DAS HEB‘ ICH MIR FÜR EINEN BESONDEREN ANLASS AUF …

Wie oft habe ich mir das schon gedacht – und bin damit sicherlich nicht allein. Von Zeit zu Zeit hinterfrage ich diese Aussage, aber bis zu einer Verhaltensänderung hat es dann doch nicht gereicht. Bis jetzt. Vor ein paar Tagen brachte mich ein Telefonat ins Grübeln.

Eine Bekannte sagte kurzfristig eine Verabredung ab, weil jemand in ihrer Familie gestorben war. Unerwartet verstorben. Genauer: vom Abendessen aufgestanden als wäre nichts und eine Stunde später war die Person tot. Kein Unfall, keine akute Erkrankung, nur ein paar Wehwehchen, die wohl viele im Pensionsalter haben. Aber nichts, was ein jähes Ableben vermuten ließe. Ein Schock fürs Umfeld.

Meine Großmutter starb auf ähnliche Weise. Nach einem Ausflug ging sie in ihr Zimmer, fiel um und war tot. Sie wurde 83, hatte ihr Leben weitgehend hinter sich. Eine angeheiratete Cousine von mir kam von einem Nachmittagskaffee nicht mehr nach Hause. Sie war erst in den 40ern. Und meinen Cousin ereilte das Schicksal des unerwarteten Todes mit 18.

Sie alle haben vermutlich – ebenso wie ich – das eine oder andere „für einen besonderen Anlass“ aufgehoben. Sei es ein Kleidungs- oder Schmuckstück, das wohl verpackt im Kasten oder einer Schublade ruht. Sei es eine Flasche Wein, ein Parfum … oder was auch immer als so wertvoll erachtet wird, dass es auf einen besonderen Anlass warten darf/muss.

Und wenn dieser Augenblick nie kommt?

Was, wenn man im Trubel des Alltags viele wunderbare Momente vorbeiziehen lässt, auf den einen besonderen wartend, und dann schlägt das Schicksal zu und man wird der Chance beraubt, jemals wieder etwas zu erleben?

Verschiebe nicht auf morgen, was du dir (und anderen) heute Gutes tun kannst.

Egal, ob einen Spaziergang, eine Muse-Stunde, leckeres Essen, eine Liebeserklärung, … wenn es hier und heute Platz findet, dann darf es sein, auch an einem stinknormalen Tag, an dem so gar nichts besonders ist. Jeder von uns hat nur dieses eine Leben (nach der aktuellen wissenschaftlichen Beweislage) und niemand von uns weiß, wie viele Jahre, Monate, Wochen, Tage, Stunden noch vor einem liegen. Warum also das zurückhalten, was hier und jetzt Freude bereiten kann?

Angeblich bereuen sterbende Menschen weniger das, was sie getan haben, also das, was sie nicht getan haben. Ihre Versäumnisse, die sie nie wieder aufholen können. Die Aussprachen, die sie nicht mehr führen können.

Aber wer denkt schon übers Sterben nach? Wer bereitet sich vor?

Viele Jahre hatte ich Angst davor, übers Sterben nachzudenken. Irgendwann akzeptierte ich, dass man dem Lauf des Lebens nicht entkommen kann. Seither setze ich mich bewusst mit meiner Sterblichkeit auseinander, mit der Endlichkeit des Lebens, wie ich es kenne. Mit dem, was ich noch tun möchte in der mir verbleibenden Zeit. Mit dem, was ich für besondere Anlässe aufhebe … und ob nicht hier und jetzt genau dieser besondere Augenblick ist.

Seit ich den Tod nicht mehr fürchte, empfinde ich meine Lebensfreude intensiver als zuvor. Ich versuche, möglichst wenig Momente zu verschwenden mit unnötigem Ärger über Unveränderliches, und stattdessen so oft wie möglich aus dem Herzen heraus zu leben. Weniger denken, mehr fühlen. Im Alltäglichen das Besondere zu entdecken. Einfach lebendig zu sein im hier und jetzt, denn genau dieser Augenblick ist besonders und wird niemals wiederkehren. Deshalb verdient es dieser Augenblick – so wie jeder andere auch – gefeiert zu werden.

LEBE JETZT – wer weiß schon, was morgen sein wird.

LEBE, denn du wurdest geboren, um lebendig zu sein, deine Lebensfreude mit anderen zu teilen und dieser Welt eine Facette hinzuzufügen, die es ohne dich nicht gäbe.

LEBE in diesem besonderen Augenblick.

Bild: pixabay.com

Impulse für DEIN bewusstes Leben (Tageskongress)

Am 12. November darf ich als Speakerin beim Tageskongress „Impulse für DEIN bewusstes Leben“ einiges erzählen😊

Mein Thema lautet „Krisen überwinden“ und hier kommt ein kleiner Vorgeschmack:
https://www.youtube.com/watch?v=pJfrCwlwtwc
#bewussteneuewelt

Mehr zum Tageskongress und den Speaker*innen findest du hier

https://bewussteneuewelt.jetzt/impulse-fuer-dein-bewusstes-leben/

WIR Speaker*innen freuen uns auf DICH 💛

VON DER AUSSENSEITERIN ZUM ROLE MODEL

Diese vergangene Woche war ziemlich turbulent. Gleichzeitig sind spannende neue Ideen und Projekte entstanden. Eine echte Power-Woche. Ein Ereignis sticht für mich aus der Masse hervor. Oder besser gesagt: eine Aussage.

Vor einigen Tagen sprang ich für eine Kollegin ein, übernahm ihre Gruppe. Das Thema waren Zukunftsbranchen und die eigene (berufliche) Rolle in der Zukunft.

Ich muss hier festhalten, dass ich eine sehr leidenschaftliche Trainerin bin, gerne Schwellendidaktik betreibe und dabei eine Menge Spaß habe, mit dem, was aus einer Gruppe kommt, zu arbeiten. Wenn es dann noch um Zukunft und Entwicklung geht, bin ich in meinem Element, die Teilnehmenden zu motivieren, schlummernde Potenziale auszuloten, lang gehegte Träume aus der Schublade zu holen und auf Realisierbarkeit zu durchleuchten. An diesem Nachmittag fiel das Wort Role Model. Auch am darauffolgenden Tag meldete die Gruppe meiner Kollegin rück, ich wäre ein Role Model für sie.

Was bedeutet das, ein Role Model zu sein?

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, dann erinnere ich den ersten Tag eines Schuljahres. Wir bezogen eine neue Klasse. 18 Schüler*innen, eine gerade Anzahl. 10 Zweierbänke. Ich saß in Bank rechts vorne, gleich neben der Tür – und niemand wollte sich neben mich setzen. Auch nicht an den folgenden Tagen. Oder Jahren.

Ich war eine Außenseiterin, der man aus dem Weg ging.

Ich war anders. Nicht äußerlich, aber in meinem Verhalten. Im Fühlen. Die anderen konnten es sicherlich nicht bewusst benennen, aber sie spürten es – und verhielten sich entsprechend.

Viel Zeit ist seither vergangen.

Heute werde ich also als Role Model gesehen. Die Menschen, die mir diese Anerkennung zukommen ließen, wissen nicht, durch welche Krisen ich ging – aber sie scheinen zu spüren, dass da eine vor ihnen steht, die ganz genau weiß, wovon sie spricht. Keine leere Worthülsen. Wenn ich sage, dass in jedem ein Potenzial steckt, das entfaltet werden kann, dann ist das meine volle Überzeugung, geboren aus der Erfahrung, einst selbst eine ausgegrenzte Außenseiterin gewesen zu sein, die ihre Potenziale heute lebt.

Was bedeutet es für mich, als Role Model gesehen zu werden?

Es erfüllt mich mit Freude, mit Dankbarkeit, bringt mich zum Schmunzeln, weil ich mich überhaupt nicht besonders fühle. Anders, ja, eigenwillig mitunter. Aber nachahmenswert? Wenn es etwas gibt, dass man an mir nachahmen sollte, dann ist das meine konsequente Suche nach Lösungen sowie die Kreativität, die ich dabei an den Tag lege. Und vielleicht noch meinen Humor, über mich selbst lachen zu können, wenn’s mal nicht so klappen will, wie ich mir das vorgestellt habe.

Andere sehe mich als Role Model. Ich selbst sehe mich – nein, nicht länger als Außenseiterin – eher [nicht] ganz alltäglich.

Will ich ein Role Model sein?

Jein. Andere zu inspirieren, neue Wege und Lösungen für sich zu finden, ist eine starke Antriebsfeder in meiner Arbeit. ABER (absichtlich großgeschrieben) für mich liegt auch eine Herausforderung in dieser Role, zumindest wenn ich direkt mit Menschen zu tun habe. Diese Herausforderung hat 6 Buchstaben: GEDULD.

Ich habe meinen Weg gefunden, mit einigen Umwegen und Verirrungen zwar, aber dennoch bin ich angekommen – an einer Zwischenstation, denn mein besserwisserisches Ego ist noch sehr lebendig, neigt dazu, effizientere Wege zu erkennen als die betreffenden Personen für sich festlegen. Nicht einzugreifen (solange keine Gefahr droht), und Menschen ihre eigenen, fallweise umständlichen Lernschritte machen zu lassen, kann mitunter enervierend sein. Es ginge ja anders, aber ich übe mich in Geduld – manchmal etwas zähneknirschend und augenrollend.

Das Role Model hat noch einiges zu lernen – und das ist gut so 😉

Bild: pixabay.com

WENN DIE SEELE SCHREIT

Vor wenigen Tagen feierte ich meinen 5. Geburtstag als Lesley. Ein passender Anlass, ein wenig über das DAVOR zu reflektieren. Immerhin wandelt meine Person bereits seit über 5 Jahrzehnten über diesen Planeten.

Zu den intensivsten Erinnerungen aus der Zeit VOR Lesley gehört der allgegenwärtige Schmerz. Jahrlange spürte ich diffuse Schmerzen an und in meinem Körper. Mal hier, mal dort, ohne dass die Ärzte eine Ursache finden konnten. Aus meinem Umfeld musste ich mir so einiges dazu anhören. Ich wäre hypochondrisch, würde Drama spielen, solle nicht so empfindlich sein, anderen ginge es schlechter, immerhin fehle mir ja nichts …

Heute weiß, was wirklich mit mir los war.

Wenn die Seele schreit, ist das Schlimmste nicht der Schmerz selbst, oder dass er nicht zuordenbar ist, sondern die Ignoranz derer, von denen man Verständnis erwartet – oder gar Hilfe.

Es mag Menschen geben, deren Seele nie schreit. Oder die es nicht hören. Oder spüren. Bei manchen geht der Selbstschutz so weit, dass sie nichts an die Oberfläche des Bewusstseins durchlassen können. Aber es gibt auch die anderen, die spüren ohne Ende, die davon überrollt werden und Halt suchen, um sich selbst nicht vollends zu verlieren in dem emotionalen Strudel.

Wenn die Seele schreit, braucht es im ersten Ansatz weder Erklärungen noch Anleitungen, und schon gar keine Bewertungen, sondern zwei Arme, die sich öffnen, auffangen und halten. Eine Aufgabe, die oftmals nicht einfach gemacht wird von denen, deren Seele schreit, denn die haben meistens gelernt, niemand zu vertrauen, stoßen mitunter jene von sich, die helfen wollen.

Ähnlich der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war, gibt es auch hier keine Antwort darauf, wann wir als Menschen verkompliziert haben, Hilfe zu geben – oder sie anzunehmen.

Meine Seele schrie viele Jahre lang. Heute tut sie das nur noch ganz selten. Manchmal für einen kurzen Augenblick, wenn mein Fühlen in die Vergangenheit zurückfällt. Dann kehrt kurzzeitig eine Art von Schmerz zurück, die sich ganz anders anfühlt als ein gebrochener Zeh oder eine Migräne aufgrund von exzessivem Arbeiten am Bildschirm. Oder ein verdorbener Magen, Zahnschmerzen…

Der Schmerz der Seele ist anders. Da ich ihn weder bei mir noch meinen Leser:innen heraufbeschwören möchte, unterlasse ich an dieser Stelle eine detaillierte Schilderung. Ich denke, die meisten haben ihre eigene Erfahrung damit gemacht. Wichtiger ist mir, was meiner Seele Linderung verschaffte, um nicht zu sagen: Heilung. Das war und ist Lesley. Jene Identität, in der ich uneingeschränkt sein kann, wer ich bin. Keine Rolle. Lesley ist viel mehr. Die Gesamtheit meiner Persönlichkeit, alle meine Anteile, alles, was ich bin, je war und je sein werde.

Nach meiner Ansicht spiegelte der Schmerz in meiner Seele meine innere Zerrissenheit wider; die Selbstablehnung; meine (erfolglosen) Versuche, zu sein, wie andere mich haben wollten; meinen Verrat an mir selbst; Verantwortlichkeiten, die ich auf meine Schultern lud und die zu anderen Mitgliedern meiner Familie gehörten; Schuldgefühle, die ich übernahm, …

Meine Seele schrie – und es dauerte viele Jahre, bis ich ihre Stimme hörte, die Botschaft verstand, auf mich selbst zu achten begann.

Wie wäre wohl mein Lebensweg verlaufen, hätte mein Umfeld anders reagiert, hätte ich Hilfe bekommen? Darüber möchte ich nicht spekulieren, das wäre für mich Zeitverschwendung, weil es ist, wie es ist. ABER ich frage mich, ob und welchen Beitrag ich leisten kann, um in der Zukunft die Wege anderer zu erleichtern? Einer meiner Beiträge ist es, offen über meine Erfahrungen zu berichten. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Oder entdeckt für sich eine Antwort. Was der Seele Schmerzen bereitet, unterscheidet sich nicht sonderlich. Wir alle sind Menschen, berührbar, verwundbar.

Für diesen Blog habe ich einige Zeit nach einem passenden Bild gesucht. Suchbegriffe wie „Schrei“ oder „Schmerz“ führen zu Ergebnissen mit einer Menge Trigger-Potenzial. Deshalb entschied ich mich für ein Bild, das für mich einerseits Verwundbarkeit (einmal tief ausatmen genügt, um eine Kerzenflamme auszulöschen) als auch Geborgenheit (haltende Hände) vermittelt.

Bildquelle: pixabay.com

WENN DIE SEELE SCHREIT

Vor wenigen Tagen feierte ich meinen 5. Geburtstag als Lesley. Ein passender Anlass, ein wenig über das DAVOR zu reflektieren. Immerhin wandelt meine Person bereits seit über 5 Jahrzehnten über diesen Planeten.

Zu den intensivsten Erinnerungen aus der Zeit VOR Lesley gehört der allgegenwärtige Schmerz. Jahrlange spürte ich diffuse Schmerzen an und in meinem Körper. Mal hier, mal dort, ohne dass die Ärzte eine Ursache finden konnten. Aus meinem Umfeld musste ich mir so einiges dazu anhören. Ich wäre hypochondrisch, würde Drama spielen, solle nicht so empfindlich sein, anderen ginge es schlechter, immerhin fehle mir ja nichts …

Heute weiß, was wirklich mit mir los war.

Wenn die Seele schreit, ist das Schlimmste nicht der Schmerz selbst, oder dass er nicht zuordenbar ist, sondern die Ignoranz derer, von denen man Verständnis erwartet – oder gar Hilfe.

Es mag Menschen geben, deren Seele nie schreit. Oder die es nicht hören. Oder spüren. Bei manchen geht der Selbstschutz so weit, dass sie nichts an die Oberfläche des Bewusstseins durchlassen können. Aber es gibt auch die anderen, die spüren ohne Ende, die davon überrollt werden und Halt suchen, um sich selbst nicht vollends zu verlieren in dem emotionalen Strudel.

Wenn die Seele schreit, braucht es im ersten Ansatz weder Erklärungen noch Anleitungen, und schon gar keine Bewertungen, sondern zwei Arme, die sich öffnen, auffangen und halten. Eine Aufgabe, die oftmals nicht einfach gemacht wird von denen, deren Seele schreit, denn die haben meistens gelernt, niemand zu vertrauen, stoßen mitunter jene von sich, die helfen wollen.

Ähnlich der Frage, ob zuerst die Henne oder das Ei da war, gibt es auch hier keine Antwort darauf, wann wir als Menschen verkompliziert haben, Hilfe zu geben – oder sie anzunehmen.

Meine Seele schrie viele Jahre lang. Heute tut sie das nur noch ganz selten. Manchmal für einen kurzen Augenblick, wenn mein Fühlen in die Vergangenheit zurückfällt. Dann kehrt kurzzeitig eine Art von Schmerz zurück, die sich ganz anders anfühlt als ein gebrochener Zeh oder eine Migräne aufgrund von exzessivem Arbeiten am Bildschirm. Oder ein verdorbener Magen, Zahnschmerzen…

Der Schmerz der Seele ist anders. Da ich ihn weder bei mir noch meinen Leser:innen heraufbeschwören möchte, unterlasse ich an dieser Stelle eine detaillierte Schilderung. Ich denke, die meisten haben ihre eigene Erfahrung damit gemacht. Wichtiger ist mir, was meiner Seele Linderung verschaffte, um nicht zu sagen: Heilung. Das war und ist Lesley. Jene Identität, in der ich uneingeschränkt sein kann, wer ich bin. Keine Rolle. Lesley ist viel mehr. Die Gesamtheit meiner Persönlichkeit, alle meine Anteile, alles, was ich bin, je war und je sein werde.

Nach meiner Ansicht spiegelte der Schmerz in meiner Seele meine innere Zerrissenheit wider; die Selbstablehnung; meine (erfolglosen) Versuche, zu sein, wie andere mich haben wollten; meinen Verrat an mir selbst; Verantwortlichkeiten, die ich auf meine Schultern lud und die zu anderen Mitgliedern meiner Familie gehörten; Schuldgefühle, die ich übernahm, …

Meine Seele schrie – und es dauerte viele Jahre, bis ich ihre Stimme hörte, die Botschaft verstand, auf mich selbst zu achten begann.

Wie wäre wohl mein Lebensweg verlaufen, hätte mein Umfeld anders reagiert, hätte ich Hilfe bekommen? Darüber möchte ich nicht spekulieren, das wäre für mich Zeitverschwendung, weil es ist, wie es ist. ABER ich frage mich, ob und welchen Beitrag ich leisten kann, um in der Zukunft die Wege anderer zu erleichtern? Einer meiner Beiträge ist es, offen über meine Erfahrungen zu berichten. Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder. Oder entdeckt für sich eine Antwort. Was der Seele Schmerzen bereitet, unterscheidet sich nicht sonderlich. Wir alle sind Menschen, berührbar, verwundbar.

Für diesen Blog habe ich einige Zeit nach einem passenden Bild gesucht. Suchbegriffe wie „Schrei“ oder „Schmerz“ führen zu Ergebnissen mit einer Menge Trigger-Potenzial. Deshalb entschied ich mich für ein Bild, das für mich einerseits Verwundbarkeit (einmal tief ausatmen genügt, um eine Kerzenflamme auszulöschen) als auch Geborgenheit (haltende Hände) vermittelt.

Bildquelle: pixabay.com

EIN MAGISCHER AUGENBLICK

Das Leben liefert doch die wunderbarsten Geschichten. Diese hier hat sich vor wenigen Tagen zugetragen. Ich traf mich mit einer Bekannten, um über zukünftige, gemeinsame Projekte zu sprechen … und fand mich innerhalb von Minuten in einer veritablen Lebenskrise wieder. Zwar nicht meiner eigenen, nichtsdestotrotz mittendrin.

Ohne zu zögern, wechselte ich in die Rolle als Coach. Wenn jemand mir sein Herz ausschüttet und nicht weiterweiß, ist das fast schon ein Reflex bei mir. Ich beginne zu beobachten, sehr genau hinzuhören, mich einzufühlen. Menschen, die in Lebenskrisen stecken und von sich sagen, sie wüssten nicht weiter, wissen es – meiner Erfahrung nach – sehr wohl, nur eben nicht bewusst, sondern unbewusst. Sie schreien die Lösung gewissermaßen sogar aus sich heraus, ohne sie selbst hören zu können. Das Unterbewusstsein schickt die Botschaft an die Oberfläche, nur wenig eindeutig, schwer erkennbar, meist kryptisch. Doch wer zwischen den Zeilen liest, erkennt, was jener Mensch in diesem Augenblick braucht, um wieder Zuversicht und das Vertrauen in sich selbst zu gewinnen, um aus der Opferrolle auszusteigen und seine Möglichkeiten zu erkennen.

Es gibt immer Möglichkeiten!

Wir leben in einem dualen Universum. Wie bereits einige kluge Köpfe vor mir festgestellt haben: Ein Problem existiert nie getrennt von seiner Lösung. Die Herausforderung liegt daran, seinen Fokus vom Problem abzuwenden bzw. auszuweiten, um die Lösungen (und es sind stets mehrere) wahrnehmen zu können.

Zurück zu meinem ungeplanten Coaching.

Im Grunde tat ich nicht viel mehr, als jene subtilen, verschlüsselten Botschaften in eine verständliche Form zu bringen und sie zurückzuspielen. Wer das schon mal erlebt hat, kennt die Magie dieses besonderen Augenblicks, wenn in einem Gesicht voller Sorgenfalten, über das sich Schwere und der Schatten der Hoffnungslosigkeit gelegt hatte, plötzlich die Augen zu leuchten beginnen, der Schatten sich auflöst, eine gesunde Gesichtsfarbe zurückkehrt und sich Zuversicht in der Mimik wiederfindet. Wer ganz genau hinsieht, erkennt vielleicht sogar, dass die Wirbelsäule sich aufrichtet, die Schultern den Ballast abwerfen und die Füße kraftvoll nebeneinanderstehend diesen Menschen erden. Wer gut hinhört, wird Veränderung in der Tonlage bemerken, auch im Aufbau der Sätze. Empathisch verlangte spüren dann, dass etwas Wunderbares geschieht.

Ein wahrhaft magischer Moment, indem ich zutiefst dankbar bin, für meinen Dämon, der mir diese nuancierte Wahrnehmung – insbesondere der Emotionen meines Gegenübers – ermöglicht, und meinen Lehrmeister*innen, die mich darin unterrichteten, mit meiner Gabe gut umgehen zu können. Sehr genau zu beobachten, kann man lernen. Den anderen zu spüren, wohl auch, aber für mich als Borderlinerin galt es zu lernen, das auszuhalten, was ich spüre, es von meinen eigenen Emotionen zu unterscheiden, und mir bewusst zu sein, dass ich ebenso aussende. Und – um dem Ganzen ein Krönchen aufzusetzen – den Schmerz in mir in Lebensfreude zu transformieren, um authentisch meine Botschaft in die Welt zu tragen.

Als ich mich vor einigen Jahren aus dem Coaching zurückzog und aufs Schreiben von Geschichten konzentrierte, tat ich das auch, weil ich nicht in den Wettbewerb mit anderen Coaches treten wollen, die allesamt um Kundschaft buhlen und sich selbst in den schillerndsten Farben darstellen, was sie nicht alles wüssten und könnten und versprechen. Ein Schlachtfeld hochtrainierter Egos, auf dem ich mich partout nicht wiederfinden wollte. Das ist nichts für mich.

Seither coache ich nur, wenn sich meine Wege mit einem Menschen kreuzen, der in diesem Moment des Zusammentreffens auf der Suche ist und mich nach dem Weg fragt. Dann höre ich zu, beobachten, fühle mich ein, und übersetze, was ich wahrnehme. Manchmal werden daraus Geschichten, manchmal Gedichte, und hin und wieder leuchtende Augen, wenn dieser Mensch mir gegenübersitzt und erkennt, was längst schon da ist, in jenem magischen Augenblick, in dem ich der Spiegel sein darf, wenn eine Erkenntnis wie ein Tropfen die Oberfläche des Bewusstseins berührt und beginnt, ihre konzentrischen Kreise ins Leben zu senden …

Bild: pixabay.com

WORUM ES WIRKLICH GEHT IM LEBEN (1)

Da war er wieder, dieser Aha-Moment, der mir immer wieder irgendwo und irgendwann, wie aus dem Nichts begegnet. Diesmal war es eine Doku über die Welt im Jahr 1.000 n.Chr. Da wurde von Menschen berichtet, die aufbrachen, Neuland zu entdecken. Andere wollten ihr Wissen ausweiten und forschten in den unterschiedlichsten Gebieten. All die wesentlichen Dinge des Lebens … Interessanterweise – und das zieht sich durch die viele Dokus, die ich bereits gesehen habe – es findet sich darin kaum jemand, der aufbrach um ein besserer Mensch zu werden.

Keine Sorge, ich fange hier nicht an zu moralisieren. Der Terminus „besserer Mensch“ hat für mich nichts damit zu tun, wie oft ich eine gute Tat vollbringe, etwas an Hilfsorganisationen spende, die Welt rette oder allgemein „besser bin als andere“. Sich mit anderen zu vergleichen bedeutet in der Regel letztendlich nur, dass mindestens eine Person sich schlechter fühlt, weil unzureichend.

Mein Vergleich „besserer Mensch“ bezieht sich auf das, was ich war, als mir erstmalig bewusstwurde, dass ich es bin, die mein (Er)Leben der Realität verursacht, mit allem, was dazugehört. Es ist quasi die optimierte Version meines Ich. Wobei – hier gilt es Vorsicht walten zu lassen. Allzu oft werden dabei Ziele angestrebt, die nichts mehr mit einem selbst zu tun haben, sondern irgendwelche künstlichen Ideale verkörpern, die weder erreichbar noch im Alltag gesund sind – oder beides.

Mein besserer Mensch ist jene reife, ein- und weitsichtige Version, die erkennt, wenn das intrapersonelle Drama zum Einsatz anhebt und dieses nicht mehr zu Lasten anderer auslebt, sondern Wege gefunden hat, das innere Gleichgewicht zu wahren, selbst inmitten der Stürme des Lebens. Wir alle tragen in uns das Bedürfnis nach Anerkennung, Geborgenheit und Liebe. Situationsbezogen mal mehr, mal weniger stark ausgeprägt. Mitunter sogar gestillt. Bei einigen (vielen) wird jedoch aus dem (ungestillten) Bedürfnis eine (unstillbare) Bedürftigkeit. Ein Dauerzustand, der einem Fass ohne Boden gleicht. Egal, wie viel hineingegeben wird, es genügt nie.

Bedürftigkeit ist eine innere Haltung, die mit den Worten „ich brauche“ beginnt, und selten die Worte „danke für all das, was ich bekomme“ findet. Wer in emotionaler Bedürftigkeit feststeckt, kann niemals frei im Denken und Fühlen werden.

Mein besserer Mensch hat gelernt, sich selbst das Maß an Liebe, Anerkennung und Geborgenheit zu vermitteln, das es braucht, damit die Grundbedürfnisse gestillt sind und die Seele sich im Gleichgewicht befindet. Was darüber hinaus von anderen Menschen kommt, darf gerne als ein Verwöhnprogramm des Lebens genossen werden, aber es ist niemals die alleinige Quelle.

Vielleicht denkt sich nun jemand: „Was hat die denn geraucht? Das ist pure Illusion!“

Ist es das?

Mal abgesehen davon, dass ich nicht rauche – ist es wirklich illusorisch? Oder nur schwer vorstellbar, weil ungewohnt? Unpopulär? In den Dokus über die großen Entdeckungen der Menschheit wird gerne das berichtet, was wissenschaftlich anerkannt und belegbar ist. Selten geht’s um das Menschsein. Vielleicht ist das Thema zu nah an Religionen (an denen man sich ganz schnell die Finger verbrennen kann) oder Spiritualität (die vieles sein kann) angesiedelt? Für mich gehört es einfach dazu, wenn man sich selbst finden und den Sinn seines Lebens entdecken möchte.

Aber wer möchte das schon?

Immerhin besteht ein nicht unwesentliches Risiko, auf diesem Weg zu erkennen, einige (oder mehrere) Jahre seines Lebens Ziele verfolgt zu haben, die bei näherer Betrachtung als Lernaufgabe taugen, ohne je wirklich zu innerer Zufriedenheit geführt zu haben.

Meine „bessere Version“ ist ein erwachsenes Ich, dass über die Torheit meiner Vergangenheit schmunzeln kann, stets bestrebt ist, mich (mehr oder weniger erfolgreich) von weiteren Narreteien abzuhalten, dankbar die Gegenwart annimmt und neugierig nach vorne blickt. Mein Schatten ist mir vertraut und ein stummer Begleiter, doch fürs Licht habe ich mich entschieden und lasse mir davon meinen Weg (er)leuchten. Meine Bedürftigkeit opfere ich freiwillig und freudvoll all dem, das mit umfassender Eigenverantwortung einhergeht. Wenn mir jemand ein „du Arme!“ umhängen will, lehne ich dankend ab. Mein Reichtum ist krisen- und inflationssicher: es ist der Glaube, das Vertrauen und die Liebe zu mir selbst, zum Leben und was immer es bringen wird.

Ein besserer Mensch?

Wenn ich zurückdenke, wer ich einst war, wie ich dachte und fühlte … ich würde sagen: Ja, ich bin heute ein besserer Mensch als ich es damals war.

An diesen Punkt zu gelangen, darum geht’s doch im Leben, oder nicht?

Das heutige Bild wurde von mir aus einem fahrenden Zug aufgenommen und passt meiner Ansicht wunderbar, um das Leben abzubilden: Ständig in Bewegung 😉

Da oben 1950

Seit beinahe zwei Wochen geistert durch meinen Kopf, was ich heute hier schildern möchte. Ich habe mir bewusst Zeit genommen, mich selbst zu beobachten, zu hinterfragen, abzuwarten, ob es denn wirklich so ist, wie mein erster Eindruck mich vermuten ließ. Nun, kehren wir an den Anfang zurück …

Mitte September verbrachte ich – zum ersten Mal in meinem Leben – mehrere Tage auf einer Berghütte in 1.950 m Seehöhe. Ich bin häufig in den Bergen, aber ich blieb noch nie „oben“. Doch etwas in mir trieb mich seit Juni an, einen Aufenthalt im Naturfreundehaus in Bad Hofgastein zu planen. Meine innere Stimme drängte geradezu – und ich folgte.

„Da oben 1950“ erfasste mich eine in dieser Form selten erlebte tiefgehende Ruhe und Gelassenheit, die auch der stürmische Wind und rund 30 cm Neuschnee nicht erschüttern konnte. Ich war auf eine eigene Art und Weise „angekommen“.

So weit, so gut.

Diesen Bergeffekt kenne ich aus der Vergangenheit. Deshalb zieht es mich ja regelmäßig in die Berge, um zurück in die Ruhe zu finden – und nebenbei Gedichte zu schreiben. So entstand „Berggeflüster – s’Lebn spiarn“. In der Kraft und Stille der Bergwelt lauschte ich einer Stimme in mir, schrieb die Worte nieder und verpackte sie in ein ganz besonders Buch.

„Da drüben“ (im Flachland, wo ich lebe und arbeite) konnte ich weder die Ruhe fühlen noch diese spezielle Stimme hören. Bis zu meinem Aufenthalt „da oben 1950“. Seither ist einiges anders. Diese Veränderung war es, die ich in den vergangenen zwei Wochen an mir beobachtet habe. Diesmal hat mich die Ruhe begleitet und scheint sich als Dauergast in meinem Gefühlsleben einquartiert zu haben. Vielleicht entfaltete sich aber auch etwas, dass lange in mir geschlafen hatte.

Noch erstaunlicher ist meine verfeinerte Wahrnehmung. Das Flüstern der grauen Riesen dringt quer durch Österreich bis zu mir ins Flachland. Jene innere Stimme, die ich zuvor nur inmitten der Berge zu hören vermochte, spricht nun auch inmitten der Wiener U-Bahn zu mir, flüstert mir Gedicht zu, die mich zum Schmunzeln bringen, weil sie das Menschsein in einer Einfachheit und Klarheit reflektieren wie ein Bergsee an einem windstillen Tag.

So wunderbar diese Entwicklung ist, sie hat auch eine Kehrseite. Auch meine Wahrnehmung dessen, was rund um mich ist, hat sich verfeinert. Als hätte die Zeit „da oben“, die klare Bergluft, verstopfte Rohrleitungen durchgeputzt. Gut für die Intuition, herausfordernd für den Alltag.

Ein Beispiel: meine Mutter hat den ganzen Sommer über geklagt, ihr Kater käme oft tagelang nicht. Sie suchte ihn überall, rechnete im Schlimmsten. Alles war schrecklich. Dann kam der Kater hin und wieder. Wiederum war alles schrecklich, weil er nicht blieb. Mittlerweile (es wird kühler draußen) ist der Kater den ganzen Tag über da und will nicht mehr raus. Nun klagt sie darüber. Was auch immer geschieht, es ist nicht in Ordnung und ein Grund zu klagen. Nicht nur in Bezug auf den Kater, sondern auf die Gesamtheit des Lebens. Seit „da oben 1950“ ist das ständige Klagen samt dazugehöriger Emotionen für mich (trotz der inneren Ruhe) noch sinnbefreiter als früher – um noch zu sagen: ein erschreckendes Spiegelbild dessen, was unter der Oberfläche in meiner Mutter wirkt. Ist da wirklich nur Schmerz? Unzufriedenheit, egal, was kommt? Keine Lebensfreude? Ich kann jedenfalls keine wahrnehmen, trotz meiner sensiblen Antennen.

Meine innere Stimme signalisiert: „Lauf weg, so schnell du kannst!“

Mein Gewissen erwidert: „Das tut eine brave Tochter nicht.“

Mein Verstand fragt: „Was ist deine Verantwortung dabei?“

Mein Herz antwortet: „Auf mich selbst gut zu achten, damit ich in meiner Kraft und meiner Liebe bleibe, denn nur dann kann ich auch für andere da sein.“

So bin ich also an einem Punkt in meinem Leben gelandet, an dem ich mich mehr denn je spüre, und das, was in mir ist, auf wunderbare Weise zum Ausdruck bringen kann. Gleichzeitig ist mir mehr denn je bewusst, wie anders (als meine Mutter) ich heute bin, was mir nicht gut tut und was ich in meinem Leben haben möchte. Welche Konsequenzen ich daraus ziehe, dass diskutiert meine innere Stimme noch mit meinem Gewissen. Letztendlich werde ICH eine Lösung finden, der auch mein Herz und mein Verstand zustimmen können.

Eine schlafende Facette meines Wesens hat sich entfaltet, „da oben 1950“. Daraus resultieren Veränderungen in meinem Leben, die ich derzeit vermutlich nur im Ansatz erahnen kann.

Wer annimmt, die Reise zu sich selbst (Selbstfindung) führt stets dazu, dass alles rundum besser oder harmonischer wird, irrt sich. Häufig erkennt man auf diesem Weg, was nicht zu einem selbst passt und wovon man sich verabschieden sollte. Oder zumindest eine andere Herangehensweise entwickeln darf, damit es bleiben kann. Ich gehe soweit zu sagen:

„Wer sich selbst finden will, muss alles andere loslassen. Manches wird zurückkehren, anderes nicht. Was bleibt, tut dies aus freien Stücken, und nicht, weil es festgehalten (und erdrückt) wird.“

„Da oben“ blickte ich in einen stillen Bergsee wie in einen Spiegel und sah etwas in mir, das nun seinen Weg in diese Welt findet.

Bild: Spiegelsee / Fulseck

… und dies sind die Worte der grauen Riesen:

Lebenswert 1950

Waunn is a Lebn lebenswert?
Waunnst ois im Übafluss host,
vüh mehr oisd braugst?
Waunn ois umadum perfekt is,
nix mehr stährt?
Waunn hint und vurn nix zwickt,
du Energie host ohne End?
Oda waunnst d’Augn aufmogst und woasst,
s’Lebn hot da an neichn Tog gschenkt.
Host vielleicht net ois,
is kaum wos perfekt,
zwickn tuat’s ah,
oba du lebst,
kaunnst wos draus mochn aus dem,
des do is.
Kaunnst aun an triabn Tog a Lächeln in’d Wölt ausse schicken,
jemand a Freid schenken,
aus oan einsaumen Herz a seeligs mochn,
muasst oft gar nit vüh dafiar tuan.
Meist genügt’s, waunnst do bist
und dir bewusst is, wia bsondas
und unwiedabringlich jeda Moment is,
daunn wird a s’Lebn gaunz von alloan lebenswert.

© Lesley B. Strong 2022

LEBENSSINN

„Wer einen Sinn in seinem Leben sieht, findet Wege.“

Dieser Satz begegnete mir heute. Auf unnachahmliche Weise bildet er die Essenz dessen ab, was mir seit längerem durch den Kopf geistert, was ich im Alltag rund um mich beobachte, was ich tief in mir fühle. Gleichzeitig ist er eine verkürzte Version eines Zitates von Viktor Frankl:

„Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.“

Wer Viktor Frankl nicht kennt, sollte sich die Zeit nehmen, ein wenig zu recherchieren. Z.B. hier https://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Frankl

Mich beeindruckten seine Bücher nachhaltig. Was er durchlebt hat, kann ich mir nicht ansatzweise vorstellen, doch sein Werk vermittelt mir eine Ahnung, welch faszinierende Persönlichkeit er war.

Heute, am 10. September 2022, ist der Welttag der Suizidprävention.  

Für Frankl war die Sinnfrage von zentraler Bedeutung in der Suizidprävention. Bereits in den 1920-1930er Jahren befasste er sich damit.

Heute, beinahe 100 Jahre später, ist die Welt eine gänzlich andere, doch noch immer geraten Menschen in Situationen, in der sie keinen anderen Ausweg mehr sehen als den finalen. All der technische Fortschritt, die sozialen Entwicklungen, die gesellschaftlichen Veränderungen – all das hat nichts daran geändert, dass Menschen am Leben verzweifeln. Mehr denn je, wenn man in Statistiken und Berichten zu Suizid nachliest.

Auch ich war in meinem Leben mehrfach an einem Punkt, an dem ich nicht mehr weiterwusste, an dem der Schmerz unerträglich wurde, spielte mit dem Gedanken „es möge endlich vorüber sein“, doch da war stets auch etwas, dass mich weitermachen ließ. Kein klar formulierter Gedanke, mehr ein Gefühl:

„Ich bringe Licht in meine Welt.“

Dies ist mein persönlicher Lebenssinn. Humorvoll ergänzt: nein, ich bin weder eine Glühbirne noch ein Kraftwerk. „Licht“ bezieht sich auf das Erhellen von Unbewusstem, im Dunkel liegendem. Auf den Blick hinter den Spiegel, unter die Oberfläche, zwischen die Zeilen … Die Fähigkeit dafür wurde mir in die Wiege gelegt, die Umsetzung gibt meinem Leben seinen Sinn. Wenn ich meine Notizhefte aus meiner Jugend aufschlage, entdecke ich darin bereits jene tiefsinnigen Reflexionen, die heute für mich typisch sind. Es brauchte allerdings seine Zeit, meinen Lebenssinn als solchen zu erkennen. Und noch mehr Zeit, um ihn in meine Handlungen zu integrieren. Seit ich diesen Schritt vollzogen habe, sind Depressionen eine sehr selten auftretende, zeitlich rasch vorüberziehende Randerscheinung in meinem Leben geworden. Der Gedanke an Suizid ist vollständig verschwunden. Und ich finde Wege, für all die Herausforderungen, die mir begegnen.

Wie viele Menschen laufen herum, ohne für sich eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu finden? Verlieren an Zuversicht, sehen keine Wege mehr?

Zu viele.

Vielleicht wirkt es in unserer modernen, digitalen Welt ein wenig antiquiert, über den Sinn des Lebens nachzudenken. Inmitten all des Wohlstandes (den wir immer noch haben) innezuhalten, die Ablenkungen beiseite zu schieben, und sich dem Wesentlichen zuzuwenden. Der Sinn des (eigenen) Lebens lässt sich vermutlich in den seltensten Fällen mit „42“ beantworten (bitte gerne nachlesen bei „Per Anhalter durch die Galaxis“), doch in ihm schlummert jene Kraft, die uns Schwierigkeiten überwinden und Krisen meistern hilft.

Frankl sagte auch: „Sinn muss gefunden werden, kann nicht erzeugt werden.“

Viele Jahre meines Lebens war ich eine Suchende, bis ich fand (den Sinn meines Lebens). Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen manche ermuntern, sich auf die Suche zu machen (in sich selbst) nach dem Sinn des Lebens. Vielleicht führt dies zu manch erhellenden Erkenntnissen im Sinne von „es werde Licht“ 😉

Es ist an der Zeit, in unserer Gesellschaft offen und wertschätzend über essentielle menschliche Themen zu diskutieren. Eines davon ist der Lebenssinn. Ein anderes, wenn man an einen Punkt angelangt ist, an dem es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt.

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NIEMALS UNTERSCHÄTZEN

Zur Zeit bereite ich eine für mich ganz besondere, wichtige Reise vor, die am 11. September 2022 starten wird. Innerhalb von einer Woche werde ich an drei unterschiedlichen Orten Buchpräsentationen und Lesungen veranstalten. Im Mittelpunkt steht „Berggeflüster“, aber auch anderes findet sich im Programm. Ur cool. Mein Autorinnen-Herz übt sich bereits im Purzelbaumschlagen.

Im Rahmen des jeweiligen Events werden auch unterschiedliche Personen mit mir über die Hintergründe des Charity-Buchprojektes plaudern, sowie allgemein über mein Schaffen als Autorin und Bloggerin. Wieder einmal wird das Thema Borderline zur Sprache kommen. Wieder einmal hinterfrage ich mich selbst, ob und wie ich meine Botschaft am besten rüberbringe. Denn eines ist klar: die Menschen im Publikum erleben MICH. Eine, die relativ locker und reflektiert über das Thema spricht, ohne Scheu oder Scham. Eine, die mit beiden Beinen fest im Leben steht, beruflich erfolgreich, künstlerisch ambitioniert und definitiv ihren eigenen Weg beschreitend, voller Lebensfreude und Selbstliebe. Eine typische Borderlinerin?

Das ist der Punkt!

Welches Bild zum Thema Borderline vermittle ich durch mein Auftreten dem zumeist wenig informiertem Publikum?

„Ach, das kann ja nicht so schlimm sein mit Borderline. Wenn ich mir anschaue, was die da alles macht und wie taff sie unterwegs ist.“

Nichts liegt mir ferner, als das Thema zu verharmlosen, denn Borderline ist alles andere als eine „harmlose Kinderkrankheit“ oder ein „vorübergehendes Tief“. Aber natürlich besteht dieses Risiko der Unterschätzung, deshalb bereite ich mich auch darauf vor, einige sehr klare Worte zu finden:

Wer mich heute trifft, erlebt eine taffe, selbstbewusste, erfolgreiche und reflektierte, äußerst lebendige Frau, die ihren Weg im Leben geht. Das war nicht immer so. Viele Jahre meines Lebens war meine Welt gänzlich anders, dominiert von mangelndem Selbstwertgefühl, fehlender Selbstliebe, Depressionen, Schmerz, Traumatisierungen und Retraumatisierungen. Geprägt von zahllosen Momenten, in denen der nächste Atemzug unmöglich schien, durchgeschüttelt von Panikattacken, beinahe erstickt an all dem Unterdrückten in mir, manchmal dem Tod näher als dem Leben, ständig unter Strom, Hochspannung, Druck. Nie entspannt. Grenzlose, kaum zu ertragende Emotionen, und dann – gleich dem Auge eines Hurrikans – die absolute Leere, emotionales Vakuum, nichts mehr fühlen, bis zum nächsten Vulkanausbruch. Ein Wechselspiel von Höhenflügen, erkämpft durch rücksichtslose Selbstausbeutung, und physisch-psychischen Zusammenbrüchen. Mehrfach ausgebrannt. Treffe ich heute Menschen, die Richtung Burnout steuern, schrillen in mir sämtliche Alarmglocken, denn es fühlt sich wie ein Echo meiner Vergangenheit an, eine mahnende Stimme in der Dunkelheit. Wenn ich die Flyer von Gewaltberatungsstellen sehe, krampft es mich zusammen, denn was dort unter „psychischer Gewalt“ beschrieben wird, hat viel zu lange mein Leben bestimmt, ohne dass ich dagegen aufbegehrte, weil ich es nicht anders kannte, aber auch, weil die Angst vor dem Verlassenwerden schlimmer war als die Demütigungen und was mir sonst noch zugefügt wurde. Selbstverletzung hat viele Formen, auch die, sich nicht zu schützen vor dem, was einem durch andere angetan wird. Ich könnte diese Aufzählung noch einige Zeit weiterführen, oder es nun hier auf den Punkt bringen. Borderline hat viele Facetten, doch eines ist es mit Sicherheit nicht: harmlos.

Es war und ist eine bewusste Entscheidung, meine Erfahrungen als Borderlinerin offen mit anderen zu teilen. Mein Ziel dabei ist es, Sichtweisen zu verändern, Respekt und Verständnis für Betroffene in deren Umfeld zu erwirken, Hoffnung und Inspiration an Betroffene zu vermitteln.

ABER weder verharmlose ich die Herausforderung Borderline, noch stimme ich der Opferrolle zu. Wenn die Umstände des Lebens dazu geführt haben, dass ein Mensch sich in der Borderline-Thematik wiederfindet, dann mögen andere daran beteiligt gewesen sein, doch das ist kein Grund, in der Opferrolle zu verharren. Es gibt Auswege, wenngleich sich hier die Betroffene häufig selbst blockieren. Wie ich selbst erlebt habe, konnte ich meinen Ausweg erst beschreiten, nachdem ich es mir selbst wert war, ein gesundes, glückliches Leben zu führen.

Apropos Ausweg aus Borderline: Viele Betroffene suchen nach einer Art Ausstiegstür, wie sie aus dem Chaos entkommen und in ein normales Leben gelangen können. Für mich gab es keine Tür nach außen. Meine Tür ging nach innen auf. Ich musste zuerst mich selbst entdecken, um in all dem Chaos in mir die Zusammenhänge (oder die verborgene Ordnung) zu erkennen, um ICH zu werden und daraus jene Strategien zu entwickeln, die mich in meiner Mitte halten.  

All das werde ich bei den Events zur Sprache bringen, denn um Verständnis zu erwirken, müssen Menschen das Thema verstehen – und keinesfalls dürfen sie es unterschätzen.

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ICH LEBE

Vor wenigen Tagen traf ich im Stiegenhaus unserer Zentrale zufällig auf eine junge Kollegin, die erst kürzlich aus ihrem Urlaub an der Elfenbeinküste zurückgekommen ist und seither an einer Art Kulturschock laboriert. Eine dritte Kollegin, die vor vielen Jahren nach Wien kam und seither hier lebt, schloss sich uns an. Innerhalb von Minuten brachten wir es auf den Punkt:

Wir sind von Zombies umzingelt!

Ein Hotspot: die U-Bahn.

Niemand lächelt oder blickt gar einem anderen in die Augen. Alles wirkt irgendwie grau, und das ist nicht die Betonwänden rundum geschuldet. Es mangelt an Lebendigkeit, Lebensfreude, Leuchten in den Augen, denn ein Lächeln wäre nur auf diese Weise erkennbar dank der FFP2-Masken. Trotzdem.

Viele tragen Kopfhörer oder haben Stöpsel in den Ohren, aber kaum jemand lässt sich vom Rhythmus der Musik anstecken. Die Körper sind starr, die Blicke leer.

Was um alles in der Welt ist los mit den Menschen?

Ja, es gibt eine Menge Probleme auf diesem Planeten, die meisten davon ungelöst.

Ja, es gibt Konzerne, die sich unter Bezug auf die aktuelle Weltsituation schamlos an denen bereichern, die sich nicht wehren können.

Ja, es gibt Erfreulicheres als bei über 30 Grad Außentemperatur mit einer FFP2 durch die Gegend zu laufen.

ABER … verdammt nochmal, wir leben!

Bei allem, was da sonst noch ist, das wesentliche und für mich einzig wichtig ist: ICH LEBE!

Ich kann mein Leben in manchen Bereichen mehr, in anderen weniger gestalten, aber ICH LEBE!

Manche Tage laufen besser, andere schlechter, aber ICH LEBE!

Solange ich lebe, kann und will ich dieses Leben zelebrieren, mich lebendig fühlen, Lebensfreude ausstrahlen, dankbar sein für jeden Augenblick, den ich erleben darf, für jeden Atemzug, der mich durchströmt, für jeden Sonnenstrahl, der mich wärmt.

Niemand von uns weiß, wieviel Zeit einem bleibt. Die Zukunft ist ein Lotteriespiel, die Vergangenheit ein staubiges Archiv. Leben findet in der Gegenwart statt. Hier und Jetzt. Wann, wenn nicht jetzt?

Wir haben im Leben stets die Wahl, uns von den Umständen bestimmen zu lassen oder ihnen mit Gelassenheit, Zuversicht und ein wenig Humor zu begegnen. Ersteres funktioniert ganz von selbst. Letzteres stellt zumeist eine größere Herausforderung dar, aber wer behauptet, das Leben wäre ein Spaziergang?

Die Umstände können uns alles nehmen, nur eines nicht. Das verlieren wir erst, wenn wir es selbst aufgeben: unsere Lebendigkeit.

Ich bin weder bereit, meine Lebendigkeit aufzugeben noch mir meine Lebensfreude durch die Umstände nehmen zu lassen. ICH LEBE in jedem Atemzug, mit jedem Herzschlag, im Hier und Jetzt, leuchte von innen heraus. Vielleicht meiden sie mich deshalb, die Zombies, wenn ich auf dem Bahnsteig tanze und meine Lebensfreude ansteckend wirken könnte.  😉

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