Tagebuch meines neuen Lebens / Tag 25

Wenn ich morgens in meinem neuen Leben und neuem Heim aufwache, fĂŒhle ich mich unendlich leer. Etwas fehlt. Etwas, das ich vermisse. Etwas, das ich mir selbst nicht geben kann. Auch wenn ich gelernt habe, mich selbst zu lieben, mich so anzuerkennen, wie ich bin und die Geborgenheit in der Umarmung des Lebens wahrzunehmen – eines kann ich mir selbst nicht geben: die NĂ€he eines vertrauten Menschen, der die HĂ€lfte meiner bisherigen Lebenszeit an meiner Seite verbracht hat. Mit dem ich so vieles geteilt habe.

Es ist, wie es ist. Unsere Wege haben sich getrennt. Mein Verstand hat es lĂ€ngst realisiert und akzeptiert. Doch GefĂŒhle lassen sich nicht so einfach umschalten. Deshalb bin ich traurig, unkonzentriert, noch immer neben meiner ĂŒblichen, hoch effizienten Spur.  Ich verarbeite emotional die Geschehnisse. Das gehört dazu. Kein Grund fĂŒr Leid oder gar böswillige Gedanken. Einfach nur Trennungsschmerz. Ich habe etwas verloren, das mir ans Herz gewachsen war, das mir lieb und teuer war auf eine Weise, die sich nicht mit Worten beschreiben lĂ€sst.

Wie einfach wĂ€re es, mich einfach in eine Depression fallen zu lassen, im Schmerz zu versinken, im Leid zu baden, in der Opferrolle aufzugehen. Von vielen wĂŒrde ich Trost, Zuspruch und Zuwendung dafĂŒr erhalten, weil es doch verstĂ€ndlich wĂ€re, so zu empfinden. Doch so einfach ist es nicht – fĂŒr mich. Ich sehe nicht nur eine Position, nicht nur ein Ereignis. Aus der Meta-Position heraus offenbart sich mir ein komplexes Bild mit tradierten Rollen und Verhaltensmustern sowie langjĂ€hrig aufgebaute Verstrickungen.

Schuldzuweisungen? Wer damit anfÀngt, versagt sich jeglichen Lerneffekt aus Krisen.

VorwĂŒrfe? Erschweren nur den Blick auf die Eigenverantwortung.

Vielleicht ist das, was im Moment schmerzt, auch die Erkenntnis, an welchen Punkten auf unserem gemeinsamen Weg eine andere Handlungsweise zu anderen Ergebnissen gefĂŒhrt und somit den Tag X verhindert hĂ€tte. Oder das Wissen um die UnverĂ€nderbarkeit der Vergangenheit?

Nicht umsonst heißt es: Im Nachhinein ist man immer klĂŒger.

Der Verstand kann sich schnell mal hinter weisen SprĂŒchen und ErklĂ€rungen zurĂŒckziehen und zur Ruhe kommen, doch das Herz bleibt im Sturm der GefĂŒhle zurĂŒck.

Es heißt: Zeit heilt alle Wunden.

Das will ich glauben. Ich will daran glauben, dass der Tag kommen wird, an dem ich aufwache, und wieder vertraute NĂ€he zu einem Menschen fĂŒhle, dem ich mein Herz geöffnet habe.

2 EintrĂ€ge zu „Tagebuch meines neuen Lebens / Tag 25

  • Meine schlaue Frau hat mal gesagt, dass sich jedes Wieder – Empfinden dieses Trennungsschmerzes fĂŒr uns gleich anfĂŒhlt. Vielmehr ist es aber eine AufwĂ€rtsspirale, in der es sich eben – wenn man wieder am nĂ€chsten Loop angekommen ist – so anfĂŒhlt als wĂ€re es dasselbe Empfinden wie im Loop eine Etage tiefer auch. Aber eigentlich haben wir schon Fortschritte gemacht und sind ein StĂŒckchen weiter. Auch wenn’s nicht immer spĂŒrbar ist. Ich bin mir sicher, irgendwann kannst du aufwachen und das GefĂŒhl, was du dir wĂŒnschst, wieder empfinden. Ich drĂŒcke dir die Daumen.

    GefÀllt 1 Person

    • Liebe Lynn, ich sehe das Ă€hnlich wie deine schlaue Frau. Das Leben besteht aus vielen Runden und wir kommen immer wieder an bestimmte Punkte, bis wir sie vollstĂ€ndig erfasst und gelöst haben. Je nachdem, wie eifrig wir dabei sind, wird es schneller oder langsamer leichter. Ich finde das grenzgenial vom Leben, das es uns die Möglichkeit bietet, quasi immer wieder zur „PrĂŒfung“ anzutreten, bis wir die Lernaufgabe gemeistert haben. Das Leben hat unendlich viel Geduld, viel mehr als ich 😉
      Ich schreibe in diesem Blog gerne auch ĂŒber Momentaufnahmen um zu zeigen, dass diese zum Leben gehören. Auch wenn der Weg voranfĂŒhrt, manchmal hat man zwischendurch ein Tief – und das ist völlig in Ordnung. Niemand von uns muss perfekt sein. Ein Tief darf sein. Wichtig ist zu wissen, das auch dieses Tief vorĂŒber geht, ebenso wie das Hoch vorĂŒber ging. Nichts im Leben ist fĂŒr immer – und das ist gut so 🙂
      Ich freue mich auf das nĂ€chste Hoch, wĂ€hrend ich das Tief vorĂŒber ziehen lassen. Daran festzuhalten wĂŒrde es lĂ€nger als nötig in meinem Leben halten.
      Danke fĂŒrs DaumendrĂŒcken 🙂

      GefÀllt 2 Personen

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