Alles im Leben ist ein Spiegel

Vor einigen Tagen fragte ich mich, was es bringt, noch länger in Selbsthilfegruppen aktiv zu sein. Ich bezeichne mich mittlerweile als „post-borderline“, da ich keinerlei Symptome, Beschwerde oder sonstiges habe. Anders gesagt: ich bin mit mir selbst und der Welt im Reinen. Mir geht’s gut.

Zudem stelle ich immer häufiger fest, dass meine Schilderungen bei Betroffenen (die noch tief in der Drama-Dynamik feststecken) auf Unverständnis stoßen. Nun, ich kann, will und werde die Welt oder das Leben eines anderen Menschen nicht verändern. Es genügt mir völlig, mein eigenes gut zu schaukeln.

Also, was soll ich noch dort?

Eine Antwort auf diese Frage fand ich heute Morgen, als ich unter einen Beitrag, der Traumatisierungen, daraus resultierende innere Bilder bzw. Erwartungshaltungen thematisierte, folgenden Kommentar setzte:

Einer meiner Schlüsselsätze war dieser: „Die Umwelt spiegelt dir immer, was du in dir hast. Gefällt es dir nicht, dann beginne in dir aufzuräumen“. Das war seinerzeit eine harte Lektion, weil ich mit vielen Vorwürfen und Schuldzuweisungen durchs Leben ging. Genau das bekam ich damals auch ständig gespiegelt. Irgendwann begann ich, die Verantwortung für das, was ich fühlte, zu übernehmen, hörte auf, unter den Ereignissen meiner Kindheit zu leiden und lernte, Menschen zu vertrauen und gleichzeitig auf mich selbst gut zu achten. Interessanterweise verschwanden mit meiner inneren Wandlung auch im außen jene, die es nicht gut mit mir meinten. Heute liebe ich Menschen, aber nicht jeder muss Teil meines Lebens sein. Die Richtigen finden mich schon, weil ich nach wie vor die anziehe, die mein Inneres spiegeln. Heute fühle ich tief in mir Dankbarkeit, Ruhe, Vertrauen, Kraft, Liebe, Geborgenheit, Wertschätzung… all das begegnet mir Tag für Tag und ich bin dankbar für diese harte Lektion.

Ergänzend füge ich nun hinzu: Ich bin dankbar für jeden Menschen und jedes Ereignis auf meinem Lebensweg. Manche lassen mich erkennen, was ich noch in mir zu lösen haben. Andere spiegeln mir, was bereits hinter mir liegt. Die Art und Weise, wie ich in mit diesen Menschen und Ereignissen in Resonanz gehe, zeigt, ob etwas vor oder bereits hinter mir legt.

Ablehnung bedeutet für mich immer: Da gibt es etwas zu tun.

Zustimmung bzw. dem anderen die Freiheit zu lassen, eine andere Meinung, Sichtweise, Einstellung … zu haben, signalisiert, dass ich ganz bei mir bin, gefestigt in mir selbst und daher keinen Kampf ausfechten muss. Anders formuliert (hier mit den Worten, die ich vor ein paar Tagen gepostet habe):

Morgengedanken: persönliche Freiheit beginnt dann, wenn den anderen ihre Meinung zugestanden wird. KEIN Ablehnen, Übernehmen oder Überzeugen. Einfach gesagt: behandle jeden anderen so, wie du selbst behandelt werden willst.
Vielleicht nicht immer ganz einfach, aber es lohnt sich. Frei vom Ballast fremder Meinungen und dem kräftezehrenden Kampf, seine eigene zu verbreiten, bleibt viel Energie, sich selbst und das eigene Leben zu entdecken.

Hin und wieder höre ich die Aussage: „Du philosophierst alles zu Tode.“

Das ist eine Sichtweise.

Im Austausch auf Augenhöhe mit einer sehr erfahrenen Psychotherapeutin begegnete mir folgende Aussage: „Philosophie ist die Basis einer erfolgreichen Therapie, denn sie hilft, das Leben und sich selbst neu zu sehen, zu verstehen und annehmen zulernen. Alles, was wir zur Heilung brauchen, ist von Beginn an in uns. Es geht nur darum, wertfrei auf das Leben zu blicken, dem zuzustimmen, was ist. Alles, was uns auf unserem Weg begegnet, ist da, damit wir daraus lernen und daran wachsen.“

Auch eine Sichtweise. Eine, die mir gefällt und die ich täglich praktiziere, wenn ich über mein Leben und die Ereignisse auf meinem Weg philosophiere, sie als Spiegel dessen, was in mir ist, betrachte und darin erkenne, wo ich noch etwas zu lernen habe und wo ich mich entspannt zurücklehnen und mein Leben genießen darf.

Es wäre so einfach …

… und es ist einfach – für mich – nach vielen Jahren des Kampfes – blicke ich heute in den Spiegel und sage: JA 😊 zum Leben und zu mir selbst

TOXIC PEOPLE

In den letzten Wochen und Tagen hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und Nachspüren. Letzteres kam in meinem Leben immer wieder zu kurz bzw. blockierte ich mich selbst, überließ es meiner Beobachtungsgabe und meinem Verstand, die Geschehnisse zu analysieren, zu bewerten und Entscheidungen zu treffen. Vielleicht auch deshalb, weil ich als „Hochsensible“ es schlichtweg nicht aushielt, was ich auf Gefühlsebene wahrnehmen konnte. Als Kind davon überfordert, behielt ich meine „kopflastige“ Lebensweise lange bei. Heute bin ich stark und reflektiert genug, auch meine Wahrnehmung auf Gefühlsebene wieder zuzulassen. Was ich dabei beobachte, werde ich in diesem und den folgenden Beiträgen schildern.

Beginnen möchte ich mit einem Begriff, der immer wieder mal fällt: Toxic People. Googelt man den Begriff, findet man abweichende Definitionen (wie bei vielen anderen Begriffen auch, denen wir im Alltag begegnen). Daher starte ich gleich mal mit einer Begriffsklärung, was „Toxic People“ für mich bedeutet.

Für mich sind Toxic People Menschen, die durch ihre Art und Weise, wie sie handeln, welche Worte sie verwenden und welche Emotionen sie dabei ausstrahlen, wie Gift auf meine physische, psychische und emotionale Balance und damit meine Gesundheit per se wirken. Ich sage nicht, dass diese Personen an sich „giftig“ sind. Das wäre eine Zuschreibung, die mir nicht zusteht. Für mich zählt, welche Auswirkungen ihre Handlungen auf mich haben und hierbei geht es nochmal darum zu erkennen, dass ich diese Auswirkungen zulasse – ich könnte mich ja auch abgrenzen und entfernen, was mittlerweile meine Vorgehensweise ist. Zu behaupten, ich wäre der Wirkung ausgeliefert, käme einer Flucht in die Opferrolle und der Aufgabe der Eigenverantwortung gleich. Ich würde diesen Menschen gestatten, über mein Empfinden zu bestimmen, mich ihnen ausliefern – ihnen de facto Macht über mich geben.

Viel abstrakte Theorie. Zeit, für alltagstaugliche Praxis.

In meinem Freundeskreis gibt es Person X, oder es gab Person X, denn seit einigen Monaten vermeide ich jeglichen Kontakt. Ich wähle hier bewusst die Bezeichnung „Person X“, um jegliche Ableitung in Mann oder Frau zu unterbinden. Einerseits könnte das tief verwurzelte stereotype Rollenbilder wachrufen, andererseits gab es tatsächliche mehrere Personen X in meinem Leben und es fällt mir schwer, mich bei meinen Schilderungen auf eine davon zu beschränken, denn im Verhalten waren alle X austauschbar.

Die Kommunikation mit Person X verlief stets in ähnlichen Schemata: auf anfängliche Trivialitäten und Höflichkeitsfloskeln folgte rasch ein kaum zu bremsender Wortschwall an Negativitäten. Jammern und Klagen über Freunde, Familie, Job, die Welt, das Leben, alles und jeden. Zu diesem „Müll“ gesellte sich stets die Aufforderung und Rückversicherung, ob ich das alles genauso sähe und verstehen könne. Unzählige Male wurde ich um Rat und Hilfe gefragt, doch meine Vorschläge wurden entweder sofort oder einige Zeit später als „nicht umsetzbar“ zurückgewiesen. Irgendwann erkannte ich, dass es nicht darum ging, tatsächlich ein Problem zu lösen, sondern nur Frust und andere negativen Emotionen abzuladen. Manchmal sogar um regelrechte Intrigen gegen Dritte. Manipulation pur. Destruktiv und anmaßend. Regelmäßig nach solchen Kommunikationen stürzte ich selbst aus meinem zuvor guten Zustand in ein bodenloses Loch. Es mangelte mir eindeutig an der Fähigkeit, mich gegen diesen „Müll“ abzugrenzen.

Meine schlaue Lucy gab mir dazu vor vielen Jahren ein leicht nachvollziehbares Bild. Sie sagte: „Stell dir ein Glas mit kristallklarem Wasser darin vor. Das bist Du, wenn es dir gut geht. Dann kommt jemand und lässt einen Tropfen schwarze Tinte in das Wasser fallen und es beginnt sofort sich einzutrüben. Jedes Wort von uns ist ein Tropfen. Positive Worte sind klar, negative schwarz wie Tinte. Es braucht nicht viele Worte, um ein Glas kristallklares Wasser in eine trübe Brühe zu verwandeln.“

Auch wenn ich ihr Gleichnis verstand, ich fand lange Zeit nicht die Kraft und den Mut, mich abzugrenzen. Bildlich gesprochen: Meine schützende Hand über das Glas mit kristallklarem Wasser zu halten und die schwarze Tinte abzublocken. Wovor ich Angst hatte? Vor Zurückweisung, Ablehnung, Ausgrenzung … ich nahm all das „Gift“ bereitwillig an, weil ich mich nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Geborgenheit und Liebe sehnte. Ich gab jenen Toxic People die Macht über mich, akzeptiere die Giftigkeit ihres Verhaltens, zahlte den aus meiner Sicht notwendigen Preis, verharrte in der Opferrolle.

Heute ist damit Schluss.

Menschen können tun und lassen was sie wollen. Ich verurteile niemanden, aber ich entscheide, wen ich in mein Umfeld lasse. Empfinde ich ein Verhalten als belastend, grenze ich mich ab, halte meine schützende Hand über mich selbst.

Jeder Mensch hat das Recht auf seine eigene Meinung und seine persönliche Wahrnehmung dieser Welt. Ich muss keine einzige davon teilen oder gar übernehmen, denn auch ich habe meine eigene. Ich entscheide selbst, ob und wie lange ich eine Kommunikation aufrechterhalten, und ob ich als Mülleimer für die Psychohygiene anderer fungieren will. Ob ich in diesem Augenblick die Kraft und notwendige Distanz habe, um für jemand, der wirklich Hilfe braucht, da zu sein. Oder ob Person X einfach nur die Welt vergiften will, um die eigene Erwartungshaltung zu verwirklichen.

Toxic People können toxisch sein so viel sie wollen. Ich spiele bei ihrem Spiel nicht mehr mit. Das ist meine persönliche Entscheidung, getroffen aus der Eigenverantwortung und Selbstsorge mir gegenüber.

Toxic People per se zu verurteilen und zu verdammen würde bedeuten, sich auf deren Niveau zu begeben. Genau genommen geschieht das bereits durch die Verwendung des Begriffes.

Deshalb lautet meine Entscheidung, mich mit Menschen zu umgeben, die meine Werte teilen und mein Leben bereichern, mit denen ein wertschätzender Austausch möglich ist und die ihre eigenen sowie meine Grenzen respektieren.

Vor einigen Tagen meinte jemand, ich „säße auf einem hohen Ross und solle mal runterkommen“. Diese Person (X) darf gerne diese Meinung über mich haben – ebenso wie ich meine eigene: Ich habe die Verantwortung für mich selbst, mein Leben und meinen eigenen Zustand übernommen. Wer damit ein Problem hat, darf dies gerne behalten. Ich habe keines. Oder anders (positiv) formuliert: Für mich ist es genauso in bester Ordnung 😉

#FeelTheEmbraceOfLife

Apropos Wasser: Schon vor vielen Jahren begegnete mir die Theorie des „Besprechens von Wasser“. Meine eigenen Erfahrungen dazu sind positiv. Für mich hat es funktioniert – unabhängig davon, ob wissenschaftlich nachgewiesen oder nicht. Vielleicht war das der berühmte Placebo-Effekt? Wie auch immer, wenn ich bedenke, dass unsere Körper zu einem sehr hohen Anteil aus Wasser bestehen und dieses Wasser die Information (oder Energie) unserer Worte speichern kann … gewinnt der Satz „Achte auf deine Worte …“ noch mehr an Bedeutung 😉

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Made in Hollywood?

Wenn ich auf die letzten 30 Tage zurückblicke, drängt sich diese Frage auf. Heute ist der 13.08., also genau 1 Monat nach dem Tag X (13.07.2020), an dem sich mein Leben, wie ich es die 25 Jahre davor kannte, innerhalb weniger Stunden drastisch verändert hatte. Beziehung zu Ende, Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, … alles wurde anders – und das auf eine Art und Weise, die fast drehbuchreif erscheint.

Wobei, würde ich ein solches Drehbuch schreiben, käme vermutlich die Rückmeldung: zu unrealistisch. Vielleicht ist das wahre Leben wesentlich unrealistischer als manche Fantasie?

Was also ist geschehen, das als „zu unrealistisch“ eingestuft werden würde?

Am Montag, 13.07. wurde mir klar, dass es räumliche und zeitliche Distanz brauchen würde, um die verfahrene Situation zu beruhigen. Am Donnerstag, 16.07. war ich mit Sack und Pack ausgezogen, aber nicht einfach irgendwohin, sondern in die Wohnung einer Bekannten, mit der ich in den darauffolgenden Tagen eine WG gründete. Eine Mädels-WG. Mit einer Psychotherapeutin und Philosophin. Wer mich kennt, weiß, dass es wohl nichts Passenderes gäbe als diese Konstellation, der tiefgründige Gespräche über das Leben quasi in die Wiege gelegt wurden. Und es geht noch mehr: Wir harmonieren punkto Lebenseinstellung, Ernährung, Hobbies … faszinierend, würde Mr. Spock sagen.

Beruflich macht sich gerade das Sommerloch breit, so dass ich meinen rekonvaleszenten linken Fuß im Home Office aufpäppeln kann.

Auto könnte ich schon wieder eines haben, weil mein Sohn sein altes noch nicht verkaufen konnte, aber da ich es derzeit Zeit ohnehin nicht fahren kann – was auch nicht notwendig ist.

Beginnend bei der unmittelbaren Unterstützung durch Freunde und Familie ab dem Tag X, der Übersiedelung im Rekordtempo, dem Entrümpeln verabschiedungswerter Altlasten jeder Art bis hin zur Einrichtung des neuen Lebensraums … all das fügte sich wie Puzzleteile ineinander, als würde aus dem Hintergrund eine Art Masterplan durchschimmern und den Vordergrund lenken.

Faszinierend, so lautet auch meine heutige Conclusio.

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich in meinem neuen Heim, fühle mich angekommen und es geht mir gut. Wirklich gut. Kein Zwangsoptimismus und keine Durchhalteparole. Es geht mir richtig gut. Ich fühle mich hier wohl, genieße die Gespräche und gemeinsamen Aktivitäten, komme mehr und mehr zur Ruhe, spüre eine sich ausbreitende Gelassenheit in mir, verweile in der Umarmung des Lebens.

Ich wohne jetzt eine Stiege weiter. Wenige Meter nur von meinem Leben „davor“, doch bereits weit genug entfernt, um einen anderen Blickwinkel einnehmen zu können auf das, was nun fast unvermeidbar erschien und wofür ich dankbar bin, weil es die Karten neu gemischt und wieder alles möglich gemacht hat.

Alles möglich?

Das bedeutet auch, nicht zu wissen, was kommen wird oder in welche Richtung sich mein Leben entwickeln wird. Früher hätte mich diese Ungewissheit nervös gemacht. Heute betrachte ich sie mit stetig wachsender Gelassenheit. In den vergangenen Leben das Leben einmal mehr bewiesen, dass es der menschlichen Planung um Welten überlegen ist. Ich darf mich lebhafter Fantasie rühmen, doch eine Geschichte wie jene, die mir tatsächlich passiert ist, hätte ich mir ausdenken können. Zu glatt fügen sich die einzelnen Bausteine zusammen, ganz so, als hätte der Fluss des Lebens über Jahre daran gearbeitet, sie in die Recht form zu bringen.

Das Leben macht keine Fehler. Wir Menschen schon. Oftmals bleiben uns übergeordnete Zusammenhänge oder der Sinn hinter den Geschehnissen verborgen – doch das Leben behält den Überblick. Es trennt, was nicht mehr passt und fügt zusammen, was aneinander und voneinander lernen darf.

Das Leben schreibt die besten Geschichten – nach wie vor. Auch wenn sie manchmal wie „Made in Hollywood“ erscheinen 😉

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(Ent)Rümpelstilzchen 😉

Manchmal kann „Entrümpeln“ eine fast magische Wirkung entfalten. Wenn etwas in meinem Leben unrund läuft, fange ich an, aufzuräumen. Wenn ich gerne etwas verändern möchte, aber nichts tun kann, fange ich an, aufzuräumen. Wenn ich nicht weiter weiß, fange ich an, aufzuräumen. Wenn ich unruhig bin, fange ich an, aufzuräumen. Wer mir Ideen fehlen, fange ich, aufzuräumen.

Es gibt einige Modelle dazu, die erklären, wie diese Wirkung zustande kommt. Ob es nun blockierte Energien sind, die wieder fließen können, oder eine Art von Resonanzwirkung auf die Veränderungen innerhalb des Systems, oder was auch immer. Im Grunde hat es für mich keine Bedeutung, WARUM es funktioniert. Viel wichtiger ist, DAS es funktioniert. Und das tut es.

Vor 3 Wochen packte ich mein „Leben“ in rund 75 Kartons. Würde ich heute erneut packen, wären es nur mehr 50 Kartons. Oder weniger. Die Differenz wurde zwischenzeitlich auf vielfältige Weise „entrümpelt“. Manches landete in sozialen Projekten, anderes bei Menschen, die sich darüber freuten. Nur weniges endete im Müll. Ich bin keine, die etwas, das noch gut, schön und funktionsfähig ist, einfach so entsorgt. Es gibt immer Möglichkeiten, anderen damit eine Freude zu bereiten oder gar einen Bedarf abzudecken, auch wenn diese Dinge nicht mehr zu meinem Leben passen und zu Ballast wurden.

Ich habe viel Ballast abgeworfen in diesen 3 Wochen. Auch körperlich. Ein paar Kilos sind verschwunden – worüber ich ebenso erfreut bin wie über den neugewonnenen Überblick über mein Leben. So vieles hatte sich in den Jahren angesammelt, war in den Untiefen von Schubladen und Kästen ins Vergessen hinabgesunken. All das durfte nun gehen. Ich bin dabei zu erkennen, wie wenig ich wirklich brauche, wie einfach das Leben dadurch werden kann, und wie viel Unnötiges ich so lange mitgeschleppt habe.

Aufräumen und entrümpeln hat eine heilsame Wirkung auf mich – und vermutlich nicht nur auf mich. Schließlich gibt es auch einige Bücher darüber.

Wobei – ich beschränke mich nicht auf Kästen und Schubladen. Meine Aufräum- und Entrümpelungsaktion erstreckt sich bis in eine Dimension, die weniger populär ist: meine Verhaltensmuster, Einstellungen und Glaubenssätze.

Ja, auch dort sammelte sich im Laufe von Jahren und Jahrzehnten eine Menge an, und einiges davon passt nicht mehr in meine aktuelle Lebenssituation und zu mir als Person. Während es allerdings recht einfach ist, einen Keller oder Kasten zu entrümpeln, stellt unser Unterbewusstsein (in dem unsere Einstellungen, Glaubenssätze und Verhaltensmuster verankert sind) eine Herausforderung dar. Einen Ordner – egal, ob in Papierform oder digital – kann ich hernehmen und durchackern, aber meine „Programme“ sind nicht so einfach abrufbar wie die Ordnerstruktur auf meinem PC.

Dennoch – es ist möglich.

Zu Hilfe kommt mir dabei der Umstand, dass ich mich nun in einem anderen Umfeld und einer völlig anderen Lebenssituation befinde. Erstmals in meinem Leben, teile ich meinen Wohnraum nicht mit Menschen, zu denen ich in einer familiären Beziehung oder Partnerschaft stehe. Dadurch greifen meine die Trigger meiner frühkindlichen Traumatisierungen nicht mehr, weil es eben „nur“ eine Wohngemeinschaft ist. Wenn es Stress gibt, dann auf Augenhöhe ohne emotionale Beziehungsebene und Verstrickungen, die alte Gefühle und Verletzungen reaktivieren. Anders gesagt: mein inneres Kind bleibt bei all dem gelassen, weil es mit dieser neuartigen Situation keine negativen Erinnerungen verbindet.

Während wir uns also in der Wohngemeinschaft aufeinander einstellen, habe ich die Gelegenheit, mich selbst zu hinterfragen. Nichts ist hier selbstverständlich oder gewohnt. Alles ist neu. Alles kann geprüft werden auf Relevanz für meine Gegenwart und Zukunft. Vieles wird über Bord geworfen. Bildlich gesprochen. Routinen werden verändert, angepasst an das, was für mich heute Sinn macht und nicht länger weitergeführt als etwas, was „ich schon immer so getan habe“.

Meine innere Haltung in Bezug auf mein Umfeld verändert sich. In Bezug auf mich selbst begann ich damit 2017, entdeckte mich selbst neu und fand zurück zu mir selbst. Nun geht es in die nächste Runde.

Wann hat man schon die Gelegenheit, sich selbst und sein Leben in diesem Umfang zu hinterfragen und neu auszurichten? Tag X hat mir diese Gelegenheit verschafft. Und ich nutze sie. Aufräumen, entrümpeln, neu definieren …

Ich erschaffe mir gerade meine Zukunft. Aus der Vergangenheit darf bleiben, was mir guttut, zu mir passt, mich stärkt und Sinn macht. Die Gegenwart gleicht einem weißem Blatt Papier, auf dem ich mit einem magischen Stift experimentiere. Meine Gedanken und Ideen für die Zukunft entstehen gerade erst auf einem Fundament aus Gefühlen, die sich unter einem Nenner zusammenfassen lassen: Vertrauen!

Ich vertraue dem Leben, das mich bis hierhergeführt hat.

Ich vertraue mir selbst, dass ich daraus lernen und mich weiterentwickeln werden.

Ich vertraue der Liebe, denn sie findet immer einen Weg.

Und ich vertraue auf die magische Wirkung des Entrümpelns – auch loslassen genannt.

Manchmal muss man im Leben alles loslassen, um herauszufinden, womit man noch (in Liebe und Wertschätzung) verbunden ist, denn dies wird stets zurückkehren.

Manchmal muss man sich bewusst machen, dass wir nichts wirklich besitzen. Oder in den Worten meiner romantischen Ader formuliert:  

„Du kannst nichts verlieren, denn wir besitzen nichts. Weder unser Leben, das wir von der Ewigkeit geliehen haben; noch die Liebe, die uns begleitet; noch nicht einmal den Atem, der uns am Leben hält, denn auch ihn lassen wir mit jedem Ausatmen aufs Neue ziehen. Lass alles los, damit zurückkehren kann, was bestimmt ist, dich durch dieses Leben zu begleiten.“  (Zitat: Kurzgeschichte „1001 Schmetterlinge“ aus dem Buch „EMBRACE – Fühle die Umarmung des Lebens“)

Manchmal erschafft das Leben eine Situation, in der ein Gedanke alle anderen überstrahlt: Die wirklich wichtigen Dinge des Lebens sind weder in Kästen noch Kellern zu finden, sondern tief in uns, in unserem Denken, unserem Fühlen, unserem Sein.

Aber ist das überhaupt ein Gedanke? Oder nicht doch ein Gefühl? Intuitives Wissen? Eine universelle Wahrheit? Find es heraus. Fang an, in deinem Leben und dir selbst aufzuräumen, zu entrümpeln, loszulassen …

Vielleicht wird es dir so ergehen wie mir selbst: unabhängig von dem, was außen ist, fühle ich mich geborgen in der Umarmung jenes Lebens, das gut für mich sorgt, weil ich gut für mich sorge 😊

#FeelTheEmbraceOfLife

(Tag 29 in meinem neuen Leben)

Bild: pixabay.com

Kurzgeschichte „Wünsch dir was“

Das grelle Sonnenlicht blendete mich. Ich schloss meine Augen, überließ mich meinen Gedanken, die um unzählige Themen kreisten und einfach nicht zur Ruhe kamen. Eigentlich wollte ihr hier ein wenig Ruhe finden, einfach nur in der Wiese auf meinem Rücken liegend den Zug der Wolken über mir am Himmel beobachten. Doch davon war ich nun meilenweit entfernt. Sorgen wollten mich nicht loslassen, Probleme nicht einfach so aus meinem Wahrnehmungshorizont verschwinden wie die fluffig leichten Wölkchen im tiefblauen Azur. Ich seufzte, als ich plötzlich etwas auf meinem Unterarm spürte und meine Augen wieder öffnete. Ein bunter Schmetterling hatte sich auf meinem Arm niedergelassen. Ein eigenartiger Schmetterling. Irgendwie wirkte er mehr wie eine …

„Heute ist dein Glückstag. Ich bin eine Schmetterlingsfee und du hast drei Wünsche frei.“

Überrascht hielt ich inne. Ein sprechender Schmetterling? Wo gab’s denn sowas?

„Ich bin eine Schmetterlingsfee“, konstatierte das flatterhafte Wesen nachdrücklich.

Okay, es war später Vormittag und ich war nicht betrunken. Offenbar träumte ich.

„Nein, du träumst nicht. Immer diese Skepsis.“

Vernahm ich etwa einen genervten Unterton in der Stimme dieses seltsamen Wesens?

„Schmetterlingsfee“, rief es – oder sie? – mir in Erinnerung, „und du hast noch immer drei Wünsche frei. Also, was darf’s sein?“

Sollte ich mich ernsthaft darauf einlassen? Vielleicht hatte ich einen Sonnenstich und halluzinierte? Oder waren in der Schwammerlsauce doch ein paar lustige Pilze gewesen? Wer weiß? Auf der anderen Seite: Was hatte ich schon zu verlieren? Rundum war niemand. Weit und breit keine Menschenseele. Also war auch nicht zu befürchten, schiefe Blicke zu ernten, sollte jemand mitbekommen, wenn ich mich mit einem „Schmetterling“ unterhielt.

„Schmetterlingsfee! Das ist ein Riesenunterschied.“

Echt jetzt? Der Flattermann war wohl etwas pedantisch.

„Erstens bin ich eine Fee, und kein Flattermann. Und zweitens bist du ein engstirniger Kleingeist. Glaubst du tatsächlich, dir haben sich bereits alle Geheimnisse des Universums offenbart, du Möchtegern-Allwissende?“

Das saß! Ich konnte spüren, wie sich meine Mundwinkel verzogen und ich meine Augen zusammenkniff. Dieser kleine Frechdachs …

„Schmetterlingsfee!“

„Schon gut“, knurrte ich am Ende meiner Gelassenheit angekommen, „du hast gewonnen. Ich will mal so tun, als ob es dich wirklich gäbe. Was willst du von mir?“

Das filigrane Wesen klappte seine bunten Flügel weit auf und tänzelte mit seinen winzigen Füßchen über meinen Unterarm. Wie das kitzelte – ich konnte nur mit Mühe den Reflex unterdrücken, mit meiner anderen Hand …

„Wage es nicht! Ich bin schließlich hier, um dir drei Wünsche zu erfüllen.“

Also ließ ich meinen rechten Arm wieder sinken.

„Schon besser. Also, deinen ersten Wunsch, bitte, ich habe ja nicht ewig Zeit.“

Ein wenig verdutzt über die Dreistigkeit dieses Winzlings rümpfte ich die Nase, um gleich darauf dennoch meine Überlegungen in Richtung „Was wünsche ich mir?“ zu lenken. Es gab so vieles, was ich noch nicht hatte und gerne gehabt hätte, doch meine Gedanken drifteten Richtung größerer Dimensionen, als ich meinen Wunsch zu formulieren begann, der eindeutig die Lösung ALLER Probleme auf diesem Planeten zum Ziel hatte.

„Stopp!“ quietschte das sonderbare Wesen auf. „Bevor du noch etwas aussprichst, solltest du die Regeln kennen.“

Regeln?

„Regeln! Deine Wünsche dürfen nicht die Entscheidungsfreiheit des Individuums einschränken.“

Wie bitte?

„Du darfst dir nichts wünschen, was gegen den Willen eines anderen ist.“

Äh, ja? Wünschen wir uns denn nicht alle, dass unser Planet frei von Problemen wie Umweltzerstörung, Kriegen und anderen Katastrophen ist?

„Grundsätzlich ja, ABER …“ hakte mein Elfchen …

„Schmetterlingsfee!“

… ein. Du meine Güte, war die Kleine empfindlich. Hätte ich einen Ausdruck in dem winzigen Gesicht erkennen können, es wäre wohl Missbilligung gewesen. Immerhin fuhr sie in ihrer Erklärung fort.

„Grundsätzlich wollen das zwar viele, aber nicht alle. Manchen geht es am Popo vorbei. Aber mehr als das, unterscheiden sich die Vorstellungen, wie es zu erreichen ist. Wie willst du z.B. einen Krieg um eine Region lösen, wenn beide sie für sich beanspruchen? Wer hat Recht? Wer soll verzichten? Beide Seiten werden gute Argumente für ihren Anspruch haben. Sich also das Ende aller Konflikte und Kriege zu wünschen, würde heißen zu entscheiden, wer Recht hat und wer nicht. Aber Recht nach welchen Maßstäben?

Mein Kopf begann noch mehr zu schwirren.

„Es ist also nicht so einfach, wie du dir das in deiner Weltretter-Naivität vorstellst.“

Okay, da musste ich wohl zustimmen. Es war nicht SO einfach. Ein anderes Thema: Gesundheit! Da wären sich doch sicherlich alle einige, oder etwa nicht? Nachdem mein Schmetterlingself – Verzeihung: Schmetterlingsfee – in einen heftigen Lachanfall ausbrach, gab es wohl auch hier ein großes ABER.

„Genau. Schau dich doch mal in der Welt um. Nicht alle Krankheiten müssten sein. Vieles könnte anders laufen, ABER auch hier wirken im Hintergründe Interessen und Entscheidungen, die du mit deinem Wunsch nicht verändern kannst. Und ganz ehrlich: manche Menschen klammern sich regelrecht an ihre Krankheit, als wäre sie selbst ohne diese bedeutungslos. Es ist also sehr kompliziert und definitiv nichts, wofür du einen Wunsch verschwenden solltest, den ich noch dazu nicht erfüllen darf und kann.“

Nun gut. Die Welt konnte ich nicht retten, weder Umweltzerstörung noch Kriege verhindern, nicht mal die Krankheiten heilen. Was blieb dann noch, was es sich zu wünschen lohnte? Die Habgier der Menschen beenden? Wäre gegen den Willen des Individuums. Neid, Eifersucht, Intoleranz, Böswilligkeit … alles individuelle Freiheiten. Schrecklich, aber so war es. Jeder entscheidet selbst über seine Handlungen. Mehr und mehr graute mir vor dem, was ich nicht beeinflussen konnte und akzeptieren musste, obgleich es viel Schaden rund um mich anrichtete.

„Denk nach. Ich habe nicht alle Zeit der Welt. Was möchtest du in diesem Augenblick? Was würde dir gut tun?“

Keine Ahnung!

„Sieh dich um.“

Mein Blick löste sich von dem bunten Winzling auf meinem Arm, streifte über die Wiese neben mir. Unzählige bunte Sommerblumen inmitten von kniehohem Gras, das sich an Spitzen bereits strohgelb verfärbte. Leuchtend rote wilde Mohnblumen neben tiefblauen Kornblumen. Strahlend weiße Margariten und dazwischen viele kleine rosa, gelb und orangefarbene Blüten. Eine sommerliche Brise ließ all das sanft vor sich hin wogen, untermalt von einem geheimnisvollen Rauschen, auf dessen Hintergrund sich das vielstimmige Konzert der Grillen und Zikaden entfaltete. Der Wind trug den Hauch des Sommers mit sich, der mich an ein Bukett von würzigem Thymian, sonnengeküsster Erde und Pinienharz erinnert, und den ich tief in mich aufnahm, während ich erneut die Augen schloss.

Die Welt die draußen, jenseits dieser Wiese, sie hatte ihre Probleme, doch ich konnte nicht eines davon lösen, wie sehr ich es mir auch wünschen würde. Irgendwie fühlte ich mich hilflos und unnütz, gleichzeitig war es aber auch irgendwie in Ordnung, weil ich eben nur ein Mensch war, ein kleines Rädchen in einem astronomisch großen Getriebe. Alles, was ich in diesem Augenblick wollte, war noch ein wenig hier zu verweilen, auf dieser Wiese, in der Ruhe und dem Frieden dieses Sommertages, einfach nur hier sein …

„Das ist ein guter Wunsch. So sei es.“

Überrascht öffnete ich meine Augen wieder. Wenige Sekunden blendete mich die Sonne, als ich blinzelnd die Schmetterlingsfee hochflattern sah – oder es zumindest so zu sehen glaubte. Denn im nächsten Moment senkte ich meinen Blick auf meinen Arm, auf das bunte Tattoo, das manche wohl als Schmetterling erkannt hätte, aber ich wusste um sein Geheimnis, um seine Magie, und schloss lächelnd meine Augen, während ich einfach nur da war, frei von dem Wunsch, das zu verändern, was nicht in meiner Macht stand und woran mein kleiner Schmetterlingself …

„Schmetterlingsfee!“

… mich wieder einmal erinnert hatte, bevor ich allzu tief in trüben Gedanken versinken konnte. Wie war das doch gleich? Wünsch dir was? Ich wünschte mir, noch ein wenig hier zu verweilen – bei mir selbst.

© Lesley B. Strong 2020

Dieser Geschichte begann ich VOR dem Wochenende, das mein Leben auf den Kopf stellte, zu schreiben. Heute habe ich sie vollendet. Es fühlt sich gut an, nach wie vor die zu sein, die ich bin.

Auflösung eines Flashback (Depression)

In diesem Beitrag werde ich beschreiben, wie ich mich selbst aus einer Depression herausbewegt habe – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich verwende nicht gerne den Begriff „Trigger-Alarm“, denn meine Schilderungen werden letztendlich zu einem positiven Abschluss führen. Dennoch, die Beschreibungen zu Beginn könnten etwas auslösen.

Entscheide selbst, ob du weiterliest.

Gestern wachte ich sehr früh auf, kurz nach Sonnenaufgang. Mein ganzer Körper schmerzte. Diese Schmerzen ließen sich jedoch nicht einer Ursache zuordnen. Vielmehr war es ein undefinierbares Empfinden von „alles tut weh“. Meine Gedanken begannen fast automatisch sich auf diesen Schmerz zu fokussieren, ihn in all seinen Facetten wahrzunehmen und damit auch zu verstärken. Meine Gefühle lösten sich auf in der Leere, die sich in mir breit machte. Alles in und an mir verkrampfte sich unter der Anspannung. Gleichzeitig war ich extrem unruhig, konnte wieder Füße noch Hände stillhalten.

Ein für mich vertrautes Szenario. Jahrelang verlief jeder Morgen wie dieser. Heute kann ich damit besser umgehen als früher. Heute weiß ich: Das, was ich fühle, ist nicht real, den es passt nicht zu meinem Leben. Aber langsam, Schritt für Schritt.

Nachdem an Schlaf nicht mehr zu denken war, bin ich raus aus dem Bett, kurz nach 5 Uhr früh. Ein Mini-Ritual im Badezimmer, dann ab in die Laufschuhe. Handy und Headset. Vor dem Spiegel im Vorzimmer stehend startete ich meine Running-Playlist mit der Zufallswiedergabe. Der erste Song: Highway to Hell von AC/DC. Unwillkürlich drängte ein amüsiertes Grinsen an die Oberfläche, dass so gar nicht zu meiner Stimmung und meinem Körpergefühl passte, aber ein Teil von mir wusste eben ganz genau, dass ich gerade in einem Flashback steckte. Dieser Teil hat seinen Spaß an Highway to Hell.

Wie auch immer. Raus aus dem Haus, über die Straße und ab auf den Waldweg. Die ersten Schritte waren noch ungelenk, doch die angenehm frische Morgenluft war herrlich. Freiheit, die mir um die Nase wehte. Schritt für Schritt ließ ich mich mehr und mehr in dieses Gefühl fallen.

Ich sollte vielleicht erwähnen, dass ich nicht vor der Depression davonlaufen (dieser Eindruck könnte entstehen), sondern auf mein positives Lebensgefühl zulaufe. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass ich im Alter von 3 Jahren zum ersten Mal auf Schi stand, mit 9 begann Basketball zu spielen und mit 27 Langstreckenläuferin wurde. Alle drei Sportarten übe ich auch heute mit 51 noch aus. Mein Leben lang mache ich Sport, bewege mich gerne. Daher ist Bewegung für mich mit vielen positiven Erinnerungen, Gefühlen und Gedanken verbunden.

Im Wald war ich allein unterwegs. Kein Wunder. Vor 6 Uhr früh trifft man nicht viele Menschen im Wald, eher schon Rehe, Füchse, Hasen … oder einen Reiher im kleinen Flüsschen, der sich gerade sein Frühstück angelt. Oder einen Feuersalamander im Slow Motion Modus. Der Gedanke erheiterte mich. Ein Salamander wäre in der kühlen Morgenluft sicher deutlich ungelenker als ich. Ich könnte aber auch eine Wildsau samt ihrem Nachwuchs treffen. Nein, das wäre nicht so toll. Eine Begegnung dieser Art hatte ich bereits einmal. Unwillkürlich blickte ich mich um, auf welchen Baum ich wohl rasch Zuflucht suchen konnte, aber ich blieb allein auf dem Waldweg. Allein mit mir selbst und meinen Gedanken, die sich mittlerweile auf ganz anderes fokussierten als undefinierbaren körperlichen Schmerz. Apropos körperlicher Schmerz: den hatte ich irgendwo auf der Strecke verloren. Naja, kein wirklicher Verlust.

Während ich meine vertraute Strecke entlanglief – ich hätte das mit geschlossenen Augen tun können – beobachtete ich die morgendlichen Sonnenstrahlen, die sich zwischen den Bäumen hindurchzwängten. Ein mystischer Anblick, der meine Aufmerksamkeit vollends fesselt. Was wollte ich nochmal? Ach ja, richtig, ein paar Erläuterungen zu dem, was sich gerade in meinem Gehirn abspielte.

Also, mein Flashback löste ein (unerwünschtes) Synapsen-Feuerwerk in meinem Gehirn aus. Was auch immer der Auslöser während der nächtlichen Schlafphase war (ein Traum?), dadurch wurde ein Programm in meinem Gehirn gestartet, das mich altbekannten Schmerz (Phantomschmerz?) wahrnehmen ließ, alte Gedankenmuster aktivierte und so weiter …

Viele Jahre lang hielt ich diesen Zustand für „real“, also im Zusammenhang mit meiner Lebensrealität stehend. Doch das war er nicht und ist es auch heute nicht. Mein Leben ist in Ordnung. Kein aktuelles Problem in meiner Lebensrealität. Okay, ich arbeite etwas zu viel. Corona nervt mich (wie viele andere auch). Manche Autofahrer bezeichne ich als – wie sage ich das nett? – Ärgernis? Wenn ich lange genug nachdenke, gibt es einiges, was ich gerne verändern würde, bis hin zur Umweltpolitik usw. … ABER es gibt kein wirkliches Problem im Sinne von „etwas, das mich direkt bedroht in diesem Augenblick“. Allein im Wald kurz nach Sonnenaufgang, an der frischen Luft bei angenehmen Temperaturen und keine Wildsau zu sehen. Mein Leben war und ist völlig in Ordnung. Nur die Synapsen-Aktivität in meinem Gehirn will mir etwas anderes suggerieren. Also fahre ich mein Gegenprogramm.

Wie bereits erwähnt, ist Sport für mich sehr positiv belegt. Ein morgendlicher Waldlauf bei Schönwetter ist sowieso das Non-Plus-Ultra für mich. Damit startete ich gezielt ein anderes Programm, aktivierte andere Synapsen und Botenstoffe in meinem Gehirn. Alles, was Wohlbefinden auslöst. Ich lief weiter, und während ich lief, konnte ich – aus der Meta-Position heraus (mit ein wenig Übung kann man lernen, sich selbst von außen zu betrachten) – beobachten, wie sich der körperliche Schmerz vollständig auflöste, meine Stimmung aus der „düsteren Leere“ zurück in verspielte Leichtigkeit wechselte und ich gegen Ende meiner Runde wieder ein sprühender Funken Lebensfreude war.

Den perfekten Abschluss lieferte Tom Jones mit Delilah (hoch emotional, ich steh‘ auf den Song, auch wenn die Story eigentlich wenig erfreulich ist) und Sex Bomb. Oh Mann, als der Song rauskam, war ich Anfang 30 und verbrachte einen unvergesslichen Urlaub am Meer (mehr verrate ich jetzt nicht). Aber ehrlich, als ich wieder vor meiner Haustür stand, fühlte ich mich keinen Tag älter als 35 – und das um 06:30 h morgens nach ungefähr 8 km Waldlauf. Zurück in der Umarmung des Lebens.

Anfänglich nahm ich mir vor, dieses Erlebnis sofort aufzuschreiben, weil es gerade „frisch“ im Bewusstsein war. Doch dann kam mir mein Job dazwischen, und so schreibe ich 36 Stunden später diese Zeilen. Ich bin noch immer in der Umarmung des Lebens. Damit steht fest: es war keine kurzzeitige Ablenkung. Die Umpolung in meinem Gehirn hat funktioniert. Vielleicht nicht dauerhaft, denn Flashbacks können immer wieder auftreten. Doch ich weiß sowohl theoretisch als auch aus praktischer Erfahrung, dass ich mich innerhalb kurzer Zeit wieder auf Kurs bringen kann. Und das mit wenig Nebenwirkungen. Gut, ich habe vielleicht ein paar Kalorien zusätzlich verbrannt. Das werde ich sicher nicht bereuen 😉

Manchmal frage ich mich, ob Psychopharmaka Flashbacks verhindern können. Vielleicht dämpfen sie das Bewusstsein dermaßen, dass einfach keine Flashbacks mehr durchkommen. Aber will ich das, als gedämpfte Version meiner Selbst durchs Leben tapsen? Sicher nicht. Da bleibe ich lieber bei meiner pro-aktiven Variante und verbrenne Kalorien. Ein morgendlicher Lauf durch den Wald tut meinem Körper, meiner Psyche und meiner Seele gut. Intensive Emotionen, die ich nicht missen möchte. Manchmal driften die Emotionen in unerwünschte Regionen, dann hole ich sie einfach wieder zurück, indem ich mein Synapsen-Feuerwerk im Gehirn gezielt stimuliere.

Meinen Namen habe ich bewusst gewählt: Lesley B. Strong – sei stark. Ich bin stark. Nicht, weil ich alles aushalte, sondern weil ich nach jedem Absturz wieder aufstehe, mich aus jedem Flashback heraushole. Das kann ich tun, weil ich weiß, dass ich in Ordnung bin, so wie ich bin, und mein Leben grundsätzlich auch in Ordnung ist, so wie es ist. Ja, manche Autofahrer könnte ich … aber was soll’s? Mein Leben muss nicht perfekt sein, um in Ordnung zu sein. Ich muss nicht perfekt sein. Ich bin einfach, wer ich bin – nur ein Mensch, und deshalb perfekt darin, unvollkommen zu sein.

180° am Morgen

Wieder einmal wollte ich einen Beitrag basierend auf den Ereignissen der vergangenen Tage. Während ich also darüberschrieb, was geschehen war, warum welche Handlungen von Menschen nicht zielführend sind und wie sie sich selbst im Wege stehen, bemerkte ich, wie meine eigene Stimmung in den Keller sank.

Ich schaltete mein Laptop aus und ging schlafen.

Heute lief ich frühmorgens durch den Wald und reflektierte all das noch einmal. Meine ausgeprägte Fähigkeit, komplexe Systeme zu erfassen und vorhandene Fehler zu entdecken, wurde über Jahrzehnte trainiert und optimiert. Sie trägt heute einen wesentlichen Teil dazu bei, in meinem Job erfolgreich zu sein. Gleichzeitig belastet sie mich, weil meine Emotionen meinen Gedanken folgen. Immerhin habe ich einen Weg gefunden, die Balance zu halten und nicht wie in der Vergangenheit in einer Abwärtsspirale gefangen zu sein.

Will ich das auch in meiner Freizeit? In Lesleys Bubble? Mich ständig mit Problemen befassen? Problemen, die nicht meine eigenen sind? In meinen Leben gibt es aktuell keine ungelösten Probleme. Anders gesagt: Mein Leben ist in Ordnung. Warum mich also mit Problemen beschäftigen, an einem herrlichen Sommermorgen, während eines Waldlaufs? Welche Wahrnehmungsfilter waren gerade aktiv?

Probleme besitzen eine Art von Magnetismus, der magisch auf menschliches Denken wirkt. Sie ziehen förmlich unsere Aufmerksamkeit auf sich. Vielleicht weil das Lösen von komplexen Problemstellungen uns als Spezies überleben ließ? Wäre eine plausible Erklärung. Leider versteckt sich darin auch eine gefährliche Dynamik, die verhindert, einfach da Hier und Jetzt zu genießen. Hinter dem nächsten Baum könnte etwas lauern. Vielleicht sogar ein Problem?

Ich traf also eine bewusste Entscheidung und lenkte meine Gedanken zurück auf den schlammigen Boden unter mir. Hier und jetzt. Ein schattiger Waldweg. Vögel zwitscherten und ein Hauch von Sommer lag in der Luft. Schmutzige Laufschuhe. Alles bestens. „Don’t stop me now“ von Queen als musikalische Untermalung. Was will ich mehr? Nichts! Ich habe alles. Ich habe mich und die Fähigkeit, mich selbst auf Kurs zu halten.

Wenige Schritte später bog ich auf einen Weg ab, der zwischen zwei blühenden Sommerwiesen in der Morgensonne liegt. Am Wegrand leuchteten die ersten blauen Blüten der Wegwarten. Solange ich zurückdenken kann, mochte ich die Wegwarte. Keine Blätter, krautige Stängel und strahlendblaue Blüten. Viele Jahre später erfuhr ich von den Mythen, die sich um diese Pflanzen ranken. Die Heilpflanze des Jahres 2020 ist für mich stets ein Symbol für Ausdauer und Kraft. Ein Wink des Schicksals, ihr just in diesem Augenblick zu begegnen, als ich meine eigene Gedankenenergie in andere Bahnen lenkte? Zufall? Bestimmung? Oder eine Neuausrichtung der Wahrnehmungsfilter, dass ich sie an diesem Morgen zwischen all den anderen Pflanze am Wegrand erblickte? Ist die Antwort auf diese Fragen wichtig? Oder das, was geschehen ist? Ich lief weiter auf meinem Weg, lächelnd, strahlte wieder jene Lebensfreude aus, die ich in mir fühlte, nachdem ich alle problembehafteten Gedanken beiseitegeschoben hatte, und machte mir bewusst, was Freddie Mercury mir über die Ohrstöpsel erzählte:

… an amazing feeling is coming through … oh ja …  I was born to love you every single day of my life.

Ich weiß nicht, an wen Freddy diese Worte richtete, aber ich richte sie an mich selbst, an den Teil von mir, von dem ich nie wirklich getrennt war, trotzdem es eine Weile lang dachte/fühlte und wenn ich mich zu lange und zu intensiv mit Problemen beschäftigte, es auch wieder denke/fühle.

Manchmal, wenn ich zu tief in der Welt der Probleme versinke, braucht es diese 180° Grad-Wende, um wieder zu fühlen, wer ich bin, immer war und immer sein werden: Ein feuriger Funken Lebensfreude, tanzend auf den Schwingen des Windes über eine sonnendurchflutete Wiese, über schneebedeckte Gipfel und durch das flüsternde Blätterdach des Waldes.

Ich umarme meinen Drachen, dessen feuriger Atem all die Probleme in Flammen aufgehen lässt, aus denen sich schildernd mein Phönix der Lebensfreude erhebt.

Diese Metapher mag kindlich wirken, doch sie ist derart abstrakt, dass mein kritischer Verstand sie nicht zerpflücken kann, ihre Botschaft in meinem Unterbewusstsein ankommt und dort ungebremst ihre Wirkung entfaltet.

Und so bin ich in den heutigen Tag gestartet, der in Folge noch ein paar sehr erfreuliche Momente für mich bereit hatte. Wie hätte es auch anders sein können. Meine Wahrnehmungsfilter waren auf positives ausgerichtet. Probleme konnte ich an diesem Tag soweit das Auge reichte keine erkennen. Vielleicht waren sie da, für andere, aber nicht in meiner Wahrnehmung, denn mein Leben ist in Ordnung. Ich bin in Ordnung, voll und ganz.

Der nächste Schritt auf meinem Weg: (M)eine Vision bekommt ein Gesicht

Gemeinsam mit einigen engagierten Menschen starte ich gerade auf einer Facebook-Seite ein Borderline-Informationsprojekt für Betroffene und Angehörige mit dem Titel „Plan B wie Borderline“. Unser Ziel ist es, möglichst vielen Menschen ein möglichst breites Angebot an Möglichkeiten aufzuzeigen.  Dazu haben wir hier in Facebook eine Seite erstellt und laden Beratungsstellen, Therapeuten etc. ein, ihre jeweiligen Seiten und Profile auf dieser Seite mit dem Namen „Plan B wie Borderline“ zu posten.

Zusätzlich haben wir eine Facebook-Gruppe gegründet, in der es vorrangig um Austausch zwischen Betroffenen UND Experten (Therapeuten*innen, Heilpraktiker*innen, etc.) geht. Hier liegt unsere Zielsetzung ganz klar bei „Hilfe zur Selbsthilfe im Alltag“. Kein Verharren im Problemkontext, sondern aktiver Austausch um Lösungsstrategien zu entwickeln.

Vermutlich kennst auch du einige Menschen, für die unser entstehendes „Plan B-Netzwerk“ interessant sein kann (Betroffene, Angehörige, Heilpraktiker*innen, Therapeut*innen, Lebensberater*innen …). Bitte schau dich auf unserer gerade erst entstehenden Seite um und wenn du gut findest, was wir tun, dann bitte ich dich, diese Info zu streuen, damit unser Netzwerk schnell wachsen und Betroffene/Angehöre rasch Informationen finden können.

Elefanten-Weisheit

Wieder einmal ein Beitrag, der aus jenen Eindrücken geboren wird, die ich in den vergangenen Wochen in diversen Chats und Selbsthilfegruppen gesammelt habe.

Thema: Realität verdrehen oder „Schönzeichnen“

Was meine ich damit? Nun, es geht darum, dass manche (oder viele) Menschen mitunter (oder auch sehr oft) den Standpunkt einnehmen, etwas ist so und nicht anders. Um das nachvollziehbar zu machen, hier ein abstraktes Beispiel:

Eine Banane schmeckt fad.

Dieser Aussage werden nicht zustimmen.

Anderes Beispiel:

Männer reden weniger als Frauen, und Frauen zicken mehr als Männer.

Stimmt natürlich so auch nicht.

Noch ein Beispiel:

Borderliner sind beziehungsunfähig.

Warum sollte diese Aussage stimmen? Sie ist ebenso pauschal und haltlos wie die beiden anderen zuvor. Dennoch neigen offenbar noch immer viele Menschen dazu, dieser einen Aussage zuzustimmen. Da ich ja meinen Mund nicht halten kann, schubse ich häufig Menschen an und sage: „Hey, es kann auch ganz anders sein.“ Daraufhin startet ein zumeist längerer Austausch, in dem manchmal auch die Aussage fällt: „Das ist ja Schönzeichnen der Realität“. Ist es natürlich nicht. Vielmehr ist es, was das Bild mit dem Elefanten so wunderbar darstellt. Ein Klassiker aus dem Kommunikationstraining.

Hier die Geschichte dazu: Mehrere blinde Menschen, die nie zuvor einem Elefanten begegnet sind, werden gebeten, diesen zu beschreiben anhand dessen, was sie ertasten können. Keiner von ihnen weiß, wie groß ein Elefant wirklich ist. So steht der erste vor dem Kopf des Elefanten, fühlt den Stoßzahn und meint voller Überzeugung: „Ein Elefant ist hart und spitz wie ein Horn“. Darauf erwidert ein anderer, der an der Seite des Elefanten steht: „Das stimmt nicht, er ist ledrig und breiter, als meine Arme erfassen können.“ Der Dritte, der hinter dem Elefanten steht, entgegnet: „Ihr irrt euch beide. Er hat einen Schwanz mit Borsten und stinkt fürchterlich.“ 

Wer von den dreien hat Recht? Natürlich alle drei. Für uns als Zuseher ist das sofort klar und einleuchtend, dass jeder der drei nur einen Teil des Gesamten wahrnehmen kann.

Nur – wenn diese Erkenntnis bei der Geschichte mit dem Elefanten so leichtfällt, warum beharren wir dann darauf, in anderen Bereichen des Lebens immer die gesamte Realität erkennen zu können?

Autsch!

Fakt ist, dass wir immer nur einen Bruchteil der Realität wahrnehmen können. Schon aufgrund der Tatsache, dass unsere Sinne eingeschränkt sind, bzw. unsere „Festplatte“ Gehirn selektive Informationen zu einem pixeligen Gesamtbild zusammensetzt, das deutlich von der Realität abweichen kann. Denkt mal nur an optische Täuschungen. Oder Songtexte, die wir ganz anders wahrnehmen als sie gesungen werden.

Wir bilden unsere individuelle Meinung zur Realität aufgrund einiger weniger Informationen.

Manche bilden auch ihre Meinung zu Borderline aufgrund einiger weniger Informationen und lassen diese ihr Schicksal bestimmen, anstatt herauszufinden, was es in ihrem individuellen Fall ist. Darauf angesprochen, wird die Neubewertung mit dem Vorurteil „Schönzeichnen“ abgeblockt.

Natürlich drängt sich jetzt die Aussage auf, das Verweigern einer Lösungsmöglichkeit sei typisch Borderline – ist es aber nicht. Das können auch andere recht gut. Es ist eher typisch menschliches Ego – und ein Exemplar davon besitzen wir alle.

Es liegt eine große Chance darin, den eigenen Standpunkt hin und wieder zu wechseln und weitere Standpunkte hinzuzufügen, um das Gesamtbild aus mehr Informationen zu generieren. Denn dann könnte es plötzlich sein, dass Borderline und Lebensfreude nicht mehr im Widerspruch zueinanderstehen, sondern in Summe eine Gesamtbild ála Elefant ergeben.

Denkt mal darüber nach 😉

#FeelTheEmbraceOfLife

100 % authentisch

Gestern habe ich eine Nachricht – oder besser: eine Frage – von einer Kollegin bekommen, die mich nachdenklich machte. Sie lautete:

„Wie du das private mit dem beruflichen Chaos noch vereinbaren kannst. Wahnsinn, bewundernswert, dass du so switchen kannst.“

Meine gedachte Antwort darauf war:

„Ich bin Borderlinerin. Das bedeutet, dauerhafte emotionale Stabilität ist nicht mein Grundzustand. Deshalb habe ich mir im Laufe der Jahre antrainiert, wie ich aus einem unerwünschten emotionalen Zustand schnell wieder in einen erwünschten wechseln kann. Diese Fähigkeit hilft mir, emotional zu springen, und das wiederum verschafft mir offenbar in monatelangen Phasen der Dauerbelastung einen Vorteil gegenüber emotional stabilen Menschen, die – stecken sie erstmal im Chaos – dort auch nicht mehr so leicht rauskommen. Ich kann emotionale Zustände wechseln wie andere ein T-Shirt, aber nicht nur fremdgesteuert (wie früher, als ich keine Ahnung hatte, wie ich wirklich ticke), sondern bewusst und gezielt. Somit nutze ich das, was viele Borderline als Belastung, Störung oder gar Krankheit empfinden, als Ressource um das berufliche Chaos (#Corona …) gut auszuhalten. Und ja, Chaos war so viele Jahre ein fester Bestandteil meines Lebens, dass ich heute damit recht gut umgehen kann. Offenbar besser als manche andere.“

Ob ich diese Antwort meiner Kollegin oder einem anderem gegenüber aussprechen werde? Mit Sicherheit, aber ich zweifle, ob ich wirklich verstanden werden. Kann sich das jemand, der es selbst nicht draufhat, überhaupt vorstellen, einen emotionalen Zustand abzulegen wie einen Mantel und einen anderen „anzuziehen“?

Drängt sich dabei nicht der Verdacht auf, alles sei nur „gespielt“?

Wie kann man nachvollziehbar machen, dass es authentisch ist, dass ein Mensch authentisch divergierende Emotionen empfinden kann, dass all das abhängig ist von den inneren Bildern im Kopf, von Gefühlen tief in sich selbst?

Wie viele Menschen glauben, authentisch zu sein, und erkennen selbst nicht, in einer von der Umwelt konditionierten Rolle zu agieren?

Wann lernen wir zu unterscheiden, was authentisch ist und was nicht?

Was, wenn Authentizität nicht eine schnurgerade Linie ist, sondern ein kurviger Weg mit zahlreichen Abzweigungen, die letztendlich alle zu uns selbst führen?

Was bedeutet es, 100% authentisch zu sein?

In diesem Augenblick … genau jene Gedanken zu denken, die ich hier festhalte, während ich in einem Cafè sitze, der Musik im Hintergrund lausche – Smooth Jazz – ein wenig überlagert von den Gesprächen rundum, dem Zischen der Espresso-Maschine, mich in den getragenen Rhythmus des Schlagzeugs fallen lasse, ein wenig mitswinge und mich einfach nur voll und ganz im Augenblick wiederfinde, inmitten von allem, ein Fels in der Brandung meines Lebens, dessen mitunter stürmischer Ozean für einige Zeit wieder wie ein kristallklarer Bergsee an einem windstillen Tag vor mir liegt und ich einfach nur hier bin, angekommen in der Umarmung des Lebens. Leben im Hier und Jetzt. 100% authentisch.

#FeelTheEmbraceOfLife