NIEMALS UNTERSCHÄTZEN

Zur Zeit bereite ich eine für mich ganz besondere, wichtige Reise vor, die am 11. September 2022 starten wird. Innerhalb von einer Woche werde ich an drei unterschiedlichen Orten Buchpräsentationen und Lesungen veranstalten. Im Mittelpunkt steht „Berggeflüster“, aber auch anderes findet sich im Programm. Ur cool. Mein Autorinnen-Herz übt sich bereits im Purzelbaumschlagen.

Im Rahmen des jeweiligen Events werden auch unterschiedliche Personen mit mir über die Hintergründe des Charity-Buchprojektes plaudern, sowie allgemein über mein Schaffen als Autorin und Bloggerin. Wieder einmal wird das Thema Borderline zur Sprache kommen. Wieder einmal hinterfrage ich mich selbst, ob und wie ich meine Botschaft am besten rüberbringe. Denn eines ist klar: die Menschen im Publikum erleben MICH. Eine, die relativ locker und reflektiert über das Thema spricht, ohne Scheu oder Scham. Eine, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, beruflich erfolgreich, künstlerisch ambitioniert und definitiv ihren eigenen Weg beschreitend, voller Lebensfreude und Selbstliebe. Eine typische Borderlinerin?

Das ist der Punkt!

Welches Bild zum Thema Borderline vermittle ich durch mein Auftreten dem zumeist wenig informiertem Publikum?

„Ach, das kann ja nicht so schlimm sein mit Borderline. Wenn ich mir anschaue, was die da alles macht und wie taff sie unterwegs ist.“

Nichts liegt mir ferner, als das Thema zu verharmlosen, denn Borderline ist alles andere als eine „harmlose Kinderkrankheit“ oder ein „vorübergehendes Tief“. Aber natürlich besteht dieses Risiko der Unterschätzung, deshalb bereite ich mich auch darauf vor, einige sehr klare Worte zu finden:

Wer mich heute trifft, erlebt eine taffe, selbstbewusste, erfolgreiche und reflektierte, äußerst lebendige Frau, die ihren Weg im Leben geht. Das war nicht immer so. Viele Jahre meines Lebens war meine Welt gänzlich anders, dominiert von mangelndem Selbstwertgefühl, fehlender Selbstliebe, Depressionen, Schmerz, Traumatisierungen und Retraumatisierungen. Geprägt von zahllosen Momenten, in denen der nächste Atemzug unmöglich schien, durchgeschüttelt von Panikattacken, beinahe erstickt an all dem Unterdrückten in mir, manchmal dem Tod näher als dem Leben, ständig unter Strom, Hochspannung, Druck. Nie entspannt. Grenzlose, kaum zu ertragende Emotionen, und dann – gleich dem Auge eines Hurrikans – die absolute Leere, emotionales Vakuum, nichts mehr fühlen, bis zum nächsten Vulkanausbruch. Ein Wechselspiel von Höhenflügen, erkämpft durch rücksichtslose Selbstausbeutung, und physisch-psychischen Zusammenbrüchen. Mehrfach ausgebrannt. Treffe ich heute Menschen, die Richtung Burnout steuern, schrillen in mir sämtliche Alarmglocken, denn es fühlt sich wie ein Echo meiner Vergangenheit an, eine mahnende Stimme in der Dunkelheit. Wenn ich die Flyer von Gewaltberatungsstellen sehe, krampft es mich zusammen, denn was dort unter „psychischer Gewalt“ beschrieben wird, hat viel zu lange mein Leben bestimmt, ohne dass ich dagegen aufbegehrte, weil ich es nicht anders kannte, aber auch, weil die Angst vor dem Verlassenwerden schlimmer war als die Demütigungen und was mir sonst noch zugefügt wurde. Selbstverletzung hat viele Formen, auch die, sich nicht zu schützen vor dem, was einem durch andere angetan wird. Ich könnte diese Aufzählung noch einige Zeit weiterführen, oder es nun hier auf den Punkt bringen. Borderline hat viele Facetten, doch eines ist es mit Sicherheit nicht: harmlos.

Es war und ist eine bewusste Entscheidung, meine Erfahrungen als Borderlinerin offen mit anderen zu teilen. Mein Ziel dabei ist es, Sichtweisen zu verändern, Respekt und Verständnis für Betroffene in deren Umfeld zu erwirken, Hoffnung und Inspiration an Betroffene zu vermitteln.

ABER weder verharmlose ich die Herausforderung Borderline, noch stimme ich der Opferrolle zu. Wenn die Umstände des Lebens dazu geführt haben, dass ein Mensch sich in der Borderline-Thematik wiederfindet, dann mögen andere daran beteiligt gewesen sein, doch das ist kein Grund, in der Opferrolle zu verharren. Es gibt Auswege, wenngleich sich hier die Betroffene häufig selbst blockieren. Wie ich selbst erlebt habe, konnte ich meinen Ausweg erst beschreiten, nachdem ich es mir selbst wert war, ein gesundes, glückliches Leben zu führen.

Apropos Ausweg aus Borderline: Viele Betroffene suchen nach einer Art Ausstiegstür, wie sie aus dem Chaos entkommen und in ein normales Leben gelangen können. Für mich gab es keine Tür nach außen. Meine Tür ging nach innen auf. Ich musste zuerst mich selbst entdecken, um in all dem Chaos in mir die Zusammenhänge (oder die verborgene Ordnung) zu erkennen, um ICH zu werden und daraus jene Strategien zu entwickeln, die mich in meiner Mitte halten.  

All das werde ich bei den Events zur Sprache bringen, denn um Verständnis zu erwirken, müssen Menschen das Thema verstehen – und keinesfalls dürfen sie es unterschätzen.

Bild: Pixabay.com

ALLES NUR FAKE?

Faszinierend, was Kundige mit Bildbearbeitungsprogrammen alles anstellen können. Bei den vielen Bildern, die durch die sozialen Medien kursieren, frage ich mich regelmäßig, ob das, was ich sehe, auch in echt so aussieht – oder vielleicht ganz anders. Fake News? Alternative Wahrheiten?

Eine ähnliche Frage stelle ich mir auch häufig bei Menschen. Was ist echt? Und was Fake? Was verbirgt sich unter all den Masken, dem Make Up, Designer-Klamotten und sonstigem Aufputz, wenn weder Push noch Shape zum Einsatz kommen, frei von Statussymbolen.

Was bleibt, wenn man einem Menschen all das nimmt, was von den Ereignissen des Lebens jederzeit hinweggespült werden kann?

Nacktheit lässt nicht viel Spielraum für Fake.

Nacktheit offenbart weitaus mehr als nur blanke Haut. Sie zeigt auch, wie liebevoll und würdevoll jemand mit sich selbst umgeht.

Nacktheit wäre der natürlichste Zustand – sollte man meinen.

Als langjährige Saunabesucherin habe ich schon so einiges erlebt, was passieren kann, wenn Menschen alles ablegen, über das sie sich gemeinhin definieren. Wenn der „schöne Schein“ rundum verschwindet, zeigt sich der wahre Charakter. Im Business Dress vielleicht noch als „wirtschaftlich notwendig“ akzeptierte Aussagen klingen nackt nur noch menschenverachtend. Ihrer Statussymbole beraubt werden manche zu „Wadlbeissern“. Andere verlieren ihre Coolness und Selbstsicherheit mit jeder Lage Stoff, was am Ende bleibt, ist hohl und ohne Substanz.   

In einer Zeit, in der nahezu alles gefakt wird, verspüre ich einen stetig stärker werdenden Wunsch nach „Echtem“.

Mich interessiert immer weniger, was ein Mensch hat. Was für mich zählt, ist der Charakter.

Aber wer zeigt noch sein wahres Gesicht?

Warum braucht es all den Fake?

Warum genügt es nicht mehr, zu sein, wer man ist? Warum muss man die optimierte Version des Selbst werden? Vor einiger Zeit begegnete mir in diesem Zusammenhang der Begriff „Superversion“. Welch ein manipulativer Begriff! Er impliziert, dass meine Normalversion in jedem Fall zu wenig und unzureichend ist. Sprich: ICH kann gar nicht gut genug sein, solange ich nicht SUPER-ICH bin. Minderwertigkeit lässt grüßen. Und vor allem: was soll diese Superversion sein? In meinem Verständnis: ein Super-Fake.

Leidet unsere Gesellschaft unter einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex? Wenn ich mir ansehe, wie viel gefakt wird und wie wenig Echtes mir begegnet, kann ich diese Frage nur mit einem klaren JA beantworten.

Ich stelle mir hin und wieder vor, wie es wäre, wenn ich alles loslasse, was derzeit zu meinem Leben gehört, wenn nur noch ich selbst übrigbleibe. Was ist das, was bleibt?

Meine Antwort darauf: das, was ich bin, immer war und immer sein werde – ein feuriger Funken Lebensfreude, mit vielen Talenten und noch zu entdeckenden Potenzialen, kreativ bis zum Abwinken, romantisch-sinnlich, manchmal frech, ein anderes Mal nachdenklich, mit gesundem Humor und Selbstironie gesegnet, unendlich dankbar für dieses Leben, neugierig auf das, was es noch bringen wird und darauf vertrauend, dass ich aus allem, das mir begegnet, etwas lernen kann, das mich weiterbringt.

Jeder von uns betritt diese Welt vollkommen nackt. Wenn wir sie verlassen, können wir nichts mitnehmen außer dem, was übrigbleibt, wenn wir alles loslassen. Wir gehen „nackt“ als die, die wir geworden sind. Wozu also all der Fake?  

Bild: https://pixabay.com/de/photos/baby-m%c3%a4dchen-neugeborenes-portr%c3%a4t-784608/

BORDERLINER KANN MAN NICHT VERSTEHEN

Die folgenden Zeilen sind ein Gespräch mit meinem Spiegelbild, das ich vor einigen Jahren geführt habe, nachdem ich das „Problem“ erkannt, aber noch nicht gelöst hatte:

„Da ist eine leistungsorientierter Workoholic mit der Tendenz an die Belastungsgrenze zu gehen. Erfolgreich, stark, niemand würde vermuten, was sich hinter der Fassade verbirgt. Viele Selbstzweifel, geringer Selbstwert und wenig Selbstliebe. Ein emotionales Chaos, das sich nicht unter Kontrolle bringen lässt. Manchmal fühlst du dich regelrecht fremdgesteuert, das macht dir Angst. Nähe zu anderen Menschen geht gerade noch als Freundschaft, aber nicht in einer Beziehung. Wenn dir jemand nahekommt, würde diese Person vielleicht merken, wie wenig das äußere Bild mit dem inneren Wesen zusammenpasst. Du spürst, dass du anders bist als andere. Du wärst gerne wie die anderen, aber du kannst es nicht sein, egal, was du versuchst. Anders zu sein als alle anderen, das macht einsam, weshalb du dich versteckst. Du fliehst in eine starke Rolle und in eine Welt, in der du die Kontrolle behalten kannst und von anderen bewundert wirst. Du bist davon überzeugt, dass niemand dich je verstehen kann. Schlimmer noch, vielleicht sind die Menschen ja abgestoßen, wenn sie herausfinden, wie es in dir wirklich aussieht, dass du manchmal gar nicht weißt, was du fühlst. Die Frage „Wie geht es dir?“ kann schlimm sein an Tagen, an denen du es nicht spürst, weshalb du ausweichst und erzählst, was du machst, aber nicht, wie es dir geht. Du sehnst dich nach Liebe, doch du kannst sie nicht aushalten. Du wünschst dir Geborgenheit, doch eine Umarmung fühlt sie wie eine Fessel an. Du möchtest Nähe und stoßt jeden von dir, der versucht, dir nahezukommen. Du bist voller Widersprüche, fühlst dich manchmal zerbrochen. Da du dich nicht retten kannst, rettest du andere. Manchmal musst du deine Grenzen gehen, um dich selbst noch zu spüren, auch wenn es schmerzt. Schmerz ist das, was du am meisten vor der Welt versteckst, doch er ist da, ein abgrundtiefer, bodenloser Schmerz. Du bist überzeugt davon, diesen Schmerz zurecht zu spüren, ihn verdient zu haben, und wenn jemand dir Schmerz zufügt, dann ist das wie eine erlösende Bestätigung, dass die Welt in Ordnung ist. Jedes positive Gefühl, egal ob Freude, Zuneigung, Zufriedenheit, entsteht in deinem Kopf, wird auf situative Akzeptanz überprüft und danach kontrolliert ausgelebt. Negative Gefühle explodieren in dir gleich einem Vulkanausbruch, überrollen dich mit zerstörerischer Intensität. Manche Gefühle hast du völlig aus deinem Leben verdrängt, weil du sie nicht aushalten kannst. Du lebst, aber du fühlst dich nicht lebendig. Du funktionierst wie eine Maschine. All das würdest du niemals einem anderen gegenüber zugegeben, denn niemand soll je erfahren, wie „kaputt“ du wirklich bist. Wer würde sich dann noch mit dir abgeben?“

Mit diesem Selbstbild begann meine Reise.

Meine Beobachtungen und Gespräche mit anderen Betroffenen haben gezeigt, dass andere ähnliche Selbstbilder haben. Die Details mögen variieren, die Grundstimmung bleibt belastend, Widersprüchlichkeiten sind die Normalität.

Kann ein Nicht-Betroffener das verstehen? Vielleicht ist das möglich.

Kann ein Nicht-Betroffener sich einfühlen? Gute Frage.

Kann man Nicht-Fühlen (emotionale Leere) empathisch erfassen?

Man kann einem Sehenden die Augen verbinden, um Blindheit zu erleben. Oder Hörenden die Ohren zustöpseln, um Taubheit zu erfahren. Aber wie vermittelt man emotionale Leere? Den Zustand, sich selbst nicht zu fühlen?

Kann ein Nicht-Betroffener sich das vorstellen, um es zu verstehen?

An dieser Stelle geht es mir nicht darum, verbindliche Antworten zu finden, sondern Denkanstöße zu liefern.

Vielleicht geht es für Nicht-Betroffene auch eher darum zu begreifen, dass Betroffene ihren ganz individuellen Weg finden müssen, um die Herausforderung Borderline zu meistern. Dieser Weg kann sich sehr von dem unterscheiden, was manchmal von Nicht-Betroffenen als notwendig angesehen wird.

Vielleicht geht es für Betroffene darum, nicht länger zu versuchen, „normal“ zu werden – oder das, was gemeinhin als „normal“ tituliert wird – sondern zu lernen, mit sich selbst zurecht zu kommen und zu sein, wer man nun mal ist.

Das war mein Weg zum Erfolg.

Heute lebe ich aus dem Herzen heraus. Fühle unmittelbar und teile, was ich fühle. Ich liebe mich mit allen Ecken und Kanten, Schrammen und Dellen, Falten am Körper, Macken im Geist und Narben an der Seele. Voraussetzung dafür war, mich selbst verstehen zu lernen, die verborgenen Zusammenhänge (oder Ordnung) im Chaos zu erkennen. Zu akzeptieren, dass ich anders bin und immer anders sein werde – und das auch sein darf. Der allgegenwärtige Schmerz wich einer Melange aus Lebensfreude, Dankbarkeit und Zufriedenheit, unterlegt mit Urvertrauen ins Leben und verfeinert mit einer Prise augenzwinkerndem Humor.  

Meine Reise ist noch nicht zu Ende.

Mit offenen Sinnen durchs Leben schreitend, entdecke ich laufend Wunderbares in mir und um mich. Dass ich mich häufig nicht dem kollektiven Jammern über dies oder das anschließe, hat viele Gründe. Einer davon ist, dass ich danach strebe, alles, was mir begegnet, aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Das eröffnet Perspektiven, die andere mitunter übersehen. Außerdem ändert Jammern und Raunzen selten etwas.

Vielleicht bin ich heute für manche noch schwerer zu verstehen als in meiner „dunklen“ Zeit, denn ich habe kein Problem damit, Borderlinerin zu sein.

Manche Menschen sind das Gegenteil von Rechtschreibkoryphäen und sollten sich deshalb beim Schreiben konzentrieren. Andere haben ein Thema mit Zahlen und werden niemals Mathegenies. Meine Herausforderungen liegen im Erkennen und Beachten von Grenzen, im achtsamen Umgang mit mir selbst, im Unterscheiden von dem, was ich bin und was ich von anderen übernehme (emotional, energetisch, mental).  

Meine Reise zu mir selbst lehrte mich, mein Borderline zu verstehen und daraus etwas lebensbejahendes zu machen. Kann ein anderer mich verstehen? Ich finde, das ist gar nicht nötig. Viel wichtiger ist, dass jeder einzelne Mensch – gleich ob Borderliner oder nicht – sich selbst versteht und mit sich selbst im Reinen ist.

DER ATEM DES LEBENS – POST COVID

I am back 😊 Zwei Wochen nach meiner Covid-Erkrankung bin ich zwar körperlich noch angeschlagen, aber immerhin innerlich wieder halbwegs im Gleichgewicht. Einmal abgesehen davon, dass ich auf die physische C-Erfahrung gerne verzichtet hätte, die mentale war auch nicht ohne.

Die emotionale Achterbahn drehte einige Runden mit mir. Ob als Nebeneffekt der Infektion oder als Begleiterscheinung des „Eingesperrt-seins“ der Quarantäne, oder beiden … who knows? Auf jeden Fall wurde mir neuerlich bewusst, wie wichtig meine Zeiten draußen in der Natur für mich sind, weit ab von anderen Menschen.

Dass dieses temporäre „Eingesperrt-sein“ just mit dem 2. Jahrestag der „aus dem Nichts kommenden Trennung“ zusammenfiel, ist schon einer dieser eigenartigen Zufälle im Leben. Immerhin waren 24 Monate genau der Zeitraum, den ich mir für die Verarbeitung einer 24 Jahre dauernden Beziehungen vorgenommen hatte. Danach wollte ich frei und voller Energie in mein neues Leben starten – aber nicht hustend und schnaufend in Quarantäne sitzen.

Wenn einem die Luft wegbleibt, das Atmen schwerfällt, dann bleibt viel Zeit zum Nachdenken und Einfühlen in das, was gerade da ist. Also lag ich schnaufend und frierend unter zwei Decken bei über 30 Grad plus vor der Haustür, erlebte Wut, Frustration, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit in überraschender Intensität. Für all das gab es keine Auslöser in meiner Realität. Okay, eine Covid-Infektion, aber solche Emotionen? Durchheulte Nächte? Kann Covid sich auf die Psyche auswirken? Diese Frage hätte ich lieber mal nicht gegoogelt, denn die Suchergebnisse sind erschreckend zahlreich und wenig aufbauend. Tab wieder geschlossen. Manchmal ist ein langer, kurzatmiger Spaziergang durch den Wald die klügere Option als eine umfangreiche Recherche.

Der Atem des Lebens.

Damit befasste ich mich gedanklich, mit dem Atem, der derzeit weniger kraftvoll als vor Covid durch meinen Körper fließt, was aber nur eine Frage der Zeit ist. Geduld ist angesagt. Mein Körper wird sich vollständig erholen, davon bin ich überzeugt. Die Zeit dafür muss ich ihm allerdings geben.

Der Atem des Lebens.

Ist es tatsächlich nur die Luft, die durch unsere Lungen strömt? Oder geht’s dabei um mehr als um eine adäquate Sauerstoff-Stickstoff-Mischung? Luft konnte ich auch während der Quarantäne in meinem Zimmer atmen. Sogar Frischluft durch das geöffnete Fenster oder auf dem Balkon. Aber diese Luft verschaffte mir nicht das Gefühl des „Durchatems“, dass ein kurzer Spaziergang durch den Wald mit sich brachte. Neben dem Gefühl, wieder lebendig zu sein, kamen auch wieder andere Gedanken und Gefühle in meinen Fokus.

Der Atem des Lebens.

Für mich gehört viel mehr dazu, als nur 4N2O2 plus CO2 und ein paar Edelgase, um vom Atem des Lebens zu sprechen. Durchatmen kann ich an einem Ort, an dem ich mich mit dem Leben verbunden fühle. Die Lunge gilt als ein Organ (ebenso wie die Haut), über das wir direkt mit der Umwelt in Berührung kommen. Die Lunge ist ein Berührungspunkt mit dem Leben, Außen trifft auf Innen. Vielleicht ist mein Innen noch nicht bereit, sich ganz dem Außen zu öffnen und drosselt deshalb den Austausch? Bin ich bereit, mit meinem neuen Leben zu starten? Interessante Fragen, auf die ich noch keine Antwort gefunden habe, aber ich denke, allein mich damit zu befassen, eröffnet neue Horizonte. So wie diesen…

Heute Morgen begegnete mir dieser kleine Schmetterling. Seine Flügel sind viel zu zerbrechlich für diese Welt, wie das Herz mancher Menschen. Eigentlich müsste er seine Flügel hinter einer dicken Mauer verbergen, um sie zu schützen, doch stattdessen entfaltet er sie, denn er weiß, nur mit geöffneten Flügeln kann er fliegen und lebendig sein.

Manchmal fühlte ich mich wie eine Art emotionales Schmetterlingskind. Viel zu empfindsam für diese Welt. Doch ich weiß, ich kann nur dann fliegen und lebendig sein, wenn ich meine Flügel – und mein Herz – öffne…

… und mich selbst dem Atem des Lebens.

DER TAG DANACH

Gestern erwischte mich ohne Vorwarnung ein Flashback. Im Grunde aus dem Nichts heraus. Jemand, der mich sehr wichtig ist, kommunizierte etwas auf eine Weise, die mich bislang zum Lächeln brachte, doch gestern geschah genau das Gegenteil.

Vermutlich lag es an der Kombination einer extrem anstrengenden Woche mit der Anspannung wegen einem bevorstehenden Familientreffen – die letzten waren alles andere als entspannt und angenehm verlaufen –  verstärkt durch die Einschränkungen, die meine Verletzungen aus dem Sturz am Wochenende davor noch mit sich bringen … wie auch immer. Ich reagierte innerhalb von Minuten. Aus den Tiefen meines Unterbewusstseins erhob sich ein Schatten, ein zutiefst verletztes Selbstbild mitsamt seinen emotionalen Erfahrungen, die ich an dieser Stelle nicht nochmals neu aufleben lassen möchte. Deshalb hier nur ein Wort: Schmerz.

Fast schon routiniert schrieb ich mich aus dem schwarzen Loch zurück ins Licht der Lebensfreude. Immerhin war und ist mir ja bewusst, dass es nur Schatten der Vergangenheit sind, die nichts mit der Gegenwart zu tun haben. Insofern also kein Problem. Dennoch stellte ich mir auch die Frage: Was kann ich aus diesem Flashback lernen, das mir bislang verborgen geblieben war? Ein Flashback ist stets auch eine Chance, etwas zu erkennen, das in den Tiefen des Unterbewusstseins schlummert – und das Fehlende, das Heilende dazuzustellen.

Meine Frage erhielt eine Antwort. Ob ich die damit verbundene Chance auf Heilung in mir genutzt habe, wird die Zukunft zeigen. Jedenfalls kehrte danach Ruhe ein. Sogar das Familientreffen verlief ruhig. Betrachte ich dies als Spiegel meines inneren Zustands, kann ich davon ausgehen, zumindest keine Unruhe auszustrahlen. Ruhe in mir? Heute verspüre ich den Drang, aufzuräumen. Das tut meiner Wohnung gut – und auch mir selbst. Ordnung schaffen. Jedem Ding seinen Platz geben. Jedem Anteil meiner Persönlichkeit ihren Raum geben. Entropie umkehren und Chaos in Harmonie verwandeln.

Wieder einmal fasziniert mich die Beobachtung, wie das Äußere und das Innere zusammenhängen. Mir war in den vergangenen Wochen gar nicht aufgefallen, wie sich schleichend Unordnung in meinem Leben ausgebreitet hat, einiges unerledigt blieb, anderes in einer Zwischenposition geparkt wurde. Analog zu dem, was in mir zu viel wurde, was ich nicht mehr verarbeiten konnte. Überarbeitet? Vermutlich. #

Der Tag danach verlangt eindeutig nach einem langen Spaziergang durch die Natur, weit weg von Menschen, die mich davon ablenken würden, mich mit dem zu befassen, was im Moment wichtiger ist alles andere, um die Schatten der Vergangenheit aufzulösen. Zeit für mich selbst steht auf dem Programm am Tag danach.

Bild von <a href=“https://pixabay.com/de/users/bessi-909086/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=832079″>Bessi</a&gt; auf <a href=“https://pixabay.com/de/?utm_source=link-attribution&amp;utm_medium=referral&amp;utm_campaign=image&amp;utm_content=832079″>Pixabay</a&gt;

AUS DEM HERZEN LEBEN

Die Gedanken zu diesem Blog habe ich seit Tagen im Kopf, aber ich kam nicht früher dazu sie zu tippen. Das ich dies nun genau jetzt tue, verstärkt die Botschaft nochmal, denn … heute Morgen wich ich während meines Waldlaufs einem Hundehäufchen mitten auf dem Weg aus, übersah einen kleinen, aber aufragenden Stein, blieb mit dem linken Schuh daran hängen und … voila, kurze Zeit später saß ich blutüberströmt in der Ambulanz und hoffte, das Röntgen würde keinen Knochenbruch im linken Unterarm feststellen. Zum Glück waren die Knochen heil geblieben, ob dies auch auf die Bänder und Knorpel zutrifft, wird sich in ein paar Tagen zeigen.

Kommen wir zurück zum Thema: Aus dem Herzen leben

Ein wunderbarer Zustand, der mich seit einer Woche intensiver denn je begleitet. Was dazu geführt hat? Berggeflüster … oder genauer gesagt: Die Charity-Buchpräsentation im Gasteiner Tal. Die tiefe Emotionalität der Gedichte in die gegenwärtige Wirklichkeit zu holen, zu leben, was ich fühle, vor Publikum, einfach nur zu sein, wer ich bin – das hat einiges ausgelöst. Erkennbar ausgelöst, wie eine Freundin anmerkte: „Deine Augen leuchten im Tal.“

Das tun sie in der Tat.

Es mag Menschen geben, auf die die mächtigen Berge, die das Tal umschließen, einengend wirken. Auf mich wirken sie befreiend, ermutigen mich, ich zu sein, zu zeigen, was mich berührt, auch im Alltag. Keine Fassade aufrechterhalten, kein Verstecken hinter Masken, einfach nur Menschsein, aus dem Herzen leben. All das wirkt heilsam auf meine Seele.

Und damit wären wir beim nächsten Stichwort: Seele.

Unsere Seele, deren Existenz manche anzweifeln, ist kein ganz einfaches Thema … aber ich will hierkeinen philosophischen Diskurs vom Zaun brechen und behaupte jetzt einfach mal: Jeder von uns hat eine Seele, die verletzt werden kann und das auch wird.

Oberhalb habe ich von einer aufgeschürften Hand, einem blutenden Knie und angeknackstem Handgelenk erzählt. Allessamt nichts, wofür ein Mensch sich schämen müsste. Vielleicht ein paar halblustige Kommentare wegstecken, ob es nicht klüger gewesen wäre, in die Hundescheiße zu treten, anstatt ins Krankenhaus zu fahren. Tja, im Nachhinein sind wir alle klüger, nicht wahr?

Körperliche Verletzungen sind gesellschaftstauglich.

Sind seelische das auch?

Im Rahmen der Berggeflüster Charity-Buchpräsentationen plauderten wir auch über die Hintergründe – und meinen Hintergrund. Borderline. Darüber, was es mit Menschen tut, wenn sie die Rückmeldung (oder Diagnose) erhalten, nicht „innerhalb der definierten Parameter zu funktionieren“. Meistens kommt diese Feststellung nach einem mehr oder weniger langen Weg voller Ablehnung, Ausgrenzung, Übergriffe, … Betroffene erkennen irgendwann sich selbst als den Fehler, das Problem. Viele versuchen dies zu korrigieren, der Norm zu entsprechen, zu werden, wie die anderen sind. Das funktioniert meistens nicht. Der Frust geht weiter. Die Verletzungen werden tiefer, sinnbildlich blutende Wunden in der Seele – und keine Heilung in Sicht.

Doch Heilung ist möglich!

Mein persönliches Heilmittel heißt Lesley.

Lesley steht für: Leben, Licht, Liebe, Lebendigkeit, Leichtigkeit, Lebensfreude… und seit wenigen Tagen für „aus dem Herzen leben“. Ein fantastisches Gefühl.

Skeptiker mögen jetzt einwerfen: „Glückshormone nach einem gelungenen Event. Das vergeht wieder.“

Mag sein, ABER die Tage danach im Job mit einem bisherigen Höhepunkt an Irrsinn, ließen den Effekt nicht verschwinden. Auch mein heutiger Sturzflug nicht. Immerhin sitze ich einbandagiert, tippe einhändig diese Zeilen und es geht mir trotzdem gut, ich bin voller Lebensfreude und Leichtigkeit – ohne Schmerzmittel oder sonstige Substanzen eingenommen zu haben.

Ich bin einfach ich selbst, lebe aus meinem Herzen heraus, mache, was mir und anderen Freude bereitet – genau das wollte ich auch mit Berggeflüster erreichen. Ein bildhübsches Buch, das sieht man auf den ersten Blick. Nicht zu unterschätzende lebensphilosophische Gedichte, aber die offenbaren sich erst beim Lesen. Darüber hinaus sammelt dieses Buch auch noch Spenden für die Bergrettung im Gasteiner Tal. Geht noch mehr Wohlfühlen?

Ja!

Rund um den Event habe ich einige der Bildautor*innen kennengelernt, die ihre Fotos kostenlos für das Charity-Projekt zur Verfügung gestellt haben. Tolle Menschen, bereichernde Gespräche, die eine oder andere Freundschaft, die mich hoffentlich noch lange begleiten wird.

Aus dem Herzen leben … vor einigen Jahren hätte ich mir darunter nicht das vorstellen können, was es heute ist. Vielleicht muss man es emotional erleben, um es rational zu begreifen. Ansatzweise tat ich es auch hin und wieder. Die Tür stand bereits offen, nur ein Fliegengitter trennte mich noch von der Freiheit im Sein. Am 29.Mai entließ ich dies Fliegengitter in die Vergänglichkeit und stellte mich der Präsenz des Augenblicks.

Zugegeben, im Gasteiner Tal fällt dieses „aus dem Herzen leben“ um einiges leichter als in der Großstadt, wo es zumindest temporär wieder dem „Normalzustand“ weichen muss, um „innerhalb der erforderlichen Parameter“ zu funktionieren, doch ich denke, es braucht gar nicht die 100% unserer Zeit. Manchmal erfordert das Umfeld ein Abschotten – leider. Ein tägliches Zeitfenster „aus dem Herzen leben“ genügt, um Aufzutanken und zu sich selbst zu finden.

Unsere Gesellschaft braucht viel mehr Herz. Nicht inflationär angeklickte Kommentar-Herzchen, sondern Menschen, die aus dem Herzen heraus leben und handeln.

Wenn ich dir einen Rat für deine Reise durchs Leben mitgeben darf, dann diesen: Finde deinen Ort, an dem du sein kannst, wer du bist, ohne Masken, Rollen, Fassaden, … 100% DU 😊… und staune über das, was möglich wird, wenn du beginnst, aus dem Herzen zu leben.

Mein Ort ist das Gasteiner Tal. Wer weiß, vielleicht treffen wir uns dort einmal, und ich sehe in deinen Augen ein Leuchten, das nur jene haben, die aus dem Herzen leben.

Bild: © Joe Müller

EIN MAGISCHER SCHATZ

Es war einmal … auf einer Wiese nahe bei einem Wald, am Fuß eines Berges, unweit von dem Ort, an dem du vielleicht gerade sitzt. Über diese Wiese mit all ihren farbenprächtigen Blüten schwebte ein Schmetterlingsmädchen im Sonnenschein ihrer Wege, als sie einen Schneckenjungen erspähte, der etwas in ihr wachrief. Augenblicklich fühlte sie sich magisch angezogen von diesem Wesen, das so anders und doch irgendwie ähnlich war. Auch der Schneckenjunge spürte eine für ihn unerklärliche Verbindung zu dem Schmetterlingsmädchen. Zwischen den Beiden schien ein unsichtbares Band von Tag zu Tag stärker zu werden, auch wenn die eine in den Wolken schwebte und der andere mit seinem Häuschen am Boden verankert blieb.

Die Zeit verging. Das Schmetterlingsmädchen wäre nur allzu gerne mit dem Schneckenjungen über die Wiese geflogen, weit über den Horizont hinaus, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Doch der Schneckenjunge war nicht aus seinem Häuschen zu locken, was auch immer sie versuchte.

Eines Tages landete das Schmetterlingsmädchen direkt vor dem Häuschen des Schneckenjungen und forderte ihn auf, mit ihr zu kommen. Sein Schweigen war eine Antwort, die sie nicht einfach auf sich beruhen lassen wollte. Nach einigen bohrenden Fragen drangen zögerliche Worte aus dem Schneckenhaus.

„Ich kann den Schutz meines Hauses nicht aufgeben. Zu oft wurde ich verletzt, zu viel Schmerz musste ich durch andere erleiden. Zu groß ist die Furcht, diesen Schmerz erneut zu erleben.“

Es war eine leise Stimme, die aus einem Herzen drang, das wohl schon einige Wunden erlitten hatte. Seufzend blickte das Schmetterlingsmädchen auf ihre bunten, an einigen Stellen zerfransten Flügel, die von so manchem schlimmen Erlebnis zeugten.

„Wie gut ich dich verstehe,“ antwortete sie ebenso leise. Gleichzeitig spürte sie, dass dies nicht seine einzige Antwort auf ihre Frage war.

„Ich fürchte auch, dich zu verlieren, wenn ich weiterhin im Schutz meines Hauses bleibe, was mir auch großen Schmerz bereiten wird. Was auch immer ich tue, ich kann dem Schmerz nicht entkommen.“

Nur mit Mühe konnte das Schmetterlingsmädchen ihre Tränen zurückhalten, so sehr berührten sie die Worte, die Zerrissenheit, die aus der Verzweiflung entstand, keinen gangbaren Weg zu sehen, nur den dunklen Abgrund. Wie viele Verletzungen konnte ein Herz ertragen, bevor es endgültig zerbrach? Vielleicht wäre die nächste jene? Wer konnte ihm seine Angst verübeln?

Wie gelähmt verharrte der Schneckenjunge in seinem schutzbietenden Häuschen, während das Schmetterlingsmädchen nachdenklich davorsaß und keinen Rat wusste.

Nach einer Weile sagte der Schneckenjunge traurig: „Du hältst mich jetzt sicher für feige.“

„Ganz und gar nicht“, erwiderte das Schmetterlingsmädchen sanftmütig. Die Milde ihrer Worte ließ ihn aufhorchen.

„Hast du denn keine Angst vor dem Schmerz?“

„Nein,“ antwortete sie gelassen.

„Wieso nicht?“

Das Schmetterlingsmädchen atmete tief durch und begann zu erzählen: „Das Leben hat mir so manche Verletzung zugefügt, doch in meinem Herzen hüte ich einen Schatz, der all diese Wunden geheilt hat und auch jene heilen wird, die vielleicht noch kommen werden. Ich fürchte die Verletzung nicht, weil ich weiß, sie wird nicht von Dauer sein.“

„Was ist das für ein Schatz?“ fragte der neugierig gewordene Schneckenjunge zaghaft.

„Liebe“, flüsterte das Schmetterlingsmädchen und ihre Augen begannen zu leuchten, ihre Stimme wurde mit jedem Wort kräftiger, „Liebe zu mir selbst, zum Leben, wie es ist, zu allem was mich umgibt. Liebe, die nichts braucht und nichts verlangt, die durch nichts begründet ist, außer durch sich selbst. Liebe ist jener magische Schatz, der mich die Verwundbarkeit der Berührbarkeit mit einem Lächeln dankbar annehmen lässt, in dem Wissen, das eben jene Liebe mich beschützen wird, besser als jedes Haus es auf Dauer könnte.“

Nach dieser Offenbarung wurde es still. Nur das leise Rauschen des Windes in den Baumkronen war zu hören, das helle Zirpen der Grillen und Zikaden im grünen Gras. Die Zeit schien zum Stillstand gekommen. Nichts geschah. Oder vielleicht doch? Im Eingang des Häuschens regte sich etwas. Jemand kam zum Vorschein, der all seinen Mut zusammen genommen hatte für diesen Schritt, all sein Vertrauen in eine Welt, die ihn oft genug enttäuscht hatte. Jemand, der endlich sein selbstgewähltes Gefängnis verlassen und frei von Furcht sein wollte. Jemand, der ein anderer war, als er vorgegeben hatte.

Das Schmetterlingsmädchen staunte, aber irgendwie hatte sie es längst auch geahnt.

„Du bist also doch kein Schneckenjunge“, stellte sie lächelnd fest.

„Nein“, erwiderte ein Raupenjunge verlegen, „aber ich hab halt keine Flügel wie du.“

„Noch nicht“, ergänzte das Schmetterlingsmädchen augenzwinkernd.

An diesem Abend zog sich der Raupenjunge nicht wie üblich in sein geborgtes Schneckenhaus zurück, sondern baute sich ein neues, vorübergehendes Heim, einen Kokon, in dem er längere Zeit schlief, ganz für sich allein, abgeschottet von allen Ablenkungen des Lebens, ohne Erwartungen des Außen erfüllen zu müssen, völlig in sich selbst versunken, alles nochmals zu betrachten, was bisher geschehen war, es neu zu bewerten und zu transformieren, dabei in sich jenen Schatz zu entdecken, der jede Wunde zu heilen vermochte: Liebe.

Als sich der Kokon wieder öffnete und ein Schmetterlingsjunge zum Vorschein kam, wartete das Schmetterlingsmädchen bereits auf ihn. Vorsichtig spannte er seine noch ungewohnten Flügel, spürte erstmals den Wind, der sich in ihnen fing und ihn emporhob, hoch hinauf in den blauen Himmel über der Wiese mit all ihren farbenprächtigen Blüten. Mit sanften Flügelschlägen näherte sich das Schmetterlingsmädchen, lächelte, als er ihre Hand ergriff, und sie beide getragen von einer lauen Sommerbrise in ein neues Leben tanzten, voller Leichtigkeit und Lebensfreude. Schmetterlinge eben. Und wenn sie nicht gestorben sind …

… dann besteht eine realistische Chance, ihnen irgendwo auf einer Wiese zu begegnen. Schau dich mal um, vielleicht entdeckst du zwei tanzende Schmetterlinge, die in ihren Herzen einen magischen Schatz hüten: Liebe.

Gewidmet allen „emotionalen Schmetterlingskindern“, deren stark ausgeprägte Empfindsamkeit sie emotional verletzlich macht wie die Flügel eines Schmetterlings. Manche nennen sie auch hoch-sensitiv.

Bild: pixabay.com

STARKE MENSCHEN WEINEN IM STILLEN

Es gibt Phasen in meinem Leben, da blicke ich auf die zurückliegende Woche und denke mir: Wie hat all das Platz gefunden in 7×24 Stunden? Die vergangene Woche war eine von diesen. Unter all dem, was geschah, sticht ein Ereignis heraus, das mich mehr als alle anderen berührt.

Wieder einmal traf ich auf einen Menschen, der zurückblieb, als ein anderer ging. Ein geliebter Mensch, von vielen geschätzt, der in sich ein strahlendes Licht trug – und tiefste Finsternis. Letzteres wusste kaum jemand, weshalb es umso mehr schockierte, als dieser geliebte Mensch freiwillig ging und jene anderen zurückließ, verzweifelt fragend, nach Erklärungen suchend.

Einer dieser zurückgebliebenen Menschen traf also auf mich. Auf eine, die ein strahlendes Licht in sich trägt, ebenso wie tiefste Finsternis, und die offen darüber spricht, wie es ist, hin und her gerissen durch dieses Leben zu wandeln, das eine nicht ohne das andere sein zu können – und nach langem den Frieden in sich gefunden zu haben.

Es war nicht das erste Zusammentreffen dieser Art – und wird nicht das letzte gewesen sein.

Für mich war es ein „Wink des Schicksals“, mich wieder verstärkt jenen zuzuwenden, die danebenstehen und nicht begreifen können, was in ihren Liebsten geschieht. Vielleicht helfen meine folgenden Gedankengänge, einen neuen Blickwinkel zu eröffnen:

Menschen mit „psychischen Problemen“, sei es nun Borderline, Depressionen, Bipolarität und anderen Formen/Symptomen unter dem Hashtag Persönlichkeitsstörung sind weder schwach noch Versager. Ganz im Gegenteil. Viele unter ihnen sind sehr starke Menschen, denn es gelingt ihnen, über Jahre und Jahrzehnte ihr „Problem“ zu verbergen, im Alltag Rollen zu spielen, die kräftezehrend und belastend sind. Erst hinter verschlossenen Türen, wenn nur noch wenige Vertraute um sie sind oder manchmal auch niemand mehr, fallen die Masken, tritt der ungelöste innere Konflikt zu Tage und mit ihm die Zweifel an sich selbst bis hin zur Verzweiflung.

Starke Menschen weinen im Stillen.

Es mangelt ihnen nicht an Kraft, aber an Wissen um das, was sie fremdsteuert, ebenso wie es an der Fähigkeit mangelt, damit umzugehen, ihr psychisches und/oder seelisches Gleichgewicht selbständig in Balance zu halten.

Woher sollten sie es auch können?

Der Blick nach innen, die Reise zu sich selbst, die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und was immer sich dort findet … all das gehört für manche Menschen zum Alltag, aber für viele andere nicht.

Weil es sie nicht interessiert.

Weil sie nicht in einem Umfeld aufgewachsen sind, das sie dazu ermutigt hat.

Weil unsere Gesellschaft grundsätzlich mehr auf die Oberfläche als unter sie blickt.

Weil sie Angst vor dem haben, was sie vielleicht finden könnten.

Weil vielleicht etwas gänzlich anderes sie davon abhält.

Was auch immer es ist, es verhindert, dass diese Menschen lernen, in sich die Balance zwischen „Licht und Dunkelheit“ (wie ich es gerne romantisch nenne) herzustellen. Dieses Gleichgewicht wurde/wird bei den meisten Menschen irgendwann im Laufe des Lebens erschüttert (z.B. durch Verluste, traumatische Erlebnisse und dergleichen). Die Einen finden zurück ins Gleichgewicht, andere nicht. In ihnen wirkt Tag für Tag nach, was sie einst erschüttert hat, verstärkt durch das, was folgte, bis hin zum alltäglichen Rollenspiel.

Die Auswege aus diesem Dilemma sind so vielfältig wie die Menschen selbst, doch ihre Richtung ist stets dieselbe: der Blick nach innen, die Reise zu sich selbst.

Kleine bunte Pillen lösen keine dieser Probleme, sondern kehren sie unter einen farbenfrohen Teppich. Mehr nicht. Keine Pille der Welt ist in der Lage, eine Traumatisierung aufzulösen. Weder lässt sie das Geschehene vergessen noch eine neue Einstellung dazu gewinnen. Sie unterdrückt, was gelöst werden will, und damit verhindert sie auch die Rückkehr in den inneren Frieden.

Lösen kann man nur jenes, auf das man blickt, mit dem man sich befasst. Manchmal allein, ein anderes Mal mit Unterstützung. Auflösung ist ein aktiver, bewusster Prozess, der durch in ein offenes, wertschätzendes Umfeld unterstützt werden kann.

Wer sich auf die Reise zu sich selbst macht, wird dabei so manchem begegnen, das möglicherweise alten Schmerz wachruft, das lieber vergessen sein will, doch da gilt es hindurchzugehen. Weiß man Menschen an seiner Seite, die nicht (ver)urteilen, nicht die Richtung oder das Tempo vorgeben wollen, sondern einfach begleiten und Halt geben, wenn man diesen braucht, dann können die Herausforderungen dieser Reise leichter gemeistert werden.

Wer mit einem Gipsbein durch die Welt humpelt, wird als vorübergehend eingeschränkt wahrgenommen und es wird Rücksicht genommen. Gilt das auch für jene, die mitten in einer Depression stecken und den Kopf hängen lassen? Oder bekommen sie zu hören: „Reiß dich zusammen. Anderen geht’s auch dreckig und sie machen trotzdem weiter.“ Wer will schon als schwach gelten?

Starke Menschen weinen im Stillen, aber sie weinen.

Jeder von uns kann einen Teil dazu beitragen, das es für diese starke Menschen leichter wird, zu bleiben, indem wir anfangen, ein Umfeld zu erschaffen, das Halt gibt auf der Reise zu sich selbst.

Weg von (Vor)Urteilen, hin zu Respekt und Wertschätzung.

Vielleicht müssen starke Menschen dann nicht mehr im Stillen weinen.

Vielleicht kommt sogar der Tag, an dem sie aufhören zu weinen, weil sie angekommen sind und geschätzt werden als die, die sie sind.

Eine wunderschöne Vorstellung.

Bild: https://pixabay.com/de/photos/sonnenuntergang-frieden-einsamkeit-1207326/

AUFBRUCH INS JAHR 2022

Rund um den Jahreswechsel habe ich mich wieder einmal zurückgezogen, um meine Gedanken und mich selbst zu reflektieren, einiges davon auch neu auszurichten. Zeitlicher und räumlicher Abstand zum Hamsterrad und Alltagstrott sind enorm wichtig, um aus Schubladendenken und überholter Routine auszusteigen.

Wohin soll es 2022 für mich gehen?

Tatsächlich habe ich mehrere Anläufe benötigt, diesen Beitrag zu schreiben. Das ist für mich absolut ungewöhnlich. Normalerweise schreibe ich meine Gedanken rasch und schlüssig nieder. Doch diesmal war es irgendwie sperrig.

Zum einen waren da die zahlreichen Rückmeldungen, die kurz vor Jahresende noch kamen. Viele haben sich bei mir bedankt, weil ich ihnen in schwierigen Zeiten weiterhelfen konnte, Hoffnung vermitteln und ihr Vertrauen stärken konnte. Bewunderung für mich als Person und was ich in meinem Leben erreicht habe. Und allzu oft der Satz: Du hast so Recht. Wenn der kommt, nehme ich für einige Zeit meine Finger von der Tastatur, um zu verhindern, eine Antwort in der Art von „Mir geht’s nicht darum, Recht zu haben. Davon löst sich weder dein Problem noch ändert sich die Welt. Schwing lieber deinen Hintern in die Höhe und mach das, was zu tun ist.“ Diese Rückmeldung wäre schwer verdaulich, aber auch ehrlich.

Ich bin dankbar, hin und wieder begleiten, oder vielleicht sogar ein klein wenig bewirken zu dürfen. Tendenziell werde ich künftig stärker die Angehörigen von Borderlinern ansprechen und ihnen dabei helfen, eine Gedanken- und Gefühlswelt zu respektieren, sich von ihrer eigenen enorm unterscheidet. Verstehen wird wohl nicht immer möglich sein, aber Respekt und Achtsamkeit sind bereits wichtige Schritte. Meine bisherigen Erfahrungen in diesem Bereich zeigen mir, dass jene, die daneben stehen, ebenso an ihren Belastungsgrenzen sind wie jene, die mitten im Strudel der Emotionen stecken. Mit jemand zu sprechen, der all dies durchlebt, überlebt und zurück in ein glückliches Leben gefunden hat, kann Hoffnung und Zuversicht wecken.

Deshalb erzähle ich meine eigene Geschichte immer und immer wieder. Nicht aus Geltungsdrang oder weil ich damit berühmt werden will. Ich will damit inspirieren und motivieren. Und transformieren.

Früher hätte meine Geschichte wohl so gelautet:

In meinem Leben ist eine Menge Scheiße passiert.

Heute lautet sie:

Ich meinem Leben ist eine Menge Scheiße passiert, die zu jenem Dünger wurde, auf dem nun heilsame (Wort)Pflanzen (Geschichten und Gedichte) wachsen, die anderen helfen, ihre Wunden zu schließen, die in ihnen Mut, Hoffnung und Zuversicht keimen lassen, sie zum Nachdenken und Verstehen anleiten, sie zum Lächeln bringen, Lebensfreude wecken und für einige Zeit in die Umarmung des Lebens hüllen.

Aus Schicksal (Fluch) wurde Sinn (Segen). Eine wunderbare, berührende Geschichte.

Zum anderen schlage ich mich (wieder einmal) mit einem Thema herum, das ich leider nicht ganz ausblenden darf bzw. kann. Wie und wofür verwende ich meine Zeit? Dieses begrenzte Gut, das niemand von uns horten kann und vor dem auch niemand weiß, wie viel noch bleibt. Ich möchte meine Zeit bestmöglich nutzen. Ein wesentlicher Teil ist für den „Broterwerb“ reserviert. Mit dem Rest gilt es sinnvoll umzugehen.

Mein Widerwillen gegen Zeitfresser wie Facebook & Co ist nichts Neues. Meine Energie dafür einzusetzen, in der Flut von Postings mitzuschwimmen, die überwiegend anderes beinhalten als meine tiefgründigen Beiträge, sehe ich als reine Verschwendung an. Was ich mache, erfordert eindenken und einfühlen, also das Gegenteil von schnellem liken. So sehr ich die Grundidee der sozialen Medien schätze, hinterfrage ich, was die Masse an Menschen daraus macht. Die Herausforderung liegt meiner Ansicht nach im Lebensstil unserer Zeit. Oberflächlich und schnelllebig. Beiträge werden innerhalb von Sekunden mit einer Wertung versehen, ohne sie überhaupt gelesen oder gar reflektiert zu haben. Ein Blick auf ein Bild, vielleicht noch ein paar Worte … das war’s. Gesehen, aber nicht verstanden oder in die Tiefe erspürt. Genau dort vermute ich die Ursache für die Leere, die so viele Menschen in sich tragen. Sie streben nach Aufmerksamkeit und fühlen sich im Grunde bedeutungslos, denn Bedeutung ist etwas, das erkannt werden will, was Zeit in Anspruch nimmt, sich wandelt und erweitert je länger man es betrachtet.

Wie gesagt, die Grundidee dahinter finde ich gut. Dank der sozialen Medien habe ich einige wunderbare Menschen kennengelernt und spannende Projekte begonnen, ABER in der Masse dessen, was mir begegnet ist, machen diese nur einen kleinen Teil aus. Deshalb werde ich mich 2022 weiter aus den sozialen Medien zurückziehen und stärker auf das reale Leben konzentrieren.

Vor einige Wochen schrieb ich folgendes:

„Das wertvollste Geschenk, das du einem Menschen machen kannst, ist ein Augenblick, in dem kein Gedanke dich davon abhält, voll und ganz den anderen zu fühlen.“

Damit ich anderen Menschen noch viele wertvolle Geschenke machen kann, ist es wichtig, auf meine Zeit zu achten und manche Zeitfresser nicht länger zu füttern.

Das Bild zu diesem Beitrag entstand heute auf einer kurzen Wanderung an einem milden, sonnigen 2. Jänner 2022 – eine Stunde kraftspendende Zeit mit mir selbst und meinen Gedanken.

OAFOCH NUA GUAD GEH LOSSA oder

EINE GEWAGTE THEORIE

Ein Wochenende in den Gasteiner Bergen, über mir strahlend blauer Himmel, unter mir griffiger Schnee, und mir dazwischen geht’s einfach nur gut (übersetzt: oafoch nua guad). Ein Setting, das als Abschluss einer abwechslungsreichen Woche zu folgenden Gedanken geführt hat …

Ich brauche keinen Luxus, damit’s mir geht gut. Alles, was ich dafür brauche, ist der Freiraum sein zu können und sein zu dürfen, wer ich bin. Aber vielleicht ist das genau der größte Luxus im Leben? Sein zu dürfen und zu können, wer man ist. Im eigenen Rhythmus zu leben – was in meinem Fall (also bekennende Workoholic) nicht bedeutet, nichts zu tun. Eher schon das zu tun, was gut tut und Spaß macht. Aus meiner Sicht ist das DER Schlüssel für den Ausstieg aus der Fremdsteuerung durch Borderline (und generell für alle Menschen der Weg zu einem gelingenden Leben): gute Gefühle.

Deshalb präsentiere ich an dieser Stelle eine gewagte Theorie, die nicht auf wissenschaftliche Studien zurückgreift, sondern aus meinen empirischen Beobachtungen gewachsen ist. Eine gewagte Theorie über das (nicht) unstillbare Bedürfnis nach der Umarmung des Lebens.

Niemand kann verändern, was in der Vergangenheit geschehen ist. Immerhin gibt es keine Zeitreisemaschinen und wenn es sie gäbe, wer weiß, was die Menschen damit alles anstellen würden. Daher gilt aus heutiger Sicht: Was geschehen ist, ist geschehen. Es mag Wunden und Narben hinterlassen haben, schmerzhafte Erinnerungen, Ängste und Misstrauen … eine Menge negativer Emotionen, über die man schier endlos reden und sie analysieren kann. Aber ändert das etwas? Meine eigene Erfahrung: nein. Okay, man versteht, warum man in der Gegenwart ist, wer man ist, was die Ereignisse der Vergangenheit dazu beigetragen haben. Dennoch bleibt dieses Verstehen auf rationaler Ebene, und die Gefühle drehen sich weiter in ihrer emotionalen Endlosschleife.

Kleiner Denkanstoß nebenbei: viele Borderline wissen genau aus diesem Grund des ständigen Analysierens eine Menge über Psychologie und sind in der Lage, Psychotherapeuten zu täuschen, mehr unbewusst als bewusst, um jenes negative innere Bild am Leben zu erhalten, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde.

Der Ausstieg bzw. der Schritt Richtung Heilwerdung beginnt damit, einem anderen, positiven, liebevollen Bild von sich selbst zuzustimmen – und das kann heftig sein, denn es können sich himmelhohe Hindernisse auftürmen und bodenlose Abgründe aufbrechen. Alles, nur um nicht in die Selbstliebe zurückzufinden, in das Gefühl, liebenswert zu sein, die Gewissheit, vom Leben umarmt zu sein und alles Glück dieser Welt um seiner Selbstwillen verdient zu haben.

Wie gesagt, nicht der Kopf sollte das denken, sondern das Herz es fühlen. Dazwischen liegen Welten!

Es sich einfach nur gut gehen lassen – das konnte ich Jahrzehnte nicht. Einfach nur das Leben genießen, im Hier und Jetzt, den Brain Traffic zum Stillstand bringen und den Augenblick erleben.

Gute Gefühle sind mein Weg und Schlüssel zu diesen beinahe magischen Momenten.

Ganz viele gute Gefühle.

Sie bewusst wahrnehmen, sie zum Ausdruck bringen, anderen davon erzählen, oder – in meinem Fall – darüber schreiben in Geschichten und Gedichten. Mir selbst vor Augen halten, dass es mir gut geht und dadurch jenes längst überholte Bild der Vergangenheit mit jedem Wort bunter, lebendiger, liebevoller, lebenswerter gestalten. Das ist mein Weg des Ausstiegs aus Borderline.

So einfach kann es sein?

Um ehrlich zu sein: ja.

Wenn ein Kind heranwächst ohne das Gefühl vermittelt zu bekommen, in Ordnung zu sein, so wie es ist (was in den meisten Fällen leider genau so geschieht), dann wird das Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit nicht gestillt. Das Kind wird nie „satt“, fühlt sich nie um seiner selbst geliebt. In ihm entsteht eine Art „emotionales schwarzes Loch“, das alles aufsaugt, dessen es um jeden Preis habhaft werden kann, jede Form der Anerkennung (und seien es Schläge – und sie sind eine Form der Anerkennung, des „wahrgenommen werden“, wenngleich in einer schrecklichen Form.)

Das Kind wird heranwachsen, doch das unerfüllte Bedürfnis bleibt. Es wächst sogar mit. Deshalb laufen so viele Erwachsene in der Welt herum, die innerlich „hungrig“ sind nach Liebe, Anerkennung und Geborgenheit, und diese Bedürfnisse auf ihre jeweilige Art und Weise zu stillen versuchen. Doch das gelingt nicht dauerhaft, denn das emotionale schwarze Loch in ihnen ist nach wie vor ein Fass ohne Boden. Vor allem realisieren diese Menschen gar nicht, was sie bekommen, den ihr rationales Denken fokussiert auf den Ereignishorizont, also den noch sichtbaren Bereich des schwarzen Loches, in dem die Emotionen verschwinden werden, ohne anerkennend wahrgenommen zu werden.

Zu abstrakt?

Machen wir es einfach: Um das innere (negative) Bild durch gute Gefühle nachhaltig verändern zu können, ist es wichtig, diese guten Gefühle bewusst wahrzunehmen, sie anzuerkennen (ja, das, was man selbst nicht bekommen hat, soll man nun tun), sie wertzuschätzen (liebevoll auf sie zu blicken) und erst danach führen sie zurück in die Umarmung des Lebens (Geborgenheit pur).

Das es funktioniert, habe ich selbst erlebt.

Ob es für jeden funktioniert, hängt wohl davon ab, wie jeder es umsetzt. Ich denke: ja, aber man kann sich dabei auch auf vielfältige Weise selbst im Weg stehen (auch das durfte ich selbst erleben). Einmal mehr gilt es: Bedingungslos zu sich selbst JA zu sagen. Man muss nicht alles an sich selbst toll finden, aber es als Teil von sich selbst akzeptieren. Schließlich hat man die Freiheit, sich selbst nach Belieben weiterzuentwickeln, neues dazuzulernen, zu wachsen, ohne etwas von sich selbst abzulehnen. Ganz im Gegenteil: es als das zu achten, was es ist – ein Teil. Das große Ganze besteht aus vielen unterschiedlichen Teilen und sie alle haben ihre Berechtigung. Mit Ablehnung auf einzelne davon zu blicken, reißt Gräben in uns auf. Ihnen zuzustimmen und sie in Liebe zu umarmen, baut Brücken.

Die Conclusio meiner (nicht) grauen Theorie:

Lass es dir gut gehen, nimm dies bewusst wahr und heile dadurch die Wunden deiner Seele.

Oder anders (in meiner Bergsprache) gesagt: Loss da oafoch guad geh.

Bild: Lesley B. Strong (Blick ins Gasteiner Tal vom Stubnerkogel)