Zeit des Abschieds

Mein Vater starb am 25. April 1983.

Damals war ich 14 Jahre alt.

Seither sind 37 Jahre vergangen.

37 Jahre, in denen ich weder Trauer empfunden noch ihn vermisst habe, denn als er starb empfand ich gar nichts. Ich war bereits einige Jahre innerlich „leer“.

37 Jahre, in denen ich zwar immer wieder an meinen Vater dachte, positive und negative Erinnerungen auf deren Auswirkungen auf mich und mein Leben zu verstehen versuchte.

37 Jahre … und plötzlich, heute Morgen, empfinde ich tiefe Trauer und den Wunsch, meinen Tränen freien Lauf zu lassen.

Warum?

Ich konnte nicht am Tag seines Todes weinen. Ich konnte nicht an seinem Grab weinen. Und ausgerechnet heute falle ich zurück in die Emotionen des heranwachsenden Mädchens, das nicht verstehen konnte, was rundum geschah.

Einfach so – wie aus dem Nichts.

Doch ehrlich gesagt, kam es nicht „wie aus dem Nichts“. Schon seit Wochen ist da ein undefinierbarer Schmerz, nicht genau festzulegen. Lunge – oder doch das Herz? Schulmedizinisch abklärt und befundfrei. Ist es meine Seele, die schmerzt? Mein Herz?

Konsequent verfolge ich meinen Weg zurück zu Selbstliebe und Lebensfreude, aber irgendwie scheint sich ein Stein in meinem Schuh zu verstecken. Ein Stein, der drückt, bei jedem Schritt, manchmal mehr, manchmal weniger, doch er drückt. Verdrängte Trauer? Unterdrückter Schmerz, der nun drückt? Druck erzeugt Gegendruck …

All die Jahre trug ich diesen Schmerz mit mir herum, lief mit drückendem Schuh durchs Leben. Etliche Male startete ich einen Anlauf, bewusst die Ereignisse von vor 37 Jahren aufzuarbeiten, Schicht für Schicht zu lösen und den Kern darunter frei zu legen. Geschieht es heute? Darf endlich gehen, was längst der Vergangenheit angehört?

Diese Gedanken niederzuschreiben, bringt Erleichterung.

Das Wissen, das dies nur das Aufbrechen verkrusteter Emotionen ist, die nichts mit meinem gegenwärtigen Leben zu tun haben, bringt Erleichterung.

Mich für einige Zeit von der Welt da draußen zurückzuziehen und mich um mein verletztes inneres Kind zu kümmern, bringt Erleichterung.

Die Worte des Abschieds an meinen Vater zu richten – nach 37 Jahren – und loszulassen, was ich nicht in meinem Leben halten konnte – ihn – wird Freiheit bringen. Vielleicht nicht gleich heute oder morgen, aber bald. Denn ich lasse nicht nur meinen Vater los, sondern mit ihm auch die Angst vor dem Verlust, die wie kaum etwas anderes Chaos und Zerstörung in mein Leben brachte.

Mein Vater liebte die Rosen in unserem Garten – ebenso wie ich.

Er war Geschichtenerzähler – ebenso wie ich.

Uns verband viel mehr als uns trennte. Von allen Menschen meiner Kindheit war er jener, von dem ich mich verstanden fühlte. Ohne ihn blieb ich allein zurück. Dennoch …

Es ist an der Zeit, dich gehen zu lassen, Papa. Ich behalte das Beste von dir in Erinnerung, doch von heute an lebe ich mein Leben, das du mir geschenkt hast, ohne dich – und ich weiß – wo auch immer du jetzt bist – es wird dich glücklich machen, wenn ich glücklich bin. Ruhe in Frieden, Papa.

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