Mach kein Drama draus …

… diese Aufforderung begegnete mir sehr oft in meinem Leben. Wie ich in den letzten Monaten feststellen durfte, gehört Drama wohl untrennbar zur Borderline-Thematik. Genauer gesagt: die Drama-Dynamik oder das Drama-Dreieck bestehend aus Täter, Opfer und Retter. Es gibt viel Literatur darüber, beginnend bei Stephen Karpman und der Transaktionsanalyse https://de.wikipedia.org/wiki/Dramadreieck und allen, die danach folgten.

Vor Jahren habe ich als Trainerin zweitätige Workshops dazu abgehalten, und dabei nur an der Oberfläche dessen gekratzt, was sich in der Tiefe der Drama-Dynamik verbergen kann. Ich denke, ich werde mein Wissen und meine Erfahrungen diesbezüglich ausführlich in einem meiner bereits geplanten künftigen Bücher (vermutlich in RE/CONNECTED) verarbeiten. Da jedoch das Thema derzeit in meinem Leben dauerpräsent ist, möchte ich heute eine Facette der Drama-Dynamik schildern, die nur wenigen bewusst ist.

Täter, Opfer und Retter … man sollte meinen, es braucht drei Personen für dieses „Spiel“, wie es gerne von Experten genannt wird. Wobei, dieses „Spiel“ macht selten Spaß, vielmehr ist es eine destruktive Abwärtsspirale, die Leid und Schmerz mit sich bringt. Dieses „Spiel“ können auch zwei miteinander spielen, auch Personengruppen, oder eine Person mit sich selbst. In diesem Fall intrapersonelle Drama-Dynamik genannt, fungieren einzelne Persönlichkeitsanteile wie Personen. Schieben wir die abstrakte Theorie beiseite, ergibt sich folgender beispielhafter innerer Monolog:

„Mein Leben ist sch… So sehr ich mich auch bemühe, die Krankheit (Anm.: Borderline) macht es unmöglich, dass es mir gut geht. Ich füge anderen und mir selbst Schmerz zu, daran ist nichts zu ändern“ … so klagte mein inneres Opfer.

„Aber ich gebe nicht auf, ich kämpfe weiter, ich will und werde es schaffen. Andere haben es auch geschafft. Es muss doch auch für mich möglich sein. Ich muss nur an mich glauben, das wird schon“ … ermutigte mich mein innerer Retter.

„Auch wenn es absolut nicht fair ist. Warum ich? Womit habe ich das verdient? Andere haben mir das angetan (Anm.: frühkindliche Traumatisierung) und kommen ungeschoren damit davon, während ich bis heute darunter leide. Ich wünschte, ich könnte sie in die Verantwortung holen, sie spüren lassen, was sie angerichtet haben“ … forderte mein innerer Täter mit wütender Stimme und einer gewissen Aggressionsbereitschaft den Ausgleich ein … „ihnen das zurückgeben, was sie auf mich abgeladen haben.“

„Doch es ist unmöglich, nicht zu ändern. Es liegt an mir, all dies zu ertragen, all dies auszuhalten, nicht zu verzweifeln angesichts der Aussichtslosigkeit“ … und wieder zurück in der leidvollen Opferrolle.

Dies ist nur eine Schleife durch die Drama-Dynamik. Ein innerer Monolog, durchlaufen in wenigen Minuten, der sich wieder und wieder holen kann. Vielleicht kommen dir Sätze wie diese bekannt vor? Ja, das ist der Einstieg ins Drama, wie es innerhalb einer Person ablaufen kann. Von Runde zu Runde verstärkt sich die Dynamik, werden die Argumente schärfer und die Emotionen schmerzhafter. Das Absurde daran: meistens entsprechen diese Gedanken und Worte nicht der Realität, sondern nur der subjektiven Wahrnehmung, verfälscht durch innere, von der Vergangenheit geprägt Bilder … oder anders gesagt: Das Drama hat keinen realen Hintergrund! Umso erschreckender sind die fatalen Auswirkungen, die auf drama-gesteuerte Handlungen folgen können.

Der Ausstieg aus der Abwärtsspirale ist schwierig, aber nicht unmöglich. Die wichtigste Voraussetzung dafür ist aus meiner Sicht das Erkennen, was gerade läuft: Drama! Und die Ehrlichkeit, sich das auch einzugestehen. Drama ist im Grunde ziemlich einfach zu erkennen: sobald man für sich nur mehr eine Handlungsoption sieht, beginnt das Spiel. Wäre diese eine Handlungsoption mit erfreulichen Ereignissen oder Gefühlen verbunden, wäre es kein Drama. Es geht darum, einer Handlung ausgeliefert zu sein, sich nicht dagegen wehren zu können, fremdbestimmt zu sein und sich fremdgesteuert zu fühlen bei etwas, dass sich gegen die eigenen Vorstellungen richtet, von unerwünscht bis unangenehm und schmerzhaft wahrgenommen wird. Es geht darum, in einem Verhaltensmuster gefangen zu sein, sehenden Auges auf einen Abgrund zuzusteuern und nichts dagegen tun zu können.

„Man möchte ja gerne anders, aber es geht nicht, weil man keine Wahl hat.“

Genau darin liegt der Irrtum. Man – oder besser: jeder von uns – hat immer die Wahl, etwas zu tun, oder nicht. Oder etwas anderes zu tun. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten!

Der Ausstieg aus dem Drama oder die Umkehrung der Drama-Dynamik bedeutet, seine eigenen vielfältigen Handlungsoptionen erkennen und umsetzen zu können.

In diesem einen Satz steckt der Schlüssel zu einem Geheimnis, für das ich Jahre benötigte, um es nicht nur theoretisch zu lüften, sondern praktisch anwenden zu können. Die allgemeinen Grundlagen mögen dieselben sein, der individuelle Weg wird sich vermutlich auch bei der Drama-Dynamik unterscheiden. Was rein rational schnell nachvollziehbar und logisch erscheint, stellte für mich als Borderlinerin auf der emotionalen Ebene eine Herausforderung dar, die es zu meistern galt: das unbewusste Verlangen danach, Theatralik (und damit Drama) auszuleben!

Es war schon ein ganz besonderes Aha-Erlebnis, sehenden Auges zu beobachten, wie meine Drama-Energie sich in leidenschaftlich ausgefochtenen Diskussionen austobte, während mein Verstand längst über die Absurdität meiner Argumentation den Kopf schüttelte. Ja, Drama ist schon ein ganz spezielles Thema, das Stoff für dutzende Buchseiten (oder Bücher?) liefern kann.

Für heute nur so viel: die Drama-Dynamik ist definitiv umkehrbar, und dieser Prozess nimmt der Borderline-Thematik viel Wind aus den Segeln. Mein Leben und meine Emotionen wurden ausgeglichener, umso öfter ich das Ruder umlegte und kein Drama draus machte.

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