Beim Aufräumen am Wochenende fand ich einen Beitrag wieder, den ich im Juli nicht gepostet hatte. Warum auch immer … heute hole ich dies nach.
Das vergangene Wochenende verbrachte ich überwiegend in
einem Lese-Marathon. 612 Buchseiten in 3 Tagen, allerdings nicht zum reinen
Lesegenuss, sondern um die verbliebenen, sich hartnäckig versteckenden Fehler
im Probedruck von JAN/A zu finden.
Seit dem Zeitpunkt des Schreibens waren doch schon mehrere
Monate vergangen, so dass einiges zwar vertraut, aber dennoch irgendwie anders
auf mich wirkte. Wie z.B. der letzte Absatz im Nachwort:
„Jeder Mensch, ganz
gleich ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des Lebens man eben
darstellt, wir alle sehnen uns nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung. Darum
dreht sich letztendlich alles im Leben, jede Handlung, jede Motivation lässt
sich darauf zurückführen. Finden wir Liebe, Geborgenheit und Anerkennung in uns
bzw. in unserem Umfeld, verweilen wir in der Umarmung des Lebens, in tiefer
Verbundenheit mit allem rund um uns und in dem Bewusstsein, das alles genau
richtig ist, in diesem Augenblick des Lebens.“
Dies brachte mich wieder einmal zum Nachdenken, bzw.
förderte eine alt bekannte Ambivalenz zu Tage: Einerseits schreibe ich über
Borderline und bekenne mich auch dazu, Borderlinerin zu sein. Anderseits mag
ich die Klassifizierung in Borderliner und Nicht-Borderliner überhaupt nicht. Wir
sind doch bitte alles Menschen mit denselben grundlegenden Bedürfnissen nach
Essen, Trinken und Schlaf. Und darüber hinaus – und nicht weniger existenziell
aus meiner Sicht – die Bedürfnisse nach Liebe, Geborgenheit und Anerkennung.
Während ich also gerade über meinen inneren Zwiespalt
grüble, entdecke ich einen Beitrag meiner lieben Autoren-Kollegin Franziska
Neidt:
„KOMMUNIKATION heißt HIER DAS ZAUBERWORT!
„Borderliner“ sind keine Unmenschen. Im Gegenteil. Die wenigsten Menschen wissen, dass Borderline-Betroffene zum größten Teil sehr hochsensible Menschen sind. Ihre Wahrnehmung, ihre Gefühle sind so stark ausgeprägt, dass dies oft sogar zur Belastung werden kann. Sie spüren Dinge und nehmen Kleinigkeiten wahr, die andere Menschen erst viel später erkennen und spüren.“ (Quelle: Klang der Seele – Mein Leben mit Borderline; von Franziska Neidt)
Ihre Worte bestätigen, was ich in den vergangenen Wochen
selbst (wieder-)entdeckt habe: meine eigene Hochsensibilität. Mit Borderline
wird mit nicht geboren, es entsteht später. Wodurch? Darüber diskutieren die
Experten noch, aber was auch immer sie irgendwann vielleicht herausfinden
werden, ich für meinen Teil habe meine Antwort gefunden: auf ein traumatisches
frühkindliches Erlebnis folgte ein krasser Mangel an Geborgenheitsgefühl. Dazu
eine überbordende Emotionalität aufgrund meiner Hochsensibilität. Für das
Umfeld „schwierige“ Verhaltensmuster, Bestrafung als Erziehungsmaßnahme, Druck,
Übergriffe … Eins kam zum anderen, auf jede Aktion eine Reaktion und irgendwann
war’s dann soweit und ich trug das Etikett „Borderline“.
Dieser Entstehungsprozess dauerte Jahre, und vielleicht wäre
es möglich gewesen – bei entsprechender Hilfestellung – zwischendurch
auszusteigen, den Prozess zu stoppen oder gar umzukehren. Wer weiß? Ich weiß
heute jedenfalls eines mit Sicherheit, nämlich dass sowohl in der Entstehungs-
als auch späteren Bestandsphase es immer einen Mangel an den „Big 3“: Liebe,
Geborgenheit und Anerkennung gab bzw. mein Unvermögen, selbige wahrzunehmen.
Nachdem ich gelernt hatte, die „Big 3“ in mir selbst zu finden, wurde ich von
meinem Umfeld unabhängiger und mein Leben bewegte sich Richtung „Normalität“
(was auch immer das bedeuten mag).
Meine über Jahrzehnte gewaltsam (gegen mich selbst)
unterdrückte Hochsensibilität ist noch immer (oder wieder) gelebter Teil meiner
Persönlichkeit. Bewusster Umgang mit ihr hält mich in Balance und entzieht
Borderline-Episoden den emotionalen Zündstoff. ABER (und hier wirklich ein
großes ABER) sie macht es auch anstrengend, die Ellbogenmentalität unserer Zeit
und Gesellschaft auszuhalten. Ignoranz, Intoleranz, Rücksichtslosigkeit … all
das zerrt an meiner inneren Balance. Und wenn ich mich umsehe, dann geht’s
nicht nur mir so. Egal, ob Borderliner oder nicht, oder welche Varietät des
Lebens man eben darstellt, wir alle sehen uns nach Liebe, Geborgenheit und
Anerkennung. Hatten wir das nicht schon mal?
Eine philosophisch-romantische Spekulation: Was auch immer
auf deinem Etikett steht, vielleicht ließe es sich mit viel Liebe, Geborgenheit
und Anerkennung verändern? Nicht für die Welt. Unser Wahn nach Zuordenbarkeit
und Katalogisierung treibt uns dazu, alles und jedem ein Etikett verpassen zu
wollen, Normen für alles möglich festzulegen, zu bestimmen, wie viel
Emotionalität normal und was zu viel ist. Diesem Drang (oder Zwang) nach
Zuschreibung werden wir uns wohl nicht mehr entziehen können, ABER für dich
selbst … grenzenlos im Ausmaß und bedingungslos im Gewähren: Liebe,
Geborgenheit und Anerkennung, eine unerschöpfliche Ressource in dir selbst. Was
wäre anders? Welches Etikett würdest du tragen?
Auf meinem Etikett steht: Lesley