Zeit der Stille

Diesen Titel gab ich auch dem letzten Kapitel von JAN/A Band 1 bzw. dem ersten Kapitel von Band 2. Ich dachte allerdings nicht, dass ich je einen Blogbeitrag so nennen würde. Dennoch – der Titel passt genau in die Zeit, zu meinen Gedanken und Gefühlen. Wie so viele andere auch, lebe ich nun seit rund zwei Wochen mit den Corona-bedingten Einschränkungen. Abgesehen davon, dass ich seither weder in einem Verkehrsstau noch an einer Supermarktschlange sinnlos Zeit vergeudet habe, hatte ich derart viel beruflich zu tun, dass ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen bin, mir die tatsächlichen Auswirkungen auf mich als Person und Borderlinerin bewusst zu machen.

Was bedeutet sie also für mich, diese drastische Reduzierung meiner analogen Interaktionen mit anderen Menschen auf eine Person – nämlich „meinen besten Ehemann von allen“ – und in digitaler Form über Telefon bzw. soziale Medien mit einigen wenigen mehr?

In erster Linie fühle ich mich ruhig. Tatsächlich. Mehr denn je bin ich auf mich selbst zurückgeworfen durch die Einschränkungen der Kontakte. Mit mir selbst klarkommen – vor einigen Jahren war dieser Gedanke eine wahre Horrorvorstellung. Keine oder kaum Interaktion mit anderen? Unvorstellbar, denn in mir war nichts – oder besser gesagt: konnte ich nichts wahrnehmen. Ich brauchte die „Reibung“ mit anderen, um mich selbst zu spüren. Die aktuelle Situation zeigt mir, wie sehr sich das verändert hat. Ich finde in mir alles, was ich brauche, damit es mir gut geht.

Mehr noch. Durch den Wegfall der Reibungsfläche hat sich auch die „Übernahme“ von Stimmungen und Gefühlen anderer deutlich reduziert. Was ich fühle, bin ich selbst, und nicht das, was ich von anderen nicht draußen lassen bzw. abgrenzen kann. Insofern ist diese Zeit der Stille für mich auch eine Zeit der Besinnung auf mich selbst, die mir vor Augen hält, was ich bislang erreicht habe. Ich brauche deutlich weniger Psychohygiene und Ausgleichsphasen.

Gelassen beobachte ich rundum verschiedene Strategien für den Umgang mit der neuen Situation. Da gibt es jene, die auf positives Denken setzen. Die anderen, die sagen, bleib authentisch und wenn’s dir Scheiße geht, dann steh dazu. Auch jene, bei denen sich einiges aufstaut, zu latenter Aggression beträgt, die sich dann bei unbedeutenden Anlässen entlädt. Tatsächlich gibt es auch noch ein paar, die den Ernst der Lage verkennen und Vorsichtsmaßnahmen ignorieren. Und natürlich – typisch für die Gegend in und um Wien – die „Raunzer“, die immer einen Grund finden, sich zu beklagen. Und eine Menge dazwischen.

Irgendwie passe ich wieder einmal in keines dieser Schemata. Die Situation ist, wie sie ist – und sie hat überraschenderweise kaum einen Einfluss auf meinen emotionalen Zustand. Als wäre ich entkoppelt. Oder selbstbestimmt im Fühlen. Am Tag 13 der Ausgangsbeschränkungen hier in Österreich, bin ich nach wie vor in der Umarmung des Lebens verankert, im Urvertrauen, in Geborgenheit und (Selbst-)Liebe. Mir geht’s auf eine nicht zu erklärende Art und Weise gut, ohne Begründung und ohne Einschränkung.

Klar, ich hetzte nicht mehr täglich im Früh- und Abendverkehr ins Büro, weil ich zuhause arbeite. Damit fallen mindestens zwei Fahrstunden plus unberechenbarem Staufaktor weg. Diese Zeit verbringe ich nun während täglicher Spaziergänge um die Mittagszeit mit „Meinem besten Ehemann von allen“.

Unser gemeinsamer Schi-Urlaub hat sich in Nichts aufgelöst – rechtzeitig, denn der Ort kam unter Quarantäne bevor wir noch hinfahren konnte. Damit sitzen wir die Zeit der Beschränkungen in den eigenen vier Wänden aus, was einen gewissen Faktor an Gemütlichkeit mit sich bringt.

Wie’s beruflich weitergeht, wird sich hoffentlich in den nächsten Wochen zeigen.

Einer Infektion mit Corona dauerhaft auszuweichen, halte ich für unwahrscheinlich. Irgendwann wird’s mich vermutlich erwischen. Meine Chance, dadurch immun zu werden, liegt bei 98,8 %. Das Risiko zu sterben bei 1,2 % aufgrund meiner persönlichen Konstitution. Risiko lässt sich nüchtern berechnen. Wenn meine Emotionalität auf Krisenmodus operiert, kann ich eine Situation wie die aktuelle pragmatisch abhandeln.

Meine eigene Gelassenheit erstaunt mich selbst. Es gibt Momente, da denke ich mir: Okay, jetzt bin ich total durchgeknallt. Wieso geht’s mir inmitten der allgemeinen Krise, der Unplanbarkeit im Job und Unabsehbaren Auswirkungen auf meine persönliche Zukunft noch immer gut? Das ist doch nicht normal, oder? Bin ich jenseits der Realität? Wenn ich zurückblicke auf das, was ich die letzten zwei Wochen gearbeitet habe, kann diese Frage eindeutig mit „Nein“ beantworten. Bin ich auf irgendeinem schrägen Psycho-Trip? Sofern Vitamin C keine wahrnehmungsverändernde Wirkung hat, gilt auch hier die Antwort „Nein“. Ich erkenne deutlich, was rund um mich geschieht.

Vielleicht ist mein aktueller emotionaler Zustand aber auch einfach nur „selbstbestimmt“ bzw. unabhängig von den äußeren Faktoren, und genau das ist das Fremdartige daran für mich. Nicht das Erleben der Wirklichkeit beeinflusst mich, sondern ich beeinflusse mein Erleben der Wirklichkeit. Wenn dem so ist, habe ich meinen persönlichen Goldtopf am Ende des Regenbogens gefunden. Vielleicht sollte ich auch weniger darüber nachdenken und einfach die Zeit der Stille genießen.

Für diesen Beitrag habe ich ein Bild gesucht und gefunden, dass für mich persönlich die Kraft der Stille zum Ausdruck bringt. Mein Dank für dieses Bild geht an https://pixabay.com/de/users/bessi-909086/

Krise als Chance

Das Wort „Krise“ wird in seiner Verwendung mitunter überstrapaziert. Mit seiner Bedeutung als Zuspitzung einer problematischen Funktionsstörung oder sensible Phase kurz vor einem Wendepunkt passt es jedoch punktgenau auf die aktuelle Situation weltweit #Coronavirus. Die damit verbundenen Einschränkungen betreffen mich ebenso wie Millionen anderer Menschen sowohl im beruflichen als auch privaten Bereich.

Es ist, wie es ist – und ich kann nichts daran ändern. Doch ich ticke nun einmal auf meine eigene Art und Weise. D.h. ich stelle für mich Gedanken darüber an, was ich aus dieser Situation bewusst lernen kann, um meine zukünftigen Handlungsmuster zu erweitern. Klingt hochtrabend, ist es im Grunde aber nicht.  

Jede Krise bietet neben der Herausforderung immer auch eine Chance für Entwicklung.

Oder – wie in der aktuellen Situation – eine Gelegenheit, Mentaltraining im Alltag zu praktizieren, um einen möglichst offenen Blick auf die tatsächlichen Geschehnisse zu bewahren.

Derzeit gibt es kaum eine Möglichkeit, dem allgegenwärtigen Informationsstrom unter dem Hashtag Coronavirus zu entdecken. Bei weitem nicht alle Informationen sind korrekt oder hilfreich. Manche lassen sich schlicht weg als Fehlinformation oder Panikmache klassifizieren. Wenn man manche Meldungen über „Prügelei um die letzte Packung Klopapier“ betrachtet, werden sich wohl auch andere – so wie ich – die Frage stellen: „Echt jetzt?“ Zivilisation, quo vadis?

Um nicht gänzlich am (Haus-)Verstand mancher Menschen zu verzweifeln oder sich in die (leider negativ) emotionsgeladene Stimmung ziehen zu lassen (emotionale Abgrenzung kann für mich als Borderlinerin situationsbedingt eine enorme Herausforderung sein), gilt es also, meinen eigenen Brain Traffic im Zaum und unter Kontrolle zu halten.

Anders gesagt: damit aus der Herausforderung oder dem Problem kein Drama wird, brauche ich eine Art emotionalen Regulator, der mir dabei hilft, einen übergeordneten neutralen Betrachtungsstandpunkt in Bezug auf die Situation einzunehmen. Mit einem Wort gesagt: Humor!

Es geht nicht darum, die Tatsachen zu ignorieren oder sich darüber lustig zu machen, sondern die ebenfalls vorhandenen Aspekte der Realität in die eigene Wahrnehmung zu integrieren. Das klingt schon wieder so technisch. Bringen wir es in die Praxis. Hier ein paar Gedanken, die ich in der aktuellen Situation zusätzlich zu den Fakten stets im Blick behalte, um nicht in der Flut wachsender Verunsicherung und unterschwelliger Panik zu versinken:

Das Coronavirus wird nicht weniger ansteckend, wenn wir grimmig dreinschauen. Deshalb … keep smiling 😊

Gerade in Zeiten wie diesen: Lang lebe der Humor! Lachen ist gut für das Wohlbefinden, stärkt das Immunsystem und ist ein unverkennbares Zeichen für Lebendigkeit 😂

Der liebe Augustin mag eine Legende sein, aber ein Körnchen Wahrheit verbirgt sich vermutlich auch darin 😉

Auch denke ich öfters an das berühmte Zitat von Albert Einstein: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Bei Meldungen über „Klopapier-Schlachten“ neige ich dazu, ihm uneingeschränkt zuzustimmen.

Aber wir sind nun einmal Menschen, weshalb ich hier auch den Titel eines Filmklassikers anschließe: „Nobody is perfect“ 😉 … Geduld ist eine Tugend, Selbsterkenntnis der erste Schritt auf dem Weg zu Besserung und sich selbst nicht immer ganz ernst zu nehmen eine wohltuende Nebenwirkung von Humor 😊

Es ist Jahrzehnte her, dass wir hier in Österreich vor einer Herausforderung dieser Größenordnung standen. Mit Disziplin, Toleranz, gegenseitiger Unterstützung, Geduld und Humor werden wir sie gemeinsam meistern.

Bleibt gelassen in eurer Haltung, achtsam in euren Handlungen, haltet eure Gedanken auf Kurs, begegnet der Herausforderung mit einem Lächeln und euren Mitmenschen mit Verständnis, bereichert euren Alltag mit einer Prise Humor und vor allem – bleibt gesund. Nutzt die Chance, die in jeder Krise verborgen liegt, für eurer persönliches Wachstum.

Manchmal will das Herz glauben …

… auch wenn im Verstand alle Alarmglocken schrillen. Warum ignorieren wir manchmal alle sichtbaren Zeichen, die uns warnen würden? Warum vertrauen wir dort, wo Skepsis und Vorsicht angebracht wären? Was lässt uns sehenden Auges in ein Desaster steuern?

Diese Fragen stelle ich mir seit langem. Ich versuche erst gar nicht, eine allgemein gültige Antwort zu finden, aber eine Antwort für mich selbst, denn diese könnte mir vielleicht die eine oder andere schmerzhafte Erfahrung ersparen.

Warum also ignoriere ich meinen Verstand und folge meinem Herzen, obwohl eindeutige Hinweise dafür vorliegen, dass dieser Weg in eine Sackgasse führen wird? Oder Schlimmeres. Das eine Extrem.

Aus Unwissenheit? Naivität? Weil es sich schrecklich anfühlt, immer nur zu misstrauen? Ist es der tief in mir verwurzelte Wunsch nach einem wahr werdenden Märchen in der Realität? Der unerschütterliche – oder noch nicht ausreichend geschundene – Glaube an das Gute im Menschen? Eine fatale Sehnsucht nach Schmerz – und damit verbunden die Wiederholung dessen, was viele Jahre mein Leben bestimmte? Hybris – der Realität meinen Willen aufzwingen zu können? Oder Demut – mich dem vorbestimmten Leid zu ergeben und zu ertragen, was nicht durch mich zu verändern ist? Vielleicht auch eine Mischung aus all dem? Oder nichts davon?

Ich weiß es einfach nicht. So sehr ich auch in mir forsche und die Motivation für meine Handlungen zu ergründen versuche, die endgültige, verbindliche Antwort habe ich bis heute nicht gefunden. Worum geht es, wenn ich quasi „blind vertraue und bleibe“, obwohl ich davonlaufen sollte?

Liebe? Welcher Mensch sehnt sich nicht danach, geliebt zu werden um seiner selbst willen? Diese Tonart anzuschlagen, öffnet so manches Tor zum Herzen eines Menschen.

Geborgenheit? Das Gefühl von Sicherheit erschafft Vertrauen. Wer es zu erzeugen vermag, kann das aus Erfahrungen geborene Misstrauen schwächen, mitunter gänzlich ausschalten.

Anerkennung? Der magische Schlüssel zur Manipulation von Menschen. Kaum jemand ist immun gegen die gezielt eingesetzte Wirkung von Komplimenten, Schmeicheleien, Anerkennung in jeder Form. Sie schenkt uns, woran es in einer Gesellschaft, die unrealistische Vorbilder hypt und durchschnittliches gering schätzt, häufig fehlt: Das Gefühl, wertvoll und richtig zu sein.

Unwissenheit kann ich für mich wohl ausschließen. Die Tricks der Manipulation sind mir wohl bekannt, dennoch blende ich sie manchmal aus, obwohl ich sie nur allzu deutlich wahrnehme.

Warum also? Kindlich-naiver Glaube an das Gute im Menschen? Ich bin zwar Romantikerin, aber auch Zynikerin – beide stellen für mich die zwei Seiten einer Münze dar. Romantik lässt mich träumen, Zynismus ist ein Schutzschild mit spitzen Stacheln.

Meine Schwachstelle als Borderlinerin? Das wäre zu einfach. Außerdem beobachte ich dieses Verhaltensmuster des „Ignorieren des Offensichtlichen“ auch bei Nicht-Borderlinern. Aus meiner Sicht ist es eher ein allgemein auftretendes menschliches Verhalten.

Vielleicht bin ich auch konsequent lernresistent in diesem Bereich?

Mit meinen Überlegungen komme ich so nicht weiter. Also eine Umkehrung des Denkprozesses. Was wäre, wenn ich es nicht mehr täte? Wenn ich fort an stets meinem Verstand folgen und mein Herz auf „Mute“ schalten würde? Vermutlich würde ich mir dadurch einige Erfahrungen ersparen. Mein Leben würde vermutlich anders verlaufen. Möglicherweise langweiliger, weniger vielfältig, weniger bunt – weniger mein eigenes Leben. Das andere Extrem.

Liegt die Lösung für mich genau dazwischen – in einer Art „goldener Mitte“? Wo beginnt diese und wann verlasse ich den Mittelweg und falle wieder in ein Extrem?

Gibt es überhaupt eine Lösung?

Wenn ich meinen Verstand frage, dann verlangt dieser nach klaren Richtlinien, Entscheidungskriterien, Regeln, Strukturen und letztendlich Konsequenzen.

Mein Herz jedoch sagt: „Geh ein Risiko ein! Gib, ohne zu erwarten, und freu dich über das, was zurückkommt. Erinnere dich an jene, die dir gegeben haben, ohne etwas dafür zu verlangen, ohne dich zu kennen. Vielleicht sind es nur wenige, denen man tatsächlich vertrauen kann, doch wie willst du sie erkennen und unterscheiden von jenen, die von dir nehmen, ohne zurückzugeben?“

Schöne Worte, doch ich höre auch meinen Verstand, der dagegenhält: „Damit öffnest du Tür und Tor für Ausbeutung und Missbrauch. Hat dich die Vergangenheit denn gar nichts gelehrt?“

„Die Vergangenheit hat mich vieles gelehrt“, erwidert darauf mein Herz, „Misstrauen mit lauter Stimme ebenso wie Vertrauen in leisen Worten. Beides gehört zum Leben, doch was davon soll dich bestimmen? Eine Wunde des Betrugs vermag zu heilen. Ein in ewigem Misstrauen verdorrtes Leben bleib öd und trostlos.“

„Du offenbarst deine Schwäche!“ warnt mein Verstand.

„Ich zeige meine Stärke“, bekräftigt mein Herz, „unterwerfe mich nicht der Furcht, die Grenzen zwischen den Menschen erschafft. Vielleicht werden andere mein Vertrauen ausnutzen, werde ich scheitern, doch ich werde stets einmal mehr aufstehen als ich hinfalle, denn es wird auch jene geben, die meine Hand nehmen und mit mir gemeinsam den Weg des Vertrauens gehen.“

Die Diskussion zwischen meinem Herzen und meinem Verstand, zwischen Vertrauen und Misstrauen, endet nicht am heutigen Tag. Vielleicht wird sie das nie? Vielleicht gehört sie zu jenen Herausforderungen, die mich noch lange auf meinem Lebensweg begleiten werden? Vielleicht soll sie auch niemals enden? Vielleicht ist sie ein Koan? Eine Fragestellung, auf die es keine Lösung gibt, deren Sinn einzig und allein darin, bewusst über das Thema nachzudenken und alle Facetten davon zu beleuchten. Ganz so wie die Frage, wie wohl das Geräusch einer einzelnen klatschenden Hand klingt?

Vielleicht will mein Herz aber auch einfach nur glauben und vertrauen, weil es dafür erschaffen wurde – als Gegenpol zu meinem Verstand, der an allem zu zweifeln vermag und jedes Risiko berechnet?

Ein rätselhafter Regentag

Ein verregneter Start in diesen Tag. DIE Gelegenheit für eine kleine Leseprobe aus EMBRACE,  mein neuestes Buch, das im März erscheinen wird. Gönn dir eine Auszeit zwischendurch und genieße etwas Romantik – meine Methode für den Umgang mit trüben Tagen und Stimmungen 😉

Kurzgeschichte „Ein rätselhafter Regentag“

Die Welt draußen vor dem Fenster hatte sich entschlossen, jeglichen Staub von ihrer Oberfläche hinweg zu spülen. Es regnete ohne Unterlass, schon seit Tagen. Ungezähmt prasselten die Tropfen auf das dichte Laub der Birken vor unserem Fenster, dann weiter auf das darunterliegende Schindeldach des kleinen Gartenhäuschens, um sich in der Regenrinne zu sammeln und schließlich als plätschernder Miniaturwasserfall auf den Steinen im Auffangbecken zu landen.

Schweigend verfolgte ich das Geschehen. Vielleicht schon seit Stunden? Keine Ahnung. Irgendwie war meine Wahrnehmung aus der Zeit gefallen. Mein Rücken lehnte an der Seitenwand des Kachelofens, dessen Wärme durch meinen ganzen Körper zu fließen schien, bis weit unter die alte, bunte Patchwork-Decke meiner Großmutter, die ich so sehr liebte, und die ich über meine Beine gelegt hatte – und auf der nun auch ein Teil von dir ruhte. Du hattest es dir neben mir auf der Kaminbank bequem gemacht. Dein Körper lag an meinen angeschmiegt.

Draußen der Regen, hier drinnen wir. Nichts anderes existierte mehr an diesem Nachmittag. Wir waren einfach da, verweilten im Augenblick. Keine Gedanken, keine Hektik, nichts zu tun – außer dem Regen zu lauschen, und deinem Atem, dem Rhythmus des Lebens, das dich und mich durchströmte. Ich konnte die Wärme spüren, die dein Körper ausstrahlte. Wenn ich meine Augen schloss, meine Sinne völlig auf dich ausrichtete, fühlte ich deinen Herzschlag – das Leben in dir.

Vielleicht drehte sich die Welt da draußen weiter – hier drinnen war sie definitiv zum Stillstand gekommen in der Zeitlosigkeit eines verregneten Nachmittags. Auf ewig hätte ich in diesem Augenblick verharren können. In dem Frieden, der uns umgab. In der Harmonie, die uns verband. In der Geborgenheit eines vollkommenen Moments.

Du warst ruhig, schienst zu schlafen, angelehnt an die warmen Kacheln und an mich, voller Vertrauen in den Augenblick. Verschwunden war all jenes, das uns zuvor Kummer bereitet hatte, all die Sorgen und Ängste, versunken im Dunkel verblassender Erinnerungen, weggewaschen durch den Regen, der dabei war, die Welt da draußen zu verwandeln. Irgendwann würde es aufhören zu regnen. Der Wind würde die Wolken vom Himmel vertreiben und die Sonne mit all ihrer Kraft würde die Farben der Welt neu erstrahlen lassen.

Deine Augen waren geschlossen, doch mein Blick ruhte auf dir, wich nur selten ab um kurz in die Welt vor dem Fenster zu blicken, dem unablässigen Muster aus Tropfen folgend, die zuerst auf die Blätter der Bäume, dann auf das Dach fielen, und weiter ihrer vorbestimmten Reise folgten, dem unaufhörlichen Lauf der Dinge.

War auch unsere gemeinsame Reise vorherbestimmt? Wohin würde sie uns führen? Wie lange würde sie andauern? Fragen, die da waren in meinem Denken – und auch nicht. Belanglos in diesem Augenblick inniger Verbundenheit, denn die nicht zu erklärende, gefühlte Gewissheit in meinem Herzen war Antwort genug.

Leben im Augenblick. In einem Atemzug. Einem Herzschlag. Hier und jetzt.

Es war alles in Ordnung, in bester Ordnung. Jeder Zweifel daran war wie einer jener Regentropfen, die zuerst auf das Blätterdach der Bäume fielen, dann weiter auf unser kleines Gartenhäuschen und weiter … immer weiter dem unaufhaltbaren Strom folgten.

Ich verharrte in Ruhe und Gelassenheit, mit dir, angelehnt an einen wohlig warmen Kachelofen, an einem regnerischen Nachmittag.

Und das Rätsel, das es zu lösen gilt, ist die Frage, wer wohl mit mir auf dieser Kaminbank verweilte: Ein vierbeiniger Freund? Ein schurrender Schmusetiger? Mein Kind? Die Liebe meines Lebens? Wer weiß…

Irgendwann bricht jede Welle …

… und es ist eine Kunst, nicht von ihr verschlungen zu werden. Eine Kunst, die ich gerade erlernen möchte.

Fangen wir von vorne an. Was ist diese „Welle“?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten von Wellen: die Unerfreuliche (oder auch depressive), und die Lustvolle (auch Höhenflug genannt). Heute geht es hier um letztere.

Zu den gängigen Klischees in Bezug auf Borderline gehört das Versinken in Depression und Drama. Weniger bis gar nicht bekannt ist, dass es auch ein emotionales Extrem in die andere Richtung gibt: intensives positives Fühlen. Diese Phase erlebe ich als eine Art von „Flow“. Rundum läuft alles super bis nahezu perfekt. Erfolg reiht sich an Erfolg. Hürden werden scheinbar mühelos gemeistert. Das Leben fühlt sich intensiv an. Die eigene Energie scheint unerschöpflich – ist sie aber nicht.

Ähnlich einer Sucht, kann und will ich nicht aufhören. Ganz im Gegenteil. Mehr und noch mehr erleben, umsetzen, tun. Warum auch aufhören, wenn’s gerade so gut läuft? Wenn die Anerkennung von allen Seiten und Erfolg in jedem Unterfangen sich einstellen?

Warum?

Weil jede Welle irgendwann zu Ende geht. Keine dauert ewig. Das ist so. Punkt.

Meine Wellen haben in der Vergangenheit häufig damit geendet, dass ich etwas Unüberlegtes gesagt und damit einen mir wichtigen Menschen (zumeist meinen besten Ehemann von allen) verärgert habe – was die Stimmung in der Beziehung umgehend auf „Eiszeit“ zurückwarf. Oder mein Körper zog die Notbremse und verordnete mir mit einer physischen Erkrankung die nicht eingehaltene Ruhepause. Wie auch immer – meine Welle endete mit einem (Ab-)Sturz vom Brett und einem (zum Glück nicht dauerhaften) Untergang.

Mein Ziel lautet nun also: die Welle sanft ausklingen lassen. Bildlich gesprochen: auf meinem Brett elegant bis ans Ufer gleiten und absteigen.

Praktisch gesagt: trotz Flow und „ich will jetzt nicht aufhören, weil es gerade so super toll läuft“ jene Pausen einzuhalten, die sowohl mein Körper als auch mein Geist brauchen, um dauerhaft gesund, leistungsfähig und in Balance zu bleiben. Das klingt jetzt wie aus einer Werbebroschüre für ein Gesundheitszentrum, aber es ist so.

Körper, Geist und Seele lassen sich nicht trennen, auch wenn manche das gerne glauben möchten. Borderline mag als Persönlichkeitsstörung definiert und damit im Geist verortet sein, dennoch wirkt es ebenso stark auf Körper und Seele, bzw. kann von diesen Bereichen beeinflusst werden.

Letztendlich ist es auch eine Form von Selbstverletzung, die eigenen Ressourcen zu missachten, notwendige Ruhepausen zu ignorieren und sich selbst an den Rand oder in den Zusammenbruch zu steuern.

Aus der depressiven Phase oder Welle heraus mag das ja sehr einleuchtend erscheinen. Doch wie schon erwähnt, es gibt auch die Flow-Phase, und die kann ebenso dramatisch enden wie eine Depression.

Vor zwei Wochen bin ich wieder einmal „vom Brett gefallen“. Obwohl ich mich gedanklich bereits mit der Thematik befasst und auch die ersten Anzeichen wahrgenommen hatte, blieb ich eine Spur zu lange in der Belastungsphase. Mein Körper verwendete Energie und Ressourcen, um meine Aktivitäten am Laufen zu halten, beide sind jedoch – wie bei uns allen – begrenzt vorhanden. Verbrauche ich auf der einen Seite mehr, fehlt etwas an anderer Stelle. In meinem Fall: beim Immunsystem. Voila, die nächste virale Infektion warf mich ins Bett.

Eine Woche später bin ich wieder munter unterwegs. Die nächste Welle baut sich gerade auf. Ich bin wieder im Flow. Die nächste Chance, wachsam zu bleiben, auf mich selbst zu achten. Auch wenn ich oft nicht spüre, dass mein Körper eine Pause braucht – er braucht sie! Und das habe ich zu respektieren, oder mein Körper zeigt mir, dass er am längeren Ast sitzt.

Mein Ziel ist klar: diese Welle genießen und auf meinem Brett sanft an den Strand gleiten.

Brav war gestern

Eine Aussage, die leicht missverstanden werden kann – und auch ein wenig provokativ ist. Was meine ich also damit? Mit „brav“ bezeichne ich den Anpassungsmodus an die Erwartungen meines Umfeldes oder der Gesellschaft allgemein. In diesem Sinne …

… nein, ich bin ganz und gar nicht „brav“.

Genau genommen bin ich das Gegenteil. Dank meiner Diagnose Borderline sollte ich – eigentlich – ein ganz anderes Leben führen und mich anders fühlen als ich es tue. Tue ich aber nicht. Es geht sogar noch schlimmer: ich spreche und schreibe öffentlich darüber, dass ich mich nicht an die „Spielregeln“ halte und den verbrieften Zuschreibungen widerspreche. Anders formuliert: Ich pfeif auf die Klischees.

Nein, ich versinke nicht im Selbstmitleid oder Drama, werfe weder mit Anklagen noch Schuldzuweisungen (immerhin fanden ein paar heftige Ereignisse in meiner Vergangenheit statt) um mich. Und Zuschreibungen, wie ich mich zu fühlen oder zu verhalten habe, weise ich konsequent zurück.

Mal ehrlich, was habe ich davon, wenn ich mich „brav“, also gemäß dem verhalte, was man von einer Borderlinerin erwarten würde? Verbessert sich irgendetwas dadurch? Aus jahrelanger Erfahrung kann sich sagen: NEIN. Sich an die Klischees zu halten, hat mich nicht weitergebracht. Erst der radikale Bruch damit und die Besinnung auf das, was in mir „steckte“, brachte mich auf meinen heutigen Kurs, der einem schwungvollen Tanz zwischen Lebensfreude und Selbstliebe vor der Kulisse eines romantischen Sonnenuntergangs gleicht.

Warum ich dieses Thema heute aufgreife, ist schnell erklärt. In den vergangenen beiden Wochen geisterte so einiges durch meinen Kopf, was ich hier erzählen wollte. Doch ein grippaler Infekt warf mich in die Untätigkeit und damit auch in eine „Meta-Position“, die Ereignisse jener Zeit nochmals aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Dabei wurde mir rasch klar, dass es nicht um dies oder jenes ging, sondern ganz einfach um das, was es unter dem Strich für mich ist:

Eine Entscheidung, gegen den Strom der Erwartungshaltungen zu schwimmen und mich damit gleichzeitig in den Strom des Lebens zu fügen.

Seit Monaten beobachte ich intensiv, wie andere Borderliner ihr Leben gestalten. Dabei fällt mir auf, dass vor allem jene einen guten Kurs für sich finden, welche die Verantwortung für sich selbst übernehmen und aktiv nach Lösungen für die Herausforderungen suchen. Auch sie tanzen aus der Reihe, unterwerfen sich nicht dem Schicksal einer Diagnose, die stets nur eine Momentaufnahme sein kann, etwas Veränderliches im Lauf des Lebens.

Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass Borderline nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitsstörung eingestuft wird. Zur Persönlichkeit eines Menschen zählt neben Charakter und Eigenschaften auch das Verhalten. Der Charakter mag statisch sein und Eigenschaften widersprüchlich. Wer ist nicht gerne motiviert bei dem dabei, was Spaß macht, und drückt sich vor dem anderen, was keinen Spaß macht? Jeder von uns – Borderliner oder nicht – ist ein wandelnder Widerspruch. Vielleicht ist es ja doch mehr eine Verhaltungsstörung? Verhalten ist veränderbar. Nicht leicht, wie all jene wissen, die sich schon einmal eine unliebsame Angewohnheit abgewöhnen wollten, aber machbar.

Im Repertoire meiner Verhaltensmuster (oder Programme) sind einige, die alles andere als lebensbejahend und umgänglich sind. Löschen ist schwierig bis unmöglich. Dazu sind wir Menschen einfach zu komplex. Daher rührt wohl die Aussage, Borderline sei unheilbar. Aus diesem Blickwinkel betrachtet stimme ich zu. Was jedoch möglich ist, ist die Erweiterung des Repertoires. Neue Verhaltensmuster, Sub- und Unterprogramme, die davor schützen, in extreme Reaktionen auszubrechen.

Praktisch gesagt: auch ich wache manchmal in einer Depression auf, oder verfalle in Schwarz-Weiß-Denken. Explodiere aus dem Nichts heraus, wenn jemand einen Trigger aktiviert. Mitunter kehrt die Leere zurück, verliere ich den Bezug zu mir selbst.

Heute erkenne ich diese Symptome frühzeitig. Manchmal springen meine „Reboot-Programme“ automatisch an, manchmal starte ich sie bewusst. Die emotionale Achterbahn ist zwar kein Bummelzug geworden (wer will das schon?), aber die Abstürze sind deutlich schwächer und kürzer. Und ganz ehrlich: jeder Mensch hat Stimmungsschwankungen. Manchmal werden sie erst dann zu einem echten Problem, wenn man ein Problem darin sehen will – oder muss, weil es erwartet wird. Womit wir wieder bei den Zuschreibungen und Erwartungshaltungen wären.

Hätte mir jemand diese Aussagen, die ich heute hier tätige, vor einigen Jahren vor meine (Drachen-)Nase gehalten, ich hätte diese Person „gefressen“. Ich suchte nach Anerkennung für meinen Schmerz und mein (Selbstmit-)Leid. Jeder, der mir dies verweigerte, wurde von mir abgestempelt als jemand, der mich nicht verstehen wollte. Heute weiß ich, dass ich diejenige war, die nicht verstanden hat. Falls mich also jemand ob dieser Aussagen „fressen“ möchte, sage ich nur: Viel Spaß. Ich bin möglicherweise schwer verdaulich und unbequem, seit ich mich aus der Opferrolle verabschiedet habe und zur Gestalterin meines (Er-)Lebens wurde.

Ich bin alles andere als brav.

Manchmal falle ich hin (oder zurück in alte Muster), aber das macht nichts, weil ich ganz einfach wieder aufstehe, den Staub von den Klamotten klopfe, mein Krönchen zurechtrücke und weitermache. Wie ein kleines Kind, das gerade gehen lernt. Gewissermaßen lerne ich mit meinen neuen Verhaltensmustern erneut gehen. Und manchmal falle ich dabei hin. So ist das im Leben.

Nicht perfekt. Nicht den Erwartungshaltungen anderer folgend.

Nicht brav.

Brav war gestern.

Heute ist Selbstliebe und Lebensfreude.

Happy Valentine

Heute ist VALENTINSTAG – der Tag, an dem wir unseren Liebsten Blumen, Süßigkeiten und andere Aufmerksamkeiten als Zeichen unserer Verbundenheit und Wertschätzung überreichen. Meine persönliche Idee dazu ist ein wenig – wie häufig – [nicht] ganz alltäglich …

„Willst du einem anderen zeigen, wie sehr du ihn oder sie liebst, dann achte gut auf dich und liebe zuerst dich selbst, denn diese Liebe wird sich nicht auf dich und dein Leben beschränken. Diese Liebe wird über dich hinaus in die Welt strahlen. Die anderen werden diese Liebe wahrnehmen, und es wird sie glücklich machen zu sehen, dass es dir gut geht, du gut auf dich achtest und du mit dir selbst im Reinen bist; es wird ihre Sorge um dich lichten wie die Sonnenstrahlen am Morgen die Dämmerung erhellen; es wird ihnen jene Gelassenheit und Zuversicht schenken, die mit Harmonie einhergeht, mit Zufriedenheit und Glück.

Achte auf dich selbst – LIEBE aus ganzem Herzen (dich selbst und andere) – und deine Liebe wird ansteckend – viral 😊 eine Dynamik, die weder Worte noch Gesten noch Geschenke braucht, sondern einfach nur DICH – so wie DU bist – geboren, um zu lieben💛“

HAPPY VALENTINE🥰🥰🥰💛🔥 Lesley B. Strong

Ein „hoffnungsloser“ Fall?

Das Leben schreibt die spannendsten Geschichten … dieser Spruch hat sich für mich in den vergangenen Tagen einmal mehr bewahrheitet.

Zu Beginn der Woche dachte ich darüber nach, einen Beitrag über „Hoffnung“ zu schreiben und hatte auch schon klare Vorstellungen dazu, bis ich in einer Borderline-Selbsthilfegruppe auf folgenden Satz traf:

 „Und manchmal haut die Realität der Hoffnung voll in die Fresse…“

Meine erste Reaktion war Ablehnung. Die Botschaft in der Aussage war für mich negativ und in dem Kontext unpassend bis destruktiv. Während ich mich also darüber ärgerte, warum man so einen Satz postet, begannen meine eigenen Gedanken zu kreisen. Ein Teil von mir will immer das „Warum“ verstehen. Ein anderer versucht herauszufinden, ob und was ich daraus für mich lernen kann.

Ehrlich gesagt, ich kann aus allem etwas lernen. Selbst aus diesem Satz, dem ich in keiner Weise zustimme.

Hoffnung hat per se immer etwas damit zu tun, dass etwas gleich gut bleiben oder besser werden soll.

Für mich bedeutet Realität die Welt rund um mich, andere Menschen, Ereignisse, alles da draußen. Natürlich hoffe ich wie vermutliche viele andere auch, dass alles besser wird, dass ich mit meinen Borderline-Thematiken weiterhin gut klar komme, wir das mit dem Klimawandel hinbekommen, dass uns kein Asteroid auf den Kopf fällt usw.  

Aber ich bin auch pragmatisch genug um zu akzeptieren, dass eine Verbesserung meines Lebens (oder meiner Lebensqualität, meiner psychischen Gesundheit und emotionalen Stabilität) nicht von diesen Faktoren im außen abhängig sein darf, denn ich habe so gut wie keinen Einfluss darauf, was außerhalb meiner Reichweite (und die ist sehr begrenzt) geschieht. Insofern macht es keinen Sinn, meine Hoffnung auf Verbesserung darauf aufzubauen. Ergo können auch die Ereignisse der Realität nicht meiner Hoffnung in die Fresse hauen (um bei diesem Wording zu bleiben).

Bin ich also ein „hoffnungsloser“ Fall? … im doppelten Wortsinn?

Bei weitem nicht. Meine Hoffnung (oder mein Glaube an das Mögliche) ist nur anderer Natur. Ich bin überzeugt davon, dass Verbesserung nur aus Veränderung resultieren kann. Ist auch logisch. Wenn sich nichts ändert, bleibt alles wie gehabt, und wenn das bisher nicht gepasst hat, wieso sollte es dann plötzlich anders sein? … nur weil ich hoffe? Das wäre illusorisch, um nicht zu sagen: naiv.

Im Außen sind unsere Möglichkeiten für Veränderung begrenzt, nicht so in unserem Inneren – unserem Denken. Das können (oder könnten) wir jederzeit verändern, in jedem Augenblick unseres Lebens, und damit einen anderen Blick auf die Realität richten, die nun mal so ist, wie sie ist. Klassisches Beispiel: ein Glas kann halb voll oder halb leer sein – oder zu 50% Wasser enthalten. Alles wahr, alles real – aber es löst unterschiedliche Reaktionen in unserem Unterbewusstsein aus. Denken und fühlen wir im Problem- oder im Lösungsrahmen? Oder haben wir beides im Blick, also eine „ganzheitliche“ Sicht? Vereinfacht gesagt: je nachdem, ob wir die Welt – oder + oder -/+ wahrnehmen, wirkt sich das auf unseren Körper, unsere Emotionen, unser Leben insgesamt aus. Dazu gibt es Dutzende Bücher (zumindest in meinem Bücherregal). Wir haben es also selbst in der Hand – oder besser: im Kopf – den Schlüssel für Veränderung und damit Verbesserung.

Unsere Sichtweise der Realität ist jederzeit veränderbar.

Auch das durfte ich in diese Woche wieder einmal erleben. In den letzten Monaten hatte ich aus der Distanz mit einer Kollegin zu tun, über die ich mir ziemlich schnell eine eindeutige Meinung gebildet hatte mit dem Fazit: wir passen nicht zusammen. Vor ein paar Tagen verbrachten wir mehrere Stunden gemeinsam in einem Meeting. Aus einer Intuition heraus blendete ich meine vorgefasste Meinung aus und konzentrierte mich auf das, was da war in diesem Augenblick – und ich begann, ganz andere Aspekte wahrzunehmen. Wo ich zuvor Unterschiede sah, erkannte ich Ähnlichkeiten. Zu dem, was uns trennte, kam jenes hinzu, dass uns verband. Wir unterhielten uns sogar noch einige Zeit privat.

Was das alles mit Hoffnung zu tun hat?

Nun, man kann lange Zeit auf ein Problem blicken und stets ein Problem erblicken. Doch wechselt man den Standpunkt ein wenig, entdeckt man vielleicht etwas ganz anderes – vielleicht ein Potenzial? Oder sogar eine Lösung?

Als ich meinen Standpunkt in Bezug auf mein Borderline verändert, durchbrach ich eine mentale Schallmauer (bildlich gesprochen). Ich hatte schon Jahre zuvor  die Tatsache akzeptiert, dass wir unser Erleben der Welt (und damit auch viele handfeste Aspekte unseres Lebens) durch unsere Gedanken beeinflussen können.  Doch nun erlebte ich es intensiv und mit systemischen Auswirkungen, sprich in alle meine Lebensbereiche.

Meine Hoffnung auf Verbesserung wurde erfüllt durch Veränderungen in mir. Nichts und niemand im außen musste sich dazu verändern, nur ich selbst – oder besser: meine Gedanken, mein Blickwinkel, meine Einstellung. Die Realität rundum hat damit nichts zu tun. Sie kann meiner Hoffnung deshalb auch niemals in die Fresse hauen, weil meine Hoffnung darauf beruht, dass …

… all das, was in meinem Kopf entstanden ist, auch in meinem Kopf verändert werden kann.

Im Grunde genommen ist es mehr als „nur“ Hoffnung. Es ist meine Überzeugung, von Erfahrung gefestigter Glaube und – wenn man so will – meine Realität.

Veränderung und Verbesserung sind möglich, aber sie geschehen nicht von allein oder von außen. Jeder von uns ist gefordert, selbst aktiv zu werden, zu tun, Tag für Tag. Große Entscheidungen stellen die Weichen, doch kleine Schritte bringen uns ans Ziel.

Vor einigen Monaten schrieb ich diesen Satz:

Veränderung geschieht zuerst im Geist, der plant … danach im Herzen, das entscheidet … und schließlich in der Welt, die folgt.

Hoffnung kann der Treibstoff sein, der dem Motor der Veränderung seine Kraft verleiht, doch solange die Bremsen angezogen bleiben, verweilen wir im Leerlauf. Es heißt nicht umsonst: Erfolg hat 3 Buchstaben –> TUN

Für Veränderung hin zum Positiven im Leben gibt es ein paar sehr einfache Übungen. Die absolut einfachste (aus meiner Sicht) ist jene: bring das Schöne und Positive bewusst in dein Unterbewusstsein. Nimm Dir täglich Zeit für etwas, dass dein Herz und deine Seele erfreut, dich zum Lächeln bringt. Bilder, Musik, Gedichte, Spaziergänge, Tiere, Freunde … was auch immer es ist: nimm dir täglich bewusst Zeit für das Schöne und Positive, genieße es, anerkenne es als einen Teil deines Lebens und deiner Person. Erwarte nichts bestimmtes. Es könnte sein, dass du mehr bekommst, als du dir je erträumen konntest.

Auch der größte Baum ist zu Beginn nur ein kleiner Trieb mit wenigen Blättern. Sorgsam gehegt und gepflegt, kann daraus ein Riese werden. Hege und pflege das Positive in dir und um dich in der Hoffnung – und der Gewissheit – es wird wachsen, Tag für Tag …

Lesley und die Vielfalt

Heute darf ich hier die Jänner-Ausgabe des Magazins Mein Leben Live vorstellen. Ein Magazin zum Mitmachen. Leser/innen gestalten Beiträge für Leser/innen. Auch ich durfte etwas beitragen 🙂

Ich möchte nicht zu viel verraten, aber es geht um … Borderline – und was es noch sein kann.
… und es ist ein weiterer Schritt, um den Klischees in der öffentlichen Wahrnehmung eine Facette hinzuzufügen.

Mehr zu den Inhalten der aktuellen Ausgabe von Mein Leben Live

Buchtrailer

Darf ich glücklich sein?

Diese Frage habe ich mir schon vor vielen Jahren gestellt. Mein Verstand sagte damals natürlich: JA  – eh klar, auch wenn ich es für mich selbst nicht fühlen konnte, aber der Verstand stimmte zu.

Dann kam die Diagnose Borderline. Glücklich trotz „psychischer Erkrankung“? Auch diese Frage kann ich heute offen und aufrichtig mit JA beantworten. Manchmal sogar mit einem Unterton in der Art von „jetzt erst Recht.“

Diese Antworten gibt allerdings mein Verstand. Mein Gefühl stimmt zwar ebenfalls zu, dennoch kehrt es von Zeit zu Zeit zurück in die Vergangenheit, als es anders war. Wie vermutlich der überwiegende Teil der Menschen kann auch ich nicht vollständig jene Konditionierungen ausblenden, die mich im Laufe meiner frühen Kindheit geprägt haben. Leider waren es keine Unterweisungen im Glücklich-sein, die ich damals erhielt, und die mich bis heute noch ab und an in längst vergangene (wenig erfreuliche) Gefühlszustände zurückholen wollen.

Erklären lässt sich das mit Verstrickungen im familiären System. Oder Loyalität zu (zumeist) den Eltern, in dem man das Leid und den Schmerz, das sie erfuhren und durchlebten, selbst stets aufs Neue im eigenen Leben wiederholt. Ich habe mich jahrelang mit den Theorien und Modellen dazu befasst. Mehr als einmal dachte ich mir dabei: Wenn das alles stimmt, wie kannst du aus dem Kreislauf je rauskommen?

Nun, ich habe meinen individuellen Weg gefunden. Wenn die „Geister der Vergangenheit“ mich in längst obsolete Emotionen zurückziehen wollen, halte ich dagegen. Nicht mit rationalen Argumenten, die würde mein innerer Skeptiker zerpflücken wie ein Gänseblümchen … du glaubst doch nicht, dass du glücklich sein darfst … ich weiß, dass du es nicht kannst … du weißt auch, dass du es nicht kannst …

Nein, ich gehe subtiler vor. Trickse meinen Kritiker aus, indem ich eine Geschichte erzähle und meine Botschaft in eine Metapher verpacke. So wie diese – die übrigens in meinem nächsten „Buch EMBRACE – Fühle die Umarmung des Lebens“ zu finden sein wird. Viel Spaß mit dieser kurzen Geschichte über „Glück“ und wie ich mir selbst erlaubte, glücklich sein zu dürfen:

Ein (un)glücklicher Zufall

Es war einmal eine junge Mutter, die mit ihrer Familie im ersten Stock auf der hintersten Stiege einer schon etwas renovierungsbedürftigen Wohnhausanlage wohnte. Unterhalb residierte – wohl schon seit Fertigstellung der Anlage – eine ältere und äußerst redselige Dame. Meistens beeilte sich die junge Mutter, durchs Stiegenhaus hindurch und an der Tür ihrer Nachbarin vorbei zu gelangen, ohne von ihr entdeckt zu werden. Sie hatte viel zu tun, schleppte häufig schwere Einkaufstaschen mit sich, ein kleines Kind an ihrer Hand – für ausgiebigen Nachbarschaftstratsch blieb ihr wenig Zeit. Nicht so an diesem Tag. Man könnte sagen, sie bummelte regelrecht über die grauen Betonstufen der Treppe, aus dem Augenwinkel die Tür der Nachbarin beobachtend, in der Hoffnung, diese würde sich öffnen.

Und tatsächlich geschah das Ersehnte. Als hätte sie die Gedanken der Mutter gehört, stand plötzlich die alte Nachbarin in der offenen Tür. Ein langes Leben mochte ihr Gesicht mit Falten gezeichnet haben, doch ihre Augen strahlten wie die eines jungen Mädchens, dass der Welt mit Neugier und ausgebreiteten Armen begegnete. Ganz im Gegensatz zu der jungen Mutter, die mit gesenktem Kopf und sorgenvollem Blick durchs Treppenhaus geschlichen war. Die Alte erkannte sofort die Sorgen, die wie ein unsichtbarer Rucksack voller Steine auf dem Rücken der Mutter lasteten, und bat diese auf eine Tasse Tee zu sich.

Die Wohnung der Alten war ein Panoptikum ihres Lebens. Voller verstaubter Bücher, Krimskrams aus aller Herren Länder, Erinnerungen aus Jahrzehnten. Kaum eine horizontale Fläche war frei geblieben. Selbst das Sofa bot ernst nach einigen Handgriffen des Umräumens Platz, um sich darauf zu setzen. Bodenlange Vorhänge dämpften das wenige Licht, das an den dicht belaubten Bäumen vor dem Fenster vorbei von außen herandringen konnte. Obwohl all das die junge Mutter mehr an eine Höhle denn an ein Wohnzimmer erinnerte, verspürte sie an diesem Ort doch eine Art von Wohlbehagen und Geborgenheit. Vielleicht war es die Zuversicht, welche ihre alte Nachbarin verströmte, und die ihr selbst meistens fehlte.

Nachdem die junge Frau sich einen Sitzplatz auf dem Sofa mit dem dunkelgrünen Samtbezug geschaffen hatte, begann sie auch schon zu erzählen, von ihren Sorgen und allem, was sie in diesem Augenblick belastete. Beziehungsprobleme, Kindererziehung, Job, Gesundheit, Geld, Sicherheit … kaum ein Thema des Lebens blieb außen vor. Sie sprach lange, während die Alte aufmerksam ihren Worten lauschte, ab und an einen Ratschlag unterbreitete, auf welchen die junge Mutter unmittelbar erklärte, dass sie dies bereits versucht hatte und dabei gescheitert war. Schlussendlich stellte sie resignierend fest: „Ich habe schon alles probiert, aber es ist zu viel für mich allein, und niemand ist bereit mir zu helfen. Ich weiß einfach nicht mehr weiter.“

Es war nicht zu übersehen, wie unglücklich sie mit ihrem Leben war. Die Alte seufzte tief, schüttelte ihren Kopf und meinte dann: „Ich mache uns jetzt erstmal eine gute Tasse Tee.“

Sie ging Richtung Küche, setzte einen Kessel Wasser auf und kam dann zurück ins Wohnzimmer. Beiläufig begann sie, die Bücherstapel auf dem Wohnzimmertisch umzuschlichten und Platz für die Teetassen zu schaffen. Dabei landete ein Buch direkt im Blickfeld der jungen Mutter, dass sofort deren Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Umschlag war schon etwas ausgeblichen und an den Kanten eingerissen, dennoch griff sie danach. Nachdenklich blätterte sie durch die Seiten. Der alten Nachbarin entging das natürlich nicht. Auch wenn sie mitunter schusselig wirkte, sie war äußerst gewieft, und dieses Buch vielleicht nicht ganz zufällig im Blickfeld ihres ratsuchenden Gastes gelandet. Als sie den nach exotischen Gewürzen duftenden Tee brachte, legte die junge Mutter das Buch wieder zur Seite.

Während die Alte ausführlich über die Besonderheit dieses Tees aus Zimt, Kardamom und etlichen anderen Zutaten sprach, sowie über seine sehr spezielle Zubereitung erzählte, blinzelte die junge Mutter immer wieder zu dem Buch, das neben ihr auf dem Sofa lag. Nach einer Weile wurde sie gefragt, ob sie das Buch gerne ausleihen und in Ruhe darin lesen möchte. Dieses Angebot nahm sie dankend an, und so kehrten sie an diesem Tag zwar nicht mit weniger Sorgen, aber mit einem Buch in der Hand in ihre Wohnung in den ersten Stock zurück.

An diesem Abend fand die junge Mutter etwas Zeit für sich, zog sich in eine ruhige Ecke zurück und begann, in dem Buch zu lesen. Bereits nach wenigen Seiten entdeckte sie ein zusammengefaltetes Stück Papier zwischen den Seiten. Die Neugier erfasste sie, und so öffnete sie den Zettel. Auf dem etwas vergilbten, karierten Blatt stand in altmodischer Handschrift und königsblauer Tinte:

An diesem Tag änderte sich alles. Ich hatte den Schlüssel zum Glück gefunden. Es war gar nicht so schwer, wie ich immer geglaubt hatte, aber auch ganz anders, als ich vermutet hatte. Hätte ich das schon früher gewusst, was hätte ich alles anders gemacht. An diesem Tag begann mein neues Leben, mein glückliches Leben. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist“

An dieser Stelle endete der Text unten rechts auf der Seite. Hastig drehte sie das Blatt um, doch die Rückseite war leer. Zwischen den Buchseiten fand sie auch keinen weiteren Zettel. Gebannt starrte sie auf die wenigen Worte, die genau das versprachen, was sie so verzweifelt suchte, und nicht verrieten, wie es zu erreichen war. Wo war bloß die fehlende Information? Die musste sie haben, unbedingt!

Aufgewühlt von den zufällig gefundenen Worten kam sie in dieser Nacht nicht zur Ruhe. War das möglich? Gab es einen Schlüssel zum Glück? Wie gerne wäre sie wieder glücklich in ihrem Leben. Sie musste herausfinden, was es damit auf sich hatte – so rasch als möglich. Am liebsten sofort, doch es war mitten in der Nacht. Bis zum nächsten Morgen würde sie sich also gedulden müssen.

Tags darauf klopfte sie aus freien Stücken an der Tür ihrer Nachbarin, erzählte von dem Fund, und dass sie mehr darüber wissen wollte. Die Alte lächelte, schilderte einige unwesentliche Details, wie sie in den Besitz des Buches gekommen war und wie es zu der Botschaft auf dem Zettel kam. Es schien, als wollte sie das Geheimnis nicht verraten. Also drängte die junge Mutter: „Bitte, ich muss es wissen.“

„Nun, du musst einfach den Satz ergänzen“, antwortete sie schließlich, „Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist … ergänze diesen Satz. Schreib auf, was du brauchst, damit du glücklich wirst.“

Stirnrunzelnd warf sie ihrer alten Nachbarin einen skeptischen Blick zu. DAS war alles? Mehr brauchte es nicht? Ihre Zweifel waren offensichtlich, denn die Alte fügte hinzu:

„Wenn du das getan hast, bring mir den Zettel und ich erkläre dir den Rest.“

Die junge Mutter kehrte wiederum in ihre Wohnung zurück, nahm ein Blatt Papier zur Hand und begann zu schreiben. Anfangs wollten sich keine Worte finden, doch je länger sie daran saß, umso zügiger ging es voran. Zeile und Zeile füllte sich mit all ihren Wünschen, die erfüllt sein mussten, damit sie endlich wieder glücklich sein konnte. Bald schon reichte ein Blatt nicht aus, ein zweites folgte und noch eines.

Schließlich stand sie mit acht dicht beschriebenen Seiten in ihrer Hand vor der Tür ihrer Nachbarin. Diese bat sie erneut zu sich ins Wohnzimmer, servierte eine Tasse nach Zimt duftenden Tee und widmete sich den Notizen. Bereits nach wenigen Augenblick ergriff sie einen Leuchtstift und markierte einzelne Passagen. Verwundert, aber schweigend verfolgte die junge Mutter das Geschehen. Sie wartete gebannt, bis die Alte die Zettel fein säuberlich nebeneinander auf den Tisch legte. Deutlich sichtbar war eine Vielzahl an breiten Markierungsstreifen in Pink.

„Das ist all das, was für dein Glück NICHT verantwortlich ist“, sagte sie nüchtern und nippte an ihrer Teetasse. Die junge Mutter ergriff die Zettel und starrte auf Pink, sehr viel Pink, viel zu viel Pink nach ihrem Empfinden. Offensichtlich verwirrt zuckte sie mit den Schultern, schüttelte den Kopf und ihr Blick war ein unausgesprochener Wunsch nach Erklärung dieser Markierungen.

„Ich habe all das rausgestrichen, wo du von anderen etwas erwartest, wo jemand anders etwas tun soll oder sich ändern soll, damit du glücklich wirst. So funktioniert nicht das nicht. Dein Glück kann und darf nicht davon abhängig sein, was jemand anders ist oder tut. Du darfst niemanden außer dir selbst die Verantwortung dafür geben. Außerdem habe ich all das rausgestrichen, wo du erklärst, was fehlt und was nicht sein soll, denn machst du dein Glück von etwas abhängig, dass du erst bekommen musst oder wieder verlieren kannst, wird es stets wankelmütig sein.“

Einen Augenblick lang herrschte vollkommene Stille, dann sagte die Junge mit ratlosem Tonfall in ihrer Stimme: „Aber was soll ich dann aufschreiben?“

Die Alte lächelte und erwiderte: „Schreib das auf, was du selbst dafür tun kannst, was sein soll und was bereits da ist.“

Nach einer kurzen Pause folgte ein zweifelnder Einwand der Mutter: „Aber wenn so viele Punkte wegfallen, dann werde ich auch weniger glücklich werden am Ende, als wenn alle erfüllt sind.“

Auf diesen Kommentar hin begann die ältere Dame herzlich zu lachen und verschüttete dabei etwas Tee. Den verständnislosen Blick ihres Gastes quittierte sie mit einer pragmatischen Aussage: „Mit dem Glück ist das wie mit einer Schwangerschaft. Entweder bist du schwanger oder nicht. Es gibt kein mehr oder weniger schwanger. Zufriedenheit kann variieren, aber Glück nicht. Entweder bist du glücklich oder du bist es nicht.“

„Aber darf ich denn überhaupt glücklich sein? Ich meine, gerade gibt’s viele Schwierigkeiten rundum, Probleme zu lösen. Ich kann doch nicht so tun, als wäre das alles unwichtig?“ hakte die junge Mutter ein, deren Gedanken zurück drifteten in ihre Kindheit, in der auch immer irgendetwas da war, das sie bedrückte.

„Du sollst keinesfalls die Realität ignorieren. Die ist, wie sie ist. Denkst du, die Probleme lassen sich leichter lösen, wenn du unglücklich bist?“

Sie sagte es zwar nicht, aber in diesem Augenblick erinnerte sich die junge Mutter an ihre häufig getätigte Aussage, dass zuerst dies oder jenes Problem verschwunden sein müsste, damit sie zur Ruhe kommen konnte. Wäre es möglich, nicht alles gemeistert zu haben UND trotzdem glücklich zu sein? Glücklich sein zu dürfen? Die Kühnheit dieser Gedanken ließ ihr junges Herz schneller schlagen, doch ihr kritischer Verstand wehrte sich dagegen, denn es widersprach all dem, was sie in der Vergangenheit gelernt hatte. Daher setzte sie erneut zu einem Einwand an:

„Aber …“

„Kein aber mehr! Mach es einfach und komm mit dem Ergebnis wieder.“

Am zweiten Abend zog sich die junge Mutter erneut zurück in die ruhige Ecke, nur diesmal wollten sich die Worte noch zäher finden als beim ersten Mal. Was sie selbst tun konnte? Das war gar nicht so einfach zu erkennen. Viel leichter fiel es ihr zu erläutern, was die anderen für sie tun sollten und was sie in ihrem Alltag vermisste. Was bereits da war? Gewiss, es gab so einiges in ihrem Leben, das sie als selbstverständlich hinnahm und nicht auf die Idee kam, dass dies ein Teil ihres Glücks sein konnte. Über all das Fehlende zu klagen brachte ihre Worte zum Sprudeln. Das Bestehende anzuerkennen und das Mögliche zu benennen waren schlichtweg ungewohnt. Erst nach und nach fügte sich Zeile um Zeile auf das Blatt Papier. Kurz vor Mitternacht waren es dann doch mehr als drei Seiten geworden.

Müde fiel die junge Frau ins Bett. In dieser Nacht geschah etwas, unbemerkt, während sie schlief. Als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie eine unerklärliche Ruhe in sich. Nachdem sie ihre Familie versorgt hatte, stand sie mit ihren Zetteln vor der Tür der Nachbarin und zögerte, anzuklopfen. Schließlich tat sich es doch und saß kurze Zeit später auf dem dunkelgrünen Sofa in dem schummrigen Wohnzimmer, während die Alte die Zeilen las, ab und zu anerkennend nickte und schmunzelte. Am Ende angekommen, richtete sie eine Frage an ihren Gast:

„Und wie fühlst du dich jetzt?“

Die junge Frau antwortete nicht, sie lächelte nur – und das sagte mehr als tausend Worte. An diesem Morgen strahlten ihre Augen vor Lebendigkeit, obwohl sie wenig geschlafen hatte. Ihr Gesicht spiegelte Zufriedenheit, ihr Körper Gelassenheit. Sie wirkte insgesamt … glücklich?

„Dein Schlusssatz gefällt mir besonders: Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, ist bereits da, in diesem Augenblick, hier und jetzt. Alles, was ich brauche, um glücklich zu sein, bin ich selbst. Es braucht keinen Grund, ich bin es einfach.“

Von diesem Tag an änderte sich nicht sofort das Leben der jungen Mutter, aber sie übernahm die Verantwortung für ihr Glück. Das bemerkten bald die Menschen in ihrem Umfeld, die wiederum anders auf sie reagierten. Ehe sie es sich versah, hatte sich vieles verändert, darunter auch einiges von dem, das sie zuvor als Bedingung für ihr Glück angesehen hatte. All dies geschah aufgrund ihres Entschlusses, glücklich zu sein – grundlos!

War es ein glücklicher Zufall, dass sie im tiefsten Unglück hinter jener Tür der Nachbarin Rat suchte? Das ein paar gekritzelte Worte auf einem ausgeblichenen Zettel den Weg wiesen? Oder ein Unglück, dass sie so lange auf Umwegen etwas suchte, das längst schon da war? Was ist Unglück? Was ist Glück? Erschaffen wir nicht beides selbst durch die Art und Weise, wie wir auf unser Leben blicken und was wir uns selbst zugestehen?