DIE UMARMUNG DES LEBENS

Der heutige Beitrag begann mit einem Song, der nebenbei beim Autofahren lief: „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel aus dem Jahr 1966, also uralt, sogar älter als ich 😉 https://music.amazon.de/albums/B00PIRPOII?trackAsin=B00PIRPPLE&ref=dm_sh_e004-51fb-dmcp-4c98-e8c85&musicTerritory=DE&marketplaceId=A1PA6795UKMFR9

Meine Gedanken begannen zu kreisen.

Einer der Vorteile am Älterwerden ist jener, dass man irgendwann den Punkt erreicht, an dem man „alles irgendwie schon einmal erlebt hat“. Nehmen wir den Song. Wer sich mit dem Text von „The Sound of Silence“ befasst hat, wird feststellen, dass die Aussagen heute aktueller denn je sind. Vereinsamung und Depressionen, die sich ausbreiten wie ein Krebsgeschwür, leise und scheinbar unbemerkt… Menschen, die einfach nur reden ohne wirklich etwas zu sagen, die zuhören ohne zu verstehen … Zu den Neon-Göttern können wir getrost unsere synthetischen Idole und unerreichbaren Ideale hinzurechnen. Und es gibt – damals wie heute – jene, die sich nicht als Teil von dieser Gesellschaft angenommen fühlen und deren Hilferufe heute vielleicht weniger in U-Bahnstationen und Hauskorridoren, dafür mehr auf den Plattformen der sozialen Medien zu finden sind.

Seit der Entstehung des Songs ist also mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, aber wie viel sind wir weitergekommen? Grüblerische Gedanken, düstere Stimmung … wer meine Texte aufmerksam liest, wird mittlerweile erkannt haben, dass ich mich zwar immer wieder in die „Dunkelheit“ fallen lasse, nach meinem Besuch jedoch wieder ins „Licht“ zurückkehre. Ich spiele mit dem Prinzip der Dualität: alles im Leben hat zwei Seiten (mindestens). Diese Überzeugung hilft mir, meinen Kurs zu korrigieren, wenn ich drohe, mich in der Dunkelheit meine Gedanken und Gefühle zu verlaufen.

Meine Gedanken kreisten also weiter: Die schöne neue virtuelle Welt. Sie macht es so viel einfacher andere auszugrenzen – oder sich ausgegrenzt zu fühlen. Jede Minute am Bildschirm verringert die Zeit zwischenmenschlicher Begegnung quantitativ und qualitativ. Anonymität macht unberührbar. Alternative Fakten zaubern eine maßgeschneiderte Realität, die manchmal kaum mehr etwas mit der echten Realität zu tun hat. Eine Welt, die ein Fluch sein kann.

Die schöne neue virtuelle Welt. Sie ermöglicht Begegnungen von Menschen, die in der physischen Realität nur mit erheblichem Aufwand möglich wären, über riesige Entfernungen und zeitliche Distanzen hinweg. Jenseits vom kulturellen Korsett bietet sie die Freiheit zu leben, was sonst verborgen bleiben muss. Aus der Vielfalt heraus kann entstehen, was ein einzelner kaum zu denken vermag. Eine Welt, die ein Segen sein kann.

Das verstehe ich unter Dualität: Etwas betrachten, und beide (oder sogar mehrere) Facetten wahrnehmen, beide Seiten einer Münze. Nichts in diesem Universum hat nur eine Seite, davon bin ich überzeugt. Leider erlebe auch ich, dass sich die unangenehmen Seiten tiefer in mein Gedächtnis einbrennen und auch schneller als Erinnerung wieder zurückkehren. Das liegt an den intensiven Emotionen, die damit verbunden sind und mitunter unter dem Hashtag „existenzbedrohend“ abgelegt wurden.

Unsere Gegenwart mag mit synthetischen Idolen und realitätsfernen Idealen, mit mehr Schein als Sein, Oberflächlichkeit, Ignoranz, Rücksichtlosigkeit und hemmungsloser Selbstüberschätzung der Spezies Mensch zu bewerten sein – auf der einen Seite.

Auf der anderen Seite ist da so viel mehr. So viel Gutes und Schönes, das in der Flut der Belanglosigkeiten zu versinken scheint, wenn wir übersehen, unsere Aufmerksamkeit darauf zu richten. Ein Mensch kann heute aus einem kleinen Kämmerlein heraus mit ein paar Mausklicks eine lebensfrohe Botschaft an Millionen von anderen Menschen richten. Nie zuvor war dies möglich. Welch eine Zeit!

Und dann war sie plötzlich da: meine Idee! Oder besser: Meine Frage „Kann ich das auch?“ Reizvoll, sehr reizvoll, es zu versuchen… [Wer JAN/A gelesen hat, weiß, wer diese Zeile schreibt 😉] … unwiderstehlich. Hier nun meine Idee im Detail:

Ich will eine Botschaft in diese Welt hinaussenden, jene Antwort – oder besser – jenes Gefühl, dass ich solange vermisst hatte, weil ich verlernt hatte, es wahrzunehmen: Die Umarmung des Lebens. Jeder von uns kennt es. Egal, wie mies dein Leben verlaufen ist oder vielleicht noch läuft, irgendwann gab es auch in deinem Leben Momente, vielleicht nur Minuten oder Sekunden, in denen du völlig im Hier und Jetzt warst, in denen alles absolut in Ordnung war und du dich mit allem verbunden gefühlt hast – für Augenblicke nur. Vielleicht hast du einen Fluss beobachtet und Blätter, die tänzelnd auf dem Wasser treiben? Vielleicht einen Baukran als dunklen Scherenschnitt vor einem in leuchtenden Farben glühenden Abendhimmel? Vielleicht hast du ein Kind im Arm gehalten? Vielleicht die Liebe deines Lebens? Was auch immer es war – es gab diese Momente, gleich ob viele oder nur wenige, es gab sie. Auch in meinem Leben. So wie jetzt, während ich diese Zeilen tippe und das Gefühl habe, dass alles genau richtig ist: mein Leben, ich selbst, alles, hier und jetzt. Keine Sorgen, keine Ängste, einfach nur leben im Augenblick, in einem Atemzug, einem Herzschlag, eins mit allem sein und die Umarmung des Lebens fühlen. Egal, was morgen sein wird, Probleme, Ärger, Stress … die andere Seite des Lebens, die mich manchmal wie der Schlund eines Ungeheuers zu verschlingen droht, bis ich mich wieder daran erinnern, dass da noch etwas anderes ist, und sie fühle: die Umarmung des Lebens.

Diese Botschaft will ich in die Welt hinaussenden unter dem #feeltheembraceoflife (Feel the embrace of life – fühle die Umarmung des Lebens) und damit zum Ausdruck bringen: ja, ich kann sie fühlen, die Umarmung des Lebens, denn sie ist es, die uns alle miteinander verbindet.

Ich will so viele Menschen wie möglich dazu auffordern, es mir gleich zu tun. So wie dich, hier und jetzt. Deshalb lade ich dich ein: richte deinen Blick nach innen, zurück zu diesem einen besonderen Moment, du weißt, welche ich meine. Vertrau mir, du kannst es fühlen, tief in dir – die Umarmung des Lebens. Folge einfach deinem Gefühl. Es wird dich leiten, vielleicht auf Umwegen, vielleicht direkt, doch dann beginnst du dich zu erinnern, wo du warst, was rund um dich war, was du getan hast. Vielleicht war es still um dich, vielleicht hast du auch etwas gehört. Was war es? Vielleicht warst du allein, vielleicht waren Menschen um dich? Wer waren sie? Vielleicht hast du in Ruhe verharrt, vielleicht warst du mit etwas beschäftigt? Womit? Was hast du gefühlt? Welche Bilder erinnerst du, welche Farben? Vielleicht duftet deine Umarmung des Lebens nach Erdbeeren? Oder Kaffee? Vielleicht schmeckt sie nach Schokolade? Oder nach einem Kuss? Vielleicht war da Musik? Oder nur ein Herzschlag? Deiner? Lass dich in deine Erinnerung fallen, zurück in die Umarmung des Lebens. Vielleicht beginnst du zu lächeln? Verweile und genieße die Umarmung des Lebens mit allen Sinnen, solange du willst – und sei dir bewusst, du kannst jederzeit in dieses Gefühl zurückkehren und in die Umarmung des Lebens.

Vielleicht willst du sie sogar mit mir und anderen teilen? Vielleicht willst du diesem besonderen Augenblick ein Manifest geben? Worte, Bilder, Töne … was auch immer es für dich ist. Poste dein Manifest der Umarmung des Lebens in den sozialen Medien unter #feeltheembraceoflife

Lass uns gemeinsam ein Feuer entfachen, das überall auf dieser Welt in den Herzen der Menschen die Erinnerung an den besonderen Moment der Umarmung des Lebens aufleuchten lässt. Und vielleicht wird es für manche das Licht sein, dass sie aus der Dunkelheit zurück zu sich selbst finden lässt.

Meine Tricks im Alltag: Nr. 1 – Die Reboot Playlist oder The Sound of Music (Therapy)

Manchmal wache ich morgens auf und bin völlig neben der Rolle – grundlos. Manchmal zerren die Ereignisse des Tages an meiner Balance und drohen mich zu kippen. Manchmal werden Menschen und ihre Emotionalität für mich einfach unerträglich. Für solche Fälle habe ich meine Reboot Playlist. Die ist eigentlich „zufällig“ entstanden.

Als ich 2017 zu schreiben begann, war Musik fixer Bestandteil meines Kreativ-Settings. Ab aufs Eisbärenfell (kein echtes!), Laptop auf die Beine, Stöpsel in die Ohren und ein Album von Enya ausgewählt – schon ging’s los. Im Laufe der Zeit kamen andere Songs und Stilrichtungen dazu. Ich legte eigene Playlists an, je nach Stimmung, die gerade in der Geschichte vorherrschte. Einige Titel bettete ich sogar in die Handlung ein. Beim Überarbeiten und Korrekturlesen hörte ich stets die passende Musik. Und irgendwann fiel mir auf, dass es genügte, den Sound irgendwo zufällig zu hören, und die entsprechende Stimmung jener Szene in mir wachzurufen.

Okay, ja, natürlich weiß ich, was ein auditiver Anker ist. Ich habe einiges in meinem Leben gemacht, darunter auch NLP-Ausbildungen. Ironischerweise habe ich nie versucht, bewusst damit mein Borderline zu beeinflussen. Aber nachdem es sich so ergeben hatte und wunderbar funktionierte, kreierte ich einige Playlists für mich, darunter eben „Reboot“, um mein System neu hochzufahren. Oder anders gesagt: um mich wieder an mich selbst anzudocken, mich zu re-connecten, mich in dem Wirbel von Emotionen und Eindrücken selbst wiederzufinden, denn manchmal kann ich schlichtweg nicht mehr unterscheiden, was die vorherrschende Stimmung in meinem Umfeld ist und was meine Eigene. Wenn ich mich also (in der Dunkelheit) zu verlieren drohe, lenke ich den Fokus zurück auf mich selbst. Das bedeutet im Klartext: Rückzug (und wenn es nur die Ohrstöpsel sind) und los geht’s.

Reboot startet mit einer Piano-Version von Careless Whisper. Die kommt mehrmals in Band 2 von JAN/A vor und weckt Erinnerungen, die mich innerhalb von 60 Sekunden zum Schmunzeln bringen und all das Schwere einfach so hinwegfegen.

Darauf folgt der Song, der mich in wahrsten Sinn des Wortes vibrieren lässt: Unbreakable von Two Steps from Hell. Dazu habe ich sogar eine Choreografie, um die Wirkung noch zu verstärken. Es gibt ein paar Stellen, die breite ich meine Schwingen (oder Arme) aus und blicke in den Himmel – und fühle die Energie durch meinen Körper pulsieren. Egal, wie düster die Welt vorher war, der Adler in mir erhebt sich über all das hinaus und hoch hinauf in den Himmel.

Der Rest der Playlist ist dann eigentlich schon dem Genuss gewidmet.

Simpel, aber effektiv. Die Kombination von auditivem und kinästhetischen Anker, also Musik und Bewegung, beides Teile einer Fantasie, die ich bis in kleineste Details visualisieren und in mir fühlen kann. Umgangssprachlich behaupte ich mal: das fetzt!

Ich nehme weder Drogen noch Psychopharmaka. Ich habe die Kunst der Visualisierung kultiviert und verwende sie, um mich selbst in die von mir gewünschte Richtung zu schubsen.  Es funktioniert. Es macht Spaß. Es kostet am Anfang etwas Zeit und Ausdauer, um die gewünschte Routine-Reaktion zu erzeugen, doch es lohnt sich. Die Reboot Playlist ist einer meiner Tricks, um die sechsköpfige Quadriga auf Kurs zu halten.

Das wichtigste dabei: es geht nicht darum, stets auf Knopfdruck zu funktionieren. Das wäre der falsche Ansatz. Für mich geht es darum, eigenständig wieder aus dem Tief heraus zu kommen um anschließend für mich herauszufinden, ob es unter die Rubrik „kann mal vorkommen“ oder „da brodelt was gröberes im Untergrund“ einzuordnen ist. Entsprechende Schritte folgen.

Wir sind alle keine Maschinen. Wir sind Menschen. Wir sind vielfältig – wie unsere Gefühlswelt. Es gibt für alles eine Zeit: für Freude, Spaß, Zufriedenheit, … ebenso wie für Traurigkeit, Wut, Schmerz… Es ist eine Illusion zu glauben, wir könnten etwas davon aus unserem Leben verbannen. Sie alle gehören zu uns, aber wir sollten keiner von ihnen ausgeliefert sein – am wenigsten der Dunkelheit. Insofern ist es hilfreich einen Schalter zu haben, der auf Knopfdruck das Licht zurückkehren lässt.

Was es ist – und was es nicht ist

Viele Male wurde ich bereits gefragt, woran man Borderliner erkennt. Ich habe mich das auch gefragt, habe in der Fachliteratur recherchiert. Was ist spezifisch „Borderline“ und was ist „normal“? Ich kam bei dieser Suche zu einigen Erkenntnissen.

Spoiler-Alarm: Was ich jetzt erzählen werde, mag provokant sein, aber es ist meine ehrliche Meinung. Und da ich in einem Land lebe, in dem freie Meinungsäußerung zulässig ist …

Mit einem Borderline-Syndrom werden gemeinhin gewisse „Beschwerden“ verbunden, wie z.B. starke Stimmungsschwankungen. Allerdings gibt es mannigfaltige Gründe für Stimmungsschwankungen. Angefangen bei Hormonen. Das chronische Gefühl von Langeweile kennen vermutlich auch viele Menschen (wenn sie an ihre Schulzeit zurückdenken?). Innere Leere? Der weit verbreitete Trend, immer mehr zu konsumieren um nur ja nichts im Leben zu versäumen – was ist er anderes als die (Über-)Kompensation von innerer Leere? Selbstverletzendes Verhalten? Bei selbst zugefügten Schnittwunden eindeutig erkennbar, aber was ist mit all den anderen Formen? Wenn Menschen sich wider besseren Wissens Schaden zufügen durch Alkohol, Drogen, ungesunder Lebensweise … Wo wird die Grenze gezogen zu potenziell selbstzerstörerischen Verhaltensweisen? Ein negatives Selbstbild? Wie viele können sich den morgens ohne Make-up in den Spiegel schauen und sich mit sich selbst gut fühlen? Wie viele verbergen sich hinter diversen Masken, Statussymbole, Titeln … um ein mangelndes Selbstwertgefühl zu kompensieren? Impulsivität? Nun, es gibt viele temperamentvolle Menschen, die keine Borderliner sind. Ach ja, Eigen- und Fremdgefährdung. Ganz ehrlich, ich fahre fast täglich mit dem Auto morgens nach Wien und abends wieder zurück. Das, was ich dabei täglich erlebe an Rücksichtlosigkeit, Dummheit, Ignoranz und Gleichgültigkeit kann ich nur unter die Rubrik „Eigen- und Fremdgefährdung“ einreihen.

Im Rahmen meiner Recherche kam ich also zu der Erkenntnis, dass die Unterscheidung alles andere als einfach ist. Wer ist Borderliner? Wer ist es nicht?

Auch die Anwendung von „5 aus 9“, wenn 5 oder mehr Symptome der Liste auftreten, kann man davon ausgehen, betroffen zu sein … funktionierte nicht, da ich auch Menschen kenne, auf die mehr als 5 Punkte zutreffen, und die dennoch keine Borderliner sind.

Vielleicht hing es mit der Intensität zusammen? So meine nächste Überlegung. Aber wo ist die Grenze? Nehmen wir eine Intensitäts-Skala von 0 bis 100 an. Ab wann ist man Borderliner? Ab 50? Was ist man dann mit 50,5? Unterscheiden 0,5 „normal“ von „anders“? Und wer bitte hat die Skala definiert? Anhand welcher Kriterien? Zeitgeist eingerechnet? Vor nicht mal 100 Jahren war gesellschaftlich anerkannt, was heute als No Go gilt (Stichwort: gesunde Watschen).

Irgendwann war ich nur noch genervt. Ich hatte ein Schild (oder eine Diagnose) bekommen, aber war ich wirklich so viel anders? Wie weit war ich vom „normalen Durchschnitt“ entfernt? Würde man die Skala um ein paar Punkte verschieben, wäre ich dann „normal“?

Irgendwann beschloss ich, mich selbst weder als krank noch gestört zu betrachten. Ich habe eine vielfältige, komplexe, gerne auch eigenwillige Persönlichkeit. Punkt. Ich bin bedingungslos und grenzenlos in der Liebe wie im Leid. Vielleicht passt diese intensive Feinfühligkeit nicht in unsere Zeit, in der Mobbing zu einer Standarderfahrung von Jugendlichen geworden ist; in der viele Jobs (auch meiner) einen Einsatz verlangen, der einer dauerhaften Überlastung gleichkommt bis hin zur fast logischen Konsequenz Burnout; in der man nur selten auf authentische Menschen trifft, die sich nicht hinter einer künstlichen Fassade verstecken – oder dort Schutz suchen, weil sie ihrerseits den Irrsinn unserer hektischen, oberflächlichen Zeit nicht mehr anders aushalten. Wie viel „Echtes“ begegnet uns noch in einer Zeit von „Artificial & Fake“? Vielleicht werden es nur deshalb immer mehr Borderliner, weil immer mehr Menschen nicht mehr mit dem Druck, der Ignoranz und Rücksichtslosigkeit unserer Zeit klarkommen? Vielleicht sehnen sich einfach immer mehr von uns nach zu einer aufrichtigen Umarmung und zwischenmenschlicher Wärme?

Irgendwann habe ich erkannt, dass es für mich von Anfang an nur darum ging, das Gefühl zu bekommen, als die geliebt zu werden, die ich bin. In die Norm oder den Durchschnitt zu passen, war weder erreichbar und noch wünschenswert. Ich bin, wer ich bin. Ich bin OK. Ich bin Borderlinerin – und das bedeutet für mich: ich bin eine „Grenzgängerin“. Ich weiß, was ich kann oder wer ich bin. Und ich weiß, was ich noch können möchte oder wer ich noch sein will. Ich erweitere laufend meine Grenzen. Stillstand passt nicht zu mir. Ich bin täglich auf Entdeckungsreise, in dieser Welt und in mir selbst. Ich bin lebendig. Und ich schütze meine Grenzen, denn ich bin verletzlich, aber wäre ich es nicht, wäre ich unberührbar.

Für mich ist Borderline eine Spielart der menschlichen Vielfalt. Nicht mehr und nicht weniger.

Man sagt mir nach, ich hätte einen grünen Daumen, weil bei mir die unterschiedlichsten Pflanzen blühen und gedeihen. Dabei mache ich nichts Besonderes mit ihnen. Ich achte einfach nur darauf, wer was braucht, um sich wohlzufühlen. Ein wenig Aufmerksamkeit, ein bisschen Pflege …

Was könnte Borderline wohl sein, wenn es statt auf Vorverurteilung und Ablehnung, auf Interesse und Wertschätzung trifft?

Gastbeitrag Nicole Franziska

Heute darf ich ein paar wundervolle Zeilen mit dir teilen, die von meiner lieben Autorenkollegin Nicole Franziska Neidt stammen und die ich hier in diesem Beitrag verwenden darf. Herzlichen Dank dafür liebe Nicole.

Manchmal trüben Ängste unsere Sicht,
so dass wir nur noch die dunklen Wolken sehn.
Dann sind wir gefangen
in unseren Gedanken.
Unsere Emotionen lassen unser Inneres zittern.

Doch nicht weit von uns
ist der Himmel in ein wunderschönes Blau getaucht.
Die weißen Wolken
erzählen uns eine Geschichte
von Hoffnung und Zuversicht.

Die Sonne zaubert Wärme auf unseren Körper
und lässt unser Gesicht wieder strahlen.
Vergiss niemals,
dass Du ein besonderer Mensch bist.

Du bist Schöpfer deiner Gedanken,
wähle sie bewusst
und halte sie positiv.
Egal, wie schwer es manchmal sein mag,
doch du wirst sehen,
wenn wir die Gedanken auf die schönen Dinge
des Lebens lenken,
dann werden unsere Ängste sich auflösen,
und wir werden das Licht am Horizont wieder sehen.

Sei achtsam und bewusst!

©Nicole Franziska 29.07.2019
https://www.facebook.com/FranziskaNeidt/

Nicole und ich haben uns Ende letzten Jahres in Facebook kennengelernt. Wir teilen ein Schicksal #Borderline und eine Leidenschaft #Schreiben.

Warum?

In den letzten Monaten wurde ich – vor allem bei Lesungen und anderen Gelegenheiten – öfters gefragt, warum ich das Thema Borderline öffentlich anspreche? Es ist ja nicht so, als würde ich erzählen, ich habe eine Grippe erwischt. Ich spreche offen über Gefühle, Ängste, Schwächen – und ja, in gewisser Weise werde ich dadurch berührbar und verletzbar. Noch dazu in den sozialen Medien, in denen man schnell Ziel eines Shitstorms werden kann; in denen zumeist Oberflächlichkeit den Ton angibt und Tiefgründigkeit eher eine Randerscheinung ist; in denen Likes wichtiger sind als aufrichtiges Interesse; in denen laut Statistiken einem Beitrag nur wenige Sekunden Beachtung gewidmet werden schreibe ich viele Zeilen, deren Botschaft sich erst beim aufmerksamen Lesen entfaltet.

Warum also mache ich es? Warum gehe ich dieses Risiko ein? Warum wende ich die Energie hierfür auf?

In dem ich das Thema für andere aufbereite und das Unbegreifliche in Worte zu fassen versuche, fokussiere ich mich sehr stark auf mich selbst, um meine Wahrnehmungen und Gefühle in allen Nuancen zu reflektieren. Dadurch zentriere ich mich stärker als je zuvor in meinem Leben. Ich verbinde (deshalb: RE/CONNECTED) mich quasi mit mir selbst, bin also das Gegenteil von dem, was ich früher war: (teil)entkoppelt von mir selbst und meinem Gefühlsleben (DIS/CONNECTED). Für mich als Mensch ist das heilsam und fast schon therapeutisch.

Verliere ich diesen Fokus, dann ist es, als würde alles in mir durcheinandergeraten. Ich verliere mich innerhalb und auch meine Abgrenzung nach außen. Dann werde ich zu einer Art Stimmgabel, die mit jeglicher Schwingung aus dem Umfeld in Resonanz geht. Mit positiven Stimmungen ist das durchaus erwünscht, aber mal ehrlich: in wessen Leben überwiegt die schon? Ohne Fokus genügt eine morgendliche Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln, um den Rest des Tages (und weit darüber hinaus) von bedrückenden Gefühlen und düstere Gedanken begleitet zu werden. Ohne Fokus wird aus einer Absage schnell eine Ablehnung, Ausgrenzung, Zurückweisung, Bestätigung dessen, was ich bin … oder früher dachte, dass ich bin. Ich denke, ich muss es an dieser Stelle die destruktiven Gedankengänge nicht weiter ausführen. Die Welt durch die Brille der Dunkelheit wahrzunehmen trübt den Blick auf die tatsächlichen Fakten und erschafft eine negative Bewertung. Was folgt, ist eine Art von Blindheit gegenüber den positiven Dingen und Menschen, die für mich da sind.

Ich bin nicht einzigartig. Ganz im Gegenteil! Ich glaube, nein, ich bin überzeugt, dass es viele Menschen gibt, die ähnliches erleben. Mein Leben lang habe ich mich unverstanden gefühlt, nie irgendwo angekommen, nirgends zugehörig. Sicher, wie alle anderen auch, war ich in der Schule, in Sportmannschaften, in Arbeitsgruppen und Teams. Ich war zwar dabei, aber irgendwie auch nicht. Bis heute habe ich zuweilen das Gefühl, ein „Alien“ unter Menschen zu sein – auch wenn ich mich heute darüber amüsiere und meinen Frieden damit geschlossen habe, zu sein was ich bin.  Meine Gedanken und Wahrnehmungen unterscheiden sich von denen der meisten Menschen, die ich kenne. Das habe ich schon als Kind festgestellt. Weil die seltsamen Reaktionen aus dem Umfeld darauf unangenehm bis schmerzhaft waren, habe ich aufgehört, anderen meine „Welt“ zu zeigen und stattdessen begonnen, Theater zu spielen … über Jahrzehnte hinweg.

Wenn ich also heute über meine Gedanken und Gefühle schreibe und jemand – vielleicht sogar Du? – liest diese Zeilen und denkt sich: „Hey, die tickt ja genauso wie ich. Ich bin also nicht allein damit.“ … dann sind wir schon zwei. Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch habe ich mich nach jemanden gesehnt, der mich versteht, mit dem ich meine Gedanken teilen kann, ohne ausgelacht oder abgelehnt zu werden. Vielleicht kann ich dieser „Jemand“ heute für Dich sein?

Vor einigen Wochen hat mein Sohn diese Zeilen an mich gerichtet: „Warum? Warum hast du so gehandelt, wie du gehandelt hast? Warum hast du es nicht geschafft, den Borderline-Instinkt des Verheimlichens auch nur für einen Augenblick zu überwinden und mir zu sagen, dass du es verstehst?“ Obwohl ich die Antwort darauf kannte, war es doch schwer, sie zu akzeptieren und zu formulieren. Offenheit bedeutet Verletzlichkeit. Verstandesmäßig hatte ich vieles verdrängt, doch gefühlsmäßig spürte ich immer, dass da etwas in mir war, etwas Unverstandenes, etwas Unerwünschtes. Aus Angst vor neuerlicher Ablehnung verbarg ich mein wahres Wesen und begann zu leiden und zog die Menschen rund um mich in meinen Schmerz hinein.

Ablehnung schmerzt – auch heute noch – doch dieser Schmerz ist nichts im Vergleich zu dem, sich selbst über Jahrzehnte zu verleugnen und zu verraten.

Warum ich über mein Leben als Borderlinerin schreibe?

Weil ich heute die Kraft habe, Ablehnung auszuhalten, denn ich liebe mich, so wie ich bin, mit wirklich allen Facetten! Weil ich hoffe, dass meine Erfahrungen für andere hilfreich sein werden. Weil ich meinen Teil dazu beitragen will, das gängigen Vorurteile und Zuschreibungen zum Thema Borderline zu verändern. Weil ich mir von ganzem Herzen wünsche, dass es irgendwann möglich sein wird, Gedanken und Gefühle in dieser Welt offen auszusprechen und dafür echte Aufmerksamkeit und Wertschätzung zu bekommen… eben ein Happy End. Ich steh drauf, echt 😉

Wenn alles andere versagt: Humor & Fantasie

Eines gleich zu Beginn: Borderline ist ein ernstzunehmendes Thema, das ich keinesfalls beschwichtigen oder herunterspielen will und werde. ABER nur weil etwas ernst ist, muss ich meinen Humor nicht in den Keller sperren. Ganz im Gegenteil. Humor kann helfen, scheinbar Unerträgliches zu überstehen. Für mich wurde diesbezüglich Victor Frankl zum Vorbild, der trotz seiner Erlebnisse in diversen KZs während des 2. Weltkrieges seine Menschlichkeit behielt – und seinen Humor.

Früher versank ich in Selbstvorwürfen, wenn ich fremdsteuert auf der emotionalen Achterbahn des Borderline unterwegs gewesen war, ohne es aufhalten zu können. Heute handhabe ich das mit einer gesunden Portion augenzwinkerndem Humor und viel Fantasie.

Stell dir bitte für einen Augenblick vor, du würdest in den Spiegel blicken und für dich selbst folgendes sehen: eine Person, die an einer als unheilbar klassifizierten Persönlichkeitsstörung leidet, die für andere Menschen kaum verständlich oder nicht nachvollziehbar ist, weshalb diese Person vermutlich gemieden werden wird, einfach weil sie ist, wie sie ist. Und genau genommen kannst du dich selbst nicht leiden, obwohl du keine Ahnung hast, wer du bist, aber eines weißt du mit Sicherheit: du bist nicht liebenswert. Wertgeschätzt fühlst du dich von niemanden und nirgendwo wirklich sicher oder geborgen – oder gar angekommen. Nicht gerade aufbauend, oder?

Deshalb habe ich mich 2017 entschieden, mich anders zu sehen. In mir schlummert ein feuriger Drache (Jan), der vieles sein kann, von romantisch, sinnlich bis zu grummelig und starrsinnig, manchmal auch voller Selbstzweifel, der aber letztendlich immer seinen Phönix (Jana) beschützen wird, die Eine, die leichtfüßig durchs Leben schwebt und alles zu verändern vermag, jedoch diesem Drang nach Veränderung mitunter ausgeliefert ist und deshalb Ruhe und Stabilität in den Armen des Drachen sucht, obwohl der manchmal auch ein ziemlich arroganter Arsch sein kann. Dann gibt es auch noch Aquila, den Adler, der geboren wurde, um zu kämpfen, doch sanft ist in seinem Wesen. Er ist der strahlende Held der Geschichte. Ihm gegenüber steht Amaranthia, die Immerwährende, die Heilerin, die jegliches Leben über alles liebt, sich selbst als schwach ansieht, dabei jedoch die einzige ist, die Aquila aus den Flammen der Zerstörung zurückholen kann. Und es gibt Sethos, den stierköpfigen Dämon, mit dem alles begann, der verraten und betrogen worden war und darüber vergaß, wer er einst war, der sich selbst in der Dunkelheit verlor und allem und jedem mit Ablehnung begegnet. Ihn zu retten brach Yanara, das strahlende Licht, einst auf, denn ihretwegen nahm er all den Schmerz und das Leid auf sich. Ihr Licht vermag selbst jene Dunkelheit zu durchdringen, in die er gefallen ist.

Psychoanalytiker und Psychotherapeuten werden nun möglicherweise euphorisch in ihren Analyse-Modus verfallen, aber ja, so sehe ich mich: eine sechsköpfige Quadriga! Bevor nun die wissenschaftlichen Belehrungen folgen: es ist mir bewusst, dass der Begriff Quadriga ein Gespann mit vier Pferden meint, ABER wenn es einen sechsbeinigen Hund gibt, darf es (für mich) auch eine sechsköpfige Quadriga geben.

Hier beginnen nun Humor und Fantasie ineinander zu greifen. Mal ehrlich, würde ich mich als das sehen, was die Psychoanalyse für mich vorgesehen hätte, mit all den abstrakten Begriffen und Termini – das wäre ziemlich spaßbefreit. Ich will mich nicht als Ergebnis einer tiefenpsychologischen Problemanalyse sehen. Was bringt das Positives in mein Leben? Wie fühlt sich das an? Ich will mich doch gut fühlen mit mir selbst. Daher sehe ich mich viel lieber als die Lenkerin einer sechsköpfigen Quadriga, die manchmal sehr eigenwillig unterwegs sein kann. In der Vergangenheit ist immer wieder eines meiner „Pferdchen“ durchgegangen und allein vorgeprescht, was zu allen Formen von Dis-Balance (oder Borderline-Episoden) geführt hat. Seit mir klar ist, welche Pferdchen in mir galoppieren, wie sie zueinander in Beziehung stehen und wer wen zum Ausgleich braucht, gelingt es mir die meiste Zeit, sie schön brav im Gleichschritt zu halten. Seither bin ich in Balance.

Und wenn nicht, dann blicke ich in den Spiegel. Vielleicht grummelt gerade wieder mal mein Drache, weil ihm irgendwas nicht passt, oder einfach eine alte Erinnerung an die Oberfläche aufgestiegen ist und die fast schon vergessenen Gefühle von Schmerz und Leid zurückkehren. Dann hilft eine (imaginäre) Umarmung des Phönix, ihre innige Verbundenheit und vielleicht auch eine sinnliche Fantasie, um die aufsteigende Dunkelheit im Feuer des Phönix in das sanfte Licht eines Sonnenaufgangs zu verwandeln – und ich bin wieder auf Kurs.

Ich bin wer ich bin. Mein Borderline-Dämon ist hoch emotional, leidenschaftlich, sinnlich, fantasievoll, kreativ und unkonventionell. Schaffe ich in meinem Leben Raum für seine Energie, wird er zu meinem Verbündeten. Bekämpfe ich ihn, zerstört dieser Kampf letztendlich ihn und mich.

Natürlich bin ich nicht den ganzen Tag in meiner Fantasie-Welt unterwegs. Ich tauche jedoch bei Bedarf in sie ein, verweile dort manchmal nur Minuten, manchmal auch Stunden, eben genauso lange wie es braucht, bis alles in mir wieder ruhig ist. Dann kehre ich in den Alltag zurück und lebe mein „normales“ Leben mit Familie, Beziehung, Job … was so alles dazugehört.

So einfach? Ja, so einfach funktioniert es für mich… nachdem ich mein rechthaberisches Ego, dass es kompliziert machen will, kurzzeitig in den Keller gesperrt habe (schließlich brauche in freie Bahn für etwas Verrücktes); nachdem ich den Realitätscheck, das rundum wirklich alles in Ordnung ist, rational durchgezogen und mich versichert habe, dass mein emotionales Gefühlschaos nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun haben kann (wie in 99,9% der Fälle). Konsequente Übung plus die Bereitschaft, einen Schritt neben konventionellen Mustern zu Denken und das (kindlich) naive Vertrauen darauf, dass kein Problem getrennt von der Lösung existieren kann, dass in mir all das vorhanden ist, was in Momenten der Dis-Balance scheinbar fehlt. Es war immer vorhanden, ich hatte es nur einige Zeit vergessen und musste erst wieder lernen, mich zu erinnern.

Grande Finale (angelehnt an Peter Pan): Heute mache ich es mir auf dem einachsigen Streitwagen gemütlich, lasse mich in den passenden Sound (dazu nächstes Mal mehr) fallen, während ich mit meiner sechsköpfigen Quadriga beseelt Richtung Sonnenuntergang fliege, vorbei am zweiten Stern rechts und dann immer geradeaus bis zur Morgendämmerung …

Diagnose Borderline-Syndrom: Reden wir Klartext

Ich hatte den 40er bereits hinter mir gelassen, als ich die Diagnose nach meinem 2. Burnout erhielt. Damals wusste ich zwar, dass einiges in meinem Leben falsch bis zerstörerisch lief, aber bis zu diesem Zeitpunkt sah ich mein Umfeld und die überhöhte Arbeitsbelastung als Gründe dafür an. Mich selbst als Verursacherin meines chaotischen Lebens und damit auch meines Schmerzes zu akzeptieren war eine enorme Herausforderung.

Mal ehrlich, so eine Diagnose ist etwas anderes als ein gebrochenes Bein oder ein Grippevirus. In den Medien kursiert ein sehr reduziertes Bild von Borderline: Jugendliche mit zerschnittenen Unterarmen. Ich war weder jugendlich noch hatte ich selbstzugefügte Schnittwunden an meinem Körper. Damit schien doch eindeutig: ich konnte keine Borderlinerin sein, oder? In meinem Umfeld hatte ich erlebt, wie Jugendliche mit diesen unverkennbaren Narben auf Ablehnung trafen, wie Erwachsene mit Depressionen als schwächlich und ihr seelischer Schmerz als Einbildung belächelt wurden. All das war ich nicht. All das konnte nicht auf mich zutreffen. Wie konnte ich dann Borderlinerin sein?

Mit der Zeit begriff ich, dass Schnitte nicht die einzige Art von Selbstverletzung waren, dass es viele weitere gab und ich mit einigen davon sehr vertraut war. Doch nach außen verleugnete ich weiterhin meine „wahre Natur“, um im Inneren umso stärker gegen mein „selbstzerstörerisches Wesen“ anzukämpfen. Ein Kampf, den ich nicht gewinnen konnte. Ein Kampf, der mich tiefer und tiefer in den Sog aus Selbstverurteilung, Ablehnung und Verachtung zog.

Es ist tückisch. Einerseits ist Krankheitseinsicht unverzichtbar, um in einen Heilungsprozess zu kommen, andererseits: wie dazu stehen, etwas zu sein, dass die Gesellschaft offensichtlich ablehnte, mitunter als gefährlich einstufte, auf jeden Fall als „anders“. Wie eine Diagnose akzeptieren, die gemeinhin gleichgesetzt wird mit unheilbar und arbeitsunfähig – oder sogar lebensunfähig? … reduziert auf das Kürzel F60.31 (nach der WHO-Klassifizierung ICD-10 steht dieser Code für die Borderline-Persönlichkeitsstörung). Mein Leben lang hatte ich mich von meinem Umfeld gerade noch akzeptiert, aber keinesfalls geliebt gefühlt. War dies nun die Bestätigung dafür, dass ich etwas war, das man nicht lieben konnte? Die Diagnose anzunehmen öffnete gleichzeitig das Tor in den nächsten Level der Selbstverachtung.

In all den Jahren hatte ich mich selbst verletzt und auch die Menschen in meinem Umfeld. Hatte jene im Stich gelassen, für die ich da sein hätte müssen. Konnte nicht sein, was andere gebraucht hätten, um durch mich Halt zu finden. Zu erkennen, dass ich dafür verantwortlich war, dass ich es hätte ändern können, hätte ich früher etwas gegen meine „Krankheit“ unternommen … gefährliche Gedanken und gleichzeitig wichtige Gedanken. Für mich galt es zu akzeptieren und zu verzeihen – am meisten mir selbst. Was geschehen war, war geschehen. In meiner Kindheit und später. Nichts davon ließ sich mehr ändern, weder durch meinen Schmerz noch durch irgendetwas anderes. Mein Leiden war also absolut sinnlos. Mein Leben sollte es nicht mehr sein. Ich war nicht bereit mich selbst aufzugeben. Ich änderte meinen Kurs. Kein Kampf mehr gegen mich selbst. Keine Selbstdemontage. Kein gedankliches und emotionales Verweilen in der Vergangenheit. Ich musste lernen, meinen Blick nach vorne zu richten damit die Zukunft eine andere werden konnte. Ich durfte lernen, mich als die anzunehmen, die ich bin, mit allen Facetten meiner sehr widersprüchlichen (oder vielfältigen) Persönlichkeit. Ich lernte die zu lieben, die ich bin, immer war und immer sein werde. Daraus entstand die [nicht] ganz alltägliche Liebesgeschichte eines Dämons, den keine Frau je lieben würde außer der Einen, die für ihn bestimmt war – so wie ich für mich selbst bestimmt war.

Romantik als Weg der Selbstfindung? Warum nicht. Weiterhin gegen mich selbst zu kämpfen und in Selbstablehnung zu verharren hätte mich unweigerlich ruiniert. Also schrieb ich die Geschichte einer nahezu unmöglichen Liebe und erlebte sie in mir selbst. Aus Furcht wurde Vertrauen, aus Ablehnung Selbstliebe, aus Dunkelheit Lebensfreude.

Wenn ich mir diese Zeilen durchlese, drängt sich unweigerlich folgender Gedanke für mich auf: das wird mir niemand glauben, das klingt so einfach. Das ist es nicht, ganz und gar nicht. Ich behaupte weder, dass es einfach ist oder gar leicht, aber es ist möglich. Das ist die Botschaft: es ist möglich, das wiederzufinden, was verloren ging … Liebe, Vertrauen, Geborgenheit. Es ist möglich, Anerkennung wieder wahrnehmen und annehmen zu lernen, zurückzukehren in die Umarmung des Lebens.

Endstation Hoffnungslosigkeit oder Ausgangspunkt Abenteuer?

Es war einmal … ein kleines Mädchen, in dessen Leben geschah, was nie geschehen sollte. Menschen taten, was sie niemals tun sollten. Die Zeit verging, und irgendwann war dieses Mädchen zu einer jungen Frau herangewachsen, die nicht so funktionierte, wie sie sollte. Sie erkannte, dass sie anders war, anders dachte, anders fühlte, doch sie versuchte, all dies vor der Welt zu verbergen. Tief in ihrem Innersten war sie einsam, egal wie viele Menschen rund um sie waren. Sie begann zu leiden, leise und im Verborgenen.

Gewiss, es gab auch schöne Momente in ihrem Leben, aber wenn sich der Vorhang gesenkt hatte, blieb sie allein mit der Leere, allein in der Dunkelheit, die nie ganz von ihrer Seite wich. Jene Dunkelheit, die zu ihrem bestimmenden Lebensgefühl geworden war: nie gut genug, nie angekommen, nirgendwo zuhause, Niemandem wirklich nahe, immer suchend und nie findend …

Würde meine Geschichte hier enden, wäre der Titel „Endstation Hoffnungslosigkeit“ wohl perfekt gewählt, doch meine Geschichte endet nicht hier. Genau genommen beginnt sie genau hier, an diesem Punkt. Der „Zufall“ spielte im Oktober 2017 eine Karte aus und ließ mich einen Weg einschlagen, den ich in meinen Träumen seit Kindheit an ersehnt hatte, doch nie wagte, ihn tatsächlich zu beschreiten: ich begann zu schreiben!

Dies löste eine 180 Grad Wende in meinem Leben aus, die ich in meiner Autobiographie DIS/CONNECTED dokumentiert habe.

Hier die Kurzfassung: es brauchte den spekulativen Gedanken „Was, wenn alles anders wäre …?“ und eine 600-seitige Liebesgeschichte, um mich selbst so anzunehmen wie ich nun mal bin und jene Dunkelheit in mir in das zu verwandeln, was sie seither ist. Aus meinem bisherigen Zustand der Entkoppelung (oder disconnected) von Teilen meiner Persönlichkeit und meines Gefühlslebens wechselte ich eine innige Verbundenheit mit mir selbst (reconnected). Aus einem destruktiven Problem wurde für mich ein konstruktives Potenzial. Ich erkannte, dass „Borderline“ für mich eine Münze mit zwei Seiten war: LEIDEN – bedingungslos und grenzenlos – oder LIEBEN. Ich hatte die Wahl – und ich entschied mich zu lieben!

All das, was ich jahrzehntelang erfolglos im Außen gesucht hatte (Liebe, Geborgenheit, Anerkennung), fand ich in dem einzigen Menschen, der immer für mich da war und sein wird: in mir selbst! Ich lernte, mich selbst zu lieben und zu halten – und erkannte, dass vieles längst schon rundum mich vorhanden war, ich hatte es einfach nur nicht wahrnehmen können.

Damit beginnt meine eigentliche Geschichte, die nun den Titel „Ausgangspunkt Abenteuer: ein feuriger Funken Lebensfreude“ trägt und die ich hier in diesem Blog mit dir teilen werde.

ACHTUNG: *spoiler alert* Happy End inklusive

Mein erster Blogbeitrag…

… soll ein Gedicht sein, welches ich 1996 verfasst habe. Du findest es auf der ersten Seite meiner Autobiographie und es öffnet auch hier an dieser Stelle das Tor zu meiner Gedanken und Gefühlen … das Tor in meine Welt.

Wenn die Sonne den Horizont berührt

Wenn die Sonne den Horizont berührt,
wenn ihr Licht hinab in das Dunkel der Meere taucht,
wenn der Schatten der Nacht die Welt verhüllt,
wenn mein Blick sich nach innen richtet,
dann geht meine Seele auf Reisen,
meine Gedanken weit fort –
und sie bleiben doch nur bei mir.
Was ich auch sehe,
ich sehe es in mir.
Was ich auch fühle,
es lebt in mir.
Wohin ich auch gehe,
ich bleibe immer bei mir.
Meine Seele liegt vor Euch wie ein offenes Buch,
jedes Wort ein Spiegel,
jede Zeile ein Bild,
ein Weg zu mir,
ein Labyrinth,
scheinbar einfach,
und doch verworren.
Doch wer diesen Weg geht,
der wird mich finden,
irgendwo,
im Labyrinth,
irgendwann,
wenn die Sonne den Horizont berührt.