WENN DIE SEELE SCHREIT

Vor wenigen Tagen feierte ich meinen 5. Geburtstag als Lesley. Ein passender Anlass, ein wenig über das DAVOR zu reflektieren. Immerhin wandelt meine Person bereits seit über 5 Jahrzehnten über diesen Planeten.

Zu den intensivsten Erinnerungen aus der Zeit VOR Lesley gehört der allgegenwärtige Schmerz. Jahrlange spürte ich diffuse Schmerzen an und in meinem Körper. Mal hier, mal dort, ohne dass die Ärzte eine Ursache finden konnten. Aus meinem Umfeld musste ich mir so einiges dazu anhören. Ich wäre hypochondrisch, würde Drama spielen, solle nicht so empfindlich sein, anderen ginge es schlechter, immerhin fehle mir ja nichts …

Heute weiß, was wirklich mit mir los war.

Wenn die Seele schreit, ist das Schlimmste nicht der Schmerz selbst, oder dass er nicht zuordenbar ist, sondern die Ignoranz derer, von denen man Verständnis erwartet – oder gar Hilfe.

Es mag Menschen geben, deren Seele nie schreit. Oder die es nicht hören. Oder spüren. Bei manchen geht der Selbstschutz so weit, dass sie nichts an die Oberfläche des Bewusstseins durchlassen können. Aber es gibt auch die anderen, die spüren ohne Ende, die davon überrollt werden und Halt suchen, um sich selbst nicht vollends zu verlieren in dem emotionalen Strudel.

Wenn die Seele schreit, braucht es im ersten Ansatz weder Erklärungen noch Anleitungen, und schon gar keine Bewertungen, sondern zwei Arme, die sich öffnen, auffangen und halten. Eine Aufgabe, die oftmals nicht einfach gemacht wird von denen, deren Seele schreit, denn die haben meistens gelernt, niemand zu vertrauen, stoßen mitunter jene von sich, die helfen wollen.

Ähnlich der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war, gibt es auch hier keine Antwort darauf, wann wir als Menschen verkompliziert haben, Hilfe zu geben – oder sie anzunehmen.

Meine Seele schrie viele Jahre lang. Heute tut sie das nur noch ganz selten. Manchmal für einen kurzen Augenblick, wenn mein Fühlen in die Vergangenheit zurückfällt. Dann kehrt kurzzeitig eine Art von Schmerz zurück, die sich ganz anders anfühlt als ein gebrochener Zeh oder eine Migräne aufgrund von exzessivem Arbeiten am Bildschirm. Oder ein verdorbener Magen, Zahnschmerzen…

Der Schmerz der Seele ist anders. Da ich ihn weder bei mir noch meinen Leser:innen heraufbeschwören möchte, unterlasse ich an dieser Stelle eine detaillierte Schilderung. Ich denke, die meisten haben ihre eigene Erfahrung damit gemacht. Wichtiger ist mir, was meiner Seele Linderung verschaffte, um nicht zu sagen: Heilung. Das war und ist Lesley. Jene Identität, in der ich uneingeschränkt sein kann, wer ich bin. Keine Rolle. Lesley ist viel mehr. Die Gesamtheit meiner Persönlichkeit, alle meine Anteile, alles, was ich bin, je war und je sein werde.

Nach meiner Ansicht spiegelte der Schmerz in meiner Seele meine innere Zerrissenheit wider; die Selbstablehnung; meine (erfolglosen) Versuche, zu sein, wie andere mich haben wollten; meinen Verrat an mir selbst; Verantwortlichkeiten, die ich auf meine Schultern lud und die zu anderen Mitgliedern meiner Familie gehörten; Schuldgefühle, die ich übernahm, …

Meine Seele schrie – und es dauerte viele Jahre, bis ich ihre Stimme hörte, die Botschaft verstand, auf mich selbst zu achten begann.

Wie wäre wohl mein Lebensweg verlaufen, hätte mein Umfeld anders reagiert, hätte ich Hilfe bekommen? Darüber möchte ich nicht spekulieren, das wäre für mich Zeitverschwendung, weil es ist, wie es ist. ABER ich frage mich, ob und welchen Beitrag ich leisten kann, um in der Zukunft die Wege anderer zu erleichtern? Einer meiner Beiträge ist es, offen über meine Erfahrungen zu berichten. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Oder entdeckt für sich eine Antwort. Was der Seele Schmerzen bereitet, unterscheidet sich nicht sonderlich. Wir alle sind Menschen, berührbar, verwundbar.

Für diesen Blog habe ich einige Zeit nach einem passenden Bild gesucht. Suchbegriffe wie „Schrei“ oder „Schmerz“ führen zu Ergebnissen mit einer Menge Trigger-Potenzial. Deshalb entschied ich mich für ein Bild, das für mich einerseits Verwundbarkeit (einmal tief ausatmen genügt, um eine Kerzenflamme auszulöschen) als auch Geborgenheit (haltende Hände) vermittelt.

Bildquelle: pixabay.com

WENN DIE SEELE SCHREIT

Vor wenigen Tagen feierte ich meinen 5. Geburtstag als Lesley. Ein passender Anlass, ein wenig über das DAVOR zu reflektieren. Immerhin wandelt meine Person bereits seit über 5 Jahrzehnten über diesen Planeten.

Zu den intensivsten Erinnerungen aus der Zeit VOR Lesley gehört der allgegenwärtige Schmerz. Jahrlange spürte ich diffuse Schmerzen an und in meinem Körper. Mal hier, mal dort, ohne dass die Ärzte eine Ursache finden konnten. Aus meinem Umfeld musste ich mir so einiges dazu anhören. Ich wäre hypochondrisch, würde Drama spielen, solle nicht so empfindlich sein, anderen ginge es schlechter, immerhin fehle mir ja nichts …

Heute weiß, was wirklich mit mir los war.

Wenn die Seele schreit, ist das Schlimmste nicht der Schmerz selbst, oder dass er nicht zuordenbar ist, sondern die Ignoranz derer, von denen man Verständnis erwartet – oder gar Hilfe.

Es mag Menschen geben, deren Seele nie schreit. Oder die es nicht hören. Oder spüren. Bei manchen geht der Selbstschutz so weit, dass sie nichts an die Oberfläche des Bewusstseins durchlassen können. Aber es gibt auch die anderen, die spüren ohne Ende, die davon überrollt werden und Halt suchen, um sich selbst nicht vollends zu verlieren in dem emotionalen Strudel.

Wenn die Seele schreit, braucht es im ersten Ansatz weder Erklärungen noch Anleitungen, und schon gar keine Bewertungen, sondern zwei Arme, die sich öffnen, auffangen und halten. Eine Aufgabe, die oftmals nicht einfach gemacht wird von denen, deren Seele schreit, denn die haben meistens gelernt, niemand zu vertrauen, stoßen mitunter jene von sich, die helfen wollen.

Ähnlich der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war, gibt es auch hier keine Antwort darauf, wann wir als Menschen verkompliziert haben, Hilfe zu geben – oder sie anzunehmen.

Meine Seele schrie viele Jahre lang. Heute tut sie das nur noch ganz selten. Manchmal für einen kurzen Augenblick, wenn mein Fühlen in die Vergangenheit zurückfällt. Dann kehrt kurzzeitig eine Art von Schmerz zurück, die sich ganz anders anfühlt als ein gebrochener Zeh oder eine Migräne aufgrund von exzessivem Arbeiten am Bildschirm. Oder ein verdorbener Magen, Zahnschmerzen…

Der Schmerz der Seele ist anders. Da ich ihn weder bei mir noch meinen Leser:innen heraufbeschwören möchte, unterlasse ich an dieser Stelle eine detaillierte Schilderung. Ich denke, die meisten haben ihre eigene Erfahrung damit gemacht. Wichtiger ist mir, was meiner Seele Linderung verschaffte, um nicht zu sagen: Heilung. Das war und ist Lesley. Jene Identität, in der ich uneingeschränkt sein kann, wer ich bin. Keine Rolle. Lesley ist viel mehr. Die Gesamtheit meiner Persönlichkeit, alle meine Anteile, alles, was ich bin, je war und je sein werde.

Nach meiner Ansicht spiegelte der Schmerz in meiner Seele meine innere Zerrissenheit wider; die Selbstablehnung; meine (erfolglosen) Versuche, zu sein, wie andere mich haben wollten; meinen Verrat an mir selbst; Verantwortlichkeiten, die ich auf meine Schultern lud und die zu anderen Mitgliedern meiner Familie gehörten; Schuldgefühle, die ich übernahm, …

Meine Seele schrie – und es dauerte viele Jahre, bis ich ihre Stimme hörte, die Botschaft verstand, auf mich selbst zu achten begann.

Wie wäre wohl mein Lebensweg verlaufen, hätte mein Umfeld anders reagiert, hätte ich Hilfe bekommen? Darüber möchte ich nicht spekulieren, das wäre für mich Zeitverschwendung, weil es ist, wie es ist. ABER ich frage mich, ob und welchen Beitrag ich leisten kann, um in der Zukunft die Wege anderer zu erleichtern? Einer meiner Beiträge ist es, offen über meine Erfahrungen zu berichten. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Oder entdeckt für sich eine Antwort. Was der Seele Schmerzen bereitet, unterscheidet sich nicht sonderlich. Wir alle sind Menschen, berührbar, verwundbar.

Für diesen Blog habe ich einige Zeit nach einem passenden Bild gesucht. Suchbegriffe wie „Schrei“ oder „Schmerz“ führen zu Ergebnissen mit einer Menge Trigger-Potenzial. Deshalb entschied ich mich für ein Bild, das für mich einerseits Verwundbarkeit (einmal tief ausatmen genügt, um eine Kerzenflamme auszulöschen) als auch Geborgenheit (haltende Hände) vermittelt.

Bildquelle: pixabay.com

EIN MAGISCHER AUGENBLICK

Das Leben liefert doch die wunderbarsten Geschichten. Diese hier hat sich vor wenigen Tagen zugetragen. Ich traf mich mit einer Bekannten, um über zukünftige, gemeinsame Projekte zu sprechen … und fand mich innerhalb von Minuten in einer veritablen Lebenskrise wieder. Zwar nicht meiner eigenen, nichtsdestotrotz mittendrin.

Ohne zu zögern, wechselte ich in die Rolle als Coach. Wenn jemand mir sein Herz ausschüttet und nicht weiterweiß, ist das fast schon ein Reflex bei mir. Ich beginne zu beobachten, sehr genau hinzuhören, mich einzufühlen. Menschen, die in Lebenskrisen stecken und von sich sagen, sie wüssten nicht weiter, wissen es – meiner Erfahrung nach – sehr wohl, nur eben nicht bewusst, sondern unbewusst. Sie schreien die Lösung gewissermaßen sogar aus sich heraus, ohne sie selbst hören zu können. Das Unterbewusstsein schickt die Botschaft an die Oberfläche, nur wenig eindeutig, schwer erkennbar, meist kryptisch. Doch wer zwischen den Zeilen liest, erkennt, was jener Mensch in diesem Augenblick braucht, um wieder Zuversicht und das Vertrauen in sich selbst zu gewinnen, um aus der Opferrolle auszusteigen und seine Möglichkeiten zu erkennen.

Es gibt immer Möglichkeiten!

Wir leben in einem dualen Universum. Wie bereits einige kluge Köpfe vor mir festgestellt haben: Ein Problem existiert nie getrennt von seiner Lösung. Die Herausforderung liegt daran, seinen Fokus vom Problem abzuwenden bzw. auszuweiten, um die Lösungen (und es sind stets mehrere) wahrnehmen zu können.

Zurück zu meinem ungeplanten Coaching.

Im Grunde tat ich nicht viel mehr, als jene subtilen, verschlüsselten Botschaften in eine verständliche Form zu bringen und sie zurückzuspielen. Wer das schon mal erlebt hat, kennt die Magie dieses besonderen Augenblicks, wenn in einem Gesicht voller Sorgenfalten, über das sich Schwere und der Schatten der Hoffnungslosigkeit gelegt hatte, plötzlich die Augen zu leuchten beginnen, der Schatten sich auflöst, eine gesunde Gesichtsfarbe zurückkehrt und sich Zuversicht in der Mimik wiederfindet. Wer ganz genau hinsieht, erkennt vielleicht sogar, dass die Wirbelsäule sich aufrichtet, die Schultern den Ballast abwerfen und die Füße kraftvoll nebeneinanderstehend diesen Menschen erden. Wer gut hinhört, wird Veränderung in der Tonlage bemerken, auch im Aufbau der Sätze. Empathisch verlangte spüren dann, dass etwas Wunderbares geschieht.

Ein wahrhaft magischer Moment, indem ich zutiefst dankbar bin, für meinen Dämon, der mir diese nuancierte Wahrnehmung – insbesondere der Emotionen meines Gegenübers – ermöglicht, und meinen Lehrmeister*innen, die mich darin unterrichteten, mit meiner Gabe gut umgehen zu können. Sehr genau zu beobachten, kann man lernen. Den anderen zu spüren, wohl auch, aber für mich als Borderlinerin galt es zu lernen, das auszuhalten, was ich spüre, es von meinen eigenen Emotionen zu unterscheiden, und mir bewusst zu sein, dass ich ebenso aussende. Und – um dem Ganzen ein Krönchen aufzusetzen – den Schmerz in mir in Lebensfreude zu transformieren, um authentisch meine Botschaft in die Welt zu tragen.

Als ich mich vor einigen Jahren aus dem Coaching zurückzog und aufs Schreiben von Geschichten konzentrierte, tat ich das auch, weil ich nicht in den Wettbewerb mit anderen Coaches treten wollen, die allesamt um Kundschaft buhlen und sich selbst in den schillerndsten Farben darstellen, was sie nicht alles wüssten und könnten und versprechen. Ein Schlachtfeld hochtrainierter Egos, auf dem ich mich partout nicht wiederfinden wollte. Das ist nichts für mich.

Seither coache ich nur, wenn sich meine Wege mit einem Menschen kreuzen, der in diesem Moment des Zusammentreffens auf der Suche ist und mich nach dem Weg fragt. Dann höre ich zu, beobachten, fühle mich ein, und übersetze, was ich wahrnehme. Manchmal werden daraus Geschichten, manchmal Gedichte, und hin und wieder leuchtende Augen, wenn dieser Mensch mir gegenübersitzt und erkennt, was längst schon da ist, in jenem magischen Augenblick, in dem ich der Spiegel sein darf, wenn eine Erkenntnis wie ein Tropfen die Oberfläche des Bewusstseins berührt und beginnt, ihre konzentrischen Kreise ins Leben zu senden …

Bild: pixabay.com

WORUM ES WIRKLICH GEHT IM LEBEN (1)

Da war er wieder, dieser Aha-Moment, der mir immer wieder irgendwo und irgendwann, wie aus dem Nichts begegnet. Diesmal war es eine Doku über die Welt im Jahr 1.000 n.Chr. Da wurde von Menschen berichtet, die aufbrachen, Neuland zu entdecken. Andere wollten ihr Wissen ausweiten und forschten in den unterschiedlichsten Gebieten. All die wesentlichen Dinge des Lebens … Interessanterweise – und das zieht sich durch die viele Dokus, die ich bereits gesehen habe – es findet sich darin kaum jemand, der aufbrach um ein besserer Mensch zu werden.

Keine Sorge, ich fange hier nicht an zu moralisieren. Der Terminus „besserer Mensch“ hat für mich nichts damit zu tun, wie oft ich eine gute Tat vollbringe, etwas an Hilfsorganisationen spende, die Welt rette oder allgemein „besser bin als andere“. Sich mit anderen zu vergleichen bedeutet in der Regel letztendlich nur, dass mindestens eine Person sich schlechter fühlt, weil unzureichend.

Mein Vergleich „besserer Mensch“ bezieht sich auf das, was ich war, als mir erstmalig bewusstwurde, dass ich es bin, die mein (Er)Leben der Realität verursacht, mit allem, was dazugehört. Es ist quasi die optimierte Version meines Ich. Wobei – hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Allzu oft werden dabei Ziele angestrebt, die nichts mehr mit einem selbst zu tun haben, sondern irgendwelche künstlichen Ideale verkörpern, die weder erreichbar noch im Alltag gesund sind – oder beides.

Mein besserer Mensch ist jene reife, ein- und weitsichtige Version, die erkennt, wenn das intrapersonelle Drama zum Einsatz anhebt und dieses nicht mehr zu Lasten anderer auslebt, sondern Wege gefunden hat, das innere Gleichgewicht zu wahren, selbst inmitten der Stürme des Lebens. Wir alle tragen in uns das Bedürfnis nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Situationsbezogen mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Mitunter sogar gestillt. Bei einigen (vielen) wird jedoch aus dem (ungestillten) Bedürfnis eine (unstillbare) Bedürftigkeit. Ein Dauerzustand, der einem Fass ohne Boden gleicht. Egal, wie viel hineingegeben wird, es genügt nie.

Bedürftigkeit ist eine innere Haltung, die mit den Worten „ich brauche“ beginnt, und selten die Worte „danke für all das, was ich bekomme“ findet. Wer in emotionaler Bedürftigkeit feststeckt, kann niemals frei im Denken und Fühlen werden.

Mein besserer Mensch hat gelernt, sich selbst das Maß an Liebe, Anerkennung und Geborgenheit zu vermitteln, das es braucht, damit die Grundbedürfnisse gestillt sind und die Seele sich im Gleichgewicht befindet. Was darüber hinaus von anderen Menschen kommt, darf gerne als ein Verwöhnprogramm des Lebens genossen werden, aber es ist niemals die alleinige Quelle.

Vielleicht denkt sich nun jemand: „Was hat die denn geraucht? Das ist pure Illusion!“

Ist es das?

Mal abgesehen davon, dass ich nicht rauche – ist es wirklich illusorisch? Oder nur schwer vorstellbar, weil ungewohnt? Unpopulär? In den Dokus über die großen Entdeckungen der Menschheit wird gerne das berichtet, was wissenschaftlich anerkannt und belegbar ist. Selten geht’s um das Menschsein. Vielleicht ist das Thema zu nah an Religionen (an denen man sich ganz schnell die Finger verbrennen kann) oder Spiritualität (die vieles sein kann) angesiedelt? Für mich gehört es einfach dazu, wenn man sich selbst finden und den Sinn seines Lebens entdecken möchte.

Aber wer möchte das schon?

Immerhin besteht ein nicht unwesentliches Risiko, auf diesem Weg zu erkennen, einige (oder mehrere) Jahre seines Lebens Ziele verfolgt zu haben, die bei näherer Betrachtung als Lernaufgabe taugen, ohne je wirklich zu innerer Zufriedenheit geführt zu haben.

Meine „bessere Version“ ist ein erwachsenes Ich, dass über die Torheit meiner Vergangenheit schmunzeln kann, stets bestrebt ist, mich (mehr oder weniger erfolgreich) von weiteren Narreteien abzuhalten, dankbar die Gegenwart annimmt und neugierig nach vorne blickt. Mein Schatten ist mir vertraut und ein stummer Begleiter, doch fürs Licht habe ich mich entschieden und lasse mir davon meinen Weg (er)leuchten. Meine Bedürftigkeit opfere ich freiwillig und freudvoll all dem, das mit umfassender Eigenverantwortung einhergeht. Wenn mir jemand ein „du Arme!“ umhängen will, lehne ich dankend ab. Mein Reichtum ist krisen- und inflationssicher: es ist der Glaube, das Vertrauen und die Liebe zu mir selbst, zum Leben und was immer es bringen wird.

Ein besserer Mensch?

Wenn ich zurückdenke, wer ich einst war, wie ich dachte und fühlte … ich würde sagen: Ja, ich bin heute ein besserer Mensch als ich es damals war.

An diesen Punkt zu gelangen, darum geht’s doch im Leben, oder nicht?

Das heutige Bild wurde von mir aus einem fahrenden Zug aufgenommen und passt meiner Ansicht wunderbar, um das Leben abzubilden: Ständig in Bewegung 😉

Da oben 1950

Seit beinahe zwei Wochen geistert durch meinen Kopf, was ich heute hier schildern möchte. Ich habe mir bewusst Zeit genommen, mich selbst zu beobachten, zu hinterfragen, abzuwarten, ob es denn wirklich so ist, wie mein erster Eindruck mich vermuten ließ. Nun, kehren wir an den Anfang zurück …

Mitte September verbrachte ich – zum ersten Mal in meinem Leben – mehrere Tage auf einer Berghütte in 1.950 m Seehöhe. Ich bin häufig in den Bergen, aber ich blieb noch nie „oben“. Doch etwas in mir trieb mich seit Juni an, einen Aufenthalt im Naturfreundehaus in Bad Hofgastein zu planen. Meine innere Stimme drängte geradezu – und ich folgte.

„Da oben 1950“ erfasste mich eine in dieser Form selten erlebte tiefgehende Ruhe und Gelassenheit, die auch der stürmische Wind und rund 30 cm Neuschnee nicht erschüttern konnte. Ich war auf eine eigene Art und Weise „angekommen“.

So weit, so gut.

Diesen Bergeffekt kenne ich aus der Vergangenheit. Deshalb zieht es mich ja regelmäßig in die Berge, um zurück in die Ruhe zu finden – und nebenbei Gedichte zu schreiben. So entstand „Berggeflüster – s’Lebn spiarn“. In der Kraft und Stille der Bergwelt lauschte ich einer Stimme in mir, schrieb die Worte nieder und verpackte sie in ein ganz besonders Buch.

„Da drüben“ (im Flachland, wo ich lebe und arbeite) konnte ich weder die Ruhe fühlen noch diese spezielle Stimme hören. Bis zu meinem Aufenthalt „da oben 1950“. Seither ist einiges anders. Diese Veränderung war es, die ich in den vergangenen zwei Wochen an mir beobachtet habe. Diesmal hat mich die Ruhe begleitet und scheint sich als Dauergast in meinem Gefühlsleben einquartiert zu haben. Vielleicht entfaltete sich aber auch etwas, dass lange in mir geschlafen hatte.

Noch erstaunlicher ist meine verfeinerte Wahrnehmung. Das Flüstern der grauen Riesen dringt quer durch Österreich bis zu mir ins Flachland. Jene innere Stimme, die ich zuvor nur inmitten der Berge zu hören vermochte, spricht nun auch inmitten der Wiener U-Bahn zu mir, flüstert mir Gedicht zu, die mich zum Schmunzeln bringen, weil sie das Menschsein in einer Einfachheit und Klarheit reflektieren wie ein Bergsee an einem windstillen Tag.

So wunderbar diese Entwicklung ist, sie hat auch eine Kehrseite. Auch meine Wahrnehmung dessen, was rund um mich ist, hat sich verfeinert. Als hätte die Zeit „da oben“, die klare Bergluft, verstopfte Rohrleitungen durchgeputzt. Gut für die Intuition, herausfordernd für den Alltag.

Ein Beispiel: meine Mutter hat den ganzen Sommer über geklagt, ihr Kater käme oft tagelang nicht. Sie suchte ihn überall, rechnete im Schlimmsten. Alles war schrecklich. Dann kam der Kater hin und wieder. Wiederum war alles schrecklich, weil er nicht blieb. Mittlerweile (es wird kühler draußen) ist der Kater den ganzen Tag über da und will nicht mehr raus. Nun klagt sie darüber. Was auch immer geschieht, es ist nicht in Ordnung und ein Grund zu klagen. Nicht nur in Bezug auf den Kater, sondern auf die Gesamtheit des Lebens. Seit „da oben 1950“ ist das ständige Klagen samt dazugehöriger Emotionen für mich (trotz der inneren Ruhe) noch sinnbefreiter als früher – um noch zu sagen: ein erschreckendes Spiegelbild dessen, was unter der Oberfläche in meiner Mutter wirkt. Ist da wirklich nur Schmerz? Unzufriedenheit, egal, was kommt? Keine Lebensfreude? Ich kann jedenfalls keine wahrnehmen, trotz meiner sensiblen Antennen.

Meine innere Stimme signalisiert: „Lauf weg, so schnell du kannst!“

Mein Gewissen erwidert: „Das tut eine brave Tochter nicht.“

Mein Verstand fragt: „Was ist deine Verantwortung dabei?“

Mein Herz antwortet: „Auf mich selbst gut zu achten, damit ich in meiner Kraft und meiner Liebe bleibe, denn nur dann kann ich auch für andere da sein.“

So bin ich also an einem Punkt in meinem Leben gelandet, an dem ich mich mehr denn je spüre, und das, was in mir ist, auf wunderbare Weise zum Ausdruck bringen kann. Gleichzeitig ist mir mehr denn je bewusst, wie anders (als meine Mutter) ich heute bin, was mir nicht gut tut und was ich in meinem Leben haben möchte. Welche Konsequenzen ich daraus ziehe, dass diskutiert meine innere Stimme noch mit meinem Gewissen. Letztendlich werde ICH eine Lösung finden, der auch mein Herz und mein Verstand zustimmen können.

Eine schlafende Facette meines Wesens hat sich entfaltet, „da oben 1950“. Daraus resultieren Veränderungen in meinem Leben, die ich derzeit vermutlich nur im Ansatz erahnen kann.

Wer annimmt, die Reise zu sich selbst (Selbstfindung) führt stets dazu, dass alles rundum besser oder harmonischer wird, irrt sich. Häufig erkennt man auf diesem Weg, was nicht zu einem selbst passt und wovon man sich verabschieden sollte. Oder zumindest eine andere Herangehensweise entwickeln darf, damit es bleiben kann. Ich gehe soweit zu sagen:

„Wer sich selbst finden will, muss alles andere loslassen. Manches wird zurückkehren, anderes nicht. Was bleibt, tut dies aus freien Stücken, und nicht, weil es festgehalten (und erdrückt) wird.“

„Da oben“ blickte ich in einen stillen Bergsee wie in einen Spiegel und sah etwas in mir, das nun seinen Weg in diese Welt findet.

Bild: Spiegelsee / Fulseck

… und dies sind die Worte der grauen Riesen:

Lebenswert 1950

Waunn is a Lebn lebenswert?
Waunnst ois im Übafluss host,
vüh mehr oisd braugst?
Waunn ois umadum perfekt is,
nix mehr stährt?
Waunn hint und vurn nix zwickt,
du Energie host ohne End?
Oda waunnst d’Augn aufmogst und woasst,
s’Lebn hot da an neichn Tog gschenkt.
Host vielleicht net ois,
is kaum wos perfekt,
zwickn tuat’s ah,
oba du lebst,
kaunnst wos draus mochn aus dem,
des do is.
Kaunnst aun an triabn Tog a Lächeln in’d Wölt ausse schicken,
jemand a Freid schenken,
aus oan einsaumen Herz a seeligs mochn,
muasst oft gar nit vüh dafiar tuan.
Meist genügt’s, waunnst do bist
und dir bewusst is, wia bsondas
und unwiedabringlich jeda Moment is,
daunn wird a s’Lebn gaunz von alloan lebenswert.

© Lesley B. Strong 2022

LEBENSSINN

„Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, findet Wege.“

Dieser Satz begegnete mir heute. Auf unnachahmliche Weise bildet er die Essenz dessen ab, was mir seit längerem durch den Kopf geistert, was ich im Alltag rund um mich beobachte, was ich tief in mir fühle. Gleichzeitig ist er eine verkürzte Version eines Zitates von Viktor Frankl:

„Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Wer Viktor Frankl nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen, ein wenig zu recherchieren. Z.B. hier https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

Mich beeindruckten seine Bücher nachhaltig. Was er durchlebt hat, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, doch sein Werk vermittelt mir eine Ahnung, welch faszinierende Persönlichkeit er war.

Heute, am 10. September 2022, ist der Welttag der Suizidprävention.  

Für Frankl war die Sinnfrage von zentraler Bedeutung in der Suizidprävention. Bereits in den 1920-1930er Jahren befasste er sich damit.

Heute, beinahe 100 Jahre später, ist die Welt eine gänzlich andere, doch noch immer geraten Menschen in Situationen, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als den finalen. All der technische Fortschritt, die sozialen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Veränderungen – all das hat nichts daran geändert, dass Menschen am Leben verzweifeln. Mehr denn je, wenn man in Statistiken und Berichten zu Suizid nachliest.

Auch ich war in meinem Leben mehrfach an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste, an dem der Schmerz unerträglich wurde, spielte mit dem Gedanken „es möge endlich vorüber sein“, doch da war stets auch etwas, dass mich weitermachen ließ. Kein klar formulierter Gedanke, mehr ein Gefühl:

„Ich bringe Licht in meine Welt.“

Dies ist mein persönlicher Lebenssinn. Humorvoll ergänzt: nein, ich bin weder eine Glühbirne noch ein Kraftwerk. „Licht“ bezieht sich auf das Erhellen von Unbewusstem, im Dunkel liegendem. Auf den Blick hinter den Spiegel, unter die Oberfläche, zwischen die Zeilen … Die Fähigkeit dafür wurde mir in die Wiege gelegt, die Umsetzung gibt meinem Leben seinen Sinn. Wenn ich meine Notizhefte aus meiner Jugend aufschlage, entdecke ich darin bereits jene tiefsinnigen Reflexionen, die heute für mich typisch sind. Es brauchte allerdings seine Zeit, meinen Lebenssinn als solchen zu erkennen. Und noch mehr Zeit, um ihn in meine Handlungen zu integrieren. Seit ich diesen Schritt vollzogen habe, sind Depressionen eine sehr selten auftretende, zeitlich rasch vorüberziehende Randerscheinung in meinem Leben geworden. Der Gedanke an Suizid ist vollständig verschwunden. Und ich finde Wege, für all die Herausforderungen, die mir begegnen.

Wie viele Menschen laufen herum, ohne für sich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden? Verlieren an Zuversicht, sehen keine Wege mehr?

Zu viele.

Vielleicht wirkt es in unserer modernen, digitalen Welt ein wenig antiquiert, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Inmitten all des Wohlstandes (den wir immer noch haben) innezuhalten, die Ablenkungen beiseite zu schieben, und sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Der Sinn des (eigenen) Lebens lässt sich vermutlich in den seltensten Fällen mit „42“ beantworten (bitte gerne nachlesen bei „Per Anhalter durch die Galaxis“), doch in ihm schlummert jene Kraft, die uns Schwierigkeiten überwinden und Krisen meistern hilft.

Frankl sagte auch: „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“

Viele Jahre meines Lebens war ich eine Suchende, bis ich fand (den Sinn meines Lebens). Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen manche ermuntern, sich auf die Suche zu machen (in sich selbst) nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht führt dies zu manch erhellenden Erkenntnissen im Sinne von „es werde Licht“ 😉

Es ist an der Zeit, in unserer Gesellschaft offen und wertschätzend über essentielle menschliche Themen zu diskutieren. Eines davon ist der Lebenssinn. Ein anderes, wenn man an einen Punkt angelangt ist, an dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.

Bild: pixabay.com

NIEMALS UNTERSCHÄTZEN

Zur Zeit bereite ich eine für mich ganz besondere, wichtige Reise vor, die am 11. September 2022 starten wird. Innerhalb von einer Woche werde ich an drei unterschiedlichen Orten Buchpräsentationen und Lesungen veranstalten. Im Mittelpunkt steht „Berggeflüster“, aber auch anderes findet sich im Programm. Ur cool. Mein Autorinnen-Herz übt sich bereits im Purzelbaumschlagen.

Im Rahmen des jeweiligen Events werden auch unterschiedliche Personen mit mir über die Hintergründe des Charity-Buchprojektes plaudern, sowie allgemein über mein Schaffen als Autorin und Bloggerin. Wieder einmal wird das Thema Borderline zur Sprache kommen. Wieder einmal hinterfrage ich mich selbst, ob und wie ich meine Botschaft am besten rüberbringe. Denn eines ist klar: die Menschen im Publikum erleben MICH. Eine, die relativ locker und reflektiert über das Thema spricht, ohne Scheu oder Scham. Eine, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, beruflich erfolgreich, künstlerisch ambitioniert und definitiv ihren eigenen Weg beschreitend, voller Lebensfreude und Selbstliebe. Eine typische Borderlinerin?

Das ist der Punkt!

Welches Bild zum Thema Borderline vermittle ich durch mein Auftreten dem zumeist wenig informiertem Publikum?

„Ach, das kann ja nicht so schlimm sein mit Borderline. Wenn ich mir anschaue, was die da alles macht und wie taff sie unterwegs ist.“

Nichts liegt mir ferner, als das Thema zu verharmlosen, denn Borderline ist alles andere als eine „harmlose Kinderkrankheit“ oder ein „vorübergehendes Tief“. Aber natürlich besteht dieses Risiko der Unterschätzung, deshalb bereite ich mich auch darauf vor, einige sehr klare Worte zu finden:

Wer mich heute trifft, erlebt eine taffe, selbstbewusste, erfolgreiche und reflektierte, äußerst lebendige Frau, die ihren Weg im Leben geht. Das war nicht immer so. Viele Jahre meines Lebens war meine Welt gänzlich anders, dominiert von mangelndem Selbstwertgefühl, fehlender Selbstliebe, Depressionen, Schmerz, Traumatisierungen und Retraumatisierungen. Geprägt von zahllosen Momenten, in denen der nächste Atemzug unmöglich schien, durchgeschüttelt von Panikattacken, beinahe erstickt an all dem Unterdrückten in mir, manchmal dem Tod näher als dem Leben, ständig unter Strom, Hochspannung, Druck. Nie entspannt. Grenzlose, kaum zu ertragende Emotionen, und dann – gleich dem Auge eines Hurrikans – die absolute Leere, emotionales Vakuum, nichts mehr fühlen, bis zum nächsten Vulkanausbruch. Ein Wechselspiel von Höhenflügen, erkämpft durch rücksichtslose Selbstausbeutung, und physisch-psychischen Zusammenbrüchen. Mehrfach ausgebrannt. Treffe ich heute Menschen, die Richtung Burnout steuern, schrillen in mir sämtliche Alarmglocken, denn es fühlt sich wie ein Echo meiner Vergangenheit an, eine mahnende Stimme in der Dunkelheit. Wenn ich die Flyer von Gewaltberatungsstellen sehe, krampft es mich zusammen, denn was dort unter „psychischer Gewalt“ beschrieben wird, hat viel zu lange mein Leben bestimmt, ohne dass ich dagegen aufbegehrte, weil ich es nicht anders kannte, aber auch, weil die Angst vor dem Verlassenwerden schlimmer war als die Demütigungen und was mir sonst noch zugefügt wurde. Selbstverletzung hat viele Formen, auch die, sich nicht zu schützen vor dem, was einem durch andere angetan wird. Ich könnte diese Aufzählung noch einige Zeit weiterführen, oder es nun hier auf den Punkt bringen. Borderline hat viele Facetten, doch eines ist es mit Sicherheit nicht: harmlos.

Es war und ist eine bewusste Entscheidung, meine Erfahrungen als Borderlinerin offen mit anderen zu teilen. Mein Ziel dabei ist es, Sichtweisen zu verändern, Respekt und Verständnis für Betroffene in deren Umfeld zu erwirken, Hoffnung und Inspiration an Betroffene zu vermitteln.

ABER weder verharmlose ich die Herausforderung Borderline, noch stimme ich der Opferrolle zu. Wenn die Umstände des Lebens dazu geführt haben, dass ein Mensch sich in der Borderline-Thematik wiederfindet, dann mögen andere daran beteiligt gewesen sein, doch das ist kein Grund, in der Opferrolle zu verharren. Es gibt Auswege, wenngleich sich hier die Betroffene häufig selbst blockieren. Wie ich selbst erlebt habe, konnte ich meinen Ausweg erst beschreiten, nachdem ich es mir selbst wert war, ein gesundes, glückliches Leben zu führen.

Apropos Ausweg aus Borderline: Viele Betroffene suchen nach einer Art Ausstiegstür, wie sie aus dem Chaos entkommen und in ein normales Leben gelangen können. Für mich gab es keine Tür nach außen. Meine Tür ging nach innen auf. Ich musste zuerst mich selbst entdecken, um in all dem Chaos in mir die Zusammenhänge (oder die verborgene Ordnung) zu erkennen, um ICH zu werden und daraus jene Strategien zu entwickeln, die mich in meiner Mitte halten.  

All das werde ich bei den Events zur Sprache bringen, denn um Verständnis zu erwirken, müssen Menschen das Thema verstehen – und keinesfalls dürfen sie es unterschätzen.

Bild: Pixabay.com

ICH LEBE

Vor wenigen Tagen traf ich im Stiegenhaus unserer Zentrale zufällig auf eine junge Kollegin, die erst kürzlich aus ihrem Urlaub an der Elfenbeinküste zurückgekommen ist und seither an einer Art Kulturschock laboriert. Eine dritte Kollegin, die vor vielen Jahren nach Wien kam und seither hier lebt, schloss sich uns an. Innerhalb von Minuten brachten wir es auf den Punkt:

Wir sind von Zombies umzingelt!

Ein Hotspot: die U-Bahn.

Niemand lächelt oder blickt gar einem anderen in die Augen. Alles wirkt irgendwie grau, und das ist nicht die Betonwänden rundum geschuldet. Es mangelt an Lebendigkeit, Lebensfreude, Leuchten in den Augen, denn ein Lächeln wäre nur auf diese Weise erkennbar dank der FFP2-Masken. Trotzdem.

Viele tragen Kopfhörer oder haben Stöpsel in den Ohren, aber kaum jemand lässt sich vom Rhythmus der Musik anstecken. Die Körper sind starr, die Blicke leer.

Was um alles in der Welt ist los mit den Menschen?

Ja, es gibt eine Menge Probleme auf diesem Planeten, die meisten davon ungelöst.

Ja, es gibt Konzerne, die sich unter Bezug auf die aktuelle Weltsituation schamlos an denen bereichern, die sich nicht wehren können.

Ja, es gibt Erfreulicheres als bei über 30 Grad Außentemperatur mit einer FFP2 durch die Gegend zu laufen.

ABER … verdammt nochmal, wir leben!

Bei allem, was da sonst noch ist, das wesentliche und für mich einzig wichtig ist: ICH LEBE!

Ich kann mein Leben in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger gestalten, aber ICH LEBE!

Manche Tage laufen besser, andere schlechter, aber ICH LEBE!

Solange ich lebe, kann und will ich dieses Leben zelebrieren, mich lebendig fühlen, Lebensfreude ausstrahlen, dankbar sein für jeden Augenblick, den ich erleben darf, für jeden Atemzug, der mich durchströmt, für jeden Sonnenstrahl, der mich wärmt.

Niemand von uns weiß, wieviel Zeit einem bleibt. Die Zukunft ist ein Lotteriespiel, die Vergangenheit ein staubiges Archiv. Leben findet in der Gegenwart statt. Hier und Jetzt. Wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben im Leben stets die Wahl, uns von den Umständen bestimmen zu lassen oder ihnen mit Gelassenheit, Zuversicht und ein wenig Humor zu begegnen. Ersteres funktioniert ganz von selbst. Letzteres stellt zumeist eine größere Herausforderung dar, aber wer behauptet, das Leben wäre ein Spaziergang?

Die Umstände können uns alles nehmen, nur eines nicht. Das verlieren wir erst, wenn wir es selbst aufgeben: unsere Lebendigkeit.

Ich bin weder bereit, meine Lebendigkeit aufzugeben noch mir meine Lebensfreude durch die Umstände nehmen zu lassen. ICH LEBE in jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag, im Hier und Jetzt, leuchte von innen heraus. Vielleicht meiden sie mich deshalb, die Zombies, wenn ich auf dem Bahnsteig tanze und meine Lebensfreude ansteckend wirken könnte.  😉

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ALLES NUR FAKE?

Faszinierend, was Kundige mit Bildbearbeitungsprogrammen alles anstellen können. Bei den vielen Bildern, die durch die sozialen Medien kursieren, frage ich mich regelmäßig, ob das, was ich sehe, auch in echt so aussieht – oder vielleicht ganz anders. Fake News? Alternative Wahrheiten?

Eine ähnliche Frage stelle ich mir auch häufig bei Menschen. Was ist echt? Und was Fake? Was verbirgt sich unter all den Masken, dem Make Up, Designer-Klamotten und sonstigem Aufputz, wenn weder Push noch Shape zum Einsatz kommen, frei von Statussymbolen.

Was bleibt, wenn man einem Menschen all das nimmt, was von den Ereignissen des Lebens jederzeit hinweggespült werden kann?

Nacktheit lässt nicht viel Spielraum für Fake.

Nacktheit offenbart weitaus mehr als nur blanke Haut. Sie zeigt auch, wie liebevoll und würdevoll jemand mit sich selbst umgeht.

Nacktheit wäre der natürlichste Zustand – sollte man meinen.

Als langjährige Saunabesucherin habe ich schon so einiges erlebt, was passieren kann, wenn Menschen alles ablegen, über das sie sich gemeinhin definieren. Wenn der „schöne Schein“ rundum verschwindet, zeigt sich der wahre Charakter. Im Business Dress vielleicht noch als „wirtschaftlich notwendig“ akzeptierte Aussagen klingen nackt nur noch menschenverachtend. Ihrer Statussymbole beraubt werden manche zu „Wadlbeissern“. Andere verlieren ihre Coolness und Selbstsicherheit mit jeder Lage Stoff, was am Ende bleibt, ist hohl und ohne Substanz.   

In einer Zeit, in der nahezu alles gefakt wird, verspüre ich einen stetig stärker werdenden Wunsch nach „Echtem“.

Mich interessiert immer weniger, was ein Mensch hat. Was für mich zählt, ist der Charakter.

Aber wer zeigt noch sein wahres Gesicht?

Warum braucht es all den Fake?

Warum genügt es nicht mehr, zu sein, wer man ist? Warum muss man die optimierte Version des Selbst werden? Vor einiger Zeit begegnete mir in diesem Zusammenhang der Begriff „Superversion“. Welch ein manipulativer Begriff! Er impliziert, dass meine Normalversion in jedem Fall zu wenig und unzureichend ist. Sprich: ICH kann gar nicht gut genug sein, solange ich nicht SUPER-ICH bin. Minderwertigkeit lässt grüßen. Und vor allem: was soll diese Superversion sein? In meinem Verständnis: ein Super-Fake.

Leidet unsere Gesellschaft unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex? Wenn ich mir ansehe, wie viel gefakt wird und wie wenig Echtes mir begegnet, kann ich diese Frage nur mit einem klaren JA beantworten.

Ich stelle mir hin und wieder vor, wie es wäre, wenn ich alles loslasse, was derzeit zu meinem Leben gehört, wenn nur noch ich selbst übrigbleibe. Was ist das, was bleibt?

Meine Antwort darauf: das, was ich bin, immer war und immer sein werde – ein feuriger Funken Lebensfreude, mit vielen Talenten und noch zu entdeckenden Potenzialen, kreativ bis zum Abwinken, romantisch-sinnlich, manchmal frech, ein anderes Mal nachdenklich, mit gesundem Humor und Selbstironie gesegnet, unendlich dankbar für dieses Leben, neugierig auf das, was es noch bringen wird und darauf vertrauend, dass ich aus allem, das mir begegnet, etwas lernen kann, das mich weiterbringt.

Jeder von uns betritt diese Welt vollkommen nackt. Wenn wir sie verlassen, können wir nichts mitnehmen außer dem, was übrigbleibt, wenn wir alles loslassen. Wir gehen „nackt“ als die, die wir geworden sind. Wozu also all der Fake?  

Bild: https://pixabay.com/de/photos/baby-m%c3%a4dchen-neugeborenes-portr%c3%a4t-784608/

JENSEITS DER ANGST

Vor einigen Tagen unternahm ich eine kleine Bergtour, wählte dafür eine beliebte Route zu einem Bergsee (siehe Bild). Im ersten Drittel der Strecke quert ein schmaler Pfad den Hang des Graukogels. Der Weg ist ungefähr 30 cm breit, voller Steine und Geröll, links geht steil nach oben, rechts steil nach unten. Zwar kein blanker Felsabhang, sondern mit Gras bewachsen, aber ob ich im Falle eines Sturzes Halt finden würde, möchte ich lieber nicht austesten.

Eine Passage wie diese löst in mir unmittelbar ein ungutes Gefühl aus. Man könnte es auch Angst nennen, mit leichten Panikspitzen. Schwindelfrei bin ich nicht, Höhenangst (oder besser: Abgrundangst) begleitet mich bereits mein ganzes Leben.

Was mache ich an diesem Ort?

Mich meiner Angst stellen und sie überwinden.

Von Tauchgängen in Haifischkäfigen als Mittel zur Angstüberwindung halte ich persönlich nicht viel. Es gibt weniger dramatische Aktionen, die den gleichen Effekt erzielen. Eine für mich gut funktionierende sind eben solche Bergtouren.

Kurze Anmerkung für potenzielle Nachahmer: Bitte nicht im Alleingang! Und schon gar nicht ohne Vorbereitung! Ich mache das seit vielen Jahren und habe eine gewisse Routine. Außerdem prüfe ich im Vorfeld, ob meine körperliche Fitness an diesem Tag so eine Tour erlaubt und bin entsprechend ausgerüstet.

Zurück zu meinen Schritten auf dem schmalen Pfad. Zittrige Knie mahnen mich zur Achtsamkeit, das Gelände zu Respekt. Meine Aufmerksamkeit ist vollkommen auf das gerichtet, was ich tue. Für Angstgefühle oder störenden Brain Traffic im Sinne von Zweifel, negativen Gedanken und dergleichen, bleibt kein Raum. Ich bin völlig in der Gegenwart mit meinem Bewusstsein. Meine Angst ist eine Stimme aus der Vergangenheit, eine Mahnerin. Doch in diesem Augenblick fehl am Platz.

Gebranntes Kind scheut das Feuer.

Angst wird meistens erlernt. Oder übernommen. Meine Mutter ist ein sehr ängstlicher Mensch. Als Kind „infizierte“ sich mich mit ihrer Angst vor giftigen Pilzen. Es dauerte Jahrzehnte, bis ich es wagte, selbst gepflückte Schwammerl zu essen. Ein harmloses Beispiel, doch es gibt etliche andere, die zu persönlich sind, um sie hier zu erläutern.

Viele Jahre versuchte ich, die Ursache meiner Ängste zu identifizieren und zu neutralisieren. Irgendwann erkannte ich, das mit jeder neuen Erkenntnis neue Unklarheiten auftauchten, und meine Suche niemals abgeschlossen sein würde innerhalb meiner zu erwartenden Lebensspanne. Solange die Ängste auf ein erlebtes Ereignis zurückgeführt werden konnten, bestand noch Aussicht auf Erfolg, aber sobald es sich um übernommene Ängste (Stichwort: Schwammerl) handelte, wurde es eine Never Ending Story. Also entschloss ich mich, die Suche zu beenden und konzentriere mich seither darauf, mit dem umzugehen, was auftaucht. Auch mit meinen Ängsten.

Woher die Angst auf dem schmalen Pfad kommt? Warum taucht sie immer wieder auf, trotz mehrfach „Begehung schmaler Pfade“? Ehrlich: Keine Ahnung!

Für mich war diese Bergtour eine gute Gelegenheit, den Umgang mit meiner (unangebrachten) Angst zu trainieren für die wirklich wichtigen Herausforderungen: Das Zusammenleben mit Menschen.

Ganz ehrlich – in unserer heutigen Zeit gibt es eine nahezu omnipräsente Angst in der Gesellschaft, und die hat nichts mit steilen Berghängen, Schwammerl, Monstern oder dergleichen zu tun, sondern mit einer kleinen Frage: Bin ich gut genug?

Die Angst, nicht gut genug zu sein, gleich in welchem Bereich des Lebens, im äußeren Erscheinungsbild oder worin auch immer Menschen sich vergleichen, diese Angst richtet unglaublich viel Schaden an, löst Stress aus, fördert Konflikte, bringt Menschen dazu, verrückte Dinge zu und sich selbst sprichwörtlich fertig zu machen.

Die Angst, nicht gut genug zu sein, ist aus meiner Sicht eine der ganz großen Herausforderungen des Menschseins.

Bin ich gut genug, sicher auf einem schmalen Bergweg zu wandern? Ja!

Bin ich gut genug, dem Urteil anderer Menschen standzuhalten und als liebenswert, attraktiv … eingestuft zu werden? Niemand hat das Recht über mich zu urteilen!

Während einer Bergtour zu stürzen und sich einen Arm oder ein Bein zu brechen, tut weh, doch dieser Schmerz vergeht nach einer Weile.

Von einem anderen Menschen durch Worte, Blicke oder Taten verletzt zu werden, dieser Schmerz sticht mitunter bis ans Lebensende. Mit einiger Mühe kann man vielleicht die Worte „vergessen“, doch das Gefühl bleibt bestehen: ich bin nicht gut genug. Der Nährboden für Versagensängste.

Es gibt viele Arten von Ängsten. Manche sind überlebenswichtig für uns, denn sie beschützen uns davor, einfach mal aus dem Fenster zu springen, um Fliegen zu üben. Andere blockieren uns, halten uns davon ab, das zu tun, was wir gerne tun möchten, aus Angst heraus, zu versagen. Und sei es nur bei einem Gespräch mit einem anderen.

Meine Bergtour war eine wunderbare Gelegenheit, mich bewusst mit meinen Ängsten zu befassen, zu hinterfragen, ob die Angst in diesem Augenblick eine lebensschützende Mahnerin oder ein Echo aus meiner Vergangenheit ist, dass ich liebevoll, aber bestimmt, zur Seite schiebe, um mich mit Achtsamkeit der Gegenwart zuzuwenden.

Jenseits der Angst, am Höhepunkt meiner Tour, saß ich gelassen an einem wunderschönen Bergsee, ließ die Sonne meinen Rücken wärmen, und wurde mit einer weiteren Erkenntnis (oder Auflösung einer übernommenen Angst vor großen Tieren, weil nie wirklich damit in Kontakt gekommen) belohnt, als die Kuh (rechts im Bild) meine Nähe suchte und ihre Reibeisenzunge über meinen Rücken schleckte… aber das ist eine andere Geschichte.

BORDERLINER KANN MAN NICHT VERSTEHEN

Die folgenden Zeilen sind ein Gespräch mit meinem Spiegelbild, das ich vor einigen Jahren geführt habe, nachdem ich das „Problem“ erkannt, aber noch nicht gelöst hatte:

„Da ist eine leistungsorientierter Workoholic mit der Tendenz an die Belastungsgrenze zu gehen. Erfolgreich, stark, niemand würde vermuten, was sich hinter der Fassade verbirgt. Viele Selbstzweifel, geringer Selbstwert und wenig Selbstliebe. Ein emotionales Chaos, das sich nicht unter Kontrolle bringen lässt. Manchmal fühlst du dich regelrecht fremdgesteuert, das macht dir Angst. Nähe zu anderen Menschen geht gerade noch als Freundschaft, aber nicht in einer Beziehung. Wenn dir jemand nahekommt, würde diese Person vielleicht merken, wie wenig das äußere Bild mit dem inneren Wesen zusammenpasst. Du spürst, dass du anders bist als andere. Du wärst gerne wie die anderen, aber du kannst es nicht sein, egal, was du versuchst. Anders zu sein als alle anderen, das macht einsam, weshalb du dich versteckst. Du fliehst in eine starke Rolle und in eine Welt, in der du die Kontrolle behalten kannst und von anderen bewundert wirst. Du bist davon überzeugt, dass niemand dich je verstehen kann. Schlimmer noch, vielleicht sind die Menschen ja abgestoßen, wenn sie herausfinden, wie es in dir wirklich aussieht, dass du manchmal gar nicht weißt, was du fühlst. Die Frage „Wie geht es dir?“ kann schlimm sein an Tagen, an denen du es nicht spürst, weshalb du ausweichst und erzählst, was du machst, aber nicht, wie es dir geht. Du sehnst dich nach Liebe, doch du kannst sie nicht aushalten. Du wünschst dir Geborgenheit, doch eine Umarmung fühlt sie wie eine Fessel an. Du möchtest Nähe und stoßt jeden von dir, der versucht, dir nahezukommen. Du bist voller Widersprüche, fühlst dich manchmal zerbrochen. Da du dich nicht retten kannst, rettest du andere. Manchmal musst du deine Grenzen gehen, um dich selbst noch zu spüren, auch wenn es schmerzt. Schmerz ist das, was du am meisten vor der Welt versteckst, doch er ist da, ein abgrundtiefer, bodenloser Schmerz. Du bist überzeugt davon, diesen Schmerz zurecht zu spüren, ihn verdient zu haben, und wenn jemand dir Schmerz zufügt, dann ist das wie eine erlösende Bestätigung, dass die Welt in Ordnung ist. Jedes positive Gefühl, egal ob Freude, Zuneigung, Zufriedenheit, entsteht in deinem Kopf, wird auf situative Akzeptanz überprüft und danach kontrolliert ausgelebt. Negative Gefühle explodieren in dir gleich einem Vulkanausbruch, überrollen dich mit zerstörerischer Intensität. Manche Gefühle hast du völlig aus deinem Leben verdrängt, weil du sie nicht aushalten kannst. Du lebst, aber du fühlst dich nicht lebendig. Du funktionierst wie eine Maschine. All das würdest du niemals einem anderen gegenüber zugegeben, denn niemand soll je erfahren, wie „kaputt“ du wirklich bist. Wer würde sich dann noch mit dir abgeben?“

Mit diesem Selbstbild begann meine Reise.

Meine Beobachtungen und Gespräche mit anderen Betroffenen haben gezeigt, dass andere ähnliche Selbstbilder haben. Die Details mögen variieren, die Grundstimmung bleibt belastend, Widersprüchlichkeiten sind die Normalität.

Kann ein Nicht-Betroffener das verstehen? Vielleicht ist das möglich.

Kann ein Nicht-Betroffener sich einfühlen? Gute Frage.

Kann man Nicht-Fühlen (emotionale Leere) empathisch erfassen?

Man kann einem Sehenden die Augen verbinden, um Blindheit zu erleben. Oder Hörenden die Ohren zustöpseln, um Taubheit zu erfahren. Aber wie vermittelt man emotionale Leere? Den Zustand, sich selbst nicht zu fühlen?

Kann ein Nicht-Betroffener sich das vorstellen, um es zu verstehen?

An dieser Stelle geht es mir nicht darum, verbindliche Antworten zu finden, sondern Denkanstöße zu liefern.

Vielleicht geht es für Nicht-Betroffene auch eher darum zu begreifen, dass Betroffene ihren ganz individuellen Weg finden müssen, um die Herausforderung Borderline zu meistern. Dieser Weg kann sich sehr von dem unterscheiden, was manchmal von Nicht-Betroffenen als notwendig angesehen wird.

Vielleicht geht es für Betroffene darum, nicht länger zu versuchen, „normal“ zu werden – oder das, was gemeinhin als „normal“ tituliert wird – sondern zu lernen, mit sich selbst zurecht zu kommen und zu sein, wer man nun mal ist.

Das war mein Weg zum Erfolg.

Heute lebe ich aus dem Herzen heraus. Fühle unmittelbar und teile, was ich fühle. Ich liebe mich mit allen Ecken und Kanten, Schrammen und Dellen, Falten am Körper, Macken im Geist und Narben an der Seele. Voraussetzung dafür war, mich selbst verstehen zu lernen, die verborgenen Zusammenhänge (oder Ordnung) im Chaos zu erkennen. Zu akzeptieren, dass ich anders bin und immer anders sein werde – und das auch sein darf. Der allgegenwärtige Schmerz wich einer Melange aus Lebensfreude, Dankbarkeit und Zufriedenheit, unterlegt mit Urvertrauen ins Leben und verfeinert mit einer Prise augenzwinkerndem Humor.  

Meine Reise ist noch nicht zu Ende.

Mit offenen Sinnen durchs Leben schreitend, entdecke ich laufend Wunderbares in mir und um mich. Dass ich mich häufig nicht dem kollektiven Jammern über dies oder das anschließe, hat viele Gründe. Einer davon ist, dass ich danach strebe, alles, was mir begegnet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das eröffnet Perspektiven, die andere mitunter übersehen. Außerdem ändert Jammern und Raunzen selten etwas.

Vielleicht bin ich heute für manche noch schwerer zu verstehen als in meiner „dunklen“ Zeit, denn ich habe kein Problem damit, Borderlinerin zu sein.

Manche Menschen sind das Gegenteil von Rechtschreibkoryphäen und sollten sich deshalb beim Schreiben konzentrieren. Andere haben ein Thema mit Zahlen und werden niemals Mathegenies. Meine Herausforderungen liegen im Erkennen und Beachten von Grenzen, im achtsamen Umgang mit mir selbst, im Unterscheiden von dem, was ich bin und was ich von anderen übernehme (emotional, energetisch, mental).  

Meine Reise zu mir selbst lehrte mich, mein Borderline zu verstehen und daraus etwas lebensbejahendes zu machen. Kann ein anderer mich verstehen? Ich finde, das ist gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, dass jeder einzelne Mensch – gleich ob Borderliner oder nicht – sich selbst versteht und mit sich selbst im Reinen ist.