Es braucht immer zwei …

Heute werde ich ein wenig über die Ereignisse der vergangenen sieben Tage reflektieren.

Zum einen war ich in einigen Borderline-Foren und Selbsthilfegruppen aktiv unterwegs um einen Eindruck zu gewinnen, wie andere mit ihrer Borderline-Thematik umgehen. Ich traf dabei auf viel Bekanntes. Leider auch auf die weit verbreitete Überzeugung, die „Anderen“ würden Borderline-Betroffenen überwiegend mit Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung begegnen.

Zum anderen war ich am Wochenende auf einer Frauen-Messe und habe die Gelegenheit genutzt, Kontakte zu knüpfen und vor allem Menschen auf das Thema Borderline anzusprechen. Quasi Feldforschung zu betreiben. Wieder einmal hat sich dabei bestätigt, dass die meisten kaum etwas darüber wissen – von den klassischen Klischees und Zuschreibungen abgesehen. Auf Ablehnung traf ich persönlich nicht, eher auf Erstaunen (weil ich den Klischees nicht entspreche?) und auf Interesse (weil ich den Klischees nicht entspreche!)

Beide Erfahrungen betrachtend habe ich mich an ein Ereignis vom Jahresanfang erinnert. Damals führte ich ein Telefonat mit einer Kollegin, das außer Kontrolle geriet. Sie verstand mich nicht und ich sie nicht. Klassisches Kommunikationsproblem. Leider eines, dass mich getriggert und dadurch einen aggressiven Abwehrmechanismus in mir gestartet hat. Es gelang mir gerade noch, mit einer wenig höflichen Aussage im Sinne von „Kein guter Zeitpunkt zum Reden. Ich melde mich wieder“ das Gespräch abrupt zu beenden und aufzulegen. Ich brauchte einige Stunden, um aus dem emotionalen Karussell wieder auszusteigen. Danach wollte ich den Vorfall nicht am Telefon besprechen, sondern habe ein paar Tage gewartet, bis ich diese Kollegin persönlich traf. Sie war wenig erfreut, mich zu sehen. Man könnte auch sagen: sie war angepisst. In ihren Augen war meine Handlungsweise äußerst unkollegial, rüde, abweisend …

Ich erklärte ihr den Hintergrund, dass ich Borderlinerin sei und schlichtweg in einem Verhaltungsmuster festgesteckt bin. Das Gespräch zu beenden bevor mein Verhaltungsmuster die Eskalationsspirale weiter nach oben schrauben konnte, war aus meiner Sicht die beste Option. Aus Unverständnis wurde Verständnis, aus einem Konflikt die Basis für Kooperation. Das Wundermittel? Kommunikation. Wir arbeiten nach wie vor zusammen und besser als je zuvor.

Vorfälle wie dieser bestärken mich auf meinem Weg, offen mit meinem Thema Borderline umzugehen. Hier sei in aller Deutlichkeit gesagt: dies ist MEIN Weg. Ich empfehle jedem, selbst zu entscheiden, ob und in wie weit jeder einzelne darüber offen sprechen möchte. Dafür gibt es keine allgemein gültige Idealformel.

Ich spreche und schreibe offen über mein Borderline-Syndrom. Lange Jahre tat ich das nicht, weil ich dachte, ich würde damit als schwach oder unfähig wahrgenommen werden. Ich bin keins von beiden. Ich bin verletzlich, und wollte diese Verletzlichkeit nicht preisgeben – aus Angst vor Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung. Daher verstehe ich den Rückzug hinter den Mantel des Schweigens nur allzu gut.

Dennoch ist es mir wichtig zu zeigen, dass sich die Gesellschaft nicht so einfach in zwei Lager aufspalten lässt: Auf der einen Seite Borderliner (oder Menschen mit anderen „belächelten“ Krankheiten) und auf der anderen Seite „die Anderen“, die nicht verstehen, ablehnen und ausgrenzen.

So einfach ist es nicht.

Die Welt – inklusive unserer Gesellschaft – besteht nicht aus schwarz/weiß, sondern aus unendlichen vielen Facetten von grau. Oder unendlich vielen Farben. Ich bevorzuge die bunte Variante. In dieser bunten Vielfalt ist jeder von uns ein Individuum. Keine zwei sind völlig gleich in ihrer Persönlichkeit und ihrem Verhalten. Oder ihrem Umgang mit Krankheit, ihren Beziehungsvorstellungen, Konfliktstrategien … Der gemeinsamer Nenner, der uns alle inmitten dieser Vielfalt verbindet, sind urmenschliche Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Normalerweise vermeide ich Verallgemeinerungen, doch dieser einen stimme ich aus tiefster Überzeugung zu.

Es gibt noch etwas, dass ich wage zu verallgemeinern: Wann immer zwei (Menschen oder Gruppen) einander mit Offenheit und ehrlichem Interesse begegnen, lösen sich Unverständnis, Ablehnung und Ausgrenzung von ganz alleine auf. Durch Kommunikation und Kooperation entsteht ein Miteinander. Aber dafür braucht es immer zwei, die aufeinander zugehen und damit beginnen, zu vertrauen.

Zwei wie Hund und Katze …

… ein geflügeltes Wort aus der Umgangssprache für zwei, die nicht zusammen passen. Kennt jeder von uns. Manche verwenden es vielleicht sogar. Dennoch ist es eine bewiesene Lüge. Unzählige Bilder zeigen, dass es auch anders sein kann. Im Grunde kann alles anders sein.

Wie viele „Volksweisheiten“ oder Glaubenssätze übernehmen wir unreflektiert, hegen und pflegen sie unser Leben lang, geben sie an die nächste Generation weiter.  

Wie viele Wahrheiten glauben wir zu kennen, über andere und uns selbst.

Es gibt nur wenige verbriefte Wahrheiten, und selbst über die kann man philosophieren … was ich heute ausnahmsweise nicht vorhabe. Vielmehr geht es mir darum einen Denkanstoß zu geben, achtsam zu bleiben, zu hinterfragen und vorsichtig mit Vorurteilen und Zuschreibungen.

Hund und Katze müssen einander nicht zwangsläufig als Feinde begegnen.

Borderliner müssen nicht zwangsläufig beziehungsunfähig sein.

Nicht-Borderliner müssen nicht zwangsläufig die einfacheren Menschen sein.

In den vergangenen Tagen habe ich mich in einigen Foren bewegt und festgestellt, dass nach wie vor viele Menschen an den diversen Vorurteilen und Zuschreibungen leiden. Es scheint fast, als hätte das Leben (oder die Gesellschaft) ihnen einen Stempel verpasst, ein Etikett in der Art von: „Borderline – eh schon wissen …“

Tun wir das? Wissen wir? Was wissen wir?

Das jeder Mensch ein Individuum ist?

Das jede Persönlichkeit die Summe all ihrer Lebenserfahrungen ist?

Das keine zwei vollkommen gleich sind?

Das Hund und Katze beste Freunde sein können?

Bleib wachsam gegenüber Vorurteilen und Zuschreibungen. Mögen sie von außen kommen oder aus deinem Innersten, aus deiner Vergangenheit, aus dem, was andere dich einst lehrten, über dich und die Welt zu denken.

Bleib wachsam und erlaube dem Leben, dich jeden Tag aufs Neue zu überraschen; dir neue Ideen und Erkenntnisse zu bringen; deine Welt größer und bunter werden zu lassen.

Apropos … fridays for future

Bis vor kurzem lebte ich stärker in der Vergangenheit als in der Gegenwart. In der Zukunft sah ich eher ein abstraktes Konzept denn etwas, mit dem ich mich wirklich befassen wollte. Vieles hat sich für mich verändert.  Auch zum Thema Zukunft. Oder um es mit Jean-Luc Piccard zu halten: „Vor mir liegen weniger Jahre als hinter mir“. Das mag Ansichten verändern und Einsichten entstehen lassen. Die Zukunft ist ein Thema, das jeden von uns beschäftigen sollte. Nachdem in den letzten Wochen und Monaten sehr viele Menschen weltweit diesbezüglich Stellung nehmen, will ich dies heute auch tun.

Meine ganz persönliche Meinung: nie war es dringender, aktiv zu werden um unseren Lebensraum zu erhalten. Wir hätten bereits vorgestern damit beginnen sollen. Gestern haben wir verschlafen. Heute ist nicht mehr absehbar, was kommen wird, aber tun wir nichts, ist eines gewiss: es wird keinesfalls besser. Der Schaden, den die Menschheit angerichtet hat, wird nicht von allein verschwinden – zumindest nicht in einigen Generationen. Vielleicht in Jahrtausenden?

Dennoch – ich glaube nicht, dass wir diese Herausforderung meistern werden, indem wir einander Schuldzuweisungen an den Kopf werden oder Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen und abstrafen. Dies mag das Gerechtigkeitsstreben des menschlichen Geistes befrieden, aber es beseitigt weder Umweltschäden noch deren Auswirkungen.

Wir – die Menschheit – hat ein globales Problem erschaffen, dass unsere Lebensgrundlage zerstören kann und wird. Und nur wir – die Menschheit – wird dieses Problem lösen können.

Für mich steht dabei das Thema Rückbesinnung im Vordergrund. Wir haben den Bezug zu unserer Umwelt (und manchmal auch zu den Menschen um uns) verloren. Irgendwann in der Entwicklung der Menschheit begannen wir uns offenbar als „Außenstehende“ des Organismus Erde wahrzunehmen. Die Krone der Schöpfung? Eher deren Sargnagel. Der Planet Erde kann gut ohne die Menschen weiter seine Bahnen um die Sonne drehen. Die Menschen allerdings können nicht ohne die gute alte Mutter Erde.

Ich bin Borderlinerin. Lange Zeit meines Lebens hatte ich den emotionalen Bezug zu den Menschen in meinem Umfeld verloren oder nur sehr schwach wahrgenommen. In dieser Zeit fügte ich meinem Umfeld und mir selbst viel Schaden zu. Für mich sieht es heute so aus, als hätte die Menschheit den Bezug zu ihrer Lebens- und Überlebensgrundlage verloren. Wie sonst kann man erklären, dass Menschen ihren eigenen Lebensraum verseuchen, verwüsten und zerstören. Gleich jenem Selbstzerstörungsdrang, der mich selbst lange Zeit bestimmte.

Nicht Befehle oder Gesetze werden die Menschen zum Umdenken und zu Veränderungen in ihren Entscheidungen und Handlungen führen, sondern das Bewusstsein, das alles auf diesem Planeten gemeinsam eine Einheit bildet und wir ebenso dazugehören wir jeder Baum, jeder Stein, jedes Tier, jeder Tropfen Wasser …

Wir sind ein Teil des Ganzen!

Zerstören wir unsere Umwelt, zerstören wir uns selbst.

Die Rechnung ist ganz einfach. Die Lösung wäre es im Grunde auch. Jeder von uns kann etwas tun. Manche mehr, andere weniger. Die einen können Entscheidungen treffen, die ganze Nationen bewegen. Andere können sich jeden Tag dafür entscheiden, ein Leben zu führen, dass möglichst wenig Schaden anrichtet oder etwas tun, um den Schaden wieder auszugleichen.

Wir können alle etwas tun!

… wenn wir aufhören, uns gegenseitig zu bekämpfen, gleich ob mit Worten oder Waffen, und stattdessen erkennen, dass dieser Planet unser aller Heimat ist.

… wenn wir aufhören, über Vergangenes zu klagen, und stattdessen nach vorne blicken, was JETZT zu tun ist.

… wenn wir aufhören, in Grenzen zu denken, und stattdessen jene Fähigkeiten nutzen, die uns als Menschen ausmachen: Kommunikation und Kooperation.

Die Zukunft entsteht genau jetzt, in diesem Augenblick, mit jedem Gedanken, jedem Wort, jeder Entscheidung … und jeder von uns trägt dazu bei, was morgen sein wird.

Apropos … teilen ausdrücklich erwünscht 😉

Wieder einmal … Beziehungsstress

Weil es gerade aktuell ist und wer kennt das nicht: Stress mit dem Partner oder der Partnerin. Es begann ganz klassisch. Das falsche Wort zur falschen Zeit, einer triggert den anderen und schwuppdiwupp – so schnell konnte ich gar nicht schauen – herrschte Funkstille. Fass mich nicht an und wenn du es doch versuchst, dreh ich mich weg. Ablehnung und Zurückweisung. Das ist für niemanden leicht verdaulich. Für mich als Borderlinerin schon gar nicht. Diese Form von Stress öffnet bei mir Tür und Tor für alte Gedanken und Verhaltensmuster. Und es hilft wenig bis gar nichts, mir vor Augen zu halten, dass mein Partner gerade selbst in einem alten Verhaltensmuster feststeckt und nicht anders kann. Wie ich in meinem Beitrag am 15.10.2019 dargestellt habe, kann ich diese Gedanken bewusst denken, und mein Verstand schleudert mir ein handfestes Gegenargument nach dem anderen vor die Füße.

Nein, es braucht für mich andere Wege. Oder besser gesagt: einen anderen Weg, nämlich raus aus der Wohnung und ab in den Wald. Allein. Frische Luft. Bewegung. Einfach auf mich wirken lassen, was rundum ist. Natur. Farben. Raschelndes Laub. Plätscherndes Wasser und mitunter der unerkennbare Geruch von Pilzen, Moos und feuchter Erde … Wald eben.

Ich öffnete also meinen Geist für die Eindrücke rundum, bewegte mich vom Problem fort und hin auf einen erwünschten Zustand: Ruhe und Gelassenheit. Plötzlich war da ein völlig anderer Gedanke, eine Idee für eine Geschichte. Ich weiß noch, ich begann zu lachen und sagte (ziemlich laut): das ist echt gut! Naja, Selbstgespräche im Wald hören meistens nur die Bäume, aber wer weiß, vielleicht waren auch Wanderer in der Nähe.

Jedenfalls weitete sich die Idee aus und am selben Tag noch schrieb ich eine Geschichte, ein modernes Märchen, das ich demnächst hier posten werde, aber heute würde es den Rahmen sprengen. Heute geht es mir darum, etwas anderes bewusst zu machen.

Fast jedes Problem löst in irgendeiner Weise Stress aus. Sonst wäre es ja kein Problem. Viele von uns versuchen Probleme zu lösen, indem sie immer tiefer mit ihren Gedanken in das Problem eindringen. Das ist fatal, denn – vereinfacht und ohne umfangreiche theoretische Hintergrunddarstellung (bitte vertrau mir, dass ich weiß, wovon ich schreibe) – worauf wir unsere Gedanken richten, dass verstärken wir, davon ziehen wir mehr in unser Leben, das halten wir fest, daran klammern wir uns, das bestimmt uns. Dies gilt natürlich und insbesondere für Probleme. Solange unser Geist damit befasst ist, zu ergründen, was warum nicht funktioniert, blockieren wir uns selbst.

Bei meinem Spaziergang durch den Wald ging es mir nicht darum, vor dem Problem davonzulaufen, aber meinen Kopf freizubekommen und meine Gedanken in einen anderen Bereich zu lenken, um sie letztendlich gezielt auf das zu richten, was ich haben will: eine Lösung!

Man sagt mir nach, ich sei eine sehr gute Problemlöserin. Eine Kompetenz, die ich im Laufe vieler Jahre und vieler Katastrophen erworben habe. Probleme, auch Beziehungsprobleme (und damit verbunden Beziehungsstress), lassen sich nur schwer lösen, indem der Fokus auf das Problem gelenkt wird, sondern viel leichter durch eine 180-Grad-Wendung: durch die Fokussierung auf das, was sein soll! Daraus leite ich dann konstruktive Fragestellungen ab: was brauche ich dafür? Was kann ich dafür tun? Dies wiederum verändert meine innere Haltung, meine Ausstrahlung, meine Energie, meine Anziehungskraft, meine Wirklichkeit … welches Erklärungsmodell auch immer für dich akzeptabel erscheint.

Eine weise alte Nachbarin sagte einmal zu mir: Alles, was du beachtest, wird mehr!

Umkehrschluss: alles, das ich nicht beachte, wird weniger.

Das trifft jetzt vielleicht nicht unbedingt auf die Schale mit Kartoffelchips zu, die bei Beachtung definitiv an Fülle verliert, aber es trifft mit Sicherheit auf Gefühle und Gedanken zu; auf das, was uns durch dieses Leben führt.

Halte ich mir schmerzerfüllt vor Augen, wie grausam mein Partner sich gerade benommen hat, wo er doch besser als alle anderen wissen müsste, wie tief es mich verletzt … betrete ich mein persönliches Jammertal und bin in Gefahr, auf seinen verworrenen Wegen noch so einiges wieder zu entdecken, dass diesen Eindruck verstärkt. Ich würde mich in meinem eigenen destruktiven Gedanken-Labyrinth verlieren.

Halte ich mir vor Augen, dass es mir in diesem Augenblick gut geht, ich durch einen farbenprächtigen Herbstwald wandere und noch ein paar wärmende Sonnenstrahlen vor dem nahenden Winter genießen darf, dann wird es mir deutlich leichter fallen zu verstehen, dass wir alle nur Menschen sind und hin und wieder einfach das falsche Wort zur falschen Zeit sagen, ohne böse Absicht. Einfach nur ungeschickt. Menschlich. Und diese Verstimmung wird vorüber ziehen, so wie der Nebel, der eben noch oberhalb der Baumwipfel lag und sich über den Hang hinauf verzogen hat.

Wenn ich nach Hause zurückkehre, wird meine Ausstrahlung nicht von Sorgen und Schmerz, sondern von Lebensfreude und Gelassenheit künden. Und manchmal kann das hoch viral sein 😉

Nur ein Mensch

In den letzten Tagen wird mein Selbstbild auf eine Weise geprüft, die ich als äußert unangenehm empfinde. Reden wir Klartext.

Hinter mit liegen einige sehr unausgeglichene Tage. Emotionale Schwankungen ohne erkennbaren Auslöser und damit auch kaum rational erklärbar. Insbesondere mein Lebenspartner reagiert aktuell auf diesen Umstand mit Rückzug und Distanz. Oder einfacher formuliert: er geht mir aus dem Weg. Kein Wort. Keine Berührung. Kein Kuss. Nichts, dass Auslöser für einen Crash liefern könnte. Einerseits ganz gut, aber andererseits … öffnet dieses Verhalten für mich Tür und Tor Richtung destruktiver Gedanken in der Art von: Ich habe wieder einmal etwas falsch gemacht, war zu emotional, habe nicht richtig funktioniert, mich kann man eben nicht leicht aushalten – ich bin das Problem.

Vermutlich wie viele andere Borderliner auch, neige ich dazu, die Verantwortung für alles, was rund um mich passiert, auf meine Schultern zu legen. Ganz besonders wenn etwas nicht zufriedenstellend läuft – wie gerade eben bei mir zuhause.

Mir ist durchaus bewusst, dass es seinerseits keine böse Absicht ist, sondern er einfach – genauso wie ich hin und wieder – Raum für sich selbst braucht um Durchzuatmen. Nur – verstehen ist eine Sache, fühlen eine ganz andere. Sind die gedanklichen Mühlen der Selbstdemontage erst einmal gestartet, mahlen sie langsam, aber ausdauernd. Von der Selbstdemontage bis zur Selbstzerfleischung – so nenne ich die gesteigerte Form jener Gedanken der Selbstentwertung – dauert es dann nicht mehr lange.

Plötzlich geschieht etwas völlig unerwartetes.

Eine Person betritt rein zufällig mein Leben im Rahmen eines beruflichen Gespräches. Weniger als eine Stunde später erzählt mir diese Person, dass sie am Morgen dieses Tages im Rahmen ihrer Motivationsarbeit sich vorgestellt hat, in den folgenden Stunden jemand zu treffen und Informationen zu erhalten, die ihr bei ihren offenen Themen im Leben weiterhelfen. Dann trifft sie mich, bekommt genau das, was sie gesucht hat. Und ich denke mir: Wow!

Plötzlich ist da ein anderer Gedanke, der beginnt, den Mühlen der Selbstdemontage das Wasser zu entziehen. Es gesellen sich weitere Gedanken dazu. Da war doch diese Frau letzte Woche bei der Veranstaltung, die hat ähnliches gesagt. Der Eine, den ich mit meinen Worten ein paar Wochen durch eine schwierige Zeit begleitet habe. Und dann war doch noch jemand … je mehr ich über die vergangenen Wochen und Monate nachdenke, desto mehr Menschen werden mir bewusst, für dich nicht jene war, die sie nicht aushalten konnten, sondern genau das Gegenteil: ich war die, die ihnen etwas geben konnte, dass ihnen in diesem Augenblick geholfen hat. Ich war die Lösung.

Somit stehe ich – wieder einmal – vor einem gedanklichen und gefühlten Widerspruch.

Bin ich das Problem? Bin ich aufgrund meiner Persönlichkeit, meines manchmal unerklärbaren Verhaltens und meiner sicherlich nicht leicht nachvollziehbaren, mitunter überbordenden Emotionalität eine, die man nicht dauerhaft uneingeschränkt aushalten kann?

Bin ich die Lösung? Bin ich aufgrund meiner vielleicht nicht dem Durchschnitt oder der Norm entsprechenden Gedanken- und Gefühlsmuster eine, die anderen jenen Input geben kann, denn sie sonst nicht so leicht finden würden und der etwas Positives zu ihrem Leben beiträgt?

Bin ich irgendwo dazwischen?

Nichts von alle dem?

Nur ein Mensch …

Nur ein Mensch?

Nur ein Mensch!

Darüber spricht man nicht …

Warum eigentlich? Es gibt jede Menge Tabu-Themen in unserer Gesellschaft. Manche durchaus nachvollziehbare. Wer will schon wissen, was andere hinter verschlossener Tür in ihrem Schlafzimmer so anstellen, dass ist wirklich Privatsache. Aber auch über Einkommen, Gesundheit oder altersbedingte Veränderungen wird gerne der Mantel des Schweigens ausgebreitet.

Ich nehme heute zwei dieser Themen und setze sie noch dazu in Verbindung zueinander. Also, Borderline-Syndrom und Klimakterium (oder umgangssprachlich auch „Wechsel“ genannt, also jene Phase des Lebens, in der Frauen starke hormonelle Veränderungen durchleben). Nachdem ich heuer definitiv in der zweiten Hälfte meines Lebens angekommen bin – mit 50 gibt’s daran rein rechnerisch keinen Zweifel – erlebe ich nunmehr beides sehr intensiv.

Der Drache im Bild soll meine liebevoll humoristischen Betrachtungen unterstreichen.

Also nochmal, Borderline und Klimakterium. Für mich fühlt sich das an wie „16 forever“, nur dass ich mich statt mit Pickeln im Gesicht mit ergrauender Haarpracht (wofür es – der Chemie sei Dank – funktionierende Lösungen gibt) herumschlage. Der Push up-Bra dient nicht mehr dazu den Eindruck von „mehr“ zu erwecken, sondern die Auswirkungen der Gravitation auf den Körper zu verschleiern. Ein kleiner Flirt fühlt sich immer noch toll an, nur sollten die Männer dafür wie früher 10 Jahre älter als ich, sondern eher 10 Jahre jünger sein, damit das Ego des Drachen gestreichelt wird. Aber darüber hinaus unterscheiden sie die beiden Lebensphasen deutlich weniger als ich erwartet hatte. Emotional ähnle ich häufig mehr einer Teenagerin als einer gereiften Person.

In meinen Ohren klingen noch die Worte einer Psychotherapeutin, die vor einigen Jahren zu mir gesagt hat: Borderline wächst sich im Laufe der Zeit aus. Ha! Vielleicht bei anderen. Definitiv nicht bei mir.

Überbordende Gefühle, mangelnde Impulskontrolle, extreme Empfindlichkeit … alles noch vorhanden. Eines stimmt schon: ich habe gelernt, damit besser umzugehen, schneller und effektiver gegenzusteuern um verheerende Auswirkungen wie in meiner Jugend zu vermeiden, aber weg ist da gar nichts. Genau genommen finde das sogar gut. Meine Lebenserfahrung hilft mir, mit all dem gut zu Recht zu kommen. Zu „all dem“ gehört auch, insbesondere die positiven Emotionen bewusst intensiv zu erleben, auf allen Ebenen … und damit deute ich etwas an, dass ich jetzt nicht in dieser Form ausspreche, sonst würde ich damit an einem Thema kratzen, das ich mir für später aufheben möchte.

Ehrlich, mit 16 konnte ich mir nicht annähernd vorstellen, was in der „Drachenzeit“ so alles möglich ist. Aber vielleicht liegt es auch am Borderline? Oder an beiden in Kombination?

Ich genieße es, mich auch mit 50 manchmal wie 16 zu fühlen. Oder 25. Vielleicht auch 30, aber keinen Tag älter als 35. Bitte richtig verstehen: ich habe keinen Jugendwahn. Ich will NICHT noch einmal 16 sein und den ganzen Stress des „sich im Leben seinen Platz finden“ durchlaufen. Es passt schon so, wie es ist. Dennoch – es ist verdammt cool, dieses Gefühl des „alles ist möglich“ und „die Welt wartet nur auf mich“ immer noch erleben zu können. Sich einfach mal so in eine Fantasie fallen lassen zu können. Zu träumen. Zu hoffen. Nochmal von vorne anzufangen (so wie ich gerade als Autorin). Die ganze (destruktive) Energie meines Borderline in einen (konstruktiven) Prozess zu stecken – einfach so. Weil ich es kann. Weil ich bin, wer ich bin.

Ich stehe am Beginn meines zweiten Lebens. Ich werde keine Kinder (zumindest keine biologischen) mehr in die Welt setzen. Vielleicht eine Menge geistiger Kinder (Bücher)? Vielleicht sogar zu Themen, über die man nicht spricht? Pfeif drauf. Geschwiegen habe ich lange genug. Ich glaube, es würde uns allen guttun, würden wir manches offen ansprechen und ins Licht der Wahrnehmung holen, was sich sonst in der Dunkelheit der Verdrängung aufstaut und irgendwann unkontrolliert ausbricht. Wie ein Vulkan. Oder ein Drache, dem man zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat. Drachen brauchen nämlich viele Streicheleinheiten, dann können sie ganz anschmiegsam sein.

Ich kann heute über alles reden und schreiben. Mein halbes Leben liegt hinter mir. Was auch immer noch vor mir liegt – ich freue mich darauf.

Was es ist – und was es nicht ist

Viele Male wurde ich bereits gefragt, woran man Borderliner erkennt. Ich habe mich das auch gefragt, habe in der Fachliteratur recherchiert. Was ist spezifisch „Borderline“ und was ist „normal“? Ich kam bei dieser Suche zu einigen Erkenntnissen.

Spoiler-Alarm: Was ich jetzt erzählen werde, mag provokant sein, aber es ist meine ehrliche Meinung. Und da ich in einem Land lebe, in dem freie Meinungsäußerung zulässig ist …

Mit einem Borderline-Syndrom werden gemeinhin gewisse „Beschwerden“ verbunden, wie z.B. starke Stimmungsschwankungen. Allerdings gibt es mannigfaltige Gründe für Stimmungsschwankungen. Angefangen bei Hormonen. Das chronische Gefühl von Langeweile kennen vermutlich auch viele Menschen (wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken?). Innere Leere? Der weit verbreitete Trend, immer mehr zu konsumieren um nur ja nichts im Leben zu versäumen – was ist er anderes als die (Über-)Kompensation von innerer Leere? Selbstverletzendes Verhalten? Bei selbst zugefügten Schnittwunden eindeutig erkennbar, aber was ist mit all den anderen Formen? Wenn Menschen sich wider besseren Wissens Schaden zufügen durch Alkohol, Drogen, ungesunder Lebensweise … Wo wird die Grenze gezogen zu potenziell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen? Ein negatives Selbstbild? Wie viele können sich den morgens ohne Make-up in den Spiegel schauen und sich mit sich selbst gut fühlen? Wie viele verbergen sich hinter diversen Masken, Statussymbole, Titeln … um ein mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren? Impulsivität? Nun, es gibt viele temperamentvolle Menschen, die keine Borderliner sind. Ach ja, Eigen- und Fremdgefährdung. Ganz ehrlich, ich fahre fast täglich mit dem Auto morgens nach Wien und abends wieder zurück. Das, was ich dabei täglich erlebe an Rücksichtlosigkeit, Dummheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit kann ich nur unter die Rubrik „Eigen- und Fremdgefährdung“ einreihen.

Im Rahmen meiner Recherche kam ich also zu der Erkenntnis, dass die Unterscheidung alles andere als einfach ist. Wer ist Borderliner? Wer ist es nicht?

Auch die Anwendung von „5 aus 9“, wenn 5 oder mehr Symptome der Liste auftreten, kann man davon ausgehen, betroffen zu sein … funktionierte nicht, da ich auch Menschen kenne, auf die mehr als 5 Punkte zutreffen, und die dennoch keine Borderliner sind.

Vielleicht hing es mit der Intensität zusammen? So meine nächste Überlegung. Aber wo ist die Grenze? Nehmen wir eine Intensitäts-Skala von 0 bis 100 an. Ab wann ist man Borderliner? Ab 50? Was ist man dann mit 50,5? Unterscheiden 0,5 „normal“ von „anders“? Und wer bitte hat die Skala definiert? Anhand welcher Kriterien? Zeitgeist eingerechnet? Vor nicht mal 100 Jahren war gesellschaftlich anerkannt, was heute als No Go gilt (Stichwort: gesunde Watschen).

Irgendwann war ich nur noch genervt. Ich hatte ein Schild (oder eine Diagnose) bekommen, aber war ich wirklich so viel anders? Wie weit war ich vom „normalen Durchschnitt“ entfernt? Würde man die Skala um ein paar Punkte verschieben, wäre ich dann „normal“?

Irgendwann beschloss ich, mich selbst weder als krank noch gestört zu betrachten. Ich habe eine vielfältige, komplexe, gerne auch eigenwillige Persönlichkeit. Punkt. Ich bin bedingungslos und grenzenlos in der Liebe wie im Leid. Vielleicht passt diese intensive Feinfühligkeit nicht in unsere Zeit, in der Mobbing zu einer Standarderfahrung von Jugendlichen geworden ist; in der viele Jobs (auch meiner) einen Einsatz verlangen, der einer dauerhaften Überlastung gleichkommt bis hin zur fast logischen Konsequenz Burnout; in der man nur selten auf authentische Menschen trifft, die sich nicht hinter einer künstlichen Fassade verstecken – oder dort Schutz suchen, weil sie ihrerseits den Irrsinn unserer hektischen, oberflächlichen Zeit nicht mehr anders aushalten. Wie viel „Echtes“ begegnet uns noch in einer Zeit von „Artificial & Fake“? Vielleicht werden es nur deshalb immer mehr Borderliner, weil immer mehr Menschen nicht mehr mit dem Druck, der Ignoranz und Rücksichtslosigkeit unserer Zeit klarkommen? Vielleicht sehnen sich einfach immer mehr von uns nach zu einer aufrichtigen Umarmung und zwischenmenschlicher Wärme?

Irgendwann habe ich erkannt, dass es für mich von Anfang an nur darum ging, das Gefühl zu bekommen, als die geliebt zu werden, die ich bin. In die Norm oder den Durchschnitt zu passen, war weder erreichbar und noch wünschenswert. Ich bin, wer ich bin. Ich bin OK. Ich bin Borderlinerin – und das bedeutet für mich: ich bin eine „Grenzgängerin“. Ich weiß, was ich kann oder wer ich bin. Und ich weiß, was ich noch können möchte oder wer ich noch sein will. Ich erweitere laufend meine Grenzen. Stillstand passt nicht zu mir. Ich bin täglich auf Entdeckungsreise, in dieser Welt und in mir selbst. Ich bin lebendig. Und ich schütze meine Grenzen, denn ich bin verletzlich, aber wäre ich es nicht, wäre ich unberührbar.

Für mich ist Borderline eine Spielart der menschlichen Vielfalt. Nicht mehr und nicht weniger.

Man sagt mir nach, ich hätte einen grünen Daumen, weil bei mir die unterschiedlichsten Pflanzen blühen und gedeihen. Dabei mache ich nichts Besonderes mit ihnen. Ich achte einfach nur darauf, wer was braucht, um sich wohlzufühlen. Ein wenig Aufmerksamkeit, ein bisschen Pflege …

Was könnte Borderline wohl sein, wenn es statt auf Vorverurteilung und Ablehnung, auf Interesse und Wertschätzung trifft?

Gastbeitrag Nicole Franziska

Heute darf ich ein paar wundervolle Zeilen mit dir teilen, die von meiner lieben Autorenkollegin Nicole Franziska Neidt stammen und die ich hier in diesem Beitrag verwenden darf. Herzlichen Dank dafür liebe Nicole.

Manchmal trüben Ängste unsere Sicht,
so dass wir nur noch die dunklen Wolken sehn.
Dann sind wir gefangen
in unseren Gedanken.
Unsere Emotionen lassen unser Inneres zittern.

Doch nicht weit von uns
ist der Himmel in ein wunderschönes Blau getaucht.
Die weißen Wolken
erzählen uns eine Geschichte
von Hoffnung und Zuversicht.

Die Sonne zaubert Wärme auf unseren Körper
und lässt unser Gesicht wieder strahlen.
Vergiss niemals,
dass Du ein besonderer Mensch bist.

Du bist Schöpfer deiner Gedanken,
wähle sie bewusst
und halte sie positiv.
Egal, wie schwer es manchmal sein mag,
doch du wirst sehen,
wenn wir die Gedanken auf die schönen Dinge
des Lebens lenken,
dann werden unsere Ängste sich auflösen,
und wir werden das Licht am Horizont wieder sehen.

Sei achtsam und bewusst!

©Nicole Franziska 29.07.2019
https://www.facebook.com/FranziskaNeidt/

Nicole und ich haben uns Ende letzten Jahres in Facebook kennengelernt. Wir teilen ein Schicksal #Borderline und eine Leidenschaft #Schreiben.

Warum?

In den letzten Monaten wurde ich – vor allem bei Lesungen und anderen Gelegenheiten – öfters gefragt, warum ich das Thema Borderline öffentlich anspreche? Es ist ja nicht so, als würde ich erzählen, ich habe eine Grippe erwischt. Ich spreche offen über Gefühle, Ängste, Schwächen – und ja, in gewisser Weise werde ich dadurch berührbar und verletzbar. Noch dazu in den sozialen Medien, in denen man schnell Ziel eines Shitstorms werden kann; in denen zumeist Oberflächlichkeit den Ton angibt und Tiefgründigkeit eher eine Randerscheinung ist; in denen Likes wichtiger sind als aufrichtiges Interesse; in denen laut Statistiken einem Beitrag nur wenige Sekunden Beachtung gewidmet werden schreibe ich viele Zeilen, deren Botschaft sich erst beim aufmerksamen Lesen entfaltet.

Warum also mache ich es? Warum gehe ich dieses Risiko ein? Warum wende ich die Energie hierfür auf?

In dem ich das Thema für andere aufbereite und das Unbegreifliche in Worte zu fassen versuche, fokussiere ich mich sehr stark auf mich selbst, um meine Wahrnehmungen und Gefühle in allen Nuancen zu reflektieren. Dadurch zentriere ich mich stärker als je zuvor in meinem Leben. Ich verbinde (deshalb: RE/CONNECTED) mich quasi mit mir selbst, bin also das Gegenteil von dem, was ich früher war: (teil)entkoppelt von mir selbst und meinem Gefühlsleben (DIS/CONNECTED). Für mich als Mensch ist das heilsam und fast schon therapeutisch.

Verliere ich diesen Fokus, dann ist es, als würde alles in mir durcheinandergeraten. Ich verliere mich innerhalb und auch meine Abgrenzung nach außen. Dann werde ich zu einer Art Stimmgabel, die mit jeglicher Schwingung aus dem Umfeld in Resonanz geht. Mit positiven Stimmungen ist das durchaus erwünscht, aber mal ehrlich: in wessen Leben überwiegt die schon? Ohne Fokus genügt eine morgendliche Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln, um den Rest des Tages (und weit darüber hinaus) von bedrückenden Gefühlen und düstere Gedanken begleitet zu werden. Ohne Fokus wird aus einer Absage schnell eine Ablehnung, Ausgrenzung, Zurückweisung, Bestätigung dessen, was ich bin … oder früher dachte, dass ich bin. Ich denke, ich muss es an dieser Stelle die destruktiven Gedankengänge nicht weiter ausführen. Die Welt durch die Brille der Dunkelheit wahrzunehmen trübt den Blick auf die tatsächlichen Fakten und erschafft eine negative Bewertung. Was folgt, ist eine Art von Blindheit gegenüber den positiven Dingen und Menschen, die für mich da sind.

Ich bin nicht einzigartig. Ganz im Gegenteil! Ich glaube, nein, ich bin überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die ähnliches erleben. Mein Leben lang habe ich mich unverstanden gefühlt, nie irgendwo angekommen, nirgends zugehörig. Sicher, wie alle anderen auch, war ich in der Schule, in Sportmannschaften, in Arbeitsgruppen und Teams. Ich war zwar dabei, aber irgendwie auch nicht. Bis heute habe ich zuweilen das Gefühl, ein „Alien“ unter Menschen zu sein – auch wenn ich mich heute darüber amüsiere und meinen Frieden damit geschlossen habe, zu sein was ich bin.  Meine Gedanken und Wahrnehmungen unterscheiden sich von denen der meisten Menschen, die ich kenne. Das habe ich schon als Kind festgestellt. Weil die seltsamen Reaktionen aus dem Umfeld darauf unangenehm bis schmerzhaft waren, habe ich aufgehört, anderen meine „Welt“ zu zeigen und stattdessen begonnen, Theater zu spielen … über Jahrzehnte hinweg.

Wenn ich also heute über meine Gedanken und Gefühle schreibe und jemand – vielleicht sogar Du? – liest diese Zeilen und denkt sich: „Hey, die tickt ja genauso wie ich. Ich bin also nicht allein damit.“ … dann sind wir schon zwei. Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch habe ich mich nach jemanden gesehnt, der mich versteht, mit dem ich meine Gedanken teilen kann, ohne ausgelacht oder abgelehnt zu werden. Vielleicht kann ich dieser „Jemand“ heute für Dich sein?

Vor einigen Wochen hat mein Sohn diese Zeilen an mich gerichtet: „Warum? Warum hast du so gehandelt, wie du gehandelt hast? Warum hast du es nicht geschafft, den Borderline-Instinkt des Verheimlichens auch nur für einen Augenblick zu überwinden und mir zu sagen, dass du es verstehst?“ Obwohl ich die Antwort darauf kannte, war es doch schwer, sie zu akzeptieren und zu formulieren. Offenheit bedeutet Verletzlichkeit. Verstandesmäßig hatte ich vieles verdrängt, doch gefühlsmäßig spürte ich immer, dass da etwas in mir war, etwas Unverstandenes, etwas Unerwünschtes. Aus Angst vor neuerlicher Ablehnung verbarg ich mein wahres Wesen und begann zu leiden und zog die Menschen rund um mich in meinen Schmerz hinein.

Ablehnung schmerzt – auch heute noch – doch dieser Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem, sich selbst über Jahrzehnte zu verleugnen und zu verraten.

Warum ich über mein Leben als Borderlinerin schreibe?

Weil ich heute die Kraft habe, Ablehnung auszuhalten, denn ich liebe mich, so wie ich bin, mit wirklich allen Facetten! Weil ich hoffe, dass meine Erfahrungen für andere hilfreich sein werden. Weil ich meinen Teil dazu beitragen will, das gängigen Vorurteile und Zuschreibungen zum Thema Borderline zu verändern. Weil ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass es irgendwann möglich sein wird, Gedanken und Gefühle in dieser Welt offen auszusprechen und dafür echte Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu bekommen… eben ein Happy End. Ich steh drauf, echt 😉

Wenn alles andere versagt: Humor & Fantasie

Eines gleich zu Beginn: Borderline ist ein ernstzunehmendes Thema, das ich keinesfalls beschwichtigen oder herunterspielen will und werde. ABER nur weil etwas ernst ist, muss ich meinen Humor nicht in den Keller sperren. Ganz im Gegenteil. Humor kann helfen, scheinbar Unerträgliches zu überstehen. Für mich wurde diesbezüglich Victor Frankl zum Vorbild, der trotz seiner Erlebnisse in diversen KZs während des 2. Weltkrieges seine Menschlichkeit behielt – und seinen Humor.

Früher versank ich in Selbstvorwürfen, wenn ich fremdsteuert auf der emotionalen Achterbahn des Borderline unterwegs gewesen war, ohne es aufhalten zu können. Heute handhabe ich das mit einer gesunden Portion augenzwinkerndem Humor und viel Fantasie.

Stell dir bitte für einen Augenblick vor, du würdest in den Spiegel blicken und für dich selbst folgendes sehen: eine Person, die an einer als unheilbar klassifizierten Persönlichkeitsstörung leidet, die für andere Menschen kaum verständlich oder nicht nachvollziehbar ist, weshalb diese Person vermutlich gemieden werden wird, einfach weil sie ist, wie sie ist. Und genau genommen kannst du dich selbst nicht leiden, obwohl du keine Ahnung hast, wer du bist, aber eines weißt du mit Sicherheit: du bist nicht liebenswert. Wertgeschätzt fühlst du dich von niemanden und nirgendwo wirklich sicher oder geborgen – oder gar angekommen. Nicht gerade aufbauend, oder?

Deshalb habe ich mich 2017 entschieden, mich anders zu sehen. In mir schlummert ein feuriger Drache (Jan), der vieles sein kann, von romantisch, sinnlich bis zu grummelig und starrsinnig, manchmal auch voller Selbstzweifel, der aber letztendlich immer seinen Phönix (Jana) beschützen wird, die Eine, die leichtfüßig durchs Leben schwebt und alles zu verändern vermag, jedoch diesem Drang nach Veränderung mitunter ausgeliefert ist und deshalb Ruhe und Stabilität in den Armen des Drachen sucht, obwohl der manchmal auch ein ziemlich arroganter Arsch sein kann. Dann gibt es auch noch Aquila, den Adler, der geboren wurde, um zu kämpfen, doch sanft ist in seinem Wesen. Er ist der strahlende Held der Geschichte. Ihm gegenüber steht Amaranthia, die Immerwährende, die Heilerin, die jegliches Leben über alles liebt, sich selbst als schwach ansieht, dabei jedoch die einzige ist, die Aquila aus den Flammen der Zerstörung zurückholen kann. Und es gibt Sethos, den stierköpfigen Dämon, mit dem alles begann, der verraten und betrogen worden war und darüber vergaß, wer er einst war, der sich selbst in der Dunkelheit verlor und allem und jedem mit Ablehnung begegnet. Ihn zu retten brach Yanara, das strahlende Licht, einst auf, denn ihretwegen nahm er all den Schmerz und das Leid auf sich. Ihr Licht vermag selbst jene Dunkelheit zu durchdringen, in die er gefallen ist.

Psychoanalytiker und Psychotherapeuten werden nun möglicherweise euphorisch in ihren Analyse-Modus verfallen, aber ja, so sehe ich mich: eine sechsköpfige Quadriga! Bevor nun die wissenschaftlichen Belehrungen folgen: es ist mir bewusst, dass der Begriff Quadriga ein Gespann mit vier Pferden meint, ABER wenn es einen sechsbeinigen Hund gibt, darf es (für mich) auch eine sechsköpfige Quadriga geben.

Hier beginnen nun Humor und Fantasie ineinander zu greifen. Mal ehrlich, würde ich mich als das sehen, was die Psychoanalyse für mich vorgesehen hätte, mit all den abstrakten Begriffen und Termini – das wäre ziemlich spaßbefreit. Ich will mich nicht als Ergebnis einer tiefenpsychologischen Problemanalyse sehen. Was bringt das Positives in mein Leben? Wie fühlt sich das an? Ich will mich doch gut fühlen mit mir selbst. Daher sehe ich mich viel lieber als die Lenkerin einer sechsköpfigen Quadriga, die manchmal sehr eigenwillig unterwegs sein kann. In der Vergangenheit ist immer wieder eines meiner „Pferdchen“ durchgegangen und allein vorgeprescht, was zu allen Formen von Dis-Balance (oder Borderline-Episoden) geführt hat. Seit mir klar ist, welche Pferdchen in mir galoppieren, wie sie zueinander in Beziehung stehen und wer wen zum Ausgleich braucht, gelingt es mir die meiste Zeit, sie schön brav im Gleichschritt zu halten. Seither bin ich in Balance.

Und wenn nicht, dann blicke ich in den Spiegel. Vielleicht grummelt gerade wieder mal mein Drache, weil ihm irgendwas nicht passt, oder einfach eine alte Erinnerung an die Oberfläche aufgestiegen ist und die fast schon vergessenen Gefühle von Schmerz und Leid zurückkehren. Dann hilft eine (imaginäre) Umarmung des Phönix, ihre innige Verbundenheit und vielleicht auch eine sinnliche Fantasie, um die aufsteigende Dunkelheit im Feuer des Phönix in das sanfte Licht eines Sonnenaufgangs zu verwandeln – und ich bin wieder auf Kurs.

Ich bin wer ich bin. Mein Borderline-Dämon ist hoch emotional, leidenschaftlich, sinnlich, fantasievoll, kreativ und unkonventionell. Schaffe ich in meinem Leben Raum für seine Energie, wird er zu meinem Verbündeten. Bekämpfe ich ihn, zerstört dieser Kampf letztendlich ihn und mich.

Natürlich bin ich nicht den ganzen Tag in meiner Fantasie-Welt unterwegs. Ich tauche jedoch bei Bedarf in sie ein, verweile dort manchmal nur Minuten, manchmal auch Stunden, eben genauso lange wie es braucht, bis alles in mir wieder ruhig ist. Dann kehre ich in den Alltag zurück und lebe mein „normales“ Leben mit Familie, Beziehung, Job … was so alles dazugehört.

So einfach? Ja, so einfach funktioniert es für mich… nachdem ich mein rechthaberisches Ego, dass es kompliziert machen will, kurzzeitig in den Keller gesperrt habe (schließlich brauche in freie Bahn für etwas Verrücktes); nachdem ich den Realitätscheck, das rundum wirklich alles in Ordnung ist, rational durchgezogen und mich versichert habe, dass mein emotionales Gefühlschaos nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun haben kann (wie in 99,9% der Fälle). Konsequente Übung plus die Bereitschaft, einen Schritt neben konventionellen Mustern zu Denken und das (kindlich) naive Vertrauen darauf, dass kein Problem getrennt von der Lösung existieren kann, dass in mir all das vorhanden ist, was in Momenten der Dis-Balance scheinbar fehlt. Es war immer vorhanden, ich hatte es nur einige Zeit vergessen und musste erst wieder lernen, mich zu erinnern.

Grande Finale (angelehnt an Peter Pan): Heute mache ich es mir auf dem einachsigen Streitwagen gemütlich, lasse mich in den passenden Sound (dazu nächstes Mal mehr) fallen, während ich mit meiner sechsköpfigen Quadriga beseelt Richtung Sonnenuntergang fliege, vorbei am zweiten Stern rechts und dann immer geradeaus bis zur Morgendämmerung …