SÜCHTIG

Heute nehme ich mir ein Thema vor, das manche vielleicht kennen. Doch möglicherweise nicht in dieser Facette.

Viele Jahre meines Lebens war ich eine Süchtige.

Süchtig nach Sport. Ich spielte Basketball. Wie bei vielen Süchtigen, musste sich mein gesamtes Leben meiner Sucht unterordnen. In meinem Fall: Spiel- und Trainingsterminen. Danach wurden Urlaube geplant, Jobs ausgesucht, mein Privatleben gestaltet. Um ehrlich zu sein, stand ich im 6. Schwangerschaftsmonat noch auf dem Spielfeld, bis in den 3. Monat nahm ich an der Meisterschaft teil.

Ich wäre damals nie auf die Idee gekommen, mich als Süchtige zu bezeichnen. Begeistert – ja. Leidenschaftlich – ja. Aber süchtig?

Nun, wie bei allen Süchtigen (hier generalisiere ich bewusst) verbarg sich auch hinter meiner Sucht eine Suche, die mir erst viel später bewusst wurde. Von der Oberfläche zum Kern vordringend lässt sich diese Sucht mit folgenden Worten beschreiben: Erfolgserlebnisse – Anerkennung – Zugehörigkeit bzw. Familie – Geborgenheit – Halt – das Gefühl in Ordnung zu sein.

Für dieses Gefühl ging ich über Grenzen ohne Rücksicht auf den Schaden, den ich damit bei mir und anderen anrichtete.

Als mein Körper mich einzubremsen begann – in meinem Fall mit chronischen Problemen mit den Achillessehnen (treffenderweise also an DER Schwachstelle seit der Antike) – verlagerte ich die Sucht aus dem Sport in den Job. Hätte mir jemand vor 15 Jahren gesagt, dass ich eines Tages ein Team von rund 50 Personen leiten werde, hätte ich dies mit voller Überzeugung verneint. Sag niemals nie.

So begann ich, meine Sucht im Job (einer Führungsposition) zu befriedigen, was mir zwei Burnouts einbrachte, denn Grenzen überschritt ich nach wie vor. Manche meinen sogar, ich schramme regelmäßig am Rand zu Burnout Nr. 3. Nun, so weit würde ich nicht gehen, denn heute habe ich alles im Griff – aber das dachte ich auch die ersten beiden Male. Einiges ist jedoch tatsächlich anders geworden.

Erfolge und Anerkennung verteilen sich auf verschiedene Bereiche meines Lebens, sowohl leistungsorientierte als auch jene, die von Spaß dominiert werden. Zugehörig fühle ich mich zu einigen wenigen Menschen, insofern habe ich meine Heimat gefunden. Geborgenheit und Halt vermag ich mir selbst zu vermitteln und ich bin zutiefst davon überzeugt, absolut in Ordnung zu sein.

Dennoch …

… ich bin wachsam geworden. Ähnlich einer trockenen Alkoholikerin besteht auch für mich ein gewisses Risiko, in meine Sucht zurückzufallen. Also in jene Verhaltensmuster, die ich heute als selbstverletzend bezeichne. Um dies zu vermeiden, hinterfrage ich regelmäßig mein Tun. Ich habe nämlich für mich zwei Indikatoren identifiziert, die während meiner Sucht vorhanden waren:

Ich MUSS … dabei sein, ohne mich geht’s nicht, bin unersetzlich … Annahmen dieser Art sind ebenso falsch wie auf den falschen Weg leitend. NIEMAND ist im Job oder Sport unersetzlich. Jede Lücke kann früher oder später mit mehr oder weniger Anstrengung geschlossen werden. Heute hinterfrage ich jedes „ich muss“ darauf, ob ich auch will, die Ressourcen dafür habe, ob es mir guttut und falls nicht, ob es eine kurzzeitig notwendige Überlastung ist oder zu einem Dauerzustand wird. Ganz wichtig ist die Frage nach dem WARUM. Was ist meine Motivation? Was erwarte ich mir? Lasse ich mich auf eine Belastung nur ein, um am Ende eine „Medaille“ dafür zu bekommen? Und vor allem: bin ich ehrlich zu mir selbst oder flunkere ich mir selbst etwas vor? Jahrzehnte der Selbsttäuschung haben mich gelehrt, mir selbst nicht immer uneingeschränkt zu trauen. Feedback aus dem Umfeld hilft dabei, das Ganze zu sehen – und nicht nur das Erwünschte.

Mein zweiter Indikator heißt: Monopol! Hinter meiner Handlung verbirgt sich ein gewünschter Zielzustand – also ein Gefühl. Kann ich diesen Zustand nur auf diese eine Weise erreichen, schrillen die Alarmglocken, denn dies kann zum Rückfall in meine Sucht führen. Gibt es auch andere Möglichkeiten, habe ich die freie Wahl. Abwechslung schützt hier vor Abhängigkeit.

Manche mögen denken: „Okay, es gibt weitaus schlimmere Süchte aus die nach Sport.“ Aber für mich bleibt jede Sucht letztendlich eine Suche, die ohne der „Droge“ zufriedenstellend erfüllt werden sollte, um ein freies und selbst bestimmtes Leben führen zu können.

Vielleicht wird der Tag kommen, an dem ich immun gegen den Rückfall geworden bin. Doch bis dahin bleibt Achtsamkeit mein Begleiter. Oder anders formuliert: bewusst leben im Alltag. Klingt unspektakulär, ist es aber nicht. In welch einer Welt würden wir morgen aufwachen, würden alle von uns nur ein wenig bewusster leben? Es wäre mit Sicherheit eine andere Welt.

Bild: pixabay.com

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