Brav war gestern

Eine Aussage, die leicht missverstanden werden kann – und auch ein wenig provokativ ist. Was meine ich also damit? Mit „brav“ bezeichne ich den Anpassungsmodus an die Erwartungen meines Umfeldes oder der Gesellschaft allgemein. In diesem Sinne …

… nein, ich bin ganz und gar nicht „brav“.

Genau genommen bin ich das Gegenteil. Dank meiner Diagnose Borderline sollte ich – eigentlich – ein ganz anderes Leben führen und mich anders fühlen als ich es tue. Tue ich aber nicht. Es geht sogar noch schlimmer: ich spreche und schreibe öffentlich darüber, dass ich mich nicht an die „Spielregeln“ halte und den verbrieften Zuschreibungen widerspreche. Anders formuliert: Ich pfeif auf die Klischees.

Nein, ich versinke nicht im Selbstmitleid oder Drama, werfe weder mit Anklagen noch Schuldzuweisungen (immerhin fanden ein paar heftige Ereignisse in meiner Vergangenheit statt) um mich. Und Zuschreibungen, wie ich mich zu fühlen oder zu verhalten habe, weise ich konsequent zurück.

Mal ehrlich, was habe ich davon, wenn ich mich „brav“, also gemäß dem verhalte, was man von einer Borderlinerin erwarten würde? Verbessert sich irgendetwas dadurch? Aus jahrelanger Erfahrung kann sich sagen: NEIN. Sich an die Klischees zu halten, hat mich nicht weitergebracht. Erst der radikale Bruch damit und die Besinnung auf das, was in mir „steckte“, brachte mich auf meinen heutigen Kurs, der einem schwungvollen Tanz zwischen Lebensfreude und Selbstliebe vor der Kulisse eines romantischen Sonnenuntergangs gleicht.

Warum ich dieses Thema heute aufgreife, ist schnell erklärt. In den vergangenen beiden Wochen geisterte so einiges durch meinen Kopf, was ich hier erzählen wollte. Doch ein grippaler Infekt warf mich in die Untätigkeit und damit auch in eine „Meta-Position“, die Ereignisse jener Zeit nochmals aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei wurde mir rasch klar, dass es nicht um dies oder jenes ging, sondern ganz einfach um das, was es unter dem Strich für mich ist:

Eine Entscheidung, gegen den Strom der Erwartungshaltungen zu schwimmen und mich damit gleichzeitig in den Strom des Lebens zu fügen.

Seit Monaten beobachte ich intensiv, wie andere Borderliner ihr Leben gestalten. Dabei fällt mir auf, dass vor allem jene einen guten Kurs für sich finden, welche die Verantwortung für sich selbst übernehmen und aktiv nach Lösungen für die Herausforderungen suchen. Auch sie tanzen aus der Reihe, unterwerfen sich nicht dem Schicksal einer Diagnose, die stets nur eine Momentaufnahme sein kann, etwas Veränderliches im Lauf des Lebens.

Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass Borderline nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitsstörung eingestuft wird. Zur Persönlichkeit eines Menschen zählt neben Charakter und Eigenschaften auch das Verhalten. Der Charakter mag statisch sein und Eigenschaften widersprüchlich. Wer ist nicht gerne motiviert bei dem dabei, was Spaß macht, und drückt sich vor dem anderen, was keinen Spaß macht? Jeder von uns – Borderliner oder nicht – ist ein wandelnder Widerspruch. Vielleicht ist es ja doch mehr eine Verhaltungsstörung? Verhalten ist veränderbar. Nicht leicht, wie all jene wissen, die sich schon einmal eine unliebsame Angewohnheit abgewöhnen wollten, aber machbar.

Im Repertoire meiner Verhaltensmuster (oder Programme) sind einige, die alles andere als lebensbejahend und umgänglich sind. Löschen ist schwierig bis unmöglich. Dazu sind wir Menschen einfach zu komplex. Daher rührt wohl die Aussage, Borderline sei unheilbar. Aus diesem Blickwinkel betrachtet stimme ich zu. Was jedoch möglich ist, ist die Erweiterung des Repertoires. Neue Verhaltensmuster, Sub- und Unterprogramme, die davor schützen, in extreme Reaktionen auszubrechen.

Praktisch gesagt: auch ich wache manchmal in einer Depression auf, oder verfalle in Schwarz-Weiß-Denken. Explodiere aus dem Nichts heraus, wenn jemand einen Trigger aktiviert. Mitunter kehrt die Leere zurück, verliere ich den Bezug zu mir selbst.

Heute erkenne ich diese Symptome frühzeitig. Manchmal springen meine „Reboot-Programme“ automatisch an, manchmal starte ich sie bewusst. Die emotionale Achterbahn ist zwar kein Bummelzug geworden (wer will das schon?), aber die Abstürze sind deutlich schwächer und kürzer. Und ganz ehrlich: jeder Mensch hat Stimmungsschwankungen. Manchmal werden sie erst dann zu einem echten Problem, wenn man ein Problem darin sehen will – oder muss, weil es erwartet wird. Womit wir wieder bei den Zuschreibungen und Erwartungshaltungen wären.

Hätte mir jemand diese Aussagen, die ich heute hier tätige, vor einigen Jahren vor meine (Drachen-)Nase gehalten, ich hätte diese Person „gefressen“. Ich suchte nach Anerkennung für meinen Schmerz und mein (Selbstmit-)Leid. Jeder, der mir dies verweigerte, wurde von mir abgestempelt als jemand, der mich nicht verstehen wollte. Heute weiß ich, dass ich diejenige war, die nicht verstanden hat. Falls mich also jemand ob dieser Aussagen „fressen“ möchte, sage ich nur: Viel Spaß. Ich bin möglicherweise schwer verdaulich und unbequem, seit ich mich aus der Opferrolle verabschiedet habe und zur Gestalterin meines (Er-)Lebens wurde.

Ich bin alles andere als brav.

Manchmal falle ich hin (oder zurück in alte Muster), aber das macht nichts, weil ich ganz einfach wieder aufstehe, den Staub von den Klamotten klopfe, mein Krönchen zurechtrücke und weitermache. Wie ein kleines Kind, das gerade gehen lernt. Gewissermaßen lerne ich mit meinen neuen Verhaltensmustern erneut gehen. Und manchmal falle ich dabei hin. So ist das im Leben.

Nicht perfekt. Nicht den Erwartungshaltungen anderer folgend.

Nicht brav.

Brav war gestern.

Heute ist Selbstliebe und Lebensfreude.

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