ERKENNE DICH SELBST – eine Reflexion zur Problemlösung

Gegen die Angst

Gegen den Schmerz

Jedes GEGEN ist ein Kampf.

Letztendlich gegen sich selbst.

Warum kämpfen wir so oft GEGEN etwas?

Und so selten FÜR etwas?

Für Vertrauen

Für Geborgenheit

Für Liebe

Weil wir ganz einfach nicht FÜR etwas kämpfen können, ohne gleichzeitig GEGEN etwas zu kämpfen.

Jeder Kampf erfordert einen Gegner… und wenn es nur wir selbst sind.

Jeder Kampf bringt immer auch einen Verlierer … und wenn es nur wir selbst sind.

Wer ohne Verlust gewinnen will, kann dies nur ohne Kampf erreichen, im Einvernehmen, durch Anerkennung, Integration und Kooperation.

Diese Zeilen poste ich vor wenigen Tagen in Facebook und Instagram. Sie entstanden – wieder einmal – inspiriert durch das, was mir unmittelbar zuvor im realen Leben begegnete: Menschen, die sich voller Enthusiasmus und durchaus im positiven Sinne dem Kampf oder zumindest der Arbeit GEGEN etwas verschrieben haben. Weil dem so ist und ihre Motive als „lösungsinteressiert“ eingestuft werden können, ist es umso wichtiger, auch die entsprechenden lösungsorientierten Arbeitsprogramme im Unterbewusstsein zu etablieren. Und das sind nun einmal nicht GEGEN-Programme.

Leider ist das nur wenigen bewusst.

Für mein Empfinden wird das neurolinguistische Potenzial der Sprache im Alltag viel zu selten genutzt. Ein simples Beispiel:

Es gibt Menschen, die SUCHEN nach Lösungen.

Und es gibt Menschen, die FINDEN Lösungen.

Zwei einfache Sätze, die sich gut im alltäglichen Sprachgebrauch beobachten lassen. Bringt man sie in Korrelation mit den Ereignissen auf dem Lebensweg der jeweiligen Personen, lassen sich zumeist rasch sich wiederholende Muster erkennen. Wem fällt es wohl leichter, Probleme zu lösen? Die Antwort liegt auf der Hand.

Manche werden nun ungläubig den Kopf schütteln und sich dagegen verwehren, dass es „so einfach sein kann“. Den Beweis für ihre Skepsis liefert das Leben (oder besser gesagt: Das entsprechende Programm in ihrem Unterbewusstsein) selbstredend umgehend.

Wieder einmal landen wir bei „Henne oder Ei?“

Bedingt das Programm im Unterbewusstsein das Erleben im Außen oder formt das Erleben im Außen das Programm im Unterbewusstsein?

Beides zutreffend.

Für eine Veränderung im Außen braucht es allerdings zuerst eine Veränderung im Innen.

Ein Zitat, das ich vor vielen Jahren für mich entdeckte, begleitet mich seither und hat mir schon oft gute Dienste erwiesen:

„Wer die Menschen kennen lernen will, der studiere ihre Entschuldigungsgründe.“

Christian Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und Lyriker (1813 – 1863)

Allerdings wende ich diese Weisheit nicht nur auf andere, sondern in erster Linie auf mich selbst an – indem ich meine eigenen Entschuldigungen und Ausreden betrachte und daraus Rückschlüsse auf das ziehe, was in mir wirkt. Auf diese Weise trickste ich quasi meinen „blinden Fleck“ aus. Jenen „blinden Fleck“, den wir alle in Bezug auf uns selbst haben. Bei anderen fällt uns so einiges auf, was wir an uns selbst nur allzu leicht übersehen.

Sei es nun der Kampf GEGEN etwas oder die SUCHE nach Lösungen … Diese Worte, aus denen unaufhaltsam unsere inneren Programme werden, die wiederum zuverlässiger als jedes von Menschen erdachte Betriebssystem funktionieren, erschaffen unser Erleben der Welt. Läuft es nicht rund im Leben, gilt es nach innen zu blicken. Doch wo anfangen? Der menschliche Geist ist komplex, häufig gut trainiert in Ablenkung und Verschleierung.

„Erkenne dich selbst“

… wie das Orakel von Delphi es einst forderte, kann der entscheidende Schlüssel sein.

Schon damals galt: Die Erkenntnis der Innenwelt sollte als Zugang zur Problemlösung in der Außenwelt dienen. All jene, die im Schulunterricht aufgepasst haben, wissen, dass dieses Orakel viele Jahrhunderte vor Christi Geburt in Griechenland existierte. Jahrtausende altes Knowhow, das seither in der Schatztruhe der menschlichen Weisheit verwahrt wird, und leider noch immer kein flächendeckendes Umsetzen im Alltag erlebt.

Ein Grund mehr für mich, immer wieder darüber zu erzählen.

Der Eingang zur Lösung unserer Probleme ist jene imaginäre Pforte in unserem Geist, über der in großen Lettern die Worte prangen:

Erkenne dich selbst

gnôthi seautón, γνῶθι σεαυτόν

Wir mögen heute Autos haben, Computer, Facebook und all die Errungenschaften der modernen Welt, doch bei der Lösung unserer Probleme sind wir nicht weiter als die Menschen vor über 2.500 Jahren. Vielleicht waren sie weiter als wir heute? Wer weiß? Immerhin erdachten sie Wege, die bis heute funktionieren – wenn wir sie denn beschreiten. Wir müssen nicht einmal etwas neu erfinden, sondern einfach nur das tun, was bereits seit Jahrtausenden unzählige Male getan wurde:

Blicke nach innen, erkenne, und verändere zuerst im Innen. Sei dir bewusst, das Außen wird folgen.

Jedes weitere Wort dient im Grunde genommen nur der Befriedung des Bedürfnisses nach Beweisen für einen weiterverbreiteten Glaubenssatz: „Es ist so schwer, also muss es auch kompliziert sein“… ist es aber nicht 😉

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DARF ICH DEINEN RUCKSACK TRAGEN?

… zusätzlich zu meinen eigenen – wohlgemerkt. Diese Frage habe ich in meinen Leben allzu oft mit JA beantwortet. Wobei es hier nicht um einen physischen Rucksack geht, sondern vielmehr um jenes Gepäck, das wir alle mit uns rumschleppen in Form von inneren Konflikten, Ängsten jeglicher Art, Frust, Schmerz, Enttäuschungen, ungelösten Lernaufgaben und unbearbeiteter Traumatisierungen … seelischer Ballast, zumeist tief in unserem Unterbewusstsein verborgen, und dennoch so real wie der Laptop, auf dem ich in diesem Augenblick tippe.

Wir alle schultern einen derartigen Rucksack. Manche sind leichter und handlicher, andere prall gefüllt und gefühlt zentnerschwer.

Manche von uns nehmen diesen Rucksack zur Hand, öffnen ihn und stellen sich dem, was sie darin vorfinden. Andere tun so, als würde er nicht existieren. Interessanterweise klagen viele von ihnen über Rückenschmerzen, ganz so, als würden sie tagein tagaus eine unsichtbare Last auf ihren Schultern tragen. Liebe Grüße aus dem Lager der Psychosomatik 😉

Und dann gibt es jene, die in schier bedingungsloser Liebe zu einem anderen sagen: „Darf ich deinen Rucksack tragen?“ Ein Teil von uns – wohlgemerkt in den meisten Fällen nicht unser kognitiver Verstand – kann diese Rucksäcke sehr wohl wahrnehmen. Dieser Teil weiß auch, das wir den Rucksack eines anderen auf unsere Schultern „duplizieren“ können, d.h. wir übernehmen ihn nicht wirklich, sondern laden uns nur dasselbe auf, was der andere bereits trägt. In diesem Sinne wird geteiltes Leid tatsächlich doppeltes Leid. Doch wir ermöglichen es dem anderen dadurch, nicht in seinen eigenen Rucksack zu schauen, sondern auf unser Duplikat – und manchmal führt das dazu, das wir all jene Kritik und Vorwürfe abbekommen, die der andere insgeheim gegen sich selbst richtet, doch da er/sie nicht in den eigenen Rucksack blickt, stehen wir quasi als Stellvertreter für die Ablehnung dessen, was nicht freiwillig bearbeitet wird, zur Verfügung.

Klingt schräg? Oh ja, das ist es in gewisser Weise, aber leider auch sehr weit verbreitet.

Familiensysteme und Beziehungsdynamiken – zwei hoch spannende Themen, die zu ergründen ich nur empfehlen kann. Innerhalb beider nehmen wir unterschiedliche Rollen ein, sind mal Kind, mal Partner*in, mal Elternteil, … doch es kann auch vorkommen, dass wir unsere Rolle wechseln und (zumindest unbewusst) uns so verhalten, als wären wir in einer anderen. Kinder benehmen sich nach dem Wegfall eines Elternteils dem Verbliebenen gegenüber wie ein Ersatzpartner. Söhne spielen gegenüber ihren Müttern den heroischen Beschützer, Töchter kämpfen gegen die vermeintlich „böse Schwiegermutter“. Auch innerhalb einer Partnerschaft kann es zu derartigen Rollenverschiebungen kommen, kann der eine Verhaltensmuster übernehmen und ausleben, die der anderen sich selbst verwehrt. Vielfalt ist hier mehr als ein Schlagwort. Systemische Verstrickungen häufig ein Resultat, das in unseren Alltag hinwirkt und Konsequenzen auslöst, die wir uns nicht oder nur sehr schwer erklären können.

Genug der Theorie. Das Leben verpasste mich auch in diesem Bereich eine interaktive Live-Lernsession. Hier die Kurzfassung davon:

Jahrelang schlug ich mich mit „morgendlichen Depressionen“ rum, mit Stimmungsschwankungen, diffusen körperlichen Schmerzen und surfte regelmäßig an der Grenze zur Überlastung. Zeitgleich schien mein Partner ein Ruhepol emotionaler Stabilität zu sein mit einer gut ausbalancierten Work-Life-Balance. Dann kam Tag X und damit unsere Trennung. Seit ich aus unserem gemeinsamen Umfeld ausgestiegen bin, sind alle oben genannten Symptome plötzlich verschwunden. Einfach so. Es wird noch spannender: Ich fühle mich seither leichter (verliere auch überschüssige Kilos einfach so), lebendiger, habe keine Verdauungsprobleme mehr, kann durchatmen, hartnäckige Verspannungen lösen sich (einfach so) auf. Kurz gesagt: Ich fühle mich wesentlich wohler als früher (in der Beziehung).

Puh, diese Beobachtung musste ich auch erstmal verdauen. Denn daraus ergab sich eine für mich anfangs erschreckende Schlussfolgerung: Konnte es sein, dass ich aus Liebe seinen Rucksack getragen hatte? Aus der Distanz heraus begann ich anders auf meinen Ex-Partner zu blicken, erkannte nun die unterdrückte Aggression in ihm, die aus ungelösten Konflikten seiner Vergangenheit herrührte. Plötzlich fiel ein anderes Licht auf manche meiner Handlungen. Unzählige Male hatte ich mich gefragt, warum ich immer wieder in Verhaltensmuster verfiel, die bei ihm negative Reaktionen mir gegenüber auslösten, obwohl ich über die Zusammenhänge Bescheid wusste. War ich tatsächlich so unfähig, mein Verhalten selbst zu steuern? Oder … tat ich genau das, was zu tun war, damit seine unterdrückte Wut sich auf jemand (mich) entladen konnte?

Es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Jahrelang hatte ich bereitwillig seinen Rucksack getragen und ihm damit die Arbeit erspart, hineinzublicken und sich dem zu stellen, was er dort finden würde. Ich fungierte als Ventil, als Projektionsfläche, als Sündenbock – aus falsch verstandener Liebe heraus, wollte ihm den Schmerz der Aufarbeitung ersparen und nahm deshalb den Schmerz auf mich, es für ihn zu tragen. Bis zu dem Tag, an dem ich einfach nicht noch mehr (er)tragen konnte und ging. Ich legte seinen Rucksack ab, wurde frei von dieser Last und die oben beschriebenen Veränderungen setzten ein.

Spätestens hier stellt sich berechtigterweise die Frage: Was wäre gewesen, wenn ich früher gegangen wäre? Oder niemals seinen Rucksack übernommen hätte? Wären wir überhaupt so lange zusammengeblieben? Viele Fragen, auf die es nie eine schlüssige Antwort geben wird. Doch eines ist gewiss: Der Ausstieg aus dieser toxischen gewordenen Beziehungsdynamik war der finale Schritt meines Ausstieges aus der Borderline-Dynamik.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Ich behaupte nicht, mein Ex-Partner und sein Rucksack wären für mein Borderline-Syndrom verantwortlich. Ganz und gar nicht. Ich war schon Borderlinerin lange bevor ich ihn kennenlernte. Doch meine Borderline-bedingte Sucht nach Anerkennung, nach Bestätigung und dem anderen gefallen zu wollen, hat mit Sicherheit ihren Teil dazu beigetragen, das ich einen fremden Rucksack auf meine Schultern hievte, der dort nichts verloren hatte. Viele Jahre tat ich alles, um unsere Beziehung aufrecht zu erhalten – um jeden Preis – auch um den Preis meines eigenen Seelenheils.

Dies heute hier nieder zu schreiben, ist meine Art und Weise, es zu verarbeiten. Ohne Vorwürfe oder Schuldzuweisungen, ohne Bedauern oder Schmerz, mit einem möglichst objektiven Blick (sofern das überhaupt möglich ist) auf das, was geschehen ist, und das, was ich daraus gelernt habe. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werde ich in der Zukunft einen neuen Partner finden, mich verlieben und eine Beziehung eingehen. Vermutlich wird dieser neue Partner auch einen Rucksack mit sich herumschleppen, wie wir alle es tun. Wie auch immer dieser Rucksack gestaltet sein wird, leicht oder schwer, klein oder groß, es wird sein Rucksack bleiben und ich werde mich hüten, ihn zu tragen, denn ich habe eines aus meiner Vergangenheit gelernt:

Furchtsame Liebe, der es an Vertrauen mangelt, neigt dazu, alles zu tun, um dem anderen zu gefallen, selbst seinen Schmerz zu übernehmen und sich selbst zur Zielscheibe unterdrückter Wut zu machen.

Bedingungslose Liebe, die nichts einfordert, die loslässt und sich über das freut, was zurückkommt, trägt in sich die Kraft, es dem anderen zu überlassen, seinen Rucksack zu tragen in der Gewissheit, dass der andere nur dann daran wachsen und sich weiterentwickeln kann, wenn er diesen Rucksack selbst öffnet und sich dem stellt, was darin verborgen auf ihn wartet. Dies bedeutet auch, den anderen voll und ganz zu respektieren, anstatt sich über ihn zu erheben, denn genau das geschieht, wenn wir ungefragt den Rucksack des anderen schultern. Wir sprechen dem anderen ab, es selbst tun zu können, betrachten uns als stärker, ausdauernder, besser … stellen uns über den anderen. Und so wird das vermeintliche Opfer zum Täter – aber das ist eine andere Geschichte, die ich hier zu gegebener Zeit erzählen werde.

Vereinfacht gesagt: Liebe ist … dem anderen seinen Rucksack selbst tragen zu lassen.

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GEDANKEN ZUM FÜHLEN

Eine liebe Freundin von mir bedenkt mich des Öfteren mit Ratschlägen in der Art von: „Zeig nicht so schnell, was du fühlst. Das macht dich verletzbar.“

Das tut es. In der Tat.

Dennoch – fast mein gesamtes Leben habe ich aus dem Kopf heraus gelebt. Stets hinterfragt, was und wie viel an Emotion ich wann zulassen oder zeigen darf, hab sogar Gefühle im Kopf konstruiert, weil ich irgendwann verlernt hatte, echte Gefühle zu empfinden. Hat mich das vor Verletzungen bewahrt? Leider nein.

Ganz im Gegenteil.

So wie ich das sehe, besteht ein großes Übel, mit dem sich viele von uns heute herumschlafen, oft in dem Mangel offenbarter, aufrichtiger Gefühle. Wir verstecken uns gerne hinter wohl überlegten Worten, die trotzdem missverständlich ankommen, da Begriffsklärungen verabsäumt und vieldeutige Floskeln verwendet werden oder ganz einfach viel um den heißen Brei herumgeredet wird, anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: Wie fühlt es sich an?

Gefühle sind nie falsch – sie sind stets der Ausdruck dessen, was tief in uns vorgeht. Vielleicht empfinden wir sie manchmal als unpassend oder überzogen, doch wer fällt dieses Urteil? Unser Verstand oder – schlimmer noch – fällen andere das Urteil über uns?

Als Borderlinerin gehöre ich zu jener Gruppe von Personen, die nahezu grenzenlos Fühlen können, quasi ohne Limit, intensiv und mitunter schier überwältigend. Ganz gleich, welche Art von Gefühlen, wobei Ängste in jeder nur erdenklichen Form dominierten. Gefolgt von Minderwertigkeit und einer Menge anderer bedrückender Emotionen. Zwischendurch gab es auch Ausbrüche in die andere, positive Richtung, denn auch das ist möglich. Ich habe diese Gefühlsintensität sehr lange Zeit in mir unterdrückt. Das hat mich krank gemacht, physisch und psychisch. Ein wichtiger Aspekt meiner Heilung war schlicht und einfach: zu dem stehen, was ich fühle und es in meinen Alltag integrieren. Einfach, aber nicht leicht 😉

Der menschliche Verstand ist ein mächtiges Instrument, erwachsen aus der Notwendigkeit des Überlebens heraus, bestimmt er uns heute fast ununterbrochen. Er befähigt uns zu enormen kognitiven Leistungen und erschuf unsere moderne Welt, doch manchmal ist er schlichtweg jener urtümliche Felsbrocken, der uns im Weg liegt und sich keinen Millimeter freiwillig bewegt.

Seit jeher wird der Verstand mit unserem Kopf assoziiert, mit unserem Denken. Unsere Gefühle jedoch reiht man seit langem dem Herzen zu, obwohl das Herz genaugenommen nur ein Muskel, eine Pumpe ist. Wir leben in einer kopflastigen Zeit, in der alles und jeder permanent unter Kontrolle von außen zu stehen scheint. Gefühle werden über die Medien in jede gewünschte Richtung manipuliert, entweder um Kauflüste zu wecken oder Ängste vor Krisen oder Aversionen gegen dies oder das …

Wer zeigt noch authentisch, was er/sie fühlt?

Besagte Freundin vertritt auch eine Ansicht, auf die öfters treffe: „Warte erstmal ab, was die andere Seite (Anm.: In Bezug auf Gefühle) preisgibt, bevor du selbst etwas sagst.“

Tja, und was, wenn beide Seiten so agieren?

Entstehen nicht vieler unserer Missverständnisse, Probleme und Konflikte erst aus diesem „Nicht-Preisgeben“ heraus? Was wäre, wenn wir nicht nur unsere vom Verstand formulierten Beweggründe kommunizieren, sondern auch unsere gefühlten? Die „Gewaltfreie Kommunikation“ nach Marshall Rosenberg geht stark in diese Richtung. Leider ist sie nach meinem Erleben nicht ansatzweise im Alltag der Menschen angekommen. Vielleicht liegt das auch daran, dass es mehr als nur geschickt formulierte Worte braucht, um Gefühle zu offenbaren. Es braucht Vertrauen, Zuversicht, Mut …

Wer seine Gefühle zeigt, wird berührbar und damit verwundbar, legt jenen Schutzschild ab, den der Verstand geschaffen hat.

Wer seine Gefühle verbirgt, unterdrückt oder gar verleugnet, verliert seine Lebendigkeit. Gewiss, man kann aus dem Verstand heraus leben, aber nicht lebendig sein. Dafür braucht es das Herz. Der Verstand findet Gründe, warum jemand an unserer Seite sein sollte und welche Rahmenbedingungen erfüllt sein wollen. Das Herz liebt grundlos und bedingungslos.

Doch wer lebt schon aus dem Herzen heraus?

Vor einigen Jahren noch hätte ich mich wohl dazu gezählt, aber genau das Gegenteil war der Fall. Ich lebte voll und ganz aus dem Verstand heraus. Denken bestimmte meine Welt. Ich dachte, ich würde fühlen – bis zu dem Tag, an dem ich begann, mich ins Fühlen fallen zu lassen. Ein Tor öffnete sich, ich schritt hindurch und wurde wahrhaftig lebendig.

Und nun?

Zurückkehren auf vermeintlich sicheres Terrain? All das aufgeben für taktische Spielchen mit Gefühlen? Abwarten, bis der andere sich offenbart, nur um keine Schwäche zu zeigen? Um cool und überlegen zu wirken? Wie jene Menschen, die sich aus Angst vor Gefühlen hinter einer unsichtbaren Mauer, hinter einem Stacheldraht aus Zynismus und Sarkasmus verschanzen? Oder einen „Regler“ einbauen, der ein „Zuviel“ verhindert?

Danke, aber nein danke.

Ich fühle (ohne Limit) und bin verwundbar (und es kann verdammt weh tun), aber so bin ich nun einmal oder so ist es genau richtig. Vielleicht mache ich mich hin und wieder lächerlich, wenn ich über Gefühle spreche. Vielleicht halten mich manche für schwach. Vielleicht sogar für naiv – oder dumm. Ich für meinen Teil empfinde mich als sehr lebendig, ein denkendes UND fühlendes Wesen, das schlichtweg null Bock darauf hat, sich an die allgemeine „Norm“ in Bezug auf Gefühle anzupassen.

Ich bin, wer ich bin und ich fühle, wie ich fühle.

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GUT ODER SCHLECHT?

Wer von uns stellt sich nicht regelmäßig diese Frage angesichts dessen, was uns im Leben begegnet? Auf manche dieser Fragen finden wir Antworten, an denen wir jahrelang festhalten. Andere scheinen ewig unbeantwortet zu bleiben. Aber – können wir diese Fragen überhaupt beantworten?

Eine Reflexion

Der 11. Juli 2020 – mein persönlicher Tag X, an dem sich mein Leben drastisch verändert. In den ersten Stunden hätte ich die Frage nach „gut oder schlecht“ sicherlich mit „absolute Katastrophe, also schlecht!“ beantwortet. Nur wenige Tage später wäre es „es musste so kommen und ist in Ordnung, deshalb tendenziell gut“ gewesen. Und heute? Mittlerweile bin ich erleichtert über den Tag X, denn er zwang mich sprichwörtlich dazu, meine Augen zu öffnen für das, was ich schon seit längerem ignorierte.  In diesem Sinne: Gut und danke für diesen Tag!

Meine jeweilige Antwort steht also in direktem Zusammenhang mit dem Zeitpunkt, von dem aus ich auf das zugrunde liegende Ereignis blickte. Einfach gesagt: Die Zeit verändert so einiges.

Wer meine Beträge aus den Wochen nach dem Tag X gelesen hat, dem wird aufgefallen sein, dass ich von Beginn an bewusst vermieden habe, eine Bewertung der Situation in der Art von „gut oder schlecht?“ vorzunehmen und mich mehr darauf konzentrierte, wie es mir dabei ging und welche Veränderungen ich wahrnehmen konnte. Ich wollte den Tag X nicht kategorisieren und ihm damit einen Stempel aufdrücken.

Tag X war ein Tag der Veränderung, aus dem heraus neues entstehen sollte.

Den Boden für dieses neue „Pflänzchen“ (ich amüsiere mich noch immer über die Tatsache, dass zeitgleich ein zuvor ausgesäter Grapefruit-Kern keimte und daraus nun ein Bäumchen bzw. Pflänzchen auf meiner Fensterbank erwächst, quasi als lebendiger Chronometer des Voranschreitens seit Tag X), wollte ich von Beginn an neutral halten. Natürlich hätte ich in Tag X eine Menge Negatives sehen können, mich in Vorwürfen, Schuldzuweisungen, Kränkungen usw. verlieren können – doch ganz ehrlich, was sollte auf diesem vergifteten Misthaufen (und das meine ich wörtlich!) den wachsen?

Stattdessen fokussierte ich mich darauf herauszufinden, wer ich bin, was ich übernommen hatte und wieder loslassen wollte. Nur wer sich selbst kennt und spürt, wird erkennen, wer zu einem passt und wer nicht. Hierbei geht es nicht um „gut oder schlecht?“, sondern einfach nur um „passend oder nicht passend“.

Eine Synthese

Rückblickend stelle ich nun fest, das meine damals angestrebte Neutralität in Bezug auf Tag X (selbstverständlich hat es mich emotional ein paar umgerissen, aber dennoch verlor ich mich weder im Klagen noch im Anklagen) wie eine Weichenstellung fungiert hat und neue, andere Menschen in mein Leben brachte. Was genau genommen auch nicht erstaunlich ist. Gesetz der Anziehung, Spiegelgesetz … mentale Fokussierung auf etwas holt dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in unser Leben – außer wir verweigern die Wahrnehmung dessen, aber das ist eine andere Geschichte.

Mein kognitiver Verstand weiß das alles. Dennoch – es (wieder) einmal zu erleben, noch dazu in diesem Ausmaß, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Es bestärkt mich im Vertrauen auf das Leben und die Wege, die es uns vorgibt. Scheinen sie manchmal unverständlich, sind sie dennoch für uns da. Nehmen wir sie an, werden uns diese Wege weiterbringen. Manchmal sogar weiter, als wir uns zuvor vorstellen konnten.

… und da wären wir wieder bei „gut oder schlecht?“ Die Einstellung, mit der wir uns auf den Weg machen, entscheidet viel darüber, wie wir den Weg erleben, ob als kräftezehrend oder beflügelnd. Mein persönliches Bestreben geht davon, Ereignisse oder Menschen weder als „gut oder schlecht?“ zu beurteilen (was per se eine Anmaßung, weil über den anderen stellen bedeutet), sondern schlicht und einfach in „darf ein Teil meines Lebens werden, sein und bleiben“ oder „darf sich aus meinem Leben verabschieden“. Ich öffne meine Wahrnehmung für möglichst viele Aspekte, versuche das Gesamtbild zu erkennen. Alles im Leben lässt sich auf „gut oder schlecht?“ reduzieren. Manchmal halten wir an diesem Urteil viele Jahre oder gar ein Leben lang fest, verwehren uns selbst die Chance, das verborgene Potenzial zu entdecken.

Krise als Chance – mehr als ein Slogan oder Kalenderblattspruch: Eine innere Haltung, die Wachstum fördert.

Noch so ein Spruch, den vermutlich fast jeder kennt: Gib jedem Tag die Chance, der schönste deines Lebens zu werden.

Wer über diesen Spruch nachdenkt, wird möglicherweise – so wie ich – zu der Einsicht gelangen, dass es dabei nicht um das supertolle ultimative Erlebnis geht, das alles andere toppt. Der schönste Tag des Lebens muss nicht laut, bunt oder spektakulär sein. Es kann ganz einfach auch der Tag sein, an dem sich eine Weiche auftut und das Leben eine neue Richtung einschlägt, so wie es das bei mir tat am 11. Juli 2020 – mein Tag X.

Eine Hypothese

Vielleicht werde ich kurz vor meinem letztem Atemzug sagen, das dies der schönste Tag meines Lebens war, den er war das Tor in jene Zukunft, die ich mir erhofft und von der ich geträumt hatte, die ich aber für schlichtweg unmöglich hielt – bis das Leben mich eines besseren belehrte, auf seine eigene Art und Weise.

Wer bin ich, mir anzumaßen, die Wege des Lebens mit „gut oder schlecht?“ zu bewerten? Ich bin einfach nur dankbar für das, was das Leben mich auf meinem Weg entdecken lässt und überzeugt davon, dass in allem ein Geschenk für mich verborgen ist.

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EIGENVERANTWORTUNG & SELBSTVERTRAUEN

Manchmal frage ich mich, was von beiden zuerst da ist (oder sein sollte): Eigenverantwortung oder Selbstvertrauen? Irgendwie erinnert es mich an die Frage nach der Henne oder dem Ei? Was war zuerst da?

Übernehme ich Eigenverantwortung für mich, stärkt das in Folge automatisch das Selbstvertrauen. Gleichzeitig braucht es Selbstvertrauen, um Eigenverantwortung übernehmen zu können.

Vermutlich könnte man über diese Frage tagelang debattieren, Wochen, Monate oder gar Jahre. Was würde dabei rauskommen? Unzählige theoretische Konstrukte. Bringen wir es in die Praxis.

Eigenverantwortung & Selbstvertrauen … inspired by real life

Gedanke und Gefühle einer Borderlinerin, die trotz eines entfesselten Sturms der Gefühle auf Kurs bleibt.

Es tut unglaublich weh, nach fast 25 Jahren von dem Mann, den ich (immer noch) liebe, vor die Tür gesetzt zu werden. Zu wissen, dass unter anderem viele Ereignisse aus jener Phase meines Lebens, in der ich nicht wusste, was mich „fernsteuerte“ in ihm ein Bild von mir kreierten, das mittlerweile zwar überholt ist, aber für ihn scheinbar unwiderruflich ist. Dass ich in der Vergangenheit vieles tat, was ihn (und mich) verletzt und tiefe Narben – in seiner und meiner Seele – hinterlassen hat. Dass meine Kursänderung vielleicht zu spät kam. Oder überhaupt erst der Grund für die Trennung war. Viele Fragen sind noch offen und werden es womöglich noch länger – oder für immer – bleiben.

Die Hälfte meines Lebens (!) verbrachte ich an seiner Seite. Neben mir klafft nun eine schmerzende Lücke. Zu wissen, was ich hätte anders machen können/sollen … aber es nicht mehr ändern zu können. Zu wissen, dass ich meinen Teil dazu beigetragen haben. Zu wissen, dass es kein Zurück mehr gibt – geben kann, denn der Schritt zurück würde gleichzeitig eine Rückentwicklung für mich bedeuten, zurück in alte, destruktive Muster … all das tut weh. Es zu verleugnen oder gar zu unterdrücken wäre Realitätsverweigerung.  Ich mag meine Borderline-Persönlichkeit ausbalanciert haben, meine grenzenlose Emotionalität ist nach wie vor vorhanden. Doch heute übernehme ich die Eigenverantwortung für das, was ich fühle.

Auch wenn es jetzt gerade unglaublich weh tut, es entspricht der Situation. Ich übernehme die volle Verantwortung für jenen Teil, den ich über Jahre und Jahrzehnte dazu beigetragen habe, ohne in der Opferrolle und damit im Leid zu versinken.

Auch wenn ich gerade heule, während ich diese Zeilen tippe und darum kämpfe, weiter zu atmen, stehe ich zu meiner Entscheidung. Ich weiß, es war richtig, aus dem mittlerweile für uns beide zerstörerischen Beziehungsmuster auszubrechen und den Schritt hinaus in mein eigenes Leben, die Unabhängigkeit und völlige Eigenverantwortung zu gehen.

Es war eine impulsive, aus Emotionen heraus geborene Entscheidung, kein Ergebnis eines rationalen Denkprozesses. Nur so konnte es überhaupt erst gelingen, die vom Verstand über lange Zeit wohl genährten (Verlust)Ängste, Zweifel und Gegenargumente zur Seite zu schieben und auf das zu blicken, was wirklich wichtig war und ist: auf mich selbst gut zu achten! Dafür bin ich zu 100% selbst verantwortlich. Diese Verantwortung habe ich übernommen, und dadurch auch mein Selbstvertrauen gestärkt, allein mit mir selbst klar zu kommen. Genau genommen geht es gar nicht anders. Nur wenn wir mit uns selbst allein klarkommen, kommen wir auch mit anderen klar. Davon bin ich mehr denn je überzeugt.

Ich verstehe jeden, der angesichts der Tragweite der eigenen Handlungen die Verantwortung dafür negiert, sich hinter Schuldzuweisungen und in der Opferrolle versteckt. Menschen, ganze Gesellschaften und Kulturen tun das seit Jahrtausenden. Ich verstehe es – ich halte es nicht für sinnvoll. Ganz im Gegenteil. Daraus entstehen Verstrickungen, die uns fesseln, uns die Luft zum Atmen nehmen, die sich wie ein Gefängnis anfühlen können und die uns „fernsteuern“ jene Handlungen zu setzen, die neuerlich Schmerz in unser Leben bringen.

Es kann weh tun, die eigene Verantwortung zu schultern, aber ich vertraue darauf, dass damit auch die Freiheit einhergeht, selbst zu entscheiden, das Gefühl der Selbstbestimmtheit und damit verbunden viel Kraft. So erlebe ich es in diesem Augenblick. So fühle ich es – und es fühlt sich richtig an.

Ich bin voll und ganz bei mir und in meinem Leben.

Ja, ich habe Fehler gemacht, doch kein einziger davon rechtfertigt, mich selbst abzulehnen, zu verachten oder gar zu verletzen. Nichts rechtfertigt das!

Meine Verantwortung ist es, gut auf mich selbst zu achten. Ich vertraue mir selbst, dass ich das kann, denn ich habe es bereits getan, als ich die Verantwortung für mich selbst übernahm und entschied, aus dem destruktiven Muster auszusteigen in dem (Selbst)Vertrauen …

Da wären wir wieder bei Henne und Ei – und meiner finalen Conclusio:

Es tut weh, lang gewohntes und alt vertrautes loszulassen, doch es fühlt sich – einmal mehr – für mich richtig an, denn der neugewonnene Freiraum eröffnet auch neue Möglichkeiten. Für den noch vorhandenen Schmerz übernehme ich die Verantwortung, akzeptiere ihn als situationsbedingt und vorübergehend. Gleichzeitig blicke ich voller (Selbst)Vertrauen in meine Zukunft. Was auch immer sie bringen wird, ich werde meinen Kurs halten – auch inmitten aufgewühlter Emotionen. Die gehören nun einmal zu mir, intensiv und schier grenzenlos. Es ist meine Verantwortung – mein Job – mich selbst auf Kurs zu halten und alle dafür erforderlichen Fähigkeiten zu entwickeln. Und ich vertraue – mir selbst und dem Leben – das ich es kann, da ich es bereits getan habe …

Henne oder Ei?

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TTT – der Schlüssel zur erfolgreichen Borderline-Therapie?

Seit geraumer Zeit überlege ich bereits, einen Beitrag zum Thema TTT zu schreiben, meine eigenen Erfahrungen damit bei der Auflösung meiner Borderline-Dynamik zu teilen. Für mich persönlich ist es einer DER Schlüssel, doch – zugegeben – TTT kann auch eine Einladung sein, in der Opferrolle zu verweilen. Dennoch, die Nachricht, die ich gestern im Rahmen einer Leserunde bekam, bestärkte mich darin, heute meine Gedanken niederzuschreiben.

TTT – was ist das?

Kein Medikament oder neue Therapieform. TTT (englisch: Transgenerational Transmission of Trauma) steht für die Transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen. Da es einen – aus meiner Sicht – gut verständlichen Wikipedia-Beitrag dazu gibt, werde ich die wissenschaftlichen Grundlagen hier nicht weiter ausführen, sondern zu dem Artikel verlinken.

TTT – in einfachen Worten: Ein traumatisches Erlebnis, das vor langer Zeit z.B. meiner Großmutter in ihrer eigenen Jugend widerfahren ist, kann in seinen emotionalen, psychischen und seelischen Auswirkungen bis in meine Generation und die nach mir kommenden spürbar sein. Mitunter positiv und stärkend, doch aus meiner Beobachtung der Menschen heraus meistens negativ und krankmachend. Entscheidend ist, ob und wann das Trauma verarbeitet wurde.

Der Wikipedia-Artikel bezieht sich vorrangig auf Holocaust-Überlebende, doch ich denke, dass auch viele andere davon betroffen sind. Gerade hier in Europa. Während des 2. Weltkriegs und in der Zeit danach wurden unzählige Frauen missbraucht und vergewaltigt – und haben darüber geschwiegen, aus Scham, weil sie Repressalien zu erwarten hatten, weil sie weitermachen mussten, um zu überleben, ihre Kinder und Familien durchzubringen usw. Unzählige Kinder wurden Zeugen von Gewalt in jeder nur erdenklichen Form, von der „Gehirnwäsche“ als Heranwachsende im 3. Reich ganz zu schweigen. Wie viele aus jener Zeit haben in Folge das Erlebte aufgearbeitet, eine Therapie besucht oder einen anderen Weg eingeschlagen, um die Weitergabe an die nächste Generation zu verhindern?

Vor vielen Jahren bereits – lange bevor ich erstmals von TTT hörte – erkannte ich intuitiv die Zusammenhänge, zwischen der ständig steigenden Anzahl an psychischen Erkrankungen und Persönlichkeitsstörungen mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund. Ich musste nur den Erzählungen meiner Mutter und Großmutter aufmerksam lauschen, um zu erahnen, was sie verdrängt hatten, und was ich übernommen hatte, woher die Wurzeln mancher meiner nicht in Bezug zu meiner Lebensrealität stehenden, unkontrollierbaren Ängste kamen. Die Unfähigkeit, Vertrauen zu fühlen, auch noch, nachdem ich mein eigenes, diesbezüglich prägendes Erlebnis verarbeitet hatte. Wirkte dieses Ereignis erst dadurch traumatisierend auf mich, da ich aufgrund des transgenerationalen Familientraumes keine entsprechende Resilienz mitbekommen oder entwickelt hatte, um das Ereignis unbeschadet zu überstehen?

TTT öffnete meinen Blick für ein noch tiefergehendes Verständnis meines Lebens, meiner selbst und wurde für mich persönlich der magische Schlüssel, um mich aus den systemischen Verstrickungen zu befreien und meine destruktive Borderline-Dynamik in einen lebensbejahenden, konstruktiven Prozess zu verwandeln.

Die Aufarbeitung und Auflösung transgenerationaler Traumatisierungen ist der entscheidende Faktor, um die Kette unheilvoller Weitergabe zu durchbrechen und für sich bzw. die nächste Generation ein freies, gesundes Leben zu ermöglichen. Davon bin ich zu 100% überzeugt!

Man kann darüber diskutieren, wie die Weitergabe erfolgt, ob durch Übertragung und Gegenübertragung, epigenetische Vererbung oder auf anderen Wegen. Aus meiner Sicht werden wir nicht darum herumkommen, uns damit zu befassen, in sämtlichen derzeit lebenden Generationen. Eltern von Borderlinern sollten sich die Frage stellen, was sie weitergegeben haben, sei es aus ihrem eigenen Leben oder dem der Vorfahren – und was sie selbst tun können, um die Kette zu schwächen und ihren Kindern den eigenen Heilwerdungsprozess zu erleichtern. Betroffene sollten sich bewusst machen, dass manches von dem, was sie durchleben, seinen Ursprung lange vor ihnen hatte, ABER auch, dass dies keine Absolution dafür ist, in der Opferrolle zu erstarren im Sinne von „ich kann nichts dafür, es wurde mir vererbt“. Seine Vorfahren mit Schuldzuweisungen zu konfrontieren löst nichts auf, weder in einem selbst noch in den anderen.

Vielmehr geht es darum, anzuerkennen, was ist – wertungsfrei. Zu sagen: Ja, das ist geschehen. Zu erkennen: Das war lange vor mir und ich kann entscheiden, ob es noch länger Teil meines Lebens bleibt und mich belastet, vielleicht sogar krank macht. Oder ob ich es loslasse, in Respekt und Achtung derer, die vor mir waren, es verabschiede und an jene übergebe, zu denen es gehört.

Ich weiß, diese Sätze können eigenartig anmuten, wenn man sie zum ersten Mal liest – oder gar ausspricht. Doch in ihnen steckt unbeschreiblich viel Potenzial, die Freiheit auf das eigene, selbstbestimmte Leben.

Jeder von uns trägt in sich das Potenzial, die Kette von transgenerationalen Weitergaben zu durchbrechen.

Ganz ehrlich: Die Theorie zu verstehen, war verhältnismäßig einfach im Vergleich zur emotionalen Umsetzung. Ich bin einige Male gescheitert, fiel zurück in die Anklage gegen jene, die vor mir etwas hätten tun können oder sollen. Oder ich klagte mich selbst an, manche Hinweise nicht frühzeitig verstanden zu haben und das „Erbe“ an meinen Sohn weitergegeben zu haben. Es war ein steiniger Weg für mich, doch letztendlich habe ich es geschafft. Ich stimme heute dem zu, was geschehen ist – ohne es gutzuheißen. Wertungsfrei. Es ist geschehen. Punkt! Ich habe überlebt und entscheide nun selbst über mein Leben, über das, was ich denke (bzw. gestalte aktiv meine Glaubenssätze, die mich in jenen Mustern denken lasse, die ich für mich gewählt habe 😉) und was ich fühle (siehe Glaubenssätze 😉). Ich bin (wertungs)frei!

In diesem Sinne: TTT war MEIN Schlüssel für die erfolgreiche Auflösung meiner Borderline-Dynamik und ich empfehle JEDEM Menschen – ganz gleich ob Borderliner oder nicht – sich damit zu befassen.  Es gibt kaum etwas zu verlieren, doch eine Menge zu gewinnen.

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GEGENWIND

Auch wenn es schön wäre, nicht immer läuft alles rund im Leben. Trotz positiver Lebenseinstellungen und unbändiger Lebensfreude passieren mitunter auch unerfreuliche Dinge und Begegnungen.

Und sei es nur der brandneue Geschirrspüler, der angeliefert wird, doch seine Funktion nicht erfüllt, weil … eben schon von Beginn an Defekt. Darauf kann schon mal eine Kette von Ereignissen folgen, die einer Odyssee zwischen Hersteller und Händler gleichkommen, ähnlich wie Odysseus irrt man quasi durch die „Inselwelt jener, die nicht zuständig sind“. Mich erinnert das immer an den Film „Asterix erobert Rom“, und den Versuch, den Passierschein A38 im Haus, das Verrückte macht, zu bekommen. Ähnlich wie Asterix durchlebe ich dabei unterschiedliche emotionale Zustände – und das ist VÖLLIG NORMAL. Hin und her verwiesen zu werden, OHNE dass dabei etwas rauskommt, ist nervig. Zwar kein Grund zum Ausrasten, aber einer, um viele Fragen zu stellen: Geht’s noch? Das nennt sich Kundenservice? Fühlt sich hier niemand zuständig? Hallo, ich habe für eine Leistung bezahlt und was bekomme ich dafür?

Wie gesagt, ich halte derartige, emotional angehauchte Fragen für normal. Natürlich wäre es lässig, entbehrliche Vorfälle wie den oben erwähnten gänzlich cool zu behandeln, unbeeinflusst auf die Lösung fokussiert vorzugehen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Wenn’s mal wieder schwerfällt, mache ich mir bewusst, wie meine emotionale Reaktion dem anderen, der sie ausgelöst hat, letztendlich die Macht (Steuerung, Kontrolle…) über mich gibt. Das holt mich meistens schnell wieder auf den pragmatischen Boden der Realität. Ich mag es nicht, von anderen gesteuert zu werden. Dem war ich zu oft und zu lange ausgesetzt. Heute habe ich eine gesunde (weil selbstsorgsame) Allergie dagegen.

Ich denke, Gegenwind vom Leben ist wichtig und hilfreich, um sich selbst und seine Grenzen wahrzunehmen – sowohl jene, die noch zu erweitern sind als auch jene, die es zu schützen gilt. Auf jeden Fall ist es ratsam, näher hinzusehen, woher der Gegenwind kommt und was er vermitteln möchte.

Gegenwind kann einem heftigen Sturm gleichkommen, der ein Weitergehen auf dem eingeschlagenen Weg schier unmöglich macht. Will uns das Leben genau das sagen? „Verläuft“ sich unser Ego blind in einer fixen Idee, kämpft gegen Windmühlen an, weil es Riesen sehen will, wo nur Korn gemahlen wird?

Gegenwind kann sich wie eine steife Brise von Nordwest anfühlen, die einfach nicht abflauen will. Oder sind wir es, die nicht aufhören? Rollen wir – Sisyphos gleich – einen Stein wieder und wieder den Hügel hoch, ohne zu erkennen, dass wenige Meter seitlich davon der Weg frei und unbeschwert gemeistert werden könnte?

Gegenwind kann auch eine leichte Brise sein, die ermahnt: „Hey, schau auf dich. Mach auch mal eine Pause und vor allem – verabschiede dich von der unsinnigen Idee, perfekt sein zu wollen und alles perfekt machen zu wollen. Irrtümer und Fehler gehören zum Leben. Aus ihnen lernen wir am meisten, wenn wir uns bewusst damit beschäftigen.“

Meine [nicht] ganz alltägliche Sichtweise des Lebens vermag im Gegenwind auch jene Strömung zu erkennen, auf der ein Drachen – fachkundig und mit Bedacht geleitet – sich hoch in den Himmel emporschwingt, um weiter über den Horizont hinauszublicken als es jene können, die auf dem Boden zurückbleiben. Über den Horizont hinaus … oder hinter den Spiegel? Unter die Oberfläche? Zwischen die Zeilen? Das Leben offenbart uns seine Botschaften auf vielfältige Weise. Wer lernt, seine Sinne dafür zu öffnen, wird erkennen, dass alles – auch Gegenwind – zueinander und miteinander in Verbindung steht … und all das für uns da ist.

Gegenwind ist vielleicht nicht unser Freund, aber auch nicht unser Feind. Eher ein neutraler Mahner, der uns dabei unterstützen kann, auf dem uns bestimmten Kurs zu bleiben. Mit diesem Gedanken im Kopf fällt es wesentlich leichter, über Aktionen wie eine „Geschirrspüler-Odyssee“ zu schmunzeln.

Und da wären wir wieder. Ein scheinbares Problem oder Ärgernis verwandelt sich bei eingehender Betrachtung in „Dünger“, der die Entwicklung meines Pflänzchens „Seelenheil“ nachhaltig fördert.

Wie sagt meine Mitbewohnerin gerne: „Jede erfolgreiche Therapie beginnt mit Philosophie über das Leben.“

Ich stimme dem voll und ganz zu.

Philosophie ermöglicht es mir, meine Gedanken und Sichtweisen auf das, was ist, zu verändern, ohne die Realität zu negieren. Was ist, ist – aber was ich verändere sind die Auswirkungen, die diese Realität auf mich hat. Wer in Problemen für sich Potenziale zu erkennen vermag, wird sich diesen mit einer anderen Einstellung und Energie stellen als jeder, der sich als Opfer widriger Umstände sieht und die Situation ablehnt.

Dieser Ansatz ist nicht neu. Ganz im Gegenteil. Seit Jahrtausenden findet er sich in den Weisheitslehren wieder. Doch – so scheint es zumindest für mich – haben wir heute verlernt, über den Horizont hinaus zu blicken. Vielleicht, weil wir im Gegenwind nur den Feind vermuten? Was, wenn sich hinter all dem, was wir auf den ersten Blick zu erkennen glauben, stets viel mehr verbirgt? Gänzlich anderes? Positives, weil für unsere Entwicklung förderlich?

Wer Sport macht, weiß, dass Training anstrengend ist, aber notwendig, um weiterzukommen.  

Blockierende Emotionen und Gedankenmuster gleichen „hartnäckigen Fettpölsterchen“. Sie verschwinden nicht von selbst. Noch weniger lassen sie sich „weghungern“. Es braucht konsequentes Training und damit Anstrengung, die durchaus Spaß machen kann, wenn man den Gegenwind bewusst als Sparring Partner nutzt 😉

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ZUVERSICHT – HOFFNUNG – HEILUNG?

Derzeit lese ich gerade eine neue Ausgabe von „GEO kompakt“ zu dem Thema „Die Kraft der Zuversicht“. Untertitel „Wie positives Denken unseren Körper und unsere Seele stärkt“. Was soll ich sagen? Das Magazin bietet die gewohnt fundierte Aufbereitung des Themas, einige neue Forschungserkenntnisse, aber genau genommen nichts weltbewegend Neues – für mich. In mehr als 30 Jahren habe in gefühlt hunderte Bücher zu diesem Themenkreis gelesen, Seminare besucht, Selbsterfahrung durchlebt …

Bis vor wenigen Wochen umfasste meine Bibliothek zwar weitaus mehr Bücher als heute, nichtsdestotrotz besteht sie immer noch zu 4/5 aus „Nicht-Unterhaltungsliteratur“: Philosophie, Psychologie, NLP, alternative und ganzheitliche Heilmethoden, jahrtausendealte Weisheitslehren, Denker aller Zeiten rund um die Welt, … vieles hat sich angesammelt im Bücherregal und in meinem Kopf.

Und ja, es funktioniert, was diese Bücher berichten. Die Macht unserer Gedanken ist ungebrochen. Sie bestimmen unser Fühlen, Handeln, unser gesamtes Leben – wie eh und je.

Trotzdem – oder gerade deshalb – weil es immer noch so ist und wohl auch so bleiben wird, ist auch das x-te Aufkochen des Themenkreises wichtig.

Weil die um die Jahrtausendwende Geborenen vielleicht nicht auf den Klassiker Dr. Joseph Murphy und „Die Macht des Unterbewusstseins“ zugreifen, sondern möglicherweise lieber einen modernen Autor in der Art von Dr. Joe Dispenza  und „Schöpfer der Wirklichkeit“ lesen.

Weil es immer noch viel zu tun gibt in dieser Welt, nach wie vor viele Menschen auf der Suche sind nach Antworten, wie sie mit dem Leben und sich selbst gut zurecht kommen können.

Weil unser moderner Lebensstil uns weit von unserer „Mutter Natur“ entfernt hat, das intuitive Gespür, was uns gut tut und was uns schadet, überdeckt wird von künstlich generierten Bedürfnissen nach Dingen, die wir genau genommen nicht zum Leben brauchen. Ganz im Gegenteil, die einen enormen Ballast darstellen können, den wir Tag für Tag mit uns rumschleppen auf der Suche nach dem „echten Leben“ – das sich direkt vor uns entfaltet, doch wir können es nicht wahrnehmen, denn wir haben verlernt, mit dem Herzen zu sehen.

Wir brauchen Quellen, in denen unsere Seele Nahrung findet – und Zuversicht, dass da noch mehr ist als der hyperschnelle Datenhighway und unser bedarfsentfremdetes Konsumverhalten. Wir brauchen Informationen, die uns Hoffnung vermitteln und in uns jene Kräfte mobilisieren, die uns Heilung bringen.

Vor beinahe 3 Jahren, am 13. Oktober 2017, öffnete ich ein Tor zu meiner Seele und meinem Herzen. Daraus entstand eine [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte. Im März 2018 offenbarte mir mein Unterbewusstsein, was ich noch alles aufzuarbeiten hätte, um frei zu werden. Innerhalb von weniger als einer Stunde schrieb ich die Storyline der Bände 2 und 3 von JAN/A. Darin verpackt jeder meiner inneren Konflikte, jede Blockade, jede Wunde, viel Schmerz. Intuitiv wusste ich damals, dass dies mein Weg sein und ich dafür 3 Jahre benötigen würde, um wieder ganz ich selbst zu werden.

Diese 3 Jahre sind fast vorbei.

Mein Arzt sagt: Physisch und psychisch gesund.

Meine Physiotherapeutin sagt: Fit wie ein Turnschuh.

Meine Osteopathin sagt: Tiefenentspannt und in Balance.

Mein Psychotherapeut fragt: Was wollen Sie noch bei mir?

Obwohl sich mein Leben nun völlig unerwartet innerhalb weniger Wochen extrem verändert hat (Beziehung, Wohnung, Mobilität … alles ist anders), habe ich diese „Krise“ ohne ernsthafte Schwierigkeiten gemeistert. Keinerlei Anzeichen von Borderline-Symptomen. Das liegt definitiv hinter mir.

Ich bin nicht geheilt, denn ich war nie krank (bezogen auf Borderline).

Ich hatte eine „Störung“, doch die habe ich behoben – auf meine individuelle und [nicht] ganz alltägliche Art und Weise.

Ich stehe mit beiden Beinen fest im Leben, bin unabhängig, erfolgreich, stark, flexibel, anpassungsfähig, achte gut auf mich selbst, voller Lebensfreude, getragen von unbändigem Optimismus und mit einer großen Portion Humor gesegnet.

Ich kann über mich selbst lachen, nehme meine Schwächen nicht allzu ernst ebenso wie ich meine Stärken nicht allzu wichtig nehmen.

Ich bin einfach, wie ich bin.

Ich liebe mich so, wie ich bin.

Und ich achte darauf, welche Gedanken und Botschaften ich in meine „Seelenwelt“ vordringen lasse. Das empfehle ich jedem, der achtsam mit sich selbst umgehen möchte.

Meine Zeit auf Erden ist begrenzt, wie die von jedem Menschen. Rein rechnerisch liegen weniger Jahre vor mir als hinter mir. Ein Grund mehr, mich mit dem zu befassen, was Zuversicht, Hoffnung und – davon bin ich überzeugt – auch Heilung unterstützt.

Darum schreibe ich keine Unterhaltungsliteratur. Nicht, weil ich es nicht könnte. Nein, ich möchte meine Fähigkeit für tiefgreifendes einsetzen, male mit Worten Bilder, aus denen ein Gefühl seinen Weg ins bewusste Erleben findet – gleich einer taugeküssten Knospe, die sich im sanften Licht der Morgensonne entfaltet um ihre zarte Schönheit mit all jenen zu teilen, die sich die Zeit nehmen, einen Moment innezuhalten – und sei es nur für einen Atemzug – und im Staunen zu verharren, ob der Wunder, die sich rundum offenbaren. In einem einzigen, winzigen Samenkorn stecken all die Informationen, um eine duftende Rose oder einen mächtigen Mammutbaum hervorzubringen. Niemand lehrt einem Schmetterling das Fliegen. Keiner schult eine Katze in Entspannungstechniken.

Das Leben sorgt für alle seine Kinder – auch für die Menschen. Viele von uns haben jedoch verlernt, nach innen zu blicken und dort die Fragen auf ihre Antworten zu finden und damit jene Kräfte zu aktivieren, die uns „heil werden lassen“. Es liegt an jedem von uns, dies wiederzuentdecken – auf einer Reise nach innen, auf die eigene, individuelle Weise.

Tausenden von Buchseiten waren es, die mir dabei den Weg wiesen. Unzählige Gespräche mit besonderen Menschen, deren Weisheit und Geschichten über das Leben mich prägten. Heute ist es für mich an der Zeit, aus all dem, was mir mitgegeben wurde, etwas entstehen zu lassen, das Zuversicht, Hoffnung und – wer weiß? – vielleicht auch einen Weg zum Heilwerden vermittelt. 

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DES LEBENS SELTSAME WEGE

Im Jahr 1996 schrieb ich ein Gedicht mit diesem Titel. Damals war ich im letzten Drittel der Schwangerschaft, alleinstehend, und mein Leben ordnete sich völlig neu.

Im Juli 2020 startete ich eine Leserunde auf LovelyBooks.com. Einer der Leser*innen nannte die letzte Zeile dieses Gedichtes als ihr Lieblingszitat:

Das Leben trägt die, die darauf vertrauen,
an ein sicheres Ufer,
nicht heute, nicht morgen – aber irgendwann,
und auf seltsamen Wegen.

Seit Juli 2020 ordnete sich mein Leben völlig neu – wieder einmal. Manche Verse dieses Gedichtes erlangten (neuerliche) Aktualität. Wenn ich so darüber nachdenke, erscheint mir der nun eingeschlagene Weg stimmig, als wäre er von jeher Teil meines Lebensplans. Dennoch – hätte man mir vor einem halben Jahr davon erzählt, ich hätte es nicht glauben wollen/können.

Auf das Leben zu vertrauen, darauf, dass alles, was geschieht, FÜR UNS geschieht. Um etwas zu erkennen, zu verstehen, zu lernen, zu verändern, …

Es gibt Ereignisse auf unserem Lebensweg, da fällt das leicht. Bei anderen fordert es einiges, insbesondere das eigene, rechthaberische Ego zurückzunehmen und die Dinge in größeren Zusammenhängen zu betrachten. Manchmal scheint es unmöglich, dem zuzustimmen, was gerade geschehen ist oder noch dabei ist zu geschehen … weil es schmerzt, weil es unfair erscheint, ungerecht, unpassend.

Doch das Leben irrt nie – im Gegensatz zum Menschen, der oftmals nur eingeschränkte Informationen von einem einzigen Standpunkt aus wahrnimmt. Ein einzelnes Ereignis wird mitunter isoliert vom Gesamtkontext gesehen und bewertet. Nichts und niemand ist je getrennt vom Großen Ganzen. Wir sind keine Inseln, die inmitten eines riesigen Ozeans einsam vor sich hin in den Wellen treiben. Etwas verbindet uns alle, wirkt systemisch in jedes individuelle Leben, jeden einzelnen Augenblick hinein. Etwas, oder eine Ebene, die heute gerne übersehen wird, denn sie liegt weit unter der Oberfläche dessen, was uns im Alltag beschäftigt. Schwer zu erkennen im ersten Blick, scheint diese Ebene unbedeutend, doch weitgefehlt – aus ihr heraus werden wir bestimmt, unser Denken, unser Fühlen, unser Handeln. Auf ihr werden auch all die Wiederholungen und Muster unseres Lebensweges sichtbar, aus denen wir lernen könnten und sollte, denn tun wir es nicht, wird das Leben niemals müde, uns auf die nächste Runde zu schicken, und die übernächste, und überübernächste … bis wird verstanden und integriert haben, was es zu lernen gibt.

Vielleicht erscheinen – oberflächlich betrachtet – die Wege des Lebens seltsam, doch unter der Oberfläche offenbaren sich die ineinander verflochtenen Zusammenhänge, über Generationen hinweg, die es zu verstehen gilt, will man im Hier und Jetzt die Freiheit erlangen, sein eigenes Leben zu leben, unbelastet von dem, was wir als Familie, Gesellschaft, Menschheit seit langem mit uns rumschleppen und unaufhörlich weitergeben … Eltern an ihre Kinder … immer und immer wieder. Bis einzelne sich aufmachen, den Wiederholungen transgenerativer Traumata zu durchbrechen und neues, freies Leben entstehen darf.

Auf dieser Ebene, unterhalb der Oberflächlichkeit, genügt es nur 100 Jahre in der Geschichte zurückzublicken und zu verstehen, warum psychische Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen oder schlichtweg die Überforderung durch das tägliche Leben heutzutage derart weit verbreitet sind. Vieles wirkt nach wie vor, was vor Generationen geschehen ist und niemals aufgelöst wurde.

Die Wege des Lebens sind nur oberflächlich betrachtet seltsam. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Logik. Man kann diese Logik als unbarmherzig bezeichnen, denn sie lässt zu, das neugeborene Kinder das nicht aufgelöste Erbe ihrer Eltern als Rucksack auf ihre Schultern gelegt bekommen. Oder als Chance, dass jede neue Generation den Kreislauf beenden kann.

Nichts geschieht zufällig – auch wenn wir gerne an den glücklichen Zufall oder schicksalhaftes Pech glauben möchten. Was uns auf unserem Lebensweg begegnet, entstand aus den Konsequenzen unserer eigenen Handlungen und der vor uns und um uns.

Vor beinahe einem Vierteljahrhundert schrieb ich ein Gedicht, das von einer Leserin aufgegriffen wurde, sie inspirierte und auch mich, denn auf meine Frage, welchen der vor mir liegenden Wege ich nun im Zuge meiner eigenen Entwicklung einschlagen soll, fand ich für mich eine Antwort. Genau genommen eine Art von Wiederholung, denn bereits vor 30 Jahren befasste ich mich intensiv mit dem „senkrechten Weltbild“, Analogien und Synchronizität. Mein Weg wird es sein, diese seit langem von mir praktizierte Sichtweise nun auch aktiv an andere weiterzugeben.

Anfang 2020 waren meine Pläne völlig andere, doch des Lebens seltsame Wege, führten mich hierher. Es fühlt sich richtig an, wie ein sicheres Ufer, und ich vertraue darauf, dass das Leben mich weiterhin gut leiten wird.

Hier nun das Gedicht in voller Länge:

Des Lebens seltsame Wege

Das Leben geht oft seltsame Wege.

Es lässt uns an Dinge glauben,
auf Menschen vertrauen,
wiegt uns in scheinbarem Glück und Sicherheit,
und kennt doch die Angst, all dies zu verlieren.

Es gibt Leid und Schmerzen,
lässt Welten zusammenstürzen wie Kartenhäuser,
beraubt uns jeglicher Zuversicht auf ein Morgen,
lässt uns verzweifeln.

Und es schenkt uns Hoffnung und Träume,
vertrauen auf ein Morgen, auf die Zeit danach,
träumen von dem, was kommen mag,
die Augen verschließen vor dem, was ist.

Das Leben geht oft wundersame Wege.

Es schenkt uns andere Menschen,
Freunde, die um uns sind.
Wesen, die uns verstehen,
an uns glauben, uns vertrauen,
Gefühle geben und Gefühle annehmen.

Es gibt uns Menschen, die uns nahestehen,
die wir sehr gut und sehr lange kennen,
und von denen wir glauben zu wissen,
wer und was sie für uns sind.

Und eines Tages lässt das Leben
uns die Augen schließen,
und wenn wir sie wieder öffnen,
erblicken wir in denselben Menschen
etwas völlig Neues,
das wir niemals zuvor erkannten.

Wahrlich, das Leben geht seine eigenen Wege.

Es gibt uns – und es verlangt von uns.
Was auch immer wir tun,
das Leben kennt die Antwort bevor wir fragen.

Was auch immer geschieht,
das Leben geht weiter bis ans Ende aller Tage.

Jedes Bemühen unsererseits,
es zu verstehen oder gar zu steuern,
hieße gegen den Strom zu schwimmen,
und fortgerissen zu werden.

Das Leben trägt die, die darauf vertrauen,
an ein sicheres Ufer,
nicht heute, nicht morgen – aber irgendwann,
und auf seltsamen Wegen.

(Quelle: „EMBRACE – Fühle die Umarmung des Lebens“ © Lesley B. Strong / Bild: Pixabay.com)

PSYCHOHYGIENE

Ab und an lasse auch ich mal gehörig Dampf ab. Bevorzugt dann, wenn eine Kette von Ereignissen dazu geführt habe, dass ich mir etwas in der Art von „geht’s noch?“ denke.

Psychohygiene heißt für mich nicht, sich hemmungslos über ein Thema oder eine Person auszulassen, bis alle (schätzungsweise) negativen Emotionen verraucht sind. Ein derartiger rhetorischer Rundumschlag mag für manche Menschen Erleichterung bringen, aber zu jenen gehöre ich nicht.

Psychohygiene bedeutet für mich, ein Thema oder eine Person bzw. deren Handlungen aus möglichst vielen Blickwinkel und unterschiedlichen Standpunkten zu betrachten, während ich gleichzeitig meine eigenen Gefühle dazu im Auge behalte. Was löst Unruhe aus? Was lehne ich ab und warum? (Daraus kann ich lernen.) Wo stimme ich zu?

Spoiler Alarm: Kein Standpunkt ist völlig richtig und keiner völlig falsch. Manche wirken auf den ersten Blick überspitzt. Bevor ein Shitstorm über mich hereinbricht: Ich nehme mir die Freiheit, meine eigene Meinung zu haben zu dem, was ich wahrnehme – ohne diese Meinung als allgemeingültige Wahrheit zu postulieren.

Wollen wir also beginnen.

Mein Thema, das mich aktuell beschäftigt: In den Borderline-Selbsthilfegruppen beobachte ich eine weitverbreitete Tendenz, sehr persönliche Probleme zu schildern. Okay, dafür diese Gruppen da, aber …

… ganz ehrlich, die Art und Weise, wie das getan wird, ist teilweise erschreckend. Von knallharten Vorwürfen bis hin zu einem hemmungslosen Ausleben der Opferrolle ist da alles dabei. Fallweise werden persönliche Chats mit anderen Personen geteilt und – ganz klassisch Opferrolle – Bestätigungen dafür eingefordert, wie unfair man doch behandelt wird. Ganz gleich, was diese Personen, die selbstredend in der SH-Gruppe nicht aktiv sind, getan oder nicht getan haben, sie werden de facto in den Schmutz gezogen. Die „Opfer“ agieren – vermutlich unbewusst – in der dreifaltigen Rolle Ankläger-Richter-Vollstrecker. Dabei wird völlig ignoriert, dass die „Opfer“ durch ihre Vorgehensweise in die Rolle der Täter gegenüber jenen, die sie selbst als Täter titulieren, schlüpfen. Lehrbuchbeispiele für die eskalierende Drama-Dynamik und eine ausufernde Schlammschlacht zerstörerischer Gedanken. Kollektives Runterziehen.

… auf der anderen Seite hat sich bei manchen Personen derart vieles aufgestaut, das auch ausgesprochen bzw. ausgeschrieben werden muss, um den Druck abzubauen und die Chance zu haben, weniger emotional und mehr rational an die Sache heranzugehen. Auf Dauer runterschlucken, unterdrücken oder ignorieren macht krank – das ist erwiesen. Deshalb braucht es die Möglichkeit, diesen Müll auch irgendwo abzuladen.

… dieses Müllabladen geschieht jedoch an einem Ort, an dem kaum jemand ausgebildet ist, damit umzugehen. Therapeut*innen steht die Möglichkeit von Supervision zur Verfügung, um die Gedanken, Emotionen und Energien, die sie in der therapeutischen Arbeit von ihren Klienten auf- und übernehmen, zu reflektieren und aufzulösen, denn sonst würden auch sie irgendwann daran Schaden nehmen. Freiwillige Mitglieder einer SH-Gruppe haben diese Möglichkeit zumeist nicht, und ich zweifle daran, ob vielen von ihnen überhaupt bewusst ist, was sie alles auf- und übernehmen, wenn sie dem „Psychoschrott“, der dort gepostet wird, unreflektiert mitlesen und diskutieren.

… bei manchen Ratschlägen, die erteilt werden, krampft es mich regelrecht zusammen. Ich setze dabei stets ein „gut gemeint“ voraus, doch welchen Nutzen hat jemand davon, in der Opferrolle bestätigt zu werden? Oder sich auf „Nebenschauplätzen“ halbherzige Versuche zu unternehmen, anstatt sich dem Kern des Ganzen zuzuwenden?

… manchmal habe ich den Eindruck, es geht nur darum, gemeinsam im Rudel zu jammern und wer am lautesten (oder am verstörendsten) sein Desaster schildert, bekommt am meisten Zuwendung aus der Gruppe.

… ich sehe aber auch jede Menge Menschen, die mit dem, was sie quasi „fernsteuert“ nicht klarkommen, kaum verwertbare Informationen dazu haben und wenn, dann nicht jene, die sie weiterbringen. Ich sehe Suchende, die so sehr auf das Problem starren und auf die Suche fixiert sind, dass sie Lösungsmöglichkeiten nicht erkennen können, die sich ihnen bieten. Ich sehe Menschen, die nicht daran glauben, dass auch ihr Leben besser werden könnte und es für sie einen Weg gibt, zurück zu Selbstliebe und Lebensfreude, zurück in die Umarmung des Lebens. Ich sehe mich selbst, wie ich einst war, wie ich gehandelt habe vor vielen Jahren, und ich erinnere mich, dass es damals Menschen gab, die an mich glaubten, obwohl ich es selbst nicht tat.

Und obgleich ich mir schon mehrfach vorgenommen habe, aus diesen Gruppen auszusteigen, schreibe ich dann doch wieder einen Kommentar – in der Hoffnung, einen Samen zu säen, aus dem heraus ein Pflänzchen namens „Hoffnung“ keimen wird, das vielleicht ein Blatt „Zuversicht“ tragen wird und eines schönes Tages eine Blüte „Selbstliebe“.

Nachdem ich alle (auch hier aus Platzgründen nicht genannten) Blickwinkel eingenommen habe, nachdem sich alle Teile zu einem Gesamtbild zusammengefügt habe, finde ich meinen Standpunkt. Dieser beinhaltet stets unterschiedliche Sichtweisen und Gedanken, doch letztendlich – unter dem Strich – kommt eines heraus:

Es ist, wie es ist – und es passt, wie es ist.

Ich bin frei, zu entscheiden, was ich denke oder tue, denn ich trage die Verantwortung für mein Leben. Fühle ich mich genervt – so ist das meine eigene Entscheidung, mich von dem, was ich wahrnehme, genervt zu fühlen. Weder sind dafür andere noch deren Handlungen verantwortlich und ich werde ihnen diese Verantwortung (und damit die Schuld) nicht aufbürden. Wenn mir nicht gefällt, was ich lese, kann ich jederzeit aussteigen. Wenn ich mich entscheide zu bleiben, akzeptiere ich die Risiken, die damit einhergehen und übernehme wiederum die Verantwortung, mich selbst um mein Wohlergehen zu kümmern.

Auch wenn ich es gerne wäre, ich bin nicht immun, gegen negative Energien, aber ich habe gelernt, auf mich selbst zu achten. Bewusst innezuhalten, wenn’s zu viel wird („geht’s noch?“ richtet sich nur scheinbar nach außen, es ist eine Frage, die ich mir auch selbst stelle, im Sinne von „kann ich noch gut damit umgehen?“).

Meine Psychohygiene ist – wie vieles in meinem Leben – [nicht] ganz alltäglich oder anders formuliert: sehr individuell. Meine Runde durch die unterschiedlichen Standpunkte drehe ich häufig während eines Waldlaufs, ohne einem anderen davon zu erzählen. Heute mache ich hier eine Ausnahme, um eine weitere Facette meines Lebens mit Borderline aufzuzeigen: Das Potenzial von Widersprüchlichkeit konstruktiv zu nutzen, um ein möglichst umfassendes Bild einer Situation zu entwickeln.

Denn von einem bin ich felsenfest überzeugt: alles auf unserem Lebensweg ist dazu da, um uns weiterzubringen – auch Psychohygiene.

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Bild: pixabay.com