein Ausweg: ich unterdrückte meine Emotionen, mein Fühlen, so weit, bis ich nichts mehr fühlte – und das blieb mir lange Zeit erhalten. Gut 30 Jahre konnte ich manche Bereiche meines Körpers nicht spüren, lehnte Teile meiner Weiblichkeit ab, hatte das Gefühl dafür verloren bzw. unterdrückt. Die Erinnerungen versanken im Dunkel des Verdrängens, doch die Gefühlstaubheit blieb.

Anfang Mai geschah etwas, das mich triggerte. Ich nahm bei einer anderen Frau das Gefühl der Hilflosigkeit wahr, spürte ihr Ausgeliefertsein einer Situation in Kombination mit Männern, die diese Situation kontrollieren … es war, als würde ich durch ein temporales Wurmloch zurück in meine Schulzeit fallen, in einer jener Pausen. Mein damals eingefrorener Reflex der Selbstverteidigung und des Beschützens einer hilflosen Person, brach durch und ich hatte nicht die geringste Chance, diesen zu kontrollieren. Es war ein Blackout mit luzidem Träumen. Ich nahm war und war doch unfähig, mein Handeln – den Schutzreflex – zu steuern.

Seither arbeite ich daran, die Ereignisse zu verarbeiten, sowohl die neueren als auch jene aus meiner Schulzeit. Mir ist heute bewusst, dass ich als 13jährige völlig überfordert war und nicht anders handeln konnte – auch wenn ich mich schuldig fühlte, nichts gegen die Übergriffe unternommen zu haben. Ich konnte diesen Punkt meiner Vergangenheit auch vor dem Trigger nicht bearbeiten, da meine Erinnerungen völlig verdrängt waren. Insofern überrollten mich die Ereignisse. Das Einzige, was ich wirklich tun kann, ist all dies nun gründlich aufzuarbeiten, damit nichts davon wieder ins Unbewusste absinken kann/muss.

Dies ist es auch, was ich an dieser Stelle weitergeben möchte an jene, die ähnlich schlimme Erfahrungen gemachten haben und nur dadurch weitermachen konnten, indem sie diese völlig verdrängt haben.

Wenn so etwas wie aus dem Nichts in der Gegenwart auftaucht, dann stellt dich dem! Schieb es nicht wieder zurück in den Kerker des Verdrängens. Es würde wieder an die Oberfläche kommen. Nutze die Gelegenheit und verarbeite – was auch immer es ist. Es kann nur dann an die Oberfläche des Bewusstseins kommen, wenn dein Unterbewusstsein der Auffassung ist, dass du stark genug dafür bist. Auch wenn es schlimm ist, stell dich dem verdrängten Schmerz, damit er gehen kann.

Ich ging neuerlich durch jenen Schmerz, den ich vor 40 Jahren in die Tiefen meines Unterbewusstseins zurückgedrängt hatte. Dazu gehörten ein paar schlaflose Nächte, zittrige Tage, eine Menge Tränen, wertvolle Gespräche mit Menschen, die mir Halt gaben. Fragende Blicke in den Spiegel. Ein Gefühlskarussell aus Wut, Hilflosigkeit, Verzweiflung, Schmerz, Angst, Schuld und Scham – doch irgendwann war ich durch. Mittlerweile fühle ich mich frei, kann auf die Ereignisse von vor 40 Jahren und Anfang Mai zurückblicken und emotional in Balance bleiben.

Was geschehen ist, ist geschehen. Nichts, was jemand sagt oder tut, kann es etwas daran ändern. Was geschehen ist, hätte niemals geschehen dürfen. Was in der Gegenwart zu tun bleibt, ist alles zu unternehmen, damit die Geschehnisse sich nie mehr wiederholen. Das ist nur möglich, wenn wir uns dessen bewusst sind, was geschehen ist, und uns für andere Wege entscheiden.

Verdrängung erhöht die Gefahr der Wiederholung.  

Mein Unterbewusstsein entließ eine verdrängte Erinnerung in die Gegenwart, weil es darauf vertraute, dass ich stark und reflektiert genug sei, um damit klarzukommen. Ich denke, ich habe das mir Bestmögliche daraus gemacht. Vielleicht nicht die optimale Lösung, aber jene, die mir hier und heute möglich ist – denn genau darum geht es im Leben: das Bestmögliche zu tun.

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FÜHLEN IST KEINE KRANKHEIT

… auch wenn es sich manchmal so anfühlt bzw. einem dieser Eindruck von „weniger einfühlsamen“ Menschen mit Bemerkungen in der Art von „sei nicht so zimperlich“ vermittelt wird. Deshalb hier nun einige Offenbarungen, die in dieser geballten Ladung noch niemand zuvor zu lesen/hören bekommen hat.

Es ist schon eine Weile her, als ich zu einem Kaffeekränzchen eingeladen war bei der Freundin einer Freundin, die im 11. Stock wohnte. Als Kind vom Land war ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie so hoch hinausgekommen und war nicht vorbereitet auf das, was folgen sollte. Kaum aus dem Lift gestiegen, verspürte ich starke Gleichgewichtsprobleme. Mir wurde übel. Alles schien zu schwanken. Das tat es auch, wie die Freundin der Freundin bestätigte, bei starkem Wind schwankte das Gebäude auf dieser Höhe um wenige Zentimeter, aber das würde man nicht spüren. Man vielleicht nicht, ich schon.

Mein erstes Testliegen auf einem Wasserbett führte beinahe zu einer sehr unpassenden Reaktion im Möbelhaus – ich wurde seekrank.

Die Soca (Isonzo) ist ein wild-romantischer Fluss in Slowenien, der streckenweise durch Canyons verläuft. Der Wanderweg führt dann etliche Meter oberhalb auf einem nahezu ebenen Felsplateau entlang, während man das wilde Wasser in der schmalen Schlucht unterhalb tosen hört – und ich kaum aufrecht gehen konnte, weil ich das Gefühl hatte, mich durchs tosende Wasser zu bewegen.

Ich fühle unterirdische Wasseradern, elektrische Leitungen in Wänden, sehe um die Körper von Lebewesen einen Lichtkranz und an klaren Tagen manchmal sogar parallele Linien am Himmel (nein, keine Kondensstreifen von Flugzeugen, aber vielleicht das, woran Zugvögel sich orientieren)  … meine fühlende Wahrnehmung der Welt rund um mich ist überdurchschnittlich ausgeprägt.

Bin ich deshalb krank?

Diese fühlende Wahrnehmung schließt auch Menschen ein – und wie! Wenn ich mich auf eine Person fokussiere, kann ich fühlen, wie es dieser Person in diesem Augenblick geht. Manchmal „überfällt“ mich eine derartige Wahrnehmung wie aus dem Nichts. Ein kurzes Telefonat später weiß ich: ich spinne nicht. Ich nehme auf eine Weise wahr, die leicht Richtung Esoterik oder Übersinnlich interpretiert werden kann, aber für mich ist es einfach normaler Alltag. Ich sehe darin nichts „Überirdisches“.

Allerdings kann es eine ziemliche Herausforderung in selbigem Alltag sein, mich in der Nähe von Menschen aufzuhalten und diese wahrzunehmen – mit all ihren negativen Emotionen, schmerzhaften Krankheiten, all dem Leid. Natürlich nehme ich auch das Positive wahr und das gerne, weil es angenehm ist. Anders als das Leidvolle, Schmerzhafte, Negative, Aggressive, Zerstörerische, Hasserfüllte …

Wie sich das für mich anfühlt, lässt sich in diesem Vergleich anschaulich erklären: Stell dir einen großen gläsernen Krug mit kristallklarem Wasser vor, in das jemand ein Fässchen Tinte kippt. Sofort trübt sich das Wasser ein. Ähnlich geht es mir: Negative Menschen trüben mein Gefühlsleben ein. Leider verschwindet diese Eintrübung nicht automatisch, wenn ich mich von den Menschen entferne. Das Trübe bleibt, bis ich aktiv daran arbeite, mein Fühlen wieder ins Positive zu rücken.

Über all die Jahre habe ich gelernt, meine Wahrnehmung so weit zu dämpfen, dass ich mich sowohl in Hochhäusern als auch unter Menschen bewegen kann. Ich mache mir z.B. im Vorfeld bewusst, dass hohe Gebäude im Wind schwanken, mein Körper stellt sich drauf ein, auszugleichen … alles bestens. Ähnlich funktioniert es mit Menschen. Wenn ich mich auf das einstelle, was auf mich zukommen könnte, komme ich damit klar, doch in Summe kostet es Energie. Eine gewisse Grundspannung ist nötig, damit das „Sicherheitsnetz“ gespannt bleibt und mich auffangen kann. Völlige Entspannung ist nur weit weg von anderen Menschen inmitten der Natur möglich – oder bei einigen wenigen Menschen, denen ich bedingungslose vertraue und deren Energie mir vertraut ist. Für Öffis habe ich eigene Playlists mit für mich positiver Musik um „die Dunkelheit der Emotionen rundum“ auszugleichen.

Bin ich krank?

Nein, ich bin auch keine Mimose, ich bin hochsensibel (HSP). Die Flut dessen, was ich wahrnehme, auszuhalten, kann eine Herausforderung sein. Manchmal hilft da nur die Flucht ins „Abschalten der Empfindungen“, also meinen Spock-Modus. Zumindest zeitweilig kann das Helfen, „normal zu funktionieren“, auch wenn es als Dauerzustand ruinös ist.

Apropos „normal“: eine spannende Erfahrung war das Absolvieren diverser HSP-Tests. Meine Werte lagen bei 8 bis 9 von 10. „Normale“ liegen zwischen 4 und 5 (=Referenzwert). Womit wieder einmal bewiesen wäre … ich bin vieles, aber nicht durchschnittlich 😉

Heute verwende ich eine Menge „hinterfragende Gänsefüßchen“, denn um HSP zu ermitteln, braucht es zuvor erwähnten Referenzwert. Wer sagt, dass dieser Referenzwert „normal“ und gesund ist? Könnte es nicht sein, dass HSP eigentlich der „gesunde Normalzustand“ menschlicher Wesen und alles andere „ungesund abgestumpft“ ist, um den Lärm, die Hektik und sonstige zivilisatorische Rahmenbedingungen aushalten zu können?

Stellt sich also die Frage: Bunte Pillen einwerfen, um die Wahrnehmung zu dämpfen und die „Zivilisation“ leichter auszuhalten? Für mich absolut keine Option. Ich möchte nicht verzichten auf mein Geschenk des Lebens, mehr zu fühlen als andere. Würde jemand mit dem perfekten Gehör Pillen einwerfen, um danach normal – sprich: weniger – zu hören?

In freier Natur, weit weg von anderen Menschen, ist Hochsensibilität für mich kein Problem. Im Gegenteil. Es ist ein wunderbares, intensives Erleben, ein Gefühl von Verbundenheit mit allem rundum, als wäre ich ein einzelnes Blatt in der Krone eines mächtigen Baumes, ein Wassertropfen im Ozean, ein Sandkorn in der Wüste, eine Note in einer Symphonie, ein Stern am Abendhimmel, ein Löwenzahnschirmchen …

Bild: pixabay.com

RE-TRAUMATISIERUNG

Das Bild zeigt ein kleines Bäumchen, das sich tapfer neben den Schienen der Wiener U6 (die fährt überirdisch) seinen Platz an der Sonne erkämpft … und dabei im Minutentakt eins drübergezogen bekommt. Against all odds.

Genauso fühlt sich für mich Re-Traumatisierung an.

Vor einigen Tagen fand ich mich in einer Situation wieder, in der Menschen, zu denen ich eine persönliche Beziehung habe und für die ich mich verantwortlich fühle, von anderen Menschen drangsaliert wurden. Ich stellte mich dazwischen, versuchte rund 20 Menschen aufzuhalten, um einige wenige zu schützen.

Keine Chance.

Ich wurde überrollt. Physisch ebenso wie emotional.

Mit einem Schlag war es wieder da, das Gefühl, ausgeliefert zu sein, wehrlos, über sich ergehen lassen zu müssen was auch immer da kommt, verletzt zu werden, entwürdigt, gedemütigt, wertlos.  

Re-Traumatisierung.

Seither fühle ich mich wie dieses kleine Bäumchen. Im Minutentakt überrollen mich Gedanken und Emotionen. Unaufhaltsam. Der Körper unter Dauerstress. Ausnahmezustand. Kopflastige Menschen beurteilen mich, ohne auch nur erahnen zu können, was ich fühle. Ihre Urteile sind Sonderzüge, die zusätzlich über die Schienen donnern.

Das Hinterfragen der eigenen Handlungen wird zur Fallgrube, in der die spitzen Pfähle der Schuld nur darauf warten, mich zu durchbohren. Wer ist Täter? Wer Opfer? Wer angegriffen wird und sich zur Wehr setzt wird zum Täter, die Täter zum Opfer. Pervers, aber in einer kopflastigen Welt aus dem Gefühl zu leben und seinem Herzen zu folgen, scheint verkehrt. Die Mehrheit der Stimmen verdreht die Realität. Ein weiterer Wagon hängt sich an den Zug an.

All das soll aufhören. Sterben? Nein, einfach nur weg. Weg von allem. Aber wohin? Davonlaufen führt letztendlich irgendwann an eine Wand. Mit dem Rücken zur Wand bleibt nur ein Ausweg. Zwischendurch drängt die Erkenntnis an die Oberfläche: Niemand versteht mich! Selbst wenn ich erzähle, was in mir los ist, kann es niemand nachvollziehen.

Sie fragen: Warum?

Und ich antworte: Weil ein Blick, ein Wort, einen Stachel in das Herz des Drachen bohren kann und sein über Äonen aufgestauter Schmerz sich in einem Feuerball entlädt, voller Verzweiflung darüber, sein liebendes Herz nicht schützen zu können vor den Zerstörern.

Wer soll das verstehen? Wer spricht meine Sprache der Seelenbilder? Wer kann dem roten Faden im Labyrinth meiner Empfindungen folgen, die im Sekundentakt zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her springen bis da nur noch ein einziger Schrei ist.

Ich bin anders.

Ich bin unendlich allein – wie das kleine Bäumchen. Chancenlos.

Aufgeben ist keine Option.

Von mir wird erwartet, zu funktionieren – trotz Traumatisierungen und Re-Traumatisierungen. Ich habe gelernt zu funktionieren, oberflächlich so zu werden, wie die anderen …

Ich mache mir bewusst, dass die Situation – so schlimm sie war – mittlerweile Tage zurückliegt, in der Vergangenheit. Sie war damals gegenwärtig, aber hier und jetzt ist sie es nur mehr in meinem Kopf. Innere Bilder sind veränderbar. Also gebe ich diesem kleinen Bäumchen – mir selbst – eine Chance. Stelle mir vor, wie der Beton zu Sand zerfällt. Wie die Steine sich in Kiefernnadeln auf dem Waldboden verwandeln. Wie die Stahlschiene zu einer knorrigen Wurzel wird und das kleine Bäumchen seinen Platz an der Sonne findet, diesmal mit der Chance auf Frieden.

Allmählich beruhigen sich die Gedanken und Emotionen.

… doch in mir drin, bin ich anders, fühle und denke anders, heute, hier und jetzt, und vielleicht bis zu meinem letzten Atemzug.

Keine Ahnung, wie lange es dauern wird, wie oft ich noch meinen Blick auf das kleine Bäumchen fokussieren und seine Umgebung verändern werde, bis die Wunde in meiner Seele, die durch Menschen aufgerissen wurde, sich wieder geschlossen hat. Ich weiß nur eines: auch in diesem Schmerz liegt die Chance, jenes zu erkennen und zu entfernen, was zuvor eine vollständige Heilung verhindert hat.

Die Dunkelheit wird niemals siegen, solange ein Funke Hoffnung den Weg leuchtet.

SCHNELL (AUS)GETRÄUMT

Manchmal kann ich nur den Kopf schütteln bei dem, was mir so im Netz begegnet. Von „mach das und du bist morgen 3 Kilo leichter“ über „10.000 Top-Kunden im Handumdrehen“ bis hin zu „lass das Universum für dich arbeiten“ … jede Menge Versprechen.

Ein Traum?

Zugegeben, in der Vergangenheit bin ich selbst einigen dieser Pfade gefolgt, habe groß geträumt, und bin verkatert aufgewacht.

Über Nacht, im Handumdrehen oder das Universum für mich arbeiten lassen, hat mich nicht dorthin gebracht, wo ich heute bin. Frei und selbstbestimmt, mit einigen wenigen Altlasten in meinem Rucksack, die kaum noch spürbar sind.

Auch ich träumte einst davon, mich von all den Steinen in meinem Rucksack, möglichst rasch zu befreien. Ein Wundermittel, ein Zauberspruch, ein machtvolles Wesen … verlockende Träume, die ich einen nach dem anderen aufgab.

Ausgeträumt.

Mit mir selbst ins Reine zu kommen, traumatischer Erlebnisse und die daraus resultierenden Blockaden auflösen, innere Konflikte und Zerrissenheit in Harmonie zu verwandeln, im Gleichgewicht verweilen trotz der Stürme des Lebens, oder einfach nur Gewohnheiten wie mehr Sport, weniger Naschen etc. verändern … das erfordert konsequente Arbeit an sich selbst. Arbeit, die einem niemand abnehmen kann, weder ein anderer Mensch noch ein magisches Wundermittel. In meinem Fall waren es über 3 Jahrzehnte Arbeit um die zu werden, die ich heute bin.  

Wie schon Meister Yoda uns lehrte: „Die Dunkelheit ist nicht stärker, sie ist schneller, verlockender“. Der Weg des Lichtes, der Bewusstheit, gleicht einem Ultra-Marathon ohne Ziellinie. Der Weg ist das Ziel. Abkürzungen führen häufig in dunkle Sackgassen, aus denen man nur mühsam wieder rausfindet.

Ja, wenn man mitten in der Scheiße steckt, möchte man am liebsten schnell raus, und alles hinter sich lassen. Eine gewisse Anfälligkeit für verlockende Träume ist da nur allzu menschlich, aber so einfach läuft es nun mal nicht. Nachhaltige Veränderungen geschieht nicht über Nacht und auch nicht von selbst. Aber wer nimmt sich heute noch Zeit?

Wenn ich mich umsehe, ist vieles sehr schnelllebig geworden. Pläne für 1 Jahr? Oder 5 Jahre?

Als ich mich 2017 auf die Reise zu mir selbst machte, spürte ich intuitiv, dass ich mindestens 3 Jahre dafür brauchen werde. Als meine Beziehung nach 24 Jahren in die Brüche ging, war klar, dass ich mindestens 24 Monate zum Verarbeiten rechnen darf. Natürlich wäre es toll gewesen, beides schneller zu durchleben, aber auch unrealistisch. Eine Träumerei, die nicht in der realen Welt bestehen kann.

Unordnung in einem aufgeräumten Haus zu schaffen, geht ziemlich schnell, aber die Ordnung wieder herzustellen dauert seine Zeit. Wenige Augenblicke genügen, um einen Menschen zu traumatisieren. Es braucht mitunter Jahrzehnte, um diese Erschütterung des seelischen Gleichgewichts zu überwinden.

Heilung braucht Zeit.

Vertrauen ins Leben und sich selbst aufzubauen, braucht Zeit.

Die (zutiefst menschlichen) Bedürfnisse nach Ausgleich, Rache, Vergeltung und dergleichen hinter sich zu lassen, braucht Zeit.

Die eigenen Schwächen und Fehlbarkeiten mit Humor und einem liebevollen Lächeln annehmen zu können, braucht Zeit.

Das Ego zu zähmen und sich selbst nicht mehr so wichtig zu nehmen, braucht Zeit.

Sich der Vergangenheit bewusst zu sein, daraus zu lernen, nach vorne zu blicken und aus dem Kommenden das Bestmögliche zu machen, braucht Zeit.

Wir werden als Menschen geboren, doch zu begreifen, was das wirklich bedeutet, braucht Zeit.

Wenn mir heute jemand verspricht, dass etwas „ganz schnell“ geht, werde ich skeptisch. Vor allem in Bezug auf Selbstfindung, Auflösungsarbeit, Therapie etc.

Zeit (die es genau genommen nur in unserem Bewusstsein existiert – im Gegensatz zu den vier Grundkräften der Physik) ist es, die Erdbeeren und Wein reifen lässt – und den Menschen, wenn dieser es zulässt und seinem (nur allzu menschlichen Wunsch) nach schnellen, einfachen, oberflächlichen Lösungen widersteht, sich stattdessen darauf einlässt, dass die Dinge ihre Zeit brauchen um letztendlich gut (im Sinne von heil) zu werden.

Lebe, und sei dir bewusst, dass du lebst.

Träume, und sei dir bewusst, dass du träumst.

Lerne zu unterscheiden zwischen Traum und Wirklichkeit.

Lass die Zeit dein Verbündeter sein.

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SPÜREN – NEXT LEVEL

Was an diesem sonnigen Sonntag mit frühlingshaften Temperaturen „nur“ ein Testlauf für meine neuen Sockenschuhe hätte werden sollen, wurde so viel mehr … Aber ich nehme das Ende vorweg. Beginnen wir damit, dass ich aufbrach, eine für mich neue Erfahrung zu machen.

Damit ist jetzt nicht barfuß laufen per se gemeint, das tue ich in Räumen die meiste Zeit. Als Kind lief ich auch barfuß durch Wiese, trat dabei versehentlich auf so manches Insekt und bekam diverse Stachel und Beißwerkzeuge zu spüren. Was ich zuvor nie getan habe, mich barfuß auf einem Waldweg zu bewegen. All die Steinchen, Wurzeln, Nadeln … die Vorstellung in meinem Kopf war eine schmerzvolle. Im Gegensatz dazu hatte ich keine Vorstellung, was mich erwarten würde, als ich heute die Sockenschuhe überstreifte. Meine ersten Schritte waren …

… überraschend angenehm. Ja, ich spürte zwar die Steine, aber es tat nicht weh. Von Schritt zu Schritt fühlte es sich besser an. Oder anderes gesagt: Natürlicher – als würde ich niemals Schuhe getragen haben. Wobei, ganz stimmt das auch nicht. Was ich schon spürte, waren die Verspannungen, Verkürzungen, Verklebungen und Fehlhaltungen, die sich in der Vergangenheit aufgebaut hatte.

Dennoch, es fühlte sich einfach großartig an, den Untergrund zu spüren, wie er nun mal beschaffen war/ist. Mir wurde bewusst, wie viel ich in den vergangenen Jahren verloren habe, von der „artgerechten Bewegung“ des menschlichen Fußgewölbes – und was ich mir wieder zurückholen will.

Ein Beispiel: wenn ich mit Schuhen unterwegs bin, versuche ich möglichst auf flache Stellen zu treten. Ein aus dem Boden ragender Stein würde zwar nicht schmerzen, aber durch die feste Sohle kippt der Knöchel meistens seitlich weg, was (nach einer Menge Verletzungen während meiner über 40 aktiven Jahre im Basketballsport) unangenehme bis unsichere Gefühle bei mir auslöst. Vermutlich deshalb habe ich heute auch zuerst gezögert, auf solche Steine draufzusteigen, aber dann bemerkt, dass ohne die feste Sohle sich mein Fußgewölbe flexibel um den Stein legt und mein Knöchel stabil bleibt.

Was für ein Aha-Erlebnis!

Im nächsten Moment war da die Gewissheit in mir, dass ich vom Leben die optimale Ausrüstung bekommen habe, um mich flexibel an den jeweiligen Untergrund (oder die Umstände) meines Weges anzupassen. Alles, was es dafür brauchte, war darauf zu vertrauen. Ein Extra-Schutz (feste Schuhsohlen) war nicht nötig. Das menschliche Fußgewölbe ist architektonisch betrachtet eine Meisterleistung der Natur – ebenso wie die geistige Fähigkeit des Menschen, sich selbst zu reflektieren und aus der Selbstbetrachtung zu lernen.

Barfuß durch den Wald laufend fühlte ich mich heute stabiler unterwegs als je zuvor – und ich kenne die Strecke in- und auswendig, bin unzählige Male darauf unterwegs gewesen. Aber heute fühlte ich mich als Teil davon. Worte sind zu sperrig, meine Empfindungen zum Ausdruck zu bringen. Oder sie verleiten zu esoterischen Interpretationen. Ich habe mich öfters gefragt, wie Naturvölker ständig barfuß laufen können. Seit heute kenne ich die Antwort: einfach so. Unsere Füße wurden dafür konstruiert. Schuhe sind eine (durchaus sinnvolle) menschliche Erfindung, aber eben auch eine künstliche Grenze.

10.000 Schritte war ich heute in Sockenschuhen unterwegs auf meiner Haus- und Hofstrecke, dabei deutlich langsamer als üblich, aber es gab so viel zum Wahrnehmen, zum Spüren. Außerdem wurden Muskel beansprucht, die sonst eher ungenutzt bleiben. Meine Fußreflexzonen wurden reichlich massiert und stimuliert. Am Ende der Runde war ich müde, doch tiefenentspannt und emotional erholt wie schon lange nicht mehr.

Die Reise zu mir selbst – auch Selbstfindung genannt – hat für mich verschiedene Facetten. Emotionale, geistige und körperliche. Ich erinnere mich an die Zeit, als sich mein Körper wie ein fremdes Objekt anfühlte. Wie eine leere Hülle. Mich wieder als Mensch zu fühlen – in meinem Körper bzw. meinen Körper, so wie er von der Natur geplant wurde. Nicht mit Hightech-Laufschuhen, sondern mit einem genialen Fußgewölbe, das es richtiggehend genossen hat, auf Steinchen, Bockerl und Zweige zu steigen, um aus der gewohnten, starren Haltung auszubrechen und sich geschmeidig anzupassen.

Im Alltag werde ich weiterhin Schuhe tragen, denn im urbanen Bereich ist eine artgerechte Bewegung meiner Füße mit all dem Beton & Co rundum de facto unmöglich. Auch im alpinen Gelände bevorzuge ich den Schutz meiner Bergschuhe, um mir nicht die Füße an scharfen Felskanten zu zerschneiden, ABER Wald und Wiese werden mich künftig regelmäßig in Sockenschuhen antreffen, denn der „next level“ darf gerne Standard werden.