OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)

ENGEL OHNE FLÜGEL

„Da Engel nicht überall sein können, gibt es Menschen wie dich.“ … über diesen Satz bin ich vor wenigen Tagen gestolpert. Er brachte mich zum Nachdenken.

Spontan rief dieser Satz die Erinnerung an Menschen wach, die ich meine „Engel“ nenne, weil sie ganz einfach für mich da waren, als ich sie brauchte. Im Privatleben, im Job, bei einer Panne …

Engel haben nicht immer Flügel. Manchmal laufen sie sogar eine Zeitlang auf Krücken – wie einer meiner aktuellen Engel. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würden sie eher Hilfe brauchen als anderen helfen können, doch dieser erste Blick täuscht. Ich gehe davon, dass besagter Engel diese Zeilen lesen wird. Möglicherweise schleicht sich ein kleines Tränchen im Augenwinkel an, wenn ich meinen heutigen Blog ihr sowie all jenen anderen Engeln widme, die mir auf meinem Lebensweg begegnet sind.

An dieser Stelle ein riesengroßes, von Herzen kommendes DANKE an alle meine Engel.

DANKE, dass es euch gibt.

Meine Engel waren nie ganz nah an mir dran, weder mit mir verwandt noch Lebenspartner. Zumeist waren sie mehr Bekannte als enge Freunde, doch das hielt sie nicht davon ab, für mich da zu sein.

Es gab eine Menge Engel auf meinem Lebensweg.

In der Adventzeit, kurz vor Weihnachten, neige ich zum Reflektieren über Vergangenes. Manch einer mag sich vielleicht denken, dass ich ein wenig sentimental bin. Unterstützung von anderen Menschen zu erfahren, ist an sich nichts Außergewöhnliches in einer funktionierenden Gesellschaft. Das mag auch stimmen, dennoch – für mich hat diese Reflexion etwas ganz Besonderes, denn sie erinnert mich daran, dass ich nie wirklich allein war.

Egal, wie be**** die Situation auch war, wie frustrierend, aussichtslos, hoffnungslos, erdrückend, belastend, schmerzhaft und endlos es sich anfühlte, es gab stets Menschen um mich, die mir ihre Hand reichten.

Mir diese Tatsache bewusst zu machen, verändert nachträglich den Blickwinkel auf vieles in meinem Leben. Zu spüren, dass andere da waren und sind, wenn ich mal eine Schulter zum Anlehnen, jemand um Reden oder einfach nur zum Lachen brauche, schafft ein Gefühl der Ruhe und Gelassenheit in mir.

Es geht nicht darum, dass mich diese Engel immer verstehen. Vermutlich haben das die wenigsten, aber sie waren und sind da. Das zählt. Dem Irrtum des „Alleinseins“ in mir eine Erfahrung das „Dazugehörens“ gegenüberzustellen.

Ich chatte häufig mit anderen Borderlinern. Viele von ihnen berichten davon, sich allein zu fühlen, unverstanden, abgelehnt – Gefühle, die mir vertraut sind, die meine Wirklichkeit über viele Jahrzehnte geprägt haben. Doch der Rückblick offenbart die (Selbst)Täuschung. Es gab stets auch das, was ich damals nicht wahrnehmen konnte, weil mein inneres Bild permanent auf das, was fehlte fokussierte und dabei übersah, was längst da wahr. Mangeldenken in Reinkultur.

Die Engel waren und sie stets da. Häufig sind es nicht jene Menschen, die wir gerne in diese Rolle stecken würden, sondern ganz andere. Vielleicht übersieht man sie deshalb manchmal? Sie sind auch keine überirdischen Wesen, geistig verklärt oder mystisch angehaucht. Meine Engel sind Menschen durch und durch, mit allem, was dazugehört. Stärken ebenso wie die eine oder andere Schwäche. Absolut nicht perfekt, doch wann immer sie helfen können, packen sie zu. Ein Herz aus Gold schlägt in ihrer Brust, das vielleicht die eine oder andere Narbe abbekommen hat, doch nichts von seiner Güte eingebüßt hat. Sie brauchen keine Flügel, um Engel zu sein.

Wenn ich mir in dieser Adventzeit etwas wünsche, dann ist es dies: Mögen viele Menschen die Engel in ihren Leben erkennen und beginnen, selbst auf den Pfaden der Engel zu wandeln und für andere da zu sein. Ein kühner Gedanke, eine wundervolle Vision. Was könnte daraus alles entstehen?

Bild: pixabay.com

UNERKLÄRLICH – ODER DOCH NICHT?

Dies ist mein Versuch, etwas in Worte zu fassen, was gar nicht so einfach zu beschreiben ist. Da ich jedoch der Überzeugung bin, dass es nicht nur mir so geht, schreibe ich darüber, um anderen zu sagen: „Du bist damit nicht allein …“

Solange ich mich zurückerinnern kann, hatte ich immer wieder Erlebnisse, die ich nicht erklären konnte. Menschen erzählten mir etwas, aber ich nahm viel mehr wahr als nur die Worte und deren Botschaft. Gefühle ließen sich noch empathisch erklären. Ich nahm auch noch anders wahr, was nicht gesagt oder angedeutet wurde. Informationen, die sich erst viel später offenbarten.

Manchmal saß ich im Zug und sah vor meinem geistigen Auge den Briefkasten und was sich darin befand – und ich einige Stunden später in Händen hielt.

Ein anderes Mal (sehr oft) wusste ich beim ersten Klingeln des Telefons, wer dran sein würde und was die Person sagen würde … und das im beruflichen Kontext und lange bevor Nummern auf einem Display angezeigt wurden.

Das ich irgendwann im Bereich der (Familien)Aufstellungen landete, war sicher kein Zufall. Das morphogenetische Feld spüre ich körperlich ebenso wie Wasseradern oder elektrische Leitungen in Wänden. Als ausgebildete Humanenergetikerin kenne ich das Gefühl, sich „die Finger zu verbrennen“ wenn man einen anderen Menschen berührt und zum Blitzableiter der angestauten Energien wird. Dafür braucht es nicht einmal die direkte körperliche Berührung.

Die Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern, oder Partnern, die fast schon als telepathisch zu bezeichnen ist, hatte ich auch zu Menschen, die mir nicht so nahestanden.

Häufig übernehme ich Stimmungen aus dem Umfeld wie ein Schwamm, was vor allem bei negativen Emotionen echt mühsam ist. Das Ausdrücken des Schwamms wollte nämlich viele Jahre nicht funktionieren. Heute gelingt es mir übers Schreiben. Daraus entstehen häufig Geschichten, die – wie eine klassische Heldengeschichte – vom Problem/Gefahr hin zur Lösung/Rettung führen. Also nicht nur die negativen Emotionen und Energie wieder loswerden, sondern gleich auch noch ein Happy End draufsetzen. Schreibtherapie pur.

Das interessante bzw. schwer zu erklärende dabei ist, dass ich in den Geschichten Bildern und Metaphern verwende, die zuvor in der Kommunikation mit den betreffenden Menschen nicht verwendet wurden, die aber (wie sich später zeigt) für sie eine wichtige Bedeutung haben. Woher nehme ich also diese Bilder und Metaphern?

Ehrliche Antwort: ich weiß es nicht?

Viele Jahre war mir das alles unheimlich. Ich fühlte mich „anders“ und unverstanden, konnte mit niemandem wirklich darüber reden. Unterdrückte diese Form der Wahrnehmung, was nicht besonders gut funktionierte und auch nicht gesund für mich war. Also suchte ich Erklärungen im Übersinnlichen und Spirituellem. Was ich dabei fand, kann zutreffen oder auch nicht.

Fakt ist: ich bin weder verrückt noch durchgeknallt, weder zugedröhnt noch abgehoben. Ich rauche nichts, nehme keinerlei bewusstseinsverändernde Substanzen oder Psychopharmaka. Aber ich nehme mehr wahr, als die Wissenschaft erklären kann. Eine gewisse Skepsis habe ich dennoch, denn manches kann ganz einfach auch ein Produkt meiner ausgeprägten Vorstellungsgabe sein, stimuliert aus dem Alltag heraus. Anderes ist und bleibt unerklärlich. Aus meiner Sicht darf es das auch sein. Es gibt so viel mehr in diesem Universum, das wir (noch) nicht erklären können – und vielleicht niemals können werden.

Wichtiger als die Erklärungen halte ich die Aufgeschlossenheit – und die Offenheit, darüber zu sprechen, damit jene, die sich damit allein glauben, als einzelne unter vielen erkennen. Wir alle sind so viel mehr als Materie und Bioelektrizität.

Seit einiger Zeit gestern Begriffe wie hypersensitiv oder hochsensibel durch die sozialen Medien. Versuche, dem Phänomen einen Namen zu geben. Doch wo verläuft die Grenze zwischen „normal“ und „hyper“? Wie kann eine Messung und damit eine Einordnung erfolgen? Nach meiner Ansicht gar nicht, weil viel zu individuell. Wir sprechen hier nicht von Menschen mit Taktfrequenzen.

Vielleicht ist das „Hyper“ in Wahrheit auch nur unsere normale, noch nicht abgestumpfte Wahrnehmung? Inmitten der Zivilisation ermüden mancher unserer Sinne, weil sie entweder nicht gebraucht oder mit Reizen überflutet werden. Was, wenn manche von uns allmählich resilient gegen die zivilisationsbedingte Beeinflussung der Wahrnehmung werden und zurückkehren zu dem, was Menschen vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden sinnlich und intuitiv spüren konnten? Wäre dies nicht ein Zeichen von Anpassung, von Evolution, und somit erklärlich?

Lassen wir uns überraschen, ob das Unerklärliche irgendwann eine Erklärung findet.

Fraktale Bilder üben auf mich eine betörende Faszination aus. Ohne Anfang oder Ende kann ich mediativ in ihnen Abtauchen.

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VON MENSCHEN UND ALIENS

Vergangene Woche habe ich fünf Tage ich als Ausstellerin auf der Buchmesse Wien verbracht. Nach beinahe 2 Jahren Corona mit mehreren Lockdown-Phasen plötzlich wieder mit hunderten, tausenden Menschen innerhalb kürzester Zeit konfrontiert. Eine spannende Erfahrung.

Nach wie ist da diese Ambivalenz in mir.

Einerseits das wunderbare Gefühl, inmitten vieler (mit ähnlichen Interessen, weil Buchliebhaberinnen) zu sein, sich in der Menge wie in einer Welle treiben zu lassen, zuhören und zu erzählen, hin und wieder auch ein wenig im (kleinen Rahmen) im Mittelpunkt zu stehen. Ein buntes Treiben, vielfältig, menschlich.

Anderseits die erdrückende Flut negativer Emotionen, unterdrückte Ängste, ungelöste Konflikte. Flüchtige Blicke, die taxieren und ablehnen. Menschen mit all ihren Problemen auf der Flucht vor sich selbst – bewusst oder unbewusst. Unsichtbar zu sein für jene, deren Wahrnehmung geblendet ist von dem, was sie nicht sehen wollen. Ein starres Verharren, komplex, menschlich.

Dazwischen fühle ich mich wie ein Alien. Vielleicht werde ich auch von einigen so gesehen. Wer tanzt schon in der U-Bahn von Wien zur Musik von ABBA? Mir ist noch niemand begegnet. Ich bin … anders.

Wie anders, das haben mir etliche Gespräche auf der Messe bestätigt. Meine Bücher gehören nicht zum Mainstream, daher erzähle ich gerne etwas über die Hintergründe. Kaum fällt das Wort Borderline, geht’s auch schon los mit den Geständnissen. 4 von 5 berichten, dass sie mindestens einen Borderliner in ihrem Umfeld kennen. Schneller als mir lieb ist, höre ich Lebensgeschichten bzw. agiere stabilisierend im Sinne von Coaching, weil etwas in den Menschen aufbricht. Da sind Schuldgefühle ebenso dabei wie Hilflosigkeit. Oder Verzweiflung, wenn die Story ein trauriges Ende nimmt. Unverständnis in vielen Fällen. Bewunderung, dass ich es „geschafft“ habe und es mir so gut geht. Wie ich das denn hinbekommen habe?

Die Antwort, die auf diese Frage folgt, hören die Menschen zwar, aber ob die Botschaft immer gehört wird, daran zweifle ich.

Die eigenen, inneren Konflikte auflösen, ohne Wenn und Aber auf sich selbst zugehen und annehmen, was man findet … Zustimmung ja, aber Umsetzung???

Menschen sind Menschen. Sie lernen erst, wenn der Leidensdruck groß genug ist, das hat meine weise Lucy gerne gesagt. Und sie behält bis heute recht. Leiden statt lösen. Ich kann nur hoffen, dass viele – so wie ich – eines Tages aufwachen und das Leid beende. Liebe macht das Leben unendlich lebenswerter, lebendiger, lustvoller, …

Wer weiß, vielleicht bin ich eines Tages ein in der U-Bahn tanzendes Alien inmitten ganz vieler anderer in der U-Bahn tanzenden Aliens … und die „Normalen“ sind die Ausnahme. Was für eine Vorstellung!

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BIST DU NICHT WILLIG …

… steig ich für dich auf die Bremse. So ungefähr lassen sich die Ereignisse der vergangenen Woche in einem Satz darstellen.

Ein durchgetakteter Kalender, Pflicht ebenso wie Kür (sprich: Spaß). Dennoch kaum Zeit zum Nichtstun. Also warf das Leben meine Agenda kurzerhand um und verpasste mir eine Gipshand, die aktuell einiges verhindert. Spazierengehen statt Fitnessstudio. Nachdenken. Was will mir das Leben (oder mein Unterbewusstsein) sagen? Einige Warnzeichen hatte ich bereits ignoriert und meinen Kurs durchgezogen. Aber nun ging es nicht mehr. Zeit für einen neuerlichen Blick hinter den Spiegel.

Es gibt da etwas in meinem Leben, das nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Das frustriert mich und führt gleichzeitig zu außerordentlichem Engagement. Zu viel des Guten? Loslassen? Das Thema zeigte sich zu schnell, zu klar, zu simpel. Für mich ein klassisches Ablenkungsmanöver. So „einfach“ konnte es nicht sein. Dafür waren die Auswirkungen zu komplex. Da half nur eines: raus in die Natur.

Wenn der (von Menschen gemachte) Lärm um uns verstummt, hören wir wieder die Stimme des Lebens in uns.

Dieser weise Satz stimmt tatsächlich aus meiner Tastatur. Was wäre naheliegender, als danach zu handeln.

Unweit von mir liegt ein 52 Hektar großes hügeliges Waldgebiet mit unzähligen Wegen, auf denen man stundenlang wandern kann, ohne Menschen zu treffen. Optimal – abgesehen davon, dass ich meistens woanders lande als geplant. Aber nachhause fand ich bisher noch immer.

In der Stille des Waldes blickte ich in meinen Spiegel. Da gab es etwas, dass ich nicht sehen, mir nicht eingestehen wollte. Das, was nicht so lief, wie ich wollte, ist eine zwischenmenschliche Beziehung, die kraftvoll gestartet hatte und nun irgendwie stagnierte. Dieser Stillstand ist frustrierend – und gleichzeitig beruhigend, denn ein Teil von mir fürchtet sich davor, verletzt zu werden. Nach dem Crash von 2020 nicht verwunderlich. Dennoch etwas, das ich mir eingestehen muss. Nicht mein Denken fürchtet sich, das kommt auch damit klar. Ein anderer Teil von mir tut das nicht. Dieser Teil wurde so tief verletzt, dass selbst Zuneigung und Vertrauen innerhalb jener Beziehung nicht reichen, um die Furcht in mir zum Schweigen zu bringen.

Wie stark diese Furcht war, zeigte sich bei jeder Treppe, die ich hinab schritt. Der Crash 2020, also das dramatische Ende meiner 24-jährigen Beziehung, ist untrennbar mit dem Sturz auf der Treppe, dem Bänderriss und seinen Folgen verbunden. Bis heute erfasst mich Unsicherheit, wenn ich eine Treppe hinabgehe, starre ich auf jede einzelne Stufe, fühle ich mich unwohl. Früher lief ich Treppen „blind“ hinab. Heute undenkbar. Der Schock der Trennung, die extremen Emotionen, haben sich tief in das Körpergedächtnis eingeprägt und beeinflussen immer noch meine Bewegungen. Warum sollte meine emotionale Innenwelt davor verschont bleiben?

Es geht mir nicht darum, diesen Umstand in irgendeiner Form zu bewerten. Oder gar darunter zu leiden, mich als Opfer zu sehen. Das bin ich nicht. Aber ich halte es für wichtig, mir bewusst zu machen, was – noch immer – in mir wirkt, um damit gut umgehen zu können.

Möglicherweise war meine straff getaktete Agenda ein Versuch, diesem Blick in den Spiegel auszuweichen, die Frustration zu übertönen, mir anderweitig Befriedigung zu holen … zutiefst menschliche Strategien.

Ich bin nur ein Mensch. Lebenskrisen können mich wie jeden anderen auch aus der Bahn werfen. Zäsuren gehen nicht spurlos an mir vorüber. Ambivalente Gefühle gehören manchmal dazu. Das darf so sein. Deshalb bin ich weder schwach noch lebensunfähig, sondern einfach nur menschlich.

Gut möglich, dass ich deshalb vom Leben eingebremst wurde, um mir all dies bewusst zu machen, den verletzten Teil in mir zu umarmen, mir Zeit für mich selbst zu nehmen. Immerhin hat das Leben mir nicht ein Gipsbein verpasst, sondern nur eine Gipshand. Gedankenreiche Spaziergänge durch die Natur, um meine innere Stimme deutlicher zu hören, darf und kann ich führen.

Auf meinem heutigen Spaziergang entstand auch das Bild zu diesem Beitrag. Aufgenommen an jener Stelle, an der sich mir die Zusammenhänge offenbarten.

EIN GOLDENER KÄFIG

… so nenne ich manchmal die menschliche Komfortzone. Dieser Begriff beinhaltet als das, was ein Individuum kennt und kann … andere Menschen, Orte, Tätigkeiten … alles, was vertraut ist, wenngleich es nicht immer angenehm sein muss. Aber zumindest weiß man, was es ist, kann das Risiko einschätzen und sich einigermaßen „sicher“ fühlen. Deshalb golden.

Außerhalb dieser Komfortzone lauert das Unbekannte auf jeden von uns. Orte, die wir nicht kennen. Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Tätigkeiten und Handlungen, die wir noch nicht getan haben und daher nicht wissen, ob wir das können. Was wiederum impliziert, dass wir damit gewaltig auf die Nase oder anderes fallen können. Und dies zum Amüsement anderer. Oder zu unserem eigenen (finanziellen oder anderen) Ruin. Weshalb nahezu jeder Mensch über einen gewissen „inneren Wächter“ verfügt, der uns davon abhält, allzu voreilig und unbedacht aus unserer Komfortzone zu stürmen. In gewisser Weise wird sie durch diesen inneren Wächter zu einem Käfig, der uns schützen soll, aber eben auch einsperrt.

Unser goldener Käfig aka Komfortzone ist schon etwas Geniales, ebenso wie etwas Problematisches.

Letzteres speziell dann, wenn wir etwas in unserem Leben verändern wollen in Sinne von etwas Neuem, dem wir uns erstmals widmen. Dann nämlich mahnt unser innerer Wächter zu (häufig übertriebener) Vorsicht, erinnert an vergangene Episoden des Scheiterns und prophezeit eine Wiederholung, dämpft jene Energie, die uns voran treiben würde … Ich denke, auch ohne dies weiter auszuführen kann sich jeder vorstellen, was ich meine oder auf eigene Erinnerungen zurückgreifen.

Heute finde ich es amüsant und erschreckend zugleich, wie lange ich mich von meinem inneren Wächter kontrollieren ließ, ohne die von ihm prognostizierten Schreckensbilder auf ihre Relevanz hin zu hinterfragen. Ich könnte mir selbst also eine gewisse „konsequente Lernresistenz“ attestieren (die glücklicherweise zwischenzeitlich ausgestanden ist) oder es nobler formulieren: Ich nahm mir reichlich Zeit zur empirischen Überprüfung gewisser Theorien im Selbststudium. Wie auch immer …

Die Kernaussage bleibt dieselbe: ich stand mir selbst im Weg bzw. hockte in meinem goldenen Käfig und starrte hinaus in die weite Welt mit Wunschträumen im Kopf, die ich nicht umzusetzen wagte.

Bei diesen Wunschträumen handelte es sich nicht um Weltbewegendes. Ganz im Gegenteil. Im Grunde waren es „banale“ Dinge, wie einfach meine Gefühle und Bedürfnisse anderen Menschen gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Oder einfach mal zu tanzen, wenn mir danach war und die Musik meine Beine lockte. Ein Selfie zu machen und dies zu teilen.

Wenn ich so darüber nachdenke, waren und sind genau jene „Banalitäten“ mitunter „weltbewegend“ – sie bewegten nämlich meine eigene „Welt“, denn sie waren kein Teil meiner Komfortzone. Aus der musste ich raus, um eben jenes tun zu können. Raus aus dem goldenen Käfig hinein in eine unbekannte Dimension des Lebens.

Was würde mich dort erwarten? Heute kenne ich die Antwort, aber bevor ich sie verrate, noch ein paar weitere Gedanken.

Ohne Übertreibung treffe ich gefühlt täglich Menschen, die aus ihrem goldenen Käfig in die Welt hinausstarren. Längst habe ich aufgehört, aktiv nach den Gründen für ihr Verharren in ihrer Komfortzone zu fragen. Auch wenn diese Gründe auf den ersten Blick sehr unterschiedlich erscheinen mögen, im Kern geht es stets um dasselbe: sie stehen sich selbst im Weg bzw. überlassen ihrem inneren Wächter die Kontrolle über ihr Leben. Dieser Wächter sollte jedoch nur als Berater fungieren, nicht als Steuermann oder gar Kapitän. Für diese Funktion fehlt dem Wächter nämlich der komplexe Weitblick und die Vision der Veränderung.

Stichwort Veränderung. Einer der beliebtesten Gründe, in der Komfortzone zu verharren, und sich selbst den Schritt hinaus zu verwehren, ist diese.

„Veränderung ist schwer.“

Schade, dass du gerade nicht das leicht süffisante Lächeln in meinem Gesicht sehen kannst, wenn ich in meinem Kopf jenes formuliere:

„Veränderung ist stets so schwer oder leicht, wie du dir selbst erlaubst, dass sie sein darf!“

Mit dieser Aussage habe ich schon so einiges ausgelöst. Von Verärgerung und wortlosen Abgang, bis zu beschämtem Erröten oder verständnislosem Kopfschütteln. Dabei ist sie absolut logisch und nachvollziehbar. Das gesamte „Problem“ inklusive goldenem Käfig, innerem Wächter und Erinnerungen an Scheitern existiert ausschließlich in unserem Denken. Wer sonst als wir selbst kann uns in unserem Denken im Weg stehen? Natürlich wird manchmal versucht, die „Schuld“ für das eigenen Denken auf jene zu schieben, die verursacht haben, dass man so denkt wie man denkt …

Naja, Ausreden gibt’s viele auf dieser Welt. Mindestens so viele wie es Menschen gibt. D.h. die Ausreden werden täglich mehr. Aber im Fall eines erwachsenen, mündigen und sich selbst als handlungsfähig einstufenden Menschen sind dies Ausflüchte, denn sich aus der Fremdsteuerung durch Konditionierung zu befreien, ist Teil des Entwicklungsprozesses eines jeden Menschen. Somit auch Teil unserer individuellen Verantwortung der Menschheit gegenüber.

Wenn ich dich an dieser Stelle aus deiner eigenen gedanklichen Komfortzone schubse, kann ich nur sagen: „Willkommen im Club“. Mir erging es vor vielen Jahren genauso. Ich war einst eine Weltmeisterin der Ausreden, der Schuldzuweisungen an andere und des Verharrens in der Opferrolle. Dies war mein goldener Käfig, der mich davon abhielt, meine Zeit hier auf Erden nach meinen Bedürfnissen, Wünschen und Vorstellungen zu gestalten. Der mich davon abhielt, voller Lebensfreude das Wunderbare im Alltäglichen zu entdecken und dankbar für jede – wirklich jede – Erfahrung meines Lebens zu sein.

Meine persönliche Komfortzone ist längst kein goldener Käfig mehr, sondern ein dynamisches, vielfältiges, sich ständig erweiterndes Haus. Meine persönliche Villa Kunterbunt. Jedes Mal, wenn ich einen Fuß aus dem Haus hinaus in die Welt setze, weiß ich – fühle ich – dass mich eine Umarmung des Lebens erwartet. DAS ist einer jener Wunschträume, die für mich real wurden, als ich wagte, meinen goldenen Käfig namens Komfortzone zu verlassen.

Bild: pixabay.com

AUSSER TAKT …

… und trotzdem auf Kurs, das ist mein aktueller Status. Seit beinahe 4 Wochen läuft in meiner WG das Projekt „Umbau“ in Kombination mit einer Entrümpelung, deren Ausmaß mir vorher nicht annähernd bewusst war. Vereinfacht gesagt: Seit 4 Wochen lebe ich im Chaos. Liebgewonnene Routinen – und sei es nur die Nutzung der Küchenspüle – sind mit dem Abriss der Küche weggefallen. An ihre Stelle trat die Logistik von Müllsäcken, Kartons jeglicher Art, Körben, Möbeln, Schutt, Material … diverse Fahrten in Baumärkte … Umbau halt, wie ihn vermutlich jeder von uns kennt.

Und auch nicht – vermutlich.

Das für mich gänzlich neue an dieser Baustelle ist die zwar kreativ-chaotische Umsetzung mit nahezu täglichen Veränderungen, dennoch geschieht all dies friedlich, achtsam, wertschätzend, mit viel Humor und Freude am Tun. Wenn Zwei am selben Strang ziehen, fügt sich eins ins andere. Da braucht es weder lange Planung noch endlose Diskussionen. Vor 4 Wochen entstand spontan die Idee zur Umgestaltung.

Es begann mit dem Austausch des Kühlschranks und führte innerhalb weniger Tage zur kompletten Umgestaltung von vier Räumen, inklusive Böden, Ausmalen … und einer neuen Küche, die in wenigen Tagen voll funktionsfähig sein wird.

Erzähle ich davon in meinem Freundeskreis, werde ich durchwegs fassungslos angestarrt. „Wie geht das alles in so kurzer Zeit?“ lautet die Unisono-Frage. Ehrlich gesagt, habe ich keine Antwort darauf. Es läuft einfach. Schritt für Schritt. Zwei Köpfe werfen ihre geballte Lebenserfahrung in einen Topf und daraus entsteht eine Blaupause, die wechselseitig optimiert wird, ohne dass eine Seite darüber verärgert ist.

Harmonisches Miteinander. Ein Novum in meinem Leben.

Eines, das ich nie wieder missen möchte.

Eines, das so vieles in so kurzer Zeit möglich macht.

Eines, das geniale Ergebnis hervorbringt.

Eines, das sich so richtig rund anfühlt.

Vielleicht bin ich gar nicht außer Takt. Möglicherweise bin ich endlich im für mich richtigen Takt angekommen.

Ganz bei mir und in meiner Mitte.

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WÜRDEVOLLE GEDANKEN

Was bedeutet es, anderen Menschen mit Würde zu begegnen? Seit einigen Wochen befasse ich mich mit diesem Thema. Die letzten Tage lehrten mich, wie schmerzhaft das Gegenteil sein kann.

„Würde“ ist ein Begriff, der etwas angestaubt klingt. Würdenträger … darunter stelle ich mir gerne honorige Personen vor, die aufgrund ihrer Verdienste eine Medaille umgehängt bekommen.

Es heißt, die „Würde“ des Menschen sei unantastbar. Jeder Mensch habe eine „Würde“ und sei darum wertvoll. Ich habe den Begriff „Würde“ gegoogelt und eine Unmenge an Informationen erhalten. Philosophie, Rechtsphilosophie, Rechtstheorie, Religion, … viele befassen sich mit diesem Begriff und seiner Bedeutung.

Mir geht es heute um die „würdevolle“ Behandlung seiner Mitmenschen. Ein Blick in die sozialen Medien genügt, um festzustellen, wie häufig in Beiträgen und Kommentaren die Würde anderer missachtet und verletzt wird. Manche Printmedien sind da nicht viel besser. Offenen Ohres durch die Welt zu schreiten, liefert die Bestätigung in Echtzeit. Vom würdelosen Gehabe im Straßenverkehr will ich gar nicht sprechen.

Einem anderen die Würde zu nehmen führt zwangsläufig dazu, selbst würdelos zu sein. Wobei nicht wenige ihre eigene Würde mit Füßen treten und zulassen, würdelos behandelt zu werden.

Hinter den Oberbegriff „würdevolles Handeln“ stelle ich Aspekte wie Wertschätzung, Achtung, Respekt, Toleranz, Selbstbestimmung und Verantwortung. Meine Recherche ergab noch einiges mehr, je nachdem, aus welcher Perspektive das Thema betrachtet wird. Mein Zugang ist – wie üblich – intuitiv und reflektierend.

Praktisch formuliert, bedeutet „würdevolles Handeln“ für mich, jedem Menschen mit Wertschätzung respektvoll zu begegnen, anerkennend, dass jeder Erwachsene für seine Entscheidung, die Konsequenzen daraus und in Folge für sein Schicksal selbst verantwortlich ist, jedem seine eigene Meinung zu belassen.

Es bedeutet aber auch, mich aus jenen Bereichen zurückzuziehen, in denen meine Würde verletzt wird, anstatt mich auf würdelose (Wort)Gefechte einzulassen. Im öffentlichen und beruflichen Bereich ganz gut umsetzbar, wird es im privaten, familiären Umfeld eine enorme Herausforderung.

In der Vergangenheit habe ich immer wieder (besser gesagt: viel zu oft) zugelassen, von einem geliebten Menschen würdelos behandelt zu werden, weil ich diesen Menschen nicht verletzen wollte durch meinen Rückzug. Stattdessen ließ ich zu, in meiner Würde verletzt und damit als Mensch entwertet zu werden.

Es ist gar nicht so leicht, auf seine eigene Würde zu achten. Denn es bedeutet mitunter, schmerzhafte Entscheidungen zu treffen und sich von geliebten Menschen zurückzuziehen. Aber zu bleiben bedeutet, sich dem anderen als „Opfer“ zur Verfügung zu stellen. Letztendlich trägt dies auch dazu bei, den anderen in seinem würdelosen Verhaltensmuster zu bestätigen und zu bestärken. Eine fatale Wechselwirkung, bei der am Ende alle Beteiligten würdelos aussteigen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar… ein sehr guter Vorsatz, doch Worte sind geduldig.

Es liegt an jeder und jedem von uns, was wir daraus machen.

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APROPOS … RADIKALE AKZEPTANZ

Dieser Begriff begegnete mir in den letzten Monaten einige Male. Neugierig wie ich nun einmal bin, habe ich selbstverständlich dazu recherchiert. Die Kurzfassung: Neuer Name für etwas, das bereits in den alten Weisheitslehren zu finden ist, aber …

… ein neuer Name macht daraus keine Innovation. In diesem Falle finde es den Namen sogar ausgesprochen unglücklich gewählt. Warum?

Von vorne. Grundsätzlich halte ich das unter dem Begriff „Radikale Akzeptanz“ zusammengefasste Gedankengut für sehr wertvoll und wichtig. Allerdings ist der Begriff selbst kontraproduktiv, weil bei den meisten von uns im Unterbewusstsein das Wort „radikal“ alles andere als positiv belegt ist. Es wird mit Gewalt, Kampf, Druck usw. assoziiert. Akzeptanz wiederum bedeuten, zu etwas Ja zu sagen, es anzunehmen und ihm zuzustimmen.

Der Begriff „Radikale Akzeptanz“ verbindet also die Gewalt mit Zustimmung. Nicht auf der reflektierenden Verstandesebene, aber in der subtilen Welt unseres Unterbewusstseins, in dem Worte mit den dahinterliegenden Gefühlen und Bildern verarbeitet werden. Das will mir als eine in die Techniken des Mentaltrainings und der Autosuggestion Eingeweihten gar nicht gefallen.  Für mich klingt es nach einem Kampfauftrag, endlich anzunehmen, was da ist. Widerstand ist vorprogrammiert. Widerstand, durch den man sich dann hindurch kämpfen darf.

Auch das Wort „Akzeptanz“ bedeutet eher, dass es einem zwar nicht unbedingt gefällt, man es aber trotzdem annimmt. Auch so eine halbe Sache.

Die bereits vor Jahrtausenden entwickelte Grundidee des Annehmens, was ist, lautet ganz einfach: annehmen, was ist. Nicht mehr und nicht weniger. Je nach spiritueller oder religiöser Strömung wurden später Adjektive hinzugefügt, um es moderner erscheinen zu lassen:

Liebevolles Annehmen

Wertschätzendes Annehmen

Bedingungsloses Annehmen

Konsequentes Annehmen

Allumfassendes Annehmen

Kein einziges davon ändert die Kernbotschaft. Ich persönliche vermeide die Adjektive, da jedes von ihnen eine Wertung bringt, wo es keine braucht. Die von mir verwendete Formel lautet daher:

Es ist, was es ist … und ich stimme dem zu. Punkt.

Um diese Haltung einnehmen und leben zu können, hat es einige Zeit (bzw. Jahrzehnte) gedauert. Das gebe ich offen zu. Daher hier auch ein paar Tipps für hilfreiche Lektüre, um eventuell die Hürde schneller und leichter zu nehmen:

„Anerkennen, was ist“ von Bert Hellinger

„Trotzdem JA zum Leben sagen“ von Viktor Frankl

„Drehbuch für Meisterschaft im Leben“ von Ron Smothermon M.D. … dieses Buch hat mich besonders gefordert, weil es mir wie kein anderes meinen trägen, Ego lastigen und rechthaberischen Intellekt vor Augen führte, und damit verbunden, wie sehr ich mir selbst im Weg stand.

Annehmen, was ist … ist die Voraussetzung, um aus dem inneren und äußeren Kampf gegen das, was ist (das Leben!) in eine Haltung der Kooperation und Kommunikation zu kommen, mit sich selbst und anderen.

Aus meiner eigenen Erfahrung: Die Voraussetzung, um aus der Borderline-Dynamik aussteigen zu können.

Die Geschichte der Menschheit zeigt über Jahrtausende hinweg, dass der Konflikt erst endet, wenn alle Beteiligten aufhören zu kämpfen. Erst dann gibt es Gewinner auf allen Seiten. Solange gekämpft wird, verlieren alle.

Was entsteht aus radikaler Akzeptanz? Radikale Liebe?

Man möge mir Spitzfindigkeit und Wortklauberei vorwerfen, doch Worte sind so mächtig. Mächtiger als den meisten bewusst ist. Sie verändern, was in uns ist und aus dem wiederum alles entsteht, was wir nach außen tragen.

Es ist so leicht, verzweifelte Menschen, die nach Lösungen suchen, mit schlagkräftigen Worten auf einen Kurs zu schicken, doch wohin führt dieser Kurs? Je länger ich auf diesem Planeten wandle, desto mehr erlebe ich eine virale Kurzsichtigkeit der Menschen, eine Ausrichtung auf kurzzeitige Effekte und Erfolge, ein Ignorieren langfristiger Auswirkungen. Oberflächliche Symptomkosmetik anstelle von Ursachenbereinigung.

Gewalt zeugt Gewalt.

Liebe zeugt Liebe.

Jeder von uns ist frei, sich seine eigene Meinung zu bilden und eigene Entscheidungen zu treffen. Ich erinnere heute nur daran, das Liebe keine Radikalität braucht, um ans Ziel zu führen.

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Made in Hollywood?

Wenn ich auf die letzten 30 Tage zurückblicke, drängt sich diese Frage auf. Heute ist der 13.08., also genau 1 Monat nach dem Tag X (13.07.2020), an dem sich mein Leben, wie ich es die 25 Jahre davor kannte, innerhalb weniger Stunden drastisch verändert hatte. Beziehung zu Ende, Auszug aus der gemeinsamen Wohnung, … alles wurde anders – und das auf eine Art und Weise, die fast drehbuchreif erscheint.

Wobei, würde ich ein solches Drehbuch schreiben, käme vermutlich die Rückmeldung: zu unrealistisch. Vielleicht ist das wahre Leben wesentlich unrealistischer als manche Fantasie?

Was also ist geschehen, das als „zu unrealistisch“ eingestuft werden würde?

Am Montag, 13.07. wurde mir klar, dass es räumliche und zeitliche Distanz brauchen würde, um die verfahrene Situation zu beruhigen. Am Donnerstag, 16.07. war ich mit Sack und Pack ausgezogen, aber nicht einfach irgendwohin, sondern in die Wohnung einer Bekannten, mit der ich in den darauffolgenden Tagen eine WG gründete. Eine Mädels-WG. Mit einer Psychotherapeutin und Philosophin. Wer mich kennt, weiß, dass es wohl nichts Passenderes gäbe als diese Konstellation, der tiefgründige Gespräche über das Leben quasi in die Wiege gelegt wurden. Und es geht noch mehr: Wir harmonieren punkto Lebenseinstellung, Ernährung, Hobbies … faszinierend, würde Mr. Spock sagen.

Beruflich macht sich gerade das Sommerloch breit, so dass ich meinen rekonvaleszenten linken Fuß im Home Office aufpäppeln kann.

Auto könnte ich schon wieder eines haben, weil mein Sohn sein altes noch nicht verkaufen konnte, aber da ich es derzeit Zeit ohnehin nicht fahren kann – was auch nicht notwendig ist.

Beginnend bei der unmittelbaren Unterstützung durch Freunde und Familie ab dem Tag X, der Übersiedelung im Rekordtempo, dem Entrümpeln verabschiedungswerter Altlasten jeder Art bis hin zur Einrichtung des neuen Lebensraums … all das fügte sich wie Puzzleteile ineinander, als würde aus dem Hintergrund eine Art Masterplan durchschimmern und den Vordergrund lenken.

Faszinierend, so lautet auch meine heutige Conclusio.

Während ich diese Zeilen tippe, sitze ich in meinem neuen Heim, fühle mich angekommen und es geht mir gut. Wirklich gut. Kein Zwangsoptimismus und keine Durchhalteparole. Es geht mir richtig gut. Ich fühle mich hier wohl, genieße die Gespräche und gemeinsamen Aktivitäten, komme mehr und mehr zur Ruhe, spüre eine sich ausbreitende Gelassenheit in mir, verweile in der Umarmung des Lebens.

Ich wohne jetzt eine Stiege weiter. Wenige Meter nur von meinem Leben „davor“, doch bereits weit genug entfernt, um einen anderen Blickwinkel einnehmen zu können auf das, was nun fast unvermeidbar erschien und wofür ich dankbar bin, weil es die Karten neu gemischt und wieder alles möglich gemacht hat.

Alles möglich?

Das bedeutet auch, nicht zu wissen, was kommen wird oder in welche Richtung sich mein Leben entwickeln wird. Früher hätte mich diese Ungewissheit nervös gemacht. Heute betrachte ich sie mit stetig wachsender Gelassenheit. In den vergangenen Leben das Leben einmal mehr bewiesen, dass es der menschlichen Planung um Welten überlegen ist. Ich darf mich lebhafter Fantasie rühmen, doch eine Geschichte wie jene, die mir tatsächlich passiert ist, hätte ich mir ausdenken können. Zu glatt fügen sich die einzelnen Bausteine zusammen, ganz so, als hätte der Fluss des Lebens über Jahre daran gearbeitet, sie in die Recht form zu bringen.

Das Leben macht keine Fehler. Wir Menschen schon. Oftmals bleiben uns übergeordnete Zusammenhänge oder der Sinn hinter den Geschehnissen verborgen – doch das Leben behält den Überblick. Es trennt, was nicht mehr passt und fügt zusammen, was aneinander und voneinander lernen darf.

Das Leben schreibt die besten Geschichten – nach wie vor. Auch wenn sie manchmal wie „Made in Hollywood“ erscheinen 😉

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