Tagebuch meines neuen Lebens / Tag 11

Während ich meine Augen schließe, spüre ich dem Gefühl in mir nach. Es wäre so einfach, ließe es sich eindeutig zuordnen. Doch einfach ist in meinem Leben selten etwas – wie in diesem Augenblick. Da ist Traurigkeit, die sich wie ein allumfassender Schleier über die Geschehnisse legt. Ein Hauch von Schmerz, weil es nie soweit hätten kommen dürfen. Zuversicht, jenen Schritt zu gehen, den ich solange verweigert hatte. Erleichterung, weil ich diesen Schritt gegangen war, und tiefes Bedauern, weil ich diesen Schritt gegangen war.

So vieles habe ich zurückgelassen: Dinge, Orte, Menschen, einen ganz besonderen Menschen, jenen, den ich niemals zurücklassen wollte. Unzählige Erinnerungen drängen in mein Bewusstsein, bahnen sich ihren Weg aus jenem Ozean, der unaufhörlich vom Fluss des Lebens gespeist wird. Ein Ozean aus Gefühlen, Gedanken, Erinnerungen, tief in uns verborgen, unsichtbar für alle jene rundum, intensiv spürbar wie kaum etwas anderes. Ein Ozean der uns – der mich durchdringt, in jedem Augenblick, mit jedem Atemzug, der mich fühlen lässt, wer ich bin, und was ich verloren habe, was ich freigab in der Hoffnung, es möge irgendwann durch schicksalhafte Strömungen zurück an meine Ufer gespült werden.

Einst hatte ich geschworen zu lieben – und ich liebe noch immer, richte meinen Blick in die Vergangenheit, versuche zu verstehen, Tag für Tag. Loslassen – ohne zu wissen, was zurückkehren wird. Oder ob überhaupt etwas zurückkehren wird. Liebe verschwindet nicht einfach, doch Zweifel kann sie vergiften, die Saat des Misstrauens nähren, deren Triebe sich um Angst und Verletzung ranken.

Weder Geld noch Gold können auch nur ein einziges Wort unausgesprochen machen. Niemand hat die Macht, Geschehenes ungeschehen zu machen. Worauf kann ich hoffen? Auf Verständnis? Vergebung? Versöhnung? Oder ist jede Hoffnung blanke Illusion? Zerbrochenes Glas bleibt zerbrochen. Scherben bleiben Scherben. Und doch ist da ein Licht in meinem Herzen, ein Funke nur, der hoffen will, glauben an das Unwahrscheinliche, vertrauen auf schier Unmögliches. Vermag Liebe jene Wunde zu heilen, die das Leben gerissen hat?

Gedankenverloren spüre ich meinem Atem nach, der durch meinen Körper strömt. Fühle die Schwere in meinem Herzen zurückweichen und das Lächeln, das zaghaft an die Oberfläche dringt, als sich eine vertraute Hand auf meine Schulter legt, als Geborgenheit mich umfängt und ich weiß, dass alles genauso ist, wie es sein soll.

… diese Zeilen schrieb ich am Vorabend. Die diffuse Idee zu einer Kurzgeschichte, die ich irgendwie festhalten wollte. Doch heute denke ich, es war viel mehr als das. Rational habe ich die Ereignisse seit dem 11.07.2020 analysiert, bewertet, verarbeitet, Entscheidungen getroffen und Prozesse in Gang gesetzt, um mein Leben neu auszurichten.

Emotional habe ich mich – um weitermachen zu können – für eine Weile auf Mute geschalten. Als die Nähe zu gegenseitigen Verletzungen und weiter zu Worten und Handlungen führte, die noch mehr Schmerz hervorriefen, sehnte ich mich nach Distanz, um wieder zur Ruhe zu kommen. Nachdem ich nun bereits einige Zeit getrennt und ohne Kontakt bin, fühle ich wieder das, was unterhalb der Verwundungen da war und immer noch da ist: Liebe, der Wunsch nach Nähe, der Wunsch für den anderen da zu sein.

Der Verstand weiß, dass eine Rückkehr zu den etablierten Beziehungsmustern nach einiger Zeit wieder zu Schmerz führen würde. Das Herz sehnt sich nach dem, was zwischen den Verletzungen da war. Meine „Kurzgeschichte“ spiegelt das eindeutig wider. Mein Unterbewusstsein kommuniziert mit meinem Bewusstsein, bringt den Wunsch zum Ausdruck, den mein Verstand als illusorisch abgehakt hat. Ein Viertel Jahrhundert emotionale Verbundenheit löst sich nicht in wenigen Stunden oder Tagen in Nichts auf. Der Schmerz emotionaler Verletzungen kann sich wie ein trübender Schleier darüberlegen, aber darunter bleibt es, was es zuvor war: Liebe.

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