GRAS WÄCHST AUCH NICHT SCHNELLER …

… wenn man dran zieht. Diese volkstümliche Weisheit begegnete mir das erste Mal Anfang der 2000er-Jahre. Sie hat sich – wieder einmal – als äußerst zutreffend für mich erwiesen.

Seit knapp einem Jahr habe ich etwas vor mir hergeschoben, dass ich grundsätzlich gerne tun wollte, weil es für meine Borderline-Auflösung einen wichtigen Schritt darstellt, doch gleichzeitig habe ich mit auf jede nur erdenkliche Weise davor gedrückt und alle Ablenkungen und Zwischenfälle priorisiert.

Worum es geht?

Um das Finale meiner JAN/A-Trilogie, meiner in Echtzeit geschriebenen Borderline-Auflösung in Romanform. Vor wenigen Tagen habe ich die Arbeit daran aufgenommen, motiviert durch mein wachsendes schlechtes Gewissen bei dem Blick auf meinen Zeitplan. Immerhin wollte ich Ende 2021 damit fertig sein. Doch Stand heute fehlen noch 3 von 7 Kapiteln.

Welch Hybris von mir, zu denken, ich setze mich hin und schreibe die Story einfach zu Ende. Den Verlauf der Handlung kenne ich seit 2018, daran hat sich nichts geändert. JAN/A sollte noch ein paar Überraschungen für mich parat halten, denn kaum hatte ich begonnen, eine – zugegeben emotional herausfordernde – Szene zu schreiben, fügte meine Intuition (ich schreibe in einer Art Wachtrance) neue Elemente hinzu, die so nicht angedacht waren. Aber sie fühlten sich stimmig an, weshalb ich sie übernahm. Gleichzeitig wurden mir auch Zusammenhänge bewusst, die zuvor noch im Dunkeln lagen. Mein Verständnis dessen, warum manches wie in meinem Leben geschehen ist, gewann eine neue Dimension dazu.

Mittlerweile denke ich den unbewussten Grund für mein Ausweichen im vergangenen Jahr zu kennen: Ich brauchte noch Zeit, mich dem zu stellen und das zuzulassen, was nun geschieht. Und es tut sich sehr viel. Als hätte ich einen Sturm im Wasserglas entfesselt und alles, was sich dort abgesetzt hatte, aufgewirbelt, damit es sich neu ordnen kann. Einschlafprobleme, unruhige Nächte, körperliche Schmerzen, Sinnfragen, demonstrative Abgrenzung – alles wieder da. Dennoch anders als früher. Ich weiß, das mein Schreib- bzw. Auflösungsprozess dafür verantwortlich ist. Ich rüttle bewusst an allen mir bekannten Türen und Schubladen, spüre in mich hinein auf der Suche nach verbliebenen Verstrickungen, Verspannungen und Konflikten. Mein Unterbewusstsein antwortet mit Symbolen, Metaphern, Wendungen in der Geschichte… JAN/A ist eine niedergeschriebene intrapersonelle Teilearbeit. Mein innerer Dialog in den Bildern meiner Seele. Ziemlich fantasievoll und emotional. Eine alternative Realität, in der das geschehen kann, was in der realen Welt in der Vergangenheit verabsäumt wurde und auch in der Gegenwart kaum umzusetzen ist.

Mein Ort des Heilens: meine JAN/A-Bubble

Der Schreibprozess ist meine Zeit des Heilens.

Doch … Ego, Wille und Co hin oder her … es geht nicht schneller, nur weil ich dran ziehe, oder darauf drücke im Sinne von Einhalten des Zeitplans.

Wie könnte es auch?

Was vor Jahren oder Jahrzehnten zerbrochen, entweder gar nicht oder nur behelfsmäßig geflickt wurde, braucht nun auch seine Zeit, um wieder zu heilen.

Diese Worte legte ich vor wenigen Tagen Jana in den Mund: „Geduld war keineswegs meine größte Tugend, jedoch erforderte mein ausgefeilter Plan reichlich davon.“ … und hielt mir damit selbst einen Spiegel vor meine Nase.

Mein „Plan“, mich mit den 3 Bänden von JAN/A (oder 3 Entwicklungsphasen im Sinne von auf mich selbst zugehen, mich selbst annehmen, mit mir selbst leben) zurück in die Selbstbestimmung meines Lebens zu schreiben, entstand zwar eher unbeabsichtigt, aber nachdem mir die damit verbundenen Möglichkeiten bewusst geworden waren, folgte die weitere Umsetzung aus voller Überzeugung. Nur den Faktor „Zeit“ hatte ich nach Band etwas leichtfertig behandelt, indem ich dachte, ich bestimme, wann ich fertig bin. Das tue ich nicht.

Traumatisierungen oder (romantisch gesprochen) eine verletzte Seele heilen nicht nach einem getakteten Fahrplan. Die Route zurück zu mir kenne ich (seit langem), folge ihr auch konsequent, doch das Tempo bestimmt nicht mein Verstand, sondern mein Fühlen, das sich langsam vortastet in eine Welt außerhalb der heilenden Bubble.

Jana hat ein passendes Mantra, das ich wohl selbst öfters rezitieren sollte: „Ruhe und Gelassenheit, Jana, Ruhe und Gelassenheit.“

Gras wächst auch nicht schneller, wenn man dran zieht.

Bild: pixabay.com

OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)

WER BIN ICH?

Die Frage aller Fragen … und wer den Film „Die Wutprobe“ mit Jack Nicholson und Adam Sandler kennt, weiß auch, dass es DIE Frage ist, die einen Menschen an und über seine Grenzen katapultieren kann, weil die Antwort darauf alles andere als einfach ist …

Es ist auch DIE Frage, die ich ganz gerne meinem Gegenüber stelle. So auch vor wenigen Tagen bei einem Spaziergang.

„Wer bist du?“

Die Antwort kam nicht wie aus der Pistole geschossen. Vielmehr begann eine längere Diskussion, in deren Verlauf ich auch meine eigene Antwort lieferte. Bevor ich diese hier verrate, hier noch eine kleine Geschichte, die ich während dieses Spaziergangs zum Besten gab – und die ich gefühlt bereits 1.000-mal erzählt habe:

In dem Moment, in dem unser Leben entspringt, gleichen wir einem Kristall, funkelnd in allen Farben des Regenbogens, unendlich klar, unendlich viel Potenzial, wie ein unbeschriebenes Blatt Papier. Bereits im nächsten Augenblick beginnen die anderen Menschen um uns damit, uns zu formen, in dem sie uns zeigen und sagen, wer wir sind, welche Rolle wir einnehmen und was wir zu tun haben. Alle diese Botschaften schreiben sie auf Post-It und kleben sie auf den Kristall. Man nennt das auch Konditionierung, Erziehung …

Im Laufe der Jahre werden es immer mehr von diesen klebrigen Zettelchen. So viele, bis wir eines Tages auf uns selbst blicken und nur mehr die Post-It und ihre Botschaften erkennen können. Der Kristall verschwindet völlig aus unserer Wahrnehmung. Vielleicht bleibt eine dumpfe Ahnung, dass da etwas ist, was wir nicht wirklich fassen können. Vielleicht fühlen wir eine undefinierbare Leere in uns, suchen im Außen nach etwas, ohne es genau benennen zu können?

Werden wir eines Tages gefragt: „Wer bist du?“ wird die Antwort etwas von dem sein, was auf den unzähligen klebrigen Zettelchen von anderen hinterlassen wurde. Wie könnte es auch anders sein? All die Bilder, die andere von uns gezeichnet haben, sie prägen das Bild, das wir von uns selbst haben. Viele spüren intuitiv, dass sie die Frage nicht wirklich beantworten können. Manche werden aggressiv (wie im o.g. Film), andere frustriert. Oder sie resignieren.

Einige brechen auf zu einer Reise nach innen, um all die Post-It-Botschaften zu hinterfragen, passende zu behalten, andere zu verwerfen. Sie arbeiten sich vor bis zu jenem Kern, der sich unter den Klebezetteln verbirgt, bis zu ihrem wahren ICH.

An jenem Punkt fand ich inneren Frieden, schier unerschöpfliche Kraft und bedingungslose Lebensfreude … und meine Antwort auf die Frage: „Wer bist du?“

Ich bin ein feuriger Funken Lebensfreude – und darüber hinaus alles, was ich sein will und aus mir mache.

Diese Antwort – oder besser: das Gefühl, das damit verbunden ist – holt mich in kürzester Zeit zurück in den Zustand von Ruhe und Gelassenheit. Ganz gleich, wer oder was mich gerade getriggert hat. Dieses Gefühl ist mein Fels in der Brandung. Mein Anker, der mich mit mir selbst verbunden hält. Mein Ausstieg aus Borderline.

Damit endete meine Geschichte während des Spaziergangs. Es bleibt abzuwarten, was die andere Person daraus machen wird. Eine Antwort auf die Frage „Wer bist du?“ erhielt ich an diesem Tag nicht mehr. Auch nicht am nächsten. Oder übernächsten. Vielleicht hat die Reise nach innen für diesen Mensch auch gerade erst begonnen. Meine dauert bereits länger an.

Hinter dem Spiegel (der klebrigen Zettelchen), unter der Oberfläche des (konditionierten) Offensichtlichen fand ich mich (zwischen den Zeilen) selbst … daraus wurde mein Motto:

Find me … between the lines … behind the mirror … beyond the surface

Ein wenig theatralisch, philosophisch und kunstvoll vage.

Wer bin ich? Nicht nur für Borderliner kann es eine Herausforderung sein, diese Frage zu beantworten. Die Antwort darauf kann so viel mehr sein als „nur“ eine Aussage. Für mich hat sie mein Leben um 180 Grad gewandelt. Seit ich den feurigen Funken Lebensfreude in mir fühlen kann, hat die Dunkelheit keine Macht mehr über mich. Sie zeigt sich ab und zu, doch sie bleibt nicht. Kann sie gar nicht, denn … wie viel Licht braucht es, um die Dunkelheit zu durchbrechen? Die Flamme einer kleinen Kerze genügt, und die Finsternis weicht. Ein Funke …

Wer ich bin?

A fiery spark of joie de vivre … ein feuriger Funken Lebensfreude

Wer bist du?

Bild: pixabay.com

VON MENSCHEN UND ALIENS

Vergangene Woche habe ich fünf Tage ich als Ausstellerin auf der Buchmesse Wien verbracht. Nach beinahe 2 Jahren Corona mit mehreren Lockdown-Phasen plötzlich wieder mit hunderten, tausenden Menschen innerhalb kürzester Zeit konfrontiert. Eine spannende Erfahrung.

Nach wie ist da diese Ambivalenz in mir.

Einerseits das wunderbare Gefühl, inmitten vieler (mit ähnlichen Interessen, weil Buchliebhaberinnen) zu sein, sich in der Menge wie in einer Welle treiben zu lassen, zuhören und zu erzählen, hin und wieder auch ein wenig im (kleinen Rahmen) im Mittelpunkt zu stehen. Ein buntes Treiben, vielfältig, menschlich.

Anderseits die erdrückende Flut negativer Emotionen, unterdrückte Ängste, ungelöste Konflikte. Flüchtige Blicke, die taxieren und ablehnen. Menschen mit all ihren Problemen auf der Flucht vor sich selbst – bewusst oder unbewusst. Unsichtbar zu sein für jene, deren Wahrnehmung geblendet ist von dem, was sie nicht sehen wollen. Ein starres Verharren, komplex, menschlich.

Dazwischen fühle ich mich wie ein Alien. Vielleicht werde ich auch von einigen so gesehen. Wer tanzt schon in der U-Bahn von Wien zur Musik von ABBA? Mir ist noch niemand begegnet. Ich bin … anders.

Wie anders, das haben mir etliche Gespräche auf der Messe bestätigt. Meine Bücher gehören nicht zum Mainstream, daher erzähle ich gerne etwas über die Hintergründe. Kaum fällt das Wort Borderline, geht’s auch schon los mit den Geständnissen. 4 von 5 berichten, dass sie mindestens einen Borderliner in ihrem Umfeld kennen. Schneller als mir lieb ist, höre ich Lebensgeschichten bzw. agiere stabilisierend im Sinne von Coaching, weil etwas in den Menschen aufbricht. Da sind Schuldgefühle ebenso dabei wie Hilflosigkeit. Oder Verzweiflung, wenn die Story ein trauriges Ende nimmt. Unverständnis in vielen Fällen. Bewunderung, dass ich es „geschafft“ habe und es mir so gut geht. Wie ich das denn hinbekommen habe?

Die Antwort, die auf diese Frage folgt, hören die Menschen zwar, aber ob die Botschaft immer gehört wird, daran zweifle ich.

Die eigenen, inneren Konflikte auflösen, ohne Wenn und Aber auf sich selbst zugehen und annehmen, was man findet … Zustimmung ja, aber Umsetzung???

Menschen sind Menschen. Sie lernen erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist, das hat meine weise Lucy gerne gesagt. Und sie behält bis heute recht. Leiden statt lösen. Ich kann nur hoffen, dass viele – so wie ich – eines Tages aufwachen und das Leid beende. Liebe macht das Leben unendlich lebenswerter, lebendiger, lustvoller, …

Wer weiß, vielleicht bin ich eines Tages ein in der U-Bahn tanzendes Alien inmitten ganz vieler anderer in der U-Bahn tanzenden Aliens … und die „Normalen“ sind die Ausnahme. Was für eine Vorstellung!

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IN DER MITTE

Wieder einmal reflektiere ich die vergangene Woche, während ich mich auf den sanften Klängen einer Piano Chillout Lounge treiben lasse. Diese Momente, in denen ich mich von der Welt zurückziehe und in mir jene Ruhe (oder romantisch formuliert: meinen geliebten Dämon, der in seinem inneren Ozean der Gelassenheit verweilt) finde, waren zu wenige in jener Woche. Ich sehne mich danach, einfach nur ICH sein kann – ausgeklinkt aus dem Alltagsstress und allem, was dazu gehört.

Nun, in den kommenden Wochen werde ich dafür reichlich Zeit finden und meine Gedanken mit euch teilen. So wie diesen, der vor wenigen Tagen meinen bewussten Horizont streifte – und ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob er nur für jene andere Person gedacht war, oder ob er nicht auch ein kleiner Schubs meines Unterbewusstseins war, meinen Kurs zu überprüfen.

Hier nun eine erweiterte Ausführung jenes Gedankens:

Du bist in der biologischen Mitte deines Lebens angekommen. So weit, so gut. In der ersten Hälfte ging es darum, dich selbst kennenlernen, zu wachsen, aufzubauen, dich zu beweisen, deinen Way of Life zu finden, ein Heim und eine Familie zu gründen. Energie schien unerschöpflich vorhanden.

In der zweiten Hälfte geht es darum, gelassener zu werden, auch vieles loszulassen, nicht mehr zu kämpfen, sondern zu „zaubern“, also aus Erfahrung heraus zu handeln und vor allem darum, anderen oder sich selbst nichts mehr beweisen zu müssen, weil man bei sich selbst angekommen ist. Die Leistungsfähigkeit verändert sich insofern es längere Regenerationszeiten braucht als früher. Der Körper verändert sich. Auch das Denken und Fühlen sollte diesen Prozess mitgehen. Wesentlich ist es, das Leben zu erleichtern von jenem Ballast, der sich zuvor angesammelt hat, um unbelastet den letzten aller Wege beschreiten zu können – frei von Bedauern über das, was man getan hat bzw. was man unterlassen hat zu tun. Aufräumen und entrümpeln, aussöhnen und annehmen.

Die Lebensmitte ist ein Scheidepunkt. Manche werden einfach alt in allen Belangen und dümpeln bis zu ihrem Tod dahin, verlieren laufend an Kraft und Können. Andere verfallen dem Jugendwahn und machen sich mit Eskapaden lächerlich. Beides sind Wege in die Illusion und Selbsttäuschung. Der dritte Weg führt in die Freiheit und Leichtigkeit, wenn man die Veränderung proaktiv annimmt und sich darauf einstellt. Dann offenbaren sich die Möglichkeiten. Erfahrung mit Kraft und Wissen kombiniert ergibt Weisheit. Nichts mehr beweisen zu müssen, führt zu Gelassenheit. Sich der Liebe und damit verbunden der Berührbarkeit zu öffnen, macht frei. Oft fallen Verpflichtungen (Kinder etc.) weg, und es entsteht ein Freiraum der Möglichkeiten.

Die alten Weisheitslehren sagen, diesen Scheidepunkt hat jeder von uns zu absolvieren. Welche Entscheidung wir auch immer treffen, sie wird über lange Zeit unser Leben bestimmen. Manchmal bis zu unserem Tod.

Es ist mir persönlich nicht leicht gefallen zu akzeptieren, dass ich nicht mehr so tun kann wie mit 20. Nicht mehr so funktioniere, wie ich es gewohnt war. Dennoch – heute weiß ich, wenn mich jemand mag, dann weil ich bin, wer ich bin, und nicht, weil ich den knackigen Körper einer 20jährigen habe. In der zweiten Lebenshälfte wird das Leben „echter“, wenn man sich darauf einlässt. Geliebt zu werden um seiner selbst willen. Liebe ist keine Ware, die man kaufen kann. Auch keine Belohnung, die man sich verdienen muss. Sondern ein Geschenk.

Anerkennung und Geborgenheit sich selbst geben zu können befreit aus der „Sucht“, sie von anderen zu bekommen und sich dafür in der Überlastung aufzureiben. 

Mit 20, 30 oder 40 konnte ich mir nicht vorstellen, wie es sein würde, eines Tages aufzuwachen und zu mit großer Wahrscheinlichkeit sagen zu können, dass weniger Lebenszeit vor als hinter mir liegt. Wenn ich davon ausgehe, nicht 104 zu werden, habe ich diesen Punkt mittlerweile erreicht. Ob ich mit Weisheit gesegnet wurde, mögen andere beurteilen. Ich denke, ich habe gelernt, Fragen zu stellen, die mich weiterbringen. Prioritäten zu setzen. Und mich hin und wieder – und hoffentlich immer öfter – einfach auf mich selbst einzulassen, die Welt rundum auszublenden und ganz bei mir selbst zu sein. Mit mir selbst zu sein, denn mehr brauche ich nicht, um glücklich zu sein. Am Leben zu sein und dieses Leben bewusst wahrnehmen zu können, ist für mich Grund genug. Ganz gleich, wie die äußeren Umstände sind. Solche Momente mit anderen teilen zu dürfen, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Das Leben beweist mir nahezu täglich, dass es jeden meiner Pläne mit Leichtigkeit durchkreuzen kann. Warum also darüber ärgern oder gar dagegen ankämpfen? Mit Humor geht’s genauso gut, wenn nicht besser.

Ich denke, ich bin ganz gut auf dem dritten Weg unterwegs 😉

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GRATWANDERUNG

Ein „banales“ Ereignis der vergangenen Woche: Ich fahre mit dem Auto morgens Richtung Wien und Job, als es im Radio „Großvater“ von STS spielt. Ein uralter Song, mit dem ich quasi großgewordenen bin, den ich unzählige Male gehört habe, aber seit meiner „Wiedergeburt“ (oder ultimativen Entscheidung, mich selbst voll und ganz anzunehmen) im Jahr 2017, löst dieser Song (und ein paar andere) etwas in mir aus, was er nie zuvor hat: Tränen!

Einen Großvater wie im Song beschrieben, hatte ich nie. Insofern triggert der Sohn per se keine Erinnerungen, doch die intensive Emotionalität erfasst mich wie eine Welle und reißt mich mit. Ein absolut unpassender Zeitpunkt dafür, weshalb ich mich mit starrem Blick darum bemühe, mit jedem Atemzug die Emotionen in mir weiter runterzuschrauben. Berührbarkeit in dieser Form kann ich in meinem Job nicht gebrauchen. Sie würde mich schlichtweg entscheidungs- und handlungsunfähig machen. Ein Teil in mir wehrt sich gegen dieses „Abschalten“ meiner Emotionalität, weil es sich wie das Zwängen in ein viel zu enges Korsett anfühlt, dennoch ist es notwendig.

Grenzenlos emotional – Fluch und Segen zugleich

Jahrzehnte hatte ich meine Emotionalität abgelehnt, tief in mir verborgen, mir nur im dunklen Kinosaal ab und an erlaubt, sie auszuleben, wenn niemand meine Tränen sehen konnte. Es kostete mich unglaublich viel Kraft, diese Unterdrückung in mir aufrecht zu erhalten – und allzu öfter entlud sich der aufgestaute Druck in zerstörerischer Weise.

Typisch Borderline?

Mag sein.

Früher geschah diese Unterdrückung aus Unwissenheit und Angst. Heute vollziehe ich das „Abschalten“ bewusst aus der Notwendigkeit heraus, meinen Job ausüben zu können, der dies erforderlich macht. Schließlich muss auch ich Rechnungen bezahlen. Gewiss, ich könnte mir einen anderen Job suchen, der ohne Abschalten möglich ist, aber ich bin nun einmal ziemlich gut in dem, was ich tue. Manchmal denke ich, dass genau dieses Runterfahren der Emotionalität für meinen Erfolg verantwortlich ist – weil ich auch im ärgsten Stress einen klaren Kopf bewahren und rationale Entscheidungen treffen kann. Aber um welchen Preis?

Selbstbeschränkung auf Zeit.

Solange ich ausreichend Freiraum habe, ich selbst zu sein, funktioniert das recht gut. Schwierig wird es, wenn die Beschränkungszeiten zu lange andauern. Irgendwann stecke ich dann im Modus gedämpfter Emotionalität fest und komme dort nur mit ein wenig „Starthilfe“ wieder aus. Also mit etwas, das meine Gefühlsleben wieder pusht. Auch das ist mir mittlerweile bewusst und lebbar.

Dennoch bleibt bei all dem ein bitterer Beigeschmack: Je nach Bedarf knipste ich meine emotionale Seite aus oder an. Manchmal denke ich dabei an eine Filmszene aus „Star Trek: First Contact“, als der Androide Data mit einer Kopfbewegung seinen Emotionschip deaktiviert, um angesichts der Bedrohung durch das Borg-Kollektiv ungestört funktionieren zu können. Irgendwie habe ich das Gefühl, genau dasselbe zu machen. Was für mich lebensphilosophischen Frage aufwirft: Gehört es zum Menschsein dazu, sich hin und wieder emotional auszuschalten? Oder entwickelt sich diese Form des Menschseins in Richtung Maschine? Ist eine Gesellschaft noch gesund, die Arbeitsbereiche entwickelt hat, in denen Gefühle (und damit verbunden Berührbarkeit) stören?

Vor meinem zweiten Burnout beschäftigte mich die Frage, was einen Frontsoldaten auf Heimaturlaub dazu bringt, wieder an die Front zurückzukehren? Eine sehr plakative Metapher. Zurück in die innere Unterdrückung der eigenen Emotionen, um weiter „arbeitsfähig“ zu bleiben. Damals entzog ich mich auf drastische Weise der Beantwortung der Frage bzw. der Auflösung meines inneren Konfliktes. Heute bewege ich mich (leider) regelmäßig an der Grenze der Überlastung, jongliere ein hochexplosives Potenzial durch einen mit Herausforderungen gespickten Arbeitsalltag. Auf der einen Seite würde ich gerne dauerhaft vollständig ICH sein, ohne meine Emotionen aus- und anzuschalten. Auf der anderen Seite übt mein Job auch eine nicht zu leugnende Faszination auf mich aus. Den Reiz, das hinzubekommen, woran andere sich die Zähne ausbeißen. Das scheinbar unmögliche möglich zu machen. Mein Kick … und auf das Adrenalin-High folgt unausweichlich Frustration, über den Preis (Selbstbeschränkung), den ich dafür zu entrichten habe.

Süchtig nach dem Kick?

Dieser Vergleich drängt sich auf. Warum sonst nehme ich in Kauf, etwas zu tun, das mir dauerhaft nicht guttut, aber sich für kurze Zeit ungemein lebendig anfühlt, bevor es dann zur Belastung wird.

Schwarz-weiß. Das Pendeln zwischen den Extremen. Einst ein Fluch, heute ein überwiegend bewusstes „Spiel“ für mich… und mit Sicherheit eine Gratwanderung, ein Absturz jederzeit möglich, das Wissen um die Zusammenhänge und Achtsamkeit meine Sicherungsleinen.

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INSIDE BORDERLINE

*** TRIGGER-WARNUNG***

Auf meinem Blog möchte ich einen Einblick in meine Gedankenwelt als Borderlinerin ermöglichen. Diese Gedanken können – mittlerweile nur noch in Ausnahmefällen – erschreckend bis verstörend sein. Doch so gehören ebenso zu mir wie der vielfältige Rest.

Wer ab hier weiterliest, wird vielleicht schockiert sein – und tut dies auf eigene Verantwortung. Spoiler: Es gibt ein Happy End, denn selbst das längste und dunkelste Tal endet irgendwann.

INSIDE BORDERLINE

Was für ein abscheuliches Monstrum muss ich doch sein. Ich schaffe es tatsächlich alles, was sich in meinem Leben zum Guten entwickelt, zu sabotieren. Wenn ich auf meine Lebensjahre zurückblicke, wird ein roter Faden sichtbar: ich ziehe Menschen und Ereignisse in mein Leben, die mich verletzen. Ich muss nicht selbst zur Klinge greifen. Das erledigen anderen für mich und tiefer als ein Schnitt in die Haut. Sie zerschneiden meine Seele.

Alles, was ich suche, ist Liebe.

Alles, was ich geben will ist Liebe.

Alles, was ich bekomme, ist Schmerz in jeder nur erdenklichen Form. Ablehnung, Ausgrenzung, Verurteilung, Verletzung, Demütigung, Entwertung, Ignoranz, Gewalt …

Alles nur ein Spiegel dessen, was in mir ist. Was in mir zerbrochen wurde. Habe ich mir das tatsächlich ausgesucht? Hat meine Seele sich dieses Schicksal FREIWILLIG ausgesucht? Begann da nicht bereits die Selbstverletzung? Wer sucht sich in einen Lebensweg ohne Liebe aus?

Wer kann jemand wie mich lieben?

Was tun Menschen, wenn jemand neben ihnen verletzt ist und leidet? Sie nehmen diesen Menschen in den Arm und trösten ihn.

Was tue ich? Ich beginne zu analysieren, zu erklären, zu diskutieren. Ich funktioniere wie eine Maschine, nicht wie ein Mensch. Ich komme erst gar nicht auf die Idee, den anderen zu umarmen. Dieses Programm existiert nicht in mir. Ich habe es selbst nie kennengelernt, kann es weder abrufen noch dauerhaft in mir entwickeln. Wenn andere mich brauchen würde, werde ich zur emotionsbefreiten Marionette meiner Defizite.

Warum ich derart destruktive Gedanken niederschreibe?

Weil sie mich gerade davon abhalten, dem Schmerz in mir eine physische Manifestation an mir zu geben. Wer tippt, kann nicht gleichzeitig mit einer Schere hantieren. Ich und schneiden? Wenn kein Mensch rund um mich ist, der als Erfüllungsgehilfe meiner Selbstverletzung fungieren, verspüre ich diesen unheilvollen Drang …

Ich weiß genug über die Zusammenhänge und das es wichtig wäre, meine Gedanken unter Kontrolle und in eine andere Richtung zu lenken. Die Emotionen folgen dann zeitversetzt automatisch.

Nur … meine Gedanken wollen nicht dauerhaft umgelenkt werden. Sie wehren sich. Etwas in mir WILL diese Gedanken durchspielen, bis zum bitteren Ende.

Deshalb tippe ich. Damit das Aufgestaute abfließen kann ohne wirklichen Schaden anzurichten. Vielleicht werde ich diese Zeilen nie veröffentlichen. Vielleicht schon, um anderen zu zeigen, dass sie nicht allein sind und dass es einen Ausweg gibt.

Gibt es einen Ausweg?

Ja, den gibt es!

Für mich heißt er: Hinschauen. Nicht wegsehen, verdrängen, ignorieren, ablenken oder dergleichen. Hinschauen und anerkennen, was es gerade ist. Anerkennen, das alte Muster aktiv sind, Gedanken und Gefühle aus der Vergangenheit wachrufen.

All das hat nichts, absolut NICHTS mit meiner Gegenwart zu tun.

Auch wenn’s draußen stürmt, sitze ich hier drinnen im Trockenen. Es ist warm und sicher. Ich habe alles, was ich brauche, damit es mir gut geht.

Was in den Köpfen und Herzen anderer Menschen vorgeht, kann ich NICHT wissen. Vielleicht ahnen, aber vielmehr als Spekulationen werden es nicht. Ich kann also NICHT wissen, ob es da draußen nicht doch einen Menschen gibt, der etwas für mich empfindet, mich vielleicht sogar liebt.

Akzeptiere die Unwissenheit – sie befreit vom Druck der Gewissheit.

Anders gesagt: Alles ist möglich, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.

Ich bin vielleicht nicht perfekt, aber ich bin auch nicht das ultimative Böse. Ich habe Defizite, mache Fehler … wie jeder andere Mensch, der jemals über diesen Planeten gewandelt ist und es noch wird.

Allmählich lässt der Druck in mir nach, verschwindet das würgende Gefühl im Hals, die brennenden Tränen in den Augen. Inzwischen kann ich auf die Schere blicken, ohne den Wunsch zu verspüren, damit etwas anderes zu machen als Fäden meines aktuellen Strickprojektes abzuschneiden.

Überstanden?

Sieht so aus… für heute.

War’s das letzte Mal?

Wer weiß?

Vergessen ist nicht möglich. Wenn die Geister der Vergangenheit wach werden, hilft nur das, was damals gefehlt hat. Verdrängt habe ich lange genug in meinen Leben. Umarmt viel zu wenig – andere und mich selbst. Vielleicht sollte ich bei mir selbst beginnen.

Während ich noch tippe, geschieht das Unerwartete: Eine kurze Nachricht trifft ein. Ich atme auf, lächle und die Geister ziehen sich zurück in die Tiefen meines Unterbewusstseins.

Zufall?

Ich glaube nicht an Zufälle, dennoch bin ich dankbar, wenn sie geschehen.

Angst vor dem nächsten Mal?

Nein … auch wenn ich auf ein nächstes Mal liebend gerne verzichten kann, ich fürchte es nicht.

Werde ich damit klarkommen?

Definitiv!

In mir herrscht zuweilen eine bedrückende Dunkelheit – doch umgeben von viel mehr Licht.

In mir findet sich tiefer Schmerz – und noch viel mehr Lebensfreude und Liebe.

Vertrauend auf meinen unbändigen Lebenswillen, habe ich bereits vor langem erkannt, das ich mich dem Dämon stellen muss, Angesicht zu Angesicht, ihm in der Dunkelheit begegnen muss, um ihn in den Arm zu nehmen und zurück ins Licht zu führen. Diese Metapher zieht sich wie ein roter Faden durch JAN/A und sie spiegelt sich in meinem persönlichen Mantra:

Mit jedem Atemzug tiefer ins Gefühl, mit jedem Herzschlag näher und näher, mit allen Sinnen ins Feuer der Ekstase – fallen, schweben, tanzen, leben, lieben, hier und jetzt – ein Sturz in die Dunkelheit und durch sie hindurch ins Licht, in die Liebe, in die Leidenschaft, ins Leben.

Inside Borderline

Akzeptiere deine Unwissenheit.

Befreie dich vom Druck der Gewissheit.

Erlaube dem Leben, dich zu überraschen.

Staune über das, was es noch sein kann.

Bild: pixabay.com

JENSEITS DER REALITÄT

Es gibt ein paar „Dinge“ in meinem Leben, über die ich nur selten und nur mit ganz wenigen Personen spreche. Doch ein Ereignis vor wenigen Tagen hat mich dazu bewogen, dies zu ändern, denn es könnte da draußen andere geben, denen es ähnlich ergeht und die ebenfalls nicht darüber sprechen, weil sie sich damit allein glauben.

Was geschehen ist, das meine Meinung geändert hat?

Nun, ich war mit meinem Sohn abends im Auto unterwegs. Wir waren im Freiland unterwegs. Ein anderer Wagen kam und entgegen und blickte zum Linksabbiegen. Beide Fahrzeuge waren sich bereits ziemlich nahe, als ich kurz aufschrie, obwohl der andere Wagen noch nicht eingeschlagen hatte, mein Sohn bremste und gerade noch eine Kollision verhindern konnte, weil der andere Wagen doch plötzlich abbog, obwohl er Nachrang hatte und wir sicher nicht zu übersehen waren.

Mein Sohn meinte danach, ob ich die Jedi-Gabe hätte, Ereignisse zu erkennen, bevor sie geschehen. Ganz so theatralisch würde ich es nicht bezeichnen, aber ja: ich habe eine Art von Gabe, manches zu „spüren“, bevor es geschieht. Zu wissen, wer anruft, ohne aufs Display zu blicken – und ich habe nur einen allgemeinen Klingelton, keine personenspezifische. Zu wissen, was jemand sagen wird, bevor die Person noch den Mund öffnet. Zu wissen, was in einem Meeting geschehen wird. Manches einfach zu wissen, woher auch immer.

Ich bin keine Hellseherin. Ganz und gar nicht. Aber ich nehme hin und wieder und ohne willentliches Zutun manches wahr, kurz bevor es sich in der sichtbaren Realität manifestiert. Wie eine Art sechster Sinn. Intuition. Gespür. Es ist einfach da. Diese Gabe habe ich schon mein ganzes Leben lang. Zu spüren, was hinter dem Spiegel ist. Manchmal auch in Menschen, ihre Schmerzen, Krankheiten, Leid … das auszuhalten war und ist eine Herausforderung, weshalb ich viele Jahre meines Lebens meine Gabe unterdrückte, bis ich irgendwann nichts mehr spürte …

Wie ich gerne sage: Borderline entsteht nicht über Nacht und nicht grundlos.

In meiner Jugend war ich anfällig für okkultistische Strömungen, Esoterik und alles, was mir versprach, Erklärungen zu liefern ohne mich zu verspotten oder schlimmeres. Es ist nicht einfach für ein heranwachsendes Kind, etwas wahrzunehmen, das anderen verborgen bleibt, darüber zu sprechen und von allen Menschen im Umfeld zu hören: „Du spinnst ja.“

Wie gesagt, ich bin keine Hellseherin. In meinem Verständnis existieren unzählige Varianten der Zukunft und unsere individuellen Entscheidungen sorgen dafür, welche davon sich realisiert. Wobei man nun darüber diskutieren kann, ob unsere Entscheidungen dem freien Willen oder universeller Bestimmung entspringen – oder beidem. Diesen Diskurs hebe ich mir für ein anderes Mal auf.

Meine „Gabe“ ist es, ab und zu diese Manifestation der Realität zu spüren, kurz bevor andere diese mit ihren Sinnen erfassen können. Für mich ist das absolut natürlich und keineswegs übernatürlich. Ich denke, alle in Freiheit lebenden Wesen, die sich noch als Teil des Organismus Erde wahrnehmen, haben dieses Gespür. Auch wir Menschen. Allerdings scheinen wir diesen „Sinn“ im Zuge der Domestizierung zu einem verstandesgesteuerten Teil der modernen Gesellschaft zu verlieren. Dann sehen und hören wir bevorzugt das, was wir selbst verursachen. Leider nicht mehr die feinen Nuancen dessen, was permanent rund um uns schwingt, denn die Verbindung zum großen Ganzen scheint durchtrennt.

Wer aus dem Fluss des Lebens fällt, landet jenseits der Realität.

Nun stellt sich die Frage: Was ist die „wirkliche“ Realität? Jene der Verstandesmenschen? Oder jene, die mehr wahrnimmt, als der Verstand erklären kann?

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Couchtime mit Lesley

In der vergangenen Woche habe ich ein experimentelles Format gestartet. Wie das klingt … voll professionell 😉

Scherz beiseite.

Seit Monaten habe ich den Eindruck, außer Arbeit nur noch Arbeit und sonst nichts am Hals zu haben. Covid sei Dank (Anmerkung: Sarkasmus), sind die Möglichkeiten an Freizeitaktivität mit Menschen drastisch eingeschränkt und werden es wohl noch einige Zeit bleiben. So richtig bewusst wurde mir das neulich beim Schifahren. Allein unterwegs zu sein, kenne ich auch von früher. Während der Liftfahrten ergaben sich aber stets nette Plaudereien. Diese fielen nun komplett weg, weil der Sessellift oder die Gondel nicht mehr mit „haushaltsfremden Personen“ geteilt wird.

Neue, andere Menschen treffen und sich austauschen – scheinbar unmöglich geworden in Zeiten wie diesen.

Schlimm für mich, denn ich entdecke gerne die Lebenswelten anderer, gewinne daraus Ideen und Inspiration für mich selbst. Dies ist nun deutlich eingeschränkt. Was also tun?

Nun, ich beschloss kurzerhand, einen Zoom-Raum unter dem Titel „Couchtime mit Lesley“ einzurichten. Ziel und Zweck: Plaudern über das Leben, ein wenig Philosophieren mit Gleichgesinnten, eine angenehme Zeit abseits des Alltags verbringen.

Da ich außer Arbeit nur Arbeit und sonst nichts am Hals hatte, blieb kaum Zeit, diesen Termin und damit das neue Format zu promoten.

Und ganz ehrlich: ich wollte es auch nicht. Diese Massenschreierei in den sozialen Medien, wer nicht was macht und das bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit überall kundtut … das ist nichts für mich.

Wer nicht wirbt, der stirbt … mit diesem Satz wurde ich schon während meiner kaufmännischen (auch so etwas gehört zu meinem Lebenslauf) Ausbildung konfrontiert. Mag sein, das dies auf viele Produkte zutrifft, aber ich bin kein Produkt. Ich bin ein Mensch. Ich erzähle meine Geschichte. Wer mich findet, bleibt vielleicht. Wer bleibt, erzählt vielleicht weiter. Und wenn nicht, ist das auch in Ordnung.

Ich wurde nicht Lesley, um irgendein Marketingziel damit zu erreichen, weder Reichweite noch Verkaufszahlen, Klicks oder wonach andere streben.

Ich wurde Lesley, um meine Borderline-Persönlichkeit auszubalancieren.

Ich bin Lesley, um einen Platz in meinem Leben zu haben, an dem ich uneingeschränkt ICH sein kann, ohne mich zu verdrehen, anzupassen oder dergleichen – was wiederum heilsame Effekte auf meine Borderline-Persönlichkeit hat.

Ich bin Lesley B. Strong – a fiery spark of joie de vivre

Wer mich findet, und Zeit mit mir oder meinen Büchern, Geschichten und Beiträgen verbringen möchte, ist jederzeit von ganzem Herzen willkommen. Die nächste Couch Time mit Lesley findet am Donnerstag, 22.04.2021 um 20:00 Uhr statt

Ach ja, die Premiere hat deutlich länger gedauert als geplant und wurde ein sehr netter Abend 😉

APROPOS GEDULDSFADEN

Es gibt tatsächlich Menschen, die behaupten, ich hätte eine Engelsgeduld. Deren sind es gar nicht so wenige. Ich sehe das ganz anders. Genau genommen halte ich mich selbst für ziemlich ungeduldig. Was diese Menschen verwechseln, ist meine Fähigkeit, für nahezu alles und jedes Verständnis aufzubringen. Solange ich etwas plausibel nachvollziehen kann, finde ich einen Weg, damit umzugehen. Das wird mir dann als Geduld ausgelegt.

Schwierig wird es, wenn ich etwas nicht mehr nachvollziehen kann UND meine „Natur“ zeitgleich etwas in ihrem Gleichgewicht schwankt.

Ein Beispiel: Chatten, Texten, Schreiben … welche Bezeichnung auch immer für den schriftlichen Austausch über diverse Messenger-Dienste gewählt wird. Ich schreibe an Person X eine simple Frage in der Art von „Wie geht es dir?“ und sehe, dass die Nachricht von Person X auch gelesen wurde. Keine Antwort. Kennen wir alle. Die Zeit vergeht, immer noch keine Reaktion. Kennen wir auch alle. Irgendwann sind Stunden vergangen und manchmal bekommt man auf die gestellte Frage NIE eine Antwort. Kennen vermutlich ebenfalls alle von uns.

Nun, befinde ich mich zur Zeit des Geschehens in einem ausgeglichenen, entspannten Zustand, ist das überhaupt keine Sache. Meine „Engelsgeduld“ kann sich verschiedene Szenarien vorstellen, wonach Person X gerade beschäftigt ist, vielleicht müde, schlecht drauf … was auch immer. Null Problemo. Ich finde für mich mögliche Erklärungen und damit Verständnis.

Schwierig wird es, wenn ich selbst am Rande der Belastungsgrenze bin, denn diametral zu meinem eigenen Anspannungslevel sinkt mein Verständnispegel. Irgendwann ist es nur noch nervig und ich denke mir: Okay, ich bin Person X offenbar völlig egal.

Der rationale Teil von mir weiß natürlich, das dem nicht so ist, aber der emotionale ist schlichtweg angepisst, weshalb ich meine Finger zusammenkralle, um nicht Nachrichten in der Art von „Was ist eigentlich so schwer daran, zu schreiben: Hab gerade keine Zeit, melde mich später. Bricht dir deshalb ein Zacken aus der Krone? Oder gehört es heute zum guten Ton, den anderen einfach zu ignorieren? …“ abzusetzen.

Mittlerweile gelingt es mir, meine Selbstbeherrschung zu bewahren und zu schweigen, auch wenn ich innerlich ein klein wenig explodiere und mein Geduldsfaden reißt … bildlich gesprochen spuckt mein Drache Feuer.

Im Hinterkopf habe ich immer auch den Gedanken, das derart impulsive emotionale Ausbrüche typischerweise Borderlinern zugeschrieben werden – obwohl ich absolut davon überzeugt bin, dass auch Nicht-Betroffene ab und an in solchen Situationen auszucken, nur wird das dann gerne als „situationsadäquat“ angesehen. Bei Borderlinern hingegen als „verhaltensauffällig“. Öl ins Feuer der Vorurteile zu gießen gehört ganz und gar nicht zu meinen Absichten, und so übe ich mich in Selbstbeherrschung.

Dennoch – die Frage nach dem „Warum ist es eigentlich so schwer …?“ bleibt. Es scheint, als würde zeitgleich mit der quantitativen Zunahme an Kommunikation die qualitative Seite abnehmen. Zugegeben, es gibt eine Menge Menschen, die auf die Frage „Wie geht es dir?“ keine Antwort erwarten, sondern diese einfach als Höflichkeitsfloskel verwenden bzw. gar nicht zuhören oder darauf eingehen, sollte eine (ehrliche) Antwort erfolgen. Aber ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich frage, weil es mich interessiert. Gehöre ich damit zur Minderheit? Hoffentlich nicht, denn das wäre erst recht erschreckend… oder nervig.

Zurück zu denen, die nicht (zeitnah) antworten. Möglicherweise ist ihnen nicht bewusst, wie wenig wertschätzend es ist, den anderen – bildlich gesprochen – einfach stehen zu lassen. Würden sich beide Personen gemeinsam in einem Raum aufhalten, wäre es sofort für beide erkennbar, wenn eine Person sich entfernt und damit die Kommunikation beendet. Vermutlich wären auch die Gründe leichter erkennbar, wenn z.B. ein dringender Anruf reinkommt oder das Haus abbrennt. Diese Sichtbarkeit ist im Messenger nicht gegeben, denn die nonverbale Seite der Kommunikation schrumpft, wenn es sich nur um Buchstaben und/oder Emojis auf einem Bildschirm handelt. Der Kontext schwindet. Gleichzeitig öffnet sich das Feld für wilde Spekulationen … und daraus resultierende Missverständnisse, nachfolgende Streitgespräche inklusive.

Echt nervig.

Wenige Worte könnte das verhindern.

Qualität statt Quantität in der Kommunikation.

Mitdenken.

Kontext mitteilen.

Es wäre so einfach …

… aber wir sind Menschen mit einer scheinbar anerzogenen Neigung zur Verkomplizierung an sich einfacher Prozesse.

Einfach ist das neue cool – für mich 😉 … dann klappt das auch mit dem Geduldsfaden.

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